[Freiheitsliebe:] Der Staat duldet es nicht, wenn er in Frage gestellt wird – Im Gespräch dem katalanischen politischen Gefangenen Jordi Cuixart

Mit Jor­di Cuix­art, Prä­si­den­ten von Omni­um Cutu­ral, der größ­ten Orga­ni­sa­ti­on in Kata­lo­ni­en, die die Unab­hän­gig­keit for­dert, führ­te David Kar­va­la von der Orga­ni­sa­ti­on Mar​x21​.net fol­gen­des Gespräch. Das Gespräch fand gera­de zur Zeit statt, als das Obers­te Gericht Spa­ni­ens Cuix­art zurück ins Gefäng­nis schick­te, nach einer kur­zen Zeit auf Bewäh­rung in sei­ner neun­jäh­ri­gen Haft­stra­fe, weil er fried­li­che Pro­tes­te orga­ni­siert und das Recht Kata­lo­ni­ens ver­tei­digt hat­te, über sei­ne Zukunft zu ent­schei­den.

David Kar­va­la: Sie sind seit mehr als zwei­ein­halb Jah­ren ein poli­ti­scher Gefan­ge­ner. Wie kom­men sie damit zurecht?

Jor­di Cuix­art: Wenn man poli­ti­scher Gefan­ge­ner wird, wird das Gefäng­nis zur Platt­form des Kamp­fes. Und der Kampf um die Frei­heit ist ein Pri­vi­leg, weil man weiß, dass man für eine kol­lek­ti­ve Sache steht, und weil frü­her im Lau­fe der Geschich­te, Tau­sen­de von Män­nern und Frau­en das glei­che getan haben – und das unter weit schlim­me­ren Bedin­gun­gen als die unse­ren.

Man fühlt sich mit Beschei­den­heit win­zi­ger Teil einer end­lo­sen Ket­te von Men­schen, die so viel mehr als man selbst gemacht haben, aber gleich­zei­tig fühlt man sich als Teil davon.

Hen­ry Tho­reau sag­te, „Unter einer Regie­rung, die jeman­den zu Unrecht inhaf­tiert, ist der rich­ti­ge Ort für einen gerech­ten Men­schen auch ein Gefäng­nis.“

Und ich bin dort, weil ich die Men­schen­rech­te aus­ge­übt habe, wie die Rede­frei­heit oder das Recht auf Pro­test, die jetzt in Spa­ni­en ver­folgt und ver­ur­teilt wer­den. Und ich habe immer auf der Grund­la­ge des gewalt­lo­sen Kamp­fes und des zivi­len Unge­hor­sams gehan­delt.

Im Okto­ber 2017, am ers­ten Tag als mei­ne Part­ne­rin und mei­ne Schwes­tern mich im Gefäng­nis Soto del Real besuch­ten, sag­te ich ihnen, dass sie sich auf eine Haft­stra­fe von zehn Jah­ren vor­be­rei­ten soll­ten. Die neun­jäh­ri­ge Haft­stra­fe war kei­ne Über­ra­schung, denn wir wuss­ten bereits, dass wir beim Obers­ten Gerichts­hof vor einem poli­ti­schen Pro­zess gegen den poli­ti­schen Dis­sens ste­hen wür­den, den die Bewe­gung für Selbst­be­stim­mung in Kata­lo­ni­en ver­tritt. Das Ziel war, ein öffent­li­ches Exem­pel aus uns zu machen.

Es war ein Staats­pro­zess auf der Grund­la­ge des Straf­rechts des Fein­des, wie wir es in Län­dern wie der Tür­kei gewohnt sind.

Des­halb kla­gen wir die­sen Staat an, anstatt uns für ein Ver­bre­chen zu ver­tei­di­gen, das wir nicht began­gen haben – die Staats­an­walt­schaft und der Staats­an­walt prä­sen­tier­ten den Vor­wurf der Rebel­li­on neben Anwäl­ten, die die „Volks­an­walt­schaft“ der rechts­ex­tre­men Par­tei VOX ver­tra­ten.

David Kar­va­la: Wel­che Leh­ren zie­hen Sie aus der Erfah­rung des Volks­ent­scheids und des geschei­ter­ten Ver­suchs, die Repu­blik im Okto­ber 2017 zu erklä­ren?

Jor­di Cuix­art: Ich bin Prä­si­dent von Omni­um Cul­tu­ral, der größ­ten bür­ger­lich-kul­tu­rel­len Ein­rich­tung im spa­ni­schen Staat, mit 185.000 Mit­glie­dern und einer 60-jäh­ri­gen Geschich­te. Und als Teil der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, übten wir unser Recht auf Pro­test gegen die Kräf­te des Staa­tes in einer Demons­tra­ti­on gegen die Rich­ter­schaft am 20. Sep­tem­ber 2017. Und wir übten auch unse­re Mei­nungs­frei­heit, um die Teil­nah­me der Bür­ger am Volks­ent­scheid über Selbst­be­stim­mung, den die kata­la­ni­sche Regie­rung eini­ge Tage spä­ter orga­ni­sier­te, zu för­dern und zu for­dern.

Wir ver­tei­dig­ten nach wie vor die Legi­ti­mi­tät des zivi­len Mas­sen­un­ge­hor­sams, der von mehr als zwei Mil­lio­nen Bür­gern aus­ge­übt wur­de. Mit den eige­nen Kör­pern ver­tei­dig­ten sie die Wahl­ur­nen und die Stimm­zet­tel, die vom Staat ver­bo­ten wur­den, einem Staat, der dafür ver­ant­wort­lich ist, dass 1.000 Men­schen durch die Bru­ta­li­tät der Poli­zei ver­letzt wur­den.

Der Staat dul­det es nicht, wenn er in Fra­ge gestellt wird, auch nicht durch die eige­nen Mecha­nis­men. Wir betrach­ten, dass er gegen Tau­sen­de von Bür­gern, die sag­ten, dass es reicht, mit Gewalt han­del­te, sowohl durch die Ein­rich­tun­gen und auf den Stra­ßen durch die Poli­zei.

Eine der Leh­ren, die wir gezo­gen haben, ist, dass der Staat kei­ne Gren­zen kennt, wenn es dar­um geht, die Macht – ein­schließ­lich der Macht der Mon­ar­chie – über die Bür­ger zu erhal­ten.

Obwohl wir gro­ße Unter­stüt­zung aus ande­ren Tei­len des spa­ni­schen Staats bekom­men haben, haben die Mäch­te des Staa­tes und das gan­ze Sys­tem der Medi­en, die sich um jeden Preis für die Auf­recht­erhal­tung der poli­ti­schen Ein­heit Spa­ni­ens ein­set­zen, dazu bei­getra­gen, einen sehr bedeu­ten­den Teil der Bevöl­ke­rung zu betäu­ben.

Die Repres­si­on ist eine Tat­sa­che. Aber weder Gefäng­nis noch Exil kön­nen unse­re legi­ti­men Bestre­bun­gen ein­schrän­ken, die grund­le­gen­den Men­schen­rech­te zu ver­tei­di­gen oder das Recht auf Selbst­be­stim­mung aus­zu­üben und, falls eine Mehr­heit dies wünscht, die Kata­la­ni­sche Repu­blik auf­zu­bau­en.

Die­ses Recht wird seit lan­gem ver­tei­digt, von Marx und Lenin – „Kei­ne Nati­on kann frei sein, wenn sie ande­re Natio­nen unter­drückt“ – bis zum Nobel­preis­trä­ger Woo­d­row Wil­son.

Der gewalt­lo­se Kampf und der zivi­le Unge­hor­sam gehö­ren zu den bes­ten Werk­zeu­gen, die die Men­schen haben, um unge­rech­te Situa­tio­nen zu ver­än­dern.

David Kar­va­la: Die aktu­el­le spa­ni­sche Regie­rung, die Koali­ti­on aus der Sozia­lis­ti­schen Par­tei und Pode­mos, wird als die „fort­schritt­lichs­te in der Geschich­te” bezeich­net. Wie bewer­ten Sie ihre Bilanz in Bezug auf den kata­la­ni­schen Kampf?

Jor­di Cuix­art: Die Empö­rung der kata­la­ni­schen Gesell­schaft ist in die­sen Tagen noch grö­ßer, nach­dem sie gese­hen hat, wie die Regie­rung Pedro Sán­chez gera­de dem ehe­ma­li­gen König Juan Car­los I. die Flucht ermög­lich­te, als die Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe unhalt­bar wur­den. Sie stimm­ten die­ser Flucht mit sei­nem Sohn, König Feli­pe VI., heim­lich zu.

Wir haben immer die Unter­stüt­zung von Pode­mos für die kata­la­ni­schen poli­ti­schen Gefan­ge­nen und ihre Ver­tei­di­gung des Selbst­be­stim­mungs­rechts Kata­lo­ni­ens geschätzt. Sie hat dar­auf bestan­den, dass Unter­drü­ckung nie zur Lösung eines poli­ti­schen Kon­flikts füh­ren wird.

Pode­mos steht jetzt vor einer gro­ßen Her­aus­for­de­rung. Das Kne­bel­ge­setz, des­sen Auf­he­bung ver­spro­chen wur­de, ist ein bru­ta­les Unter­drü­ckungs­in­stru­ment, eben­so wie die „Arbeits­re­form“ der ehe­ma­li­gen rech­ten Regie­rung. Wenn sie wirk­lich fort­schritt­lich und links­ge­rich­tet sind, wer­den sie bei­de Geset­ze auf­he­ben, wie sie es ver­spro­chen haben.

Das Pro­blem besteht dar­in, dass die die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen, Medi­en- und rich­ter­li­chen Kräf­te vie­le Sachen vom Fran­co-Regime geerbt haben.

Das ist das Ergeb­nis eines demo­kra­ti­schen Über­gangs, der eini­ge sozia­le Fort­schrit­te mit sich brach­te, die wir als gefes­tigt betrach­te­ten. Aber im Augen­blick der Wahr­heit kön­nen wir sehen, dass es einen kla­ren Wil­len gibt, das alte Regime und sei­ne Pri­vi­le­gi­en auf­recht­zu­er­hal­ten.

Schau­en Sie sich die Hal­tung des ehe­ma­li­gen Königs an, die mehr mit dem Beginn des letz­ten Jahr­hun­derts über­ein­stimmt als mit die­sem.

Seit Anfang des Über­gangs von der Fran­co-Dik­ta­tur haben die da oben nie ver­sucht, dem kata­la­ni­schen Volk ein wirk­li­ches und ehr­li­ches Pro­jekt anzu­bie­ten. Zunächst ein­mal muss der Staat aner­ken­nen, dass es einen poli­ti­schen Kon­flikt gibt, nicht nur die Rechts­fäl­le, mit Haft­stra­fen und Tau­sen­den von Ange­klag­ten – aber heu­te sind wir davon weit ent­fernt.

David Kar­va­la: Sie sind dafür bekannt, dass Sie die sozia­le Sei­te des natio­na­len Kamp­fes her­vor­he­ben. Wie wür­den Sie auf jeman­den reagie­ren, der argu­men­tiert, dass Unab­hän­gig­keit nur eine Ände­rung der Natio­nal­fah­ne bedeu­ten und kei­ne sozia­len Ver­bes­se­run­gen für die Mehr­heit brin­gen wür­de?

Jor­di Cuix­art: Wenn es nur um die Ände­rung einer Fah­ne gin­ge, so ver­si­che­re ich Ihnen, wür­de ich nicht im Gefäng­nis sit­zen. Wir wol­len die Kata­la­ni­sche Repu­blik wegen unse­res Enga­ge­ments für demo­kra­ti­sche und sozia­le Gerech­tig­keit.

Wir kön­nen den natio­na­len Kampf nicht ohne den sozia­len Kampf ima­gi­nie­ren, weil sie zwei Sei­ten der glei­chen Mün­ze sind.

Ich lehn­te die Wehr­pflicht ab und ver­stieß damit gegen das Gesetz, und da mach­te es für mich kei­nen Unter­schied, ob es sich um die spa­ni­sche Mon­ar­chie oder eine kata­la­ni­sche Repu­blik han­del­te.

Ich tat dies aus tie­fen pazi­fis­ti­schen und anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Über­zeu­gun­gen her­aus. Wäh­rend der Covid-19-Kri­se haben wir uni­for­mier­te Offi­zie­re gese­hen, die als Regie­rungs­spre­cher dar­über spra­chen, wie auf eine Gesund­heits­pan­de­mie zu reagie­ren ist.

Die par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie, in der wir leben, ver­sagt in sozia­ler, wirt­schaft­li­cher und demo­kra­ti­scher Hin­sicht.

Wir leben in einem spa­ni­schen Staat, der die Ban­ken mit 60 Mil­li­ar­den Euro geret­tet hat, aber seit­dem gab es mehr als 600.000 Haus­räu­mun­gen.

Jetzt haben wir angeb­lich eine lin­ke Regie­rung, aber sie führt eine Ein­wan­de­rungs­po­li­tik fort, die den Men­schen das Recht auf Leben ver­wei­gert.

Offi­zie­re der para­mi­li­tä­ri­schen Guar­dia Civil wur­den frei­ge­spro­chen, nach­dem sie 15 Men­schen in Tara­jal an der spa­nisch-marok­ka­ni­schen Gren­ze getö­tet hat­ten.

Und im Gegen­satz zu den Kli­schees, die Kata­lo­ni­en als eine rei­che Regi­on dar­stel­len, lei­det jeder vier­te von uns unter Armut oder ist von sozia­ler Aus­gren­zung bedroht.

Der sozia­le Not­stand ist eine nicht hin­nehm­ba­re sozia­le Kluft und wir in Omni­um Cul­tu­ral kämp­fen auch an die­ser Front. Wir ver­stär­ken die sozia­len Netz­wer­ke und för­dern die Ermäch­ti­gung der Bür­ger.

Im Jahr 2016 haben wir gemein­sam mit dem Frei­wil­li­gen­sek­tor und ethi­schen Bank­or­ga­ni­sa­tio­nen das Pro­jekt Lli­u­res (Frei­heit) ins Leben geru­fen, um auf die­se Bedürf­nis­se ein­zu­ge­hen. Jetzt mit Covid ist es noch schlim­mer, aber auch die Reak­ti­on der Bür­ger ist viel stär­ker.

David Kar­va­la: Wir haben uns ken­nen­ge­lernt, als Sie gehol­fen haben, die Demons­tra­ti­on von „Ver­eint gegen Faschis­mus und Ras­sis­mus“ im März 2016 zu för­dern, und sich dar­an betei­lig­ten. Wie betrach­ten Sie die Bedro­hung des Ras­sis­mus und des Rechts­ex­tre­mis­mus in der inter­na­tio­na­len Are­na und auch im Hin­blick auf den klei­nen aber wach­sen­den Zahl der kata­la­ni­schen Rechts­ex­tre­mis­ten?

Jor­di Cuix­art: Bei den von mir erwähn­ten Pro­tes­ten gegen unser Urteil wur­den jun­ge Kata­la­nen maghre­bi­ni­scher Her­kunft wegen ihrer Haut­far­be dop­pelt unter­drückt. Ihnen droh­ten Abschie­bun­gen und Unter­su­chungs­haft von bis zu acht Mona­ten auf­grund von Ankla­gen, die dann fal­len­ge­las­sen wur­den.

Bar­ce­lo­na hat­te die größ­te Pro-Flücht­lings-Demons­tra­ti­on in Euro­pa, eben­so wie es 2003 enor­me Pro­tes­te gegen den Irak-Krieg gab.

Der Anti­ras­sis­mus ist auch ein gemein­sa­mer Kampf, der über die Gren­zen ver­schie­de­ner Län­der hin­aus­geht.

Der kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Kata­la­nis­mus stützt sich auf die grund­le­gen­de Viel­falt der kata­la­ni­schen Gesell­schaft, und ich glau­be nicht, dass eine eth­no­zen­tri­sche Ver­si­on Aus­sicht auf Erfolg hat.

Mei­ne Mut­ter stamm­te aus Mur­cia im Süden Spa­ni­ens mehr als 70 Pro­zent der Kata­la­nen haben fami­liä­re Wur­zeln außer­halb Kata­lo­ni­ens.

Aber das ist nie ein Hin­der­nis gewe­sen. Ganz im Gegen­teil, die kata­la­ni­sche Spra­che und Kul­tur sind eines der wich­tigs­ten Stand­bei­ne des sozia­len Zusam­men­halts im Land gewe­sen.

Die Migra­ti­on ist in Kata­lo­ni­en struk­tu­rell und fest ver­an­kert, nicht nur etwas Vor­über­ge­hen­des. Sie ist daher ein Grund für enor­men Stolz und Selbst­wert­ge­fühl.

Neue Wel­len der Migra­ti­on bestehen und wer­den wei­ter­hin aus Men­schen von außer­halb Euro­pas bestehen. Die gro­ße Her­aus­for­de­rung vor uns besteht dar­in, dass nie­mand etwas auf­ge­ben müs­sen soll­te, um sich als Teil eines natio­na­len Pro­jekts zu füh­len, das sich auf der Grund­la­ge von Tole­ranz, Respekt vor der Viel­falt und dem Gefühl der kol­lek­ti­ven Zuge­hö­rig­keit auf­ge­baut ist.

Das ist das Kata­la­ni­sche des 20. und 21. Jahr­hun­derts, und ich glau­be nicht, dass es gefähr­det ist, ganz im Gegen­teil. Kata­la­ni­sche Lite­ra­tur ist alles, was irgend­wo auf der Welt auf Kata­la­nisch geschrie­ben wird.

Die kata­la­ni­sche Kul­tur ist alles, was über­all in den kata­la­ni­schen Län­dern gemacht wird; wir soll­ten uns nicht in ste­ri­len, puris­ti­schen Debat­ten ver­lie­ren.

Die rechts­ex­tre­me VOX hat 52 Man­da­te im spa­ni­schen Par­la­ment, aber das Besorg­nis­er­re­gends­te ist, dass sie oft die Tages­ord­nung für die PSOE-Regie­rung bestimmt. Das ist eines der ernst­haf­tes­ten Pro­ble­me, die wir heu­te haben – die Legi­ti­mie­rung, die ein Groß­teil der Medi­en den tota­li­tä­ren und into­le­ran­ten Posi­tio­nen der spa­ni­schen Rechts­ex­tre­mis­ten schen­ken, egal zu wel­cher Par­tei sie gehö­ren.

David Kar­va­la: Wie sehen Sie das Ver­hält­nis zwi­schen der kata­la­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung und der all­ge­mei­nen spa­ni­schen Bevöl­ke­rung? Wie lässt sich die Situa­ti­on ver­bes­sern?

Jor­di Cuix­art: Wir müs­sen uns gegen­sei­tig bes­ser ken­nen­ler­nen. Vie­le Medi­en, Par­tei­en und Ein­rich­tun­gen drän­gen in die ande­re Rich­tung, weil sie wol­len, dass die Men­schen sich gegen­sei­tig kon­fron­tie­ren. Der Auf­ruf „a por ellos“ [„ver­folgt sie“] besteht dar­in, Poli­zis­ten aus ande­ren Tei­len Spa­ni­ens zu schi­cken, um die Kata­la­nen zu prü­geln.

An die­sem Auf­ruf gibt es nichts Unver­fäng­li­ches. Ein­fa­che Men­schen, die geschickt wer­den, um ihre Brü­der und Schwes­tern zu schla­gen. Hier dür­fen wir kei­ne Mühe scheu­en, uns jeden Tag mehr und bes­ser zu erklä­ren, ohne nach­zu­las­sen.

Die Angrif­fe auf die Demo­kra­tie in Kata­lo­ni­en, haben auch Aus­wir­kun­gen für Men­schen im Nor­den Spa­ni­ens, in den Stadt­vier­teln von Madrid oder in den ärme­ren länd­li­chen Gebie­ten im Süden. Was den Staat wirk­lich ärgert, ist die ein­fa­che Idee, dass die Bür­ger den Sta­tus quo hin­ter­fra­gen und Pri­vi­le­gi­en in Fra­ge stel­len kön­nen.

David Kar­va­la: Die Unab­hän­gig­keits­be­we­gung scheint heu­te sehr gespal­ten zu sein und mei­ner Mei­nung nach fehlt ihr vor allem eine Stra­te­gie. Und jetzt haben wir die Covid-Kri­se. Wel­che Vor­schlä­ge machen Sie für die nächs­te Peri­ode?

Jor­di Cuix­art: In Omni­um Cul­tu­ral haben wir kein Pro­gramm; das ist nicht unse­re Auf­ga­be, noch sol­len wir sagen, was die Par­tei­en machen sol­len. Aber als Gesamt­heit wer­den wir wei­ter­hin dar­an arbei­ten, den sozia­len Zusam­men­halt durch Kul­tur und Bil­dung zu stär­ken.

Wir wer­den auch wei­ter­hin die Grund­rech­te aus­üben, die der Obers­te Gerichts­hof jetzt ver­ur­teilt, weil wir wis­sen, dass die Aus­übung unse­rer Rech­te die bes­te Wei­se ist, sie zu schüt­zen, und offen­sicht­lich wer­den wir wei­ter dar­an arbei­ten, so dass Kata­lo­ni­en sein Recht auf Selbst­be­stim­mung aus­üben und ver­wirk­li­chen kann.

Gera­de jetzt wis­sen wir das ein mit der spa­ni­schen Regie­rung ver­ein­bar­ter Volks­ent­scheid – wie er mit Schott­land und dem Ver­ei­nig­ten König­reich statt­fand – unmög­lich ist. Und sicher­lich muss die Bewe­gung für die kata­la­ni­sche Sou­ve­rä­ni­tät eine gemein­sa­me Stra­te­gie ver­ein­ba­ren, um unser gemein­sa­mes Ziel zu errei­chen.

Wir müs­sen auch die Plu­ra­li­tät und die Dif­fe­ren­zen respek­tie­ren, die unse­re Bewe­gung berei­chern, ohne zu ver­ges­sen, dass wir einen Staat kon­fron­tie­ren, der uns nichts gra­tis schen­ken wird.

Kei­ne sozia­le Errun­gen­schaft wur­de jemals ohne Kampf und Opfer gewon­nen.

Wir wer­den nie­mals im Auf­trag von irgend­je­man­dem han­deln, wir sind dar­über sehr klar, dass dies nicht dar­um geht, regio­na­le Wah­len oder Macht­quo­ten zu gewin­nen, son­dern dar­um, Rech­te aus­üben zu kön­nen, die heu­te ver­letzt wer­den, und die Lebens­be­din­gun­gen aller zu ver­bes­sern.

David Kar­va­la: War­um soll­te die­ses Fra­ge für anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten inter­na­tio­nal von Bedeu­tung sein, und was kön­nen sie tun, um zu hel­fen?

Jor­di Cuix­art: Wir füh­ren einen Kampf um die Demo­kra­tie unter sehr güns­ti­gen Bedin­gun­gen, wenn wir sie sie mit denen ver­glei­chen, wovor ande­re legi­ti­me Anlie­gen und ande­re poli­ti­sche Gefan­ge­ne über­all in der Welt ste­hen.

Aber wenn die Euro­päi­sche Uni­on kri­mi­nel­le Ver­ur­tei­lun­gen dul­det, die im Jah­re 2020 aus der Aus­übung der Grund­rech­te auf Pro­test und Mei­nungs­äu­ße­rung ent­ste­hen, wenn sie die Inhaf­tie­rung von Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten erlaubt, um die ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät eines Mit­glied­staats auf­recht­zu­er­hal­ten, hat das Kon­se­quen­zen für Bür­ger über­all in Euro­pa und um die Welt. Im wei­te­ren Sin­ne ist sie für alle Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten wich­tig, die für eine bes­se­re Welt kämp­fen.

Von Extinc­tion Rebel­li­on, die den Kli­ma­not­stand bekämpft, bis hin zur femi­nis­ti­schen Bewe­gung, die für den Sturz des Patri­ar­chats kämpft, oder zur Bewe­gung für anstän­di­ge Woh­nun­gen, wie sie von der PAH in Spa­ni­en ver­tre­ten wird, haben die Men­schen die Kon­se­quen­zen des Urteils, das uns gefan­gen hält, ange­pran­gert.

Ein Schutz­gra­ben, der auf­ge­ge­ben wird, ist ein Schutz­gra­ben, den wir alle ver­lie­ren, und wenn eine Regie­rung Rech­te und Frei­heit unbe­straft und ohne gesell­schaft­li­chen Wider­stand nie­der­tram­pelt, ent­steht das offen­sicht­li­che Risi­ko, dass ande­re Regie­run­gen das­sel­be machen.

Wir lei­den schon genug unter der welt­wei­ten Aus­wir­kun­gen von Trump, Bol­so­na­ro oder Orban.

Wie Leo­ne Ginz­burg beim Abschied von sei­ner Part­ne­rin Nata­lia kurz vor sei­ner Hin­rich­tung durch ein Erschie­ßungs­kom­man­do sagt: „Sei­en wir tap­fer.“

Das Inter­view erschien bei Mar​x21​.net und wur­de von Ein­de O’Callaghan über­setzt.

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