[gfp:] Eskalation im Mittelmeer (II)

Maximalpositionen

Der Kon­flikt zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei im öst­li­chen Mit­tel­meer hat sich in den ver­gan­ge­nen Wochen erheb­lich zuge­spitzt. Kern sind sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen­de Ansprü­che auf gro­ße See­ge­bie­te, ins­be­son­de­re auf die­je­ni­gen, die rings um die zahl­rei­chen grie­chi­schen Ägäis­in­seln lie­gen. Grie­chen­lands Maxi­mal­po­si­ti­on läuft dar­auf hin­aus, um all sei­ne Inseln eine „Aus­schließ­li­che Wirt­schafts­zo­ne“ (AWZ, „200-Mei­len-Zone“) für sich in Anspruch zu neh­men; dies lie­fe dar­auf hin­aus, dass die Tür­kei auf den Groß­teil der Gewäs­ser vor fast ihrer gesam­ten Küs­te west­lich Anta­ly­as kei­ner­lei Zugriff hät­te. Die tür­ki­sche Maxi­mal­po­si­ti­on wie­der­um spricht sämt­li­chen grie­chi­schen Ägäis­in­seln eine eige­ne AWZ ab. Im Völ­ker­recht üblich wäre ein von bei­den Sei­ten aus­zu­han­deln­der Kom­pro­miss. Die­ser ist aller­dings aktu­ell nicht in Sicht (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [1]). Von prak­ti­scher Bedeu­tung ist der Kon­flikt zur Zeit vor allem wegen umfang­rei­cher Erd­gas­fun­de im öst­li­chen Mit­tel­meer; För­de­rung und Abtrans­port des Roh­stoffs wer­den bereits seit Jah­ren von Zypern, Isra­el, Ägyp­ten und Grie­chen­land orga­ni­siert – unter Aus­schluss der Tür­kei. Um eige­ne Ansprü­che durch­zu­set­zen, hat Anka­ra begon­nen, eige­ne Erkun­dun­gen in Gewäs­sern vor­zu­neh­men, die sämt­lich von Zypern oder von Grie­chen­land in Anspruch genom­men wer­den. Dort sto­ßen die Erkun­dun­gen ent­spre­chend auf Pro­test.

In Alarmbereitschaft

Seit Mit­te Juli ist der Kon­flikt mehr­mals scharf eska­liert. Damals hat­te die Tür­kei ange­kün­digt, Erkun­dun­gen in den Gewäs­sern vor Kas­tell­ori­zo vor­zu­neh­men, einer der öst­lichs­ten grie­chi­schen Inseln. Kas­tell­ori­zo, ledig­lich zwölf Qua­drat­ki­lo­me­ter groß, von nur 500 Men­schen bewohnt, liegt unmit­tel­bar vor der tür­ki­schen Pro­vinz Anta­lya; laut grie­chi­schem Maxi­mal­an­spruch darf es eine AWZ bean­spru­chen, die 200 See­mei­len weit reicht, wodurch Anta­lya den Zugriff auf gro­ße Tei­le sei­ner Küs­ten­ge­wäs­ser ver­lö­re. Anka­ra hat­te im Juli Kriegs­schif­fe ent­sandt, um die Arbeit des For­schungs­schiffs Oruç Reis vor Kas­tell­ori­zo durch­zu­set­zen. Athen wie­der­um hat­te sei­ne Streit­kräf­te in Alarm­be­reit­schaft ver­setzt. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel gelang es zunächst, den dro­hen­den Zusam­men­stoß in Tele­fo­na­ten mit dem grie­chi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Kyria­kos Mit­sota­kis und dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Recep Tayy­ip Erdoğan zumin­dest vor­läu­fig zu ver­hin­dern: Anka­ra setz­te die Erkun­dun­gen des For­schungs­schiffs Oruç Reis aus.[2] Der nächs­te Eska­la­ti­ons­schritt erfolg­te, als Grie­chen­land am 6. August ein Abkom­men mit Ägyp­ten schloss, in dem die See­gren­ze zwi­schen den zwei Län­dern im Mit­tel­meer abge­steckt wur­de. Das Abkom­men, das tür­ki­schen Ansprü­chen offen zuwi­der­läuft, wur­de am 18. August vom ägyp­ti­schen Par­la­ment rati­fi­ziert; das grie­chi­sche Par­la­ment soll dies am heu­ti­gen Mitt­woch tun.[3]

Fregattenkollision

Am 10. August, weni­ge Tage nach der Unter­zeich­nung des grie­chisch-ägyp­ti­schen Abkom­mens, nahm Anka­ra sei­ne zuvor aus­ge­setz­ten Erkun­dun­gen vor Kas­tell­ori­zo durch das For­schungs­schiff Oruç Reis wie­der auf. Dabei ist es offen­bar zu einem erns­ten Zusam­men­stoß gekom­men: Laut unbe­stä­tig­ten, aber durch Indi­zi­en gestütz­ten Berich­ten stie­ßen eine grie­chi­sche sowie eine tür­ki­sche Fre­gat­te zusam­men. Bei dem tür­ki­schen Schiff soll es sich um die Fre­gat­te Kemal Reis gehan­delt haben, eine von vier Fre­gat­ten der tür­ki­schen Bar­ba­ros-Klas­se, die von der Ham­bur­ger Werft Blohm & Voss gebaut wur­den. In der Tat ist es eine Beson­der­heit des Kon­flikts zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei, dass bei­de Län­der über gro­ße Waf­fen­be­stän­de aus deut­scher Pro­duk­ti­on ver­fü­gen, weil sie von der Bun­des­re­pu­blik par­al­lel auf­ge­rüs­tet wur­den; dies gilt ganz beson­ders im Mari­ne­be­reich. Die mut­maß­li­che Kol­li­si­on der bei­den Fre­gat­ten trug dazu bei, dass die EU-Außen­mi­nis­ter am 14. August in einer Video­kon­fe­renz aus­drück­lich zur „Dees­ka­la­ti­on“ zwi­schen Athen und Anka­ra aufriefen.[4] Grie­chi­schen Berich­ten zufol­ge sind ent­schie­de­ne­re Schrit­te gegen die Tür­kei auf der Video­kon­fe­renz von der Bun­des­re­pu­blik ver­hin­dert wor­den, die ins­be­son­de­re nicht bereit war, das grie­chisch-ägyp­ti­sche Abkom­men in der Abschluss­erklä­rung aus­drück­lich zu erwäh­nen und es damit zu unterstützen.[5]

Berlin statt Washington

Ber­lins Wei­ge­rung, ent­schlos­se­ner gegen­über der Tür­kei auf­zu­tre­ten, hat zum einen damit zu tun, dass die Bun­des­re­gie­rung sich im Kon­flikt zwi­schen Athen und Anka­ra als Mitt­le­rin zu pro­fi­lie­ren sucht. „Über Jahr­zehn­te“ habe Gewiss­heit geherrscht, hieß es ges­tern in einem Kom­men­tar in der grie­chi­schen Tages­zei­tung „Kathi­meri­ni“, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten „die Lage dees­ka­lie­ren“ wür­den, soll­te es zu einer gefähr­li­chen Zuspit­zung der Span­nun­gen zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei kommen.[6] Ein bekann­tes Bei­spiel ist die Bei­le­gung des Kon­flikts um zwei Ägäis­in­seln (grie­chisch: Imia; tür­kisch: Kar­dak), der Anfang 1996 fast zu einem mili­tä­ri­schen Zusam­men­stoß zwi­schen den bei­den NATO-Staa­ten geführt hät­te, durch den dama­li­gen US-Prä­si­den­ten Bill Clin­ton. Heu­te, so hieß es wei­ter im „Kathimerini“-Kommentar, neh­me offen­kun­dig Deutsch­land die einst von den USA aus­ge­üb­te Rol­le ein. Dabei hat die Bun­des­re­gie­rung den Schritt, der sie an die Stel­le Washing­tons setzt, sorg­sam vorbereitet.[7] So kon­fe­rier­te im Juli in zunächst geheim gehal­te­nen Gesprä­chen in Ber­lin der außen­po­li­ti­sche Bera­ter der Bun­des­kanz­le­rin, Jan Hecker, mit der diplo­ma­ti­schen Bera­te­rin des grie­chi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten, Ele­ni Sou­ra­ni, und dem Bera­ter des tür­ki­schen Prä­si­den­ten, İbrah­im Kalın, um einen Kom­pro­miss aus­zu­lo­ten. Der Ver­such wur­de Mit­te Juli durch eine Indis­kre­ti­on des tür­ki­schen Außen­mi­nis­ters Mev­lüt Çavuşoğlu gestört.

Von Seemanövern begleitet

Zu den Zie­len, die Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas ges­tern in Athen und in Anka­ra ver­folg­te, gehör­te einer­seits, den grie­chisch-tür­ki­schen Bera­ter­ge­sprä­chen unter Ver­mitt­lung Ber­lins neu­en Schwung zu verleihen.[8] Ande­rer­seits for­der­te Maas bei­de Sei­ten auf, Pro­vo­ka­tio­nen strikt zu unter­las­sen. Ein Erfolg sei­ner Rei­se war zunächst nicht zu erken­nen. Schon vor­ab hat­ten Grie­chen­land und die Tür­kei ange­kün­digt, par­al­lel zum Besuch des deut­schen Außen­mi­nis­ters See­kriegs­übun­gen abzu­hal­ten – im sel­ben See­ge­biet. Athen ver­langt eine deut­li­che Ver­schär­fung der EU-Sank­tio­nen gegen die Tür­kei; bis­her wur­den ledig­lich zwei Mit­ar­bei­ter des Mine­ral­öl­kon­zerns TPAO (Tür­ki­ye Petrol­leri Anonim Ortak­lığı), aber noch kei­ne Poli­ti­ker mit Zwangs­maß­nah­men belegt – nicht zuletzt auf Behar­ren Ber­lins. Anka­ra wie­der­um besteht dar­auf, die Erkun­dungs- und Bohr­ar­bei­ten fort­zu­set­zen. Eine Lösung des Kon­flikts ist nicht in Sicht.

Zerstrittene EU-Führungsmächte

Dies wiegt umso schwe­rer, als die EU über kei­ner­lei ein­heit­li­che Tür­kei­po­li­tik ver­fügt. So beruht die Wei­ge­rung Ber­lins, här­ter gegen Anka­ra vor­zu­ge­hen, nicht nur auf der Sor­ge um sei­ne eige­ne Mitt­ler­po­si­ti­on im grie­chisch-tür­ki­schen Kon­flikt, son­dern auch dar­auf, dass die Bun­des­re­gie­rung einer fort­ge­setz­ten Zusam­men­ar­beit mit der Tür­kei stra­te­gi­sche Bedeu­tung bei­misst. Dies ist inner­halb der EU hoch umstrit­ten; Frank­reich etwa posi­tio­niert sich klar auf Sei­ten Grie­chen­lands und baut sei­ne Mili­tär­prä­senz im öst­li­chen Mit­tel­meer aus. Die Dif­fe­ren­zen in der EU sol­len auf dem infor­mel­len Tref­fen der EU-Außen­mi­nis­ter („Gym­nich-Tref­fen“) am Don­ners­tag und Frei­tag die­ser Woche bespro­chen wer­den; die Bun­des­re­gie­rung strebt eine ein­heit­li­che Tür­kei­po­li­tik der Uni­on an. ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­tet in Kür­ze.

[1] S. dazu Eska­la­ti­on im Mit­tel­meer.

[2] Mer­kel holds tele­pho­ne con­ver­sa­ti­on with Erdo­gan. eka​thi​meri​ni​.com 22.07.2020.

[3] ‚No dis­cus­sion’ with Tur­key under ‚mili­ta­ry pres­su­re,’ says Greek sta­te minis­ter. eka​thi​meri​ni​.com 25.08.2020.

[4] Video con­fe­rence of For­eign Affairs Minis­ters: Main out­co­mes. eeas​.euro​pa​.eu 14.08.2020.

[5] Yan­nis Palaio­lo­gos: During EU telecon­fe­rence, Greece and Ger­ma­ny dis­agree on Tur­key stance. eka​thi​meri​ni​.com 14.08.2020.

[6] Tom Ellis: Once upon a time it was Ame­ri­ca, now it’s Ger­ma­ny. eka​thi​meri​ni​.com 25.08.2020.

[7] Tür­ki­scher Außen­mi­nis­ter plau­dert Geheim­di­plo­ma­tie aus. t‑online.de 15.07.2020.

[8] Tom Ellis: Once upon a time it was Ame­ri­ca, now it’s Ger­ma­ny. eka​thi​meri​ni​.com 25.08.2020.

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