[perspektive:] Rassismus gegen Weiße? – Rassismus unter Weißen!

Infolge der menschenverachtenden und rassistischen Morde an George Floyd in den USA oder den zehn Menschen im deutschen Hanau erwuchsen in den vergangenen Monaten fast global nicht nur eine, sondern viele antirassistische Bewegungen, die sich gegen diese Zustände wehren.

Bürgerliche wie faschistische Kräfte versuchten – vor allem online -, diesen Bewegungen mit haarsträubenden Rassismus-Verklärungen entgegen zu arbeiten: Der „Rassismus gegen Weiße“ werde gänzlich ignoriert, weil man sich selbst ja auch als „Kartoffel“ bezeichnen lassen müsse. „BlueLives“ seien ja viel mehr Morden ausgesetzt „als die Schwarzen“. Und generell müsse man doch mal an die „AllLives“ denken. – Diesen gänzlich relativierenden, meist rassistischen Versuchen ist ein Gros der deutschen/​migrantischen Linken auf den Leim gegangen, indem sie selbst einer verkürzten Analyse von Rassismus erliegt. – Ein Kommentar von Max Braun

Deutsche Rassisten agitieren im Internet

Als der CDU-Ober­bür­ger­meis­ter der thü­rin­gi­schen Stadt Alten­burg, André Neu­mann, kurz nach dem Mord an Geor­ge Floyd in Min­nea­po­lis auf Twit­ter ver­lau­ten ließ, dass die­ses Ver­bre­chen „den Schwar­zen“ als Vor­wand die­ne, ras­sis­tisch gegen Wei­ße zu sein, stieß er damit eine „Debat­te“ an, die sich über Mona­te bis heu­te hin­zieht.

Vor allem auf Twit­ter machen sich seit­dem die Schlag­wor­te „Ras­sis­mus gegen Wei­ße“ in den Trends immer wie­der breit: (Neo-)Nazis, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ke­rIn­nen oder auch bür­ger­li­che Ras­sis­tIn­nen erzäh­len hier, wie sie als „Kar­tof­fel“ bezeich­net wur­den oder in der Shi­sha-Bar als „Alma­ni“ schlech­ter behan­delt wür­den, damit also auch Opfer von Ras­sis­mus sei­en. Schlim­mer noch zei­ge sich dies in der migran­ti­schen Gewalt gegen Deut­sche. Die­se „schwer­wie­gen­de Form des Ras­sis­mus“ wer­de von der links­li­be­ra­len Gesell­schaft aber natür­lich gänz­lich igno­riert.

Die­se Täter-Opfer-Umkehr – so laut in die Welt geschrien – hat­te natür­lich diver­se Reak­tio­nen lin­ker und links­ra­di­ka­ler Bewe­gun­gen und Medi­en zur Fol­ge. Schnell eta­blier­te sich – unter ande­rem auch durch die BLM (Black Lives Mat­ter)- und „Migran­ti­fa“ Bewe­gun­gen – das Nar­ra­tiv: „Rever­se Racism“, also der „umge­kehr­te Ras­sis­mus“, exis­tie­re nicht. Gro­ße Arti­kel in DIE ZEIT oder dem Tages­spie­gel nah­men die­se Ana­ly­se auf und ver­such­ten dar­zu­le­gen, dass „in den USA und in Deutsch­land Peop­le of Color nicht die Macht [haben], die Inter­es­sen der wei­ßen, hege­mo­nia­len Mehr­heits­ge­sell­schaft zu domi­nie­ren“.

Die US-amerikanische Rassismus-Debatte in Europa

Die­se Über­tra­gung der US-ame­ri­ka­ni­schen Ras­sis­mus-Debat­te auf die Ver­hält­nis­se in Euro­pa und gera­de hier in Deutsch­land ist dabei jedoch äußerst ver­kürzt und falsch: So mani­fes­tiert sich der Ras­sis­mus in Deutsch­land weni­ger in der angeb­li­chen Vor­macht­stel­lung der „wei­ßen Ras­se“, als viel­mehr in der des „deut­schen Vol­kes“. Die ideo­lo­gi­sche Kon­fron­ta­ti­on besteht folg­lich nicht in „Weiß gegen Schwarz“, son­dern viel­mehr in „Deutsch gegen Nicht­deutsch“.

Die Mög­lich­keit, die deut­sche Mehr­heits­ge­sell­schaft zu „domi­nie­ren“ oder wenigs­tens unter glei­chen Bedin­gun­gen an ihr zu par­ti­zi­pie­ren, ver­schließt sich also folg­lich nicht nur denen, die nicht weiß sind, son­dern allen, die nicht deutsch sind oder als nicht deutsch ange­se­hen wer­den.

Der Begriff des „deut­schen Vol­kes“ ist dabei selbst schon so ‚ras­si­fi­ziert‘, dass sei­ne Aus­deh­nung auf die „gesam­te wei­ße Ras­se“ ja eigent­lich schon die­je­ni­gen ein­schlie­ßen müss­te, denen man tra­di­tio­nell aber doch feind­lich gesinnt ist.

Hier­bei wirkt der deut­sche Ras­sis­mus sehr selek­tiv. So sind die nord­west-euro­päi­schen Län­der, bzw. deren Bevöl­ke­run­gen den Deut­schen eher „art­ver­wandt“, wes­we­gen man hier auch durch­aus weni­ger ras­sisch moti­vier­te, als viel­mehr natio­nal­chau­vi­nis­ti­sche Dif­fe­ren­zen beob­ach­ten kann.

Kein Ver­gleich dazu ist die stark ras­sisch gepräg­te Feind­schaft zu den Men­schen öst­lich der deut­schen Gren­zen. Hier lässt sich eine ganz kla­re Ver­nich­tungs­ideo­lo­gie gegen die Sla­wIn­nen erken­nen, die auf der Vor­stel­lung einer „ras­si­schen Min­der­wer­tig­keit“ sel­bi­ger auf­baut.

28 Millionen tote Sowjetmenschen sind die Opfer von Rassismus

Die­ser Ras­sis­mus erreich­te sei­nen mör­de­ri­schen Höhe­punkt beim Ost­feld­zug der deut­schen Faschis­ten. Nach dem Ein­marsch in Polen, wo das Grau­en begann und zahl­lo­se Men­schen star­ben, hin­ter­lie­ßen die deut­schen Ver­bän­de in ganz Ost­eu­ro­pa, dem Bal­ti­kum, Weiß­russ­land, der Ukrai­ne und Russ­land eine Schnei­se der Ver­wüs­tung. Die von den Nazis soge­nann­ten „sla­wi­schen Unter­men­schen“ wur­den dabei bis zum Tode ver­sklavt oder gleich hin­ge­rich­tet. Breit ange­leg­te Ste­ri­li­sa­ti­ons­ver­su­che, die vor allem im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz erforscht wur­den, soll­ten dafür sor­gen, dass die Arbeits­kraft der Ent­mensch­lich­ten mög­lichst lan­ge aus­ge­beu­tet wird, man ihre „Ver­meh­rung“ aber unter­bin­det. 28 Mil­lio­nen Men­schen wur­den so aus ras­sisch defi­nier­ten Grün­den in die Ver­nich­tung und den Tod getrie­ben.

Aus glei­chen Moti­ven sorg­te man auch auf dem Bal­kan für eine ähn­li­che Ver­fol­gung und Ver­nich­tung. Wäh­rend­des­sen war man mit nicht-wei­ßen, aber anti­se­mi­ti­schen Macht­ha­bern durch­aus gut ver­netzt: Kemal Ata­türk oder der Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem sei­en hier als Bei­spie­le genannt.

Die genaue Analyse ist die Pflicht der AntifaschistInnen

Aus die­sen kur­zen Dar­stel­lun­gen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen resul­tiert die not­wen­di­ge Erkennt­nis, dass „Ras­sis­mus gegen Wei­ße“, oder genau­er gesagt „Ras­sis­mus unter Wei­ßen“ sehr wohl exis­tiert. Auch heu­te noch spielt die­se Feind­schaft gegen alles „Nicht-Deut­sche“ und alles „Art­frem­de“ eine antrei­ben­de Rol­le für deut­sche Ras­sis­tIn­nen.

Und auch dar­über hin­aus: Schaut man sich die ver­bre­che­ri­schen Taten der Kroa­tIn­nen im letz­ten Jugo­sla­wi­en­krieg an, so lässt sich die ras­sisch moti­vier­te Ver­fol­gung, Ver­trei­bung und Ermor­dung von Ser­bIn­nen nicht leug­nen. Aber auch Ser­bi­en selbst hat hier schlim­me Gräu­el began­gen.

Will man dem Ras­sis­mus in sei­nen hie­si­gen Aus­for­mun­gen ent­ge­gen arbei­ten, ihn besei­ti­gen, dann ist die Ana­ly­se die­ser Ver­hält­nis­se unab­ding­bar. In Deutsch­land (oder auch sonst wo) zu behaup­ten, es gäbe kei­ne wei­ßen Opfer von Ras­sis­mus, negiert die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen und spricht Mil­lio­nen von Men­schen ab, aus ras­sisch defi­nier­ten Moti­ven ver­nich­tet wor­den zu sein.
Die ver­eng­te Betrach­tung eines Ras­sis­mus, der Nati­on und Natio­na­lis­mus nicht mit ein­be­zieht, ist ein Rück­schritt in der wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­se von Ras­sis­mus.

Dass es einer kla­ren Kan­te gegen die Rela­ti­vie­re­rIn­nen von Ras­sis­mus – Bei­spiel Twit­ter – bedarf, steht außer Fra­ge: Es gibt kei­ne nen­nens­wer­te Unter­drü­ckung von Wei­ßen, die durch Nicht-Wei­ße auf­recht erhal­ten wur­de oder wird. Jedoch darf die­se Tat­sa­che nicht zur Fol­ge haben, dass die Lin­ke bzw. die radi­ka­le Lin­ke selbst Geschichts­re­vi­sio­nis­mus betreibt.

Die Ver­su­che post­mo­der­ner Struk­tu­ren, die geschil­der­ten ras­sisch moti­vier­ten Ver­nich­tun­gen unter Wei­ßen zu „eth­ni­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen“ her­un­ter­zu­spie­len, wie es lei­der in Tei­len der BLM- und Migran­ti­fa-Bewe­gun­gen pas­siert, sind ana­ly­tisch ganz und gar falsch: sie beab­sich­ti­gen, die Ras­sis­tIn­nen argu­men­ta­tiv matt zu set­zen – auf Kos­ten der eige­nen Rela­ti­vie­rung.

Der Bei­trag Ras­sis­mus gegen Wei­ße? – Ras­sis­mus unter Wei­ßen! erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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