[KgK:] Die Schwarze Frage in Amerika

In den frü­hen Jah­ren des US-Kom­mu­nis­mus führ­te die jun­ge Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei den Öko­no­mis­mus der Sozia­lis­ti­schen Par­tei und der lin­ken Tra­di­ti­on in den USA fort. Die Beson­der­hei­ten des US-Kapi­ta­lis­mus, der sich aus der Skla­ve­rei her­aus­ge­bil­det hat­te, wur­den über­se­hen und der Kampf gegen die Unter­drü­ckung der Schwar­zen wur­de als all­ge­mei­ner öko­no­mi­scher Kampf zwi­schen Arbeiter*innen und Bos­sen ange­se­hen. Es gab kein spe­zi­el­les Pro­gramm gegen Ras­sis­mus, da man glaub­te, dass sich ras­sis­ti­sche Vor­ur­tei­le im Kampf für den Sozia­lis­mus auf­lö­sen wür­den. In den heu­ti­gen USA wird die­se Posi­ti­on oft als „Klas­sen­re­duk­tio­nis­mus“ bezeich­net.

Nach der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on for­der­ten die sieg­rei­chen Bol­sche­wi­ki, die jah­re­lang das Recht auf Selbst­be­stim­mung der inner­halb des Zaren­rei­ches unter­drück­ten Natio­nen ver­tei­dig­ten, die „ame­ri­ka­ni­schen Kom­mu­nis­ten mit der fes­ten, ein­dring­li­chen For­de­rung her­aus, ihre unaus­ge­spro­che­nen Vor­ur­tei­le abzu­schüt­teln, den beson­de­ren Pro­ble­men und Kla­gen der ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, unter ihnen zu arbei­ten und sich in der wei­ßen Gemein­schaft für ihre Sache ein­zu­set­zen.“1 So began­nen die US-ame­ri­ka­ni­schen Kommunist*innen eine leni­nis­ti­sche Per­spek­ti­ve zu ver­wen­den, um die Situa­ti­on in den USA zu ver­ste­hen.

Wegen sei­ner Rol­le im Kampf gegen die Büro­kra­tie in der Sowjet­uni­on wur­de Leo Trotz­ki ins Exil gejagt. Von 1929 bis 1933 leb­te er in der Tür­kei, auf der Insel Büyü­ka­da, auch Prin­ki­po genannt. Er setz­te den Kampf für die Welt­re­vo­lu­ti­on fort und traf sich mit Revolutionär*innen aus der gan­zen Welt, dar­un­ter Arne Swa­beck von der Kom­mu­nis­ti­schen Liga Ame­ri­kas (Com­mu­nist League of Ame­ri­ca, CLA). Die CLA, aus der spä­ter die Sozia­lis­ti­sche Arbeiter*innenpartei (Socia­list Workers Par­ty, SWP) wer­den soll­te, war die US-Sek­ti­on von Trotz­kis Inter­na­tio­na­ler Lin­ker Oppo­si­ti­on. Als Swa­beck sich mit Trotz­ki traf, hat­te die CLA noch kei­ne kla­re Posi­ti­on zu Ras­sis­mus und US-Kapi­ta­lis­mus. Trotz­kis Rat wur­de in einer Dis­kus­si­on am 28. Febru­ar 1933 ein­ge­holt, die in deut­scher Spra­che geführt und spä­ter auf Eng­lisch unter dem Titel „The Negro Ques­ti­on in Ame­ri­ca“ ver­öf­fent­licht wur­de.

Swa­beck: In die­ser Fra­ge haben wir inner­halb der Ame­ri­ka­ni­schen Liga kei­ne nen­nens­wer­ten Dif­fe­ren­zen; wir haben aber auch noch kein Pro­gramm for­mu­liert. Ich stel­le des­halb nur die Gedan­ken vor, die wir gene­rell dazu ent­wi­ckelt haben.

Wie müs­sen wir die Posi­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen betrach­ten: Als die einer natio­na­len oder einer ras­si­schen Min­der­heit? Das ist für unser Pro­gramm von größ­ter Wich­tig­keit.

Die Sta­li­nis­ten haben noch immer als ihren Hauptslo­gan den der Selbst­be­stim­mung für die Schwar­zen und for­dern damit im Zusam­men­hang einen getrenn­ten Staat und staat­li­che Rech­te für die Schwar­zen im Schwar­zen Gür­tel. Die prak­ti­sche Anwen­dung die­ser letz­ten For­de­rung hat viel Oppor­tu­nis­mus an den Tag gebracht. Auf der ande­ren Sei­te gebe ich zu, dass die (Kom­mu­nis­ti­sche) Par­tei in der prak­ti­schen Arbeit unter den Schwar­zen trotz vie­ler Feh­ler eini­ges erreicht hat. Zum Bei­spiel bei den Streiks in der Tex­til­in­dus­trie im Süden, wo die Farb­schran­ken in gro­ßem Maße zusam­men­ge­bro­chen sind.

Weis­bord2 stimmt, soweit ich weiß, mit der Paro­le der Selbst­be­stim­mung und des Rechts auf einen eige­nen Staat über­ein. Er behaup­tet, dass sei die Anwen­dung der Theo­rie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on auf Ame­ri­ka.

Wir wol­len von der wirk­li­chen Situa­ti­on aus­ge­hen: Es gibt unge­fähr 13 Mil­lio­nen Schwar­ze in Ame­ri­ka; die Mehr­zahl davon in den Süd­staa­ten (dem Schwar­zen Gür­tel). In den Nord­staa­ten sind die Schwar­zen als Indus­trie­ar­bei­ter in den indus­tri­el­len Gemein­den kon­zen­triert; im Süden sind sie haupt­säch­lich Bau­ern und Natu­ral­päch­ter.

Trotz­ki: Pach­ten Sie ihr Land vom Staat oder von pri­va­ten Eigen­tü­mern?

Swa­beck: Von pri­va­ten Eigen­tü­mern, von wei­ßen Far­mern und Plan­ta­gen­be­sit­zern; eini­ge Schwar­ze besit­zen das Land, auf dem sie arbei­ten, selbst.

Die Schwar­ze Bevöl­ke­rung des Nor­dens wird öko­no­misch, sozi­al und kul­tu­rell nie­der­ge­hal­ten; im Süden geschieht das durch die unter­drü­cke­ri­schen Jim Crow Bedin­gun­gen. Sie sind von vie­len wich­ti­gen Gewerk­schaf­ten aus­ge­schlos­sen. Wäh­rend und seit dem Krieg hat die Migra­ti­on vom Süden her zuge­nom­men; heu­te leben viel­leicht vier bis fünf Mil­lio­nen Schwar­ze im Nor­den. Die Schwar­ze Bevöl­ke­rung im Nor­den ist über­wie­gend pro­le­ta­risch, aber auch im Süden nimmt die Pro­le­ta­ri­sie­rung zu.

Heu­te hat kei­ner der Staa­ten im Süden eine Schwar­ze Mehr­heit. Das unter­streicht die gro­ße Wan­de­rung in den Nor­den. Wir stel­len die Fra­ge fol­gen­der­ma­ßen: Sind die Schwar­zen in einem poli­ti­schen Sinn eine natio­na­le Min­der­heit oder eine ras­si­sche? Die Schwar­zen sind völ­lig assi­mi­liert, ame­ri­ka­ni­siert wor­den, und ihr Leben in Ame­ri­ka hat die Tra­di­tio­nen der Ver­gan­gen­heit über­wun­den, modi­fi­ziert, ver­än­dert. Wir kön­nen die Schwar­zen nicht als eine natio­na­le Min­der­heit in dem Sinn betrach­ten, dass sie eine eige­ne Spra­che hät­ten. Sie haben kei­ne beson­de­ren natio­na­len Sit­ten, oder eine eige­ne natio­na­le Kul­tur oder Reli­gi­on, und sie haben auch kei­ne beson­de­ren natio­na­len Min­der­heits­in­ter­es­sen. In die­sem Sinn kann man unmög­lich von ihnen als natio­na­le Min­der­heit spre­chen. Wir sind des­halb der Mei­nung, dass die ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen eine ras­si­sche Min­der­heit sind, deren Stel­lung und Inter­es­sen den Klas­sen­be­zie­hun­gen im Land unter­ge­ord­net und von ihnen abhän­gig sind.

Für uns stel­len die Schwar­zen einen wich­ti­gen Fak­tor im Klas­sen­kampf, fast einen aus­schlag­ge­ben­den, dar. Sie sind ein wich­ti­ger Teil des Pro­le­ta­ri­ats. Es gibt in Ame­ri­ka auch eine Schwar­ze Klein­bour­geoi­sie, aber nicht so mäch­tig oder ein­fluss­reich, und sie spielt auch nicht die Rol­le, die die Klein­bour­geoi­sie und die Bour­geoi­sie bei den natio­nal unter­drück­ten (kolo­nia­len) Völ­kern spielt.

Der sta­li­nis­ti­sche Slo­gan der „Selbst­be­stim­mung“ beruht haupt­säch­lich auf einer Ein­schät­zung der ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen als natio­na­le Min­der­heit, die als Ver­bün­de­ter zu gewin­nen sei. Für uns stellt sich die Fra­ge: Wol­len wir die Schwar­zen als Ver­bün­de­te auf solch einer Basis gewin­nen, und wen wol­len wir gewin­nen, das Schwar­ze Pro­le­ta­ri­at oder die Schwar­ze Klein­bour­geoi­sie? Uns scheint es, dass wir mit die­sem Slo­gan vor allem die Klein­bour­geoi­sie gewin­nen wer­den, und wir kön­nen kein gro­ßes Inter­es­se dar­an haben, sie auf die­ser Grund­la­ge als Ver­bün­de­te zu gewin­nen. Wir wis­sen, dass die armen Bau­ern und Natu­ral­päch­ter die engs­ten Ver­bün­de­ten des Pro­le­ta­ri­ats sind, aber wir sind der Mei­nung, dass sie als sol­che vor allem auf der Basis des Klas­sen­kamp­fes gewon­nen wer­den kön­nen. Ein Kom­pro­miss in die­ser prin­zi­pi­el­len Fra­ge wür­de die klein­bür­ger­li­chen Ver­bün­de­ten dem Pro­le­ta­ri­at und auch den armen Bau­ern vor­zie­hen. Wir erken­nen die Exis­tenz bestimm­ter Pha­sen der Ent­wick­lung an, die auch beson­de­re Slo­gans erfor­dern. Aber der sta­li­nis­ti­sche Slo­gan scheint uns direkt zur „demo­kra­ti­schen Dik­ta­tur der Arbei­ter und Bau­ern“3 zu füh­ren. Die Ein­heit der Arbei­ter, der schwar­zen und wei­ßen, müs­sen wir vor­be­rei­ten, indem wir von einer Klas­sen­ba­sis aus­ge­hen, aber dabei ist es not­wen­dig, auch die Ras­sen­pro­ble­me anzu­er­ken­nen und zusätz­lich zu den Klas­senslo­gans auch Slo­gans zur Ras­sen­fra­ge vor­zu­brin­gen. Wir sind der Mei­nung, dass in die­ser Hin­sicht der Hauptslo­gan sein soll­te „sozia­le, poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Gleich­heit für die Schwar­zen“ sowie auch wei­te­re Slo­gans, die sich davon ablei­ten. Die­ser Slo­gan ist natür­lich ganz ver­schie­den von dem sta­li­nis­ti­schen Slo­gan der Selbst­be­stim­mung für eine natio­na­le Min­der­heit.

Die Füh­rer der (Kom­mu­nis­ti­schen) Par­tei behaup­ten, dass die Schwar­zen Arbei­ter und Bau­ern nur auf der Basis die­ses Slo­gans zu gewin­nen sei­en. Am Anfang wur­de er für die Schwar­zen im gan­zen Land vor­ge­bracht, jetzt aber nur noch für die in den Süd­staa­ten. Wir mei­nen, dass wir die Schwar­zen Arbei­ter nur auf einer Klas­sen­ba­sis gewin­nen kön­nen, wobei wir auch die Ras­senslo­gans für die not­wen­di­gen Zwi­schen­etap­pen der Ent­wick­lung vor­brin­gen. Wir glau­ben, dass so auch die armen Schwar­zen Far­mer am bes­ten als direk­te Ver­bün­de­te gewon­nen wer­den kön­nen.

Trotz­ki: Die Ansicht der ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen scheint mir nicht völ­lig über­zeu­gend zu sein. Das Selbst­be­stim­mungs­recht ist eine demo­kra­ti­sche For­de­rung. Unse­re ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen stel­len die libe­ra­le For­de­rung die­ser demo­kra­ti­schen For­de­rung gegen­über. Die­se libe­ra­le For­de­rung ist dar­über hin­aus kom­pli­ziert. Ich ver­ste­he, was poli­ti­sche Gleich­heit bedeu­tet. Aber was bedeu­tet öko­no­mi­sche und sozia­le Gleich­heit inner­halb der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft? Bedeu­tet das eine For­de­rung an die öffent­li­che Mei­nung, dass alle den glei­chen Schutz des Geset­zes genie­ßen sol­len? Aber das ist poli­ti­sche Gleich­heit. Der Slo­gan „poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Gleich­heit“ klingt unbe­stimmt und ist somit falsch.

Die Schwar­zen sind eine Ras­se und kei­ne Nati­on. Natio­nen erwach­sen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen aus ras­si­schem Mate­ri­al. Die Schwar­zen in Afri­ka sind noch kei­ne Nati­on, aber sie befin­den sich auf dem Weg, eine zu schaf­fen. Die ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen haben ein höhe­res kul­tu­rel­les Niveau. Da sie aber dem Druck der Ame­ri­ka­ner unter­wor­fen sind, inter­es­sie­ren sie sich für die Ent­wick­lung der Schwar­zen in Afri­ka. Der ame­ri­ka­ni­sche Schwar­ze wird Füh­rer für Afri­ka ent­wi­ckeln, das kann man mit Sicher­heit sagen, und das wird wie­der­um die Ent­wick­lung des poli­ti­schen Bewusst­seins in Ame­ri­ka beein­flus­sen.

Wir ver­pflich­ten natür­lich die Schwar­zen nicht, eine Nati­on zu wer­den; ob sie eine sind, ist eine Fra­ge ihres Bewusst­seins, das heißt, was sie möch­ten und wofür sie kämp­fen. Wir sagen: Wenn die Schwar­zen das wol­len, dann müs­sen wir bis zum letz­ten Bluts­trop­fen gegen den Impe­ria­lis­mus kämp­fen, damit sie ihr Recht erhal­ten, wo auch immer und wie auch immer sie wol­len, ein Stück Land für sich abzu­tren­nen. Die Tat­sa­che, dass sie heu­te in kei­nem Staat eine Mehr­heit stel­len, ist nicht von Bedeu­tung. Es ist nicht eine Fra­ge der staat­li­chen Auto­ri­tä­ten, son­dern eine der Schwar­zen. Dass es in Gebie­ten, die über­wie­gend von Schwar­zen bewohnt wer­den, Wei­ße gibt und wei­ter geben wird, steht nicht in Fra­ge, und wir brau­chen uns nicht die Köp­fe über die Mög­lich­keit zu zer­bre­chen, dass irgend­wann die Wei­ßen von den Schwar­zen unter­drückt wer­den könn­ten. Auf jeden Fall treibt ihre Unter­drü­ckung die Schwar­zen dazu, eine poli­ti­sche und natio­na­le Ein­heit zu suchen.

Dass der Slo­gan der „Selbst­be­stim­mung“ das Klein­bür­ger­tum eher als die Arbei­ter für sich gewin­nen wird, die­ses Argu­ment gilt auch für den Slo­gan der Gleich­heit. Es ist klar, dass jene Schwar­zen Ele­men­te, die eine grö­ße­re öffent­li­che Rol­le spie­len (Geschäfts­leu­te, Intel­lek­tu­el­le, Anwäl­te etc.) akti­ver sind und akti­ver auf Ungleich­heit reagie­ren. Man kann sagen, dass die libe­ra­le For­de­rung eben­so wie die demo­kra­ti­sche zunächst vor allem das Klein­bür­ger­tum anzie­hen wird und erst spä­ter die Arbei­ter.

Wenn die Situa­ti­on so wäre, dass in Ame­ri­ka gemein­sa­me Aktio­nen von wei­ßen und schwar­zen Arbei­tern statt­fän­den, dass die Klas­sen­ver­brü­de­rung also schon ein Fakt wäre, dann hät­ten die Argu­men­te unse­rer Genos­sen viel­leicht eine Basis (ich will nicht sagen, dass sie dann rich­tig wären), dann wür­den wir viel­leicht die schwar­zen Arbei­ter von den wei­ßen spal­ten, wenn wir anfin­gen den Slo­gan der „Selbst­be­stim­mung“ zu pro­pa­gie­ren.

Aber heu­te sind die wei­ßen Arbei­ter in Bezie­hung zu den Schwar­zen die Unter­drü­cker, die Lum­pen, die die schwar­zen und gel­ben Arbei­ter ver­fol­gen, auf sie her­ab­se­hen und sie lyn­chen. Wenn die Schwar­zen Arbei­ter sich mit ihren eige­nen Klein­bour­geois ver­ei­ni­gen, dann des­halb, weil sie noch nicht weit genug sind, um ihre ele­men­ta­ren Rech­te zu ver­tei­di­gen. Für die Arbei­ter in den Süd­staa­ten wür­de die libe­ra­le For­de­rung glei­cher Rech­te zwei­fel­los Fort­schritt bedeu­ten, aber die For­de­rung nach Selbst­be­stim­mung wäre ein noch grö­ße­rer Fort­schritt. Mit dem Slo­gan „glei­che Rech­te“ jedoch kön­nen sie leich­ter in die Irre geführt wer­den („dem Gesetz nach habt ihr die­se Gleich­heit“).

Wenn wir so weit sind, dass die Schwar­zen sagen „wir wol­len Auto­no­mie“, dann neh­men sie eine dem ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus feind­li­che Posi­ti­on ein. In die­sem Sta­di­um wer­den die Arbei­ter schon sehr viel ent­schlos­se­ner sein als das Klein­bür­ger­tum. Die Arbei­ter wer­den dann sehen, dass das Klein­bür­ger­tum unfä­hig ist zu kämp­fen und es zu nichts bringt, aber sie wer­den auch gleich­zei­tig erken­nen, dass die wei­ßen kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter für ihre For­de­run­gen kämp­fen, und das wird sie, die Schwar­zen Arbei­ter, zum Kom­mu­nis­mus brin­gen.

Weis­bord hat in gewis­sem Sinn Recht, wenn er sagt, dass die Selbst­be­stim­mung der Schwar­zen zur Fra­ge der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on in Ame­ri­ka gehört. Die Schwar­zen wer­den durch ihr Erwa­chen, durch ihre For­de­rung nach Auto­no­mie und durch die demo­kra­ti­sche Mobi­li­sie­rung ihrer Kräf­te in Rich­tung auf eine Klas­sen­ba­sis gescho­ben. Das Klein­bür­ger­tum wird die For­de­rung nach glei­chen Rech­ten und Selbst­be­stim­mung auf­neh­men, wird aber im Kampf abso­lut ver­sa­gen; der Schwar­ze Pro­le­ta­ri­er wird über die Klein­bour­geoi­sie hin­weg­mar­schie­ren in Rich­tung auf die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on. Das ist für sie viel­leicht der wich­tigs­te Weg. Ich kann des­halb kei­nen Grund erken­nen, war­um wir nicht die For­de­rung nach der Selbst­be­stim­mung erhe­ben soll­ten.

Ich bin nicht sicher, ob die Schwar­zen im Süden nicht doch ihre eige­ne Schwar­ze Spra­che spre­chen. Heu­te, wo sie fürch­ten, gelyncht zu wer­den, nur weil sie Schwar­ze sind, haben sie natür­lich Angst, ihre Schwar­ze Spra­che zu spre­chen; aber wenn sie erst mal frei sind, wird ihre Schwar­ze Spra­che wie­der zu Leben erwa­chen. Ich wür­de den ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen emp­feh­len, die­se Fra­ge sehr sorg­fäl­tig zu stu­die­ren, auch die der Spra­che in den Süd­staa­ten. Aus all die­sen Grün­den wür­de ich in die­ser Fra­ge eher zum Stand­punkt der (Kom­mu­nis­ti­schen) Par­tei nei­gen, natür­lich unter Beach­tung des­sen, dass ich die­se Fra­ge nie stu­diert habe und dass ich hier von all­ge­mei­nen Erwä­gun­gen aus­ge­gan­gen bin.

Ich fuße hier nur auf den Argu­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen. Ich fin­de sie unzu­rei­chend und betrach­te sie in gewis­ser Hin­sicht als Kon­zes­sio­nen gegen­über dem ame­ri­ka­ni­schen Chau­vi­nis­mus, und das scheint mir eine gefähr­li­che Ange­le­gen­heit zu sein. Was kön­nen wir bei die­ser Fra­ge ver­lie­ren, wenn wir mit unse­ren For­de­run­gen wei­ter gehen als die Schwar­zen sel­ber es heu­te tun? Wir zwin­gen sie nicht, sich staat­lich zu tren­nen, aber sie haben das vol­le Recht dazu, und wir wer­den sie mit allen uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln bei der Gewin­nung die­ses Rechts unter­stüt­zen und ver­tei­di­gen, genau­so wie wir alle unter­drück­ten Völ­ker ver­tei­di­gen.

Swa­beck: Ich gebe zu, dass Sie schwer­wie­gen­de Argu­men­te vor­ge­bracht haben, aber ich bin noch nicht völ­lig über­zeugt. Die Exis­tenz einer beson­de­ren Schwar­zen Spra­che in den Süd­staa­ten ist mög­lich, aber im All­ge­mei­nen spre­chen alle Schwar­zen Eng­lisch. Sie sind voll­stän­dig assi­mi­liert. Ihre Reli­gi­on ist das ame­ri­ka­ni­sche Bap­tis­ten­tum und die Spra­che in ihren Kir­chen ist eben­falls Eng­lisch.

Wirt­schaft­li­che Gleich­heit ver­ste­hen wir kei­nes­wegs im Sin­ne recht­li­cher Gleich­heit. Im Nor­den (wie natür­lich auch in den Süd­staa­ten) sind die Löh­ne für die Schwar­zen stets nied­ri­ger als für die wei­ßen Arbei­ter, und ihr Arbeits­tag ist meis­tens län­ger; das wird sozu­sa­gen als natür­lich akzep­tiert. Dar­über hin­aus bekom­men die Schwar­zen die unan­ge­nehms­ten Arbei­ten. Wegen die­ser Bedin­gun­gen ist es, dass wir öko­no­mi­sche Gleich­heit für die Schwar­zen Arbei­ter ver­lan­gen.

Wir bestrei­ten den Schwar­zen nicht ihr Recht auf Selbst­be­stim­mung. Das ist nicht der Punkt unse­rer Mei­nungs­ver­schie­den­heit mit den Sta­li­nis­ten. Aber wir bestrei­ten, dass es rich­tig ist, den Slo­gan der Selbst­be­stim­mung zu pro­pa­gie­ren, um die Mas­sen der Schwar­zen zu gewin­nen. Die Schwar­ze Bevöl­ke­rung wird zuerst ein­mal in Rich­tung Gleich­heit im sozia­len, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sinn getrie­ben. Gegen­wär­tig stellt die Par­tei den Slo­gan der Selbst­be­stim­mung nur für die Süd­staa­ten auf. Man kann natür­lich kaum erwar­ten, dass die Schwar­zen aus den Indus­trien im Nor­den den Wunsch haben soll­ten, in den Süden zurück­zu­keh­ren, und es gibt auch wirk­lich kei­ner­lei Hin­wei­se auf solch ein Ver­lan­gen. Im Gegen­teil. Ihr nicht aus­ge­spro­che­ner Wunsch ist auf der Basis der Bedin­gun­gen, unter denen sie leben, der nach gesell­schaft­li­cher, poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Gleich­heit. Das gilt auch für den Süden. Aus eben die­sem Grund glau­ben wir, dass das der wich­ti­ge Ras­sen-Slo­gan ist. Wir betrach­ten die Schwar­zen nicht als im glei­chen Sinn wie die unter­drück­ten Kolo­ni­al­völ­ker natio­nal unter­drückt. Wir sind der Mei­nung, dass der Slo­gan der Sta­li­nis­ten dazu ten­diert, die Schwar­zen von der Klas­sen­ba­sis fort mehr zur Ras­sen­ba­sis zu füh­ren. Das ist der Haupt­grund, wes­halb wir dage­gen sind. Wir glau­ben, dass der Ras­sen-Slo­gan wie er von uns vor­ge­schla­gen wird direkt zur Klas­sen­ba­sis führt.

Frank4: Gibt es in Ame­ri­ka beson­de­re Schwar­ze Bewe­gun­gen?

Swa­beck: Ja, meh­re­re. Zunächst hat­ten wir die Bewe­gung von Gar­vey, deren Ziel die Aus­wan­de­rung nach Afri­ka war5. Sie hat­te eine gro­ße Gefolg­schaft, zer­platz­te aber schließ­lich als ein Schwin­del. Heu­te ist davon nicht mehr viel übrig geblie­ben. Ihr Slo­gan war die Schaf­fung einer Schwar­zen Repu­blik in Afri­ka. Ande­re Schwar­ze Bewe­gun­gen beru­hen haupt­säch­lich auf For­de­run­gen nach gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Gleich­heit, wie z.B. die „League (Natio­nal Asso­cia­ti­on) for the Advan­ce­ment of Colo­red Peop­le“6. Das ist eine gro­ße ras­si­sche Bewe­gung.

Trotz­ki: Ich glau­be auch, dass die For­de­rung nach glei­chen Rech­ten blei­ben soll, und ich spre­che nicht gegen die­se For­de­rung. Sie ist in dem Maße fort­schritt­lich, wie sie nicht rea­li­siert wor­den ist. Genos­se Swa­becks Erklä­rung betreffs der Fra­ge der öko­no­mi­schen Gleich­heit ist sehr wich­tig. Aber das allei­ne ent­schei­det noch nicht die Fra­ge des Schick­sals der Schwar­zen als sol­che, die Fra­ge nach der Nati­on usw. Den Argu­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen zufol­ge könn­te man z.B. sagen, dass Bel­gi­en auch kei­ne Rech­te als Nati­on hat. Die Bel­gi­er sind Katho­li­ken und ein gro­ßer Teil von ihnen spricht Fran­zö­sisch. Was wäre, wenn Frank­reich sie mit so einem Argu­ment annek­tie­ren woll­te? Auch das Schwei­zer Volk fühlt sich durch sei­ne his­to­ri­schen Ver­bin­dun­gen als eine Nati­on, trotz ver­schie­de­ner Spra­chen und Reli­gio­nen. Ein abs­trak­tes Kri­te­ri­um ist in die­ser Fra­ge nicht aus­schlag­ge­bend; sehr viel aus­schlag­ge­ben­der ist das his­to­ri­sche Bewusst­sein einer Grup­pe, ihre Gefüh­le, ihre Impul­se. Aber auch das wird nicht vom Zufall bestimmt, son­dern eher durch die Situa­ti­on und alle dazu­ge­hö­ri­gen Umstän­de. Die Fra­ge der Reli­gi­on hat abso­lut nichts mit die­ser Fra­ge der Natio­na­li­tät zu tun. Der Bap­tis­mus des Schwar­zen ist etwas völ­lig ande­res als der Bap­tis­mus Rocke­fel­lers7. Das sind zwei ver­schie­de­ne Reli­gio­nen.

Das poli­ti­sche Argu­ment, das die For­de­rung der Selbst­be­stim­mung zurück­weist, ist Dok­tri­na­ris­mus. Das ist es, was wir in Russ­land immer bezüg­lich der Selbst­be­stim­mungs-Fra­ge gehört haben. Die rus­si­sche Erfah­rung hat uns gezeigt, dass Grup­pen, die als Bau­ern leben, ihre Beson­der­hei­ten bewah­ren – ihre Sit­ten, ihre Spra­che usw. – und, dass sich die­se Cha­rak­te­ris­ti­ka wei­ter­ent­wi­ckeln, wenn ihnen die Gele­gen­heit gege­ben wird.

Die Schwar­zen sind noch nicht erweckt wor­den, und sie sind noch nicht mit den wei­ßen Arbei­tern ver­eint wor­den. 99,9 % der ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter sind Chau­vi­nis­ten; in Bezug auf die Schwar­zen sind sie eben­so Hen­ker wie auch in Bezug auf die Chi­ne­sen usw. Es ist not­wen­dig, ihnen ver­ständ­lich zu machen, dass der ame­ri­ka­ni­sche Staat nicht ihr Staat ist und dass sie nicht die Wäch­ter die­ses Staa­tes sein brau­chen. Die ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter, die sagen: „Die Schwar­zen soll­ten sich tren­nen, wenn sie es möch­ten, und wir wer­den sie dann gegen unse­re ame­ri­ka­ni­sche Poli­zei ver­tei­di­gen“ – das sind die Revo­lu­tio­nä­re, in sie habe ich Ver­trau­en.

Das Argu­ment, dass der Slo­gan der Selbst­be­stim­mung vom Klas­sen­stand­punkt weg­füh­re, ist eine Anpas­sung an die Ideo­lo­gie der wei­ßen Arbei­ter. Der Schwar­ze kann zu einem Klas­sen­stand­punkt nur gebracht wer­den, wenn der wei­ße Arbei­ter erzo­gen ist. Im Gan­zen ist die Fra­ge der kolo­nia­len Völ­ker in ers­ter Linie eine Fra­ge der Erzie­hung des Metro­po­len-Arbei­ters.

Der ame­ri­ka­ni­sche Arbei­ter ist unbe­schreib­bar reak­tio­när. Das kann man jetzt an der Tat­sa­che sehen, dass er noch nicht ein­mal für den Gedan­ken der Sozi­al­ver­si­che­rung gewon­nen wor­den ist. Des­we­gen sind die ame­ri­ka­ni­schen Kom­mu­nis­ten gezwun­gen, Reform­pro­gram­me vor­zu­stel­len.

Wenn die Schwar­zen im Augen­blick kei­ne Selbst­be­stim­mung for­dern, dann aus dem glei­chen Grund, aus dem auch die wei­ßen Arbei­ter noch nicht den Slo­gan der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats auf­stel­len. Die Schwar­zen haben es noch nicht in ihre Köp­fe gekriegt, dass sie es wagen soll­ten, einen Teil der gro­ßen und mäch­ti­gen Staa­ten für sich selbst her­aus­zu­bre­chen. Aber der wei­ße Arbei­ter muss dem Schwar­zen auf hal­bem Weg ent­ge­gen­kom­men und zu ihm sagen: „Wenn Du Dich tren­nen willst, wirst Du unse­re Unter­stüt­zung haben“. Die tsche­chi­schen Arbei­ter sind auch nur über die Des­il­lu­sio­nie­rung mit ihrem eige­nen Staat zum Kom­mu­nis­mus gekom­men8.

Ich glau­be, dass wegen der noch nicht gese­he­nen poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Rück­stän­dig­keit und der eben­falls ein­ma­li­gen öko­no­mi­schen Fort­schritt­lich­keit in Ame­ri­ka das Erwa­chen der Arbei­ter­klas­se ganz schnell von Stat­ten gehen wird. Der alte ideo­lo­gi­sche Schlei­er wird zer­rei­ßen, alle Fra­gen wer­den auf ein­mal hoch­kom­men, und da das Land wirt­schaft­lich so reif ist, wird die Anpas­sung der poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Ebe­ne an die wirt­schaft­li­che sehr schnell erreicht wer­den.

Dann wird es mög­lich sein, dass die Schwar­zen der fort­ge­schrit­tens­te Teil wer­den. Wir haben mit Russ­land schon ein ähn­li­ches Bei­spiel. Die Rus­sen waren die Schwar­zen Euro­pas. Es ist durch­aus mög­lich, dass die Schwar­zen über die Selbst­be­stim­mung in einer Rei­he gigan­ti­scher Schrit­te vor dem gro­ßen Block der wei­ßen Arbei­ter zur pro­le­ta­ri­schen Dik­ta­tur kom­men wer­den. Sie wer­den dann die Vor­hut sein. Ich bin abso­lut sicher, dass sie auf jeden Fall bes­ser kämp­fen wer­den als die wei­ßen Arbei­ter. Das kann aller­dings nur gesche­hen, wenn die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei einen kom­pro­miss­lo­sen, gna­den­lo­sen Kampf nicht gegen die ver­meint­li­chen natio­na­len Vor­ein­ge­nom­men­hei­ten der Schwar­zen, son­dern gegen die kolos­sa­len Vor­ur­tei­le der wei­ßen Arbei­ter führt und ihnen gegen­über kei­ner­lei Kon­zes­sio­nen macht9.

Swa­beck: Ist es dann Ihre Mei­nung, dass der Slo­gan der Selbst­be­stim­mung ein Mit­tel sein wird, die Schwar­zen gegen den ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus in Bewe­gung zu set­zen?

Trotz­ki: Natür­lich. Indem sie ihren eige­nen Staat aus dem mäch­ti­gen Ame­ri­ka her­aus­bre­chen und das mit der Unter­stüt­zung der wei­ßen Arbei­ter tun, wird sich das Selbst­be­wusst­sein der Schwar­zen enorm ent­wi­ckeln.

Die Refor­mis­ten und Revi­sio­nis­ten haben eine Men­ge dahin­ge­hend geschrie­ben, dass der Kapi­ta­lis­mus in Afri­ka eine zivi­li­sa­to­ri­sche Arbeit durch­füh­re und dass, wenn die Völ­ker Afri­kas allei­ne gelas­sen wür­den, sie noch mehr von Geschäf­te­ma­chern etc. aus­ge­beu­tet wür­den als jetzt, wo sie zumin­dest einen gewis­sen recht­li­chen Schutz genie­ßen.

In gewis­sem Maße kann die­ses Argu­ment rich­tig sein. Aber in die­sem Fall ist es auch vor allem eine Fra­ge der euro­päi­schen Arbei­ter: Ohne ihre Befrei­ung ist wah­re kolo­nia­le Befrei­ung nicht mög­lich. Wenn der wei­ße Arbei­ter die Rol­le des Unter­drü­ckers spielt, kann er sich nicht selbst befrei­en und noch weni­ger die Kolo­ni­al­völ­ker. Das Recht auf Selbst­be­stim­mung der kolo­nia­len Völ­ker kann in bestimm­ten Zei­ten zu ver­schie­de­nen Ergeb­nis­sen füh­ren; in letz­ter Instanz jedoch wird es zum Kampf gegen den Impe­ria­lis­mus und zur Befrei­ung der Kolo­ni­al­völ­ker füh­ren.

Vor dem Krieg stell­te die öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie (vor allem Ren­ner10) die Fra­ge der natio­na­len Min­der­hei­ten auch abs­trakt. Sie argu­men­tier­ten eben­falls, dass der Slo­gan der Selbst­be­stim­mung nur die Arbei­ter vom Klas­sen­stand­punkt weg­füh­ren wür­de und dass der Min­der­hei­ten­staat wirt­schaft­lich nicht lebens­fä­hig sei. War die­se Art, die Fra­ge zu stel­len, rich­tig oder falsch?

Sie war abs­trakt. Die öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten sag­ten, dass die natio­na­len Min­der­hei­ten kei­ne Natio­nen sei­en. Was sehen wir heu­te? Die Tei­le, die sich (vom alten öster­reich-unga­ri­schen Reich) abge­trennt haben, exis­tie­ren – sicher schlecht, aber sie exis­tie­ren. In Russ­land haben die Bol­sche­wi­ki immer für die Selbst­be­stim­mung der natio­na­len Min­der­hei­ten gekämpft, ein­schließ­lich des Rechts auf völ­li­ge Tren­nung. Und den­noch sind die­se Grup­pen, nach­dem sie die Selbst­be­stim­mung erreicht hat­ten, bei der Sowjet­uni­on geblie­ben. Wenn die öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie frü­her in die­ser Fra­ge eine kor­rek­te Poli­tik gehabt hät­te, dann hät­te sie den natio­na­len Min­der­heits­grup­pen gesagt: „Ihr habt das vol­le Recht auf Selbst­be­stim­mung; wir haben kei­ner­lei Inter­es­se dar­an, Euch in der Hand der Habs­bur­ger Mon­ar­chie zu las­sen“ – dann wäre es mög­lich gewe­sen, nach der Revo­lu­ti­on eine gro­ße Donau-Föde­ra­ti­on zu schaf­fen. Die Dia­lek­tik der Ent­wick­lung zeigt, dass dort, wo es einen been­gen­den Zen­tra­lis­mus gab, der Staat zer­fiel, und dass dort, wo völ­li­ge Selbst­be­stim­mung durch­ge­führt wur­de, ein wirk­li­cher Staat ent­stand und ver­eint blieb.

Die Schwar­ze Fra­ge ist von enor­mer Bedeu­tung für Ame­ri­ka. Die „League“ muss die­se Fra­ge ernst­haft dis­ku­tie­ren, viel­leicht in ihrem inter­nen Bul­le­tin.

Die­ser Text folgt weit­ge­hend der Ver­si­on aus der Bro­schü­re „Leo Trotz­ki: Natio­na­le Fra­ge und natio­na­le Min­der­hei­ten“. Wir haben uns jedoch dafür ent­schie­den, den eng­li­schen Begriff „Negro“ mit „Schwarz“ bzw. „Schwar­zer“ statt wie in der zugrun­de lie­gen­den Ver­si­on mit dem N‑Wort zu über­set­zen. 

Fuß­no­ten

1. James P. Can­non: The First Ten Years of Ame­ri­can Com­mu­nism, New York 1962, eige­ne Über­set­zung.

2. Albert Weis­bord (1900–77), ehe­mals Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­tor der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, war der Füh­rer einer klei­nen Grup­pe namens „Com­mu­nist League of Strugg­le“, die 1931–37 exis­tier­te, und die sich 1933 kurz­fris­tig als Anhän­ger der Inter­na­tio­na­len Lin­ken Oppo­si­ti­on bezeich­ne­te, ohne die­ser aller­dings bei­zu­tre­ten.

3. Die Sta­li­nis­ten benutz­ten die­sen Begriff in den 20er und 30er Jah­ren, um ihre Unter­stüt­zung für gewis­se bür­ger­li­che Kräf­te vor­al­lem im Fer­nen Osten zu recht­fer­ti­gen. Sie behaup­te­ten, dass Tschiang Kai-scheks Sieg in der zwei­ten chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on von 1925–27 eine sol­che Dik­ta­tur zum Ergeb­nis haben wer­de, wäh­rend sie in Wirk­lich­keit zu einer kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren bür­ger­li­chen Mili­tär­dik­ta­tur über die Arbei­ter und Bau­ern führ­te.

4. Pierre Frank, Mit­be­grün­der der Fran­zö­si­schen Lin­ken Oppo­si­ti­on, war 1932- 33 Trotz­kis Sekre­tär in der Tür­kei. Nach dem 2. Welt­krieg war er Mit­glied des Inter­na­tio­na­len Sekre­ta­ri­ats der IV. Inter­na­tio­na­le, dann des „Ver­ei­nig­ten Sekre­ta­ri­ats“.

5. Die „Uni­ver­sal Negro Impro­ve­ment Asso­cia­ti­on“ wur­de 1914 von Mar­cus Gar­vey (1887–1940) in sei­nem Hei­mat­land Jamai­ca und 1916 in den USA orga­ni­siert. Sie wur­de zu einer inter­na­tio­na­len „Zurück nach Afrika“-Bewegung mit einer Anhän­ger­schaft, die auf ihrem Höhe­punkt zwi­schen dem 1. Welt­krieg und den Mitt-Zwan­zi­ger Jah­ren in den USA Hun­dert­tau­sen­de zähl­te.

6. Die NAACP wur­de 1909 von Libe­ra­len, Sozi­al­de­mo­kra­ten und liber­tä­ren Bür­ger­recht­lern, dar­un­ter W.E.B. Du Bois, gegrün­det.

7. Der Ölba­ron John D. Rocke­fel­ler (1839–1937) oder sein Sohn J.D.R, Jr. (1874- 1960).

8. Die Tsche­cho­slo­wa­kei, bis dahin Teil der öster­reich-unga­ri­schen KuK-Mon­ar­chie wur­de am 28.10.1918 gegrün­det. Die bür­ger­li­che Regie­rung in Prag ver­folg­te von Anfang an einen tsche­chisch-chau­vi­nis­ti­schen Kurs gegen­über den – mehr­heit­li­chen – Min­der­heits­völ­ker. 1992 zer­fiel der Staat in eine tsche­chi­sche und eine slo­wa­ki­sche Repu­blik.

9. Vor der kampf­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on der Kom­in­tern und ihrer Sek­tio­nen vor dem Faschis­mus 1933 ver­stand sich die Lin­ke Oppo­si­ti­on bzw. die Anhän­ger Trotz­kis noch als oppo­si­tio­nel­le Frak­ti­on der Kom­in­tern und ori­en­tier­te auf die Beein­flus­sung der sta­li­nis­ti­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en. Erst die­se Erfah­rung führ­te Trotz­ki zu der Auf­fas­sung, dass der Sta­li­nis­mus als Aus­druck der Inter­es­sen der Sowjet­bü­ro­kra­tie „durch und durch kon­ter­re­vo­lu­tio­när“ sei und eine neue Inter­na­tio­na­le, die IV. Inter­na­tio­na­le, gegrün­det wer­den müs­se, um durch den revo­lu­tio­nä­ren Sturz der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie die sozia­lis­ti­sche Opti­on zu ret­ten.

10. Karl Ren­ner (1870–1950) war 1919–20 sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kanz­ler Öster­reichs und 1931–33 Prä­si­dent der Natio­nal­ver­samm­lung.

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