[KgK:] Mali: Der Putsch hat einen Verbündeten des französischen Imperialismus gestürzt

Nach meh­re­ren Mona­ten sozia­ler Pro­tes­te und einer Kri­se in der Regie­rung von Prä­si­dent Ibra­him Bou­ba­car Keï­ta, bekannt als „IBK“, haben Offizier*innen der mali­schen Armee am Diens­tag letz­ter Woche einen Staats­streich durch­ge­führt. Wie beim letz­ten Putsch im Jahr 2012 begann alles mit einer Meu­te­rei im Lager von Kati, etwas mehr als 15 Kilo­me­ter von Bama­ko ent­fernt, der Haupt­stadt des Lan­des. Die rebel­li­schen Soldat*innen nah­men den Prä­si­den­ten und sei­nen Pre­mier­mi­nis­ter Bou­bou Cis­sé gefan­gen. In der Nacht von Diens­tag auf Mitt­woch gab IBK in erns­tem Ton sei­nen Rück­tritt und die Auf­lö­sung der Natio­nal­ver­samm­lung bekannt. Gleich­zei­tig kün­dig­te Ismaël Wagué, stell­ver­tre­ten­der Gene­ral­stabs­chef der Luft­waf­fe, die Schaf­fung eines Natio­na­len Komi­tees für die Ret­tung des Vol­kes (Comi­té Natio­nal pour le Salut du Peu­p­le, CNSP) an. Schließ­lich pro­kla­mier­te sich der Oberst der mali­schen Armee, Assi­mi Goita, selbst zum Prä­si­den­ten des CNSP und wur­de so zu Malis „star­kem Mann“.

Der Staats­streich wur­de in den Stra­ßen von Bama­ko mit Jubel begrüßt. Zumin­dest vor­läu­fig. Denn die besag­te Grup­pe von Soldat*innen sagt, dass sie „einen zivi­len poli­ti­schen Über­gang, der zu glaub­wür­di­gen all­ge­mei­nen Wah­len führt“ in einem „ange­mes­se­nen Zeit­raum“ anstrebt. Die Putschist*innen erklä­ren zudem, dass sie sich zum Han­deln ent­schlos­sen haben, weil „Mali wegen der Män­ner, die für sein Schick­sal ver­ant­wort­lich sind, immer wei­ter in Cha­os, Anar­chie und Unsi­cher­heit ver­sinkt“. Das sei der Grund, aus dem sie repres­si­ve Maß­nah­men wie die Ein­füh­rung einer Aus­gangs­sper­re und die Schlie­ßung der Gren­zen ergrif­fen haben.

In Mali hat­te es in den letz­ten Mona­ten gro­ße Demons­tra­tio­nen und Streiks gege­ben. Die­se hat­ten sich nach den Par­la­ments­wah­len im April letz­ten Jah­res zuge­spitzt. Die Oppo­si­ti­on und ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung hat­ten kri­ti­siert, dass sie zuguns­ten der dama­li­gen Regie­rung orga­ni­siert wor­den waren. Die Repres­si­on sei­tens der Regie­rung von IBK, Ver­bün­de­ter und treue Mario­net­te Frank­reichs, for­der­te im Juli min­des­tens 14 Tote. Des­halb gab die Oppo­si­ti­ons­ko­ali­ti­on M5-RFP, bestehend aus ehe­ma­li­gen Regi­me­an­ge­hö­ri­gen und dem ultra-reak­tio­nä­ren Imam Mahmoud Dicko, nun Erklä­run­gen zuguns­ten der Putschist*innen ab.

Die impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te, ange­fan­gen natür­lich mit Frank­reich, und ihre regio­na­len Satel­li­ten­staa­ten haben den Putsch jedoch sofort ver­ur­teilt. So kri­ti­sier­ten die West­afri­ka­ni­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft ECOWAS und der fran­zö­si­sche Außen­mi­nis­ter Jean-Yves Le Dri­an „die­ses schwer­wie­gen­de Ereig­nis auf das Schärfs­te“. Sie for­der­ten „die Mili­tärs auf, unver­züg­lich in ihre Kaser­nen zurück­zu­keh­ren“ und dass „die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung auf­recht­erhal­ten wird“. Auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Chi­na ver­ur­teil­ten den Putsch. Die Nach­bar­län­der Malis schlos­sen ihre Gren­zen und setz­ten den wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ver­kehr mit dem Land aus.

Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass die Bereit­schaft, den Putsch in Mali anzu­pran­gern, im Wider­spruch zu ande­ren ähn­li­chen Situa­tio­nen, wie z.B. dem Putsch in Boli­vi­en gegen Evo Mora­les im ver­gan­ge­nen Jahr steht. Damals nahm Frank­reich Mora­les‘ „Rück­tritt“ ledig­lich „zur Kennt­nis“ und erkann­te den Putsch mit der For­de­rung nach der Orga­ni­sa­ti­on eines „Über­gangs“ an.

Der Putsch betrifft nicht nur Mali

Aber eines ist sicher: Frank­reich und sei­ne Ver­bün­de­ten befürch­ten, dass der Staats­streich in Mali den Weg für ähn­li­che Situa­tio­nen in ande­ren Län­dern der Regi­on ebnen könn­te, die mit den glei­chen poli­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen haben: Niger, Bur­ki­na Faso und ins­be­son­de­re die Elfen­bein­küs­te. Für den ivo­ri­schen Ana­lys­ten Franck Her­mann Ekra, des­sen Wor­te von der Zei­tung Libé­ra­ti­on über­mit­telt wur­den, ist es, „als wäre gera­de ein ‚mali­sches Modell‘ gebo­ren wor­den“. Vor allem in den Nach­bar­län­dern erlau­be sich end­lich jeder zu den­ken, dass nun alles mög­lich sei, indem er die Gescheh­nis­se in Mali mit ähn­li­chen Situa­tio­nen wie der auch zuhau­se ver­brei­te­ten Ableh­nung der herr­schen­den Macht ver­glei­che.

Der Pro­test gegen die IBK-Regie­rung schöpft sei­ne Kraft aus der ende­mi­schen Kor­rup­ti­on und der ver­schlech­ter­ten wirt­schaft­li­chen Lage, die durch die Covid-19-Pan­de­mie noch ver­schlim­mert wur­de, aber auch aus der Situa­ti­on im Nor­den des Lan­des. Der Krieg, den die mali­sche Armee an der Sei­te der impe­ria­lis­ti­schen Kräf­te seit fast acht Jah­ren gegen die isla­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen in Aza­wad führt, hat in der Bevöl­ke­rung und inner­halb der Armee gro­ßes Unbe­ha­gen und bei eini­gen Soldat*innen das Gefühl her­vor­ge­ru­fen, umsonst in den Tod geschickt zu wer­den. Die­se Situa­ti­on hat in der mali­schen Bevöl­ke­rung eine anti­fran­zö­si­sche Stim­mung zu ver­stär­ken, obwohl sie 2013 die fran­zö­si­sche Mili­tär­in­ter­ven­ti­on im Nor­den noch weit­ge­hend befür­wor­te­te.

Die­se Stim­mung ist für Frank­reich ein Grund zu gro­ßer Sor­ge. Der Staats­streich, der höchst­wahr­schein­lich von Frak­tio­nen der herr­schen­den Klas­sen und der Armee ohne Zustim­mung der fran­zö­si­schen Regie­rung durch­ge­führt wur­de, erschwert die Stra­te­gie des impe­ria­lis­ti­schen Lan­des in der Regi­on. Für deren Armee, die 5.100 Sol­da­ten im Land sta­tio­niert hat, ist dies ein rie­si­ges Pro­blem. Wie in einer Ana­ly­se in der fran­zö­si­schen Zei­tung Le Figa­ro zu lesen ist:

Für die fran­zö­si­sche Ope­ra­ti­on ist der poli­ti­sche Umsturz in Bama­ko ein Rück­schlag. Die gesam­te Stra­te­gie von Paris wird über­prüft wer­den müs­sen. Der im Janu­ar von Emma­nu­el Macron ein­be­ru­fe­ne Pau-Gip­fel ziel­te dar­auf ab, die afri­ka­ni­schen Staa­ten und vor allem Mali im Kampf gegen ter­ro­ris­ti­sche Grup­pen wie­der zu mobi­li­sie­ren. Um die Schlacht zu gewin­nen, war es not­wen­dig, dass es dem mali­schen Staat gelang, sich auf sei­nen ver­lo­re­nen Gebie­ten wie­der fest­zu­set­zen. Die Erfol­ge der letz­ten Mona­te in der Drei-Gren­zen-Regi­on wer­den wahr­schein­lich ohne Fort­set­zung blei­ben.

Und wei­ter:

Das poli­ti­sche Ver­sa­gen Malis bedroht auch den inter­na­tio­na­len mili­tä­ri­schen Ein­satz. Seit meh­re­ren Mona­ten ver­sucht Frank­reich mit dem Ein­satz der Task For­ce ‚Taku­ba‘, die sich aus euro­päi­schen Spe­zi­al­ein­hei­ten zusam­men­setzt, die Unter­stüt­zung sei­ner euro­päi­schen Part­ner zu erhal­ten. Ein ers­tes est­ni­sches Kon­tin­gent traf im Juli ein. Es soll­ten tsche­chi­sche und dann schwe­di­sche Ein­satz­kräf­te fol­gen. Die unbe­kann­te poli­ti­sche Zukunft Bama­kos könn­te nun zusätz­li­che Unter­stüt­zung erschwe­ren. Es hat Macron viel Zeit gekos­tet, sei­ne Gesprächs­part­ner davon zu über­zeu­gen, sich in der Sahel­zo­ne zu enga­gie­ren. Ihr Rück­zug könn­te schnel­ler erfol­gen, wenn es für die Zukunft Malis kei­ne mit­tel­fris­ti­ge Lösung zu geben scheint.

Mali ist seit 2013 zu einem mit Besat­zungs­trup­pen „über­be­völ­ker­ter“ Staat gewor­den. Wie Oberst Michel Goya in den Spal­ten des Figa­ro erklärt:

Man darf nicht ver­ges­sen, dass die fran­zö­si­schen Streit­kräf­te nicht die ein­zi­gen aus­län­di­schen Streit­kräf­te vor Ort sind, nicht ein­mal die wich­tigs­ten. Der größ­te mili­tä­ri­sche Akteur in Mali ist die Mul­ti­di­men­sio­na­le Inte­grier­te Sta­bi­li­sie­rungs­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen in Mali (MINUSMA) mit mehr als 13.000 Blau­hel­men aus vie­len ver­schie­de­nen Län­dern. […] Zudem gibt es die Mis­si­on der EU in Mali, die die Aus­bil­dung bzw. Umschu­lung von 14.000 mali­schen Soldat*innen beauf­sich­tigt. Klei­ne­re euro­päi­sche Trup­pen sind im Rah­men der ‚Ope­ra­ti­on Bark­ha­ne‘ ein­ge­setzt oder mit der Aus­bil­dung der Taku­ba-Spe­zi­al­kräf­te­grup­pe beauf­tragt. Wir dür­fen das Afri­ka­ni­sche Kom­man­do der Ver­ei­nig­ten Staa­ten (AFRICOM) nicht ver­ges­sen, das alle alli­ier­ten Streit­kräf­te dis­kret unter­stützt. Zu guter Letzt ist Mali auch Teil der G5-Sahel-Grup­pe, deren Trup­pe ver­mut­lich auf Malis Ter­ri­to­ri­um inter­ve­nie­ren wird.

Die mili­tä­ri­sche „Über­ak­ti­vi­tät“ in Mali hat kei­nes­wegs zu einem Rück­zug der isla­mis­ti­schen Grup­pen geführt. Im Gegen­teil: Die Sahel­zo­ne ist zu einer der gefähr­lichs­ten und töd­lichs­ten Regio­nen des Kon­ti­nents gewor­den. Wäh­rend das erklär­te Ziel Frank­reichs in der Regi­on die „Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus“ ist, gehen die stra­te­gi­schen Zie­le in der Regi­on weit dar­über hin­aus und zie­len auf eine stren­ge Kon­trol­le der natür­li­chen Res­sour­cen die­ses Teils des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents ab, die haupt­säch­lich von fran­zö­si­schen mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men genutzt wer­den sol­len. Daher kon­trol­liert der fran­zö­si­sche Staat die Infor­ma­tio­nen über sei­ne Akti­vi­tä­ten in Mali so streng, dass er sogar das Dos­sier über den Krieg in Aza­wad zen­siert, das im März letz­ten Jah­res in der wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift Afri­que con­tem­porai­ne ver­öf­fent­licht wer­den soll­te.

In die­ser Hin­sicht muss sich der fran­zö­si­sche Impe­ria­lis­mus aber kei­ne Sor­gen um die Putschist*innen machen. Einer der Sol­da­ten, Gene­ral Wagué, erklär­te bereits, dass „alle getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen“ ein­ge­hal­ten wer­den:

Die (UNO-Mis­si­on) MINUSMA, die (fran­zö­si­sche anti­ji­ha­dis­ti­sche) Bark­ha­ne-Trup­pe, die G5-Sahel-Grup­pe (zu der fünf Län­der der Regi­on gehö­ren), die Taku­ba-Trup­pe (eine Grup­pe euro­päi­scher Spe­zi­al­ein­hei­ten, die die Malier*innen im Kampf beglei­ten soll) blei­ben unse­re Part­ner.

Mit ande­ren Wor­ten: Die Mili­tärs wol­len die Poli­tik der kor­rup­te IBK-Regierung(und allen vor­he­ri­gen) fort­set­zen und sich dem fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus und ande­ren Welt­mäch­ten unter­wer­fen.

Aus die­sem Grund wäre es für die Arbeiter*innen und die Bevöl­ke­rung Malis ein fata­ler Feh­ler, in Bezug auf Eman­zi­pa­ti­on und ein men­schen­wür­di­ges Leben ihre Hoff­nung auf die­se Mili­tär­jun­ta zu set­zen. Nicht weni­ger kata­stro­phal wäre es, der M5-RFP-Koali­ti­on, die von reak­tio­nä­ren Per­sön­lich­kei­ten und isla­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen gebil­det wird, zu ver­trau­en. Und es liegt auf der Hand, dass der schlimms­te ihrer Fein­de der Impe­ria­lis­mus bleibt, ins­be­son­de­re in sei­ner unver­hoh­le­nen mili­ta­ris­ti­schen Form. All die­se Kräf­te sind Fein­de der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten in Mali und auf dem gesam­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent.

Die­ser Arti­kel erschien erst­mals am 20. August auf Fran­zö­sisch bei Révo­lu­ti­on Per­ma­nen­te

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