[LCM:] Verschwörungstheorien: „Wer andere als doof überführen kann, gilt ja als schlau.“

Mit dem Text „Die bes­te Ent­schwö­rung ist Klas­sen­kampf“ vom Mai 2020, übt Dani­el Kul­la lie­ber Ideo­lo­gie­kri­tik und gibt Impul­se für die Aus­he­be­lung des Kon­kur­renz­ver­hält­nis­ses durch Klas­sen­kampf – auch mit dem Mit­tel der Ver­schwö­rung. Das Inter­view knüpft an die­sen und den Text „Bla­me the Game – Das Sys­tem ist kei­ne Ver­schwö­rung“ des Roten Auf­bau Ham­burg an. Lea Mati­ka in einem Inter­view mit Dani­el Kul­la über Feh­ler im (nicht nur anti­se­mi­ti­schen) Ver­schwö­rungs­dis­kurs, (inner­lin­ke) Kon­kur­renz­ver­hält­nis­se und den ver­ges­se­nen Klas­sen­kampf.

Du sprichst in dei­nem Text von „der Huf­ei­sen­bas­te­lei“ der Lin­ken. Wo lie­gen die kon­kre­ten Feh­ler im lin­ken Umgang mit Ver­schwö­rungs­theo­rien und ‑theo­re­ti­kern?

Der Main­stream­dis­kurs ver­sucht, das The­ma so ein­zu­gren­zen, als gäbe es auf der einen Sei­te die FDGO und auf der ande­ren das Aluhut-Uni­ver­sum. So wer­den die Zusam­men­hän­ge mit den all­tags­ideo­lo­gi­schen Auf­fas­sun­gen ver­wischt. Der Feh­ler beginnt da, wo Lin­ke die­ses Main­stream-Ding mit­ma­chen. Wo sie einer­seits mei­nen, sich beken­nen zu müs­sen, die­ser Ver­blen­dung nicht auf­ge­ses­sen zu sein und sich ande­rer­seits aktiv am Patho­lo­gi­sie­rungs­dis­kurs betei­li­gen. Die Fra­ge, war­um Lin­ke so anfäl­lig für „Ver­schwö­rungs­theo­rien“ sei­en, ist ja schon falsch gestellt. Nicht, dass es das gar nicht gäbe, aber im Grun­de kam das gera­de zuletzt über­wie­gend von rechts bzw. aus dem libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Spek­trum. War­um also sich selbst bezich­ti­gen? Man kann dar­über reden, wo Anschlüs­se pas­sie­ren, klar.

Das grund­sätz­li­che Pro­blem ist doch aber dort, wo die Lin­ke als Teil des Kon­kur­renz­be­triebs auch zu sich selbst in Kon­kur­renz tritt. Und wo sie auf­hört zu fra­gen, was stimmt und was getan wer­den kann, son­dern wo es nur dar­um geht, die ande­ren zu wider­le­gen und sich dar­an abzu­ar­bei­ten, damit man kurz­zei­tig mal gewinnt. Dazu eig­net sich auch der Ver­schwö­rungs­di­kurs. Es wäre schön, über die­se Din­ge hin­aus­zu­kom­men –was nicht hei­ßen soll, alle Grä­ben zuzu­schüt­ten, und nichts mehr aus­zu­tra­gen, im Gegen­teil. Aber die­se Abgren­zungs- und Bezich­ti­gungs­ten­den­zen ste­hen dem im Weg. Und die­se Luxus­tra­te­gie kann sich die Lin­ke gar nicht leis­ten.

Es ist zu for­schen, wo das her­kommt und was getan wer­den kann, wie tief das sitzt, wie vie­le das betrifft und wo die Über­gän­ge sind, und es nicht bei sol­chen Säu­be­rungs­mo­men­ten zu belas­sen, wie jeman­den aus sei­ner Freun­des­lis­te zu löschen. Das geht manch­mal nicht anders, aber es ist weni­ger ein Grund zu tri­um­phie­ren, es ist eher trau­rig, dass man nicht mehr zusam­men­kommt.

Wel­che Funk­ti­on haben denn Ver­schwö­rungs­theo­rien, spe­zi­ell auch in der Kri­se, die ja kei­nes­wegs ein tem­po­rä­rer Aus­nah­me­zu­stand ist, die einem fried­li­chen Nor­mal­zu­stand gegen­über steht, son­dern bestehen­de Unge­rech­tig­keit und Ungleich­heit ver­schärft?

In mei­nem Vor­trag zum The­ma habe ich auf­ge­hört zu viel vor­aus­zu­set­zen, da eine Ver­mitt­lung die­ser Grund­la­gen kaum statt­fin­det. Auch in der Kon­kur­renz­pra­xis der Lin­ken will nie­mand zuge­ben, Din­ge nicht zu wis­sen, und so wird auf­ge­hört, dar­über zu reden. Also fan­ge ich auch ganz grund­sätz­lich an: Was ist Ideo­lo­gie und war­um gibt es die über­haupt? War­um glau­ben Men­schen Din­ge, die nicht stim­men? Was haben sie davon?

Das hat grund­sätz­lich mit Herr­schaft zu tun, dem gro­ßen Wider­spruch in der Welt; etwas, das sich von Anfang an legi­ti­mie­ren muss, weil Men­schen eigent­lich Herr­schaft nicht brau­chen. Ideo­lo­gie ist die Erzäh­lung von Herr­schaft über sich selbst, mit der sie ver­sucht sich zu legi­ti­mie­ren. Und da fun­giert als Haupt­er­zäh­lung, dass die­se Herr­schaft nicht so schlimm sei wie die ande­ren. Im moder­nen Dis­kurs haben wir die kapi­ta­lis­ti­schen Natio­nal­staa­ten, die sich in die­ser Form ver­glei­chen. Unter­ein­an­der und natür­lich auch mit ver­schie­de­nen his­to­ri­schen Herr­schaf­ten, die irgend­wann schon mal falsch waren und denen man jetzt über­le­gen ist.

Die­se Nor­ma­lerzäh­lung ist stets am Wir­ken. Die Men­schen, die beherrscht und aus­ge­beu­tet wer­den, über­set­zen das für sich und befin­den sich ja auch in einer ähn­li­chen Kon­kur­renz, näm­lich in Sta­tus­kon­kur­renz und eben der öko­no­mi­schen Kon­kur­renz auf dem Arbeits­markt. Da bedarf es einer Fremd­ab­wer­tung, um sich auf­zu­wer­ten. Wer ande­re als doof über­füh­ren kann, gilt ja als schlau.

Die­se Erzäh­lung kriegt stän­dig Ris­se und geht nicht mehr auf für die Leu­te, weil Kri­se ist oder die sich mal wie­der ver­schärft. Auch auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne macht sich das bei den Leu­ten bemerk­bar, wenn der Deal mit dem Ide­al­staat nicht mehr auf­geht und man denkt: „Na, ob ich mei­ne Ren­te wirk­lich noch krie­ge?“. Wenn ich nun an die­ser Stel­le Herr­schaft nicht infra­ge stel­le und mich mit ande­ren gegen sie zusam­men­tue, dann gibt es den Impuls, den Real­staat an die­se Ide­al­staats­vor­stel­lung anzu­pas­sen. Not­falls gewalt­sam: Also die Vor­fahrt für die „Tüch­ti­gen“ wie­der durch­zu­set­zen.

Man repa­riert also den Riss im eige­nen Welt­bild bzw. der ideo­lo­gi­schen Haupt­er­zäh­lung. Dafür ist die Unter­stel­lung einer über­mäch­ti­gen Ver­schwö­rung ein­fach das aller­bes­te Mit­tel, also qua­si der Joker. Eine Instanz, die alles kann, alles weiß, wun­der­ba­re Fähig­kei­ten besitzt, und eine opti­ma­le Pro­jek­ti­ons­flä­che für alle mög­li­chen Zuschrei­bun­gen bie­tet. Die Leu­te damit über­füh­ren zu wol­len, dass das ver­rückt ist, geht voll dar­an vor­bei. Das ist ja gera­de die Leis­tung, kei­ne eige­ne Ideo­lo­gie son­dern Repa­ra­tur­pro­gramm für sie zu sein; eine wun­der­ba­re Erklä­rung für das Unver­ständ­li­che. Und in dem Moment, wo sich jemand selbst davon über­zeu­gen kann, ste­hen die Chan­cen nicht schlecht, dass ande­re das ähn­lich sehen und über­neh­men. Zusätz­lich kann sich als Mah­ner und poten­ti­el­ler Ret­ter der Noch-Nicht-Geret­te­ten insze­niert wer­den, was Sta­tus ver­spricht oder auch rea­les Ein­kom­men gene­rie­ren kann.

Wie pas­sen die vor­herr­schen­den anti­se­mi­ti­schen Denk­mus­ter im Ver­schwö­rungs­dis­kurs mit einer Selbst­in­sze­nie­rung als ‘die neu­en Juden’ zusam­men, wie man es bei Coro­na-Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen sehen konn­te, die sich David­ster­ne mit der Auf­schrift ‘unge­impft’ anhef­ten?

Auf Deutsch­land bezo­gen gehe ich davon aus, dass ein Groß­teil die­ses Ver­schwö­rungs­dis­kur­ses anti­se­mi­tisch funk­tio­niert – es ist aber nicht zwangs­läu­fig so. Bis der moder­ne Anti­se­mi­tis­mus ent­stan­den ist, funk­tio­nier­te der Welt­ver­schwö­rungs­dis­kurs fast hun­dert Jah­re ohne spe­zi­fi­sche Rol­le für die Juden. Da wird manch­mal eine gedank­li­che Abkür­zung gemacht, dass das bei­des in eins fal­len wür­de. Der moder­ne Anti­se­mi­tis­mus kommt ohne Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung nicht aus, aber umge­kehrt stimmt das nicht wirk­lich.

Die­se Mus­ter­er­ken­nungs­ge­schich­te die dann anläuft, nach dem Mot­to „Oh guck, eine Kra­ke! – das muss Anti­se­mi­tis­mus sein!“, greift unter Umstän­den dane­ben. Wie lässt sich denn Herr­schaft durch Insti­tu­tio­nen, deren Macht in meh­re­re Län­der rein­reicht wie z.B. die EU, sonst dar­stel­len? Das ist trotz­dem als Hin­weis ernst zu neh­men, aber wie argu­men­tie­ren die Leu­te denn sonst, die so etwas benut­zen? Man kann die ja erst­mal war­nen, was sie da mög­li­cher­wei­se mit trans­por­tie­ren, statt „Ertappt!“ zu schrei­en. Da wird es sich teil­wei­se zu ein­fach gemacht.

Die Selbst­in­sze­nie­rung als die „neu­en Juden“ ist teil­wei­se auch so ein Joker im Dis­kurs. Denn das ist eta­bliert als das Schlimms­te, was irgend­wann mal pas­siert ist – und wenn ich mich maxi­mal selbst vik­ti­mi­sie­ren will, ist das halt ers­te Wahl. Vie­le sind natür­lich schon anti­se­mi­tisch moti­viert. Aber ob jetzt alle Leu­te, die damit rum­lau­fen, die­sem Dis­kurs so auf­sit­zen, wäre erst­mal zu prü­fen. Dass es dar­auf oft hin­aus­läuft und auch immer wie­der die­se mör­de­ri­sche Kon­se­quenz hat, ist unbe­strit­ten, aber ana­ly­tisch war mir das manch­mal zu bequem, da es nicht die Grund­la­gen angreift, son­dern eher wie­der auf die­se Abgren­zung und Selbst­auf­wer­tung durch Exper­ten­tum aus ist – und das macht mei­ner Mei­nung nach die Waf­fe stumpf. Ideo­lo­gie­kri­tik soll­te ein­fach tref­fen, sonst ver­spielt sie ihre Glaub­wür­dig­keit.

Hast du noch was anzu­mer­ken?

Ich würd gern was zum Text des Roten Auf­bau Ham­burg sagen. Dar­in heißt es, Kapi­ta­lis­mus sei kei­ne Ver­schwö­rung – und das stimmt natür­lich. Der kapi­ta­lis­ti­sche Nor­mal­be­trieb fin­det in aller Öffent­lich­keit statt und ist nicht ver­bor­gen. Aber: Zu sei­ner Auf­recht­erhal­tung und Aus­wei­tung wer­den stän­dig Ver­schwö­run­gen gebil­det. Es ist unter Herr­schafts­be­din­gun­gen nor­mal, dass es Ver­schwö­run­gen gibt und es wäre naiv, anzu­neh­men, dass Ver­schwö­run­gen kei­ne Rol­le spiel­ten. An ande­rer Stel­le wur­de geschrie­ben, dass die Rei­chen ja auch in Kon­kur­renz zu ein­an­der stün­den und sich des­halb nicht ver­schwö­ren wür­den – die ste­hen natür­lich in Kon­kur­renz, aber sie schlie­ßen sich auch zusam­men.

Es steht zwar im Text, dass wir um Woh­nung, Intim­be­zie­hung, Lebens­mit­tel, usw. kon­kur­rie­ren

– aber fehlt, dass wir auf dem Arbeits­markt kon­kur­rie­ren. Da fehlt der Zusam­men­schluss im Klas­sen­kampf, durch den die Kon­kur­renz ja tat­säch­lich aus­ge­he­belt wer­den kann. Und das wäre auch der Schritt raus aus der Ideo­lo­gie. Ideo­lo­gie ist nicht nur Mani­pu­la­ti­on, son­dern sie ent­steht stän­dig aus der Kon­kur­renz – und kann genau da umge­dreht wer­den! Denn wenn ich mit Ideo­lo­gie die Kon­kur­renz nor­ma­ler­wei­se repro­du­zie­re, ist das Kon­kur­renz­be­dürf­nis in dem Moment, wo sich Leu­te ega­li­tär zusam­men­tun, um zu strei­ken oder zu beset­zen, auf­ge­knackt. Dann geht es dar­um, eine Erzäh­lung zu ent­wi­ckeln, in der man sich gegen­sei­tig nicht mehr abwer­tet.

Das fand ich eine Aus­las­sung an der Stel­le. Denn wenn ich nicht über die Ver­schwö­rung der ande­ren reden will, dann rede ich auch nicht von der Ver­schwö­rung von unse­rer Sei­te, die es ja eigent­lich ist: Was es oft für ein Thea­ter ist, in einem Betrieb einen Betriebs­rat zu haben! Das wird ja auch nicht offen gemacht. Man spricht sich erst­mal ab, fühlt vor bei den Kol­le­gen, viel­leicht auch außer­halb der Arbeit – so funk­tio­niert ja Ver­schwö­rung: über den öffent­li­chen, klar abge­steck­ten Rah­men hin­aus zu gucken, was durch­ge­setzt wer­den kann. Wer sich aber auf den Nor­mal­dis­kurs ein­lässt, schlägt sich sel­ber die­ses Mit­tel aus der Hand.

Die­se Leer­stel­le, zwar über öko­no­mi­sche Ver­hält­nis­se zu reden, aber nicht über Klas­sen­kampf, ist auch eine begriff­li­che. „Klas­se“ ruft halt die­ses „der Mann mit Helm im Betrieb“-Bild auf. Ich schla­ge „Arbeits­kräf­te“ vor, das ist gen­der­neu­tral und fasst es sehr weit; also wer lebt davon, dass jemand in der Fami­lie oder Lebens­ge­mein­schaft ver­sucht sei­ne Arbeits­kraft zu ver­kau­fen, egal, wie gut bezahlt oder legal, und wer hat so das gemein­sa­me Inter­es­se, dass der eige­ne Lebens­un­ter­halt für die ande­re Sei­te nied­rig zu hal­ten­de Kos­ten sind – das ist alles die Klas­se. Und alles wei­te­re muss im Klas­sen­kampf ermit­telt wer­den. Wer auf wel­cher Sei­te steht, wird sich dann zei­gen und kann sich in fort­ge­setz­ten Kämp­fen immer wie­der ver­schie­ben.

Und ich bin dafür, immer For­schung und Geschich­te im Blick zu behal­ten und nach Bedürf­nis­sen und Fähig­kei­ten unse­rer Spe­zi­es außer­halb von Herr­schaft zu schau­en. Wenn sich eine Annah­me als falsch her­aus­s­telt, ist das zu inko­ope­rie­ren – wir machen doch kei­ne Reli­gi­on.

# Lea Mati­ka ist Jour­na­lis­tin und Künst­le­rin in Leip­zig.

Der Bei­trag Ver­schwö­rungs­theo­rien: „Wer ande­re als doof über­füh­ren kann, gilt ja als schlau.“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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