[EMRAWI:] Hände an das Schießpulver – von Gustavo Rodriguez

„Für mich wähl­te ich den Kampf […] Ich stell­te mich der Gesell­schaft mit den glei­chen Waf­fen, ohne den Kopf zu beu­gen…“

Seve­ri­no Di Gio­van­ni

„Die Ver­bren­nung von Athe­is­ten, die Ver­ur­tei­lung von Homo­se­xu­el­len oder Inzestop­fern, die Abson­de­rung von „Ver­rück­ten“ und die Inhaf­tie­rung von Gesetz­lo­sen sind nur ver­schie­de­ne Arten der Inte­gra­ti­on und Unter­drü­ckung all derer, die über die von der Norm gesetz­ten Gren­zen hin­aus­ge­hen […].

Gefäng­nis­se, Pfle­ge­hei­me, demo­kra­ti­sche The­ra­pien und ortho­pä­di­sche Behand­lun­gen sind nur ver­schie­de­ne Arten, den glei­chen Glau­ben an ein Modell anzu­wen­den“.

Cane­nero, Num­mer 3, 11. Novem­ber 1994

Dieinter­na­tio­na­le Woche der Soli­da­ri­tät mit anar­chis­ti­schen Gefan­ge­nen ist das Ergeb­nis der Bemü­hun­gen meh­re­rer Grup­pen des Anar­chist Black Cross/​Cruz Negra Anar­quis­ta (ABC/​CNA), die sich dazu ent­schlos­sen haben, ein Datum der Soli­da­ri­tät für unse­re vom Staat ent­führ­ten Gefährt*innen in den Kalen­der auf­zu­neh­men. Seit dem Som­mer 2013 bie­tet uns die­se lobens­wer­te Initia­ti­ve die Gele­gen­heit, unse­re bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung zu zei­gen und eine star­ke Bot­schaft an den Feind zu sen­den, um zu bekräf­ti­gen, dass unse­re Brü­der* und Schwes­tern* nicht allein sind. In die­sem Jahr kön­nen wir die­se Anstren­gung dar­über hin­aus dem Gefähr­ten Stuart Chris­tie wid­men, der uns gera­de ver­las­sen hat.

Als uner­müd­li­cher Ver­brei­ter des anar­chis­ti­schen Kamp­fes und Archi­tekt der Wie­der­auf­er­ste­hung des ABC/​CNA in den 1960er Jah­ren, för­der­te Stuart die Soli­da­ri­tät mit unse­ren Gefan­ge­nen inner­halb jenes wid­ri­gen Sze­na­ri­ums, das sie durch die Vor­macht­stel­lung der mar­xis­ti­schen Vul­ga­ta [übers. latei­ni­sche Ver­si­on der Bibel] unsicht­bar mach­te, indem ihre Kämp­fe nicht von die­ser sehr mäch­ti­gen Unter­stüt­zungs-Maschi­ne­rie ad infi­ni­tum – mit dem Haupt­quar­tier in Mos­kau und Zweig­stel­len in Havan­na -, Ver­stär­kung beka­men und die ihre stra­te­gi­schen Ver­bün­de­ten nur als „poli­ti­sche Gefangene“1 oder „Kriegsgefangene“2 aner­kann­te und jede ande­re Akti­on, die nicht in der Logik des „Kal­ten Krie­ges“ und der aus den Spio­na­ge­ab­wehr­bü­ros des soge­nann­ten „real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus“ finan­zier­ten Ope­ra­tio­nen ange­sie­delt war, zur Äch­tung ver­ur­teil­te.

Aus die­sem Grund begrü­ße ich die Tat­sa­che, dass an die­sen Tagen der Soli­da­ri­tät unse­re begrenz­ten Res­sour­cen spe­zi­fisch auf anar­chis­ti­sche Gefan­ge­ne gerich­tet wer­den, und jene Lis­te der Auto­ri­tä­ren, Nationalist*innen, Frau­en­has­ser, Homo­pho­ben, Spit­zel und fun­da­men­ta­lis­ti­schen reli­giö­sen Füh­rer „abzu­tren­nen“, zu denen oft eini­ge wohl­tä­ti­ge und libe­ra­le Chris­ten auf Ste­ro­iden gehö­ren, die in unse­ren Läden hocken. Bei die­ser Gele­gen­heit lis­ten wir anar­chis­ti­sche Gefährt*innen – oder anti­au­to­ri­tä­re Per­so­nen, die den Vorstellungen/​Ideen des anar­chis­ti­schen Kamp­fes nahe ste­hen – auf, die in den Ker­kern der Herr­schaft ein­ge­sperrt sind. Dar­aus ergibt sich die Bedeu­tung die­ser neu­en Woche der Soli­da­ri­tät drei­und­neun­zig Jah­re nach der juris­ti­schen Ermor­dung von Nico­la Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti, Gefähr­ten, die bis zu den letz­ten Kon­se­quen­zen unbeug­sam blie­ben.

Kon­text­be­zo­ge­ne Anmer­kun­gen

Die ers­ten drei Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts waren schwie­ri­ge Jah­re für anar­chis­ti­sche Aktio­nen, die durch das Vor­rü­cken tota­li­tä­rer Kräf­te und die uner­bitt­li­che Jagd ihrer Agent*innen gekenn­zeich­net waren. In der begin­nen­den Uni­on der sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) wur­de der rote Faschis­mus durch Blut und Feu­er mit Wla­di­mir Iljitsch Ulja­now (Lenin) an der Spit­ze durch­ge­setzt; am ita­lie­ni­schen Stie­fel domi­nier­te der Faschis­mus seit 1922 mit Beni­to Amil­ca­re Andrea Mus­so­li­ni als Duce der Ita­lie­ni­schen Sozi­al­re­pu­blik; auf der Ibe­ri­schen Halb­in­sel kon­so­li­dier­te sich der Faschis­mus spa­ni­scher Prä­gung nach dem Staats­streich des kata­la­ni­schen Gene­ral­ka­pi­täns Miguel Pri­mo de Rive­ra im Jahr 1923; In Deutsch­land wur­de die Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Arbei­ter­par­tei (NSDAP) gegrün­det, die sofort die Unter­stüt­zung der deut­schen Arbeiter*innen und Bäuer*innen gewann, die durch Ras­sis­mus und Patrio­tis­mus moti­viert waren; in Por­tu­gal wich die Mili­tär­dik­ta­tur dem Estado Novo von Anto­nio de Oli­vei­ra Sala­zar; in Polen wur­de die Dik­ta­tur von Józef Kle­mens Pił­sud­ski gegrün­det und in Öster­reich der Aus­tro­fa­schis­mus unter Engel­bert Dol­lfuß; Ereig­nis­se, die einen düs­te­ren Aus­blick auf die Ent­wick­lung unse­rer Kämp­fe gaben.

Doch trotz der ungüns­ti­gen Bedin­gun­gen, gewann unter den infor­mel­len Grup­pen und anar­chis­ti­schen Indi­vi­du­en der dama­li­gen Zeit, der Wunsch nach einer Neu­or­ga­ni­sa­ti­on einer anar­chis­ti­schen inter­na­tio­na­len Koor­di­na­ti­on – inspi­riert von der mythi­schen Schwar­zen Inter­na­tio­na­le von 1881 -, die der Anar­chie den Auf­stands­im­puls zurück­ge­ben und die Aus­brei­tung des Krie­ges gegen jeg­li­che Auto­ri­tät för­dern wür­de, an Schwung. Sac­co und Van­zet­ti sind nur eini­ge Namen aus die­ser hart­nä­cki­gen Ban­de, die alles tat, um die­sen Traum wahr wer­den zu las­sen. Über die gan­ze Welt ver­brei­tet, gelang es vie­len die­ser Gefährt*innen, eine inter­na­tio­na­le Koor­di­na­ti­on zu arti­ku­lie­ren, die die Pro­pa­gan­da der Tat wie­der kon­kret wer­den ließ. Zu die­sem Zweck zogen Nico­la und Bar­to­lo­meo in den ers­ten Mona­ten des Jah­res 1917 in den Nor­den Mexi­kos, mit der Absicht, sich dem anar­chis­ti­schen Auf­stands­kampf anzu­schlie­ßen. Sie wür­den bald ent­täuscht wer­den und die mexi­ka­ni­sche „Revo­lu­ti­on“ als einen geschwis­ter­mör­de­ri­schen Kampf zwi­schen riva­li­sie­ren­den Sei­ten um die Kon­trol­le des Staa­tes iden­ti­fi­zie­ren. Zurück in den USA wür­den sie sich der Grup­pe ita­lie­ni­scher Anarchist*innen anschlie­ßen, die sich um die Zei­tung Cro­na­ca Sov­ver­si­va schar­ten, wo sie eben­falls aktiv mit­ar­bei­ten wür­den. Die­se spe­zi­el­le Grup­pe wür­de mit den Ent­eig­nun­gen und ihren Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen durch die Tat auf dem gesam­ten ame­ri­ka­ni­schen Ter­ri­to­ri­um Geschich­te schrei­ben.

Die gewalt­sa­men Aktio­nen die­ser Gefährt*innen führ­ten dazu, dass sie zur am meis­ten ver­folg­ten anar­chis­ti­schen Grup­pe durch die Bun­des­be­hör­den der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wur­den. Die Anpas­sung der Geschich­te – und zwar nicht nur der „offi­zi­el­le“ Geschich­te, son­dern auch der Geschichts­schrei­bung liber­tä­rer Natur – brach­te jedoch ihre Hand­lun­gen und ihre theo­re­ti­schen Bei­trä­ge zum Schwei­gen. Der „lega­lis­ti­sche Anar­chis­mus“ wür­de dafür sor­gen, Sac­co und Van­zet­ti eine fal­sche Geschich­te zu lie­fern, indem er sie zuerst zu „Opfern“ und dann zu „Mär­ty­rern“ mach­te, um sie schließ­lich wie zuvor die Anar­chis­ten von Chi­ca­go hei­lig­zu­spre­chen: „Die Mär­ty­rer von Chi­ca­go“.

Mit Aus­nah­me der Bei­trä­ge des His­to­ri­kers Paul Avrich – der sich mit den anar­chis­ti­schen Akti­vi­tä­ten jener Zeit befass­te – und eines Essays von Alfre­do Bon­an­no besteht die übri­ge Lite­ra­tur in die­sem Fall dar­auf, dass die Gefähr­ten Sac­co und Van­zet­ti „unschul­dig“ waren und bestrei­tet, dass sie an der Ent­eig­nung von South Brain­tree betei­ligt waren, wofür sie am Ende zum Tode ver­ur­teilt wer­den soll­ten.

Die Ent­eig­nun­gen waren Teil des kon­se­quen­ten Vor­ge­hens der Grup­pe, an der Sac­co und Van­zet­ti betei­ligt waren. Zu die­ser Zeit gab es unzäh­li­ge Ent­eig­nun­gen. Die gesam­mel­ten Gel­der wur­den ver­wen­det, um den Gefan­ge­nen und ihren Fami­li­en zu hel­fen, anar­chis­ti­sche Pro­pa­gan­da zu dru­cken und Angrif­fe – so genann­te Ver­gel­tungs­an­grif­fe – gegen Vertreter*innen der Macht zu finan­zie­ren.

Die Ermor­dung von Sac­co und Van­zet­ti in Mas­sa­chu­setts wür­de der Aus­lö­ser für die anar­chis­ti­schen Aktio­nen von 1927 sein. In Havan­na, Mon­te­vi­deo und Bue­nos Aires explo­dier­te als Reak­ti­on auf das Ver­bre­chen des Staa­tes Dyna­mit. Das Geld aus einer Ent­eig­nung in Pater­son wur­de zu Nitro­gly­ze­rin umge­wan­delt, wodurch das ita­lie­ni­sche Kon­su­lat in Bue­nos Aires zer­stört wur­de; die Gel­der aus einem neu­en Raub­über­fall in Los Ange­les wur­den zum Roh­ma­te­ri­al, das für den gewal­ti­gen Bom­ben­an­schlag auf das Haupt­quar­tier von J.P. Mor­gan im Her­zen der Wall Street benö­tigt wur­de; der Inhaf­tie­rung und Fol­ter von Gefährt*innen in jeder Stadt der Welt soll­te eine bereits zuvor zuge­si­cher­te zeit­na­he Ver­gel­tung fol­gen, dort wo der Feind es am wenigs­ten erwar­te­te. Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät war wie­der ein­mal eine Rea­li­tät, die über Wor­te hin­aus­ging!

Gut­tu­ra­le Split­ter

Vom 23. bis 30. August wer­den wir erneut die Gele­gen­heit haben, die Lebens­ge­schich­ten hin­ter dem anar­chis­ti­schen Kampf sicht­bar zu machen und – ohne die Opfer­rol­le – die täg­li­chen Miss­hand­lun­gen anzu­pran­gern, denen unse­re Gefährt*innen aus­ge­setzt sind. Die­se sie­ben Tage des Anti-Gefäng­nis-Akti­vis­mus sind jedoch nur ein sym­bo­li­scher Akt, der ver­sucht, das Bewusst­sein über die Situa­ti­on inhaf­tier­ter Anarchist*innen zu ver­brei­ten. Aus der Per­spek­ti­ve der infor­mel­len und auf­stän­di­schen anar­chis­ti­schen Strö­mung sind die 365 Tage des Jah­res der direk­ten Soli­da­ri­tät mit den­je­ni­gen gewid­met, die inhaf­tiert sind, weil sie den Kampf gegen die Macht in allen Ecken des Pla­ne­ten vor­an­trei­ben.

Des­halb bezie­hen wir uns, wenn wir erklä­ren, dass anar­chis­ti­sche Soli­da­ri­tät mehr als nur Wor­te sind, nicht nur auf unse­re Kompliz*innen in ihren Kämp­fen und auf die wirt­schaft­li­che und emo­tio­na­le Unter­stüt­zung unse­rer Gefan­ge­nen, son­dern wir bekräf­ti­gen auch die Grund­la­gen unse­res Kamp­fes. Natür­lich gibt es kei­ne ange­mes­se­ne­re Unter­stüt­zung für unse­re inhaf­tier­ten Gefährt*innen als die Koor­di­nie­rung ihrer Flucht oder die Spren­gung des Bus­ses, der die Gefan­ge­nen trans­por­tiert, aber wir haben nicht immer die Mit­tel für die­se spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen; den­noch gibt es vie­le Mög­lich­kei­ten, unse­re Unter­stüt­zung zu zei­gen und Soli­da­ri­tät mit Fan­ta­sie zu kon­kre­ti­sie­ren. Es gibt unend­lich vie­le Aktio­nen, die geeig­net sind, den Gefäng­nis­kom­plex zu stö­ren, und die­se Aktio­nen bedür­fen nur einer gerin­gen vor­he­ri­gen Unter­su­chung, um durch­ge­führt wer­den zu kön­nen. Natür­lich wird jeder Angriff auf das Herr­schafts­sys­tem jen­seits der Sym­bo­le ihnen immer Freu­de berei­ten, indem er den Geruch von Schieß­pul­ver und des­sen Aus­wir­kun­gen her­auf­be­schwört.

Das Gefäng­nis ist eine stän­di­ge Mög­lich­keit für die­je­ni­gen von uns, die sich selbst für uner­bitt­li­che Anarchist*innen hal­ten. Eine ver­steck­te Bedro­hung auf jeder Stu­fe der Pra­xis. Wenn wir uns jedoch die­ser gefähr­li­chen Tat­sa­che stel­len müs­sen, bedeu­tet dies nicht das Ende unse­res Krie­ges gegen die Herr­schaft, son­dern den Beginn eines neu­en Kamp­fes vol­ler täg­li­cher Schlach­ten, die, um sie zu schla­gen – und phy­sisch und emo­tio­nal zu über­le­ben – die gele­gent­li­che Hil­fe unse­rer Gefährt*innen von außen erfor­dern. Das Gefäng­nis ist nicht der mythi­sche Ort, von dem huma­nis­ti­sche Libe­ra­le phan­ta­sie­ren. Es gibt am Zustand der Gefan­ge­nen nichts zu ver­herr­li­chen. Die hohen Mau­ern sind kein Zuhau­se für ange­hen­de Auf­stän­di­sche oder unver­fälsch­te Anti­au­to­ri­tä­re. Hin­ter dem Sta­chel­draht befin­det sich ein zer­bro­che­ner und ein­ge­sperr­ter Spie­gel, der die Gesell­schaft als Gan­zes wider­spie­gelt. Das „Inne­re“ beher­bergt die glei­che Fau­na von Karrierist*innen, Autoritarist*innen, Miss­hand­lern, Reli­giö­sen, Informant*innen, Moralist*innen, Kor­rup­ten und Ver­ge­wal­ti­gern, Hand in Hand mit einem Anteil frei­wil­li­ger Knecht­schaft, der iden­tisch ist mit dem, was man tag­täg­lich drau­ßen vor­fin­det. Gera­de in die­sem feind­se­li­gen Umfeld, in dem man der Staats­bes­tie von Ange­sicht zu Ange­sicht gegen­über­steht, muss man über­le­ben, indem man Ban­de der Ver­bun­den­heit webt, nicht auf der Grund­la­ge ideo­lo­gi­scher Annah­men, son­dern in kon­se­quen­ter und wider­stands­fä­hi­ger Pra­xis, und dafür ist es uner­läss­lich zu wis­sen, dass wir nicht im Stich gelas­sen wur­den und dass jeder Angriff auf die­ses Herr­schafts­sys­tem eine Wid­mung aus mit Schwe­fel und Kali­um­ni­trat getränk­ten Kehl­kopf­split­tern mit sich bringt. Schließ­lich ist alles, was wir tun kön­nen, Schieß­pul­ver in die Hän­de zu bekom­men und Soli­da­ri­tät zu zei­gen, indem wir die Anar­chie zum Leben erwe­cken.

Gus­ta­vo Rodri­guez,

Pla­net Erde, 17. August 2020


1. Laut Carl Aage Nor­gaard, ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te: „Ein poli­ti­scher Gefan­ge­ner ist eine Per­son, die wegen ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen und Akti­vi­tä­ten inhaf­tiert ist“. Der Begriff wird regel­mä­ßig ver­wen­det, um poli­tisch grenz­über­schrei­ten­des Ver­hal­ten zu qua­li­fi­zie­ren, das aus poli­ti­schen Grün­den began­gen wur­de. Wenn die­se Ver­stö­ße gegen den Staat oder die Ver­fas­sung ohne Anwen­dung von Gewalt began­gen wur­den, wird einer Per­son in der Regel zuge­schrie­ben, dass sie ein „Gefan­ge­ner aus Gewis­sens­grün­den“ im Sin­ne der Defi­ni­ti­on von Amnes­ty Inter­na­tio­nal ist: „Eine Per­son, die wegen ihrer poli­ti­schen, reli­giö­sen oder ande­ren Über­zeu­gun­gen aus Gewis­sens­grün­den sowie wegen ihrer eth­ni­schen Her­kunft, ihres Geschlechts, ihrer Haut­far­be, ihrer Spra­che, ihrer natio­na­len oder sozia­len Her­kunft, ihres Ver­mö­gens­sta­tus, ihrer Geburt, ihrer sexu­el­len Ori­en­tie­rung oder ande­rer Umstän­de inhaf­tiert oder ander­wei­tig kör­per­lich fest­ge­hal­ten wird, vor­aus­ge­setzt, dass sie nicht auf Gewalt zurück­ge­grif­fen oder deren Anwen­dung befür­wor­tet hat“.

2. Arti­kel 4 der Drit­ten Gen­fer Kon­ven­ti­on über die Behand­lung der Kriegs­ge­fan­ge­nen von 1949 defi­niert einen Kriegs­ge­fan­ge­nen als „eine Per­son, die einer der fol­gen­den Kate­go­rien ange­hört und in die Hän­de des Fein­des gefal­len ist: 1. die Ange­hö­ri­gen der Streit­kräf­te einer Kon­flikt­par­tei und die Mit­glie­der von Mili­zen und Frei­wil­li­gen­korps, die zu die­sen Streit­kräf­ten gehö­ren; 2. Ange­hö­ri­ge ande­rer Mili­zen und Frei­wil­li­gen­korps, ein­schließ­lich sol­cher orga­ni­sier­ter Wider­stands­be­we­gun­gen, die einer Kon­flikt­par­tei ange­hö­ren und in oder außer­halb ihres eige­nen Ter­ri­to­ri­ums ope­rie­ren, auch wenn die­ses Ter­ri­to­ri­um besetzt ist, vor­aus­ge­setzt, dass die­se Mili­zen oder Frei­wil­li­gen­korps, ein­schließ­lich sol­cher orga­ni­sier­ter Wider­stands­be­we­gun­gen, die fol­gen­den Bedin­gun­gen erfül­len (a) sie wer­den von einer Per­son befeh­ligt, die für ihre Unter­ge­be­nen ver­ant­wort­lich ist; (b) sie haben ein fes­tes, aus der Fer­ne erkenn­ba­res Unter­schei­dungs­zei­chen; (c) sie tra­gen ihre Waf­fen in Sicht­wei­te; (d) sie füh­ren ihre Ope­ra­tio­nen in Über­ein­stim­mung mit den Geset­zen und Gebräu­chen des Krie­ges durch; (3) Mit­glie­der der regu­lä­ren Streit­kräf­te, die den Anwei­sun­gen einer Regie­rung oder Behör­de fol­gen, die nicht von der fest­hal­ten­den Macht aner­kannt ist; (4) sie haben ein fes­tes Unter­schei­dungs­zei­chen, das aus der Fer­ne erkenn­bar ist; (5) sie füh­ren ihre Ope­ra­tio­nen in Über­ein­stim­mung mit den Geset­zen und Gebräu­chen des Krie­ges durch. Per­so­nen, die den Streit­kräf­ten fol­gen, ohne tat­säch­lich ein inte­gra­ler Bestand­teil der Streit­kräf­te zu sein, wie zivi­le Mit­glie­der der Besat­zun­gen von Mili­tär­flug­zeu­gen, Kriegs­be­richt­erstat­ter, Lie­fe­ran­ten, Mit­glie­der von Arbeits­ein­hei­ten oder von Diens­ten, die für das Wohl­erge­hen der Ange­hö­ri­gen der Streit­kräf­te ver­ant­wort­lich sind, vor­aus­ge­setzt, dass sie von den Streit­kräf­ten, die sie beglei­ten, eine Geneh­mi­gung erhal­ten haben und dass die­se ver­pflich­tet sind, ihnen zu die­sem Zweck einen Per­so­nal­aus­weis nach dem bei­gefüg­ten Mus­ter aus­zu­stel­len; 5. Die Besat­zungs­mit­glie­der, ein­schließ­lich der Kapi­tä­ne, Pilo­ten und Kajü­ten­jun­gen der Han­dels­ma­ri­ne und der Besat­zun­gen der Zivil­luft­fahrt der Kon­flikt­par­tei­en, die nicht in den Genuß einer güns­ti­ge­ren Behand­lung auf­grund ande­rer Bestim­mun­gen des Völ­ker­rechts kom­men; 6. die Bevöl­ke­rung eines nicht besetz­ten Gebie­tes, die bei Annä­he­rung des Fein­des spon­tan zu den Waf­fen greift, um gegen die ein­fal­len­den Trup­pen zu kämp­fen, ohne die Zeit gehabt zu haben, sich zu einer regu­lä­ren Streit­macht zu kon­sti­tu­ie­ren, wenn sie in aller Öffent­lich­keit Waf­fen trägt und die Geset­ze und Gebräu­che des Krie­ges respek­tiert“. Ver­füg­bar unter: https://www.icrc.org/es/doc/resources/documents/treaty/treaty-gc‑3–5tdkwx.htm (abge­ru­fen am 16.8.2020). Die soge­nann­ten „auf­stän­di­schen Arme­en“ und leni­nis­ti­schen Gue­ril­la­grup­pen haben den Begriff mit dem Zusatz „die­je­ni­gen Per­so­nen, die inhaf­tiert wur­den, weil sie den gesetz­li­chen Rah­men gebro­chen haben, indem sie einem Staat öffent­lich den Krieg erklärt haben und für einen revo­lu­tio­nä­ren poli­ti­schen Struk­tur­wan­del des Staa­tes kämp­fen“ ergänzt.

Über­nom­men vom ABC Wien

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