[EMRAWI:] „Krankheit und Kapital“ – Alfredo M. Bonanno

Die Ant­wort auf Krank­heit, haupt­säch­lich dank der posi­ti­vis­ti­sche Ideo­lo­gie, die nach wie vor die Medi­zin heut­zu­ta­ge domi­niert, ist die der Hei­lung, d.h. eine exter­ne Inter­ven­ti­on, aus­ge­wählt aus bestimm­ten Metho­den, dar­auf abzie­lend eine ange­nom­me­ne Idee von Nor­ma­li­tät wie­der­her­zu­stel­len.

Jedoch wäre es ein Feh­ler anzu­neh­men, dass die Suche nach der Ursa­che der Krank­heit gleich dem Bedürf­niss die­ser Wis­sen­schaft wäre, die Nor­ma­li­tät wie­der­her­zu­stel­len. Seit Jahr­hun­der­ten waren Heil­mit­tel nicht das Sel­be, wie die Suche nach der Ursa­che, wel­che bis­wei­len phan­tas­tisch war. Heil­mit­tel folg­ten ihrer eige­nen Logik, beson­ders wenn sie auf dem empi­ri­schen Wis­sen über die Kräf­te der Natur basier­ten.

In gegen­wär­ti­ge­ren Zei­ten fuß­te eine Kri­tik an dem Sek­ti­rer­tum der Wis­sen­schaft, inklu­si­ve der Medi­zin, auf einem ganz­heit­li­che­ren Bild des Men­schen: eines Wesen bestehend aus ver­schie­de­nen natür­li­chen Ele­men­ten – intel­lek­tu­el, öko­no­misch, sozi­al, kul­tu­rell, poli­tisch und so wei­ter. Es ist die­se neue Per­spek­ti­ve, in die sich die mate­ria­lis­ti­sche und dia­lek­ti­sche Hypo­the­se des Mar­xis­mus selbst ein­füg­te. Die ver­schie­de­nen beschrie­be­nen Aspek­te des neu­en, ech­ten Men­schen, nicht wei­ter gespal­ten in die ver­schie­de­nen Sek­to­ren, an die uns der alte Posi­ti­vis­mus gewöhnt hat, wur­de von Neu­em in einen ein­sei­ti­gen Deter­mi­nis­mus durch die Marxist_​innen ver­kap­selt. Kapi­ta­lis­mus wur­de fol­gich als allei­ni­ge Ursa­che von Krank­heit gese­hen, durch die Ent­frem­dung des Men­schen durch Arbeit, set­ze er ihn_​ihr einer ver­zerr­ten Bezie­hung zur Natur und „Nor­ma­li­tät“ aus, der ande­ren Sei­te von Krank­heit.

Unse­rer Mei­nung nach ist weder die posi­ti­vis­ti­sche The­se, dass Krank­heit durch eine Fehl­funk­ti­on des Orga­nis­mus ent­steht, noch die mar­xis­ti­sche, die alles auf die Mis­se­ta­ten des Kapi­ta­lis­mus schiebt, aus­rei­chend.

Die Din­ge sind etwas kom­pli­zier­ter als das.

Grund­sätz­lich kön­nen wir nicht sagen, dass sol­che Din­ge wie Krank­heit in einer befrei­ten Gesell­schaft nicht exis­tie­ren wür­den. Noch kön­nen wir sagen, dass sich Krank­heit in einer glück­li­chen Fügung zu einer ein­fa­chen Schwä­chung einer hypo­the­ti­schen Kraft, die noch ent­deckt wer­den muss, redu­zie­ren könn­te. Wir glau­ben, dass Krank­heit ein natür­li­cher Teils des Lebens in einer Gesell­schaft ist, sprich sie geht ein­her mit dem Preis der gezahlt wer­den muss, um die opti­ma­len Bedin­gun­gen der Natur anzu­pas­sen, um die künst­li­chen Not­wen­dig­kei­ten zu errei­chen, die not­wen­dig sind um selbst die frei­es­te aller Gesell­schaf­ten zu erbau­en. Sicher­lich wäre das expo­nen­ti­el­le Wachs­tum von Krank­heit in einer Gesell­schaft, in der die Künst­lich­kei­ten zwi­schen Indi­vi­du­en auf das abso­lut Not­wen­digs­te redu­ziert wären, nicht ver­gleich­bar mit dem einer Gesell­schaft, die auf Aus­beu­tung basiert, wie der in der wir gera­de leben. Dar­aus geht her­vor, dass der Kampf gegen Kran­heit ein grund­sätz­li­cher Teil des Klas­sen­kamp­fes ist. Nicht so sehr das Krank­heit durch den Kapi­ta­lis­mus ver­ur­sacht wird – das wäre eine deter­mi­nis­ti­sche und daher unak­zep­tier­ba­re Aus­sa­ge – son­dern weil eine freie­re Gesell­schaft anders wäre. Selbst in ihrer Nega­ti­vi­tät wäre sie näher am Leben, dar­an ein Mensch zu sein. Daher wäre Krank­heit ein Aus­druck unser Mensch­lich­keit, genau­so wie sie heut­zu­ta­ge ein Aus­druck unse­rer Unmensch­lich­keit ist. Des­we­gen haben wir nie mit der etwas ver­ein­fa­chen­den Aus­sa­ge, die zusam­men­ge­fasst wer­den kann als „mache Krank­heit zu einer Waf­fe“ über­ein­ge­stimmt, selbst wenn sie Respekt ver­dient, beson­ders in Anbe­tracht von psy­chi­scher Krank­heit. Es ist nicht mög­lich dem Pati­en­ten ein Heil­mit­tel vor­zu­schla­gen, das aus­schließ­lich auf dem Kamp­fe gegen den Klas­sen­feind basiert. Hier wäre die Ver­ein­fa­chung absurd. Krank­heit bedeu­tet auch Leid, Schmerz, Ver­wir­rung, Unsi­cher­heit, Zwei­fel, Ein­sam­keit und die­se nega­ti­ven Ele­men­te redu­zie­ren sich nicht nur auf den Kör­per, son­dern grei­fen auch das Bewusst­sein und den Wil­len an. Pro­gram­me des Kamp­fes auf solch einer Grund­la­ge auf­zu­zie­hen, wäre ziem­lich unrea­lis­tisch und erschre­ckend unmensch­lich.

Aber Krank­heit kann zu einer Waf­fe wer­den, wenn mensch sie sowohl in ihren Ursa­chen, als auch in ihren Aus­wir­kun­gen ver­steht. Es kann für mich wich­tig sein, wenn ich die äuße­ren Ursa­chen für mei­ne Krank­heit ver­ste­he: Kapitalist_​innen und Ausbeuter_​innen, Staat und Kapi­tal. Aber das ist nicht genug. Ich muss auch mein Ver­hält­nis zu mei­ner Krank­heit klar­stel­len, wel­ches nicht nur Leid, Schmerz und Tod sein mag. Es mag auch eine Mög­lich­keit sein, sowohl mich und ande­re bes­ser zu ver­ste­hen, als auch die Rea­li­tät, die mich umgibt und was getan wer­den muss, um sie zu ver­än­dern, und auch um ein bes­se­res Ver­stän­dis revo­lu­tio­nä­rer Aus­we­ge zu bekom­men. Die Feh­ler die in der Ver­gan­gen­heit in die­sem Bereich gemacht wur­den, kamen von einer feh­len­den Klar­heit, durch die mar­xis­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on. Die­se basier­te auf der Behaup­tung ein direk­te Bezie­hung zwi­schen Krank­heit und Kapi­talt her­zu­stel­len. Wir den­ken heut­zu­ta­ge, dass die­se Bezie­hung indi­rekt sein soll­te, sprich durch das Bewusst­wer­den von Krank­heit, nicht Krank­heit im All­ge­mei­nen als ein Zustand der Abnor­ma­li­tät, son­dern von mei­ner Krank­heit als ein Teil mei­nes Lebens, ein Ele­ment mei­ner Nor­ma­li­tät.

Und dann der Kampf gegen die­se Krank­heit. Selbst wenn nicht alle Kämp­fe im Sieg enden.

Alfre­do M. Bon­an­no

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