[gfp:] Streit um die Türkeipolitik

Nationale Interessen

Die aktu­el­len Strei­tig­kei­ten in der EU über den Umgang mit der Tür­kei haben einen dop­pel­ten Hin­ter­grund. Zum einen ist, wie kürz­lich Gün­ter Seufert erläu­ter­te, ein Tür­kei-Exper­te der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP), der tra­di­tio­nel­le Rah­men für die Bezie­hun­gen zwi­schen Brüs­sel und Anka­ra nicht mehr gege­ben: der „Bei­tritts­pro­zess der Tür­kei zur EU“.[1] Die­ser ori­en­tier­te vor allem dar­auf, Anka­ra zur weit­rei­chen­den Über­nah­me des nor­ma­ti­ven Regel­werks der Uni­on zu bewe­gen; hin­ter ihm „konn­ten sich alle EU-Staa­ten … ver­sam­meln“, kon­sta­tiert Seufert. „Die­ser Pro­zess“ sei jedoch „sowohl an der Poli­tik der Tür­kei als auch an der Hal­tung der EU geschei­tert“. Seit nun das eini­gen­de Band feh­le, trä­ten die „Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen der ein­zel­nen EU-Mit­glie­der gegen­über der Tür­kei in den Vor­der­grund“. Bei vie­len The­men – „Flücht­lings­fra­ge, Ener­gie­po­li­tik, Rol­le der Tür­kei in Syri­en und Liby­en“ – bezö­gen „die ein­zel­nen EU-Staa­ten im Rah­men ihrer natio­na­len Inter­es­sen unter­schied­li­che Posi­tio­nen“. Weit von der ger­ne beschwo­re­nen Einig­keit der EU ent­fernt, gera­ten nicht zuletzt die füh­ren­den Mäch­te der Uni­on, Deutsch­land und Frank­reich, über die Tür­kei­po­li­tik in Streit.

Neo-Osmanismus

Dies wiegt umso schwe­rer, als die Tür­kei in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten einen umfas­sen­den Wan­del ihrer Außen­po­li­tik voll­zo­gen hat. Hin­ter­grund ist das rasan­te Wirt­schafts­wachs­tum des Lan­des seit der Jahr­tau­send­wen­de: Die tür­ki­sche Wirt­schafts­leis­tung stieg von 200 Mil­li­ar­den US-Dol­lar im Jahr 2001 auf 950 Mil­li­ar­den US-Dol­lar im Jahr 2013 an. Dies ging mit der Aus­wei­tung der Aus­lands­ex­pan­si­on tür­ki­scher Unter­neh­men ein­her. Zu bevor­zug­ten Zie­len wur­den einer­seits angren­zen­de Län­der – Syri­en, Nord­irak -, ande­rer­seits ent­fern­te­re Län­der der isla­mi­schen Welt. Als kon­zep­tu­el­ler Rah­men dien­te zunächst die vom zeit­wei­li­gen Außen­mi­nis­ter Ahmet Davu­toğlu ent­wi­ckel­te Dok­trin der „stra­te­gi­schen Tie­fe“ (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]); heu­te ist, da die tür­ki­sche Expan­si­on ins­be­son­de­re Län­dern gilt, die einst zum Osma­ni­schen Reich gehör­ten, oft von „Neo-Osma­nis­mus“ die Rede. Dabei greift der tür­ki­sche Staat unter Recep Tayy­ip Erdoğan zur Legi­ti­ma­ti­on sei­ner Außen­po­li­tik oft auf Ereig­nis­se oder Per­so­nen aus der osma­ni­schen Ära zurück. Ein aktu­el­les Bei­spiel bie­ten regie­rungs­na­he tür­ki­sche Medi­en, die Anka­ras Unter­stüt­zung für die liby­sche „Ein­heits­re­gie­rung“ mit Schil­de­run­gen der Rück­erobe­rung von Tri­po­lis, das 1510 von Spa­ni­en erobert wor­den war, durch osma­ni­sche Trup­pen im Jahr 1551 begleiten.[3] Par­al­lel dazu treibt die staat­li­che tür­ki­sche Ent­wick­lungs­agen­tur TIKA den Wie­der­auf­bau alter osma­ni­scher Rui­nen in Tri­po­lis voran.[4]

„Blaue Heimat“

In jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit hat ergän­zend das Kon­zept der „Blau­en Hei­mat“ („Mavi Vat­an“) an Ein­fluss gewon­nen. Sei­nen Ursprung hat es in Füh­rungs­krei­sen der tür­ki­schen Mari­ne, deren Rol­le im Kal­ten Krieg strikt durch die NATO defi­niert wur­de, deren Stra­te­gen aller­dings spä­tes­tens seit den 2000er Jah­ren – par­al­lel zum Erstar­ken der eigen­stän­di­gen tür­ki­schen Wirt­schafts­ex­pan­si­on – auch Wege zur Stär­kung einer eigen­stän­di­gen mari­ti­men Poli­tik zu skiz­zie­ren began­nen. Wegen geo­gra­fi­scher Beson­der­hei­ten – vor wei­ten Tei­len der west­li­chen Küs­ten der Tür­kei lie­gen grie­chi­sche Inseln, für die Athen jeweils eige­ne 200-Mei­len-Zonen bean­sprucht (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [5]), was die tür­ki­sche 200-Mei­len-Zone mas­siv ein­schränkt – führt dies ten­den­zi­ell zum Kon­flikt mit Grie­chen­land. „Mavi Vat­an“ – gemeint ist das tür­ki­sche Meer – ist mit einem Angriff auf die grie­chi­sche Maxi­mal­po­si­ti­on in der Fra­ge der 200-Mei­len-Zonen ver­bun­den. Vor einem knap­pen Jahr erreg­te ein Foto des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Erdoğan hef­ti­gen Unmut in Grie­chen­land, auf dem er vor einer Land­kar­te posier­te, auf der – die tür­ki­sche Maxi­mal­po­si­ti­on wie­der­ge­bend – die öst­li­chen grie­chi­schen Ägäis­in­seln gänz­lich von tür­ki­schen Hoheits­ge­wäs­sern umschlos­sen sind.[6] Das Kon­zept der „Blau­en Hei­mat“ ist bei alle­dem nicht nur mit einer anti­grie­chi­schen, son­dern auch mit einer anti­west­li­chen Hal­tung ver­bun­den, die die Tür­kei als eine asia­ti­sche, für Bünd­nis­se mit Russ­land und mit Chi­na offe­ne Macht begreift.[7]

Gemeinsame Manöver

Die füh­ren­den EU-Mäch­te reagie­ren unter­schied­lich auf die immer aggres­si­ve­re Poli­tik der Tür­kei im öst­li­chen Mit­tel­meer. Frank­reich erhöht sei­ne dor­ti­ge Mili­tär­prä­senz und wei­tet die mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit mit Grie­chen­land und Zypern aus. Hin­ter­grund sind tra­di­tio­nel­le fran­zö­si­sche Inter­es­sen im Nahen Osten, aber auch kon­kre­te Roh­stoff­pro­jek­te: So hat sich Total gemein­sam mit der ita­lie­ni­schen Eni Explo­ra­ti­ons­rech­te für ver­mu­te­te Erd­gas­la­ger­stät­ten in sie­ben der 13 Blö­cke süd­lich von Zypern gesichert.[8] Zu Monats­be­ginn ist ein neu­es Mili­tär­ab­kom­men zwi­schen Frank­reich und Zypern in Kraft getre­ten, das gemein­sa­me Aus­bil­dungs­maß­nah­men und Manö­ver, aber auch Rüs­tungs­ko­ope­ra­ti­on umfasst.[9] Im Febru­ar hat­te sich Paris auch mit Athen geei­nigt, in naher Zukunft eben­falls ein Mili­tär­ab­kom­men zu schlie­ßen; auch dabei soll es um gemein­sa­me Kriegs­übun­gen sowie um eine enge­re Rüs­tungs­zu­sam­men­ar­beit gehen. Frank­reich hat mitt­ler­wei­le meh­re­re gemein­sa­me See­ma­nö­ver mit Grie­chen­land abge­hal­ten; eines davon soll am heu­ti­gen Frei­tag zu Ende gehen. An ihm betei­li­gen sich auch Zypern und Ita­li­en; es ist recht offen gegen die tür­ki­schen Explo­ra­ti­ons­tä­tig­kei­ten im öst­li­chen Mit­tel­meer gerich­tet.

Brücke nach Nahost

Ber­lin hin­ge­gen setzt wei­ter­hin auf Koope­ra­ti­on mit Anka­ra. Hin­ter­grund sind nicht zuletzt alte geo­stra­te­gi­sche Inter­es­sen. Die Tür­kei fun­gie­re nach wie vor als bedeu­ten­de „Brü­cke in den Nahen und Mitt­le­ren Osten, in den Kau­ka­sus und indi­rekt auch nach Zen­tral­asi­en“, urteilt exem­pla­risch SWP-Exper­te Seufert; inten­si­ve poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten ins­be­son­de­re im Nahen Osten sei­en „ohne oder gar gegen Anka­ra … nur schwer denkbar“.[10] Hin­zu kom­me wie bereits seit je, dass die Tür­kei den Bos­po­rus und damit den stra­te­gisch äußerst bedeu­ten­den Zugang zum Schwar­zen Meer kon­trol­lie­re. Der Bun­des­re­gie­rung gilt zudem eine enge Zusam­men­ar­beit mit der Tür­kei bei der Flücht­lings­ab­wehr als unver­zicht­bar; nicht zufäl­lig geht der Flücht­lings­pakt der EU mit Anka­ra maß­geb­lich auf deut­sche Akti­vi­tä­ten zurück. Dar­über hin­aus gilt es in Ber­lin als unum­gäng­lich, die wei­te­re Annä­he­rung der Tür­kei an Russ­land und womög­lich auch an Chi­na zu ver­hin­dern; dazu muss die Koope­ra­ti­on auf­recht erhal­ten wer­den. Tat­säch­lich wäre ein Bruch mit Anka­ra ein welt­po­li­tisch gra­vie­ren­der Rück­schlag für den Wes­ten, beson­ders für die NATO.

Gespalten

Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel hat am 1. Juli im Bun­des­tag mit Blick auf die deut­sche EU-Rats­prä­si­dent­schaft ange­kün­digt, die Diver­gen­zen in der Tür­kei­po­li­tik der euro­päi­schen Mäch­te redu­zie­ren zu wol­len sowie einen ein­heit­li­chen Umgang mit dem Land anzu­stre­ben: „Wir brau­chen eine kohä­ren­te Türkei-Strategie.“[11] Dies war eines der Haupt­the­men beim gest­ri­gen Tref­fen der EU-Außen­mi­nis­ter in Ber­lin. Dabei besteht die Bun­des­re­gie­rung auf ihrer Posi­ti­on. Wäh­rend Paris Athen bei sei­nen Manö­vern unter­stützt, for­der­te Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas bereits vor Beginn des Tref­fens, nicht nur die Tür­kei, auch Grie­chen­land müs­se sofort sei­ne Kriegs­übun­gen im öst­li­chen Mit­tel­meer beenden.[12] Eine Eini­gung konn­te nicht erzielt wer­den. Damit bleibt die Uni­on im Hin­blick auf ihre Tür­kei­po­li­tik, aber auch auf die eska­lie­ren­den Span­nun­gen im öst­li­chen Mit­tel­meer, soll­te an die­sem Frei­tag kein Kon­sens gefun­den wer­den, gespal­ten.

Mehr zum The­ma: Eska­la­ti­on im Mit­tel­meer (II).

[1] Panagio­tis Kou­pa­ra­nis: Erdo­gans „Poli­tik der mili­tä­ri­schen Nadel­sti­che“. dw​.com 24.07.2020.

[2] S. dazu Die neu­en Part­ner in Anka­ra (II).

[3] Erhan Afyon­cu: Otto­mans freed Libya from Cru­sader occup­a­ti­on. dai​l​ysa​bah​.com 02.01.2020.

[4] Tur­key sends a dele­ga­ti­on to Tri­po­li „to res­to­re Otto­man monu­ments in the old city“. address​li​bya​.co 08.10.2019.

[5] S. dazu Eska­la­ti­on im Mit­tel­meer (II).

[6] Vere­na Schad: Pro­vo­ka­ti­on? Erdo­gan bean­sprucht grie­chi­sches Gebiet. de​.euro​news​.com 03.09.2019.

[7] Ryan Gin­ge­ras: Blue Home­land: The Hea­ted Poli­tics Behind Turkey’s New Mari­ti­me Stra­te­gy. waronthe​rocks​.com 02.06.2020.

[8] Cyprus, Fran­ce to boost defen­se ties under coope­ra­ti­on deal. eka​thi​meri​ni​.com 06.08.2020.

[9] Ed Adamc­zyk: Fran­ce-Cyprus defen­se coope­ra­ti­on pact takes effect. upi​.com 07.08.2020.

[10] Gün­ter Seufert: Die alte Freund­schaft ist vor­bei. zeit​.de 15.08.2018. S. auch Brü­cke und Boll­werk.

[11] Ruth Ber­schens: Wie­der­auf­bau­plan für Euro­pa: Mer­kel dämpft Erwar­tun­gen an EU-Gip­fel. han​dels​blatt​.com 01.07.2020.

[12] Maas ver­langt Ende der Mili­tär­ma­nö­ver im öst­li­chen Mit­tel­meer. deutsch​land​funk​.de 27.08.2020.

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