[labournet:] [Rezension] “Bullshit Jobs”: Verschwörungstheorie trifft intellektuellen Populismus

Dossier

Ne travaillez jamais – Arbeit? Niemals!David Gra­eber, Anthro­po­lo­ge und Vor­den­ker der Occu­py-Bewe­gung, wur­de mit dem Sach­buch “Schul­den – Die ers­ten 5000 Jah­re” bekannt. In sei­nem neu­en Buch “Bull­shit Jobs” geht es um Jobs, die zwar gut bezahlt sind, aber kei­nen gesell­schaft­li­chen Mehr­wert bie­ten. Aber statt sau­be­rer Ana­ly­se prä­sen­tiert Gra­eber intel­lek­tu­el­len Popu­lis­mus und lässt dabei zen­tra­le Fra­gen unge­klärt. (…) Es ist die gro­ße Illu­si­on moder­ner Markt­ge­sell­schaf­ten, der sich Gra­eber annimmt. In die­sen, so ihr Selbst­bild, wür­de der Wett­be­werb alle Unter­neh­men dazu brin­gen, ihre Mit­tel effi­zi­ent ein­zu­set­zen. Das sei nicht der Fall, behaup­tet Gra­eber. Immer mehr Men­schen ver­rich­te­ten Bull­shit-Jobs, sol­che also, von denen sie selbst ins­ge­heim glau­ben, dass sie nutz­los sei­en. Ihren sozia­len Ort haben die Bull­shit-Jobs nicht in den unte­ren sozia­len Klas­sen, das heißt bei jenen Men­schen, die tat­säch­lich Din­ge her­stel­len, repa­rie­ren, instand hal­ten etwas sau­ber­ma­chen oder ande­ren Men­schen hel­fen. Die­se Tätig­kei­ten sind zwar tat­säch­lich häu­fig, wie Gra­eber sie nennt, “Scheiß­jobs”. Sie wer­den mies bezahlt, aber sie sind gesell­schaft­lich nütz­lich und sie ver­lei­hen jenen Men­schen, die sie aus­üben, durch­aus einen Sinn. Bull­shit-Jobs wer­den hin­ge­gen zumeist ordent­lich bezahlt. Sie sind nur nutz­los. (…) Das Buch ist zwar lau­nig, metho­disch aber lau­sig. Zuerst bestimmt Gra­eber Bull­shit-Jobs allein sub­jek­tiv, spä­ter dann doch wie­der objek­tiv, wenn er sich unter der Hand an Adam Smit­hs Begriff von pro­duk­ti­ver Arbeit ori­en­tiert. Mal leug­nen die Leu­te vor sich selbst, dass ihre Arbeit sinn­los ist, mal sol­len sie sich des­sen aber doch bewusst sein. Wie es Gra­eber gera­de passt, rollt die Kugel sei­ner Argu­men­ta­ti­on durch immer neue schie­fe Ebe­nen. Skep­sis gegen­über der eige­nen The­se mutet sich Gra­eber nicht zu. (…) Gra­eber streut in sei­ner Argu­men­ta­ti­on auch immer wie­der ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Ele­men­te ein. Er nimmt an, dass die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­ten Bull­shit-Jobs auch des­halb schaf­fen, damit die Leu­te nicht auf dum­me Gedan­ken kom­men und eine bes­se­re Gesell­schaft ein­for­dern. Wenn es denn so ein­fach wäre…” Rezen­si­on von Oli­ver Nachtw­ey vom 3. Sep­tem­ber 2018 bei der Süd­deut­schen Zei­tung online externer Link und wei­te­re, auch Inter­views mit dem Autor:

  • David Gra­eber über »Bull­shit-Jobs« New
    David Gra­eber: “… Wenn man über Bull­shit-Jobs redet, den­ken vie­le an schlech­te Arbeit; Arbeit, die her­ab­wür­di­gend ist; Arbeit unter fürch­ter­li­chen Bedin­gun­gen, ohne zusätz­li­che Vor­sor­ge­leis­tun­gen und so wei­ter. Aber die Iro­nie ist, dass die­se Jobs genau genom­men kein Bull­shit sind. Wenn man einen Scheiß­job hat, ste­hen die Chan­cen nicht schlecht, dass man damit immer noch etwas Gutes in der Welt bewirkt. Es ist doch so: je mehr die Arbeit, die man voll­bringt, ande­ren Men­schen zu Gute kommt, des­to schlech­ter wird die­se Arbeit wahr­schein­lich bezahlt. Und in die­sem Sin­ne ist es dann sicher­lich auch ein Scheiß­job. Das kann man also wie einen Gegen­satz sehen. Auf der einen Sei­te gibt es Jobs, die schei­ße sind, aber nütz­lich. Wenn man Toi­let­ten putzt oder ähn­li­ches – Toi­let­ten müs­sen schließ­lich geputzt wer­den – da hat man wenigs­tens die Wür­de zu wis­sen, man ist nütz­lich für ande­re Men­schen, selbst wenn es nicht viel mehr ist als das. Ande­rer­seits gibt es Jobs, in denen man mit Respekt und Wür­de behan­delt wird, mit guter Bezah­lung und guten Vor­sor­ge­leis­tun­gen. Aber eigent­lich arbei­tet man mit dem Wis­sen, dass der Job voll­kom­men nutz­los ist. (…) Men­schen in Dienst­leis­tungs­be­ru­fen glau­ben nicht, dass sie Bull­shit-Jobs haben. In den meis­ten Fäl­len jeden­falls. Sie akzep­tie­ren die Vor­stel­lung, dass etwas gekauft wird, wenn es einen Markt für etwas gibt. Wer bin ich, das zu beur­tei­len? Die­sem Aspekt der kapi­ta­lis­ti­schen Logik schen­ken sie Glau­ben. Aber dann schau­en sie auf den Arbeits­markt und sagen: »War­te mal! Ich bekom­me 40.000 Dol­lar im Jahr, um rum­zu­sit­zen und den gan­zen Tag Kat­zen-Memes zu machen und mal einen Anruf ent­ge­gen­zu­neh­men. Das kann nicht rich­tig sein.« Der Markt liegt also nicht immer rich­tig. Offen­sicht­lich funk­tio­niert der Arbeits­markt nicht wirt­schaft­lich ratio­nal. Da gibt es also einen Wider­spruch. Des­halb müs­sen sie ein ande­res Sys­tem, ein impli­zi­tes Wert­sys­tem, kre­ieren, was sich von pro­duk­ti­ver oder unpro­duk­ti­ver Arbeit für den Kapi­ta­lis­mus unter­schei­det. (…) Fragt man Mar­xis­tin­nen und Mar­xis­ten zu Arbeit und Arbeits­wert, reden sie sofort über Pro­duk­ti­on. Nun, hier ist eine Tas­se. Jemand muss die­se Tas­se her­stel­len. Das ist wahr. Aber man stellt die Tas­se ein­mal her und wäscht sie zehn­tau­send­mal ab, rich­tig? In den meis­ten Vor­stel­lun­gen, ver­schwin­det die­se Art der Arbeit voll­kom­men. Meis­tens geht es bei Arbeit nicht um das Pro­du­zie­ren von Din­gen, es geht dar­um, sie bei­zu­be­hal­ten, sie zu erhal­ten, sich dar­um zu küm­mern. Und genau­so geht es auch dar­um, sich um Men­schen zu küm­mern, um Pflan­zen und um Tie­re…” Inter­view mit David Gra­eber geführt von Suzi Weiss­mann bei Jaco­bin am 26. August 2020 externer Link (Über­set­zung von Mar­tin Nei­se)
  • [Vor­trag von David Gra­eber] Von Care-Givern und Bull­shit-Jobs – „Die Schaf­fung von Bull­shit-Jobs führt zur Bull­shi­ti­sie­rung ech­ter Jobs“ 
    Der Anthro­po­lo­ge David Gra­eber hat auf dem 36c3 fun­da­men­ta­le Ver­än­de­run­gen in der Arbeits­welt beschrie­ben. Auf­bau­end auf sei­nem Buch über Bull­shit-Jobs sieht er in Bil­dungs- und Gesund­heits­be­ru­fen die neue Arbei­ter­klas­se. Eine poli­ti­sche Emp­feh­lung und eine Sys­tem­kri­tik glei­cher­ma­ßen. David Gra­eber kann Debat­ten ansto­ßen. Er gilt als einer der Theo­re­ti­ker der Bewe­gung „Occu­py Wall Street“ und erreg­te im letz­ten Jahr mit einem Buch über „Bull­shit-Jobs“ viel Auf­merk­sam­keit. Sei­ne Kern­the­se: Eine gro­ße Men­ge an Men­schen arbei­tet in Beru­fen, die kei­nen wirk­li­chen Zweck haben – und fühlt sich auch so. In einem Vor­trag auf dem 36. Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress in Leip­zig erwei­tert er die­se Ana­ly­se und beschreibt Beru­fe im Bil­dungs- und Gesund­heits­be­reich als eine neue Art Arbei­ter­klas­se. Die Zukunft der Arbeit ist eine der gro­ßen gesell­schaft­li­che Fra­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Gra­eber aber will nicht über Tech­no­lo­gie spre­chen und beginnt sei­nen Vor­trag mit einer aktu­el­len poli­ti­schen Ana­ly­se. (…) Sei­ner Ana­ly­se nach ver­las­sen sich lin­ke Par­tei­en zu sehr auf das alte Para­dig­ma von Arbei­tern und Kapi­ta­lis­ten. Sie wür­den über­se­hen, dass es in Wahr­heit um eine ganz ande­re Unter­schei­dung gehe: Die von Men­schen in admi­nis­tra­ti­ven und auf­sicht­füh­ren­den Beru­fen auf der einen Sei­te und von jenen in betreu­en­den Beru­fen im Bil­dungs- und Gesund­heits­be­reich auf der ande­ren Sei­te. Letz­te­re nennt Gra­eber Care-Giver. Bei­des sei­en die auf­stre­ben­den Beschäf­ti­gungs­be­rei­che der neue­ren Zeit. Wäh­rend es sich bei den admi­nis­tra­ti­ven Beru­fen um die klas­si­schen Bull­shit-Jobs sei­ner Theo­rie han­delt – 35% die­ser Per­so­nen in Deutsch­land hal­ten ihren Job für völ­lig irrele­vant – wür­den sie gleich­zei­tig für einen Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lust bei den Care-Giver sor­gen. Denn wenn immer mehr Men­schen admi­nis­trie­ren und auf­se­hen, brau­che es auch immer mehr Mate­ri­al, mit dem sie arbei­ten. Die Care-Giver müss­ten also ver­mehrt dafür arbei­ten, die Admi­nis­tra­ti­ven zu beschäf­ti­gen. „Die Schaf­fung von Bull­shit-Jobs führt zur Bull­shi­ti­sie­rung ech­ter Jobs“, so Gra­eber. (…) Lin­ke Par­tei­en müss­ten die Admi­nis­tra­ti­ven als Ansprechpartner:innen für ihre Poli­tik ver­ges­sen. Sie soll­ten auch die Idee der Arbei­ter­klas­se ver­ges­sen. Es käme vor allem auf die Care-Giver an. Und zwar nicht nur für lin­ke Poli­tik. „We need to start over“, sagt Gra­eber gegen Ende. Man müs­se sich lösen von den Begrif­fen Pro­duk­ti­vi­tät und Kon­sum. Und man müs­se den Wert von Care-Giver mehr wür­di­gen, weil es auch psy­cho­lo­gisch rich­tig sei: Men­schen möch­ten sich küm­mern…” (Kri­ti­scher) Bei­trag von Chris­to­pher Hamich vom 28.12.2019 bei Netz­po­li­tik externer Link samt Video des Vor­trags
  • [Inter­view mit David Gra­eber] Der Auf­stieg der »Bull­shit-Jobs«: Die Explo­si­on an sinn­lo­sen Jobs sorgt dafür, dass Men­schen sich unnütz füh­len. Dabei könn­te es eine Rebel­li­on für mehr Non-Bull­shit-Jobs geben
    Suzi Weiss­man vom Jaco­bin Radio traf sich beim Ada-Maga­zin August 2019 mit David Gra­eber externer Link, “um her­aus­zu­fin­den, was Bull­shit-Jobs sind und war­um sie sich in den letz­ten Jah­ren aus­brei­ten konn­ten. (…) [David Gra­eber:] Ein Bull­shit-Job ist ein Job, der so sinn­los ist, oder sogar schäd­lich, dass selbst die Per­son, die ihn aus­führt, ins­ge­heim glaubt, dass er gar nicht exis­tie­ren soll­te. (…) Auf der einen Sei­te hat man Jobs, die schei­ße sind, aber nütz­lich. Wenn man Toi­let­ten putzt oder ähn­li­ches – Toi­let­ten müs­sen schließ­lich geputzt wer­den – da hat man wenigs­tens die Wür­de zu wis­sen, man ist nütz­lich für ande­re Men­schen, selbst wenn es nicht viel mehr ist als das. Und ande­rer­seits hat man Jobs in denen man mit Respekt und Wür­de behan­delt wird, mit guter Bezah­lung und guten Vor­sor­ge­leis­tun­gen. Aber eigent­lich arbei­tet man mit dem Wis­sen, dass der Job voll­kom­men nutz­los ist. (…) Kreuz­chen­set­ze­rin­nen gibt es, damit eine Orga­ni­sa­ti­on sagen kann, dass sie etwas tut, was sie eigent­lich nicht tut. Es ist wie eine Unter­su­chungs­kom­mis­si­on. Wenn die Regie­rung durch irgend­ei­nen Skan­dal in Erklä­rungs­not kommt – Bul­len erschie­ßen vie­le schwar­ze Bür­ge­rin­nen zum Bei­spiel – oder jemand nimmt Schmier­gel­der an, es gibt also eine Art von Skan­dal. Sie set­zen eine Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ein und erwe­cken den Anschein, dass sie nicht wuss­ten, was los ist. Sie geben vor, sich der Sache anzu­neh­men, was aber über­haupt nicht wahr ist. Aber Unter­neh­men machen das auch. Sie bil­den stän­dig Kom­mis­sio­nen. Es gibt hun­dert­tau­sen­de Men­schen in der Welt, die in Com­pli­an­ce-Abtei­lun­gen bei Ban­ken arbei­ten. Und es ist kom­plet­ter Blöd­sinn. Nie­mand hat je die Absicht auch nur eines die­ser Geset­ze zu befol­gen, die ihnen auf­er­legt wur­den. Die ein­zi­ge Auf­ga­be ist es, jedes Geschäft zu geneh­mi­gen. Aber natür­lich genügt es nicht, jedes Geschäft zu geneh­mi­gen, denn das wür­de ver­däch­tig aus­se­hen. Also erfin­det man Grün­de, damit man sagen kann, man hät­te sich man­che Din­ge näher ange­schaut. Es gibt da ganz auf­wen­di­ge Ritua­le, mit denen man vor­gibt, sich einem Pro­blem zu wid­men, was man eigent­lich über­haupt nicht macht. (…) Aber wenn wir an Kapi­ta­lis­mus den­ken, stel­len wir uns immer noch lau­ter mit­tel­gro­ße Fir­men vor, die pro­du­zie­ren, Han­del trei­ben und mit­ein­an­der im Wett­be­werb ste­hen. So sieht die Land­schaft heut­zu­ta­ge aber nicht mehr aus, ins­be­son­de­re im Finanz‑, Ver­si­che­rungs- und Immo­bi­li­en-Sek­tor. (…) Fragt man Mar­xis­tin­nen zu Arbeit und Arbeits­wert, reden sie sofort über Pro­duk­ti­on. Nun, hier ist eine Tas­se. Jemand muss die­se Tas­se her­stel­len. Das ist wahr. Aber man stellt die Tas­se ein­mal her und wäscht sie zehn­tau­send­mal ab, rich­tig? Die­se Art der Arbeit ver­schwin­det voll­kom­men unter den meis­ten die­ser Vor­stel­lun­gen. Meis­tens geht es bei Arbeit nicht um das Pro­du­zie­ren von Din­gen, es geht dar­um, sie bei­zu­be­hal­ten, sie zu erhal­ten, sich dar­um zu küm­mern. Aber genau­so, sich um Men­schen zu küm­mern, um Pflan­zen und um Tie­re. (…) Aber wenn man in der Gesund­heits­bran­che oder im Bil­dungs­be­reich arbei­tet, in sozia­len Dienst­leis­tun­gen, etwas, wo man ande­ren Men­schen hilft, wird man so wenig bezahlt und so in die Schul­den getrie­ben, dass man nicht mal sei­ne eige­ne Fami­lie unter­stüt­zen kann. Das ist voll­kom­men unfair. (…) Das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men hin­ge­gen gibt jeder Per­son genug, um exis­tie­ren zu kön­nen. Danach ist es einer selbst über­las­sen. (Ich mei­ne natür­lich die radi­ka­len Ver­sio­nen, nicht die Elon Musk-Ver­si­on.) (…) Wenn 40 Pro­zent der Men­schen sowie­so schon den­ken, dass ihre Jobs sinn­los sind, wie könn­te es dann noch schlim­mer wer­den, als es ohne­hin schon ist? Wenigs­tens wären sie damit um eini­ges glück­li­cher als mit dem stän­di­gen Aus­fül­len von For­mu­la­ren.”
  • [Inter­view mit David Gra­eber] Arbeit über alles? 
    David Gra­eber im Gespräch mit Frank Augus­tin und Wolf­ram Bern­hardt am 8. Janu­ar 2019 bei Tele­po­lis externer Link“über “Bull­shit Jobs”, einen Kapi­ta­lis­mus, in dem unnö­ti­ge Arbeit bezahlt wird, und das kur­di­sche Roja­va als eines der größ­ten demo­kra­ti­schen Expe­ri­men­te. (…) Ein Bull­shit-Job ist eine Form der bezahl­ten Anstel­lung, die der­art sinn­los, unnö­tig oder gefähr­lich ist, dass selbst die Per­son, die sie aus­führt, ihre Exis­tenz nicht recht­fer­ti­gen kann – obwohl sich die­se Per­son im Rah­men der Beschäf­ti­gungs­be­din­gun­gen ver­pflich­tet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall. (…) Es ist ja kein Geheim­nis, dass die Jobs, die einen ganz direk­ten Nut­zen haben – wie Erzie­her, Pfle­ger oder Auto­me­cha­ni­ker – schlecht bezahlt sind. Wenn man dann die Men­schen mit sinn­lo­sen Jobs vor die Wahl stellt, ihr Ein­kom­mens­ni­veau zu sen­ken – und somit den Life­style auf­zu­ge­ben, den sie sich auf­grund des Ein­kom­mens leis­ten kön­nen – und statt­des­sen etwas Sinn­vol­les, aber eben schlech­ter Bezahl­tes zu machen, leh­nen die meis­ten dan­kend ab. (…) Wie eine anar­chis­ti­sche Gesell­schaft in der west­li­chen Welt im Detail aus­sä­he, kann ich auch nicht sagen. Aber mir geht es um die Idee der Selbst­be­stim­mung, um den Grad der Auto­no­mie und um einen gesell­schaft­li­chen Grund­kon­sens, der mir im Zwei­fel hilft, zu mei­nen Über­zeu­gun­gen zu ste­hen, anstatt mich zu ver­kau­fen. (…)Las­sen Sie mich ein Bei­spiel anfüh­ren, anhand des­sen ich ver­deut­li­chen kann, wor­um es mir geht; ein Bei­spiel für eine gelun­ge­ne Selbst­ver­wal­tung, ja eines der größ­ten demo­kra­ti­schen Expe­ri­men­te der heu­ti­gen Zeit. Im Nor­den Syri­ens haben sich in den letz­ten Jah­ren die kur­di­schen Gebie­te zu einer demo­kra­ti­schen Kon­fö­de­ra­ti­on zusam­men­ge­schlos­sen, die 2016 ihre Unab­hän­gig­keit erklärt hat. Die­se Kon­fö­de­ra­ti­on besticht jedoch nicht durch eine star­ke Zen­tral­ver­wal­tung, son­dern durch ein gro­ßes Maß an Selbst­ver­wal­tung, das an die anar­chis­ti­sche Selbst­ver­wal­tung in Kata­lo­ni­en im Jahr 1936 erin­nert. So wur­den in Roja­va Volks­ver­samm­lun­gen geschaf­fen, die als höchs­tes Ent­schei­dungs­gre­mi­en fun­gie­ren und die zudem ein sorg­fäl­ti­ges eth­ni­sches Gleich­ge­wicht reprä­sen­tie­ren. In jeder Gemein­de müs­sen in den höchs­ten Gre­mi­en ein Kur­de, ein Ara­ber und ein assy­ri­scher oder arme­ni­scher Christ ver­tre­ten sein – und min­des­tens eine von die­sen drei Per­so­nen muss eine Frau sein.(…) Der kur­di­sche Kampf könn­te auf die­se Wei­se zum Modell für eine welt­wei­te Bewe­gung hin zu ech­ter Demo­kra­tie, koope­ra­ti­ver Wirt­schaft und der all­mäh­li­chen Auf­lö­sung des büro­kra­ti­schen Natio­nal­staa­tes wer­den…”
  • “Ganz weit vorn”. David Gra­eber: Bull­shit Jobs 
    Gäbe es im gegen­wär­ti­gen Ganz­deutsch­land einen aktu­el­len Buch­preis für unbe­schwer­te Fröh­li­che Wis­sen­schaft – dann stün­de bei mir Gra­e­bers neus­tes Buch über Bull­shit Jobs (dt. Scheiß­jobs) ganz weit vorn. (…) Bull­shit Jobs knüpft an sub­jek­ti­ven All­tags­er­fah­run­gen vor allem des auch hier­zu­lan­de real­exis­tie­ren­den Mil­lio­nen­heers von Bull­shit Job­bern an. Frei­lich ohne sich in sei­nen sie­ben groß­flä­chi­gen Kapi­teln jeweils im Gestrüpp von diver­sen – auch mit­ge­teil­ten – Détails und oft bizar­ren Ein­zel­hei­ten die­ser auch welt­weit rele­van­ten bull­shit job­be­ry nicht nur in dis­tri­bu­tiv-ver­tei­lungs­be­zo­ge­nen und admi­nis­tra­tiv-ver­wal­tungs­be­zo­ge­nen erwerbs­wirt­schaf­ti­chen Berei­chen zu ver­fan­gen. Die stu­fen­wei­se ent­wi­ckel­ten Defi­ni­ti­ons­ver­su­che des Autors zum Kern der unter­halt­sam vari­ier­ten Sta­tio­nen und For­men die­ser (um bull­shit job wört­lich zu über­set­zen) Scheiß­ar­beit im gegen­wär­ti­gen ent­wi­ckel­ten Spät­ka­pi­ta­lis­mus mit sei­ner neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie und vor allem sei­ner wirk­mäch­ti­gen glo­ba­len Finanz­wirt­schaft ver­an­schau­li­chen, was im Grun­de gemeint ist, aber direkt nicht ange­spro­chen wird – näm­lich gesell­schaft­lich über­flüs­si­ge, schäd­li­che und vor allem para­si­tä­re Öko­no­mie (deren Kern Marx im drit­ten Band des “Kapi­tal” aus Funk­tio­nen zins­tra­gen­den Kapi­tals aus­führ­lich ent­wi­ckel­te. (…) Gra­e­bers locker erzähl­te fröh­li­cher Wis­sen­schaft hat denn auch einen grund­le­gen­den Web­feh­ler: Die vie­len fröh­li­chen Pas­sa­gen sind sozi­al­wis­sen­schaft­lich uner­heb­lich. Und die weni­gen sozi­al­wis­sen­schaft­lich erheb­li­chen Pas­sa­gen sind ganz und gar nicht fröh­lich. Wen auch immer das nicht (ver)stört … mag sich Gra­e­bers Buch als unter­halt­sa­me Fröh­li­che Wis­sen­schaft rein­zie­hen.” Buch­vor­stel­lung von Richard Albrecht bei der trend online­zei­tung 12/​2018 externer Link
  • [Inter­view] „Jobs, die die Welt nicht braucht“ 
    US-Best­sel­ler­au­tor David Gra­eber über immer mehr sinn­lo­se Arbeit, Mana­ger-Feu­da­lis­mus und die wun­der­ba­re Chan­ce, end­lich zu einer Frei­zeit-Gesell­schaft zu wer­den. Der Kapi­ta­lis­mus ist hart und effi­zi­ent. Im Kampf um Ren­ta­bi­li­tät und Markt­an­tei­le strei­chen Unter­neh­men Arbeits­plät­ze, erhö­hen die Arbeits­leis­tung – alles Über­flüs­si­ge und Unnö­ti­ge wird weg­ge­schnit­ten. Doch dar­in sieht der Anthro­po­lo­ge und Best­sel­ler-Autor David Gra­eber nur die eine Sei­te des Sys­tems. Auf der ande­ren Sei­te sieht er eine rapi­de Zunah­me soge­nann­ter „Bull­shit Jobs“, also von Arbeits­plät­zen, die kei­ner­lei erkenn­ba­ren Nut­zen haben. Sie ver­meh­ren sich im Manage­ment, in der Ver­wal­tung, in der Wer­bung und im Finanz­sek­tor. „Man bekommt den Ein­druck, immer mehr Jobs wer­den nur zu dem Zweck ein­ge­rich­tet, damit wir alle stän­dig arbei­ten“, so Gra­eber. „Irgend­et­was an unse­rer Zivi­li­sa­ti­on ist grund­le­gend falsch.“ (…) Wenn zum Bei­spiel Rei­ni­gungs­kräf­te strei­ken, dann ärgert das vie­le – schlicht weil die Rei­ni­gungs­kräf­te nötig sind, weil wir sie brau­chen. Was wür­de aber gesche­hen, wenn alle Tele­fon­wer­ber oder Kon­zern­lob­by­is­ten strei­ken wür­den? Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass der Ärger groß wäre. (…) Ich gehe nicht vom objek­ti­ven Nut­zen des Jobs aus, son­dern vom sub­jek­ti­ven Emp­fin­den des Arbei­ten­den: Es ist eine Tätig­keit, die die Aus­füh­ren­den selbst als sinn­los oder schäd­lich bezeich­nen…” Inter­view von Ste­phan Kauf­mann vom 17.11.2018 in der FR online externer Link
  • Anthro­po­lo­ge: “Men­schen ver­die­nen umso weni­ger, je nütz­li­cher ihr Job ist.” – David Gra­eber sieht eine sinn­ent­leer­te neue Arbeits­welt – und for­dert das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men 
    “… „Es ist offen­sicht­lich, dass die Her­stel­lung von Gütern pro­duk­ti­ver und effi­zi­en­ter wird, wenn sie digi­ta­li­siert wird. Dann brau­chen Sie weni­ger Mit­ar­bei­ter“, so der For­scher in einem Inter­view mit Tech­no­lo­gy Review. Das aber habe nicht zu sin­ken­den Beschäf­ti­gungs­zah­len geführt, son­dern zur Aus­wei­tung bei admi­nis­tra­ti­ven Jobs und Mana­ger­tä­tig­kei­ten. Vie­le davon sei­en jedoch Bull­shit-Jobs. „Das ist ein Job, von dem die Leu­te, die ihn machen, glau­ben: Wenn es die­sen Job nicht gäbe, wür­de dies nicht auf­fal­len, wür­den die Din­ge sogar ein wenig bes­ser“, sagt Gra­eber. (…) Die Ursa­che liegt für Gra­eber in einer „finan­zia­li­sier­ten Wirt­schaft“, also im Über­ge­wicht des Finanz­we­sens gegen­über der Pro­duk­ti­on von Gütern. (…) Für Gra­eber liegt die Lösung daher im bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men. “Ein Rie­sen­pro­blem ist ja, dass Men­schen umso weni­ger ver­die­nen, je nütz­li­cher ihr Job ist. Wenn Men­schen nicht mehr gezwun­gen sein sol­len, Bull­shit-Jobs anzu­neh­men, sehe ich nur eine Lösung: ihnen ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men zu zah­len.“ Rezen­si­on von Nils Boe­ing vom 17. Okto­ber 2018 bei hei­se online externer Link
  • [Inter­view] Bull­shit-Jobs: „Ein Drit­tel unse­rer Jobs sind sinn­los“ – erklärt David Gra­eber
    Ob Per­so­nal­ent­wick­ler, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ko­or­di­na­to­ren oder Stra­te­gie­be­ra­ter – für den Anthro­po­lo­gen David Gra­eber sind rund ein Drit­tel aller Jobs sinn­los. Selbst die, die sie aus­üben, kön­nen ihren Nut­zen nicht erklä­ren. Gesell­schaft­lich sinn­vol­le Jobs wer­den hin­ge­gen oft weg­ge­kürzt oder schlecht bezahlt, gleich­zei­tig wer­den die meist gut­be­zahl­ten Bull­shit­jobs immer mehr. Mat­thi­as May­er und Car­la Schück haben mit Gra­eber bei sei­nem Wien-Besuch gespro­chen. Wür­de es auf­fal­len, wenn es mei­nen Job nicht gäbe? Wer die­se Fra­ge mit Nein beant­wor­tet, hat laut David Gra­eber einen Bull­shit­job. Gra­eber hat mit unzäh­li­gen Ange­stell­ten gespro­chen und ist zu dem Ergeb­nis gekom­men: Etwa ein Drit­tel der Jobs sind gesell­schaft­lich wei­test­ge­hend sinn­los und unpro­duk­tiv. Auch die Beschäf­tig­ten selbst sehen das so und kön­nen sich den Nut­zen ihrer Arbeit nicht erklä­ren. (…) Damit stellt David Gra­eber den Mythos der Effi­zi­enz unse­res Wirt­schafts­sys­tems in Fra­ge. Gemein­hin gilt ja: Man kann am Kapi­ta­lis­mus viel kri­ti­sie­ren, aber er ist effi­zi­ent im Ein­tei­len von Arbeit und Ver­tei­len von Res­sour­cen. Genau das bestrei­tet Gra­eber in sei­nem Buch “Bull­shit-Jobs – vom wah­ren Sinn der Arbeit” aller­dings. Für Gra­eber leben wir in einer Gesell­schaft, die nicht auf pro­duk­ti­ver Arbeit basiert, son­dern auf Arbeit als Selbst­zweck. Anstatt durch tech­ni­schen Fort­schritt immer weni­ger arbei­ten zu müs­sen, lau­tet die Prä­mis­se: Mehr­ar­beit als Lebens­zweck! Egal wie sinn­los die Jobs sind. (…) Wir könn­ten schon längst weni­ger arbei­ten, aber wir schei­nen beses­sen davon zu sein, mehr zu arbei­ten. Etwas zu pro­du­zie­ren, ist gar nicht so wich­tig. Es ist oft wich­ti­ger, in sei­nem Job zu lei­den. Wenn du nicht mehr arbei­test, als du eigent­lich arbei­ten willst, dann giltst du schlicht als schlech­ter Mensch. Es gibt also eine gesell­schaft­li­che Beses­sen­heit auf der einen und eine poli­ti­sche Agen­da auf der ande­ren Sei­te, den Arbeits­fe­ti­schis­mus. Die Lin­ke und die Rech­te fin­den gemein­sam eines immer sehr wich­tig: Das Schaf­fen von Arbeits­plät­zen. Die For­de­rung nach weni­ger Jobs wäre poli­ti­scher Selbst­mord. Man kann nicht ein­mal anklin­gen las­sen, dass es viel­leicht Jobs gibt, die ein­fach sinn­los sind. Das klingt in unse­ren Ohren fast wie Ket­ze­rei…” Inter­view der Kon­trast-Redak­ti­on vom 26. Sep­tem­ber 2018 externer Link
  • Zum Buch von David Gra­eber “Bull­shit Jobs. Vom wah­ren Sinn der Arbeit.” (Stutt­gart 2018, 464 Sei­ten, 26 €.) sie­he Infos bei Klett-Cot­ta externer Link

Der Bei­trag [Rezen­si­on] “Bull­shit Jobs”: Ver­schwö­rungs­theo­rie trifft intel­lek­tu­el­len Popu­lis­mus erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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