[LCM:] Berlin: Ferhat Mayoufs Tod war kein Suizid

„Ich dach­te er wäre sicher im Gefäng­nis – und muss­te rea­li­sie­ren, dass nie­mand der in den Knast muss sicher ist…“ sagt Dah­man May­ouf. Dah­man ist Bru­der von Fer­hat May­ouf, der am 23. Juli bei einem Brand in sei­ner Zel­le in der JVA Moa­bit starb. Die Todes­um­stän­de sind grau­sam, die Bedin­gun­gen unter denen er unter­ge­bracht war genau­so. Drei Tage vor sei­nem Tod hat­te er bei einem Haft­prü­fungs­ter­min über Depres­sio­nen und Selbst­ver­let­zung gere­det und gesagt, dass er in eine Haft­kli­nik müs­se. Dies sei in einem ihm vor­lie­gen­den Pro­to­koll auch so ver­merkt, ergänzt Dah­man. Die Rich­te­rin sprach wohl auch eine Emp­feh­lung zu ärzt­li­cher Behand­lung aus. Die Unter­su­chung durch den Anstalts­arzt erfolg­te aller­dings nie. Für den Dah­man, ist damit die Ver­nach­läs­si­gung sei­nes 38 jäh­ri­gen Bru­ders bewie­sen. Statt­des­sen benutzt die Voll­zugs­an­stalt sel­bi­ges Pro­to­koll um ihre Behaup­tung des Sui­zids zu unter­mau­ern. Nach­for­schun­gen von Cri­mi­nals for Free­dom zeich­nen aller­dings ein gänz­lich ande­res Bild.

Zusam­men mit Ferhats Fami­lie und über Berich­te von Mit­ge­fan­ge­nen konn­ten sie die Todes­um­tän­de von Fer­hat rekon­stru­ie­ren. Das Licht in den meis­ten Zel­len war in den Abend­stun­den aus, als eini­ge Gefan­ge­ne einen Brand­ge­ruch wahr­neh­men. Es war ein dump­fes Wum­mern von Schlä­gen an einer Zel­len­tür zu hören. Ver­zwei­fel­te Hil­fe­ru­fe. Ein ande­rer Gefan­ge­ner benach­rich­tigt die Wär­ter. „Die Insas­sen hör­ten, wie es 5 Minu­ten lang aus der Brand­zel­le Hil­fe­ru­fe gab und laut­stark gegen die Zel­len­tür wum­mer­te. Ein Insas­se sah durch ein Loch sei­ner Zel­len­tür, wie zwei Schlu­sen (Gefäng­nis­wär­ter, Anm. d. Red.) im Gang stan­den und nichts unter­nah­men, obwohl er um Hil­fe und immer wie­der ‚Feu­er‘ schrie. Bis es ver­stumm­te. Einer hör­te auch, wie sich die Schlu­sen wohl berie­ten, aber nichts unter­nah­men. Sie stan­den die gan­ze Zeit vor sei­ner Zel­le.“, so berich­tet es ein Mit­ge­fan­ge­ner Cri­mi­nals for free­dom. Als zwan­zig Minu­ten spä­ter die Tür von der Feu­er­wehr geöff­net wird ist Fer­hat May­ouf bereits tot.

Todes­fäl­le durch Brän­de in Gewahr­sam sind kei­ne Ein­zel­fäl­le. Fer­hat May­oufs Geschich­te weckt Erin­ne­run­gen an den Fall von Oury Jal­loh, der vor 15 Jah­ren in Des­sau gefes­selt in sei­ner Zel­le ver­brann­te, sein Tod und die Ver­wick­lung von Poli­zei­be­am­ten ist nie befrie­di­gend auf­ge­klärt wor­den. Oder an den Fall von Amad Ahmad der am 17.09.2018 in der JVA Kle­ve durch einen Brand in sei­ner Zel­le starb. Nicht nur sein Tod wirft Fra­gen auf, son­dern auch der Umstand, dass er durch eine Ver­wechs­lung inhaf­tiert wur­de. Zudem war die Ver­wechs­lung der Poli­zei bereits wochen­lang vor dem Tod bekannt. Auch wenn dies erst nach dem Brand öffent­lich gemacht wur­de.

Immer wie­der ster­ben Gefan­ge­ne, vor allem Peop­le of Color und Schwar­ze Men­schen in den Knäs­ten. Die­se als Sui­zid zu bestim­men hilft dabei die Ver­ant­wor­tung des Knas­tes aus­zu­blen­den. Gefan­ge­ne sind bei Vor­komm­nis­sen wie Brand­aus­brü­che abso­lut wehr­los. „Du bist ein­ge­schlos­sen und hast kei­ne Chan­ce“ so Dah­man May­ouf. Aber tat­säch­lich sind sie aller Gewalt voll­kom­men aus­ge­lie­fert. Dah­man spricht von „Fol­te­run­gen im Knast, durch Prü­gel aber auch Iso­la­ti­on“ Nach Berich­ten Berich­ten von Mit­ge­fan­ge­nen war Fer­hat May­ouf von Schlie­ßern vor sei­nem Tod zusam­men­ge­schla­gen und zwei Tage im soge­nann­ten „Bun­ker“ iso­liert wor­den. Kör­per­li­che Ver­let­zun­gen wie Rip­pen­brü­che sei­en auch ärzt­lich doku­men­tiert.

Ras­sis­mus, ras­sis­ti­sche Poli­zei- und Jus­tiz­ge­walt und Unter­drü­ckung sind kei­ne Phä­no­me­ne, wel­che aus­schließ­lich vor den Knast­to­ren zu fin­den sind, im Gegen­teil. In Knäs­ten sind die Ver­hält­nis­se im Ver­gleich zu drau­ßen sogar ver­schärf­ter. Nicht nur ras­sis­ti­sche Jus­tiz­an­ge­stell­te sind Teil des „Nor­mal­zu­stan­des“ im Knast. Regel­mä­ßig gibt es Fäl­le, wie eben den von Fer­hat May­ouf, die das ein­drück­lich zei­gen..

Gesell­schaft­lich ist das ein mas­si­ves Pro­blem. Knäs­te sind im Gegen­satz zur Todes­stra­fe in brei­ten Tei­len der Gesell­schaft akzep­tiert. Selbst unter radi­ka­len Lin­ken scheint die unbe­wuss­te Über­zeu­gung ver­brei­tet, dass es doch ein paar Men­schen gibt, die da hin­ge­hö­ren. Durch die Kate­go­ri­sie­rung „kri­mi­ni­ell“, und das Weg­sper­ren, befrei­en Knäs­te die Gesell­schaft von der Ver­ant­wor­tung, sich mit den drän­gen­den gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men aus­ein­an­der zu set­zen. Die Inhaf­tie­rung ist zur ers­ten Ant­wort auf viel zu vie­le der sozia­len Pro­ble­me gewor­den, die Men­schen in Armut belas­ten. Obdach­lo­sig­keit, Arbeits­lo­sig­keit, Dro­gen­ab­hän­gig­keit, psy­chi­sche Erkran­kun­gen und vie­les ande­res. All das sind Pro­ble­me, von den PoC wesent­lich stär­ker betrof­fen sind, als Wei­ße, der ras­sis­ti­sche Cha­rak­ter die­ser Gesell­schaft zeigt sich am Ende auch in den Knäs­ten.

Dort sind alle Gefan­ge­nen dem Sys­tem Knast aus­ge­setzt. „Sie pushen die Leu­te sich selbst umzu­brin­gen. Nicht nur das sie ihnen Feu­er­zeu­ge und Sei­le in die Zel­le geben, sie zer­stö­ren sie see­lisch. Das ist falsch!“ meint Dah­man May­ouf. Ver­ein­ze­lung im Knast und die ver­schie­de­nen For­men von Gewalt die­nen zur see­li­schen Zer­stö­rung. Knäs­te iso­lie­ren die Men­schen von der Gesell­schaft, sie machen die Gefan­ge­nen regel­recht kaputt, sie fol­tern und töten. Unter Knas­tum­stän­den kann nie­mals von einem soge­nann­ten Selbst­mord die Rede sein, auch nicht im Fall von Fer­hat May­ouf.

# Text: Sel­ma Ali-Sher­wan von Sabot44

# Am 29.08.2020, 19 Uhr, U‑Bahnhof Turm­stra­ße fin­det eine Demo statt, um an Fer­hat May­ouf und alle ande­ren im Knast ermor­de­ten zu erin­nern und sich an die Sei­te all jener zu stel­len, die gefan­gen gehal­ten wer­den

# Titel­bild: JVA Moa­bit, wiki­me­dia com­mons, G.Elser, CC BY 3.0

Der Bei­trag Ber­lin: Fer­hat May­oufs Tod war kein Sui­zid erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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