[GAM:] Belarus: Offene Revolte nach der Wahlfälschung

Urte March, Neue Inter­na­tio­na­le 249, Sep­tem­ber 2020

Am Sonn­tag, dem 23.8.2020, erleb­te Minsk einen neu­en Höhe­punkt der Pro­test­wel­le. Zehn­tau­sen­de ver­sam­mel­ten sich zu einer nicht geneh­mig­ten Kund­ge­bung auf dem Unab­hän­gig­keits­platz. Die weiß-rot-wei­ße Fah­ne des bür­ger­li­chen Weiß­russ­lands, das zen­tra­le Sym­bol der heu­ti­gen Oppo­si­ti­on gegen den seit 26 Jah­ren regie­ren­den Prä­si­den­ten, domi­nier­te dabei. Die­ser ver­un­glimpf­te die „ille­ga­len Demons­tra­tio­nen“ als „von außen gesteu­ert“ und hielt sich der­weil in Grod­no nahe der pol­ni­schen Gren­ze auf, weil NATO-Trup­pen in Polen und Litau­en ent­lang der Gren­ze ernst­haft in Bewe­gung sei­en.

Der rus­si­sche Außen­mi­nis­ter Ser­gej Law­row sieht Anzei­chen für eine „Nor­ma­li­sie­rung“ und bezeich­ne­te den Kon­flikt als inne­re Ange­le­gen­heit der Repu­blik Bela­rus. Ein gesell­schaft­li­cher Dia­log über eine bela­ru­si­sche Ver­fas­sungs­re­form sei ein „viel­ver­spre­chen­der Vor­schlag“, um ein blu­ti­ges „ukrai­ni­sches Sze­na­rio“ zu ver­hin­dern. Die Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE), in der die EU-Staa­ten neben Bela­rus und Russ­land ver­tre­ten sind, bot sich erneut als Ver­mitt­le­rin an.

Der Auf­stand in Bela­rus ist an einem ent­schei­den­den Punkt ange­langt: Anders als 2006, 2010 und 2015 ver­fügt dies­mal Alex­an­der Luka­schen­ko (Weiß­rus­sisch: Aljak­san­dr Luka­schen­ka) wahr­schein­lich wirk­lich über kei­ne Mehr­heit und ist auch die Arbei­te­rIn­nen­klas­se gegen ihn auf den Plan getre­ten.

Die Schein­wahl war der Fun­ke, der ein Pul­ver­fass sozia­ler Unzu­frie­den­heit in Bela­rus ent­zün­de­te, des­sen Regie­rung durch immer här­te­re arbei­te­rIn­nen­feind­li­che Maß­nah­men in den letz­ten Jah­ren eine kri­sen­ge­schüt­tel­te Wirt­schaft gestützt hat, und wo der Staat sich gewei­gert hat, irgend­ei­ne Ver­ant­wor­tung für den Umgang mit der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie zu über­neh­men, die Luka­schen­ko als „Psy­cho­se“ abtat.

Ursprünge

Die Ursprün­ge der gegen­wär­ti­gen Kri­se las­sen sich auf den Zer­fall der UdSSR und die Unab­hän­gig­keit im Jahr 1991 zurück­füh­ren. Als ein­zi­ger Staat unter denen der ehe­ma­li­gen UdSSR und des Ost­blocks hat sich Bela­rus bis­her der neo-libe­ra­len Schock­the­ra­pie ent­zo­gen, die die büro­kra­ti­schen Plan­wirt­schaf­ten zer­stör­te und zig Mil­lio­nen Men­schen in bit­te­re Armut stürz­te.

Statt­des­sen hat sich die Kas­te der ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Büro­kra­tIn­nen in natio­na­le Ver­wal­te­rIn­nen staat­li­cher kapi­ta­lis­ti­scher Unter­neh­men ver­wan­delt und erfolg­reich die Macht an der Spit­ze einer immer zu einem gro­ßen Teil staats­ei­ge­nen Wirt­schaft kon­so­li­diert. Die Stra­te­gie der herr­schen­den Eli­te zur Auf­recht­erhal­tung von Macht und sozia­ler Sta­bi­li­tät bestand dar­in, einen vor­sich­ti­gen Balan­ce­akt zwi­schen den expan­sio­nis­ti­schen Ambi­tio­nen des west­li­chen und des rus­si­schen Impe­ria­lis­mus zu voll­zie­hen, die Vor­tei­le aus­län­di­scher Kre­di­te und Sub­ven­tio­nen zu nut­zen und gleich­zei­tig ihrem Volk grund­le­gen­de demo­kra­ti­sche Frei­hei­ten zu ver­wei­gern, um die inter­ne Oppo­si­ti­on zu unter­drü­cken.

Noch immer ist der staat­li­che Sek­tor für etwas mehr als 50 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) ver­ant­wort­lich. Bela­rus unter­schei­det sich stark vom olig­ar­chi­schen Kapi­ta­lis­mus der Ukrai­ne oder Russ­lands, ist aber weit ent­fernt von einer Plan­wirt­schaft: Sei­ne staat­li­che Indus­trie ist in Hol­dings orga­ni­siert, die auf den Welt­märk­ten ope­rie­ren, in deren Zen­trum die 3 gro­ßen Staats­ban­ken ste­hen. Da die Kre­di­te weit über das rea­le Wachs­tum stie­gen und es an inlän­di­schen Kapi­tal­quel­len man­gel­te, ist die Aus­lands­ver­schul­dung unwei­ger­lich ange­stie­gen und lag schon vor der Coro­na-Kri­se bei 80 Pro­zent des BIP. Seit mehr als einem Jahr­zehnt befin­det sich Bela­rus in einem Teu­fels­kreis aus Schul­den­re­fi­nan­zie­rung, Sta­gna­ti­on, Wäh­rungs­kri­se und Preis­sta­bi­li­täts­pro­ble­men. Es ist daher in Bezug auf Sub­ven­tio­nen, ins­be­son­de­re in Form von bil­li­gem Öl, und Export­märk­te immer mehr von Russ­land abhän­gig.

Um das Öl am Flie­ßen zu hal­ten, hat Luka­schen­ko den auf­ein­an­der fol­gen­den rus­si­schen Ver­su­chen einer stär­ke­ren Inte­gra­ti­on zwi­schen den bei­den Staa­ten schritt­wei­se nach­ge­ge­ben, aber alle ent­schei­den­den Pri­va­ti­sie­rungs­schrit­te, die die Ent­eig­nung der ein­hei­mi­schen Eli­ten zuguns­ten der rus­si­schen Olig­ar­chIn­nen ris­kie­ren wür­den, ver­zö­gert oder sich ihnen wider­setzt. Eben­so wür­den, wenn er sei­ne Flirts mit der EU durch­zö­ge, Dar­le­hen und pri­va­te Inves­ti­tio­nen zwei­fel­los von einer „Reform“, d. h. einer voll­stän­di­gen Öff­nung für die Markt­kräf­te, abhän­gig gemacht.

Stagnation

Trotz schlei­chen­der wirt­schaft­li­cher Sta­gna­ti­on war Luka­schen­ko jahr­zehn­te­lang in der Lage, die Gewin­ne aus dem Ver­kauf rus­si­schen Öls umzu­ver­tei­len, um der Bevöl­ke­rung des Lan­des einen zumin­dest ange­mes­se­nen Lebens­stan­dard zu sichern, ein­schließ­lich einer uni­ver­sel­len Gesund­heits­ver­sor­gung, kos­ten­lo­ser Bil­dung, sub­ven­tio­nier­ter Mie­ten, hoher staat­li­cher Ren­ten und ande­rer staat­li­cher Wohl­fahrts­pro­gram­me. Infol­ge­des­sen war sei­ne Regie­rung in der Lage, trotz ihres eiser­nen Griffs um die weiß­rus­si­sche Zivil­ge­sell­schaft ein gewis­ses Maß an Legi­ti­mi­tät unter den Arbei­te­rIn­nen auf dem Land und in den Städ­ten auf­recht­zu­er­hal­ten.

Doch Luka­schen­kos hart­nä­cki­ge Wei­ge­rung, sei­ne desi­gnier­te Rol­le als Putins Hand­lan­ger zu akzep­tie­ren, hat zu wach­sen­den Span­nun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern geführt, was Kür­zun­gen der rus­si­schen Ölsub­ven­tio­nen und Ver­trags­strei­tig­kei­ten zur Fol­ge hat­te, durch die die Öllie­fe­run­gen häu­fig unter­bro­chen wur­den. Die immer drin­gen­de­re Not­wen­dig­keit einer wirt­schaft­li­chen Diver­si­fi­zie­rung und der Wunsch, sich in der Ukrai­ne-Kri­se nicht mit Russ­land zu ver­bün­den, haben Luka­schen­ko dazu ver­an­lasst, der Euro­päi­schen Uni­on Ange­bo­te zu unter­brei­ten und einen „Dia­log“ über die wirt­schaft­li­che Libe­ra­li­sie­rung im Gegen­zug für mehr euro­päi­sche Hil­fe auf­zu­neh­men. Der Pro­zess ver­lief lang­sam, doch ein voll­wer­ti­ges Part­ner­schafts- und Koope­ra­ti­ons­ab­kom­men wur­de durch den Wider­stand Litau­ens blo­ckiert und wird letzt­lich durch die Not­wen­dig­keit des Regimes ein­ge­schränkt, sei­ne Inter­es­sen zwi­schen Ost und West zu sichern, um sei­ne eige­ne Posi­ti­on zu wah­ren.

In den letz­ten Jah­ren ist die­ser Balan­ce­akt an sei­ne Gren­zen gesto­ßen. Wäh­rend der tie­fen Rezes­si­on von 2015 bis 2017 konn­te der hoch ver­schul­de­te Staat nicht anti­zy­klisch agie­ren, und die Real­ein­kom­men san­ken infol­ge von Wäh­rungs­ab­wer­tung und Preis­stei­ge­run­gen um 13 Pro­zent. Ange­sichts des rück­läu­fi­gen Wachs­tums und der zuneh­men­den Unfä­hig­keit oder des Unwil­lens, auf Mos­kaus Schirm­herr­schaft zurück­zu­grei­fen, hat sich Luka­schen­ko einem Angriff auf sei­ne eige­ne Arbei­te­rIn­nen­klas­se zuge­wandt, um Ver­lus­te wie­der her­ein­zu­ho­len und eine wirt­schaft­li­che Kata­stro­phe abzu­wen­den.

2015 wur­de das so genann­te „Para­si­ten­ge­setz“ ein­ge­führt, das jede/​n, der/​die kei­ne staat­lich aner­kann­te Beschäf­ti­gung hat, zwingt, eine Son­der­steu­er zu zah­len oder zu gemein­nüt­zi­ger Arbeit ver­ur­teilt zu wer­den. Der Erlass wur­de 2018 zurück­ge­zo­gen, aber statt­des­sen wer­den Arbeits­lo­se gezwun­gen, für alle staat­li­chen Dienst­leis­tun­gen zu zah­len. Durch eine Rei­he von Ände­run­gen des Arbeits­ge­set­zes im Jahr 2017 wur­den 90 Pro­zent der Beschäf­tig­ten ein­sei­tig von unbe­fris­te­ten auf befris­te­te Ver­trä­ge umge­stellt.

Im Gesund­heits- und Bil­dungs­we­sen wur­den weit rei­chen­de Kür­zun­gen vor­ge­nom­men und das Ren­ten­ein­tritts­al­ter wur­de erhöht. All dies hat in Ver­bin­dung mit dem ste­tig fal­len­den Wert des bela­ru­si­schen Rubels zu einer ernst­haf­ten Ver­schlech­te­rung des Lebens­stan­dards der bela­ru­si­schen Arbei­te­rIn­nen­schaft geführt. Mit der Coro­na-Kri­se, den wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men sei­nes wich­tigs­ten Han­dels­part­ners (Russ­land) und der Höhe der auf­ge­lau­fe­nen Schul­den steht Bela­rus nun am Ran­de des wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruchs. Ange­sichts des bis­he­ri­gen „Kri­sen­ma­nage­ments“ von Luka­schen­ko wäh­rend der Pan­de­mie haben die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und Tei­le der herr­schen­den Klas­se das Ver­trau­en in die Fähig­keit des bestehen­den Regimes ver­lo­ren, die her­an­na­hen­de Kata­stro­phe zu ver­hin­dern. Gleich­zei­tig ver­an­lasst die anhal­ten­de Abschal­tung der Welt­wirt­schaft sowohl Russ­land als auch die EU, ihre Haus­haltsprio­ri­tä­ten neu zu bewer­ten.

Protest

So hat sich die wach­sen­de Unzu­frie­den­heit mit dem Regime zum ers­ten Mal seit der Unab­hän­gig­keit in eine Mas­sen­be­we­gung des Vol­kes ver­wan­delt, die rie­si­ge Tei­le der Arbei­te­rIn­nen­klas­se anzieht und durch Arbeits­kampf­maß­nah­men in allen Sek­to­ren und in allen Tei­len des Lan­des unter­stützt wird. Das Aus­maß und die Brei­te der Aktio­nen offen­ba­ren die Tie­fe der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­se des Lan­des und den authen­ti­schen Cha­rak­ter des Auf­stands; eine von den USA orches­trier­te „far­bi­ge Revo­lu­ti­on“ ist dies nicht.

In den ers­ten Tagen der Pro­tes­te beschränk­ten sich die offi­zi­el­len For­de­run­gen der Bewe­gung auf Auf­ru­fe zu Neu­wah­len, die von inter­na­tio­na­len Beob­ach­te­rIn­nen über­wacht wer­den sol­len, und auf die Frei­las­sung inhaf­tier­ter Akti­vis­tIn­nen, doch am 9.8. for­der­ten Mas­sen­pro­tes­te den sofor­ti­gen Rück­tritt Luka­schen­kos.

Wenn die Pro­tes­te anhal­ten und, was ent­schei­dend ist, wenn die Streik­be­we­gung wächst, um grö­ße­re Tei­le der Wirt­schaft zu läh­men, steht Luka­schen­ko vor der Wahl zwi­schen einem blu­ti­gen Durch­grei­fen und dem Ver­zicht auf die Macht. Vor­erst kon­trol­liert das Regime immer noch Poli­zei und Mili­tär, obwohl es Berich­te gibt, dass sich eini­ge Ange­hö­ri­ge von Poli­zei und Armee an Demons­tra­tio­nen betei­li­gen und Demons­tran­tIn­nen gefilmt wur­den, die an Sol­da­tIn­nen appel­lie­ren, sich dem Auf­stand anzu­schlie­ßen.

Die Demo­kra­tie­be­we­gung ist ent­schlos­sen und genießt die Unter­stüt­zung der Mas­sen. Ihre Unter­drü­ckung wür­de wahr­schein­lich anhal­ten­de Gewalt mit sich brin­gen und ein Über­lau­fen aus dem Mili­tär ris­kie­ren. Putin hat Luka­schen­ko gemäß dem Mili­tär­pakt der bei­den Län­der mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung ver­spro­chen, hat es aber bis jetzt nicht wahr­ge­macht, jenen zu unter­stüt­zen, den er als einen völ­lig unzu­ver­läs­si­gen Ver­bün­de­ten betrach­tet. Auf jeden Fall wäre die rus­si­sche Hil­fe­leis­tung mit einem hohen Preis ver­bun­den. Luka­schen­ko wäre sicher­lich gezwun­gen, sei­ne Poli­tik der kon­struk­ti­ven Zwei­deu­tig­keit gegen­über Russ­land auf­zu­ge­ben und eine Zukunft als Treu­hän­der eines rus­si­schen Pro­tek­to­rats zu akzep­tie­ren.

Eine Art „gelenk­ter Über­gang“ könn­te eine bevor­zug­te Alter­na­ti­ve für Tei­le der Büro­kra­tie wer­den, die hof­fen, die Demo­kra­tie­be­we­gung zu besänf­ti­gen, aber Tei­le des Regie­rungs­ap­pa­ra­tes zu erhal­ten und die Pro­fi­te aus den bevor­ste­hen­den Pri­va­ti­sie­run­gen von Staats­be­trie­ben zu ern­ten.

Die Demo­kra­tie­be­we­gung ver­fügt bis­her nur über eine wenig orga­ni­sier­te poli­ti­sche Füh­rung, die die Form eines spon­ta­nen Auf­flam­mens der Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung annimmt. Vie­le Füh­re­rIn­nen der libe­ra­len Oppo­si­ti­on, die für die wirt­schaft­li­che Libe­ra­li­sie­rung und die vol­le Inte­gra­ti­on in die Welt­märk­te ein­tre­ten, befin­den sich im Gefäng­nis oder im Aus­land.

Swet­la­na Tich­anow­ska­ja (Weiß­rus­sisch: Swj­atla­na Zich­anous­ka­ja), die Kan­di­da­tin der Oppo­si­ti­on bei den Wah­len in der ver­gan­ge­nen Woche, hat erklärt, dass sie bereit sei, die Prä­si­dent­schaft zu über­neh­men, und die Schaf­fung eines natio­na­len „Koor­di­nie­rungs­ra­tes“ aus ihrem selbst­ge­wähl­ten Exil in Litau­en ange­kün­digt.

Vie­le for­dern nun die inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung von Tich­anow­ska­jas Anspruch auf die Prä­si­dent­schaft und die EU auf, Ver­hand­lun­gen zwi­schen den Füh­re­rIn­nen der Zivil­ge­sell­schaft im Exil und der amtie­ren­den Regie­rung zu ver­mit­teln. Aber es wäre ein kata­stro­pha­ler Feh­ler, wenn die Bewe­gung ihr Ver­trau­en in die durch und durch kapi­ta­lis­ti­schen selbst­er­nann­ten Füh­re­rIn­nen der Oppo­si­ti­on oder ihre „Freun­dIn­nen“ in der EU setz­te. Eben­so wenig soll­te sie einen „Koor­di­nie­rungs­rat“ selbst mit büro­kra­ti­schen Gewerk­schafts­ver­tre­te­rIn­nen aner­ken­nen. Es sind die Mas­sen­kräf­te der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, die die Bewe­gung so weit gebracht haben, und sie soll­ten nicht zulas­sen, dass die Ver­tre­te­rIn­nen des libe­ra­len Bür­ge­rIn­nen­tums die Früch­te ihrer Aktio­nen ern­ten.

Auch „freie Wah­len“ allein wer­den das durch die Wider­sprü­che der weiß­rus­si­schen Wirt­schaft ver­ur­sach­te Leid nicht lin­dern. Wenn es der Mas­sen­be­we­gung nicht gelingt, sich um ein alter­na­ti­ves poli­ti­sches Pro­gramm zu orga­ni­sie­ren und sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten, den Über­gang selbst zu ver­wal­ten, wird Luka­schen­kos Weg­gang höchst­wahr­schein­lich ein neo­li­be­ra­les Pri­va­ti­sie­rungs­pro­gramm ein­läu­ten, das die Wirt­schaft wei­ter desta­bi­li­sie­ren und Bela­rus in eine von der EU und Deutsch­land abhän­gi­ge Halb­ko­lo­nie ver­wan­deln wird.

Jede/​r Arbei­te­rIn soll­te wis­sen: Eine neue „Schock­the­ra­pie“ unter den Bedin­gun­gen der ange­häuf­ten Schul­den und unter den Umstän­den der glo­ba­len Pan­de­mie wäre eine sozia­le Kata­stro­phe in Bela­rus. Um ein sol­ches „Expe­ri­ment“ der libe­ra­len Oppo­si­ti­on und ihrer „Wirt­schafts­ex­per­tIn­nen“ zu ver­mei­den, muss die Arbei­te­rIn­nen­klas­se über ihre eige­ne Orga­ni­sa­ti­on und ihr eige­nes Pro­gramm ver­fü­gen, um die­se Kri­se zu über­le­ben.

Programm

Die ers­te Auf­ga­be besteht dar­in, eine Füh­rung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se zu schaf­fen, die in der Lage ist, den Streik aus­zu­wei­ten und die Kon­trol­le über die Revo­lu­ti­on von den libe­ra­len Exi­lan­tIn­nen und ihren Unter­stüt­ze­rIn­nen des Groß­ka­pi­tals an sich zu rei­ßen. Um wirk­lich demo­kra­tisch zu sein und auf die Bedürf­nis­se der Bewe­gung ein­zu­ge­hen, soll­te sich die­se Füh­rung aus gewähl­ten und abruf­ba­ren Dele­gier­tIn­nen in Arbei­te­rIn­nen­rä­ten zusam­men­set­zen, die auf den gro­ßen Fabri­ken, Kol­cho­sen und Wohn­vier­teln der Arbei­te­rIn­nen­klas­se fußen und regio­nal und natio­nal ver­netzt sind. Um die­se Füh­rung zu ver­tei­di­gen, ist es von ent­schei­den­der Bedeu­tung, die ein­fa­chen Sol­da­tIn­nen zu gewin­nen und die Poli­zei zu ent­waff­nen und sie durch eine Arbei­ter­In­nen­mi­liz zu erset­zen, die auf den Fabri­ken und gro­ßen land­wirt­schaft­li­chen Betrie­ben basiert.

Die Weiß­rus­sIn­nen brau­chen freie Wah­len zu einer sou­ve­rä­nen ver­fas­sung­ge­ben­den Ver­samm­lung, die unter der Auf­sicht der Arbei­te­rIn­nen­rä­te durch­ge­führt wird. Alle Insti­tu­tio­nen der herr­schen­den Klas­se und des büro­kra­ti­schen Staa­tes soll­ten auf­ge­löst und durch gewähl­te Orga­ne ersetzt wer­den, und die­se soll­ten die Grund­la­ge einer Arbei­te­rIn­nen­re­gie­rung bil­den.

Die­se Regie­rung soll­te die Tat­sa­che, dass die Wirt­schaft immer noch stark kon­zen­triert ist, nut­zen, um sie zu über­neh­men, indem sie die Arbei­te­rIn­nen­kon­trol­le über die Pro­duk­ti­on in den Groß­un­ter­neh­men ein­führt, die Schul­den streicht und die Kon­trol­le der staat­li­chen Ban­ken durch einen demo­kra­ti­schen Not­fall­plan ersetzt.

Eben­so müs­sen alle sozia­len Diens­te gegen Pri­va­ti­sie­rung oder die Ein­füh­rung von Markt­kräf­ten ver­tei­digt und von den Arbei­te­rIn­nen, die sie betrei­ben, umge­stal­tet wer­den. Kurz gesagt, die Ant­wort liegt weder in dem neo­li­be­ra­len Alp­traum der EU noch in Putins olig­ar­chi­schen Kapi­ta­lis­tIn­nen, son­dern in einem Pro­gramm des Über­gangs zum Sozia­lis­mus.

Natür­lich kann der Sozia­lis­mus nicht iso­liert auf­ge­baut wer­den, vor allem nicht in einem klei­nen Land wie Bela­rus, aber das Bei­spiel der weiß­rus­si­schen Arbei­te­rIn­nen und Jugend­li­chen wür­de die Arbei­te­rIn­nen Ost­eu­ro­pas, in den bal­ti­schen Staa­ten, Polen, Russ­land und der Ukrai­ne, inspi­rie­ren, ins­be­son­de­re da die Welt in eine wei­te­re rie­si­ge kapi­ta­lis­ti­sche Rezes­si­on stürzt.

Die­se gan­ze Stra­te­gie, von der heu­ti­gen bren­nen­den Auf­ga­be, Luka­schen­ko zu stür­zen, bis zur Ver­hin­de­rung der Unter­ord­nung und Aus­beu­tung des Lan­des durch west­li­che oder rus­si­sche Impe­ria­lis­tIn­nen, erfor­dert eine Par­tei der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, die in der Lage ist, der Mas­sen­be­we­gung eine Füh­rung zu geben.

Die Sozia­lis­tIn­nen auf der gan­zen Welt müs­sen sich aktiv soli­da­risch mit der Revo­lu­ti­on in Bela­rus zei­gen und sich einer Inter­ven­ti­on Russ­lands oder der EU und der USA wider­set­zen.

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