[GAM:] Debatte: Linke Gewerkschaftsarbeit – warum und wie?

Mat­tis Mol­de, Neue Inter­na­tio­na­le 249, Sep­tem­ber 249

Sol­len Lin­ke in den Gewerk­schaf­ten arbei­ten? Mit wel­chem Ziel? Und mit wel­chen Metho­den? Die Debat­te dar­über ist wie­der hoch­ge­schwappt und dafür gibt es gute Grün­de. Ers­tens stel­len sich vie­le Beschäf­tig­te die Fra­ge, ob es sich über­haupt noch lohnt, Gewerk­schafts­mit­glied zu sein. Der Orga­ni­sa­ti­ons­grad ist seit Jah­ren im Nie­der­gang und in den letz­ten Mona­ten hat sich der vor allem bei der IG Metall hef­tig beschleu­nigt. Die Füh­run­gen der DGB-Gewerk­schaf­ten rücken immer wei­ter nach rechts, immer näher an die Regie­rung und das Kapi­tal her­an. Sie sind prak­tisch Teil der Gro­ßen Koali­ti­on, Part­ne­rin­nen in einem natio­na­len Kon­sens, um die Coro­na-Pan­de­mie und die Wirt­schafts­kri­se so gut wie mög­lich zu über­ste­hen – so gut wie mög­lich für „die Wirt­schaft“, also für das deut­sche Kapi­tal!

Ande­rer­seits ver­schärft die Kri­se die Angrif­fe des Kapi­tals auf die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und muss sie wei­ter zuspit­zen. Ras­sis­tIn­nen und Natio­na­lis­tIn­nen spie­len die Begleit­mu­sik, um die Klas­se zu spal­ten. Also stellt sich die Fra­ge für Lin­ke: Wol­len sie hel­fen, den Klas­sen­kampf zu füh­ren, oder zuschau­en? Stel­len sie dem natio­na­len Wahn eine inter­na­tio­na­lis­ti­sche Klas­sen­po­li­tik ent­ge­gen oder heben sie mah­nend den mora­li­schen Zei­ge­fin­ger? Und was tun sie mit den real exis­tie­ren­den Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, den Gewerk­schaf­ten?

Klassenbewusstsein

Den inter­es­san­tes­ten Ansatz in der Debat­te, die im letz­ten Jahr begann und im ak (ana­ly­se & kri­tik – Zei­tung für lin­ke Debat­te und Pra­xis) geführt wur­de, ver­tritt Chris­ti­an Frings: „Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert nur, weil die Rea­li­tät der Aus­beu­tung, die Rea­li­tät der Klas­sen­ge­sell­schaft immer wie­der hin­ter For­men der Gleich­heit und Gerech­tig­keit ver­schwin­det und sich ein Schein von Har­mo­nie ein­stellt. Karl Marx macht sich in sei­ner Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie erdenk­li­che Mühe, nicht nur zu erklä­ren, wie Aus­beu­tung funk­tio­niert, son­dern auch wie sie mit einer gewis­sen Zwangs­läu­fig­keit unsicht­bar gemacht und ver­schlei­ert wird. Dreh- und Angel­punkt die­ser Ver­schleie­rung ist das Insti­tut der Lohn­ar­beit. Ich tre­te als frei­er und glei­cher Waren­be­sit­zer auf den Arbeits­markt und ver­kau­fe mei­ne Ware, schein­bar die Arbeit. Dafür erhal­te ich einen »gerech­ten« Lohn und alles ist gut. In Wirk­lich­keit, so Marx, habe ich aber mei­ne Arbeits­kraft, mein blo­ßes Ver­mö­gen, Arbeit ver­rich­ten zu kön­nen, ver­kauft. Und die­ses Ver­mö­gen kos­tet nicht mehr, als es irgend­wie am Leben zu erhal­ten, sprich, mich durch­zu­füt­tern. Das ist der Tausch­wert mei­ner Ware. Ihr Gebrauchs­wert ist die leben­di­ge Arbeit, das was ich dann unter den Anwei­sun­gen des Käu­fers mei­ner Ware tun muss – und aus die­sem Gebrauchs­wert mei­ner Ware ent­springt der Mehr­wert. Die Schi­zo­phre­nie von for­ma­ler Gleich­heit und rea­ler Ungleich­heit in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft lässt sich also mit den Gleich­heits- und Frei­heits­il­lu­sio­nen des Waren­tauschs zur Deckung brin­gen. Schon der Begriff »Lohn« ent­hält die­se Ver­schleie­rung, weil wir bei Lohn an »Bezah­lung der Arbeit« den­ken.“ (ak 652, 16.9.2019: https://​www​.akweb​.de/​b​e​w​e​g​u​n​g​/​s​o​z​i​a​l​p​a​r​t​n​e​r​s​c​h​a​f​t​-​i​s​t​-​k​e​i​n​-​b​e​t​r​i​e​b​s​u​n​f​a​ll/)

Frings stellt dar, dass der rein gewerk­schaft­li­che Kampf um den Preis der Ware Arbeits­kraft not­wen­di­ger­wei­se bür­ger­li­ches Bewusst­sein erzeugt. Er weist dar­auf hin, dass der Maß­stab des rein gewerk­schaft­li­chen Kamp­fes, ob mein Lohn zu einem „guten Leben“ reicht, die Aus­beu­tung nicht erkennt. Er kom­bi­niert dies in der Fol­ge mit der rich­ti­gen Beob­ach­tung der juris­ti­schen und poli­ti­schen Inte­gra­ti­on der Gewerk­schaf­ten in den bür­ger­li­chen Staat, ver­mit­telt durch Tarif­ver­trä­ge und Sozi­al­ver­si­che­rung, und kommt zu dem Schluss, dass Gewerk­schaf­ten im Kapi­ta­lis­mus „halb­staat­li­che Orga­ni­sa­tio­nen“ sei­en, die eine „Ord­nungs- und Befrie­dungs­funk­ti­on“ erfüll­ten und nicht „belie­big gestalt­bar und refor­mier­bar sei­en“. Statt­des­sen soll­ten wir „ein­fach mit den aus­beu­te­ten Men­schen in der Gesell­schaft zusam­men­kom­men, die nur dar­auf war­ten, ihre Aus­beu­ter zu bekämp­fen.“ Mit die­ser Flucht in den Spon­tan­eis­mus schüt­tet Frings dann lei­der das Kind der mar­xis­ti­schen Erkennt­nis ins anar­cho-syn­di­ka­lis­ti­sche Abwas­ser.

Sozialistisches Bewusstsein

Marx selbst hat das Dilem­ma ange­spro­chen, dass der gewerk­schaft­li­che Kampf zwar zur Bil­dung einer Klas­se für sich im Kampf gegen eine ande­re Klas­se, gegen die Bour­geoi­sie, die Arbei­te­rIn­nen aus­beu­tet, führt, aber damit noch nicht zu kom­mu­nis­ti­schem Bewusst­sein, näm­lich, dass es nicht nur um den Preis der Ware Arbeits­kraft geht, son­dern um die Auf­he­bung des Lohn­sys­tems als sol­chem, der Aus­beu­tung durch Lohn­ar­beit.

„Gewerk­schaf­ten tun gute Diens­te als Sam­mel­punk­te des Wider­stands gegen die Gewalt­ta­ten des Kapi­tals. Sie ver­feh­len ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsach­ge­mä­ßen Gebrauch machen. Sie ver­feh­len ihren Zweck gänz­lich, sobald sie sich dar­auf beschrän­ken, einen Klein­krieg gegen die Wir­kun­gen des bestehen­den Sys­tems zu füh­ren, statt gleich­zei­tig zu ver­su­chen, es zu ändern, statt ihre orga­ni­sier­ten Kräf­te zu gebrau­chen als einen Hebel zur schließ­li­chen Befrei­ung der Arbei­ter­klas­se, das heißt zur end­gül­ti­gen Abschaf­fung des Lohn­sys­tems.“ (K. Marx, Lohn, Preis und Pro­fit, MEW 16, S. 152)

Als Sam­mel­punk­te des all­täg­li­chen Wider­stands leis­ten die Gewerk­schaf­ten, indem sie gegen die Unter­neh­me­rIn­nen in ihrer Bran­che, ihren Betrie­ben einen Arbeits­kampf durch­füh­ren, also prak­ti­sche Diens­te zur Ent­wick­lung von ele­men­ta­rem, embryo­na­lem Klas­sen­be­wusst­sein, aber dies ist genau­so wenig revo­lu­tio­när wie das schon wei­ter ent­wi­ckel­te poli­ti­sche des Refor­mis­mus. Die­ses erkennt zwar die Not­wen­dig­keit einer poli­ti­schen Ver­tre­tung der Gesamt­klas­se in Form einer Arbei­te­rIn­nen­par­tei an, aber nicht des gewalt­sa­men Stur­zes der Unter­neh­me­rIn­nen­klas­se.

Wir sind völ­lig einig mit Chris­ti­an Frings, dass die der­zei­ti­gen Gewerk­schaf­ten – nicht nur in Deutsch­land – ihren Zweck in die­sem marx­schen Sin­ne gänz­lich ver­feh­len. Wir sind auch mit ihm einig, dass der gewerk­schaft­li­che Kampf sys­tem­im­ma­nen­tes, also bür­ger­li­ches Bewusst­sein repro­du­ziert. Aber das gilt auch für spon­ta­ne Kämp­fe, für die von Schich­ten der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, die bis­her von jeg­li­cher gewerk­schaft­li­cher Erfah­rung und Orga­ni­sa­ti­on aus­ge­schlos­sen waren, und das gilt auch für all die net­ten klei­nen syn­di­ka­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, die glau­ben, dass sich aus der Spon­ta­ni­tät des Kamp­fes gegen die Aus­beu­te­rIn­nen sys­tem­über­win­den­des Bewusst­sein ent­wi­ckelt, genau­so wie für die­je­ni­gen, die inner­halb der Gewerk­schaf­ten nur für eine „akti­ve­re und kämp­fe­ri­sche­re“ Aus­rich­tung kämp­fen, also fast alle Strö­mun­gen der „Gewerk­schafts­lin­ken“ der letz­ten Jahr­zehn­te.

Lohnkampf

Zugleich aber schüt­tet Frings das Kind mit dem Bade aus, da er igno­riert, dass der Kampf um den Arbeits­lohn, also die Ver­kaufs­be­din­gun­gen der Ware Arbeits­kraft, immer auch eine Ele­men­tar­form des Klas­sen­kamp­fes dar­stellt – selbst, wenn das Bewusst­sein der Arbei­te­rIn­nen ein bür­ger­li­ches ist. Jeder öko­no­mi­sche Kampf ist näm­lich immer ein Kampf um die Höhe der Aus­beu­tungs­ra­te (Arbeits­lohn, Län­ge des Arbeits­tags, Arbeits­be­din­gun­gen, ‑inten­si­tät) und damit um die Exis­tenz­be­din­gun­gen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und die Pro­fi­te der Unter­neh­me­rIn­nen.

Auch wenn Lohn­ar­bei­te­rIn­nen und Kapi­ta­lis­tIn­nen ihre Ansprü­che auf Basis des Lohn­ar­beits­ver­hält­nis­ses her­lei­ten, so sind ihre Inter­es­sen ent­ge­gen­ge­setzt. Eine Sei­te kann nur auf Kos­ten der ande­ren gewin­nen, wie Marx im „Kapi­tal“ zeigt:

„Man sieht: Von ganz elas­ti­schen Schran­ken abge­sehn, ergibt sich aus der Natur des Waren­aus­tau­sches selbst kei­ne Gren­ze des Arbeits­tags, also kei­ne Gren­ze der Mehr­ar­beit. Der Kapi­ta­list behaup­tet sein Recht als Käu­fer, wenn er den Arbeits­tag so lang als mög­lich und womög­lich aus einem Arbeits­tag zwei zu machen sucht. And­rer­seits schließt die spe­zi­fi­sche Natur der ver­kauf­ten Ware eine Schran­ke ihres Kon­sums durch den Käu­fer ein, und der Arbei­ter behaup­tet sein Recht als Ver­käu­fer, wenn er den Arbeits­tag auf eine bestimm­te Nor­mal­grö­ße beschrän­ken will. Es fin­det hier also eine Anti­no­mie statt, Recht wider Recht, bei­de gleich­mä­ßig durch das Gesetz des Waren­aus­tau­sches besie­gelt. Zwi­schen glei­chen Rech­ten ent­schei­det die Gewalt.“ (Marx, Das Kapi­tal Band 1, MEW 23, S. 249)

Von die­ser Gewalt­ge­schich­te des Lohn­ar­beits­ver­hält­nis­ses wol­len bür­ger­li­che Refor­me­rIn­nen und Refor­mis­tIn­nen tun­lichst nichts wis­sen. Sie hal­ten sie allen­falls für einen Über­rest „alter Zei­ten“, als es noch kei­ne Sozi­al­part­ne­rIn­nen­schaft, Tarif­run­den­ri­tua­le usw. gab, als es im Kapi­ta­lis­mus noch „unzi­vi­li­siert“ zuging.

In Wirk­lich­keit stel­len die­se fried­li­che­ren For­men der Kon­flikt­aus­tra­gung nur einen insti­tu­tio­nel­len Über­bau dar, der wie ein Alp auf der Klas­se las­tet, der aber auch selbst in jeder Kri­se unter­mi­niert, auf die Pro­be gestellt wird. Je weni­ger Lohn­ab­hän­gi­ge hier – von den Län­dern der sog. „Drit­ten Welt“ ganz zu schwei­gen – im sog. „Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis“ ste­hen, des­to for­scher trägt das Kapi­tal sei­ne Inter­es­sen vor, wer­den Uni­on-Bus­ting, pre­kä­re Ver­hält­nis­se, Lohn­raub zur „Nor­ma­li­tät“.

Gera­de Kri­sen­pe­ri­oden wie die­se ten­die­ren dazu, dass die Arbei­te­rIn­nen dazu getrie­ben wer­den, über die Gren­zen des rein öko­no­mi­schen Kamp­fes hin­aus­zu­ge­hen, da nur eine Ant­wort für die Gesamt­klas­se, also ein poli­ti­scher Klas­sen­kampf, die rea­len Pro­ble­me lösen kann. Die Lohn­ab­hän­gi­gen wer­den, eben weil das Lohn­ar­beits­ver­hält­nis ein wider­sprüch­li­ches ist, weil der „gerech­te“ Aus­gleich zwi­schen den Klas­sen immer weni­ger funk­tio­niert, auch auf poli­ti­sche Fra­gen gesto­ßen. Die Ant­wor­ten ent­wi­ckeln sie natür­lich nicht spon­tan. Es ist viel­mehr eine Kern­auf­ga­be von Revo­lu­tio­nä­rIn­nen, die­se in Gewerk­schaf­ten, Betrie­be, Kämp­fe in gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten oder nicht orga­ni­sier­ten Berei­chen zu tra­gen.

Genau die­ser Auf­ga­be müs­sen sich Kom­mu­nis­tIn­nen heu­te stel­len. Frings weicht vor die­ser zurück, ja er kapi­tu­liert vor ihr, indem er kom­mu­nis­ti­sche Betriebs- und Gewerk­schafts­ar­beit zu einer Unmög­lich­keit erklärt.

Die Apparate und ihre Politik

Das hängt damit zusam­men, dass er nir­gend­wo zwi­schen Lohn­ar­bei­te­rIn­nen und Arbei­te­rIn­nen­bü­ro­kra­tie (Gewerk­schafts­ap­pa­rat, Betriebs­rats­spit­zen der Groß­kon­zer­ne) unter­schei­det. Es reicht näm­lich nicht aus, ein glei­cher­ma­ßen „fal­sches“, im Lohn­ar­beits­ver­hält­nis ver­haf­te­tes und von die­sem repro­du­zier­tes Bewusst­sein von Büro­kra­tie und Lohn­ar­bei­te­rIn­nen zu kon­sta­tie­ren.

Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie ist nicht bloß eine Ver­län­ge­rung, Appa­rat gewor­de­ne Form fal­schen Bewusst­seins. Wird sie zu einer Kas­te, einer büro­kra­ti­schen Struk­tur, ent­wi­ckelt sie selbst ein mate­ri­el­les Inter­es­se, ihre Rol­le als Ver­mitt­le­rin zwi­schen Lohn­ar­beit und Kapi­tal zu ver­ewi­gen – und damit auch ein mate­ri­el­les Begeh­ren, die bür­ger­li­chen Eigen­tums­ver­hält­nis­se zu ver­tei­di­gen.

Sie beschränkt daher den Kampf bewusst auf die Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und Löh­ne, also rein gewerk­schaft­li­che Zie­le. Auch die Poli­tik, die die­sem ent­springt, der poli­ti­sche Refor­mis­mus, stellt eine Form bür­ger­li­cher Arbei­te­rIn­nen­po­li­tik dar. Ziel die­ser Poli­tik ist es, die Klas­se an die­ses Sys­tem, an die Herr­schaft der Bour­geoi­sie zu ket­ten. Die­se Poli­tik hat eine Trä­ge­rin, die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie.

Die Gewerk­schaf­ten sind also nicht untaug­lich für den „glo­ba­len Auf­stand“ (Frings), weil sie groß, unbe­weg­lich, nicht spon­tan, unpo­li­tisch, natio­nal­bor­niert, männ­lich-chau­vi­nis­tisch sind, son­dern sie haben die­se Eigen­schaf­ten, weil sie von einer Kas­te domi­niert wer­den, deren poli­ti­sche Bestim­mung es ist, die Gewerk­schaf­ten an das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem zu bin­den. Frings hat recht, wenn er beschreibt, dass sei­tens der Bour­geoi­sie sehr bewusst die Sozi­al­ge­setz­ge­bung, das Arbeits­recht oder die Betriebs­ver­fas­sung so aus­ge­stal­tet wur­den und wer­den, dass die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie damit die Klas­se fes­seln kann. Er ver­weist auf Bis­marck und sei­ne Sozi­al­ge­setz­ge­bung. Eben: Die­se wur­de genau des­halb ein­ge­führt, weil ein Ver­bot von Gewerk­schaf­ten und der SPD nicht funk­tio­niert hat­te. Die Bour­geoi­sie muss­te ihre Stra­te­gie ändern: Wo sie die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se nicht unter­drü­cken kann, muss sie sie inte­grie­ren. Das ist die Rol­le des Refor­mis­mus als Poli­tik, die sich auf die Arbei­te­rIn­nen, v. a. die­je­ni­gen, die erkannt haben, dass sie sich als Par­tei gegen die gesam­te herr­schen­de Klas­se orga­ni­sie­ren müs­sen, stützt, um die Herr­schaft der Bour­geoi­sie zu sichern.

Der Refor­mis­mus begeg­net uns in SPD und Links­par­tei, in Syri­za, in der PT Bra­si­li­ens, in Rif­on­da­zio­ne Comu­nis­ta, in jedem hoff­nungs­vol­len lin­ken Poli­tik­pro­jekt und war­um soll­te das Kapi­tal die­se Tak­tik nicht bei Gewerk­schaf­ten anwen­den, egal ob sie sich sozia­lis­tisch, kom­mu­nis­tisch, über­par­tei­lich oder sonst wie defi­nie­ren?

Die Bürokratie

Frings, aber nicht nur er, begeht den Feh­ler, die Gewerk­schaf­ten mit den sie beherr­schen­den Büro­kra­tien gleich­zu­set­zen. Der „Dop­pel­cha­rak­ter“ von refor­mis­ti­schen Gewerk­schaf­ten ist kein Mys­te­ri­um oder „Struk­tur­pro­blem“: Sozi­al sind sie Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, poli­tisch geführt wer­den sie von einer Schicht, die die his­to­ri­schen Inter­es­sen der Bour­geoi­sie ver­tritt.

Der Ver­zicht auf gewerk­schaft­li­che und poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung als Kon­se­quenz ist nichts ande­res als die Kapi­tu­la­ti­on vor der Bour­geoi­sie. Nötig ist der Kampf gegen den Refor­mis­mus und das ist ein poli­ti­scher Kampf! Der Kampf gegen den „natür­li­chen“ Öko­no­mis­mus und Refor­mis­mus, der immer neu ent­steht, wenn Schich­ten und Sek­to­ren der Arbei­te­rIn­nen­klas­se in den Kampf gegen die Aus­beu­te­rIn­nen ein­tre­ten, muss aller­dings anders geführt wer­den als der gegen den bewusst kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Refor­mis­mus der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie!

Der Kampf gegen die Büro­kra­tie muss natür­lich auch in der täg­li­chen gewerk­schaft­li­chen Pra­xis erfol­gen. In jedem Kon­flikt geht es auch um:

  • Aktio­nen und Kampf statt Ver­hand­lun­gen
  • Dis­kus­si­on und Demo­kra­tie statt Dik­ta­te der Füh­run­gen
  • Ein­satz auch für die Rand­be­leg­schaf­ten statt Aus­rich­tung auf die Arbei­te­rIn­nen­a­ris­to­kra­tie
  • Die Inter­es­sen der Gesamt­klas­se und nicht von Pri­vi­le­gi­en für Sek­to­ren
  • Soli­da­ri­tät mit ande­ren Kämp­fen.

Es geht immer auch gegen Ras­sis­mus, Sozi­al­chau­vi­nis­mus und Natio­na­lis­mus, gegen Unter­drü­ckung von Frau­en, LGBTIA-Per­so­nen und der Jugend.

Klassenkämpferische Basisbewegung

Aber das ist nicht alles. Es ist völ­lig klar, dass die Büro­kra­tIn­nen­kas­te alle Vor­tei­le der Zen­tra­li­sie­rung und Orga­ni­sie­rung für sich nutzt. Es ist also eine orga­ni­sier­te Bewe­gung gegen die Büro­kra­tie nötig, die sich auf die Basis stützt und die­se orga­ni­siert gegen das poli­ti­sche Mono­pol des Appa­ra­tes. Das macht eine poli­ti­sche Bewusst­seins­bil­dung nötig und das heißt letzt­lich, die Kol­le­gIn­nen für eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche, revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve zu gewin­nen. Das ist kein Spaß, vor allem dort, wo die Büro­kra­tie beson­ders hart zuschlägt, dort wo sie aus Sicht des Kapi­tals ihre wich­tigs­te Auf­ga­be hat, in der Export­in­dus­trie. Um so not­wen­di­ger ist ein orga­ni­sier­ter Kampf.

In ihm spielt die Tak­tik eine gro­ße Rol­le. Immer wenn der Appa­rat ein paar Schrit­te in Rich­tung Kampf geht, sei­ne radi­ka­le­ren Tei­le auf dem Vor­marsch sind, die Beleg­schaf­ten aus ihrer Pas­si­vi­tät aus­bre­chen, in die sie gedrängt wer­den, müs­sen wir in die­ser Bewe­gung vor­ne dabei sein, dür­fen nicht pas­siv blei­ben und nur vor dem nächs­ten Ver­rat war­nen, son­dern müs­sen Vor­schlä­ge machen, die die Mas­sen in Bewe­gung befä­hi­gen, den kom­men­den Ver­rat zu bekämp­fen. Sie müs­sen die Kon­trol­le über die For­de­run­gen, die Aktio­nen und die Ver­hand­lun­gen in die Hand bekom­men. Also Akti­ons­ko­mi­tees wäh­len, auf Voll­ver­samm­lun­gen ent­schei­den, Ver­hand­lun­gen öffent­lich füh­ren.

Die Auf­ga­be einer Basis­be­we­gung ist es, die Alter­na­ti­ve einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Gewerk­schaft in der Pra­xis zu zei­gen und für eine Umge­stal­tung der alten Gewerk­schaf­ten zu kämp­fen. Die Büro­kra­tie ist als sozia­le Schicht an den Kapi­ta­lis­mus gebun­den. Alle Pri­vi­le­gi­en müs­sen been­det wer­den, Bezah­lung nach den Durch­schnitts­ein­kom­men der Bran­che, raus aus den Auf­sichts­rä­ten, demo­kra­ti­sche Wah­len auf allen Ebe­nen. Das kann zu hef­ti­gen Brü­chen in den Gewerk­schaf­ten füh­ren, zu Spal­tun­gen und Aus­schlüs­sen.

Aber was ist das für eine Vor­stel­lung, dass der „glo­ba­le Auf­stand“, den Chris­ti­an Frings möch­te, eine hoch orga­ni­sier­te Struk­tur mit domi­nan­tem Ein­fluss auf poten­ti­ell kampf­star­ke Tei­le der Arbei­te­rin­nen­klas­se unan­ge­tas­tet wir­ken lässt und statt­des­sen sich nur auf einen ande­ren Teil der Klas­se stützt und die­sen mit neu­en, schwa­chen Orga­ni­sa­tio­nen oder gar gänz­lich unor­ga­ni­siert in den Kampf führt – gegen das Kapi­tal, sei­nen Staat und sei­ne „halb­staat­li­chen“ Gewerk­schaf­ten, die einen Teil der Klas­se gegen den Kampf aus­rich­ten wer­den?

Wer eine Alter­na­ti­ve zum Kapi­ta­lis­mus will und nicht die Illu­si­on hat, dass dies durch ein Wun­der geschieht oder durch eine „neue Avant­gar­de wha­te­ver“, muss sich auch der Fra­ge stel­len, wie die Kern­schich­ten des Pro­le­ta­ri­ats aus der poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Fes­sel befreit und für die­se Alter­na­ti­ve gewon­nen wer­den kön­nen.

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