[GAM:] Libanon: Kein Ausweg ohne Revolution

Dila­ra Lorin, Mar­tin Such­anek, Neue Inter­na­tio­na­le 249, Sep­tem­ber 2020

Die Explo­si­on im Hafen von Bei­rut hin­ter­ließ ein schier unglaub­li­ches Aus­maß an Zer­stö­rung im ohne­dies kri­sen­ge­schüt­tel­ten, fak­tisch vor dem Staats­bank­rott ste­hen­den Liba­non. Am 4. August deto­nier­ten 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat im Hafen von Bei­rut. Über 180 Men­schen wur­den getö­tet, über 6.000 ver­letzt. Geschätz­te 300.000 – über 10 % der Ein­woh­ne­rIn­nen der Haupt­stadt – sind seit­her obdach­los.

Die ver­hee­ren­de Kata­stro­phe lös­te aber auch eine ande­re, für die Zukunft des Lan­des noch weit tie­fer gehen­de sozia­le und poli­ti­sche Explo­si­on aus.

Die Kri­se des Lan­des nahm revo­lu­tio­nä­re Dimen­sio­nen an und trieb den enor­men Gegen­satz zwi­schen der Mas­se der Bevöl­ke­rung und der „Eli­te“ auf die Spit­ze – zugleich ver­deut­lich­te die Ent­wick­lung des letz­ten Mona­tes, was fehlt, damit die Kri­se in eine ech­te Revo­lu­ti­on umschlägt – die Dis­kre­panz zwi­schen Ableh­nung des poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Sys­tems im Land und dem Feh­len einer poli­ti­schen, pro­gram­ma­ti­schen Alter­na­ti­ve auf Sei­ten der Oppo­si­ti­on.

Reaktion auf die Detonationen

Die ver­hass­te poli­ti­sche Eli­te – ob Prä­si­dent, Par­la­ment, Büro­kra­tie, eta­blier­te Par­tei­en, Poli­zei und Gerich­te -, hat ihren letz­ten, ohne­dies kaum noch vor­han­de­nen Kre­dit bei der Bevöl­ke­rung ver­spielt.

Deren Ver­zweif­lung schlug inner­halb kür­zes­ter Zeit in eine neue Wel­le des Mas­sen­pro­tests um, der Züge eines Auf­stan­des anzu­neh­men begann. Schon in den letz­ten Jah­ren rich­te­ten sich rie­si­ge Mobi­li­sie­run­gen gegen die Regie­run­gen, so 2015 die Kam­pa­gne „Ihr stinkt“ gegen die feh­len­de Müll­ent­sor­gung Bei­ruts. Zuletzt droh­te im Herbst 2019 eine „Revo­lu­ti­on“ der Bevöl­ke­rung. Damals hat­te eine beab­sich­tig­te Besteue­rung von Mes­sen­ger-Diens­ten und damit ver­bun­de­ner Online-Tele­fo­nie Hun­dert­tau­sen­de, wenn nicht Mil­lio­nen, auf die Stra­ße gebracht und das öffent­li­che Leben lahm­ge­legt.

Nun rich­te­te sich der Zorn gegen die gesam­te Regie­rung, den Staats­ap­pa­rat und eine klei­ne Schicht von rei­chen Geschäfts­leu­ten und deren Anhang, die das Land seit Jah­ren mehr oder min­der gemein­schaft­lich aus­plün­dern.

Die Bewe­gung eint in die­sem Sta­di­um vor allem eine For­de­rung: Das gesam­te Estab­lish­ment muss gehen. Paro­len wie „Revo­lu­ti­on, Revo­lu­ti­on“ und „Das Volk will den Sturz der Regie­rung“ ertön­ten in der ers­ten August­hälf­te tage­lang auf den Stra­ßen der Haupt­stadt.

Die Ver­hän­gung eines 14-tägi­gen Aus­nah­me­zu­stan­des durch die Regie­rung bewirk­te – wie bei vie­len mit Urge­walt aus­bre­chen­den, spon­ta­nen Mas­sen­be­we­gun­gen – das Gegen­teil des­sen, was sie beab­sich­tigt hat­te. Dass er nir­gend­wo durch­setz­bar war, offen­bar­te ihre der­zei­ti­ge Macht­lo­sig­keit, eine fun­da­men­ta­le, wenn auch zeit­lich begrenz­te Ver­schie­bung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses.

Wie die täg­li­chen Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Poli­zei offen­bar­ten, ließ sich die Bevöl­ke­rung nicht mehr ein­schüch­tern. Am 8. August erstürm­ten Demons­tran­tIn­nen Regie­rungs­ge­bäu­de, dar­un­ter 4 Minis­te­ri­en und das World Tra­de Cent­re. Anschei­nend führ­ten ehe­ma­li­ge Offi­zie­re der Armee die Erstür­mun­gen an – ande­rer­seits war es auch die Armee, die die Beset­zun­gen wie­der been­de­te und räum­te.

Die Lage im Land nahm Züge eines revo­lu­tio­nä­ren Umstur­zes, der ers­ten Pha­se einer Revo­lu­ti­on an. Die liba­ne­si­sche herr­schen­de Klas­se und ihre Regie­rung waren offen­bar nicht mehr Her­rin­nen der Lage.

Hin­zu kommt die extre­me öko­no­mi­sche und sozia­le Kri­se, der eigent­li­che Unter­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Wel­le, die sich vor allem an Fra­gen der Demo­kra­tie, der poli­ti­schen Unter­drü­ckung, der Ent­rech­tung und Kor­rup­ti­on, also der Plün­de­rung des Lan­des durch die Eli­te ent­zün­det hat.

Fak­tisch steht der Liba­non schon lan­ge vor dem Staats­bank­rott. Schon im März 2020 konn­te das Land eine fäl­li­ge Anlei­he in der Höhe von 1,2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar nicht bedie­nen. Hin­zu kommt, dass die Wäh­rungs­po­li­tik der Regie­rung, die über Jah­re die Lira im Inter­es­se von Finanz­spe­ku­lan­tIn­nen in Bei­rut an den US-Dol­lar band, in Trüm­mern liegt. Die­se 1997 ein­ge­führ­te Bin­dung muss­te auf­ge­ge­ben wer­den. Seit Beginn 2020 wird das Land von einer Hyper­in­fla­ti­on mit monat­li­chen Abwer­tun­gen der Lira von rund 50 % heim­ge­sucht.

Der am 4. August zer­stör­te Hafen war die wich­tigs­te ver­blie­be­ne Ein­nah­me­quel­le des Lan­des und dar­über hin­aus essen­ti­el­ler Umschlag­platz für Waren aller Art. Die huma­ni­tä­re Kata­stro­phe ver­schärft die wirt­schaft­li­che Lage.

Imperialistische HelferInnen?

Ange­sichts der poli­ti­schen Kri­se ver­su­chen sich die impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te, allen vor an die eins­ti­ge Kolo­ni­al­macht Frank­reich, als Ret­tung in der Not zu insze­nie­ren. Dem­ago­gisch prä­sen­tier­te sich Macron bei sei­nem Besuch in Bei­rut als Kri­ti­ker der Eli­te des Lan­des, die jetzt „trans­pa­rent“ und „demo­kra­tisch“ han­deln müs­se. Dabei griff er das berech­tig­te Miss­trau­en gegen Regie­rung und Staats­ap­pa­rat auf, indem er direk­te Ver­tei­lung von Medi­zin, Nah­rungs­mit­teln und ande­ren Hilfs­gü­tern an die Bevöl­ke­rung ver­sprach – ein Ver­spre­chen, das im schlimms­ten Fall durch eine „huma­ni­tä­re“ Mis­si­on der Armee oder der Frem­den­le­gi­on ein­ge­löst wer­den könn­te. Auch Län­der wie Russ­land, Chi­na oder selbst die BRD oder die USA unter Trump prä­sen­tie­ren sich jetzt als selbst­lo­se Hel­fe­rIn­nen.

In Wirk­lich­keit ver­fol­gen die­se Mäch­te dabei zwei Zie­le. Ers­tens wol­len sie das Land befrie­den. Eine Revo­lu­ti­on, die das poli­ti­sche Sys­tem hin­weg­fe­gen und dar­über hin­aus auch als Inspi­ra­ti­on für den gesam­ten Nahen Osten wir­ken könn­te, wol­len alle Groß- und Regio­nal­mäch­te unbe­dingt ver­hin­dern. Indem sie sich als „Freun­din­nen des Vol­kes“ prä­sen­tie­ren, ver­su­chen sie letzt­lich, die Mas­sen­be­we­gung zu beschwich­ti­gen und ins Lee­re lau­fen zu las­sen. Doch die Bevöl­ke­rung soll­te nicht ver­ges­sen, dass die­se Mäch­te für die Lage selbst eine Haupt­ver­ant­wor­tung tra­gen. Das nach reli­giö­sen Gemein­schaf­ten auf­ge­teil­te Sys­tem des Liba­non, das mit Sek­tie­rer­tum und Kor­rup­ti­on untrenn­bar ver­bun­den ist, ent­sprang nicht zuletzt den Inter­es­sen der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frank­reich. Die Groß­mäch­te und das glo­ba­le Finanz­ka­pi­tal plün­dern das Volk seit Jahr­zehn­ten zusam­men mit der ein­hei­mi­schen „Eli­te“ aus. Nicht zuletzt erwei­sen sich der Hebel der drü­cken­den Staats­ver­schul­dung des Lan­des und die Ein­bin­dung des Liba­non in die inter­na­tio­na­len Finanz­strö­me als über­aus wirk­sa­me Macht­in­stru­men­te und als Fes­sel jeder eigen­stän­di­gen wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung.

Wenn Mäch­te wie Frank­reich schein­bar selbst­lo­se Hil­fe ver­spre­chen, so haben sie ihre län­ger­fris­ti­gen Geschäfts­in­ter­es­sen eben­so im Blick wie ihre geo­stra­te­gi­schen Zie­le im Kampf um die Neu­ord­nung des Nahen Ostens. Hier befin­den sich der fran­zö­si­sche Impe­ria­lis­mus und mit ihm die EU in einem erbit­ter­ten Kampf mit den USA, Chi­na, Russ­land und ver­schie­de­nen Regio­nal­mäch­ten.

Daher prä­sen­tie­ren sich die­se zur­zeit als Hel­fe­rin­nen in der Not und schick­ten ganz in die­sem Sinn auch Hilfs­lie­fe­run­gen, medi­zi­ni­sches Gerät und Per­so­nal – und dar­über hin­aus auch ers­te bewaff­ne­te Kräf­te. So sind gegen­wär­tig rund 12.000 Sol­da­tIn­nen im Rah­men der „Frie­dens­mis­si­on“ Uni­fil (United Nati­ons Inte­rim For­ce in Leba­non) im Land sta­tio­niert. Ita­li­en ent­sand­te am 22. August wei­te­re 500.

Prä­si­dent Aoun und die Par­la­ments­par­tei­en selbst ver­such­ten nicht ohne Erfolg, der Bewe­gung den Wind aus den Segeln zu neh­men, indem die Regie­rung zurück­trat und Neu­wah­len ver­sprach. Doch wann und unter wes­sen Kon­trol­le sie statt­fin­den sol­len, bleibt offen. Die ehe­ma­li­ge Regie­rung und die sie tra­gen­den Par­tei­en spie­len dabei wie die gesam­te Eli­te des Lan­des auf Zeit – und bau­en auf die feh­len­den Struk­tu­ren und poli­ti­sche Schwä­che der Oppo­si­ti­on. Die alter­na­ti­ve Par­tei Citi­zens in a Sta­te for­dert eine Über­gangs­re­gie­rung aus den Rei­hen der Oppo­si­ti­on – genau­er aus von die­sen Par­tei­en bestimm­ten unab­hän­gi­gen Exper­tIn­nen, die 18 (!) Mona­te mit gesetz­ge­ben­der Kom­pe­tenz regie­ren und sich dann Neu­wah­len stel­len soll. Das leh­nen natür­lich alle tra­di­tio­nel­len Par­tei­en ab, die dem eine Regie­rung der „natio­na­len Ein­heit“ ent­ge­gen­set­zen – dar­auf haben sich jeden­falls die schii­ti­schen Par­tei­en Amal und His­bol­lah zusam­men mit dem christ­li­chen Free Patrio­tic Move­ment von Prä­si­dent Michel Aoun geei­nigt.

Wäh­rend die bür­ger­li­che Möch­te­gern-Oppo­si­ti­ons­füh­rung neben und mit dem alten Staats­ap­pa­rat ein kapi­ta­lis­ti­sches Reform­pro­gramm durch­zie­hen will, wol­len die bestehen­den Eli­ten gemein­sam einen „Neu­an­fang“ insze­nie­ren. Dabei wis­sen sie sich – so viel zum Reform­ei­fer – mit Frank­reich und den USA, aber auch Sau­di-Ara­bi­en und dem Iran eins. Selbst eine „Exper­tIn­nen­re­gie­rung“ über­trifft schon das Maß der Ver­än­de­rung, das die­se „Volks­freun­dIn­nen“ im Liba­non wirk­lich dul­den wol­len.

Ökonomische Lage

Das soll auch nicht wei­ter ver­wun­dern. Die­se Staa­ten sind an der sozia­len ver­zwei­fel­ten Lage der Bevöl­ke­rung ein­deu­tig mit­schul­dig – und sie haben auch kei­ne Absicht, die­se grund­le­gend zu ver­bes­sern.

Die Kri­se hat schon vor der Coro­na-Pan­de­mie zu einer extre­men Ver­elen­dung geführt. Rund die Hälf­te der Bevöl­ke­rung lebt heu­te unter der Armuts­gren­ze. Beson­ders betrof­fen sind davon Mil­lio­nen Geflüch­te­te. Das betrifft ers­tens die min­des­tens eine hal­be Mil­li­on zäh­len­den Paläs­ti­nen­se­rIn­nen, denen vom Zio­nis­mus und Impe­ria­lis­mus seit Jahr­zehn­ten das Rück­kehr­recht ver­wei­gert wird, die aber auch von der liba­ne­si­schen Regie­rung mas­siv dis­kri­mi­niert wer­den (Ver­wei­ge­rung der Staats­bür­ge­rIn­nen­schaft, men­schen­un­wür­di­ge Lager, Aus­schluss von zahl­rei­chen Beru­fen). Zwei­tens flo­hen seit Beginn des Bür­ger­kriegs rund 1,5 Mil­lio­nen Men­schen aus Syri­en in den Liba­non.

Zugleich hat sich in den letz­ten Jah­ren auch die Sozi­al­struk­tur des Lan­des – ins­be­son­de­re Bei­ruts, wo rund ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung lebt – ver­än­dert. Lan­ge war die Stadt davon geprägt, dass die reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit mit dem sozia­len Sta­tus kor­re­lier­te. Die Kapi­ta­lis­tIn­nen­klas­se und die bür­ger­li­chen Stadt­tei­le waren wesent­lich von der christ­li­chen Bevöl­ke­rungs­grup­pe geprägt. Die Schii­tIn­nen bewohn­ten vor­wie­gend die ärme­ren und ver­arm­ten Vier­tel. In den letz­ten Jah­ren hat sich das ein Stück weit ver­än­dert. Der Anteil der Schii­tIn­nen und Sun­nitIn­nen an der öko­no­mi­schen Eli­te des Lan­des, z. B. an den 100 Reichs­ten, nahm zu. Sicher­lich ist das auch eine Fol­ge der Inte­gra­ti­on der His­bol­lah in die Staats­füh­rung im Zuge des „Frie­dens­pro­zes­ses“ – und damit einer Ver­brei­te­rung der herr­schen­den Schich­ten. Ande­rer­seits kam es auch zu einer gewis­sen Anglei­chung der Lebens­la­gen der mus­li­mi­schen, christ­li­chen, dru­si­schen Arbei­te­rIn­nen.

Vom Kampf gegen die Elite zur Revolution!

Dar­an wird natür­lich eine Regie­rung der „natio­na­len Ein­heit“ eben­so wenig ändern wie die Ernen­nung einer von jeder Kon­trol­le durch die Bevöl­ke­rung unab­hän­gi­gen „Exper­tIn­nen­re­gie­rung“. Selbst wenn eine sol­che aus­schließ­lich aus inte­gren Men­schen bestehen wür­de – sie wür­de ange­sichts der öko­no­mi­schen Abhän­gig­kei­ten, der Struk­tur des Staats­ap­pa­ra­tes, der Orga­ni­siert­heit der tra­di­tio­nel­len Eli­ten, die Mili­zen, Mili­tär und Poli­zei kon­trol­lie­ren, unver­züg­lich zu deren Mario­net­te und der der impe­ria­lis­ti­scher Mäch­te gera­ten. Sie wäre den öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Dik­ta­ten hilf­los aus­ge­setzt.

Die For­de­rung nach einem Rück­tritt der gesam­ten poli­ti­schen Eli­te des Lan­des, aller Par­tei­en, Regie­rungs­mit­glie­der, des Prä­si­den­ten, aber auch von Beam­tIn­nen, Rich­te­rIn­nen, … – also zen­tra­ler Tei­le des Staats­ap­pa­ra­tes – kann ange­sichts der Pseu­do-Demo­kra­tie, reli­gi­ös-sek­tie­re­ri­scher Auf­tei­lung von Ämtern und Ein­fluss, der weit ver­brei­te­ten Vet­tern­wirt­schaft und jah­re­lan­gen Aus­plün­de­run­gen durch das Finanz­ka­pi­tal nicht wei­ter wun­dern. Sie erin­nert stark an die ers­ten Pha­sen prak­tisch aller Bewe­gun­gen der Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen.

Zugleich zeig­ten die­se auch, wie eng demo­kra­ti­sche mit den sozia­len und Klas­sen­fra­gen zusam­men­hän­gen.

Die am 4. August explo­dier­ten 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat lager­ten schließ­lich schon seit 6 Jah­ren im Hafen. Wie Recher­chen von Al Jaze­e­ra zei­gen, waren die­se jedoch nicht ein­fach „ver­ges­sen“ wor­den. Min­des­tens sechs Mal wand­ten sich Zoll­be­am­tIn­nen ver­geb­lich schrift­lich an die liba­ne­si­sche Jus­tiz und for­der­ten ein Ein­schrei­ten. All das ver­deut­licht, dass nicht nur ein­zel­nen Gerich­ten, son­dern dem gesam­ten Staats­ap­pa­rat die Lebens­in­ter­es­sen der Bevöl­ke­rung völ­lig egal sind, dass er viel­mehr als Mit­tel zur eige­nen Berei­che­rung und als Beu­te ver­stan­den wird, um des­sen Auf­tei­lung die ver­schie­de­nen bür­ger­li­chen Par­tei­en und Füh­re­rIn­nen der reli­gi­ös-poli­ti­schen Grup­pie­run­gen strei­ten.

Je mehr das Land in eine öko­no­mi­sche und sozia­le Kri­se schlit­ter­te, umso pre­kä­rer, ent­wür­di­gen­der und nutz­lo­ser muss­te sich die­ses Sys­tem für die Mas­se der Bevöl­ke­rung dar­stel­len. Vom Stand­punkt der Eli­ten, ihrer Par­tei­en und deren Kli­en­te­le stellt sich jede Ver­wen­dung von staat­li­chen Mit­teln für das Gemein­wohl wie z. B. Gesund­heits­ver­sor­gung, Infra­struk­tur, Müll­ent­sor­gung, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung usw. als Abzug von ihren Pfrün­den dar. Daher gibt es in Kri­sen­pe­ri­oden, wenn also die Staats­ein­nah­men sin­ken, erst recht nichts zu ver­tei­len für die Mas­se der Bevöl­ke­rung, die ver­armt und eigent­lich drin­gend staat­li­che Unter­stüt­zung brau­chen wür­de.

Dies hat nun – wie schon auf gerin­ge­rem Niveau 2019 – zur Explo­si­on, zur Erhe­bung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, der städ­ti­schen Armut wie auch des Klein­bür­ge­rIn­nen­tums und der Mit­tel­schich­ten geführt. Die Not, die Unfä­hig­keit und Unwil­lig­keit des Staa­tes, irgend­ei­ne nen­nens­wer­te rea­le Hil­fe zu leis­ten, hat außer­dem die Bevöl­ke­rung dazu gezwun­gen, selbst­or­ga­ni­sier­te Struk­tu­ren auf­zu­bau­en, um Ver­letz­ten, obdach­los gewor­de­nen oder hun­gern­den Men­schen zu hel­fen und ele­men­ta­re For­men des täg­li­chen Lebens über­haupt auf­recht­zu­er­hal­ten. Auch wenn die­se Struk­tu­ren aus der Not gebo­ren wur­den, so kön­nen sie auch embryo­na­le Orga­ne der Gegen­macht, alter­na­ti­ve Macht­zen­tren zum bestehen­den Staats­ap­pa­rat dar­stel­len.

Dass ehe­ma­li­ge Offi­zie­re die Beset­zung von Regie­rungs­ge­bäu­den ange­führt haben dürf­ten, deu­tet dar­auf hin, dass auch die Kon­trol­le der Regie­rung über den Repres­si­ons­ap­pa­rat brö­ckelt. All das sind untrüg­li­che Zei­chen eines enor­men revo­lu­tio­nä­ren Poten­ti­als.

Doch wie schon die Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen steht auch der Liba­non vor einem extre­men Pro­blem: Der Revo­lu­ti­on fehlt eine poli­ti­sche Füh­rung, eine Stra­te­gie, ein Pro­gramm zur Reor­ga­ni­sa­ti­on der Gesell­schaft, um deren drin­gends­te Pro­ble­me zu lösen.

An die­sem Pro­blem schei­ter­ten prak­tisch alle Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen des letz­ten Jahr­zehnts. Die Mas­sen der Arbei­te­rIn­nen, Bauern/​Bäuerinnen, städ­ti­schen Armen oder klei­nen Selbst­stän­di­gen ver­lo­ren die Initia­ti­ve, obwohl sie den Groß­teil der Erhe­bun­gen getra­gen hat­ten, muss­ten ohn­mäch­tig mit anse­hen, wie sich ver­schie­de­ne Kräf­te der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ihrer Bewe­gung bemäch­tig­ten oder die­se zer­schlu­gen.

Programm

Daher besteht die Auf­ga­be sozia­lis­ti­scher, kom­mu­nis­ti­scher Kräf­te dar­in, die Bewe­gung vor­zu­trei­ben, deren bes­te Kämp­fe­rIn­nen zu orga­ni­sie­ren. Doch das erfor­dert selbst, sich Klar­heit über die Auf­ga­ben und das Pro­gramm der Revo­lu­ti­on zu ver­schaf­fen, das den Kampf für demo­kra­ti­sche Rech­te, für eine Zer­schla­gung des bestehen­den kor­rup­ten Sys­tem mit dem für die Ent­eig­nung des Kapi­tals – des impe­ria­lis­ti­schen wie liba­ne­si­schen – und der Errich­tung einer demo­kra­ti­schen Plan­wirt­schaft ver­bin­det.

Um ein sol­ches Pro­gramm von Über­gangs­for­de­run­gen zu ver­brei­ten und dafür die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und unter­drück­ten Mas­sen zu gewin­nen, bedarf es einer poli­ti­schen Kraft, einer revo­lu­tio­nä­ren, kom­mu­nis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­par­tei. Eine sol­che Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, ist das Gebot der Stun­de aller pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tio­nä­rIn­nen!

Die Revo­lu­ti­on im Liba­non und alle Revo­lu­tio­nä­rIn­nen im Land bedür­fen dabei der Soli­da­ri­tät der inter­na­tio­na­len Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der Lin­ken auf allen Ebe­nen – von der Orga­ni­sie­rung von Hil­fe für die Bevöl­ke­rung, poli­ti­schen Soli­da­ri­täts­kam­pa­gnen für die Strei­chung der Schul­den im Kampf dar­um, dass Hilfs­lie­fe­run­gen ohne poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Bedin­gun­gen erfol­gen. Vor allem aber braucht es auch die mög­lichst enge Ver­bin­dung mit allen Kräf­ten, die im Liba­non und in den Län­dern des Nahen Ostens aktiv am Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung betei­ligt sind, die Schaf­fung einer Soli­da­ri­täts­be­we­gung und einer neu­en, Fünf­ten Inter­na­tio­na­le, die im Liba­non, im Nahen Osten, welt­weit für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on kämpft!

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