[ISO:] Solidarität mit dem Kampf des belorussischen Volks

Am 9. August
ver­öf­fent­lich­ten die bela­rus­si­schen Behör­den die Ergeb­nis­se der Prä­si­dent­schafts­wah­len,
danach ist Alex­an­der Luka­schen­ko zum sechs­ten Mal in Fol­ge mit 80 % der
Stim­men aus­er­ko­ren wor­den. Das war der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen
brach­te: Am sel­ben Tag gin­gen Zehn­tau­sen­de von Men­schen auf die Stra­ße, um die
Ergeb­nis­se offen­sicht­li­chen Wahl­be­trugs anzu­pran­gern, die Fol­ge war eine
äußerst gewalt­sa­me Poli­zei­re­pres­si­on.

Es ist nicht das
ers­te Mal, dass Bela­rus gegen das Luka­schen­ko-Regime pro­tes­tiert. Bereits 1995
ord­ne­te der Prä­si­dent eine blu­ti­ge Repres­si­on gegen die strei­ken­den U‑Bahn-Arbeiter*innen
an, damit lei­te­te er sei­ne Amts­zeit ein. Seit­dem hat es zwar vie­le Pro­tes­te
gege­ben, aber kei­ner hat je das Aus­maß der Pro­tes­te wie in die­sen Tagen erreicht.
Die Mobi­li­sie­run­gen, mit denen Jugend­li­che in Minsk ange­fan­gen haben, haben
sich schnell auf das gan­ze Land aus­ge­brei­tet, auch die Regio­nen weit weg von
der Haupt­stadt, in denen es tra­di­tio­nell kei­nen Pro­test gegen das Regime gibt.
Alle Klas­sen oder bedeu­ten­de Frak­tio­nen sind betei­ligt, ein­schließ­lich der
Arbei­ter­klas­se, die an vier auf­ein­an­der fol­gen­den Pro­test­ta­gen mit
Demons­tra­tio­nen und ‒ ein beson­ders rele­van­ter Aspekt ‒ Streiks mas­sen­haft zu
mobi­li­sie­ren begann.

Die ein­zi­gen Sek­to­ren, die Luka­schen­ko heu­te noch weit­ge­hend treu blei­ben, sind die neu­en intel­lek­tu­el­len Eli­ten des Lan­des ‒ vor allem im uni­ver­si­tä­ren Betrieb und in den offi­zi­el­len Medi­en ‒ und die Poli­zei…

Die­se Explo­si­on ist
in ers­ter Linie dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass der Kom­pro­miss „Ver­bes­se­rung der
sozia­len Sicher­heit im Gegen­zug zu Abwe­sen­heit von demo­kra­ti­schen und
poli­ti­schen Frei­hei­ten“ infol­ge der Preis­er­hö­hung des von Russ­land gelie­fer­ten
Roh­öls und des Preis­ver­falls auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne nach und nach gebro­chen
wur­de. Wie in allen Volks­wirt­schaf­ten, die in hohem Maße von einer ein­zi­gen
oder einer Haupt­ein­nah­me­quel­le abhän­gig sind, hat dies der tra­di­tio­nel­len
Zustim­mung zu Luka­schen­ko die Grund­la­ge ent­zo­gen; vor­her war sie unter den
Arbeiter*innen und Ange­stell­ten im pri­va­ten und öffent­li­chen Sek­tor sowie unter
den Bewohnern*innen von Regio­nen mit stark land­wirt­schaft­li­chem Cha­rak­ter ver­brei­tet.
Seit eini­ger Zeit hat­te die Regie­rung Luka­schen­ko ent­ge­gen den „Emp­feh­lun­gen“
des IWF, schritt­wei­se eine Poli­tik des Lohn- und Tarif­ab­baus ein­ge­lei­tet, auf
der Suche nach Rück­halt auch bei den USA. Dies führ­te zu einem hohen Anstieg
der Arbeits­lo­sig­keit und der Arbeits­platz­un­si­cher­heit, wäh­rend die Poli­tik der sozia­len
Absi­che­rung gleich­zei­tig deut­lich her­ab­ge­stuft wur­de. Dies hat dazu geführt,
dass die Regie­rung den Beschäf­tig­ten im Staats­sek­tor etli­che beson­ders
uner­träg­li­che Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt hat, als Aus­gleich zum Erhalt ihrer
Arbeits­plät­ze: Sams­tags­ar­beit, Über­wa­chung der Wahl­be­tei­li­gung, sogar die
Teil­nah­me als Mit­glie­der von Wahl­aus­schüs­sen mit der Anwei­sung, die Ergeb­nis­se
zu fäl­schen. All dies hat ent­schei­dend dazu bei­getra­gen, dass sich tie­fe
Unzu­frie­den­heit und brei­te Bereit­schaft zur Rebel­li­on in der Arbei­ter­klas­se des
Lan­des ver­brei­tet haben, die einer dop­pel­ten Unter­drü­ckung aus­ge­setzt ist: der
büro­kra­ti­schen und der kapi­ta­lis­ti­schen. Die ein­zi­gen Sek­to­ren, die Luka­schen­ko
heu­te noch weit­ge­hend treu blei­ben, sind die neu­en intel­lek­tu­el­len Eli­ten des
Lan­des ‒ vor allem im uni­ver­si­tä­ren Betrieb und in den offi­zi­el­len Medi­en ‒ und
die Poli­zei; die Polizist*innen kom­men größ­ten­teils vom Land und genie­ßen, was nicht
wirk­lich über­rascht, erheb­li­che Pri­vi­le­gi­en, wie z. B. garan­tier­te Woh­nun­gen,
Vor­ru­he­stand, bezahl­ten Urlaub und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Spe­zi­al­kli­ni­ken.

Was die poli­ti­schen
Orga­ni­sa­tio­nen angeht, gibt es ‒ neben denen, die die Regie­rung unter­stüt­zen, dar­un­ter
die reak­tio­nä­re „Kamu­nis­tyt­schna­ja par­ty­ja Bela­ru­si“ (Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei von
Bela­rus, KPB) ‒ das libe­ra­le Oppo­si­ti­ons­la­ger und auf der lin­ken Sei­te die Weiß­rus­si­sche
ver­ei­nig­te Links­par­tei „Eine gerech­te Welt“ (die sich 1996 von der KPB
abge­spal­ten hat), anar­chis­ti­sche Kol­lek­ti­ve, die Grü­ne Par­tei und ver­schie­de­ne
mar­xis­tisch inspi­rier­te Arbei­ter­grup­pen und ‑zusam­men­hän­ge. Tra­di­tio­nel­le
natio­na­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen ‒ auch die­je­ni­gen, die nach dem Zusam­men­bruch
der UdSSR mit dem Wes­ten ver­bun­den waren ‒ haben bei der Mobi­li­sie­rung
prak­tisch kei­ne Rol­le mehr gespielt, seit Luka­schen­ko sie ihrer Füh­rung beraubt
hat; kein Ver­gleich also zum Euro­mai­dan in der Ukrai­ne, in der meh­re­re
rechts­ex­tre­me Grup­pen als eine kei­nes­wegs unter­ge­ord­ne­te Rol­le gespielt haben.

Zwei Arten von
Pro­ble­men sind zu berück­sich­ti­gen: In einem Land mit einem hohen Maß an
poli­zei­li­cher Repres­si­on kön­nen nur die poli­ti­schen Struk­tu­ren über­le­ben, die
Sub­ven­tio­nen aus dem Aus­land erhal­ten, wie z. B. gewis­se tra­di­tio­nel­le
Medi­en und sozia­le Medi­en neo­li­be­ral-natio­na­lis­ti­scher Cou­leur. In Erman­ge­lung
„tra­di­tio­nel­ler“ Maß­stä­be kön­nen die­se Struk­tu­ren, was nicht über­rascht, den
Pro­tes­ten eine Ori­en­tie­rung geben. Kon­kret sind die gemein­sa­men For­de­run­gen bei
allen Mobi­li­sie­run­gen das Ende der Poli­zei­ge­walt, die Abhal­tung von Neu­wah­len
und die Frei­las­sung der Gefan­ge­nen. Das sind demo­kra­ti­sche Losun­gen, die
natür­lich unter­stützt wer­den müs­sen, die aber sehr unzu­rei­chend sind, weil
dabei For­de­run­gen mit einem sozia­len Inhalt feh­len, die nur die Arbei­ter­klas­se zu her­vor­brin­gen kann.

Das bela­rus­si­sche Volk läuft Gefahr, ein wei­te­res Opfer die­ses Krie­ges zu wer­den, der mit ande­ren Mit­teln geführt wird.

Die klas­sen­ori­en­tier­ten
lin­ken Struk­tu­ren arbei­ten, auch wenn sie orga­ni­sa­to­risch schlecht aus­ge­stat­tet
sind, dar­an, dass in den Mobi­li­sie­run­gen Losun­gen mit
anti­ka­pi­ta­lis­tisch-sozia­lem Inhalt auf­tau­chen und sich durch­set­zen: Ende der
Spar­po­li­tik und Lohn­kür­zun­gen, adäqua­ter sozia­ler Schutz, Ende der poli­tisch
oder ander­wei­tig moti­vier­ten Ent­las­sun­gen, Nein zu Pri­va­ti­sie­run­gen, völ­li­ge
Frei­heit der gewerk­schaft­li­chen Tätig­keit. Die poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­se sowie
mehr Mit­tel und die inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung des US-Impe­ria­lis­mus und der
ver­schie­de­nen euro­päi­schen Impe­ria­lis­men, die neo­li­be­ra­le poli­ti­sche Krei­se
genie­ßen, machen die­se unver­zicht­ba­ren Auf­ga­ben jedoch sehr schwie­rig.
Ande­rer­seits dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass der rus­si­sche Prä­si­dent Putin
Luka­schen­ko sei­ne poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung ange­bo­ten hat, und es
ver­steht sich, dass Bela­rus ein neu­es Ele­ment im Kampf zwi­schen den
impe­ria­lis­ti­schen und sub­im­pe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten zu wer­den droht, von dem
bereits ande­re Sze­na­ri­en sozia­ler und poli­ti­scher Revol­te gezeich­net sind. Das
bela­rus­si­sche Volk läuft Gefahr, ein wei­te­res Opfer die­ses Krie­ges zu wer­den,
der mit ande­ren Mit­teln geführt wird.

Auf jeden Fall geht
aus die­sen Mobi­li­sie­run­gen auch ein all­ge­mei­ne­rer poli­ti­scher und stra­te­gi­scher
Hin­weis her­vor, der unbe­dingt berück­sich­tigt wer­den muss: Im Gegen­satz zu
Tei­len der Lin­ken, die nach wie vor vom Cam­pis­mus [Block- oder Lager­den­ken] beses­sen
sind und die lei­der nach wie vor eine uner­träg­li­che Poli­zei­sicht auf die Geschich­te
(gegen die Marx zu Recht gewet­tert hat), aber auch eine reduk­tio­nis­ti­sche,
fla­che, sta­ti­sche, anti-dia­lek­ti­sche Auf­fas­sung über das kom­ple­xe Sys­tem einer
Gesell­schaft ver­tre­ten, hal­ten wir dar­an fest, dass unter bestimm­ten Umstän­den
frü­her oder spä­ter unver­meid­lich eine Revol­te aus­bricht. Über die poli­ti­sche
Legi­ti­mi­tät die­ser Revol­ten soll­te ‒ zu wel­chen
Ergeb­nis­sen auch immer sie füh­ren mögen,
ob die­se uns gefal­len oder nicht ‒
nicht mehr debat­tiert wer­den.

Des­halb sind wir, ohne dass wir naiv und schlicht eine posi­ti­ve Ent­wick­lung für die arbei­ten­den Klas­sen erwar­ten wür­den, voll und ganz soli­da­risch mit dem bela­rus­si­schen Volk, das gegen­wär­tig gegen das Polizei‑, büro­kra­ti­sche und arbei­ter­feind­li­che Luka­schen­ko-Regime kämpft.

Die­ser Arti­kel ist am 18. August 2020 auf der Web­sei­te von Sinis­tra
Anti­ca­pi­ta­lis­ta, einer der bei­den Orga­ni­sa­tio­nen der Vier­ten Inter­na­tio­na­le in
Ita­li­en, ver­öf­fent­licht wor­den.

Aus dem Fran­zö­si­schen und Ita­lie­ni­schen über­setzt und bear­bei­tet von
Wil­fried unter Mit­ar­beit von MiWe

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