[KgK:] Nawalny, Snowden, Trotzki: Der rote Faden der Brutalität des deutschen Asylrechts.

Ver­gan­ge­nen Sams­tag, kurz vor neun Uhr vor­mit­tags, lan­de­te der Ret­tungs­flug des rus­si­schen Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kers Ale­xej Nawal­ny in Ber­lin-Tegel. Die Sor­ge um den Gesund­heits­zu­stand des Rechts­an­walts beweg­te die west­li­chen bür­ger­li­chen Demo­kra­tien Euro­pas – ange­führt von Mer­kel und Macron – dazu, Nawal­ny Hil­fe anzu­bie­ten: medi­zi­ni­sche Hil­fe in einem deut­schen Kran­ken­haus, bis hin zum Asyl. Das Asyl­recht ist bekannt­lich ein hei­li­ges und uner­schüt­ter­li­ches Prin­zip, wür­de Trotz­ki iro­nisch sagen. Es fällt dabei aller­dings auf, dass das Recht auf medi­zi­ni­sche Behand­lung bzw. auf Schutz vor poli­ti­schen Ver­fol­gung nicht allen zugu­te kommt. Die bemer­kens­wer­te Eile im Fall Nawal­ny, einem „lupen­rei­nen Natio­na­lis­ten ‑bekannt für sei­ne natio­na­lis­ti­schen Tönen, sei­nen Dis­kurs gegen Arbeitsmigrant*innen aus Zen­tral­asi­en, sei­nen pro-Abschie­bung Dis­kurs usw.“ – wie ihm die Tages­zei­tung neu­es Deutsch­land rich­ti­ger­wei­se attes­tier­te, steht im kras­sen Wider­spruch zur Ver­wei­ge­rung des Asyls in Deutsch­land für Edward Snow­den, einer der fort­schritt­lichs­ten Demo­kra­tien der Welt. Uni­so­no teil­ten das Aus­wär­ti­ge Amt und das Innen­mi­nis­te­ri­um mit, sie sähen „die Vor­aus­set­zun­gen für Snow­dens Auf­nah­me als nicht erfüllt“ an. Füh­ren­de poli­ti­sche Vertreter*innen Deutsch­lands stimm­ten ein, wie z.B. Sig­mar Gabri­el, der „kei­ne juris­ti­sche Grund­la­ge“ für Asyl für Snow­den sah.

Die­se Aus­sa­gen ste­hen in einer his­to­ri­schen Linie mit den Aus­sa­gen eines John Robert Cly­nes, einst Gewerk­schafts­funk­tio­när und spä­ter Labour-Poli­zei­mi­nis­ter, der die Absa­ge an Leo Trotz­kis Asyl­ge­such in Eng­land fol­gend erklär­te: „Das Asyl­recht besteht nicht im Recht der Ver­trie­be­nen, ein Asyl zu bean­spru­chen, son­dern in dem Recht des Staa­tes, die­ses zu ver­wei­gern.“ Und da herrscht Einig­keit, wenn es dar­um geht, unlieb­sa­men poten­ti­el­len Asyl­su­chen­den die Vor­zü­ge des demo­kra­ti­schen Asyl­rechts, prak­tisch zu demons­trie­ren. Da scheint sogar das Asyl­recht eines „auto­ri­tär“ regier­ten Lan­des wie Russ­land voll­kom­me­ner, mensch­li­cher und demo­kra­ti­scher als die der fort­schritt­lichs­ten west­li­chen Demo­kra­tien.

Dass man es hier­zu­lan­de mit den Men­schen­rech­te nicht so genau nimmt, dürf­te lan­ge klar sein. 2016 schloss die Euro­päi­sche Uni­on ein Abkom­men mit der Tür­kei, um dafür zu sor­gen, dass weni­ger Geflüch­te­te über das öst­li­che Mit­tel­meer von der Tür­kei nach Grie­chen­land kom­men. Als Gegen­leis­tung bekam die Tür­kei von der EU finan­zi­el­le Hil­fen, und sei­tens der EU wur­de in Aus­sicht gestellt, schnel­ler über die Abschaf­fung des Visums­zwangs für tür­ki­sche Staatsbürger*innen und den EU-Bei­tritt der Tür­kei zu ver­han­deln. Poli­zei und Armee der Tür­kei drän­gen seit­dem Geflüch­te­te direkt nach dem Über­que­ren der Gren­ze hin­ter den Grenz­zaun oder ihre wack­li­gen Schlauch­boo­te aufs Meer hin­aus – damit sie und zukünf­ti­gen Geflüch­te­ten einen Vor­ge­schmack auf die Vor­zü­ge der Demo­kra­tien des frei­en Euro­pas bzw. der Tie­fen des Mit­tel­meers bekom­men. So haben sie nicht mal die Mög­lich­keit, Asyl zu suchen – was frei­lich ein Ver­stoß gegen EU-Recht und das soge­nann­te Völ­ker­recht dar­stellt. Geld und Rei­se­frei­heit als Lohn für die schmut­zi­ge Arbeit, fern von den Augen der Öffent­lich­keit, auf dem Lan­de und im Meer; ein „durch Ver­ge­wal­ti­gung des Den­kens und des Gewis­sens“ ein­ge­schla­ge­ner Kurs, wür­de­Trotz­ki in etwa schrei­ben.

Auch Leo Trotz­ki und sei­ne Fami­lie haben die Vor­zü­ge der demo­kra­ti­schen Mensch­lich­keit 1929 am eige­nen Leib erfah­ren dür­fen. Schon damals wur­den die hei­li­ge Prin­zi­pi­en der Sozi­al­de­mo­kra­tie auf dem Alter der bür­ger­li­chen Staats­öko­no­mie oder der poli­ti­schen Bequem­lich­keit geop­fert. Die „Fes­tung Euro­pa“, die Geflüch­te­te vor den Toren Euro­pas ertrin­ken lässt, hat somit eine lan­ge Tra­di­ti­on. In sei­ner Auto­bio­gra­phie „Mein Leben“ im Kapi­tel „Der Pla­net ohne Visum“ erzählt Trotz­ki von sei­ner erzwun­ge­nen Flucht vor Sta­lins Scher­gen, die ihn um den Erd­ball bis nach Mexi­ko trieb, obwohl er die „demo­kra­ti­sche Welt“ um ein Visum bat. Sei­ne ers­te Sta­ti­on war 1929, nach einer aben­teu­er­li­chen Zug­fahrt, die Tür­kei, auf den Prin­zen­in­seln, wo man frü­her byzan­ti­ni­sche Würdenträger*innen ein­sperr­te. Als Trotz­ki dort ankam, erfuhr er aus einer Rede des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Reichs­tags­prä­si­den­ten Löbe, der am 6. Febru­ar 1929 im Reichs­tag unter lau­tem Bei­fall aus­ge­führt hat­te: „Viel­leicht kom­men wir sogar dazu, Herrn Trotz­ki das frei­heit­li­che Asyl zu geben.“ Dar­auf­hin wand­te sich Trotz­ki an das deut­sche Kon­su­lat in Kon­stan­ti­no­pel, bat um ein Visum und teil­te das dem Sozi­al­de­mo­kra­ten Löbe mit. Nun muss­te er auf eine Ant­wort sei­tens der deut­schen Reichs­re­gie­rung war­ten.

Die Absa­ge kam stück­chen­wei­se. Zunächst wur­de Trotz­ki gefragt, ob er bereit sei, sich wäh­rend sei­nes Auf­ent­hal­tes in Deutsch­land Beschrän­kun­gen zu unter­wer­fen. Als er dies bejah­te, bekam eine er eine zwei­te Anfra­ge, näm­lich ob er bereit sei, nur zum Zwe­cke einer Kur ein­zu­rei­sen. Trotz­ki stimm­te dem zu. Die Reichs­re­gie­rung unter dem SPD-Kanz­ler Her­mann Mül­ler, der spä­ter ange­sichts der Erfol­ge der Nationalsozialist*innen die SPD zur Tole­ranz gegen­über der Regie­rung Brü­ning auf­rief, ver­brei­te­te über die Pres­se die The­se, Trotz­ki sei gar nicht krank genug, um medi­zi­ni­sche Hil­fe in Deutsch­land in Anspruch zu neh­men. Dar­auf­hin erklär­te sich Trotz­ki bereit, sich von einer belie­bi­gen Ärzt*innenkommission unter­su­chen zu las­sen und Deutsch­land nach Been­di­gung sei­ner Kur unver­züg­lich zu ver­las­sen. Nach einem lan­gen Schwei­gen kam schließ­lich die Ableh­nung sei­nes Gesuchs.

Das Reichs­ka­bi­nett beschloss mit Mehr­heit, ent­spre­chend dem Vor­schlag des Reichs­mi­nis­ters des Aus­wär­ti­gen, Gus­tav Stre­se­mann, dem Ein­rei­se­ge­such nicht statt­zu­ge­ben, damit „die uner­wünsch­te Pole­mik in der Pres­se über die­se Ange­le­gen­heit nicht wei­ter fort­ge­setzt wer­de“. Bereits zuvor hat­te die Reichs­re­gie­rung die rus­si­sche Regie­rung gebe­ten, von dem Stel­len eines offi­zi­el­len Antra­ges zuguns­ten Trotz­kis abzu­se­hen. Deut­sche Demokrat*innen und Sta­lin zogen am sel­ben Strang, um den unlieb­sa­men Trotz­ki fern zu hal­ten. Der Reichs­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen Amts erklär­te fer­ner, „daß man die inner­po­li­ti­schen Schwie­rig­kei­ten, die mit der Ver­sa­gung des Asyl­rechts begrün­det wür­den, nicht all­zu hoch ein­zu­schät­zen brau­che. Trotz­ki habe in der Tür­kei ein Asyl gefun­den; dort wer­de für sei­ne Sicher­heit weit­ge­hendst Sor­ge getra­gen, und er sei in der Tür­kei wahr­schein­lich erheb­lich weni­ger gefähr­det als in Deutsch­land.“1 Wie man sieht, schon damals betrach­te die „freie Welt“ die Tür­kei als ein geeig­ne­ter Ort, um Asyl­su­chen­de abzu­schie­ben.

Damals wie heu­te, taten und tun sich die Herr­schen­den zusam­men, um die uner­wünsch­ten Migrant*innen von Euro­pa, der Fes­tung Euro­pa, fern­zu­hal­ten. „Die demo­kra­ti­schen Län­der schüt­zen sich vor der Gefahr einer Dik­ta­tur dadurch, dass sie deren schlimms­te Sei­ten sich aneig­nen. Für Revo­lu­tio­nä­re hat sich das soge­nann­te „Recht“ auf Asyl schon längst aus einer Rechts- in eine Gna­den­fra­ge ver­wan­delt“, schrieb Trotz­ki 1937.2 Snow­den und zig Tau­sen­den Men­schen, deren Asyl­ge­su­che abge­lehnt wur­den und wer­den, kön­nen ein Lied davon sin­gen.

Über die­sen Umstand legt sich stets ein Man­tel des Schwei­gens, oder bes­ser gesagt jene stil­le (Selbst-)Zensur im Ange­sicht der unbe­que­men Rea­li­tät. Das Schwei­gen der bür­ger­li­chen Medi­en über die Außer­kraft­set­zung der Rechts­staat­lich­keit durch Mal­ta, Grie­chen­land und die Tür­kei beim Umgang mit den Geflüch­te­ten, ist nicht zu über­hö­ren, das Schwei­gen über die Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit in Liby­en, mit logis­ti­scher und finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung durch die EU und Deutsch­land, ver­bre­che­risch.

Der prak­ti­sche Unter­richt in Sachen Asyl­recht wird in den frü­hen Mor­gen­stun­den von der Poli­zei erteilt, von Wach­schutz und grau­en Beamt*innen, wie es bereits Trotz­ki vor 91 Jah­ren erfah­ren muss­te. Damals war es die skru­pel­lo­se sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie, flan­kiert von der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie (von den Libe­ra­len und Christdemokrat*innen damals und heu­te wäre ja nichts der­ar­ti­ges zu erwar­ten). Heu­te ist es wie­der die Sozi­al­de­mo­kra­tie, die die Mensch­lich­keit mit dem Hin­weis auf die Staats­kas­sen und die Nati­on mit Füßen tritt.

Es ist Zeit, das Schwei­gen über den sich aus­brei­ten­den Man­tel der Nie­der­tracht bei­sei­te zu schie­ben. Die KZs in Lybi­en, wo Geflüch­te­te gefol­tert, ver­ge­wal­tigt und ermor­det wer­den, die Lei­chen am Mee­res­grund des größ­ten Fried­hofs der Welt, dem Mit­tel­meer, dür­fen wie die Schick­sa­le so vie­ler ande­rer vor ihnen nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten.

Der Man­tel des Schwei­gens über Trotz­ki, sei­ne Aus­lie­fe­rung an die GPU-Agent*innen durch die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie, darf nicht zum All­ge­mein­platz wer­den. In Wor­ten von Ger­hard Zwe­renz „das deut­sche Trotz­ki-Tabu der Nicht-Erin­ne­rung und Nicht-Wahr­neh­mung“3, muss auf­ge­bro­chen wer­den.

Es liegt an den neu­en Genera­tio­nen, den Man­tel des Schwei­gens zu bre­chen, die his­to­ri­sche Wahr­heit ans Licht zu holen und die Ver­bre­chen der Gegen­wart zu bekämp­fen.

Fuß­no­ten
1. Akten der Reichs­kanz­lei. Wei­ma­rer Repu­blik – Das Kabi­nett Mül­ler II /​Band 1 /​Doku­men­te /​Nr. 165 Minis­ter­be­spre­chung vom 7. April 1929, 11 Uhr /​TOP 2. Ein­rei­se­ge­such Trotz­kis., S. 530–531. Quel­le: http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919–1933/0000/mu2/mu21p/kap1_2/kap2_165/para3_2.html. Zuletzt besucht am 24.08.2020

2. https://​sites​.goog​le​.com/​s​i​t​e​/​s​o​z​i​a​l​i​s​t​i​s​c​h​e​k​l​a​s​s​i​k​e​r​2​p​u​n​k​t​0​/​t​r​o​t​z​k​i​/​1​9​3​7​/​l​e​o​-​t​r​o​t​z​k​i​-​a​u​f​-​d​e​m​-​m​e​ere

3. Ger­hard Zwe­renz: Das Trotz­ki-Tabu. Quel­le: https://​www​.rosa​lux​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​r​l​s​_​u​p​l​o​a​d​s​/​p​d​f​s​/​1​1​8​_​Z​w​e​r​e​n​z​.​pdf. Zuletzt besucht am 21.08.2020.

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