[KgK:] Peter Hansen: Der Klassencharakter der amerikanischen Verfassung

Seit dem Ende des Welt­kriegs ist in Ame­ri­ka eine Grup­pe neu­er Sek­ten auf­ge­taucht, die sich aus selbst­er­nann­ten Ver­tei­di­gern der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung zusam­men­setzt. Die eif­rigs­ten von ihnen sind die Ame­ri­can Secu­ri­ty League, die die Schlüs­sel­leu­te der Ame­ri­ka­ni­schen, Hee­res- und Mari­ne-Liga, die Liga für Ver­fas­sungs­schutz und der Ku-Klux-Klan. Sogar der alte Leich­nam der Sons of the Ame­ri­can Revo­lu­ti­on – ganz zu schwei­gen von der reak­tio­nä­ren Ver­ei­ni­gung der Töch­ter aus der Kon­fö­de­ra­ti­on – wur­de wie­der­be­lebt und schreit laut mit dem Rest.

Die­sen Orga­ni­sa­tio­nen ist es bis zu einem gewis­sen Grad gelun­gen, Ame­ri­ka eine neue Reli­gi­on auf­zu­drän­gen, in der die Väter der Revo­lu­ti­on zu Hei­li­gen und die Ver­fas­sung zu einem hei­li­gen Buch gemacht wer­den. Wie alle reli­giö­sen Fana­ti­ker sind die Macher der neu­en Reli­gi­on bereit, jeden zu bestra­fen, der es wagt, die Wahr­heit ihrer Dok­tri­nen in Fra­ge zu stel­len. Zu sug­ge­rie­ren, dass die revo­lu­tio­nä­ren Vor­vä­ter doch nur Men­schen waren, mit nicht mehr Macht, in die Zukunft zu bli­cken, als wir heu­te haben – und viel­leicht mit weni­ger – bedeu­tet, ihren Zorn auf dich selbst her­ab zu bre­chen. Sie sind eben­so bereit, jeden zu ver­ur­tei­len, der erklärt, die Ver­fas­sung sei jetzt über­holt; denn sie sind nicht rea­lis­tisch genug, um anzu­er­ken­nen, dass die Ver­fas­sungs­ge­ber nicht vom Him­mel inspi­riert waren, son­dern nur von den sozia­len und wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen der Zeit, in der sie leb­ten.

Die­se hei­li­gen Kreuz­rit­ter begnüg­ten sich nicht damit, ihre chau­vi­nis­ti­sche Reli­gi­on selbst zu prak­ti­zie­ren, son­dern taten und tun ihr Bes­tes, um den ame­ri­ka­ni­schen Arbei­tern die Ver­eh­rung der Ver­gan­gen­heit und die Furcht vor der Fra­ge­stel­lung der ame­ri­ka­ni­schen Insti­tu­tio­nen ein­zu­flö­ßen. Wie die frü­hen Chris­ten sind die ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter bereit, eher zu lei­den, als dar­über nach­zu­den­ken, ob die­se in der Ver­fas­sung ver­an­ker­ten Insti­tu­tio­nen ihren Inter­es­sen die­nen oder nicht.

Tat­säch­lich lie­gen die Bewei­se auf der nega­ti­ven Sei­te. Neh­men Sie zum Bei­spiel das Pri­vat­ei­gen­tum und den Schutz des Indi­vi­du­ums und ver­glei­chen Sie die heu­ti­gen Bedin­gun­gen mit denen von vor 150 Jah­ren. Damals war das meis­te Eigen­tum in Ame­ri­ka das Ergeb­nis indi­vi­du­el­ler Arbeit. Ame­ri­ka war in ers­ter Linie ein Agrar­land mit einem Über­fluss an unbe­rühr­tes Land.1 Es war nur sehr wenig Kapi­tal erfor­der­lich, um die Unab­hän­gig­keit eines Man­nes zu begrün­den. Fast jeder konn­te Land bekom­men und es für den Anbau roden. Nach eini­gen Jah­ren der Arbeit war er der Besit­zer von Eigen­tum, das das Ergeb­nis sei­ner eige­nen Arbeit war. Ein Mann mit ein paar ein­fa­chen Werk­zeu­gen war in der Lage, ein Gewer­be ohne die Hil­fe eines Kapi­ta­lis­ten aus­zu­üben. Die dama­li­ge Ver­fas­sung dien­te bis zu einem gewis­sen Grad auch den Inter­es­sen der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung (mit Aus­nah­me der Skla­ven), die aus Klein­bau­ern und selb­stän­di­gen Hand­wer­kern oder, mit ande­ren Wor­ten, aus Klein­grund­be­sit­zern bestand.

Tat­säch­lich lie­gen die Bewei­se auf der nega­ti­ven Sei­te. Neh­men Sie zum Bei­spiel das Pri­vat­ei­gen­tum und den Schutz des Indi­vi­du­ums und ver­glei­chen Sie die heu­ti­gen Bedin­gun­gen mit denen von vor 150 Jah­ren. Damals war das meis­te Eigen­tum in Ame­ri­ka das Ergeb­nis indi­vi­du­el­ler Arbeit. Ame­ri­ka war in ers­ter Linie ein Agrar­land mit einem Über­fluss an unbe­rühr­tem Land. Es war nur sehr wenig Kapi­tal erfor­der­lich, um die Unab­hän­gig­keit eines Man­nes zu begrün­den. Fast jeder konn­te Land bekom­men und es für den Anbau roden. Nach eini­gen Jah­ren der Arbeit war er der Besit­zer von Eigen­tum, das das Ergeb­nis sei­ner eige­nen Arbeit war. Ein Mann mit ein paar ein­fa­chen Werk­zeu­gen war in der Lage, ein Gewer­be ohne die Hil­fe eines Kapi­ta­lis­ten aus­zu­üben. Die dama­li­ge Ver­fas­sung dien­te bis zu einem gewis­sen Grad auch den Inter­es­sen der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung (mit Aus­nah­me der Skla­ven), die aus Klein­bau­ern und selb­stän­di­gen Hand­wer­kern oder, mit ande­ren Wor­ten, aus Klein­grund­be­sit­zern bestand.

Die Ausbeutung der Arbeit und das Gesetz

Nun wol­len wir sehen, ob das heu­te noch gilt. Zum Bei­spiel ist Hen­ry Ford, der her­aus­ra­gen­de Ein­zel­ka­pi­ta­list im heu­ti­gen Ame­ri­ka, der angeb­li­che Eigen­tü­mer einer Indus­trie, die min­des­tens 1.000.000.000 Dol­lar wert ist. Ist die­se Mil­li­ar­de Dol­lar das Ergeb­nis von Fords eige­ner Arbeit? Natür­lich nicht. Sie ist das Ergeb­nis der Arbeit von Hun­dert­tau­sen­den von Lohn­ar­bei­tern, die „für“ Ford arbei­ten. Sie ist das Pro­dukt sozia­ler Mühen. In einem Sys­tem des Pri­vat­ei­gen­tums ist es Ford mög­lich, die­se Hun­dert­tau­sen­de von Män­nern aus­zu­beu­ten, oder ein­fa­cher aus­ge­drückt, ihnen auf lega­le Wei­se den weit­aus größ­ten Teil ihrer Pro­duk­ti­on aus­zu­rau­ben.

Ford hat in den letz­ten vier Mona­ten 50.000 Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter ent­las­sen und ihnen das Recht ver­wei­gert, in der Indus­trie zu arbei­ten, deren Erbau­er nicht er, son­dern sie selbst waren. Den­noch wür­de die Regie­rung Herrn Ford unter­stüt­zen, wenn er den Arbeit­neh­mern die Mit­tel vor­ent­hält, mit denen sie leben. Gemäß der Ver­fas­sung ist es sei­ne Fabrik, nicht ihre. Ange­nom­men, die Ford-Arbei­ter wür­den ver­lan­gen, dass er ihnen die Fabrik über­gibt. Ford wür­de sich auf das Recht beru­fen, das ihm die Ver­fas­sung gibt, die besagt: „Nie­mand darf … ohne ein ordent­li­ches Gerichts­ver­fah­ren … Leben, Frei­heit oder Eigen­tum … ent­zo­gen wer­den … Eben­so wenig darf Pri­vat­ei­gen­tum ohne gerech­te Ent­schä­di­gung in den öffent­li­chen Gebrauch genom­men wer­den. Und die Streit­kräf­te des Staa­tes wür­den ihn in die­sem Recht schüt­zen.

Aber was ist mit dem Recht der 50.000 Arbei­ter auf Leben, Frei­heit und das Recht auf Arbeit – wel­ches das ein­zi­ge „Eigen­tum“ der Lohn­skla­ven ist? Nun, die Ver­fas­sung und die Geset­ze des Staa­tes haben damit nichts zu tun. Eigen­tums­rech­te ste­hen an ers­ter Stel­le, und das gilt für die gesam­te Nati­on. Und war­um? Weil, obwohl in Ame­ri­ka eine indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on statt­ge­fun­den hat und wir uns von einem Agrar­land zu einem Indus­trie­land, von der indi­vi­du­el­len Pro­duk­ti­on zur sozia­len Pro­duk­ti­on gewan­delt haben, wir immer noch von Hand und Fuß an ein Doku­ment gebun­den sind, das in einer vor­in­dus­tri­el­len Ära geschrie­ben wur­de. Heu­te besitzt eine klei­ne Min­der­heit fast das gesam­te Land, die Roh­stof­fe und die Indus­trien, wäh­rend der grö­ße­re Teil der Bevöl­ke­rung eigen­tums­los ist (Pro­le­ta­ri­er). Aber wir haben es ver­säumt, unse­re Insti­tu­tio­nen so zu ver­än­dern, dass sie den ver­än­der­ten wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen gerecht wer­den.

Kapitalismus abschaffen

Von „wir“ zu spre­chen, bedeu­tet jedoch, unge­nau zu sein. Die Nati­on besteht aus denen, die besit­zen und denen, die arbei­ten. Von die­sen bei­den gro­ßen Klas­sen pro­fi­tiert eine, näm­lich die Min­der­heit, die besit­zen­de Klas­se, noch immer von der bestehen­den Ord­nung. Es wäre ver­geb­lich zu erwar­ten, dass sie eine Ver­än­de­rung des Gesell­schafts­sys­tems in Ame­ri­ka her­bei­füh­ren. Das kann die ande­re Klas­se, die eigen­tums­lo­sen, nur dann tun, wenn sie zu der Erkennt­nis erwacht, dass eine vor 150 Jah­ren aus­ge­ar­bei­te­te natio­na­le Ver­fas­sung heu­te über­holt ist und ihren Platz in einem Muse­um ein­neh­men muss, da sie der Ver­gan­gen­heit ange­hört. Statt­des­sen müs­sen neue Insti­tu­tio­nen geschaf­fen wer­den. Wir, das Pro­le­ta­ri­at von heu­te, wis­sen viel bes­ser als unse­re Vor­vä­ter, was die sozia­len und poli­ti­schen Erfor­der­nis­se von heu­te sind. Wir kön­nen weder zulas­sen, dass uns die Ver­gan­gen­heit im Wege steht, noch kön­nen wir zulas­sen, dass eine Hand­voll Berufs­pa­trio­ten und Ahnen­ver­eh­rer das Rad des Fort­schritts zurück­hält. Das Pro­le­ta­ri­at muss und wird all dies bei­sei­te­schie­ben und sei­ne eige­ne Ver­fas­sung schrei­ben und sei­ne eige­ne Geschich­te schrei­ben.

Quel­le: The Mili­tant, Band III Nr. 10, 8. März 1930 /​Scan: Mar­xis­ti­sches Inter­net-Archiv /​Abschrift: Left Voice

Fuß­no­ten

1. Bemer­kung des Über­set­zers: Die Bezeich­nung „ein Agrar­land mit einem Über­fluss an unbe­rühr­tem Land“ igno­riert den Geno­zid an der indi­ge­ni­schen Bevöl­ke­rung auf die­sem Kon­ti­nent. Kei­nes­falls war die­ses Land frei von Men­schen, es wur­de erst frei­ge­macht. Das ist auch die soge­nann­te ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on, die mit Gewalt, Ver­nich­tung und Usur­pa­ti­on ein­her­ging.

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