[KgK:] Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (Teil I)

Die­ser Arti­kel erschien zuerst im Janu­ar 2016 im Theo­rie­ma­ga­zin Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal Nr. 29 auf Spa­nisch. Wir ver­öf­fent­li­chen ihn hier zum ers­ten Mal auf Deutsch in drei Tei­len. Teil II erscheint am 6.9.2020, Teil III am 13.9.2020.

In den letz­ten Jahr­zehn­ten des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts dehn­te sich die kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie, ver­stan­den als poli­ti­sches Regime und ideo­lo­gi­sches Kon­strukt, stär­ker aus als je zuvor. Damit der Kapi­ta­lis­mus sich erneu­ern konn­te, wur­den der Faschis­mus und der Sta­li­nis­mus zu tra­gen­den Säu­len. Dazu trug der Sta­li­nis­mus beson­ders bei, indem er die Vor­stel­lung einer höhe­ren Form der Demo­kra­tie im Ver­gleich zum bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus dis­kre­di­tier­te: die Räte­de­mo­kra­tie, die Arbeiter*innendemokratie.

Der­zeit, mehr als fünf Jah­re nach Beginn der inter­na­tio­na­len kapi­ta­lis­ti­schen Kri­se, offen­bart sich vor den Augen von Mil­lio­nen Men­schen, wie Regie­run­gen jeg­li­cher Cou­leur, unab­hän­gig der ange­nom­me­nen par­la­men­ta­ri­schen For­men, die Inter­es­sen des Kapi­tals mit des­po­ti­schen Mit­teln durch­set­zen. Die bona­par­tis­ti­schen For­men, die sich hin­ter den For­de­run­gen nach mehr Sicher­heit ver­hül­len, ver­su­chen genau die­sen Wider­spruch mit der Ein­füh­rung von zuneh­mend auto­ri­tä­ren Maß­nah­men, je nach dem Grad der Kri­se in den ein­zel­nen Län­dern, aus­zu­glei­chen. Gleich­wohl offen­bart sich der Glau­be an die bür­ger­li­che Demo­kra­tie als Aus­druck von Volks­sou­ve­rä­ni­tät für die gro­ßen Mehr­hei­ten wei­ter­hin als die höchs­te Frei­heit, die anzu­stre­ben mög­lich ist. Daher der gro­ße Vor­sprung, den die bür­ger­li­che Hege­mo­nie in unse­ren zuneh­mend tur­bu­len­ten Zei­ten immer noch hat.

Die­se Kom­bi­na­ti­on von Fak­to­ren kommt am deut­lichs­ten in Euro­pa zum Aus­druck, mit der Kri­se der tra­di­tio­nel­len Par­tei­en und der Ent­wick­lung neu­er poli­ti­schen Phä­no­me­ne. Auf der einen Sei­te sehen wir dies mit dem Auf­stieg rechts­ge­rich­te­ter Orga­ni­sa­tio­nen wie unter ande­ren der Front Natio­nal in Frank­reich, der bri­ti­schen UKIP oder der FPÖ in Öster­reich; auf der ande­ren Sei­te mit der Ent­ste­hung „neo­re­for­mis­ti­scher“ Orga­ni­sa­tio­nen wie Syri­za in Grie­chen­land oder Pode­mos im Spa­ni­schen Staat. Wei­te­re Phä­no­me­ne sind der Sieg von Jere­my Cor­byn in der inter­nen Abstim­mung der bri­ti­schen Labour Par­ty oder der Auf­stieg des Blo­co de Esquer­da (Links­block) in Por­tu­gal, der – gemein­sam mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Por­tu­gals – schließ­lich die Rück­kehr der Sozia­lis­ti­schen Par­tei an die Macht ermög­lich­te.

In Latein­ame­ri­ka kommt die­se Dyna­mik allen vor­an in der Kri­se der soge­nann­ten „post­neo­li­be­ra­len Regie­run­gen“ zum Aus­druck. Der Cha­vis­mus in Vene­zue­la ist am stärks­ten davon getrof­fen, aber auch in ande­ren Län­dern im süd­li­chen Süd­ame­ri­ka, die sich in den letz­ten 30 Jah­ren am meis­ten gefes­tigt hat­ten, wie das chi­le­ni­sche oder bra­si­lia­ni­sche Regime, ist die Kri­se unüber­seh­bar. In bei­den Län­dern regie­ren brei­te Koali­tio­nen, in Chi­le die Nue­va May­o­ría (Neue Mehr­heit) – der sich die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­les anschloß – und in Bra­si­li­en die Arbeiter*innenpartei (PT). In Argen­ti­ni­en wur­de der Kirch­ne­ris­mus bei den letz­ten Wah­len von der neu­en unter­neh­mens­na­hen Rech­ten um Mau­ricio Macri aus dem Amt gedrängt. Auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te hat sich die FIT, eine Front der Unab­hän­gig­keit der Arbeiter*innenklasse, bestehend aus der Par­tei der Sozia­lis­ti­schen Arbeiter*innen (PTS), der Arbeiter*innenpartei (PO) und Sozia­lis­ti­schen Lin­ken (IS) gefes­tigt und ist zu einem Bezugs­punkt für einen Teil der Mas­sen gewor­den, ganz im Gegen­teil zum Groß­teil der Lin­ken welt­weit, die sich den „neor­re­for­mis­ti­schen“ Vari­an­ten anbie­dert.

Der Auf­stieg die­ses „Neo­re­for­mis­mus“ in Euro­pa sowie der Zyklus von „post­neo­li­be­ra­len“ Regie­run­gen in Latein­ame­ri­ka haben den Theo­rien von Ernes­to Laclau Flü­gel ver­lie­hen, ent­we­der als „radi­ka­le plu­ra­lis­ti­sche Demo­kra­tie“ oder als „popu­lis­ti­sche Ver­nunft“. In bei­den Fäl­len, aus­ge­hend von der Unmög­lich­keit der Revo­lu­ti­on, die­nen Lac­laus theo­re­ti­sche Annah­men als Stüt­ze einer (refor­mis­ti­schen) „Stra­te­gie“, die die Hege­mo­nie und selbst die bür­ger­li­che Demo­kra­tie von ihrem objek­ti­ven Unter­bau, d.h. von den öko­no­mi­schen Grund­la­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, der sozia­len Klas­sen und der Kräf­te­ver­hält­nis­sen, trennt, um das Pro­blem auf dem Gebiet des Dis­kur­si­ven zu ver­or­ten.

Im die­sem Arti­kel gehen wir in umge­kehr­ter Wei­se vor: Wir den­ken die Revo­lu­ti­on in den gesell­schafts­po­li­ti­schen Struk­tu­ren „west­li­chen“1 Typs und den bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Regi­men.

Dies ist eine zen­tra­le stra­te­gi­sche Fra­ge im jet­zi­gen Sze­na­rio, nach Jahr­zehn­ten der Aus­brei­tung von Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie. Hier­zu wer­den wir eine Rei­he pro­gram­ma­ti­scher, tak­ti­scher und stra­te­gi­scher Fra­gen behan­deln und ihre Arti­ku­la­ti­on im Kampf für die Arbeiter*innenregierung ange­hen, ins­be­son­de­re die Rol­le der for­mal-demo­kra­ti­schen For­de­run­gen, oder genau­er gesagt, radi­kal-demo­kra­ti­schen For­de­run­gen wie die ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung, die Abschaf­fung des Prä­si­den­ten­am­tes und die Zusam­men­füh­rung der Legis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve in einer ein­zi­gen Kam­mer, die Wider­ruf­bar­keit der Man­da­te, die Abschaf­fung der Pri­vi­le­gi­en für die Beamt*innen, unter ande­rem.2

Wir wer­den die­se Fra­gen auf der Grund­la­ge der wich­tigs­ten Arbei­ten von Trotz­ki und Gram­sci auf­wer­fen, in einer Pole­mik zur mitt­ler­wei­le klas­si­schen Arbeit von Per­ry Ander­son, Anto­nio Gram­sci: Eine kri­ti­sche Wür­di­gung, sowie zum kürz­lich erschie­ne­nen Buch von Peter Tho­mas, The Gram­sci­an Moment, das heu­te zu einer Refe­renz der Stu­di­en über Gram­sci gewor­den ist.

Dafür haben wir die kri­ti­sche Aneig­nung der Ideen von Carl von Clau­se­witz sei­tens der III. Inter­na­tio­na­le und ins­be­son­de­re sei­tens Trotz­kis wie­der auf­ge­nom­men und wei­ter­ent­wi­ckelt, wel­che der*die Leser*in im Arti­kel „Trotz­ki und Gram­sci: Debat­ten über Stra­te­gie über die Revo­lu­ti­on im Wes­ten“3 fin­den kann. Denn es ist kein Zufall, dass in ihrem Ver­such, end­lich die Fra­ge der Hege­mo­nie von ihrem Klas­sen­cha­rak­ter zu ent­kop­peln, Laclau und Chan­tal Mouf­fe, mit Clau­se­witz zusam­men­sto­ßen. So behaup­ten sie, dass

[…] der poli­ti­sche Kampf am Ende stets ein Null­sum­men­spiel zwi­schen Klas­sen ist. Dies ist der ver­bor­ge­ne essen­tia­lis­ti­sche Kern, der im Den­ken Gram­scis immer noch leben­dig ist und der dekon­struk­ti­vis­ti­schen Logik der Hege­mo­nie Schran­ken setzt. […] Es wäre kei­ne Über­trei­bung zu sagen, dass die mar­xis­ti­sche Kon­zep­ti­on von Poli­tik von Kaut­sky bis Lenin auf einem Ima­gi­na­re beruh­te, das Clau­se­witz sehr viel zu ver­dan­ken hat.4

Wie bereits erwähnt, gehen wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung von Laclau und Mouf­fe vor. Jedoch geht es für uns nicht nur dar­um, „der dekon­struk­ti­ven Logik der Hege­mo­nie Schran­ken“ zu set­zen, son­dern in vol­lem Umfang jene mate­ri­el­len Kräf­te, die die bür­ger­li­chen Hege­mo­nie inner­halb der Arbeiter*innenklasse und ihrer poten­ti­el­len Ver­bün­de­ten ver­kör­pern, sowie die stra­te­gi­schen Fol­gen, die sich dar­aus erge­ben, auf­zu­zei­gen.

TEIL I: Bürgerliche Demokratie, radikale Demokratie und Arbeiter*innenregierung

In sei­nem Buch Anto­nio Gram­sci: Eine kri­ti­sche Wür­di­gung hebt Per­ry Ander­son die tief­grei­fen­den Kennt­nis­se Trotz­kis her­vor: „Sein Wis­sen über Deutsch­land, Eng­land und Frank­reich war jedoch tat­säch­lich grö­ßer als das­je­ni­ge Gram­scis. Sei­ne Schrif­ten über die drei wich­tigs­ten Gesell­schafts­for­ma­tio­nen West­eu­ro­pas in der Zeit zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen sind den Gefäng­nis­hef­ten ent­spre­chend über­le­gen“.5 Er fügt aller­dings hin­zu: „Die Pro­ble­me einer dif­fe­ren­zier­ten Stra­te­gie für eine sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on in die­sen Län­dern, die nicht durch die Revo­lu­ti­on in Ruß­land schon fest­ge­legt war, warf er nie­mals mit der sel­ben Sor­ge und Klar­heit auf wie Gram­sci“.6

In vor­lie­gen­dem Arti­kel wer­den wir die­se Aus­sa­ge kri­tisch über­prü­fen. Nicht so sehr, weil Trotz­ki eine „dif­fe­ren­zier­te Stra­te­gie“ zu ent­wi­ckeln ver­sucht hät­te, son­dern weil es gera­de die Ent­wick­lung von Tak­tik und Stra­te­gie eines der Schlüs­sel­mo­men­te ist, um sich sei­nen wich­tigs­ten Bei­trä­gen in der Per­spek­ti­ve der Revo­lu­ti­on in der „west­li­chen“ Welt anzu­nä­hern, als auch um eine pro­duk­ti­ve Gegen­po­si­ti­on zu Gram­sci über die­ses The­ma zu ent­wi­ckeln.

Trotz­ki und Gram­sci sind die­je­ni­gen gewe­sen, die die Pro­ble­ma­tik der west­li­chen kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien am tiefs­ten unter­such­ten.
Sie waren Teil jener Grup­pe von Revolutionär*innen der Drit­ten Inter­na­tio­na­len – im Fal­le Trotz­kis als einer der Haupt­an­füh­rer zusam­men mit Lenin –, die sich mit der Pro­ble­ma­tik der Revo­lu­ti­on in Euro­pa kon­fron­tiert sahen, eine Regi­on, in der der Ein­fluss der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie und des Par­la­men­ta­ris­mus als ideo­lo­gi­sche Kon­struk­te in den brei­ten Mas­sen vor­herrsch­ten. Die Arbeiter*innenbewegung war gespal­ten, und den jun­gen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en stan­den mäch­ti­ge refor­mis­ti­sche Arbeiter*innenparteien gegen­über, die auch in den Arbeiter*innenorganisationen die Mehr­heit inne hat­ten.

Auf die­ser „west­li­chen“ Büh­ne stellt sich die Fra­ge, wie man die poli­ti­schen Zie­le der Erobe­rung der Macht mit den tak­ti­schen Schlach­ten und dem Kampf um die Mas­sen ver­bin­det. Wie könn­te man die bür­ger­li­che Hege­mo­nie bre­chen und die pro­le­ta­ri­sche Hege­mo­nie für die Revo­lu­ti­on erobern? Die­se wur­den Schlüs­sel­fra­gen in den Debat­ten der Drit­ten Inter­na­tio­na­len. Dabei wur­den sie zu Grund­la­ge bei den Ant­wor­ten, die sich Trotz­ki und Gram­sci aus­zu­for­mu­lie­ren bemüh­ten.

Taktik und Strategie im „Westen“

Natür­lich stell­te die Hal­tung gegen­über sozio­po­li­ti­schen Struk­tu­ren der zen­tra­len Län­der und den bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Regi­men kein neu­es Pro­blem für den Mar­xis­mus dar. Seit dem Ende des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts hat­ten sich drei gro­ße Erklä­rungs­sche­ma­ta her­aus­kris­tal­li­siert.

Auf der einen Sei­te fin­den wir jene Posi­ti­on, die die revo­lu­tio­nä­ren Metho­den auf­gab und dafür die bür­ger­li­che Demo­kra­tie als not­wen­di­gen Mecha­nis­mus zum Vor­an­schrei­ten gen Sozia­lis­mus betrach­te­te. In ver­schie­de­nen Vari­an­ten geht die­se Posi­ti­on von Bern­steins Revi­sio­nis­mus, über den spä­ten Kaut­sky, bis zu den „Fabi­ern“ in Groß­bri­tan­ni­en. Die­se Posi­tio­nen sind selbst heu­te in ver­schie­de­nen For­men und Aus­for­mu­lie­run­gen anzu­tref­fen, ange­fan­gen bei den Volks­fron­ten, über den Euro­kom­mu­nis­mus bis zu sei­nen heu­ti­gen Kari­ka­tu­ren, wie dem Neo­re­for­mis­mus à la Syri­za.

Auf der ande­ren Sei­te fin­den wir die Ableh­nung-Ver­leug­nung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie in ihrer „spon­tan­eis­ti­schen“ Vari­an­te, die vom „revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus“ von Sorel, über Gor­ter, Pan­ne­koek und den Links­ra­di­ka­lis­mus der Drit­ten Inter­na­tio­na­len geht, wo wir selbst Gram­sci unter der Füh­rung Ama­deo Bor­di­gas antref­fen. Man kann Spu­ren davon im „Ope­rais­mus“ Tron­tis, teil­wei­se im Werk Anto­nio Negris und wenn man es so will, heu­te – die wie im ers­ten Fall zu einer Kari­ka­tur wur­de – in man­chen Ver­sio­nen des Auto­no­mis­mus aus­ma­chen.

Es ist wich­tig zu beto­nen, dass auf die­sen zwei Posi­tio­nen eine drit­te Ant­wort auf­baut. Damit mei­nen wir jene Posi­ti­on, die die bür­ger­li­che Demo­kra­tie mit For­men von Arbeiter*innendemokratie (Räte­de­mo­kra­tie) zu kom­bi­nie­ren vor­schlägt, ange­fan­gen bei Ver­tre­tern wie Rudolf Hil­fer­ding, über Ernest Man­del, bis zum spä­te­ren Nicos Pou­lant­z­as. Man­del stell­te eine lin­ke­re Vari­an­te die­ses Ansat­zes auf, der heu­te mit Theoriker*innen aus dem fran­zö­si­schen Trotz­kis­mus wie Antoi­ne Artous eine Ver­tre­tung fin­det.

Die III. Inter­na­tio­na­le von Lenin und Trotz­ki ver­such­te einen vier­ten Weg ange­sichts der hohen Kom­ple­xi­tät des ope­ra­ti­ven Fel­des im „Wes­ten“ (bür­ger­li­che Hege­mo­nie, Par­la­men­ta­ris­mus, Stär­ke des Refor­mis­mus, usw.). Sie bereich­ter­ten den Mar­xis­mus mit­tels kri­ti­scher Aneig­nung der zeit­ge­nös­si­schen Aus­ar­bei­tun­gen des mili­tär­stra­te­gi­schen Den­kens – mit dem Ergeb­nis einer bei­spiel­lo­sen Ent­wick­lung der Tak­tik und der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie7; dabei wird die Tak­tik als die Füh­rung ein­zel­ner Schlach­ten ver­stan­den, wäh­rend die Stra­te­gie die Ver­knüp­fung der Ergeb­nis­se der ver­schie­de­nen Tak­ti­ken mit den „Ziel des Krie­ges“ dar­stellt, in die­sem Fal­le: die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.

Daher rühr­te die Fähig­keit, Ver­tei­di­gungs­for­men zu nut­zen, die die III. Inter­na­tio­na­le ent­wi­ckel­te, um die anfäng­li­che Schwä­che der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en im „Wes­ten“ umzu­keh­ren. Von der Ver­tei­di­gung als stär­ke­re Form des Kamp­fes (wäh­rend die Offen­si­ve schwä­cher ist, da es ein­fa­cher ist, eine Posi­ti­on zu hal­ten als eine zu erobern) aus­ge­hend, ging es dar­um, sich der Defen­si­ve zu bedie­nen mit dem Zweck, Kräf­te für die Offen­si­ve zu sam­meln8.

So wur­de der rudi­men­tä­re Ansatz ultra­lin­ker Ten­den­zen über­wun­den, die die Offen­si­ve als höchs­te Form des Kamp­fes pos­tu­lier­ten. Sie gin­gen soweit zu behaup­ten, auch Teil­kämp­fe müs­se man mit den Metho­den des pro­le­ta­ri­schen Auf­stan­des ange­hen9. Auf der ande­ren Sei­te herrsch­te der Kult der „pas­si­ven Ver­tei­di­gung“ der Sozi­al­de­mo­kra­tie; Clau­se­witz betrach­te die­se aus stra­te­gi­scher Per­spek­ti­ve10 als absurd.

Die­se Bezie­hung, defen­siv zu kämp­fen (dabei die Lücken der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie aus­nut­zend), um Kräf­te zu sam­meln (Auf­bau von revo­lu­tio­nä­ren Par­tei­en) für die Offen­si­ve (Auf­stand und Bürger*innenkrieg für die Macht­über­nah­me), kann in jeder der unter­schied­li­chen Aus­ar­bei­tun­gen der Drit­ten Inter­na­tio­na­len beob­ach­tet wer­den. Ein sehr bedeut­sa­mes Bei­spiel ist die Teil­nah­me an Wah­len und im Par­la­ment (Insti­tu­ti­on der bür­ger­li­chen Hege­mo­nie par excel­lence), um zur Ent­wick­lung des außer­par­la­men­ta­ri­schen Kamp­fes und der „revo­lu­tio­nä­ren Agi­ta­ti­on von der Par­la­ments­tri­bü­ne, der Ent­lar­vung der Geg­ner, dem geis­ti­gen Zusam­men­schluß der Mas­sen“11 bei­zu­tra­gen. D.h., Insti­tu­tio­nen der bür­ger­li­chen Hege­mo­nie aus­nut­zen, um sie zu durch­boh­ren, um die Bedin­gun­gen ihrer Nie­der­la­ge vor­zu­be­rei­ten.

Das glei­che gilt dafür, jene „Hoch­bur­gen, Basen, Boll­wer­ke pro­le­ta­ri­scher Demo­kra­tie“ in Trotz­kis, oder „Grä­ben und Bun­ker“ in Gram­scis Wor­ten, die die Arbeiter*innenklasse im Lau­fe ihrer Kämp­fe inner­halb der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie errich­te­te, sie aus­nutz­te und zugleich bekämpf­te, den Hän­den der Agent*innen der Bour­geoi­sie (Arbeiter*innenbürokratie) zu ent­rei­ßen. Zum Bei­spiel die Inter­ven­ti­on in refor­mis­ti­schen Gewerk­schaf­ten, um gegen die Spal­tung der Arbeiter*innenbewegung, die die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie auf­zwingt, und gegen die kor­po­ra­tis­ti­sche Ideo­lo­gie vor­zu­ge­hen, die die Arbeiter*innenbewegung von der poli­ti­schen Arbeit zu ent­frem­den sucht.12

Die Tak­tik der Arbeiter*inneneinheitsfront, die im Drit­ten Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­len auf­ge­stellt wur­de, ist der umfas­sends­te Aus­druck die­ser Logik. Sie hat eine tak­ti­sche Ebe­ne, eine des Manö­vers sowie eine stra­te­gi­sche. Auf der einen Sei­te bedeu­tet sie, bestimm­te Ver­ein­ba­run­gen – die das Ergeb­nis aus einem gege­be­nen Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen den ver­schie­de­nen Ten­den­zen sind – mit den Reformist*innen bzw. „Zentrist*innen“ als punk­tu­el­le Ver­bün­de­te zu tref­fen (Manö­ver­aspekt), um die pro­le­ta­ri­schen Rei­hen zusam­men­zu­schwei­ßen für gemein­sa­me Teil­kämp­fe (tak­ti­scher, defen­si­ver oder offen­si­ver Aspekt). Und auf der ande­ren Sei­te, als Haupt­ziel die Aus­deh­nug des Ein­flus­ses der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei­en als Ergeb­nis der gemein­sa­men Erfah­rung (oder der Ableh­nung die­ser durch die offi­zi­el­len Füh­run­gen) mit dem Ziel, die Mehr­heit in der Arbeiter*innenklasse zu erobern, um sie für den Kampf um die Macht zu gewin­nen (stra­te­gi­scher, offen­si­ver Aspekt)13.

Es han­delt sich jedoch nicht um ein begrenz­tes Sche­ma für die Ver­wen­dung der Ver­tei­di­gung zum Sam­meln von Kräf­ten für die revo­lu­tio­nä­re Offen­si­ve. Wenn dem so wäre, wür­de die Ver­bin­dung zwi­schen Defen­si­ve und Offen­si­ve sich noch auf der Ebe­ne des von Rosa Luxem­burg bezeich­ne­ten „laten­ten und theo­re­ti­schen Bewusst­seins“ ver­or­ten und dies könn­te eine zen­tris­ti­sche „Stra­te­gie“ umfas­sen, die zwi­schen Reform und Revo­lu­ti­on pen­delt14.

Die Verteidigung: Ein Schild, gebildet durch geschickte Streiche

Clau­se­witz sag­te: “Die ver­tei­di­gen­de Form des Krieg­füh­rens ist also kein unmit­tel­ba­res Schild, son­dern ein Schild, gebil­det durch geschick­te Strei­che.”15 Dar­aus fol­gert er: „Gewöhn­lich gel­ten die Ver­tei­di­gun­gen, wel­che sich der akti­ven oder gar der offen­si­ven Mit­tel am meis­ten bedie­nen, für die bes­se­ren; allein teils hängt dies sehr von der Beschaf­fen­heit des Ter­rains, der der Streit­kräf­te und selbst vom Talent des Feld­herrn ab […]“16. Was ist aber genau mit die­sen beson­ders geschick­ten Strei­chen gemeint, die­se offen­si­ven Mit­tel der Defen­si­ve in der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie, und was ist ihre Bedeu­tung in den „west­li­chen Län­dern“?

Wäh­rend der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on hat­ten die Bol­sche­wi­ki die ver­söhn­le­ri­schen Mehr­heits­füh­run­gen der Mas­sen­be­we­gung (Men­sche­wi­ki und Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re) aus der Defen­si­ve her­aus auf­ge­for­dert, mit den kapi­ta­lis­ti­schen Minis­tern und den impe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten zu bre­chen und die Macht zu ergrei­fen. Revolutionär*innen wür­den sich nicht an einer sol­chen Regie­rung betei­li­gen, jedoch wür­den sie mit fried­li­chen Mit­teln durch die Erobe­rung der Mehr­heit in den Sowjets um die Macht kämp­fen17. Par­al­lel dazu behiel­ten sie die radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Losung nach einer ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung bei. Gleich­zei­tig rie­fen sie, ohne die Regie­rung Keren­ski poli­tisch zu unter­stüt­zen, dazu auf, den Kor­ni­low-Putsch zu bekämp­fen, indem sie die Arbeiter*innen zur Bewaff­nung auf­rie­fen.

Weder Lenin noch Trotz­ki als Anfü­her der Bol­sche­wi­ki glaub­ten an eine demo­kra­ti­sche Zwi­schen­etap­pe, weder unter Füh­rung der Versöhnler*innen noch unter einer ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung. Jedoch wäre die Arbeiter*innenklasse im Fal­le der Erfül­lung einer der bei­den Vari­an­ten bes­ser dazu in der Lage, um die Macht zu kämp­fen. Und soll­te dies nicht durch­führ­bar sein, was am wahr­schein­lichs­ten war, dann wür­de dies dazu die­nen, die Mas­sen vom Ein­fluss der ver­söhn­li­chen Füh­run­gen zu befrei­en.

Das Vor­ge­hen der Bol­sche­wi­ki wäh­rend der Revo­lu­ti­on von 1917 war eine wahr­haf­ti­ge Schu­le, wie man aus der Defen­si­ve (in der Min­der­heit) her­aus kämpft, wie „geschick­te Strei­che“, d.h. die Mit­tel der offen­si­ven Ver­tei­di­gung, mul­ti­pli­ziert wer­den. Im Fal­le Russ­lands – ein Land, das auf kei­ne gefes­tig­ten bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­schen Insti­tu­tio­nen zäh­len konn­te, und in dem die Macht in den Hän­den der Sowjets lag – wur­den jene „geschick­ten Strei­che“ töd­lich. So hat­ten die Versöhnler*innen, die über eine Mehr­heit in den Sowjets ver­füg­ten, kei­ne Aus­re­de.

In den „west­li­chen Län­dern“ kön­nen sich die ver­söhn­le­ri­schen Füh­run­gen auf ihre „Tugend“ ver­las­sen, sich hin­ter den Schutz­schild der Insti­tu­tio­nen der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu stel­len, ange­fan­gen beim Par­la­men­ta­ris­mus, bis hin zur Gewal­ten­tei­lung, der Jus­tiz usw.
und so sich selbst erhal­ten und dabei die Illu­sio­nen in die kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie auf­recht­erhal­ten. Wie Trotz­ki in Bezug auf die Situa­ti­on in Spa­ni­en Mit­te 1931 nach den Wah­len zur Kon­sti­tu­ie­ren­den Ver­samm­lung hin­wies:

Gera­de in die­ser Rich­tung müs­sen die Kom­mu­nis­ten die Gedan­ken der Arbei­ter rich­ten: «Stellt For­de­run­gen an die Regie­rung! Dort sit­zen ja Eure Füh­rer!» Die Sozia­lis­ten wer­den sich gegen­über den Arbei­ter-Depu­ta­tio­nen dar­auf berufen,dass sie nicht die Mehr­heit haben. Die Ant­wort ist klar. Bei einem wirk­lich demo­kra­ti­schen Wahl­recht und beim Bruch der Koali­ti­on mit der Bour­geoi­sie ist die Mehr­heit gesi­chert. Aber das eben wol­len die Sozia­lis­ten nicht. Ihre Stel­lung bringt sie in Wider­spruch zu den Losun­gen einer ent­schie­de­nen Demo­kra­tie.18

In den auf dem Par­tei­tag von Lyon vor­stell­ten The­sen von Lyon, ein Schlüs­sel­do­ku­ment in sei­nem rei­fen Den­ken, drückt Gram­sci eine ana­lo­ge Sor­ge aus. 1926 geschrie­ben, stell­ten sie das Werk­zeug dar, mit dem er die ultra­lin­ke Ten­denz von Ama­deo Bor­di­ga19 bekämp­fen wür­de. Sie gin­gen von der Unmög­lich­keit einer demo­kra­ti­schen „Zwischen“revolution ange­sichts des Auf­stiegs des Faschis­mus aus. Dage­gen sah er die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on als nächs­tes Ziel an. Dar­in stimmt er mit Trotz­ki über­ein, der das Theo­rie-Pro­gramm der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on für Russ­land ver­trat, die er zwi­schen 1929 und 1930 ver­all­ge­mei­ner­te20.

Wie Trotz­ki misst Gram­sci dem Kampf gegen die Ver­su­che, eine „‚refor­mis­ti­sche‘ Lösung für das Pro­blem des Staa­tes (Links­re­gie­rung)“ zu fin­den21, beson­de­re Bedeu­tung zu. Um die Pro­ble­ma­tik anzu­ge­hen, nimmt Gram­sci die Tak­ti­ken der Bol­sche­wi­ki wie­der auf:

Die Prä­sen­ta­ti­on und Agi­ta­ti­on die­ser Zwi­schen­lö­sun­gen ist die spe­zi­fi­sche Form des Kamp­fes, die man anwen­den muss, um gegen die selbst­er­nann­ten demo­kra­ti­schen Par­tei­en vor­zu­ge­hen, die in Wirk­lich­keit eine der fes­tes­ten Säu­len der wan­ken­den kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung sind, und als sol­che sich die Macht abwech­selnd mit reak­tio­nä­ren Grup­pen tei­len, wenn die­se Par­tei­en mit bedeu­ten­den Schich­ten der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung ver­bun­den sind (wie in Ita­li­en in den ers­ten Mona­ten der Matteot­ti-Kri­se22), und wenn unmit­tel­ba­re und erns­te reak­tio­nä­re Gefahr droht (Tak­tik, die von den Bol­sche­wi­ki wäh­rend des Kor­ni­low-Put­sches gegen­über Keren­ski ange­wen­det wur­de). In die­sen Fäl­len wird die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei die bes­ten Ergeb­nis­se mit den glei­chen Losun­gen erzie­len, die die soge­nann­ten demo­kra­ti­schen Par­tei­en anneh­men wür­den, wenn sie einen kon­se­quen­ten Kampf für Demo­kra­tie füh­ren wür­den, mit allen Mit­teln, die die Situa­ti­on erfor­dert. In Anbe­tracht der Tat­sa­chen ent­lar­ven sich die­se Par­tei­en vor den Mas­sen und ver­lie­ren ihren Ein­fluss auf sie.23

Wir kön­nen somit sagen, dass sowohl für Gram­sci als auch für Trotz­ki – solan­ge der Sturz des bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus durch die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats nicht unmit­tel­bar an der Tages­ord­nung war – die Anwen­dung von sol­chen offen­si­ven Mit­teln (geschick­te Strei­che), um die bür­ger­li­che Hege­mo­nie zu durch­boh­ren, als Teil des defen­si­ven Kamp­fes von beson­de­rer Bedeu­tung waren. Damit soll­ten die „demo­kra­ti­schen“ Par­tei­en, ver­stan­den als Agen­ten der „‚refor­mis­ti­schen‘ Lösung für das Pro­blem des Staa­tes“, bekämpft wer­den.

Die bürgerliche Demokratie und das radikaldemokratische Programm

In den erwähn­ten The­sen von Lyon von 1926 misst Gram­sci den radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Losun­gen viel Bedeu­tung zu. Gegen die von Bor­di­ga ange­führ­te ultra­lin­ke Ten­denz pole­mi­sie­rend, schrieb er: „Es ist ein Irr­tum anzu­neh­men, dass unmit­tel­ba­re For­de­run­gen und Teil­ak­tio­nen ledig­lich einen wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter haben kön­nen“24. In den The­sen nahm die Losung nach der Ver­fas­sung­ge­ben­den Ver­samm­lung in Ita­li­en eine beson­de­re Rol­le ein. Wir wer­den auf die­sen Punkt spä­ter zurück­kom­men25.

Von die­sem Stand­punkt aus übt Gram­sci 1926 eine schar­fe Pole­mik gegen­über der Zei­tung Il Mondo, die eine Rei­he von Arti­keln gegen die UdSSR unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Kom­mu­nis­mus“ ver­öf­fent­licht hat­te. Gram­sci ant­wor­te­te dar­auf, wir „könn­ten eine gan­ze Rei­he von Arti­keln unter dem Titel »Auf der Suche nach der Demo­kra­tie«, schrei­ben, und bewei­sen, dass es die Demo­kra­tie nie gege­ben hat. Und in der Tat, wenn Demo­kra­tie bedeu­te­te, wie es nichts anders sein kann als die Herr­schaft der Volks­mas­sen aus­ge­drückt durch ein aus all­ge­mei­nen Wah­len her­vor­ge­hen­den Par­la­ment, dann stellt sich die Fra­ge, in wel­chem Land jemals eine sol­che Regie­rung exis­tiert hat, die sol­che Kri­te­ri­en erfüllt?“ Und wei­ter: „Selbst in Eng­land, Hei­mat und Wie­ge des par­la­men­ta­ri­schen Regimes und der Demo­kra­tie, wird das regie­ren­de Par­la­ment durch das Ober­haus und die Mon­ar­chie flan­kiert. Die Kräf­te der Demo­kra­tie sind in Wirk­lich­keit null. […] Exis­tiert etwa die Demo­kra­tie in Frank­reich? Neben dem Par­la­ment gibt es in Frank­reich den Senat, der nicht durch die all­ge­mei­ne Wah­len gewählt wird, son­dern durch zwei Ebe­nen von Wäh­lern, die ihrer­seits nur zum Teil ein Aus­druck des all­ge­mei­nen Wahl­rechts dar­stel­len; und es besteht auch die Insti­tu­ti­on des Prä­si­den­ten der Repu­blik“26. Gram­sci schluss­fol­gert, dass die­se Insti­tu­tio­nen genau des­halb exis­tie­ren, „um die mög­li­chen Aus­wüch­se des in all­ge­mei­nen Wah­len gewähl­ten Par­la­ments zu mode­rie­ren“27.

Etwas frü­her und für den sel­ben Zeit­raum geht Trotz­ki ein­ge­hend auf die­se Art Kri­tik ein, der er ein Groß­teil sei­nes Buches Wohin treibt Eng­land? wid­met. Über die­ses Buch behaup­te­te Isaac Deut­scher, trotz unter­schied­li­cher Mei­nung, es sei „das wirk­sams­te oder viel­mehr das ein­zi­ge wirk­sa­me Plä­doy­er für die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on und den Kom­mu­nis­mus in Eng­land, das je gehal­ten wur­de“28.

Im sel­ben Tenor wie Gram­sci stell­te Trotz­ki die rhe­to­ri­sche Fra­ge: „Was ist poli­ti­sche Demo­kra­tie, und wo beginnt sie? (…) Darf man einen Staat demo­kra­tisch nen­nen, der eine Mon­ar­chie und ein aris­to­kra­ti­sches Par­la­ment hat? Ist es zuläs­sig, die revo­lu­tio­nä­re Metho­den zur Ver­nich­tung sol­cher Insti­tu­tio­nen anzu­wen­den? Dar­auf wird man viel­leicht ant­wor­ten, das eng­li­sche Unter­haus besit­ze Macht genug, um die könig­li­che Macht und das Haus der Lords zu besei­ti­gen, falls es ihm im Inter­es­se der Arbei­ter­klas­se not­wen­dig erscheint; wäre dann der fried­li­che Weg zur Ver­voll­komm­nung des demo­kra­ti­schen Sys­tems in ihrem Lan­de frei? Neh­men wir einen Augen­blick an, es ver­hiel­te sich so. Aber wie steht es mit dem Unter­haus selbst? Kann denn die­se Insti­tu­ti­on, auch nur rein for­mal als demo­kra­tisch bezeich­net wer­den? Nicht im Gerings­ten. Beträcht­li­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen sind prak­tisch des Wahl­rech­tes beraubt. Die Frau­en sind nur vom 30. Lebens­jahr an stimm­be­rech­tigt, die Män­ner nur vom 21. an. Die Her­ab­set­zung des Wahl­al­ters ist vom Stand­punk­te der Arbei­ter­klas­se aus, in der man schon sehr jung arbei­ten muss, eine ele­men­ta­re For­de­rung der Demo­kra­tie. Außer­dem sind die Wahl­krei­se in Eng­land so per­fi­de ein­ge­teilt, dass auf einen Arbei­ter­ver­tre­ter zwei­mal soviel Stim­men ent­fal­len, als auf einen kon­ser­va­ti­ven Abge­ord­ne­ten […]. So stellt sich das heu­ti­ge eng­li­sche Par­la­ment als schrei­en­der Hohn des Volks­wil­lens dar, selbst dann, wenn man die­sen Wil­len vom bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Stand­punkt aus betrach­tet. Hat die Arbei­ter­klas­se das Recht – wir spre­chen immer vom Boden der demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en aus – her­risch zu for­dern, dass das jet­zi­ge pri­vi­le­gier­te und fak­tisch usur­pa­to­ri­sche Par­la­ment sofort ein wirk­lich demo­kra­ti­sches Wahl­recht pro­kla­miert? Wenn das Par­la­ment den Antrag ver­wirft […], wird dann das Pro­le­ta­ri­at das „Recht“ haben, durch einen Gene­ral­streik die Ver­wirk­li­chung des demo­kra­ti­schen Wahl­rech­tes sei­tens des usur­pa­to­ri­schen Par­la­ments erzwin­gen zu dür­fen?“29

Auf der Basis sol­cher Cha­rak­te­ri­sie­run­gen, in denen Gram­sci und Trotz­ki über­ein­stimm­ten, ver­tief­te Trotz­ki die Erkennt­nis­se der III. Inter­na­tio­na­le bezüg­lich des pro­gram­ma­ti­schen Werts und der stra­te­gi­schen Arti­ku­la­ti­on der radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Losun­gen, sowohl im Fal­le Groß­bri­tan­ni­ens, als auch Frank­reichs und Deutsch­lands.

Die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le hat­te sich Lenins The­sen über die bür­ger­li­che Demo­kra­tie und die pro­le­ta­ri­sche Dik­ta­tur zu eigen gemacht. Dar­in wur­den die Unter­schie­de zwi­schen der bür­ger­li­chen und der sowje­ti­schen Demo­kra­tie betont.

Ers­te­re hat­te, mit­tels all­ge­mei­nen Wah­len alle paar Jah­re, die als „Wil­le des Vol­kes“ aus­ge­ge­ben wer­den, als pri­mä­res Ziel, die Mas­sen mit­tels ver­schie­de­ner Mecha­nis­men (for­mel­le Anner­ken­nung der poli­ti­schen Frei­hei­ten, Tren­nung der Staats­ge­wal­ten in Legis­la­ti­ve, Judi­ka­ti­ve und Exe­ku­ti­ve, Unmög­lich­keit der Abwähl­bar­keit von Man­da­ten, nicht Wahl der Judi­ka­ti­ve, Pri­vi­le­gi­en von Beam­ten, usw.) von der Regie­rung des Staa­tes zu tren­nen.

Zwei­te­re, die sowje­ti­sche Demo­kra­tie, begrün­de­te sich in den ent­ge­gen­ge­setz­ten Prin­zi­pi­en, näm­lich die größt­mög­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on der Mas­sen in den Staat durch zahl­rei­che Mecha­nis­men, vie­le davon bereits wäh­rend der Pari­ser Kom­mu­ne von 1871 imple­men­tiert (mate­ri­el­le Garan­tie poli­ti­scher Rech­te, Zusam­men­füh­rung der Legis­la­ti­ve und Judi­ka­ti­ve, Wider­ruf­bar­keit der Man­da­te, Ende der Pri­vi­le­gi­en von Beam­ten, Wahl und Teil­nah­me des Vol­kes in den Gerich­ten, usw.). Somit wur­de der Tat­sa­che Rech­nung getra­gen, dass die sowje­ti­sche Repu­blik vie­le der repu­bli­ka­ni­schen Prin­zi­pi­en, die die Bour­geoi­sie ledig­lich pro­kla­mier­te, umset­zen konn­te.

Trotz­kis Neue­rung ist die Arti­ku­la­ti­on die­ser The­men als radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Losun­gen in einem Über­gangs­pro­gramm im Kampf (unter den Bedin­gun­gen der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie) für eine Arbeiter*innenregierung (Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats). Die anschau­lichs­te For­mu­lie­rung fin­det man offen­sicht­lich im Arti­kel Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich, geschrie­ben 1934 als Vor­schlag für die kurz zuvor auf­ge­wor­fe­ne Arbeiter*inneneinheitsfront zwi­schen der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und der SFIO (Sozia­lis­ten).

Trotz­kis Dia­log lau­te­te: „Wir sind fes­te Par­ti­sa­nen eines Arbei­ter- und Bau­ern­staa­tes, der den Aus­beu­tern die Macht weg­neh­men wird. Es ist unser ers­tes Ziel, die Mehr­heit der Arbei­ter­klas­se und ihrer Ver­bün­de­ten für die­ses Pro­gramm zu gewin­nen. Solan­ge die Mehr­heit der Arbei­ter­klas­se auf der Grund­la­ge der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie ver­bleibt, sind wir bereit, die­se mit all unse­ren Mit­teln gegen die hef­ti­gen Angrif­fe der bona­par­tis­ti­schen und faschis­ti­schen Bour­geoi­sie zu ver­tei­di­gen. Den­noch ver­lan­gen wir von unse­ren Klas­sen­brü­dern, die dem „demo­kra­ti­schen“ Sozia­lis­mus anhän­gen, dass sie ihren Ideen treu blei­ben, dass sie ihre Ein­ge­bung nicht aus den Ideen und Metho­den der Drit­ten Repu­blik zie­hen, son­dern aus der Ver­fas­sung von 1793.“30

Man beach­te, dass der Grün­der der Roten Armee von der Fest­stel­lung der unter­schied­li­chen Zie­le zwi­schen Kommunist*innen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbeiter*innen aus­geht, um anschlie­ßend dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Revolutionär*innen bereit sind, ein Über­gangs­pro­gramm auf­zu­stel­len, das die Ver­tei­di­gung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie gegen die Angrif­fe der Bour­geoi­sie beinhal­tet, mit dem Ziel eine Arbeiter*inneneinheitsfront auf­zu­bau­en. Anschlie­ßend stellt er die revo­lu­tio­nä­ren Metho­den, um die­se vor­an­zu­trei­ben, den par­la­men­ta­ri­schen Metho­den ent­ge­gen, und er setzt sei­nen Dia­log fort, indem er sich dabei nicht auf die Pari­ser Kom­mu­ne, son­dern auf den Jako­bi­ni­schen Kon­vent von 1793 bezieht.31

Anschlie­ßend tran­skri­biert Trotz­ki mit leich­ten Ände­run­gen (Anpas­sun­gen) das Pro­gramm der Pari­ser Kom­mu­ne, so wie es Marx in den Mani­fes­ten der Inter­na­tio­na­le Arbei­te­ars­so­zia­ti­on32syn­the­ti­siert hat­te:

Nie­der mit dem Senat, der durch beschränk­tes Wahl­recht zustan­de kam und der die Macht des all­ge­mei­nen Wahl­rechts zu einer blo­ßen Illu­si­on macht! Nie­der mit der Prä­si­den­ten­schaft der Repu­blik, die als Ver­steck für die kon­zen­trier­ten Kräf­te von Mili­ta­ris­mus und Reak­ti­on dient! Eine ein­zi­ge Ver­samm­lung muss die legis­la­ti­ve und die exe­ku­ti­ve Gewalt ver­bin­den. Die Mit­glie­der sol­len für zwei Jah­re durch all­ge­mei­nes Stimm­recht ab 18 Jah­ren, ohne Dis­kri­mi­nie­rung von Geschlecht oder Natio­na­li­tät, gewählt wer­den. Die Abge­ord­ne­ten sol­len auf der Basis ört­li­cher Ver­samm­lun­gen gewählt wer­den, jeder­zeit durch ihre Wäh­ler abbe­ruf­bar sein und das Gehalt eines Fach­ar­bei­ters erhal­ten.33

Trotz­ki bekräf­tigt die Aus­sa­ge, indem er dar­auf hin­weist, dass „eine frei­gie­bi­ge­re Demo­kra­tie den Kampf für die Arbei­ter­macht erleich­tern“ wür­de. Dabei nimmt er sogar auf die Tak­tik der „Arbeiter*innenregierung“ in sei­ner ursprüng­li­chen For­mu­lie­rung in der ers­ten Ettape der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on vor­weg, indem er dar­auf hin­weist, dass wenn die SFIO „im Lau­fe des unaus­weich­li­chen Kamp­fes gegen den Feind das Ver­trau­en der Mehr­heit gewin­nen soll­te, sind wir und wer­den wir immer bereit sind, eine SFIO-Regie­rung gegen die Bour­geoi­sie zu ver­tei­di­gen.“34

Trotzki: Radikale Demokratie, Einheitsfront und Räte

Ange­sichts die­ser von Trotz­ki auf­ge­stell­ten Über­le­gun­gen wun­dert es ein wenig, dass Trotz­ki von Autoren wie Rolan­do Asta­ri­ta kri­ti­siert wwird, weil er angeb­lich den Ein­fluss der bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Ideo­lo­gie auf das Bewusst­sein der Arbeiter*innen unter­schät­ze. In sei­ner Kri­tik am Über­gangs­pro­gramm – eine Kri­tik des gesam­ten Wer­kes von Trotz­ki, die wir im vor­lie­gen­dem Arti­kel nicht ver­tie­fen wer­den – behaup­tet Asta­ri­ta: „Für Trotz­ki scheint sich das Bewusst­sein Arbeiter*innen in einer ‚Glo­cke ideo­lo­gi­scher Lee­re‘ zu mani­fes­tie­ren, geeig­net um Losun­gen zu emp­fan­gen, ganz so, als ob es sich um eine Art ‚Tabu­la rasa‘ han­deln wür­de, so wie es der rau­es­te Empi­ris­mus pos­tu­lier­te. Außer­dem ist es sym­pto­ma­tisch, wie wenig Auf­merk­sam­keit er den Aus­wir­kun­gen der Erfah­run­gen in der UdSSR und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus auf das Bewusst­sein schenkt, die den apo­lo­ge­ti­schen Dis­kurs der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie ver­stärk­ten.“35

Wir wir bereits gese­hen haben, misst Trotz­ki im Gegen­teil den ideo­lo­gi­schen Fak­to­ren beson­de­re Bedeu­tung zu. Wie Ander­son rich­ti­ger­wei­se sagt, ist „die all­ge­mei­ne Form des reprä­sen­ta­ti­ven Staa­tes ‑die bür­ger­li­che Demo­kra­tie- selbst die ideo­lo­gi­sche Haupt­waf­fe des west­li­chen Kapi­ta­lis­mus […]“36. Er schenkt den Aus­wir­kun­gen des Vor­an­schrei­ten des Faschis­mus für das Bewusst­sein der Arbeiter*innen nicht nur „Auf­merk­sam­keit“, wie wir für Frank­reich bereits gese­hen haben, son­dern führt auch eine schar­fe Pole­mik gegen den­je­ni­gen, die dies rela­ti­vie­ren wol­len. So ant­wor­tet er für Deutsch­land in den 30er Jah­ren auf die Fra­ge, ob es zuträ­fe, dass Hit­ler die „demo­kra­ti­schen Vor­ur­tei­le“ zer­stört hät­te: „Theo­re­tisch ist der Sieg des Faschis­mus zwei­fels­oh­ne ein Beweis dafür, dass die Demo­kra­tie sich erschöpft hat; aber prak­tisch kon­ser­viert das faschis­ti­sche Regime die demo­kra­ti­schen Vor­ur­tei­le, erweckt sie wie­der, impft sie der Jugend ein und ist sogar imstan­de, ihnen für kur­ze Zeit grö­ße­re Stär­ke zu ver­lei­hen. Dar­in besteht auch eine der bedeu­tends­ten Erschei­nun­gen der reak­tio­nä­ren geschicht­li­chen Rol­le des Faschis­mus.“37

Das­sel­be kön­nen wir von den ideo­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen des Sta­li­nis­mus sagen. Trotz­ki weist nicht nur auf die­se hin, indem er das radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Pro­gramm ent­wirft, son­dern nahm die Ver­tei­di­gung einer mög­li­chen refor­mis­ti­schen Arbeiter*innenregierung gegen­über den Angrif­fen der Bour­geoi­sie vor­weg, ganz im Gegen­satz zum unheil­vol­len Erbe der sta­li­nis­ti­schen Poli­tik der „Drit­ten Peri­ode“38. Und soll­ten noch Zwei­feln bestehen, betont er im sel­ben Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich fol­gen­des: „Wir wol­len unser Ziel nicht durch bewaff­ne­te Kon­flik­te zwi­schen den ver­schie­de­nen Arbei­ter­grup­pen errei­chen, son­dern durch wah­re Arbei­ter­de­mo­kra­tie, durch Pro­pa­gan­da und loya­le Kri­tik, durch frei­wil­li­ge Umgrup­pie­rung der gro­ßen Mehr­heit des Pro­le­ta­ri­ats unter die Fah­ne des wah­ren Kom­mu­nis­mus.“39

Ins­be­son­de­re was das Über­gangs­pro­gramm angeht, wel­ches im Zen­trum von Asta­ri­tas Kri­tik steht, schreibt die­ser, dass „die demo­kra­ti­sche Illu­sio­nen im Über­gangs­pro­gramm kaum behan­delt wer­den; für die unte­ren­wi­ckel­ten Län­dern wer­den sie kaum erwähnt…“40. Da Euro­pa im Jahr 1938 ange­führt vom Faschis­mus direkt in den Krieg vor­an­schritt, und der Mili­ta­ris­mus die Büh­ne beherrsch­te, konn­te das radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Pro­gramm in die­ser Situa­ti­on dem schwer etwas ent­ge­gen­set­zen. Im Über­gangs­pro­gramm betont Trotz­ki jedoch:

Vom glei­chen Gesichts­punkt aus muß die For­de­rung nach dem Wahl­recht für Män­ner und Frau­en ab 18 Jah­ren vor­ge­bracht wer­den. Wen man mor­gen dazu ruft, für das „Vater­land“ zu ster­ben, der muß das Recht haben, heu­te sei­ne Stim­me hören zu las­sen. Der Kampf gegen den Krieg muß vor allem mit der revo­lu­tio­nä­ren Mobi­li­sie­rung der Jugend begin­nen.41

Gleich­zei­tig schlägt er im Über­gangs­pro­gramm für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, ein etwas enfern­ter vom ope­ra­ti­ven Feld gele­ge­nes Land, fol­gen­des vor: „In die­sem Sin­ne unter­stützt unse­re ame­ri­ka­ni­sche Sek­ti­on zum Bei­spiel kri­tisch den Vor­schlag, einen Volks­ent­scheid über die Fra­ge der Kriegs­er­klä­rung durch­zu­füh­ren.42 […] Aber wel­che Illu­sio­nen auch die Mas­sen bezüg­lich des Volks­ent­scheids haben mögen, die­se For­de­rung spie­gelt das Miß­trau­en der Arbei­ter und der Bau­ern gegen­über der Regie­rung und dem Par­la­ment wider. Ohne die Illu­sio­nen zu unter­stüt­zen, aber auch ohne sie links lie­gen zu las­sen, muß man mit allen Kräf­ten das fort­schrei­ten­de Miß­trau­en der Unter­drück­ten gegen die Unter­drü­cker stär­ken.“43

Die­se Ele­men­te, denen Asta­ri­ta zu wenig Wich­tig­keit gibt, drü­cken die Kon­ti­nui­tät der sel­ben Logik aus, die Trotz­ki für Frank­reich anwen­de­te, jedoch auf die Bedin­gun­gen des dro­hen­den Krie­ges ein­ge­grenzt44. Man könn­te die­se Bei­spie­le ver­zehn­fa­chen. Die Aus­sa­ge, Trotz­ki – jen­seits der gewiss vor­han­de­nen öko­no­mis­ti­schen Kari­ka­tui­sie­run­gen sei­nes Wer­kes – ver­stün­de das Bewusst­sein der Arbeiter*innen als eine „Glo­cke der Lee­re“, ist so schwer halt­bar. Asta­ri­tas Feh­ler besteht dar­in, die Fra­ge der Ideo­lo­gie und des Bewusst­seins der Mas­sen so anzu­ge­hen, als ent­wi­ckel­ten sie sich im luft­lee­ren Raum, ohne dem Rech­nung zu tra­gen, dass sie sich in der Erfah­rung ent­wi­ckeln. Ohne dies ist es unmög­lich, die stra­te­gi­sche Arti­ku­la­ti­on zu ver­ste­hen, die Trotz­ki zwi­schen Bewusst­sein und Erfah­rung macht.

Dies zeigt sich ein­deu­tig in den Jah­ren 1934–1935 in Frank­reich. Wäh­rend Trotz­ki die Not­wen­dig­keit jener radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Losun­gen und einen Dia­log zum Auf­bau der Ein­heits­front pos­tu­lier­te, gab die sta­li­nis­ti­sche Füh­rung der PCF, als Über­bleib­sel der „Drit­ten Peri­ode“, die Losung „Sowjets über­all!“ vor. Trotz­ki kri­ti­sier­te dies scharf. Ver­nein­te er dadurch den Kampf um die Sowjets und somit die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats? Offen­sicht­lich nicht.

Sei­ne stra­te­gi­sche Logik war so ein­fach wie prä­zi­se. Der Kampf um die Errich­tung von Räte­or­ga­nen ist fun­da­men­tal für die Revo­lu­ti­on, ver­stan­den als Orga­ne des Auf­stan­des und als Grund­ge­rüst der Dika­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Was sind jedoch Sowjets? Ein­heits­front­or­ga­ni­sa­tio­nen der Mas­sen. Wel­che war also die Bedin­gung, um die Ein­heits­front zu grün­den? Die Akti­ons­ein­heit mit der Mehr­heit der Arbeiter*innen, die Ver­trau­en in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie hat­ten, und sie ange­sichts des Vor­an­schrei­tens des Faschis­mus ver­tei­di­gen woll­ten. Was schlägt ihnen Trotz­ki vor? Die bür­ger­li­che Demo­kra­tie gegen­über den Angrif­fen der sel­ben Bour­geoi­sie zu ver­tei­di­gen, jedoch nicht mit den par­la­men­ta­ri­schen Metho­den, son­dern mit dem Metho­den des Klas­sen­kamp­fes, nicht unter den Fah­nen des geschei­ter­ten Regimes der Drit­ten Repu­blik, son­dern unter den Fah­nen der radi­ka­len Demo­kra­tie.

Stra­te­gisch gese­hen lag der Schlüs­sel dar­in, eine Brü­cke zwi­schen dem refor­mis­ti­schen Bewusst­sein der pro­le­ta­ri­schen Arbeiter*innenmassen und der Vor­be­rei­tung der Bedin­gun­gen für die Offen­si­ve (dem Auf­stand) zu schla­gen. Nicht nur, weil dies das Vor­an­schrei­ten der Arbeiter*inneneinheitsfront zum Kampf gegen die Bour­geoi­sie ermög­lich­te (tak­ti­scher Aspekt), son­dern auch weil die gemein­sa­men Akti­on im Klas­sen­kampf den Revolutionär*innen die Mög­lich­keit gab, die Mehr­heit für den „inte­gra­len Kom­mu­nis­mus“ zu gewin­nen (stra­te­gi­scher Aspekt).

Gramsci und die strategische Artikulation der radikaldemokratischen Losungen

Wie wir bereits erwähnt haben, war die Fra­ge der Ent­wick­lung eines radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramms ein Schlüs­sel­punkt in Gram­scis Kampf gegen die ultra­lin­ken Ten­den­zen im ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­mus. Ins­ge­samt hat­te die Arti­ku­la­ti­on zwi­schen Ers­te­ren und dem Über­gangs­pro­gramm als Gan­zes, die Gram­sci vor­schlug, vie­le Ähn­lich­kei­ten mit dem, was wir bereits bei Trotz­ki gese­hen haben.

Wäh­rend Gram­sci auf die Bedeu­tung der Ver­wen­dung von Losun­gen der radi­ka­len Demo­kra­tie hin­wies, unter­strich der ita­lie­ni­sche Revo­lu­tio­när die Not­wen­dig­keit des Kamp­fes gegen die Illu­sio­nen in die par­la­men­ta­ri­schen Metho­den. „Das Ziel, das die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei sich setzt ‑sagt Gram­sci- wird sein, jede Losung, die sie auf die­sem [radi­kal­de­mo­kra­ti­schen] Fel­de auf­ruft, mit den all­ge­mei­nen Leit­li­ni­en ihres Akti­ons­fel­des zu ver­bin­den: ins­be­son­de­re mit der prak­ti­schen Demons­tra­ti­on der Unfä­hig­keit des durch den Faschis­mus eta­blier­ten Regimes, radi­ka­le Ein­schrän­kun­gen und Ver­än­de­run­gen im ‚libe­ra­len‘ und ‚demo­kra­ti­schen‘ Sinn zu erfah­ren, ohne dabei einen Mas­sen­kampf anzu­sto­ßen, der unwei­ger­lich zu einem Bür­ger­krieg füh­ren muss“45.

Genau­so setz­te er den Schwer­punkt auf der Not­wen­dig­keit, jene Losun­gen mit einem öko­no­mi­schen Cha­rak­ter mit den poli­ti­schen Losun­gen zu ver­bin­den. „Die­ser Nach­weis [von der Unver­meid­lich­keit des Bür­ger­kriegs] wird sich den Mas­sen auf­drän­gen, indem wir die par­ti­el­len For­de­run­gen mit einem poli­ti­schen Cha­rak­ter mit den For­de­run­gen mit wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter ver­bin­den, so wer­den wir es schaf­fen, die revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen in revo­lu­tio­när-sozia­lis­ti­sche Bewe­gun­gen der Arbeiter*innen zu ver­wan­deln“.46 Daher die Bedeu­tung der Ver­bin­dung des Kamp­fes gegen die Mon­ar­chie mit dem Angriff auf die struk­tu­rel­len Säu­len des ita­lie­ni­schen Kapi­ta­lis­mus: „Die anti-mon­ar­chis­ti­sche Mobi­li­sie­rung der Mas­sen der ita­lie­ni­schen Bevöl­ke­rung ist eines der Zie­le, die von der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei vor­ge­schla­gen wer­den soll­te. […] Aber sei­ne Rea­li­sie­rung soll­te immer par­al­lel zu der Bewe­gung und des Kamp­fes gegen den ande­ren Säu­len des faschis­ti­schen Regimes, gegen die indus­tri­el­le Plu­to­kra­tie und Grund­be­sit­zer erfol­gen“.47

In all die­sen Punk­ten wird die Ähn­lich­keit mit den bereits behan­del­ten Vor­schlä­gen von Trotz­ki sowie mit eini­gen der Punk­te deut­lich, die in der Theo­rie und dem Pro­gramm der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on sys­te­ma­thi­siert wur­den. Im Gegen­satz zu Trotz­ki hat Gram­sci das radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramm nicht wei­ter ent­wi­ckelt, jedoch hat er der Losung nach der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung gro­ßes Gewicht zuge­mes­sen. Gram­sci glaub­te, dass die Losung der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung, die die ultra­lin­ken Sek­to­ren ablehn­ten, eine Schlüs­sel­funk­ti­on in der Iso­lie­rung der Arbeiter*innenbewegung gehabt hat­te, was dem Faschis­mus erlaub­te, Mas­sen­sek­to­ren für sich zu gewin­nen. Für ihn war dies wahr­schein­lich der grund­le­gen­de Feh­ler des Kom­mu­nis­mus in der präfa­schis­ti­schen Peri­ode, und in der Tat war es kein gerin­ges Pro­blem, um die Hege­mo­nie des Pro­le­ta­ri­ats über die ita­lie­ni­schen Bau­ern und ins­be­son­de­re denen des Mez­zo­gior­no [Süd­ita­li­en, A.d.Ü.] zu erlan­gen.

In den The­sen von Lyon pos­tu­lier­te Gram­sci fol­gen­de For­mu­lie­rung der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung: „In der anti-mon­ar­chis­ti­schen Agi­ta­ti­on wird das Pro­blem der Form des Staa­tes von der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei außer­dem in enger Ver­bin­dung mit der Fra­ge nach dem Klas­sen­in­halt gestellt, dem die Kommunist*innen dem Staat ver­lei­hen. In der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit (Juni 1925) gelang es der Par­tei, die­se Pro­ble­me zu lösenm indem sie ihre poli­ti­schen Maß­nah­men mit den Losun­gen ver­band: ‚Repu­bli­ka­ni­sche Ver­samm­lung auf der Grund­la­ge der Arbei­ter- und Bau­ern­rä­te; Arbei­ter­kon­trol­le über die Indus­trie; Land den Bau­ern’“.48

In der Fra­ge der stra­te­gi­schen Ver­bin­dung zwi­schen ver­fas­sungs­ge­ben­der Ver­samm­lung und der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats ist ein grund­le­gen­der Unter­schied zwi­schen Trotz­ki und Gram­sci ent­stan­den. In der Tat ist es mög­lich, eine impli­zi­te Debat­te zwi­schen bei­den Revo­lu­tio­nä­ren zu rekon­stru­ie­ren. Trotz­ki befass­te sich mit der Fra­ge der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung in Ita­li­en im Mai 1930 in einem Brief an Pie­tro Tres­so, Fero­ci und San­ti­ni, die aus der KPI ver­trie­ben wor­den waren, nach­dem sie ihre Soli­da­ri­tät mit der Lin­ken Oppo­si­ti­on erklärt hat­ten.49 Damals for­mu­lier­te Trotz­ki (mit den ent­spre­chen­den Ein­schrän­kun­gen, da er die Kon­junk­tur in Ita­li­en nicht aus­rei­chend ver­folg­te) eine Kri­tik stra­te­gi­schen Cha­rak­ters an der Losung „Repu­bli­ka­ni­sche Ver­samm­lung auf der Grund­la­ge der Arbei­ter- und Bau­ern­aus­schüs­se“.

Trotz­ki sagt in Bezug auf die­se For­mu­lie­rung: „Ich möch­te euch sagen, war­um ich dies für eine fal­sche oder zumin­dest nicht ein­deu­ti­ge poli­ti­sche Losung hal­te. Die „repu­bli­ka­ni­sche Ver­samm­lung“ ist offen­sicht­lich eine Insti­tu­ti­on des bür­ger­li­chen Staa­tes. Was aber sind die „Arbei­ter- und Bau­ern­aus­schüs­se? Es ist offen­sicht­lich, dass sie Ver­wand­te der Arbei­ter- und Bäu­ern­rä­te sind. Wenn ja, dann muss dies gesagt wer­den. Denn die Klas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter und armen Bau­ern, ob Räte oder Aus­schüs­se genannt, stel­len stets Kampf­or­ga­ni­sa­tio­nen gegen den bür­ger­li­chen Staat dar, dann wer­den sie Orga­ne des Auf­stands und schließ­lich, nach dem Sieg, wer­den sie zu Orga­nen der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Wenn dies so ist, wie ist es mög­lich, dass eine repu­bli­ka­ni­sche Ver­samm­lung – obers­tes Organ des bür­ger­li­chen Staa­tes – sich auf Orga­ni­sa­tio­nen des pro­le­ta­ri­schen Staa­tes stützt?“50

So greift Trotz­ki wie­der die­sel­be stra­te­gi­sche Arti­ku­la­ti­on auf, die er für Frank­reich nutz­te. Die Auf­stel­lung des radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramms ist kohä­rent mit den revo­lu­tio­nä­ren Zie­len, solan­ge sie die Ein­heits­front und die Orga­ne sowje­ti­schen Typs „im Kampf gegen den bür­ger­li­chen Staat“ ent­wi­ckelt. Dies­be­züg­lich erin­nert Trotz­ki sie: „Im Jahr 1917, vor Okto­ber, wo sich Sino­wjew und Kamenew gegen den Auf­stand stell­ten, spra­chen sie sich dafür aus, dar­auf zu war­ten, bis die ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung statt­fin­det, um einen ‚kom­bi­nier­ten Staat‘ durch die Zusam­men­füh­rung der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung mit den Räten der Arbei­ter und Bau­ern zu schaf­fen. 1919 wur­den wir Zeu­gen, wie Hil­fer­ding den Vor­schlag mach­te, die Räte in die Wei­ma­rer Ver­fas­sung51 auf­zu­neh­men. Hil­fer­ding nann­te dies, wie Sino­wjew und Kamenew, den ‚kom­bi­nier­ten Staat’“52.

Es han­delt sich dabei um ein Kern­pro­blem der Stra­te­gie. Das radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Pro­gramm ist, wie bereits erwähnt, ein Teil jener „geschick­ten Strei­che“, ein offen­si­ves Mit­tel also, mit dem Revolutionär*innen in der Defen­si­ve kämp­fen, um Kräf­te zu sam­meln, um in die Offen­si­ve zu gehen. Wenn es im ent­schei­den­den Moment ver­sagt, von der Defen­si­ve zur Offen­si­ve über­zu­ge­hen, wird die Ver­tei­di­gung zu ihrem Gegen­teil: Brü­cken wer­den dann zu Bar­rie­ren. Mit Bezug auf Sino­wjew und Kamenew im Okto­ber 1917 sagt Trotz­ki: „Als Klein­bür­ger neue­ren Typs woll­te er, genau in dem Moment, als eine abrup­te Wen­dung der Geschich­te ein­trat, eine drit­te Art von Staat durch die Hoch­zeit der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats mit der Dik­ta­tur der Bour­geoi­sie unter dem Vor­zei­chen der Ver­fas­sung ‚kom­bi­nie­ren’“53.

Sobald die Räte­de­mo­kra­tie, unend­lich demo­kra­ti­scher als die radi­kals­te bür­ger­li­che Demo­kra­tie, Aus­druck der Macht der Arbeiter*innen und Bäuer*innen gewor­den ist, kann die radi­ka­le Demo­kra­tie Zuflucht der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on wer­den. In der Tat war es so in Deutsch­land mit der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, die in der Hit­ze der Nie­der­la­ge des Auf­stands von 1919 ent­stand. Auch in Russ­land 1917, wo die ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung, deren Ein­be­ru­fung von den Versöhnler*innen ver­wei­gert wur­de, bis das Pro­le­ta­ri­at in die Offen­si­ve über­ging, wur­de im Okto­ber 1917 vor dem Bruch der Bau­ern­par­tei (Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re) gewählt. Mit dem Sieg der Revo­lu­ti­on ent­stand ein lin­ker Flü­gel bei den Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren, der gemein­sam mit den Bol­sche­wi­ki die „Arbei­ter- und Bau­ern­re­gie­rung“ bil­de­te. Dar­aus ergab sich, dass die Zusam­men­set­zung der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung nicht die Ent­wick­lung des Pro­zes­ses wider­spie­gel­te, was sich in ihrer Wei­ge­rung aus­drück­te, die Errun­gen­schaf­ten und die sowje­ti­sche Macht anzu­er­ken­nen. Sie hat­te sich in den Schüt­zen­gra­ben der Fein­de der Revo­lu­ti­on ver­wan­delt.

In Bezug auf die poli­ti­sche Linie jener Zeit, die er gemein­sam mit Lenin ver­trat, sag­te Trotz­ki: „Wir stell­ten die Fra­ge des Auf­stan­des, die die Macht an das Pro­le­ta­ri­at mit­tels den Räten über­tra­gen wür­de. Als wir gefragt wur­den, was wir in die­sem Fall mit der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung tun wür­den, sag­ten wir: ‚Wir wer­den sehen; viel­leicht kom­bi­nie­ren wir sie mit den Sowjets.‘ Für uns bedeu­te­te dies eine Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung unter einem sowje­ti­schen Regime, in dem die Sowjets in der Mehr­heit waren. Und da dies nicht geschah, liqui­dier­ten die Sowjets die Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung. Mit ande­ren Wor­ten, es ging dar­um auf­zu­klä­ren, inwie­fern es mög­lich war die Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung und die Sowjets in Orga­ne der glei­chen Klas­se zu ver­wan­deln, nie dar­um eine bür­ger­li­che Kon­sti­tu­ie­ren­de Ver­samm­lung mit den pro­le­ta­ri­schen Räten zu kom­bi­nie­ren“.54

Für Trotz­ki war dies immer ein Pro­blem der stra­te­gi­schen Arti­ku­la­ti­on (Defen­si­ve-Offen­si­ve, Tak­tik-Stra­te­gie)55. Auf­grund der Lücken, die Gram­scis Werk in die­ser Hin­sicht auf­weist, konn­ten sich sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Inter­pre­ta­tio­nen in sei­ne Aus­ar­bei­tun­gen ein­schlei­chen. Jedoch ent­wi­ckel­te oder ver­trat Gram­sci kei­ne Theo­rie des „kom­bi­nier­ten Staa­tes“. Doch wäh­rend Trotz­ki eine kla­re Visi­on der Arti­ku­la­ti­on der Arbeiter*innendemokratie (Sowjets) mit den Losun­gen der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie hat­te56, zeigt die For­mu­lie­rung der „repu­bli­ka­ni­schen Ver­samm­lung auf der Grund­la­ge der Arbei­ter- und Bau­ern­aus­schüs­se“, sogar in ihrer radi­kals­ten Auf­fas­sung, dass die­ses Pro­blem selbst im rei­fen Gram­sci nicht gelöst wor­den war.

Fuß­no­ten

1. Wir ver­ste­hen dabei den „Wes­ten“ als Meta­pher für die­se Art von Struk­tu­ren, sowohl in den impe­ria­lis­ti­schen Län­dern, wo die­se Struk­tu­ren mehr Tra­di­ti­on haben, als auch in den erst „ver­west­lich­ten“ Län­dern der halb­ko­lo­nia­len Peri­phe­rie, wie bei­spiels­wei­se Bra­si­li­en, Chi­le oder Argen­ti­ni­en im latein­ame­ri­ka­ni­schen Süden.

2. Inner­halb der trotz­kis­ti­schen Strö­mun­gen haben die radi­kal­de­mo­kra­ti­schen For­de­run­gen gegen­sätz­li­che Schick­sa­le erfah­ren, die die Rol­le ent­stellt haben, die sie als Teil des Über­gangs­pro­gramms in Rich­tung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats spie­len. Einer­seits gibt es die­je­ni­gen, die das radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Pro­gramm zu einem Selbst­zweck gemacht haben, indem sie die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ durch die Erobe­rung einer „Demo­kra­tie bis zum Schluss“ (oder „radi­ka­le Demo­kra­tie“, A.d.Ü.) ersetzt haben. Im sel­ben Sinn gibt es die­je­ni­gen, die ent­ge­gen der Theo­rie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on eine Theo­rie der „demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on“ als Zwi­schen­ziel ent­wi­ckelt haben, wobei sie die struk­tu­rell-demo­kra­ti­schen For­de­run­gen von den for­mell-demo­kra­ti­schen For­de­run­gen trenn­ten. Auf der ande­ren Sei­te gibt es die ent­ge­gen­ge­setz­te Reak­ti­on, die Wich­tig­keit radi­kal­de­mo­kra­ti­scher For­de­run­gen zu ver­nei­nen, weil sie an sich „demo­kra­ti­sie­rend“ [d.h. zur Anpas­sung an die bür­ger­li­che Demo­kra­tie nei­gend, A.d.Ü.] sei­en. Das ist eine öko­no­mis­ti­sche Kari­ka­tur von Trotz­kis Den­ken, wel­che die fun­da­men­ta­le Rol­le die­ser For­de­run­gen in der Aus­höh­lung der bür­ger­li­chen Hege­mo­nie als Teil des Kamp­fes für die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats ver­neint. In bei­den Fäl­len, sei es durch die Ver­wand­lung radi­kal­de­mo­kra­ti­scher For­de­run­gen in einen Selbst­zweck, oder durch die Ver­nei­nung ihrer Rol­le, ist die Kon­se­quenz die Schwä­chung – oder in eini­gen Fäl­len die direk­te Ver­nei­nung – des Kamp­fes gegen die bür­ger­li­chen Regime und somit die Anpas­sung an eben­die­se. Dies wird zu einem grund­sätz­li­chen Pro­blem, da – wie wir oben aus­ge­führt haben – die bür­ger­li­che Demo­kra­tie und die Illu­sio­nen in sie sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten mehr denn je aus­ge­dehnt haben, wo es rela­tiv sta­bi­le Regime die­ses Typs auch außer­halb der impe­ria­lis­ti­schen Zen­tren gibt.

3. Alb­a­mon­te, Emi­lio und Mai­el­lo, Matí­as, “Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en ‘occi­den­te’”, Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal Nr. 28, August 2012. Bis­her nicht auf deutsch über­setzt.

4. Laclau, Ernes­to und Mouf­fe, Chan­tal, Hege­mo­nie und radi­ka­le Demo­kra­tie: Zur Dekon­struk­ti­on des Mar­xis­mus, Wien, Pas­sa­gen Ver­lag. Man muss her­vor­he­ben, dass Laclau und Mouf­fe, wenn sie die Aneig­nung des Den­kens von Clau­se­witz „kri­ti­sie­ren“, jede seriö­se Dis­kus­si­on dar­über ver­mei­den, weil sie sich nur auf die „zen­tris­ti­schen“ Aus­ar­bei­tun­gen von Kaut­sky über den „Ermat­tungs­krieg“ oder auf die sta­li­nis­ti­sche „Sozi­al­fa­schis­mus­the­se“ bezie­hen. Die­ses sind aber gera­de die Nega­ti­on auf unter­schied­li­chem Wege der Aus­ar­bei­tun­gen der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le in ihren ers­ten Kon­gres­sen, mit Lenin und Trotz­ki als wich­tigs­te Anfüh­rer.

5. Ander­son, Per­ry, Anto­nio Gram­sci: Eine kri­ti­sche Wür­di­gung, Olle & Wol­ter 1979.

6. Ebd.

7. In den Wor­ten Leo Trotz­kis: „Der Begriff der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie hat sich erst in den Nach­kriegs­jah­ren, und zwar anfäng­lich zwei­fel­los unter dem Ein­fluss der Kriegs­ter­mi­no­lo­gie, her­an­ge­bil­det. Jedoch, sie ist ganz und gar nicht etwa zufäl­lig ent­stan­den. Vor dem Krie­ge haben wir nur von der Tak­tik der pro­le­ta­ri­schen Par­tei gespro­chen. Die­ser Begriff ent­sprach ganz den damals herr­schen­den gewerk­schaft­lich­par­la­men­ta­ri­schen Metho­den, wel­che nicht über den Rah­men der lau­fen­den Tages­for­de­run­gen und Auf­ga­ben hin­aus­gin­gen. […] Die Epo­che der 2. Inter­na­tio­na­le aber hat zu sol­chen Metho­den und Anschau­un­gen geführt, bei denen nach dem berüch­tig­ten Aus­druck Bern­steins „Die Bewe­gung – alles, das Ziel – nichts“ bedeu­te­te. Mit ande­ren Wor­ten, die stra­te­gi­sche Auf­ga­be ver­schwand und lös­te sich in einer „Bewe­gung“ von ein­zel­nen tak­ti­schen Tages­fra­gen auf.“ (Trotz­ki, Leo, Die Inter­na­tio­na­le Revo­lu­ti­on und die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le, 1928.)

8. In den Wor­ten von Clau­se­witz: „Ist die Ver­tei­di­gung eine stär­ke­re Form des Krieg­füh­rens, die aber einen nega­ti­ven Zweck hat, so folgt von selbst, daß man sich ihrer nur solan­ge bedie­nen muß, als man sie der Schwä­che wegen bedarf, und sie ver­las­sen muß, sobald man stark genug ist, sich den posi­ti­ven Zweck vor­zu­set­zen.“ (Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. III.)

9. Laut der Zeit­schrift Komu­nis­mus, reprä­sen­ta­tiv für die­sen Sek­tor: „Das wich­tigs­te Merk­mal der aktu­el­len Peri­ode der Revo­lu­ti­on liegt dar­in, dass wir dazu gezwun­gen sind, selbst öko­no­mi­sche Kämp­fe mit den Mit­teln der fina­len Schlacht zu füh­ren“, beson­ders „der bewaff­ne­te Auf­stand“. Vgl. Ander­son, Per­ry, a.a.O.

10. Laut Clau­se­witz: „Ein Krieg, bei dem man sei­ne Sie­ge bloß zum Abweh­ren benut­zen, gar nicht wider­sto­ßen woll­te, wäre eben­so wider­sin­nig als eine Schlacht, in der die abso­lu­tes­te Ver­tei­di­gung (Pas­si­vi­tät) in allen Maß­re­geln herr­schen soll­te.“ (Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. III.)

11. „Leit­sät­ze über die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und den Par­la­men­ta­ris­mus“, Zwei­ter Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, 1920.

12. Vgl. z.B. „Richt­li­ni­en für die kom­mu­nis­ti­sche Akti­on in den Gewerk­schaf­ten“. Vier­ter Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, 1922.

13. Vgl. „The­sen zur Tak­tik der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le“, Vier­ter Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le. Sie­he auch Trotz­ki, Leo, Betrach­tun­gen über die Ein­heits­front, 1922.

14. Karl Kaut­sky, einer der ers­ten Mar­xis­ten, der die Kon­zep­te der Mili­tär­theo­rie in die poli­ti­schen Debat­ten der II. Inter­na­tio­na­le ein­brach­te, ver­band die­se Logik der rei­nen und evo­lu­ti­ven Akku­mu­la­ti­on der Kräf­te bis zur Ankunft der Revo­lu­ti­on mit der „Ermat­tungs­stra­te­gie“ – die vom Mili­tär­his­to­ri­ker Hans Del­brück theo­re­ti­siert wur­de –, um gegen Rosa Luxem­burg zu pole­mi­sie­ren.

15. Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. III.

16. Ebd.

17. In dem schon erwähn­te Arti­kel “Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en ‘occi­den­te’” hat­ten wir uns damit aus­ein­an­der­ge­setzt, wie der IV. Kon­gress der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le die­se Logik auf das offen­si­ve Moment der Revo­lu­ti­on aus­dehnt, mit­tels der Tak­tik der „Arbei­ter­re­gie­rung“, die die Regie­rungs­be­tei­li­gung der Kommunist*innen zum Zweck der Vor­be­rei­tung des bewaff­ne­ten Auf­stands betrach­te­te.

18. Zit. nach Trotz­ki, Leo, „Tages­fra­gen der spa­ni­schen Revo­lu­ti­on“, 1931. Eige­ne Her­vor­he­bung.

19. Wich­tigs­ter Anfüh­rer des ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­mus bis zu jenem Zeit­punkt und einer der Anfüh­rer der ultra­lin­ken Ten­denz in der III. Inter­na­tio­na­len.

20. Die genaue Bezie­hung zwi­schen den demo­kra­ti­schen und den sozia­lis­ti­schen Zie­len – sys­te­ma­ti­siert in der Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on – war einer der Kno­ten­punk­te der Aus­ar­bei­tun­gen von Trotz­ki. Bezüg­lich des demo­kra­ti­schen Pro­gramms pole­mi­sier­te der Grün­der der Roten Armee gegen die­je­ni­gen, die die „for­mell-demo­kra­tisch“ For­de­run­gen (wie Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung) von den „struk­tu­rell-demo­kra­ti­schen“ Auf­ga­ben (wie der Ent­eig­nung der Großgrundbesitzer*innen und die Agrar­re­vo­lu­ti­on, der Bruch mit dem Impe­ria­lis­mus und die natio­na­le Unab­hän­gig­keit etc.) tren­nen woll­ten, dort wo sie noch unge­löst waren (beson­ders in rück­stän­di­gen oder halb­ko­lo­nia­len Län­dern), weil die Bour­geoi­sie unfä­hig ist, sie durch­zu­füh­ren. Gram­sci ent­wi­ckel­te die­se Bezie­hung eben­falls in ähn­li­chen Begrif­fen für Ita­li­en (als „peri­phe­rer Wes­ten“), in Tex­ten wie den The­sen von Lyon oder Eini­ge Gesichts­punk­te zur Fra­ge des Südens, bei­de von 1926. Die radi­kal­de­mo­kra­ti­schen For­de­run­gen sind ver­bun­den mit der süd­ita­lie­ni­schen Fra­ge und der Bau­ern­fra­ge, als zen­tra­le struk­tu­rell-demo­kra­ti­schen Fra­gen, die das Pro­le­ta­ri­at in sei­ne Hän­de neh­men muss, um die Hege­mo­nie zu erla­gen. Die­se Über­schnei­dung zwi­schen struk­tu­rell-demo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Auf­ga­ben, genau wie die Bezie­hung zwi­schen der Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on von Trotz­ki, die weit über die­se Fra­ge hin­aus­geht, und den theo­re­ti­schen Aus­ar­bei­tunn­gen vo Gram­sci haben wir in einem ande­ren Arti­kel erör­tert: Roma­no, Mano­lo und Alb­a­mon­te, Emi­lio, “Revo­lu­ción per­ma­nen­te y guer­ra de posi­cio­nes”, Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal Nr. 19, Janu­ar 2003.

21. Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung.

22. Poli­ti­sche Kri­se, die durch die Ermor­dung des sozia­lis­ti­schen Abge­ord­ne­ten Gia­co­mo Matteot­ti durch die Ban­den der faschis­ti­schen Regie­rung aus­ge­löst wur­de. Matteot­ti wur­de im Juni 1924 ent­führt und sei­ne Lei­che zwei Mona­te spä­ter gefun­den.

23. Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung.

24. Und er fügt hin­zu: „Ange­sichts des­sen, dass durch Ver­tie­fung der Kri­se des Kapi­ta­lis­mus die herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen und land­be­sit­zen­den Klas­sen gezwun­gen sind, um ihre Macht zu erhal­ten, die Orga­ni­sa­ti­ons­frei­heit und die poli­ti­schen Frei­hei­ten des Pro­le­ta­ri­ats zu beschrän­ken und zu unter­drü­cken, ist die Ver­tei­di­gung die­ser Frei­hei­ten ein exzel­len­tes Ter­rain zur Agi­ta­ti­on und für Teil­kämp­fe, die zur Mobi­li­sie­rung brei­ter Schich­ten der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung füh­renn kön­nen. Jede Gesetz­ge­bung, mit­tels derer die Faschis­ten in Ita­li­en selbst die grund­le­gends­ten Frei­hei­ten der Arbei­ter­klas­se unter­drü­cken, müs­sen der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Gür­n­de für die Agi­ta­ti­on und die Mobi­li­sie­rung der Mas­sen bie­ten“ (Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung).

25. weni­ge Mona­te spä­ter wur­de Gram­sci in die Ker­ker Mus­so­li­nis gewor­fen, wo er den Rest sei­nes Lebens ver­brin­gen muss­te. Denn­noch blieb, laut den Schil­de­run­gen von Athos Lisa, die Fra­ge der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung eine der zen­tra­len pro­gram­ma­ti­schen Fra­gen Gram­scis; wir wer­den spä­ter geson­dert auf die Dis­kus­si­on über die­se Losung ein­ge­hen.

26. Gram­sci, Anto­nio, “The peas­ants and the dic­ta­tor­s­hip of the pro­le­ta­ri­at” (Sep­tem­ber 1926). Eige­ne Über­set­zung.

27. Für eine syn­the­ti­sche, aber sys­te­ma­ti­sche Ana­ly­se Gram­scis über die Ent­wick­lung des Par­la­men­ta­ris­mus seit dem Jako­bi­nis­mus bis zu den ver­schie­de­nen Ein­schrän­kun­gen, die sich ent­wi­ckeln, um ihn zu begren­zen, vgl. Gram­sci, Anto­nio, Gefäng­nis­hef­te, Heft 1, §48.

28. Und er füg­te hin­zu: „Das war Trotz­kis Zusam­men­stoß mit dem Sozia­lis­mus der Fabier und sei­ner Dok­trin der ‚Unaus­weich­lich­keit des Gra­dua­lis­mus‘; und lan­ge Zeit nach dem Zusam­men­stoß konn­te das Fabier­tum sich von die­sem Angriff intel­lek­tu­ell nicht erho­len.“ Deut­scher, Isaac, Trotz­ki. Der ent­waff­ne­te Pro­phet.

29 Trotz­ki, Leo, Wohin treibt Eng­land?, 1925.

30. Trotz­ki, Leo, Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich, 1934.

31. Trotz­ki kon­tras­tiert die Drit­te Fran­zö­si­sche Repu­blik, die vom Sturz Napo­le­ons III. (1870) bis zur Nie­der­la­ge Frank­reichs gegen Deu­sch­land im Zwei­ten Welt­krieg (1940) andau­er­te, als höchs­ten Aus­druck der Kor­rup­ti­on und der bür­ger­li­chen Heu­che­lei, von der Gro­ßen Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, als die Bour­geoi­sie noch revo­lu­tio­när war, beson­ders auf ihrem Höhe­punkt mit dem Kon­vent vo 1793.

32. Vgl. Marx, Karl, Der Bür­ger­krieg in Frank­reich. Adres­se des Gene­ral­rats der Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­as­so­zia­ti­on, 1871.

33. Trotz­ki, Leo, Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich, 1934.

34. Ebd.

35. Asta­ri­ta, Rolan­do, Crí­ti­ca al pro­gra­ma de tran­si­ción. Eige­ne Über­set­zung.

36. Ander­son, Per­ry, a.a.O.

37. Trotz­ki, Leo, Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich, 1933.

38. Laut dem Sta­li­nis­mus hät­te sich 1928 die letz­te Peri­ode des Kapi­ta­lis­mus eröff­net, die er als die Peri­ode sei­nes bal­di­gen Ver­schwin­dens cha­rak­te­ri­sier­te, die soge­nann­te „Drit­te Peri­ode“. Unter die­sem Namen ist auch die Poli­tik der von Sta­lin ange­führ­ten Drit­ten Inter­na­tio­na­le zwi­schen 1928 und 1934 bekannt, die sich durch ihr Ultra­links­tum und die Ableh­nung des Auf­baus von Ein­heits­fron­ten mit ande­ren Arbeiter*innenorganisationen. In Deutsch­land cha­rak­te­ri­sier­te der Sta­li­nis­mus die Sozi­al­de­mo­kra­tie als „sozi­al­fa­schis­tisch“.

39. Trotz­ki, Leo, Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich, 1933.

40. Asta­ri­ta, Rolan­do, a.a.o.

41. Trotz­ki, Leo, Das Über­gangs­pro­gramm, 1938.

42. Er bezieht sich auf das Refe­ren­dum, dass L.L. Lud­low über die Teil­nah­me der USA am Zwei­ten Welt­krieg vor­ge­schla­gen hat­te.

43. Ebd.

44. Auf die­je­ni­gen, die die Unter­stüt­zung der demo­kra­ti­schen Regie­ru­gen gegen die Faschis­ten im Krieg vor­schlu­gen, ant­wor­te­te Trotz­ki: „Im Gegen­satz zur Sozi­al­de­mo­kra­tie über­tra­gen wir die­sen Schutz nicht auf den Staat der Bour­geoi­sie […]. «Kampf um die Demo­kra­tie» wäh­rend des Krie­ges wird vor allem hei­ßen: Kampf um die Erhal­tung der Arbei­ter­pres­se und der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen […]. Auf dem Boden die­ser Auf­ga­ben wird die revo­lu­tio­nä­re Vor­hut stre­ben nach der Ein­heits­front mit den übri­gen Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen gegen die eige­ne «demo­kra­ti­sche» Regie­rung, kei­nes­falls aber nach der Ein­heit mit ihrer Regie­rung gegen das Fein­des­land.“ (Trotz­ki, Leo, Die 4. Inter­na­tio­na­le und der Krieg, 1934).

45. Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung.

46. Ebd.

47. Ebd.

48. Ebd.

49. Sie kon­sti­tu­ier­ten dann die Neue Ita­lie­ni­sche Oppo­si­ti­on. Das Adjek­tiv „neu“ war ins­be­son­de­re eine Abgren­zung von der „alten“ Oppo­si­ti­on der Grup­pe Pro­me­teo, die sich auf Ama­deo Bor­di­ga bezog.

50. Trotz­ki, Leo, Pro­ble­mas de la revo­lu­ción ita­lia­na, 1930. Eige­ne Über­set­zung.

51. Ver­ab­schie­det im August 1919, her­vor­ge­gan­gen aus der ver­fas­sungs­ge­ben­den Natio­nal­ver­samm­lung, die im Febru­ar des­sel­ben Jah­res zusam­men­trat, nach­dem der auf­stän­di­sche Gene­ral­streik im Janu­ar nie­der­ge­schla­gen wur­de, womit die Nie­der­la­ge der deut­schen Revo­lu­ti­on 1918–19 besie­gelt wur­de.

52. Ebd.

53. Ebd.

54. Ebd.

55. Daher kommt es, dass die­je­ni­gen wie Rolan­do Asta­ri­ta, die die logi­sche „Mög­lich­keit“ oder „Unmög­lich­keit“ der Umset­zung einer bestimm­ten Über­gangs­lo­sung außer­halb der Stra­te­gie ange­hen wol­len, schließ­lich die Unmög­lich­keit der Offen­si­ve „ablei­ten“, genau­so wie das sozia­lis­ti­sche Bewusst­sein als „a prio­ri“ Not­wen­dig­keit in Bezug auf die Erfah­rung.

56. Zugleich ver­trat Trotz­ki, dass es im Fall des Aus­bruchs einer nächs­ten revo­lu­tio­nä­ren Kri­se in Ita­li­en „sicher [ist], dass die arbei­ten­den Mas­sen, sowohl des Pro­le­ta­ri­ats als auch der Bau­ern­schaft, ihre öko­no­mi­schen For­de­run­gen mit demo­kra­ti­schen Losun­gen (wie die Frei­heit der Ver­samm­lung, der Pres­se, der gewerk­schaft­li­chen Orga­ni­sie­rung, der demo­kra­ti­schen Ver­tre­tung im Par­la­ment und in den Muni­zi­pa­li­tä­ten) ver­bin­den wer­den.“ Und er füg­te hin­zu, dass die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei „mit größ­ter Kühn­heit und Ent­schlos­sen­heit kämp­fen [muss], denn eine pro­le­ta­ri­sche Dik­ta­tur kann den Volks­mas­sen nicht auf­ge­zwun­gen wer­den. Man kann sie nur durch den Kampf – bis zum Schluss – für alle Über­gangs­lo­sun­gen, die For­de­run­gen und Not­wen­dig­kei­ten der Mas­sen und die Köpf­te der Mas­sen umset­zen.“

Klas­se Gegen Klas­se