[LCM:] Es rettet uns kein kleineres Übel – Über das Elend des linken Reformismus

Seit eini­gen Jah­ren bemüht sich der „lin­ke Flü­gel“ der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (SPD) ihre Par­tei in neu­em Glanz erschei­nen zu las­sen. Die zwei „lin­ken“ Vor­sit­zen­den Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Saskia Esken sol­len der in der Wäh­ler­gunst dra­ma­tisch abge­sun­ke­nen SPD einen neu­en roten Anstrich ver­pas­sen. Und wo es ganz viel Glaub­wür­dig­keit braucht, um den ewig glei­chen Kom­pro­miss mit Staat und Kapi­tal als jugend­lich-rebel­lisch zu ver­mark­ten, wird Juso-Chef Kevin Küh­nert aus dem Hut gezau­bert, der in sich selbst und alle Zuhörer*innen ernied­ri­gen­den Reden sogar die Ernen­nung von Olaf Scholz zum Kanz­ler­kan­di­da­ten zur „lin­ken“ Errun­gen­schaft umdeu­tet.

Nun ist es zwar so bil­lig wie rich­tig, einem Küh­nert zu attes­tie­ren, er sei eine Art Sig­mar Gabri­el auf Speed – denn letz­te­rer brauch­te vom Anti­mi­li­ta­ris­mus-Refe­ren­ten bei den Fal­ken bis zum Kriegs­trei­ber und inter­na­tio­na­len Waf­fen­dea­ler wenigs­tens noch ein paar Jahr­zehn­te. Oder eine Saskia Esken an ihre eige­nen Ver­spre­chen zu erin­nern – etwa, was die Kin­der von Moria betrifft –, deren Ablauf­da­tum jedes Lidl-Gemü­se in den Schat­ten stellt. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie hat in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung den Ruf, kei­ner­lei Rück­grat zu haben. Wenn sie sagt, es kommt kei­ne Gro­Ko, weiß man, es kommt eine. Wenn sie sagt, Rüs­tungs­ex­por­te wer­den weni­ger, weiß man, sie wer­den stei­gen. Und wenn sie sagt, sie wer­de sich jetzt wie­der mehr den Beschäf­tig­ten und Erwerbs­lo­sen wid­men, bekommt man es mit der Angst zu tun.

War­um ist das so? Wor­an liegt es, dass eine Par­tei, die gera­de nach eige­nem Bekun­den einen „Links­ruck“ voll­zo­gen hat, jeman­den wie Olaf Scholz zum Kanz­ler­kan­di­da­ten macht? Wor­an liegt es, dass eine Par­tei, die sich „sozi­al­de­mo­kra­tisch“ nennt, Haupt­ver­ant­wort­lich für das größ­te Paket anti­so­zia­ler Refor­men der letz­ten Jahr­zehn­te ist? War­um pflegt eine Par­tei, die sich „inter­na­tio­na­lis­tisch“ nennt, wenn sie regiert, engs­te Bezie­hun­gen zu Faschis­ten wie Bol­so­na­ro, Erdo­gan oder Trump? Oder gehen wir wei­ter zurück: War­um rief die­sel­be Par­tei noch am Beginn des 20. Jahr­hun­derts die Arbei­ter­klas­se aller Län­der zur Ein­heit, wäh­rend sie 1914 die Vater­lands­ver­tei­di­gung für unum­gäng­lich hielt und die deut­sche Arbei­ter­klas­se zum Mor­den und Ster­ben in den Welt­krieg führ­te? War­um ist es eine Par­tei, die behaup­te­te, für den Sozia­lis­mus zu sein, die zusam­men mit pro­to-faschis­ti­schen Frei­korps rebel­lie­ren­de Arbeiter*innen ermor­den und Räte­re­pu­bli­ken nie­der­schla­gen ließ?

Es hat wenig mit dem jewei­li­gen Per­so­nal zu tun. Man kann Kevin Küh­nert attes­tie­ren, ein wit­zi­ger Typ zu sein, der wirk­lich glaubt, irgend­was für die Men­schen in die­sem Land tun zu kön­nen; und man kann Saskia Esken durch­aus für eine sym­pa­thi­sche Per­son hal­ten – zumin­dest im Ver­gleich zu den Amt­hors und Scheu­ers des gro­ßen Geg­ners und Lang­zeit­part­ners CDU/​CSU. Und den­noch braucht man weder von dem einen, noch von der ande­ren irgend­et­was zu erwar­ten.

Denn das Pro­blem der Sozi­al­de­mo­kra­tie liegt tie­fer. Und es besteht seit weit über hun­dert Jah­ren. Es ist aber auch ein sehr inter­es­san­tes Pro­blem, denn es zeigt, wie eine Par­tei, die zur Befrei­ung des Pro­le­ta­ri­ats und mit ihm der gesam­ten Mensch­heit antrat, eine Haupt­stüt­ze von Kapi­ta­lis­mus und Krieg wur­de. Die Geschich­te die­ses Wan­dels sagt aber nicht nur etwas über die SPD; in ihr spie­gelt sich die gewis­se Zukunft jedes „refor­mis­ti­schen“ Poli­tik­an­sat­zes.

Vom gemein­sa­men Band umschlun­gen

Am 4. August 1914 begrün­de­te der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der SPD, Hugo Haa­se, im Reichs­tag die Zustim­mung der Sozi­al­de­mo­kra­tie zu den Kriegs­kre­di­ten. Wie? Das ers­te Ele­ment ist, den Krieg als ein „Ver­tei­di­gungs­krieg“ dar­zu­stel­len und den „rus­si­sche Des­po­tis­mus“ als eine Gefahr für das gesam­te deut­sche Volk. In der Stun­de der Not rücken alle zusam­men, aber nicht etwa ohne Unter­schied der Nati­on glo­bal alle Unter­drück­ten und Aus­ge­beu­te­ten, son­dern alle inner­halb einer Nati­on. „Unse­re hei­ßen Wün­sche beglei­ten unse­re zu den Fah­nen geru­fe­nen Brü­der ohne Unter­schied der Par­tei.“

Der Weg war frei für das mil­lio­nen­fa­che Ster­ben, für den Hurra­pa­trio­tis­mus, das Schlach­ten und Geschlach­tetwer­den in den Grä­ben von Ver­dun und an der Mar­ne. Die Ein­heit der Welt­ar­bei­ter­klas­se gegen die Kapi­ta­lis­ten war ande­ren Slo­gans gewi­chen: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Fran­zos. Rosa Luxem­burg, eine der schärfs­ten Kritiker*innen des Kriegs­kur­ses der SPD, merk­te an: „Der welt­his­to­ri­sche Appell des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests erfährt eine wesent­li­che Ergän­zung und lau­tet nun […]: Pro­le­ta­ri­er aller Län­der, ver­ei­nigt euch im Frie­den, und schnei­det euch die Gur­geln ab im Krie­ge!“

Was war gesche­hen? Noch im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert und am Beginn des 20. hat­te es an Frie­dens­bot­schaf­ten aus der SPD wahr­lich nicht geman­gelt. Ähn­lich wie ande­re sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en sah sie die inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät der Arbeiter*innenklasse als Garant dafür, dass die Bour­geoi­sie nicht will­kür­lich Mas­sen gegen­ein­an­der in den Kampf schi­cken kön­ne, um ihre eige­nen Expan­si­ons­in­ter­es­sen zu ver­wirk­li­chen.

Rei­sen wir sechs Jah­re in die Zukunft. Der Krieg ist vor­bei, Deutsch­land hat ver­lo­ren, war aber nun bür­ger­li­che Repu­blik. Hein­rich Rie­ke, SPD-Alters­prä­si­dent des Reich­tags, erklärt in der Sit­zung vom 24. Juni 1920 an die Adres­se der bür­ger­li­chen Par­tei­en: „Die gemein­sa­me Not unse­res Lan­des wird uns manch­mal enger zusam­men­schmie­den – so hof­fe ich – als der hin­ter uns lie­gen­de hef­ti­ge Wahl­kampf, als der tra­di­tio­nel­le Zwie­spalt der Par­tei­en in Deutsch­land es ver­mu­ten lässt. Denn schon bis­her hat am ehes­ten dann ein gemein­sa­mes Band die äußers­te Lin­ke mit der äußers­ten Rech­ten umschlun­gen, dann, wenn es galt, irgend­wo in unse­rem Lan­de plötz­lich auf­ge­tre­te­ne Not hel­fend zu lin­dern.“

Etwas mehr als ein Jahr war es da her, dass die „äußers­te Lin­ke“ in Gestalt des SPD-Poli­ti­kers Gus­tav Noske zusam­men mit der „äußers­ten Rech­ten“, pro­to-faschis­ti­schen Frei­korps­mi­li­zen, die bei­den Kriegsgegner*innen Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht sowie hun­der­te wei­te­re kom­mu­nis­ti­sche Arbeiter*innen ermor­det hat­ten, weil die­se eine Räte­re­pu­blik erkämp­fen woll­ten. Die­se Art des Zusam­men­ste­hens in der „gemein­sa­men Not“ wird sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wie­der­ho­len: Die SPD wird maß­geb­lich an der Zer­schla­gung der baye­ri­schen Räte­re­pu­blik mit­wir­ken, im Blut­mai 1929 dut­zen­de unbe­waff­ne­te Arbeiter*innen nie­der­schie­ßen las­sen und die Not­stands­dik­ta­tur Hein­rich Brü­nings stüt­zen.

Seit 1914 ergibt sich ein sehr kla­res Bild der Sozi­al­de­mo­kra­tie: Sie sieht in dem deut­schen Staat etwas, das man ver­tei­di­gen muss – ob gegen den äuße­ren Feind im Welt­krieg oder gegen den inne­ren Feind in Gestalt kom­mu­nis­ti­scher oder anar­chis­ti­scher Arbeiter*innen. Natür­lich strei­tet sie gele­gent­lich wei­ter­hin mit bür­ger­li­chen Par­tei­en; und natür­lich sieht sie auch in den Faschis­ten einen Geg­ner. Aber letzt­lich hat sie sich ein­ge­rich­tet und meint, der bestehen­de Staat sei der­je­ni­ge, der ihrem poli­ti­schen Pro­jekt schritt­wei­ser Refor­men den bes­ten Spiel­raum bie­tet.

Der Pro­le­ta­ri­er hat doch ein Vater­land

Vor­an­ge­gan­gen war die­sem Schwenk schon in den 1890er-Jah­ren eine brei­te Debat­te über die „Revi­si­on“ der mar­xis­ti­schen Theo­rie. Edu­ard Bern­stein, der pro­mi­nen­tes­te Theo­re­ti­ker die­ser Strö­mung, unter­lag zwar schein­bar mit sei­nem Anlie­gen, den revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus durch eine Theo­rie der Sozi­al­re­form zu erset­zen – aber vie­le sei­ner The­sen lagen in der Luft des Zeit­geis­tes und gin­gen Schritt für Schritt in den com­mon sen­se der Sozi­al­de­mo­kra­tie über. Jahr­zehn­te spä­ter, im Jahr 1964, wird der SPD-Funk­tio­när Car­lo Schmid zurecht fest­stel­len: „Edu­ard Bern­stein hat auf der gan­zen Linie gesiegt.“

Bern­steins Angriff auf den Mar­xis­mus hat dabei eine inne­re Strin­genz: Er setzt an Mar­xens Ana­ly­se der imma­nen­ten Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus an, ver­wirft sie, um Platz zu machen für sei­ne The­se, dass noch inner­halb des Kapi­ta­lis­mus und unter Herr­schaft des bür­ger­li­chen Staa­tes ein schritt­wei­ses Vor­an­schrei­ten durch Refor­men in Rich­tung Sozia­lis­mus mög­lich ist. War das objek­ti­ve Inter­es­se des Pro­le­ta­ri­ats im Mar­xis­mus noch unver­söhn­lich dem von Kapi­tal und bür­ger­li­chem Staat ent­ge­gen­ge­setzt, betritt mit Bern­stein die bis heu­te gän­gi­ge „Stand­ort­po­li­tik“ die his­to­ri­sche Büh­ne. Wenn die (kapi­ta­lis­ti­sche) Gesell­schaft im Gan­zen rei­cher wird, wird der Spiel­raum für Refor­men im Dienst der Arbeiter*innenklasse grö­ße­re. „Je rei­cher die Gesell­schaft, um so leich­ter und siche­rer die socia­lis­ti­schen Ver­wirk­li­chun­gen“, behaup­tet Bern­stein.

Der Arbei­ter ist nun orga­nisch ver­bun­den mit „sei­ner“ Nati­on, wes­halb Bern­stein den berühm­ten Satz von Karl Marx, der Pro­le­ta­ri­er habe kein Vater­land, für ver­al­tet erklä­ren muss. „Indeß die­ser Satz konn­te allen­falls für den recht­lo­sen, aus dem öffent­li­chen Leben aus­ge­schlos­se­nen Arbei­ter der vier­zi­ger Jah­re zutref­fen, hat aber heu­te, trotz des enorm gestie­ge­nen Ver­kehrs der Natio­nen mit­ein­an­der, sei­ne Wahr­heit zum gro­ßen Thei­le schon ein­ge­büßt und wird sie immer mehr ein­bü­ßen, je mehr durch den Ein­fluß der Sozi­al­de­mo­kra­tie der Arbei­ter aus einen Pro­le­ta­ri­er ein – Bür­ger wird“, schreibt er in Die Vor­aus­set­zun­gen des Sozia­lis­mus und die Auf­ga­ben der Sozi­al­de­mo­kra­tie im Jahr 1899.

Kolo­nien, Krie­ge, Stand­ort­si­che­rung

Es ist zwar kein Mono­pol der Sozi­al­de­mo­kra­tie, aber mit der Ver­en­gung der Klas­sen­ana­ly­se auf das „natio­na­le“ Pro­le­ta­ri­at ist der Weg in den Unter­gang beschlos­se­ne Sache. Die deut­schen Pro­le­ta­ri­er sind nun nicht in ers­ter Linie ein Seg­ment der Weltarbeiter*innenklasse, son­dern „Bürger*innen“ Deutsch­lands, die eben auch noch Arbeiter*innen sind und des­halb in ihrer Nati­on für Refor­men zu kämp­fen haben.

Es ist logisch, dass aus die­ser Sicht etwa Kolo­nien nicht grund­sätz­lich abzu­leh­nen sind. Bern­stein befür­wor­tet den Kolo­nia­lis­mus gele­gent­lich zur Hebung der „Kul­tur“ der „unzi­vi­li­sier­ten“ Völ­ker, an einer Stel­le aller­dings spricht er auch den Kern der Sache aus: „Die Aus­deh­nung der Märk­te und der inter­na­tio­na­len Han­dels­be­zie­hun­gen ist einer der mäch­tigs­ten Hebel des gesell­schaft­li­chen Fort­schritts gewe­sen. Sie hat die Ent­wick­lung der Pro­duc­tion­s­ver­hält­nis­se in aus­ser­or­dent­li­chem Gra­de geför­dert und sich als ein Fac­tor der Stei­ge­rung des Reich­tums der Natio­nen bewährt. An die­ser Stei­ge­rung haben aber auch die Arbei­ter von dem Augen­blick an ein Inter­es­se, wo Coali­ti­ons­recht, wirk­sa­me Schutz­ge­set­ze und poli­ti­sches Wahl­recht sie in den Stand set­zen, sich stei­gen­den Anteil an der­sel­ben zu sichern.“ Logo, wenns der Nati­on gut geht, geht‘s den Arbei­tern gut, und damit es der Nati­on gut geht, dür­fen sich die pri­mi­ti­ven Län­der nicht ihrer Ein­bin­dung in den Welt­markt wider­set­zen.

Von hier an ist es nicht mehr weit zur „Vater­lands­ver­tei­di­gung“, die von Ver­dun bis zum Hin­du­kusch in der DNA der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie ver­blieb. Bern­stein: Klar, man sei für Frie­den, aber nichts gebie­te der SPD, „dem Ver­zicht auf Wah­rung deut­scher Inter­es­sen der Gegen­wart oder Zukunft das Wort zu reden, wenn oder weil eng­li­sche, fran­zö­si­sche oder rus­si­sche Chau­vi­nis­ten an den ent­spre­chen­den Maß­nah­men Anstoß neh­men.“ Und mehr noch: Die „Inter­na­tio­na­li­tät [kann] kein Grund schwäch­li­cher Nach­gie­big­keit gegen­über den Prä­ten­sio­nen aus­län­di­scher Inter­es­sen­ten sein.“

Wer Bür­ger einer Nati­on ist, die bestän­di­gen Fort­schritt garan­tiert, muss sich aber nicht nur gegen Bedro­hun­gen von außen, son­dern auch gegen die von innen stem­men. Und das soll­ten, was Bern­stein noch nicht wis­sen konn­te, nach dem von der SPD mit befeu­er­ten Ers­ten Welt­krieg vor allem kom­mu­nis­ti­sche Arbeiter*innen wer­den.

Es liegt durch­aus auf der Linie der­sel­ben Theo­rie, wenn Gus­tav Noske nach der von ihm befeh­lig­ten Ermor­dung hun­der­ter Arbeiter*innen im Jahr 1919 stolz von der Nie­der­schla­gung des Auf­stands erzählt, den „wacke­ren Trup­pen“ dankt und sich rühmt, „Ruhe und Sicher­heit“ wie­der­her­ge­stellt zu haben. Die Arbeiter*innen nennt er „Bes­ti­en in Men­schen­ge­stalt“ und „Amok­läu­fer“. Sei­nen Schieß­be­fehl recht­fer­tigt der SPD-Poli­ti­ker mit den Wor­ten: „Die Staats­not­wen­dig­keit gebot, so zu han­deln, dass so rasch wie mög­lich Ord­nung und Sicher­heit wie­der­her­ge­stellt wur­den. […] Getan habe ich, was gegen­über dem Reich und dem Volk für mei­ne Pflicht gehal­ten wur­de.“

Von der „Volks­par­tei“ zur Par­tei des Neo­li­be­ra­lis­mus

Der Wan­del der SPD von der Klas­sen­par­tei zur „Volks­par­tei“ und Stüt­ze der deut­schen Nati­on setz­te sich von da an unauf­halt­sam fort, bis sie sich in ihrem Godes­ber­ger Pro­gramm von 1959 end­gül­tig von allen Über­bleib­seln einer mar­xis­ti­schen Ver­gan­gen­heit ver­ab­schie­de­te. „Kapi­ta­lis­mus“ kommt in dem Pro­gramm nicht mehr vor, der Adres­sat des Doku­ments sind „die Men­schen“ oder „das deut­sche Volk“, nicht die Arbei­ten­den und Erwerbs­lo­sen. Der Begriff „demo­kra­ti­scher Sozia­lis­mus“ kommt als inhalts­lee­re Phra­se zwar noch vor, aber die wirk­li­chen Bezugs­punk­te sind ande­re: „Der Staat“ – völ­lig klas­sen­neu­tral und über­his­to­risch –, der aller­lei Frei­heits­rech­te und Ver­sor­gung gewähr­leis­ten soll und „die Demo­kra­tie“, die eben­falls nicht mehr als „bür­ger­li­che“ oder „sozia­lis­ti­sche“ aus­dif­fe­ren­ziert wird. Das gan­ze Pro­gramm ist ein Treue­schwur zur kapi­ta­lis­ti­schen BRD und ihren Inter­es­sen.

Als Par­tei mit Arbeiter*innen-Anhang aber pro-kapi­ta­lis­ti­schem Pro­gramm erfüllt die SPD künf­tig eine immens wich­ti­ge Rol­le bei der Sta­bi­li­sie­rung kapi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se. Ins­be­son­de­re als im Gefol­ge der Aus­glie­de­rung gro­ßer Tei­le der Indus­trie in den Tri­kont seit den 1970er-Jah­ren, dem Zusam­men­bruch des sowje­ti­schen Sozia­lis­mus und dem Auf­tre­ten eines neu­en Kri­s­en­zy­klus der schein­ba­re Klas­sen­kom­pro­miss der „Sozi­al­part­ner­schaft“ durch das Kapi­tal auf­ge­kün­digt wird, erfüllt die SPD ihre Rol­le mus­ter­gül­tig. Sie wird zur Haupt­trieb­kraft der neo­li­be­ra­len Umge­stal­tung.

Das soge­nann­te Schrö­der-Blair-Papier mar­kiert den Wan­del hin zu einer Par­tei, die nicht mehr der Illu­si­on anhängt, durch Refor­men den Arbeiter*innen im Kapi­ta­lis­mus zur Ver­bes­se­rung ihres Lebens­stan­dards zu ver­hel­fen, son­dern die den Kapi­ta­lis­mus durch Refor­men gegen die Werk­tä­ti­gen und ihre erwerbs­lo­se Reser­ve­ar­mee „ret­ten“ will. Die Ergeb­nis­se sind bekannt: Eine weit­ge­hen­de Zer­schla­gung von sozia­ler Absi­che­rung, die immense Aus­deh­nung des Nied­rig­lohn­sek­tors, das Wuchern von Leih­ar­beit und Werk­ver­trags­un­we­sen.

Die all­ge­mei­ne Ten­denz vie­ler sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Par­tei­en zu Haupt­stüt­zen des Neo­li­be­ra­lis­mus war einer der Fak­to­ren, die den län­der­über­grei­fen­den Nie­der­gang der eins­ti­gen „Volks­par­tei­en“ aus­lös­te. Die SPD ver­lor in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten mehr als die Hälf­te ihrer Mit­glie­der, sank von 943 402 im Jahr 1990 auf 419 300 im ver­gan­ge­nen Jahr ab. In der Wäh­ler­gunst sah die Ent­wick­lung ähn­lich dra­ma­tisch aus. Von 40,9 Pro­zent 1998 auf der­zeit um die 20 Pro­zent.

Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier …

Aller­dings bedeu­tet der Glaub­wür­dig­keits­ver­lust einer bestimm­ten Par­tei nicht, dass der Refor­mis­mus als gesell­schaft­li­che Kraft aus­ge­dient hat. In dem Maße, in dem der „Platz“ der SPD frei wur­de, bemüh­te sich die Par­tei „Die Lin­ke“ nun die­je­ni­gen ein­zu­sam­meln, die zwar von der Sozi­al­de­mo­kra­tie, aber nicht von der Illu­si­on eines durch Koali­ti­ons­re­gie­run­gen aus­ver­han­del­ten gemäch­li­chen Fort­schritts inner­halb des Kapi­ta­lis­mus genug haben.

Die „neue“ Sozi­al­de­mo­kra­tie mag sich gele­gent­lich noch unge­stü­mer beneh­men, als ihr in die Jah­re gekom­me­ner Vor­läu­fer. Ihr „demo­kra­ti­scher Sozia­lis­mus“ mag noch mit der ein oder ande­ren iden­ti­täts­po­li­ti­schen Aus­schmü­ckung bun­ter ein­ge­färbt sein. Und es mag noch den ein oder ande­ren wacke­ren Bezirks- oder Lan­des­ver­band geben, der es ernst meint, mit der Phra­se von der „Par­tei der Bewe­gun­gen“. Aber die Wei­chen wer­den mehr und mehr gestellt in Rich­tung einer etwas „lin­ke­ren“ Sozi­al­de­mo­kra­tie für die Mehr­heits­be­schaf­fung einer dann anzu­stre­ben­den rot-rot-grü­nen Ver­wal­tung des deut­schen Kapi­ta­lis­mus.

Das Kon­zept ist bereits das­sel­be wie frü­her in der Sozi­al­de­mo­kra­tie: Als „Sozia­lis­mus“ gilt wahl­wei­se „Umver­tei­lung“ – also nicht die grund­le­gen­de Ände­rung des Sys­tems, son­dern das per­ma­nen­te Wer­keln an sei­nen Sym­ptop­men – oder noch schlim­mer: Sozia­lis­mus ist, wenn „der Staat“ irgend­et­was tut. Das jüngs­te Papier der soge­nann­ten „Refor­mer“ hält in die­sem Kon­text sogar tem­po­rä­re Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen kapi­ta­lis­ti­scher Staa­ten für „klas­sisch lin­ke Ideen“, repro­du­ziert die Bild-Zei­tungs­the­se, die Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se habe irgend­wie sozia­lis­ti­sche Züge und kon­sta­tiert: „Die­se Kri­se hat erneut gezeigt, dass auch in einem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem ein Mehr an Soli­da­ri­tät auch im Hier und Jetzt mög­lich ist“ – ganz so, als ob irgend­ei­ne revo­lu­tio­na­ris­ti­sche Strö­mung in der Links­par­tei die gan­ze Zeit auf den gro­ßen Bruch drän­gen wür­de.

Wohin das führt, kann man sich – natür­lich mit Unter­schie­den – am gro­ßen Vor­bild vie­ler lin­ker „Refor­mer“ in Grie­chen­land anse­hen. Die dor­ti­ge Links­par­tei Syri­za ver­moch­te es, auf einer Wel­le von Stra­ßen­pro­tes­ten gegen die Aus­teri­täts­po­li­tik zur stim­men­stärks­ten Par­tei zu wer­den. Die tra­di­tio­nel­le Sozi­al­de­mo­kra­tie PASOK zer­fiel völ­lig, Syri­za nahm ihren Platz ein. Ein­mal an der Macht konn­te dann aber man­gels irgend­wel­cher Ideen jen­seits kapi­ta­lis­ti­scher Sach­zwän­ge nichts ande­res tun, als sich gegen eine Volks­ab­stim­mung, die den Bruch mit dem neo­li­be­ra­len EU-Dik­tat for­der­te, den­noch erneut eben die­sem zu unter­wer­fen. Die Par­tei ver­lor mas­siv an Popu­la­ri­tät und die damals schon für halb tot erklär­ten Kon­ser­va­ti­ven kamen zurück an die Macht.

Das wie­der­um ist für die refor­mis­ti­schen Funktionär*innen kei­ne beson­de­re Nie­der­la­ge, son­dern allen­falls ein nor­ma­ler Fall poli­ti­scher Kon­junk­tur. Man will ja den Par­la­men­ta­ris­mus nicht durch eine neue Form von Demo­kra­tie erset­zen, son­dern in ihm mit­spie­len. Und da regiert eben ein­mal der Gigl und ein­mal der Gogl.

Wem nutzt der Refor­mis­mus?

Der Refor­mis­mus in die­ser Form hat nichts mit dem gemein, was Rosa Luxem­burg „revo­lu­tio­nä­re Real­po­li­tik“ nann­te und wor­auf sich die heu­ti­ge Links­par­tei so ger­ne bezieht. Für Luxem­burg – wie für alle Revolutionär*innen – war klar, dass Refor­men nie Selbst­zweck sind, son­dern Mit­tel zum Zweck der Revo­lu­ti­on. Das eigent­li­che Resul­tat der Kämp­fe um Refor­men sind aus revo­lu­tio­nä­rer Per­spek­ti­ve dem­nach auch nicht die jeweils errun­ge­nen Krü­mel, son­dern das Vor­an­trei­ben des Orga­ni­sie­rungs­gra­des der Klas­se und die Schaf­fung von Klas­sen­be­wusst­sein – dar­an muss sich lin­ke Poli­tik mes­sen las­sen und man wird kei­nen Beleg brau­chen, um die mise­ra­ble Bilanz der diver­sen euro­päi­schen Links­par­tei­en in die­ser Hin­sicht zu sehen.

Der sys­tem­er­hal­ten­de Refor­mis­mus hat aber ohne­hin ein ande­res Ziel. Er weiß, dass er sei­nen Platz „im Hier und Jetzt“ hat, also inner­halb des Kapi­ta­lis­mus sei­ne Funk­ti­on ein­nimmt. Und gele­gent­lich wird er als sol­ches auch gebraucht. Denn der kapi­ta­lis­ti­sche Staat hat sei­ner­seits die Auf­ga­be, das Bestehen des Gesamt­sys­tems auch gegen die Inter­es­sen ein­zel­ner Kapi­tal­frak­tio­nen durch­zu­set­zen. Er muss Sor­ge tra­gen, dass das maß­lo­se Pro­fit­stre­ben der Ein­zel­ka­pi­ta­le nicht in den Ruin führt.

Die Klü­ge­ren unter den Refor­mis­ten ken­nen ihre Auf­ga­be in die­sem Rah­men genau. Links­par­tei-Iko­ne Gre­gor Gysi tourt mit genau die­sem Kon­zept seit vie­len Jah­ren von Unter­neh­mer­ta­gung zu Unter­neh­mer­ta­gung. In sei­ner Rede unter dem Titel „Die Gefähr­dung Euro­pas und die Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands“ bei der Invest­ment Hol­ding Moun­tain Part­ners von 2016 for­mu­liert er die­sen Ansatz mit wün­schens­wer­ter Deut­lich­keit. Er spricht über Geflüch­te­te, die man nicht mehr auf­hal­ten kön­ne und über die immer wei­ter aus­ein­an­der­klaf­fen­de Sche­re zwi­schen Arm und Reich. Dann sagt er: „Wir ste­hen vor einer Grund­satz­fra­ge: Las­sen wir die Sche­re so wei­ter auf­ge­hen. Oder dre­hen wir sie um? Nicht maß­los. Nicht maß­los. Aber dre­hen wir sie um. Und ich sage ihnen: Die klu­gen Rei­chen, die wis­sen, wenn sie nicht etwas gerech­ter ver­tei­len, gefähr­den sie ihre Exis­tenz. Die dum­men Rei­chen sind nur gie­rig. Ich weiß, dass Sie alle klug und reich sind.“

Gysi hat völ­lig recht. Genau das ist die Funk­ti­on, die er und die Sei­nen aus­zu­fül­len haben. Der Kapi­ta­lis­mus hat in bestimm­ten Pha­sen und ins­be­son­de­re in den impe­ria­lis­ti­schen Metro­po­len, denen Extra­pro­fi­te aus der Aus­beu­tung der Peri­phe­rie zuflie­ßen, einen gewis­sen Reform­spiel­raum. Wie der ver­teilt wird, dar­um kön­nen all jene rin­gen, die auf dem bun­ten Markt des Par­la­men­ta­ris­mus das Fell ihrer Wähler*innen feil­bie­ten.

Aber war­um nicht?

Nun könn­te man fra­gen: War­um denn nicht? Ist das nicht auch irgend­wie super, bes­ser der Spatz in der Hand als die Tau­be auf dem Dach. Wenn Gre­gor Gysis gemäch­li­cher, nicht maß­lo­ser Umver­tei­lungs­kurs den Kapi­ta­lis­ten nützt und gleich­zei­tig uns ande­re zumin­dest weni­ger arm macht, ist er dann nicht auch irgend­wie okay? Man muss ja nicht gleich Kommunist*in sein!

Der all­ge­mei­ne Haken an der Sache ist, dass der Refor­mis­mus Aus­beu­tung nie been­det, son­dern sie nur abmil­dern will. Aber geschenkt, denn wenn man ohne­hin nicht der Auf­fas­sung ist, dass man sie been­den kann, zieht das Argu­ment nicht. Nur hat der Refor­mis­mus ein wei­te­res Pro­blem. Er funk­tio­niert auch inner­halb sei­ner lang­wei­li­gen und eng gesteck­ten Zie­le nicht – was man ja wie­der­um sehr gut an der Geschich­te der SPD able­sen kann. Nicht sie hat den Kapi­ta­lis­mus gezähmt, son­dern der Kapi­ta­lis­mus hat die Sozi­al­de­mo­kra­tie zu sei­ner hand­zah­men Die­ne­rin gemacht.

Im bes­ten Fall ist der Refor­mis­mus eine von den Kon­junk­tu­ren des Kapi­ta­lis­mus abhän­gi­ge Sisy­phos-Arbeit, deren müh­sam in der einen Kon­junk­tur­pha­se errun­ge­ne „Ver­bes­se­run­gen“ in der dar­auf­fol­gen­den flö­ten gehen. Auch das ist nichts neu­es, Fried­rich Engels schrieb 1891 im Bezug auf die Poli­tik der eng­li­schen Tra­de-Uni­ons, die­se wür­den immer nur „unter stän­di­gen Kämp­fen, mit unge­heu­rem Ver­schleiß an Kraft und Geld“ durch­set­zen, dass die Arbeiter*innen im aus dem Lohn­ge­setz fol­gen­den Nor­mal­maß aus­ge­beu­tet wer­den und nicht noch drun­ter dahin­ve­ge­tie­ren. Und dann „machen die Kon­junk­tur­schwan­kun­gen, alle zehn Jah­re min­des­tens ein­mal, das Errun­ge­ne im Hand­um­dre­hen wie­der zunich­te, und der Kampf muß von neu­em durch­ge­foch­ten wer­den. Das ist ein ver­häng­nis­vol­ler Kreis­lauf, aus dem es kein Ent­rin­nen gibt. Die Arbei­ter­klas­se bleibt, was sie war […] – eine Klas­se von Lohn­skla­ven.“

Im schlech­te­ren Fall aber – und das ist der Nor­mal­fall im Kapi­ta­lis­mus in sei­nem heu­ti­gen Sta­di­um – wird der Refor­mis­mus zur stand­ort­po­li­ti­schen Ver­tei­di­gung der impe­ria­lis­ti­schen Nati­on gegen die Peri­phe­rie, was sich etwa in der unge­bro­che­nen Bereit­schaft der SPD zu neo­li­be­ra­len Han­dels­ab­kom­men, Aus­teri­täts­dik­ta­ten und krie­ge­ri­scher „Vater­lands­ver­tei­di­gung“ aus­drückt. Im Impe­ria­lis­mus ist der Refor­mis­mus immer auch Ver­tei­lungs­kampf um die dem Rest der Welt abge­run­ge­nen Pro­fi­te, die er schon des­halb nicht in Fra­ge stel­len kann, weil dann sein eige­ner Spiel­raum für „Umver­tei­lung“ klei­ner wür­de.

Der Bei­trag Es ret­tet uns kein klei­ne­res Übel – Über das Elend des lin­ken Refor­mis­mus erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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