[contraste:] Die Ermöglicherin

Gabu Heindl ver­tritt als Pla­ne­rin einen radi­kal eman­zi­pa­to­ri­schen Ansatz und ver­steht ihre Arbeit als Gegen­kon­zept zum neo­li­be­ra­len Wett­be­werbs- und Kom­mer­zia­li­sie­rungs­druck. Für CONTRASTE sprach Bri­git­te Kratz­wald mit der Wie­ner Archi­tek­tin.

In Ihren Tex­ten und Vor­trä­gen stößt man immer wie­der auf drei The­men: leist­ba­res Woh­nen, öffent­li­cher Raum und radi­ka­le Demo­kra­tie. Die bei­den ers­ten sind nicht wei­ter ver­wun­der­lich bei einer Archi­tek­tin, aber wie kommt die radi­ka­le Demo­kra­tie dazu und wel­che Rol­le spielt sie für Ihre Arbeit?

Ich habe ein Dok­to­rat in Phi­lo­so­phie, aber mit Blick auf Stadt­pla­nung und Archi­tek­tur. Dar­in spielt radi­ka­le Demo­kra­tie­theo­rie als eine poli­ti­sche Theo­rie eine gro­ße Rol­le. Nach fast zwei Jahr­zehn­ten mei­ner archi­tek­to­ni­schen und pla­ne­ri­schen Pra­xis bie­tet mir die­se Theo­rie eine gute Basis, um kri­tisch zu reflek­tie­ren, wel­che Rol­le die Pra­xis der Archi­tek­tur und Stadt­pla­nung in Bezug auf Demo­kra­ti­sie­rung spielt. Und sie macht auch hand­lungs­fä­hig, obwohl man sehr unglück­lich sein könn­te über die gene­rel­len Zustän­de der Gesell­schaft.

Radi­ka­le Demo­kra­tie ist die Ein­sicht, nur wenn es den Schwächs­ten in einer Gesell­schaft gut geht, geht es uns allen gut. Es bedeu­tet, gera­de dort wo gesagt wird, aus öko­no­mi­schen oder tech­ni­schen Grün­den gehe das jetzt nicht anders, umso mehr ein­zu­for­dern, dass es sehr wohl anders geht. Es bedeu­tet, Demo­kra­tie, Mit­spra­che, Teil­ha­be aus­zu­wei­ten für alle.

Wenn Sie von leist­ba­rem Woh­nen reden, schla­gen sie einen Bogen vom sozia­len Wohn­bau des Roten Wien der 1920er Jah­re, inklu­si­ve der Sied­ler­be­we­gung, bis hin zu aktu­el­len Pro­jek­ten gemein­sa­men Woh­nens. Sie beglei­ten etwa das Pro­jekt SchloR, das zum habi­TAT (öster­rei­chi­sche Vari­an­te des Miets­häusersyndikats, Anm. d. Red.) gehört. Wie hän­gen die­se Din­ge zusam­men?

Mich inter­es­siert das Rote Wien als Zeit einer rea­li­sier­ten Stadt- und Gesell­schafts­kon­zep­ti­on – mit allem was dar­an toll ist, aber auch was dar­an pro­ble­ma­tisch ist. Da ist viel errun­gen wor­den an Umver­tei­lung, an einer soli­den Basis, von der Wien heu­te noch zehrt, aber in einer sehr pater­na­lis­ti­schen Form. Des­halb inter­es­siert mich an die­ser Zeit zusätz­lich die Sied­ler­be­we­gung, also die Selbst­hil­fe­grup­pen, die am Rand der Stadt ange­fan­gen haben, Grund­stü­cke zu beset­zen und selbst zu bau­en. Die haben eigent­lich das rote Wien erst moti­viert. Die Poli­tik hat die­se Bewe­gung dann insti­tu­tio­na­li­siert und in ihr gro­ßes Pro­gramm inklu­diert. Das ist einer­seits toll, dass es den Raum dafür gege­ben hat, gleich­zei­tig wur­de damit Eigen­in­itia­ti­ve in eine für­sorg­li­che Stadt­struk­tur über­ge­führt.

Mich inter­es­siert selbst­ver­ständ­lich auch der anony­me Wohn­bau, die Mög­lich­keit bezahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen, ohne dass Men­schen sich selbst orga­ni­sie­ren müs­sen. Aber es gibt immer mehr Leu­te, die sich ein­brin­gen wol­len. Für die­se Men­schen kann man aus der Ener­gie und dem Poten­zi­al der Sied­ler­be­we­gung ler­nen, die ja auch schon damals von Archi­tek­tIn­nen unter­stützt wur­de. Ich sehe da Ähn­lich­kei­ten bei SchloR sowie einem ande­ren Pro­jekt von mir, dem inter­sek­tio­na­len Stadt­haus in der Grund­stein­gas­se. Es las­sen sich pla­ne­risch ja gar nicht so vie­le unter­schied­li­che Wohn­for­men den­ken, wie die Leu­te selbst im Kopf haben. Es inter­es­siert mich, dafür Mög­lich­kei­ten auf­zu­ma­chen, dass die gro­ßen und tol­len Ideen umge­setzt wer­den kön­nen. Eini­ge Pro­jek­te, die ich betreue, die könn­te ich nicht erfin­den, so groß­ar­tig hat die Grup­pe sie kon­zi­piert.

Was genau ist das inter­sek­tio­na­le Stadt­haus?

Der Begriff Inter­sek­tio­na­li­tät bezeich­net das Zusam­men­kom­men meh­re­rer Dis­kri­mi­nie­run­gen, etwa Frau und Migran­tin, oder les­bisch und behin­dert. Die­se Benach­tei­li­gun­gen poten­zie­ren sich, auch wenn es dar­um geht, Wohn­raum oder Arbeit zu fin­den. Im inter­sek­tio­na­len Stadt­haus haben soli­da­risch sozia­li­sier­te Men­schen, LGBTQ-Per­so­nen, Migran­tIn­nen zusam­men ein gan­zes Haus über drei Stock­wer­ke zu einer gro­ßen Wohn­ge­mein­schaft umge­baut. Das Haus hat kei­ne ver­schlos­se­ne Tür, kei­ne Wohn­ein­hei­ten. Es gibt Pri­vat­räu­me, die ganz klar einer Per­son gehö­ren, dazwi­schen ist alles Kol­lek­tiv­raum. Es gibt eine sehr gro­ße Küche im Erd­ge­schoß: Das bezieht sich auf his­to­ri­sche Kon­zep­te wie das Ein­kü­chen­haus – eine Ant­wort auf die Fra­ge, wie man auch Repro­duk­ti­ons­ar­beit gemein­sam orga­ni­sie­ren kann.

Sie haben die Wider­sprü­che des Roten Wien ange­spro­chen. Heu­te ist es in Wien Pra­xis, in Stadt­ent­wick­lungs­zo­nen Grund für Wohn­grup­pen zur Ver­fü­gung zu stel­len, gibt es da nicht auch wie­der die­sen Wider­spruch der von oben ver­ord­ne­ten Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on?

Es han­delt sich um Bau­trä­ger­wett­be­wer­be, in denen die Stadt Wien über ihren eige­nen Wohn­fonds Grund­stü­cke zu einem güns­ti­gen Preis wei­ter­gibt, nach dem Mot­to: Wer immer die­ses güns­ti­ge Grund­stück trotz explo­die­ren­der Grund­stücks­prei­se bekom­men will, muss im Wett­be­werb dar­stel­len, was er dar­auf Groß­ar­ti­ges hin­stel­len will. Das zeigt ein Inter­es­se dar­an, dass auch Bau­grup­pen zu sol­chen Grund­stü­cken kom­men sol­len. Aber sie müs­sen sich dem Wett­be­werb stel­len. Und es gibt fast immer zu wenig Grund­stü­cke für zu vie­le Bau­grup­pen. Da ist eine Grup­pe dann schnell in einem inten­si­ven Pro­zess invol­viert, der häu­fig mit einer Absa­ge endet. Es ist eine gön­ner­haf­te Art, zu sagen, wir geben euch ein Grund­stück, aber zu kom­pe­ti­ti­ven, neo­li­be­ra­len Bedin­gun­gen. Ich war für eine Grup­pe tätig, die sich schon oft­mals mit unter­schied­lichs­ten Kon­zep­ten und Archi­tek­tIn­nen erfolg­los bewor­ben hat, das ist dann zum Ver­zwei­feln.

Auf der ande­ren Sei­te ist es – mit Recht, fin­de ich – Teil des Deals, dass die­se Grup­pen auch der Öffent­lich­keit etwas zurück­ge­ben, schließ­lich hat die Öffent­lich­keit das mit bezahlt. Wenn es dann etwa einen gro­ßen Gemein­schafts­raum im Erd­ge­schoß gibt, dann soll­te die­ser auch von ande­ren benutzt wer­den kön­nen. Da muss man sich nicht beson­ders dafür bedan­ken, und das soll­te auch sehr trans­pa­rent gemacht wer­den. Das bringt dann auch wie­der einen Vor­teil für die Stadt, denn so bele­ben die Bau­grup­pen den Stadt­teil.

Es gäbe aber viel mehr Poten­zi­al, wenn die Leu­te nicht in die­sen Wett­be­werb müss­ten. Die Mög­lich­keit der Eigen­in­itia­ti­ve soll­te offe­ner sein, auch für Grup­pen, die sich kei­nen Wett­be­werb leis­ten kön­nen. Jetzt han­delt es sich weit­ge­hend um wei­ße Mit­tel­schichts­pro­jek­te für Leu­te, die es sich leis­ten kön­nen, die wis­sen wo gera­de ein Ver­fah­ren läuft, die das rich­ti­ge Archi­tek­tur­bü­ro ken­nen usw.

Nun zum The­ma öffent­li­cher Raum: Sie haben einen Nicht-Bebau­ungs­plan für den Donau­ka­nal gemacht, was ist damit gemeint? Und es hat dann doch eine Bür­ger­initia­ti­ve gebraucht, um den auch umzu­set­zen. Kön­nen Sie dar­über etwas mehr erzäh­len?

Die­se Syn­er­gien zwi­schen der Pla­nung – was ja eigent­lich ein Top-down-Ansatz war, denn wir haben das ja im Auf­trag der Stadt gemacht – und der Akti­vie­rung des Pro­jekts durch einen Bot­tom-up Pro­zess: das fand ich sehr inter­es­sant. Wir, mei­ne Kol­le­gin Sus­an Kraupp und ich, soll­ten die­sen Nicht­be­bau­ungs­plan gar nicht so nen­nen, das klang zu nega­tiv, zu sehr nach »Nicht« für die Stadt. Er heißt jetzt offi­zi­ell »Rah­men­plan öffent­li­cher Raum«. Und er war in sei­ner Expli­zit­heit fast zu streng für die Stadt, er soll­te auch nicht publi­ziert wer­den. Dann kam die Bürger­initiative »Donauca­na­le für alle!« weil ein Gas­tro­nom ein Lokal für 800 Per­so­nen errich­ten woll­te, auf einer der Wie­sen, die als nicht zu bebau­en aus­ge­wie­sen ist. Die Initia­ti­ve bezog sich auf unse­ren Plan. Es ist trau­rig, dass es das braucht, aber auch schön, dass das mög­lich war. Das Poten­zi­al in die­sem Plan ist nur akti­vier­bar, wenn die Gesell­schaft auch sagt, wir wol­len, dass er umge­setzt wird, es braucht die­se Alli­anz.

Gera­de jetzt nach Coro­na wird die Fra­ge der Ver­tei­lung des öffent­li­chen Raums wie­der span­nend. Coro­na hat uns gezeigt, dass sie drin­gen­der ist als je, vor allem in den Städ­ten. Und da fängt das Geran­gel um die Ver­tei­lung schon an. Die Gas­tro­no­men sol­len grö­ße­re Außen­gas­tro­no­mie machen kön­nen, damit sie wie­der mehr Geschäft machen. Aber auf der ande­ren Sei­te fehlt eben der Platz jetzt schon, die Wie­sen, die Gär­ten, die Parks sind super­voll an Sonn­ta­gen. Da wird man auf­pas­sen müs­sen, dass nicht ange­fan­gen wird, zu (ver)ordnen, wer darf was und wer nicht. Viel­mehr müss­te es jetzt dar­um gehen, mas­siv aus­zu­wei­ten und zu sichern, dass der öffent­li­che Raum nicht wei­ter kom­mer­zia­li­siert oder pri­va­ti­siert wird.

Sie bezeich­nen den öffent­li­chen Raum auch häu­fig als Com­mons. Nun ist es ja so, dass Com­mons nicht ein­fach da sind, da müs­sen auch Nut­zungs­kon­flik­te bear­bei­tet, Nut­zungs­re­geln gefun­den wer­den. Ist das eine Auf­ga­be für Architekt*innen sich in die­se Pro­zes­se ein­zu­brin­gen?

Das Archi­tek­tur­feld ist sehr breit, es gibt auch Pla­ne­rIn­nen, die Teil­ha­be­pro­zes­se beglei­ten, Kon­flikt­ma­nage­ment machen usw. Aber, wenn man es klas­si­scher angeht, wäre eine wich­ti­ge Über­le­gung, die Balan­ce zu fin­den zwi­schen mini­ma­ler Gestal­tung und Defi­ni­ti­on und maxi­ma­ler Frei­hal­tung. Wenn da näm­lich nichts ist, kommt eine Inves­to­rin und sagt, da muss was hin. Der Raum soll­te also klar von der Öffent­lich­keit besetzt und als öffent­li­cher Raum erkenn­bar sein. Aber wenn zu viel Struk­tur da ist, ist er über­de­ter­mi­niert. Es braucht aber Frei­raum, damit unter­schied­li­che Men­schen ihn unter­schied­lich nut­zen kön­nen. Und es braucht einen maxi­ma­len Grad an öffent­li­cher Infra­struk­tur. Zum Bei­spiel damit sich etwa auch Eltern mit einem behin­der­ten Kind dort auf­hal­ten kön­nen.

Die Ver­tei­lung von Raum wird ein städ­ti­sches Zukunfts­the­ma und ein The­ma zwi­schen Stadt und Land. Es zeigt sich hier über­deut­lich, was auch auf ande­re Berei­che zutrifft: unglei­che Ver­tei­lung, Ent­wick­lung, Zugangs­mög­lich­kei­ten. Es gibt kein Stück Land mehr bei uns, das nicht in Gefahr ist, zu Spe­ku­la­ti­ons­zwe­cken genutzt zu wer­den. Hier müs­sen wir schau­en, wie wir das im öffent­li­chen Eigen­tum behal­ten kön­nen.

Link: http://​www​.gabu​heindl​.at

Das Buch »Stadt­kon­flik­te. Radi­ka­le Demo­kra­tie in Archi­tek­tur und Stadt­pla­nung« erschien im August im Man­del­baum Ver­lag. Eine Rezen­si­on könnt ihr in der nächs­ten Aus­ga­be der CONTRASTE lesen.

Titel­bild: Gabu Heindl

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