[GAM:] Krise, Pandemie und die drohende Flut der Corona-LeugnerInnen

Mar­tin Such­anek, Info­mail 1116, 1. Sep­tem­ber 2020

Die zwei­te Wel­le der Coro­na-Leug­ne­rIn­nen, von Quer­den­ken 711 über die AfD, diver­se rech­te und rechts­ra­di­ka­le Ver­ei­ni­gun­gen bis zu Reichs­bür­ge­rIn­nen, Iden­ti­tä­rer Bewe­gung und offe­nen Faschis­tIn­nen droht, zu einer regel­rech­ten Flut zu wer­den.

An die 40.000 ver­sam­mel­ten sich am 29. August in Ber­lin. Gegen­über dem 1. August ver­dop­pel­te sich die Zahl der Teil­neh­me­rIn­nen.

Zwei­fel­los stie­gen der Ein­fluss und die Mobi­li­sie­rungs­kraft der extre­men Rech­ten. Das wur­de nicht nur bei der Erstür­mung der Trep­pe zum Par­la­ment durch hun­der­te Reichs­bür­ge­rIn­nen deut­lich, son­dern war auch für die 1.000 bis 2.000 Lin­ken sicht­bar, die gegen den reak­tio­nä­ren Spuk pro­tes­tier­ten. Vor der rus­si­schen Bot­schaft und auf der Stra­ße Unter den Lin­den waren zahl­rei­che Reichs­kriegs- sowie rus­si­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Fah­nen sicht­bar – alle­samt ein getreu­es Kenn­zei­chen der Demo­kra­tie, die sie in der Herr­schaft Trumps, Putins und im Deut­schen Reich offen­bar als veri­ta­ble Alter­na­ti­ven zur „Mer­kel-Dik­ta­tur“ erbli­cken.
Hin­ter dem gan­zen Gere­de von Demo­kra­tie, Grund­rech­ten, dem Ruf nach einer ver­fas­sung­ge­ben­den Ver­samm­lung steckt der Auf­schrei nach einer auto­ri­tä­ren, ple­bis­zi­tä­ren „Ord­nung“, die deut­schen (Klein-)BürgerInnen wie­der Sicher­heit und „Frei­heit“ garan­tie­ren soll.

Zwei­fel­los ver­ste­hen die unter­schied­li­chen Kräf­te in der Bewe­gung dar­un­ter Ver­schie­de­nes. Ihr eini­gen­des Band bil­det aber nicht nur die Ableh­nung aller Coro­na-Maß­nah­men der Regie­rung, die Leug­nung der rea­len Gefahr, die die Pan­de­mie für die Gesund­heit von Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen bedeu­tet, und die For­de­rung nach Auf­he­bung aller (!) Maß­nah­men des Hygie­neschut­zes.

Dabei lässt sich schon allein dar­an der wirk­li­che, reak­tio­nä­re Cha­rak­ter der Mobi­li­sie­rung erken­nen, der auch nicht ver­schwin­den wür­de, wenn kein/​e einzige/​r Rechtsextreme/​r bei den Aktio­nen dabei gewe­sen wäre. Die For­de­rung von Quer­den­ken 711, diver­sen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ke­rIn­nen, Impf­geg­ne­rIn­nen und „Skep­ti­ke­rIn­nen“ läuft schließ­lich auf nichts weni­ger hin­aus als die Auf­he­bung jedes Gesund­heits­schut­zes – fak­tisch auf ein Todes­ur­teil für Zehn­tau­sen­de. Dass dabei auch noch eini­ge Ver­wirr­te aus der sog. Frie­dens­be­we­gung mit­lau­fen, macht die Sache nicht bes­ser.

Nazis und Rechtsradikale

Zwei­fel­los sind die meis­ten der rund 40.000 Teil­neh­me­rIn­nen der Kund­ge­bung und erst die sehr viel zahl­rei­che­ren Anhän­ge­rIn­nen im gan­zen Land kei­ne Nazis und haben wohl auch nicht vor, sich in nächs­ter Zeit einer faschis­ti­schen oder offen rechts­ra­di­ka­len Grup­pie­rung wie dem Drit­ten Weg, der NPD, den Reichs­bür­ge­rIn­nen oder der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung anzu­schlie­ßen. Mit der rechts­po­pu­lis­ti­schen AfD, die mitt­ler­wei­le voll auf den Zug der Bewe­gung auf­ge­sprun­gen ist, ver­hält es sich wahr­schein­lich anders. Sie sieht durch­aus zu Recht die Chan­ce, nicht nur Mit­glie­der, son­dern auch Wäh­le­rIn­nen in gro­ßer Zahl zu gewin­nen.

Die ver­schie­de­ne rechts­ra­di­ka­len bis faschis­ti­schen Grup­pie­run­gen ver­su­chen sich, als ent­schlos­sens­ter Teil der Bewe­gung, als deren völ­ki­scher, mili­tan­ter, faschis­ti­scher Arm zu prä­sen­tie­ren und damit auch die vor­han­de­ne rea­le Wut und Exis­tenz­angst der Mas­sen anzu­spre­chen. Sie sind, das wur­de am 29. August ein­mal mehr deut­lich, aner­kann­te Bünd­nis­part­ne­rin­nen der Orga­ni­sa­to­rIn­nen um Quer­den­ken 711. Auch von der gro­ßen Mas­se der Demons­trie­ren­den wer­den sie nicht bloß „gedul­det“, son­dern als Bünd­nis­part­ne­rIn­nen gegen die Regie­rung und deren „Coro­na-Dik­ta­tur“ begrif­fen. Daher ficht sie der Vor­wurf nicht an, dass sie mit Nazis mar­schie­ren wür­den. Sie wis­sen das ohne­hin, neh­men es bil­li­gend in Kauf und glau­ben wahr­schein­lich sogar, die Rechts­ex­tre­men für ihre Zwe­cke aus­nut­zen zu kön­nen.

Damit bil­den die Aktio­nen zwei­fel­los einen frucht­ba­ren Nähr­bo­den für die extre­me Rech­te, auch wenn sie zur Zeit noch weit davon ent­fernt ist, sie poli­tisch zu domi­nie­ren, und die Mas­se der Teil­neh­me­rIn­nen von ande­ren Kräf­ten mobi­li­siert wird. Wie stark die faschis­ti­schen und halb­fa­schis­ti­schen Kräf­te schon sind, offen­bar­te der 29. August nicht nur bei der medi­al spek­ta­ku­lä­ren Erstür­mung der Trep­pe des Par­la­ments durch Reichs­bür­ge­rIn­nen. Ins­ge­samt waren meh­re­re Tau­send Nazis, Rechts­ra­di­ka­le und deren Umfeld am Start, sie mach­ten min­des­tens 10, viel­leicht sogar 20 % der Teil­neh­me­rIn­nen aus.

Rechtspopulismus

Dass die Mas­se der Teil­neh­me­rIn­nen selbst nicht faschis­tisch ist, stellt aber nicht nur des­halb kei­nen Grund zu Beru­hi­gung dar. Der von Regie­rung, bür­ger­li­chen Medi­en, aber auch vie­len lin­ken Grup­pie­run­gen und Gegen­mo­bi­li­sie­run­gen vor­ge­tra­ge­ne Haupt­kri­tik­punkt, dass sich Micha­el Ball­weg und Quer­den­ken 711 von Rechts­ra­di­ka­len, Nazis, Reichs­bür­ge­rIn­nen, der QAnon-Sek­te und ande­ren „instru­men­ta­li­sie­ren“ lie­ßen, greift viel zu kurz. Die von Ball­weg gegrün­de­te „Bewe­gung“ gegen die Coro­na-Poli­tik, Quer­den­ken 711, gerät dabei näm­lich aus dem Blick, als bestün­de das Pro­blem nur dar­in, dass auch Nazis und Rechts­ra­di­ka­le mit­lau­fen.

Es liegt aber gera­de dar­in, dass in den letz­ten Mona­ten vor allem eine neue, gefähr­li­che rechts­po­pu­lis­ti­sche Bewe­gung ent­stan­den ist. Ursprüng­lich vor allem gegen die Coro­na-Maß­nah­men der Regie­rung gerich­tet, for­dert sie jetzt ein Ende des „Mer­kel-Regimes“ und ihrer „Dik­ta­tur“. Ball­wegs Bewe­gung sucht dabei nicht nur die Koope­ra­ti­on mit AfD und noch rech­te­ren Kräf­ten wie der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung oder mit Figu­ren wie Ken Jeb­sen, son­dern trifft sich auch schon Mal mit Max Otte von der Wer­te­uni­on.

Quer­den­ken 711 reiht sich unter die rechts­po­pu­lis­ti­schen Kräf­te ein, die in den letz­ten Jah­ren in vie­len Län­dern ent­stan­den sind. Irra­tio­na­le, wis­sen­schafts­feind­li­che Kri­tik an der Coro­na-Gefahr und den Maß­nah­men zum Gesund­heits­schutz ver­knüpft sie mit einer dem­ago­gi­schen Kri­tik an der „Eli­te“, die die „ehr­lich arbei­ten­den“ Men­schen, also vor allem die flei­ßi­gen (Klein-)UnternehmerInnen in den Ruin trei­ben wür­de. Die Coro­na-Maß­nah­men ent­pup­pen sich so als Teil einer Ver­schwö­rung von Bill Gates, Ange­la Mer­kel, dem „Main­stream“ der Viro­lo­gIn­nen …, die die Wirt­schaft in ihrem Inter­es­se mit unlau­te­ren, ver­schwö­re­ri­schen Mit­teln ummo­deln wol­len und zudem die Welt mit der Coro­na-Dik­ta­tur über­zie­hen.

Dabei grei­fen sie zwar rea­le Pro­ble­me wie die Aus­schal­tung demo­kra­ti­scher Rech­te und den dro­hen­den Ruin der „hart Arbei­ten­den“ auf, wor­un­ter Gewer­be­trei­ben­de, Kapi­ta­lis­tIn­nen (außer Men­schen wie z. B. Bill Gates) und auch Lohn­ab­hän­gi­ge ver­stan­den wer­den. Schuld an der Kri­se sind nicht Rezes­si­on und Markt­wirt­schaft, son­dern deren Ein­schrän­kung auf­grund der Pan­de­mie, die Schlie­ßung von Unter­neh­men, Schu­len, öffent­li­cher Ein­rich­tun­gen im Inter­es­se der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung.

Der Ruf nach Frei­heit und Demo­kra­tie nimmt frei­lich einen eigen­tüm­li­chen Cha­rak­ter an. Nicht die rea­len Angrif­fe auf die „Demo­kra­tie“, z. B. die Ent­rech­tung von Migran­tIn­nen, die Abrie­ge­lung der EU-Außen­gren­zen, die Ein­schrän­kun­gen des Streik- und Demons­tra­ti­ons­rechts wer­den kri­ti­siert, son­dern der „Mas­kenzwang“ beim Ein­kau­fen und in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Fal­len sol­len vor allem die Ein­schrän­kun­gen des Geschäfts­le­bens wie Abstands­re­geln und Hygie­ne­vor­schrif­ten in Gas­tro­no­mie und Geschäf­ten, an Schu­len und in der Arbeits­welt.

Wo der Ruf nach „Frei­heit“ kon­kret wird, ent­puppt er sich als sol­cher nach rück­sichts­lo­ser Ver­fol­gung der Geschäfts­in­ter­es­sen der Klein­un­ter­neh­men, der Waren­pro­du­zen­tIn­nen. Dafür wird die Gesund­heits­ge­fähr­dung ande­rer Men­schen, von Kun­dIn­nen und Beschäf­tig­ten bil­li­gend in Kauf genom­men. Die Coro­na-Leu­gung wird so zum zen­tra­len Bestand­teil einer Poli­tik des unge­brems­ten Ego­is­mus, der Frei­heit der/​s Pri­vat­ei­gen­tü­me­rIn.

Zulauf

Ist auch ziem­lich alles an den Argu­men­ten und Vor­be­hal­ten zu Coro­na falsch, ver­kehrt, ja gera­de­zu gemein­ge­fähr­lich, erhebt sich doch die Fra­ge, war­um eine sol­che Poli­tik, eine sol­che Bewe­gung Mas­sen­zu­lauf erhält – und zwar nicht nur von Nazis und Rechts­ra­di­ka­len, son­dern aus dem Klein­bür­ge­rIn­nen­tum, den Mit­tel­schich­ten, von Unter­neh­me­rIn­nen wie auch poli­tisch rück­stän­di­gen und frus­trier­ten Arbei­te­rIn­nen.

Der Grund dafür ist ein­fach. Die Exis­tenz­angst des Klein­bür­ge­rIn­nen­tums, klei­ner Unter­neh­me­rIn­nen und erst recht der Mas­se der Bevöl­ke­rung ist real. Die gegen­wär­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se zei­tigt schon jetzt ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen – und dabei sind die­se zum Teil noch „sozi­al“ abge­fe­dert.

Natür­lich wer­den sie letzt­lich nicht die Klein­un­ter­neh­me­rIn­nen und des Klein­bür­ge­rIn­nen­tum an hef­tigs­ten tref­fen, son­dern die Arbei­te­rIn­nen­klas­se in Form von dro­hen­den Mas­sen­ent­las­sun­gen, die pro­le­ta­ri­schen Frau­en, Migran­tIn­nen und Geflüch­te­te oder pre­kär Beschäf­tig­te.

Doch gro­ße Tei­le des Pro­le­ta­ri­ats wur­den schon lan­ge vor der Kri­se, im Grun­de seit den Hartz-Geset­zen und Agen­da 2010, nach unten gedrückt. Auf die­se Men­schen bezie­hen sich Ball­weg und Quer­den­ken auch nicht wirk­lich, für sie gibt es in den gan­zen Reden kei­ne kon­kre­ten For­de­run­gen. Einen Bezug auf den Kampf gegen Ent­las­sun­gen, die For­de­rung nach ent­schä­di­gungs­lo­ser Ver­staat­li­chung von Unter­neh­men, die mit Ent­las­sun­gen dro­hen, das Ein­tre­ten für armuts­si­che­re Ren­ten, Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung oder einen Min­dest­lohn von 13,50 Euro/​Stunde wird man bei den Quer­den­ke­rIn­nen ver­geb­lich suchen. Erst recht fin­det sich nichts zum Gesund­heits­schutz von Beschäf­tig­ten oder durch Coro­na beson­ders gefähr­de­ter Men­schen. Sol­che Maß­nah­men erschei­nen viel­mehr als Teil einer „Dik­ta­tur“, die den Men­schen scha­den wür­den, weil sie „die Wirt­schaft“ ein­schrän­ken.

Sinn macht die­se men­schen­ver­ach­ten­de Rück­sichts­lo­sig­keit, die sich ohne Coro­na-Leug­nung nicht recht­fer­ti­gen lie­ße, jedoch vom Stand­punkt der/​s ein­zel­nen Unter­neh­me­rIn. Da sie/​er auf­grund von Maß­nah­men des Hygie­neschut­zes ihren/​seinen Geschäf­ten nicht oder nur ein­ge­schränkt nach­ge­hen kann, müs­sen die­se weg. Mit die­ser For­de­rung ver­sucht sie/​er, auch die/​den poli­tisch rückständige/​n Lohnabhängige/​n ins Boot zu holen, die/​der dann auch wie­der arbei­ten „dür­fe“.

Im letz­ten Jahr­zehnt und beson­ders in der aktu­el­len Kri­se sorgt sich ein wich­ti­ger Teil des Klein­bür­ger­tums nicht nur um sei­ne Exis­tenz, er ver­liert auch zuneh­mend Ver­trau­en in „sei­ne“ Par­tei­en, in das eta­blier­te poli­ti­sche Sys­tem. Dies zeig­te sich schon in der sog. Flücht­lings­kri­se. Auch die Mas­sen­mi­gra­ti­on wur­de zu einer Ver­schwö­rung der „Eli­te“, zur ver­such­ten Umvol­kung sti­li­siert, ganz wie die sog. Kli­ma-Sek­ti­ke­rIn­nen bei Umwelt­schutz und öko­lo­gi­schem Umbau ihren Ruin fürch­ten. Die Coro­na-Leug­ne­rIn­nen stel­len eine wei­te­re Form die­ser Absetz­be­we­gung dar, die zu einem noch­ma­li­gen Erstar­ken des Rechts­po­pu­lis­mus – und in sei­nem Fahr­was­ser auch des Faschis­mus – zu füh­ren droht.

Der Rechts­po­pu­lis­mus rekru­tiert sei­ne Anhän­ge­rIn­nen vor­nehm­lich unter jenen Klas­sen und Schich­ten, die über Jahr­zehn­te Stüt­zen der Nach­kriegs­ord­nung, der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Demo­kra­tie waren. Quer­den­ken 711 könn­te in Ver­bin­dung mit der AfD und all ihren Flü­geln zu einer wei­te­ren Bele­bung und Ver­brei­te­rung die­ser reak­tio­nä­ren klein­bür­ger­li­chen Kraft in Bewe­gungs- wie in Par­tei­form bei­tra­gen. Ihr Ziel ist, wie bei ähn­li­chen For­ma­tio­nen in den USA, Latein­ame­ri­ka oder ande­ren euro­päi­schen Län­dern, die „radi­ka­le“ Umwand­lung des bestehen­den Sys­tems, also die Stär­kung sei­ner auto­ri­tä­ren, repres­si­ven, bona­par­tis­ti­schen und anti­de­mo­kra­ti­schen Ele­men­te. Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus sowie ein reak­tio­nä­rer völ­ki­scher, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Dis­kurs bil­den den not­wen­di­gen Kitt, um die gegen­sätz­li­chen sozia­len Grup­pie­run­gen zusam­men­zu­hal­ten, die der Popu­lis­mus zu ver­ei­nen sucht. Das „Volk“, die ima­gi­nä­re Ein­heit aller Klas­sen, muss beschwo­ren wer­den, um einer auto­ri­tä­ren Herr­schaft des Kapi­tals den Weg zu berei­ten.

Dies ist wie­der­um ein Grund, war­um faschis­ti­sche oder halb­fa­schis­ti­sche Bewe­gun­gen an Grup­pie­run­gen wie Quer­den­ken 711 leicht anknüp­fen kön­nen. Der Rechts­po­pu­lis­mus stellt somit eine dop­pel­te Gefahr dar. Einer­seits die dro­hen­de Umge­stal­tung der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se im Sin­ne der herr­schen­den Klas­se, die sich dabei auf eine reak­tio­nä­re Volks­be­we­gung gegen die Lin­ke und die Arbei­te­rIn­nen­klas­se stützt. Ande­rer­seits berei­tet er auch den Boden für eine noch radi­ka­le­re, faschis­ti­sche Kri­sen­lö­sung vor, soll­te sich die auto­ri­tä­re, bona­par­tis­ti­sche Umge­stal­tung der Ver­hält­nis­se als unzu­rei­chend oder unmög­lich erwei­sen.

Wie den Kampf führen?

Die Bedro­hung durch den Rechts­po­pu­lis­mus darf daher kei­nes­wegs unter­schätzt wer­den. Um ihn erfolg­reich zu füh­ren, rei­chen frei­lich nicht Auf­klä­rung oder anti­ras­sis­ti­sche oder anti­fa­schis­ti­sche Gegen­mo­bi­li­sie­rung.

Der Rechts­po­pu­lis­mus zieht sei­ne Kraft letzt­lich aus den kri­sen­haf­ten Ver­wer­fun­gen der Gesell­schaft, aus dem rea­len oder dro­hen­den Ruin gan­zer Schich­ten. Er kann daher nur gestoppt wer­den, wenn ihm die­ser Nähr­bo­den ent­zo­gen wird. Das wie­der­um erfor­dert, dass die Arbei­te­rIn­nen­klas­se als gesell­schaft­li­che Kraft, als Alter­na­ti­ve zur herr­schen­den Klas­se und ihrer Regie­rung in Erschei­nung tritt.

Doch genau hier liegt ein ent­schei­den­des Pro­blem. Die Gewerk­schafts­füh­run­gen, die Spit­zen der Kon­zern­be­triebs­rä­te, die refor­mis­ti­schen Par­tei­en SPD und Links­par­tei tre­ten als Regie­rungs­ge­hil­fen, bes­se­re Kri­sen­ver­wal­te­rIn­nen, Sozi­al- und Stand­ort­part­ne­rIn­nen des Groß­ka­pi­tals oder – wie bei der Links­par­tei – allen­falls als lin­ke Bera­te­rIn­nen der Regie­rung in Erschei­nung.

Das ermög­licht es erst dem Rechts­po­pu­lis­mus, als schein­bar radi­ka­le Oppo­si­ti­on in Erschei­nung zu tre­ten. In der tiefs­ten Kri­se des Kapi­ta­lis­mus ver­tritt er eine Poli­tik, die die Regie­rung anpran­gert, die eine radi­ka­le Ver­än­de­rung, den Kampf gegen die „Eli­te“ und die „Dik­ta­tur“ ver­spricht. Er trifft damit trotz sei­ner reak­tio­nä­ren For­de­run­gen und trotz sei­nes Irra­tio­na­lis­mus ein rea­les gesell­schaft­li­ches Bedürf­nis nach Ver­än­de­rung. Er spricht auf reak­tio­nä­re Wei­se an, dass das Sys­tem selbst das Pro­blem dar­stellt.

Die Regie­rung, aber auch die Füh­run­gen der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung ver­tre­ten dem­ge­gen­über den Sta­tus quo. Der Ber­li­ner Innen­se­na­tor und rech­te Sozi­al­de­mo­krat Gei­sel wür­de am liebs­ten alle Demons­tra­tio­nen ver­bie­ten, die sich gegen das bür­ger­li­che Sys­tem und den Kapi­ta­lis­mus rich­ten bzw. die Sym­bo­le die­ser Ord­nung „beschmut­zen“. Mit dem ver­such­ten Ver­bot der Demons­tra­ti­on der Coro­na-Geg­ne­rIn­nen schei­ter­te er zwar vor den Gerich­ten, aber die nächs­te Ein­schrän­kung demo­kra­ti­scher Rech­te wird schon vor­be­rei­tet.

Die­se rich­tet sich natür­lich sicher nicht nur gegen Nazis oder Rech­te, sie wird, wie immer in sol­chen Fäl­len, auch gegen die Lin­ke und die Arbei­te­rIn­nen­klas­se ver­wen­det wer­den. Mit der­sel­ben Begrün­dung, mit der die Ber­li­ner Ver­samm­lungs­be­hör­de die Coro­na-Demos ver­bie­ten las­sen woll­te, kann natür­lich auch jede Blo­cka­de gegen die Räu­mung von Woh­nun­gen, jede kämp­fe­ri­sche Mas­sen­de­mons­tra­ti­on ille­ga­li­siert wer­den. Dass Gei­sel und erst recht die staat­li­che Büro­kra­tie und der Poli­zei­ap­pa­rat genau das auch vor­ha­ben, haben sie schon hin­läng­lich bewie­sen – in Ber­lin jüngst bei der Räu­mung der lin­ken Kiez­knei­pe Syn­di­kat.

Im Kampf gegen Rechts­po­pu­lis­mus und Faschis­mus dür­fen wir uns daher nicht auf den Staat oder auf Ver­bo­te ver­las­sen, die sich letzt­lich eben­so gegen die Lin­ke und die Arbei­te­rIn­nen­klas­se rich­ten wer­den. Wir müs­sen selbst mobi­li­sie­ren. Dass gegen den schau­ri­gen Auf­marsch der Coro­na-Leug­ne­rIn­nen am 29. August nur 1.000 – 2.000 Men­schen demons­trier­ten, dass nicht nur die Gewerk­schaf­ten und alle Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen bis auf ein­zel­ne Aus­nah­men fehl­ten, son­dern auch gro­ße Teil der „radi­ka­len“ Lin­ken mit Abwe­sen­heit glänz­ten, ist eine Schan­de. Der 29. August muss ein Weck­ruf, ein Alarm­si­gnal an alle sein.

Der Auf­marsch der 40.000 soll­te deut­lich machen, dass wir nicht län­ger auf die refor­mis­ti­schen und gewerk­schaft­li­chen Appa­ra­te war­ten dür­fen, um eine Bewe­gung gegen die Abwäl­zung der Kos­ten von Kri­se und Pan­de­mie auf­zu­bau­en. Der Kampf gegen den Rechts­po­pu­lis­mus wird nicht allein bei Gegen­mo­bi­li­sie­run­gen ent­schie­den. Wir müs­sen dar­an gehen, eine Bewe­gung auf­zu­bau­en, die eine klas­sen­kämp­fe­ri­sche Alter­na­ti­ve zur Poli­tik der Kri­sen­ver­wal­tung im Kon­zern­in­ter­es­se ver­deut­licht.

Sie muss natür­lich ver­su­chen, die Gewerk­schaf­ten und refor­mis­ti­schen Appa­ra­te zum Kampf zu zwin­gen. Auch des­halb ist es nötig, die Initia­ti­ve zu ergrei­fen, um mit Demons­tra­tio­nen und Aktio­nen sicht­bar zu wer­den, Tarif­kämp­fe, anti­ras­sis­ti­sche und anti­fa­schis­ti­sche Mobi­li­sie­run­gen und die Umwelt­be­we­gung zu unter­stüt­zen, um über­haupt die nöti­ge Kraft zu ent­fal­ten, um die gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen zur Mobi­li­sie­rung zu zwin­gen.

Eine Anti­kri­sen­be­we­gung kann so zu einer Alter­na­ti­ve für den Kampf in den Betrie­ben, Büros, an Schu­len und im Stadt­teil wer­den. Es ist Zeit auf­zu­wa­chen, ansons­ten wird es ein noch böse­res Erwa­chen geben.

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