[gfp:] Im transpazifischen Kalten Krieg

Verhältnis zu China: „kompliziert“

Im Zen­trum der heu­te zu Ende gehen­den Euro­pa­rei­se des chi­ne­si­schen Außen­mi­nis­ters Wang Yi steht das Bemü­hen, einen umfas­sen­den trans­at­lan­ti­schen Schul­ter­schluss gegen die Volks­re­pu­blik zu ver­hin­dern. US-Außen­mi­nis­ter Mike Pom­peo hat­te Ende Juli in Lon­don die Schaf­fung einer „brei­ten Alli­anz“ gegen Bei­jing gefor­dert und erklärt, sämt­li­che Demo­kra­tien müss­ten „eine Koali­ti­on“ bil­den, um gemein­sam gegen die Volks­re­pu­blik vorzugehen.[1] Mit­te August hat­te der vor­ma­li­ge CIA-Direk­tor dann Polen, Tsche­chi­en, Slo­we­ni­en und Öster­reich bereist, um sei­ne anti­chi­ne­si­sche „Alli­anz“ zu för­dern. Ber­lin sucht den Schul­ter­schluss zu mei­den. Anfang August hat­te der Staats­mi­nis­ter im Aus­wär­ti­gen Amt Micha­el Roth in einem Namens­bei­trag erklärt, „das Ver­hält­nis der EU zu Chi­na“ sei „kom­pli­ziert“; Bei­jing sei zwar einer­seits „Sys­tem­ri­va­le“, ande­rer­seits aber auch – vor allem öko­no­misch – „wich­ti­ger Part­ner“: „Unse­re Volks­wirt­schaf­ten sind mit­ein­an­der ver­floch­ten, Zusam­men­ar­beit liegt im bei­der­sei­ti­gen Interesse.“[2] Ins­be­son­de­re erklär­te Roth, die von Washing­ton gefor­der­te „mög­lichst weit­ge­hen­de ‚Ent­kop­pe­lung’ von Chi­na“ sei „für die EU … kei­ne Opti­on“.

Das „Gesetz des Dschungels“

Wang sucht nun dem US-Druck etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Bereits am Diens­tag warn­te er auf der ers­ten Sta­ti­on sei­ner Euro­pa­rei­se in Rom, „ein neu­er kal­ter Krieg“ wer­de die gan­ze Welt als Gei­sel neh­men. Chi­na leh­ne ihn dezi­diert ab – und bie­te allen die Hand, „sich jedem zu wider­set­zen“, der ver­su­che, „uns wie­der in das ‚Gesetz des Dschun­gels’ zu ziehen“.[3] Die Äuße­rung war klar auf Washing­ton und sei­ne glo­bal zuneh­men­den uni­la­te­ra­len Aggres­sio­nen gemünzt. Kon­kret dien­te die Rei­se des Außen­mi­nis­ters nicht zuletzt dem Ziel, die Video­kon­fe­renz der EU mit Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping vor­zu­be­rei­ten, die für den 14. Sep­tem­ber ange­kün­digt ist; zudem stell­te Wang auf einer Ver­an­stal­tung am Sonn­tag in Paris in Aus­sicht, das geplan­te Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men zwi­schen der EU und Chi­na noch in die­sem Jahr zum Abschluss zu bringen.[4] Nach Auf­ent­hal­ten in Ita­li­en, Frank­reich, den Nie­der­lan­den und Nor­we­gen hält sich Wang am heu­ti­gen Diens­tag zu Gesprä­chen in der deut­schen Haupt­stadt auf. Zudem wird Chi­nas Spit­zen­di­plo­mat Yang Jie­chi, Mit­glied des Polit­bü­ros, noch die­se Woche in Grie­chen­land und Spa­ni­en erwar­tet – eben­falls ein Teil der Bemü­hun­gen Bei­jings, sei­ne Bezie­hun­gen zu Euro­pa zu sta­bi­li­sie­ren.

Eskalierende Sanktionen

Dies geschieht zu einem Zeit­punkt, zu dem die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihre Aggres­sio­nen gegen Chi­na bei­na­he täg­lich stei­gern. So hat die Trump-Admi­nis­tra­ti­on jüngst ihre Sank­tio­nen gegen Hua­wei so ver­schärft, dass nun alle Chip­her­stel­ler welt­weit, die auch nur in gerin­gem Maße US-Pro­duk­te nut­zen, dem chi­ne­si­schen Tele­kom­kon­zern kei­ner­lei Halb­lei­ter mehr lie­fern dür­fen. Auf­grund der bedeu­ten­den Stel­lung von US-Kon­zer­nen in der High-Tech-Bran­che läuft das auf einen kom­plet­ten Halb­lei­ter­boy­kott und womög­lich auf den Kol­laps des Unter­neh­mens nach dem Auf­brau­chen der vor­han­de­nen Reser­ven hin­aus, die Exper­ten zufol­ge allen­falls bis zum kom­men­den Früh­jahr reichen.[5] Die Trump-Admi­nis­tra­ti­on bedroht dar­über hin­aus chi­ne­si­sche Apps wie Tik­Tok oder WeChat mit dem Ver­bot – und ver­bin­det dies im Mafia-Stil mit dem Ange­bot, Tik­Tok zu einem per Ver­bots­dro­hung, also gewalt­sam gesenk­ten Preis an einen US-Kon­zern zu ver­kau­fen. Ver­gan­ge­ne Woche hat Washing­ton dar­über hin­aus Sank­tio­nen gegen 24 Unter­neh­men ver­hängt, die auf Inseln im Süd­chi­ne­si­schen Meer Akti­vi­tä­ten ent­fal­ten, dar­un­ter fünf Toch­ter­fir­men des Bau­kon­zerns CCCC (Chi­na Com­mu­ni­ca­ti­ons Con­struc­tion Com­pa­ny). Die Fol­gen sind noch nicht abschlie­ßend geklärt. Beschränk­ten sich die Sank­tio­nen auf einen Lie­fer­boy­kott, hät­ten sie wenig Fol­gen; CCCC kauft kaum US-Produkte.[6] Aller­dings ist unklar, ob sich Koope­ra­ti­ons­part­ner des Kon­zerns abschre­cken las­sen. CCCC, von US-Poli­ti­kern bereits viel­sa­gend als „Hua­wei der Infra­struk­tur“ eti­ket­tiert, führt annä­hernd 1.000 Pro­jek­te in mehr als 150 Staa­ten durch und spielt bei Bau­vor­ha­ben im Rah­men der Neu­en Sei­den­stra­ße eine her­aus­ra­gen­de Rol­le.

Militärische Provokationen

Dar­über hin­aus wei­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihre mili­tä­ri­schen Pro­vo­ka­tio­nen aus, ins­be­son­de­re im Süd­chi­ne­si­schen Meer. Dort hat die U.S. Paci­fic Fleet ihre Manö­ver ver­stärkt und mehr­mals gemein­sam mit Mari­ne­schif­fen Aus­tra­li­ens Kriegs­übun­gen durch­ge­führt, zum Teil in unmit­tel­ba­rer Nähe zu chi­ne­si­schen Schif­fen. Mit­te August trai­nier­ten B‑1- und B‑2-Bom­ber der U.S. Air For­ce in Ver­bin­dung mit einer US-Flug­zeug­trä­ger-Kampf­grup­pe nahe Japans und über dem Indi­schen Oze­an; ver­gan­ge­ne Woche durch­quer­te ein US-Len­kra­ke­tenz­er­stö­rer demons­tra­tiv die von Chi­na bean­spruch­ten Gewäs­ser um die Paracel-Inseln. Nur kurz zuvor war ein U‑2-Spio­na­ge­flug­zeug der U.S. Paci­fic Air For­ces unge­neh­migt in eine nord­ost­chi­ne­si­sche Flug­ver­bots­zo­ne ein­ge­drun­gen, wäh­rend die chi­ne­si­schen Streit­kräf­te dort ihrer­seits Übun­gen durch­führ­ten – ein ris­kan­ter Schritt, der auch in west­li­chen Mili­tär­krei­sen bestehen­de Befürch­tun­gen nährt, die USA könn­ten mit einem – gewoll­ten – Unfall eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung zu pro­vo­zie­ren suchen. Bei­jing hat in den ver­gan­ge­nen Tagen unter ande­rem mit vier gleich­zei­tig abge­hal­te­nen Manö­vern – im Süd- und im Ost­chi­ne­si­schen Meer, im Gel­ben Meer und im Golf von Bohai – klar­ge­stellt, dass es auf eine etwai­ge Ver­tei­di­gung gegen US-Angrif­fe vor­be­rei­tet ist. Zudem haben die chi­ne­si­schen Streit­kräf­te in einer Übung meh­re­re Rake­ten der Model­le DF-21D und DF-26B ins Süd­chi­ne­si­sche Meer gefeu­ert. Die DF-21D gilt als hoch­ef­fi­zi­en­te Anti­schiffs­ra­ke­te und wird daher auch „Car­ri­er Kil­ler“ genannt; die DF-26B kann gege­be­nen­falls den US-Mili­tär­stütz­punkt Guam im Pazi­fik errei­chen.

Kampagne gegen Beijing

In die­ser Situa­ti­on hat ein anti­chi­ne­si­sches Par­la­men­ta­rier­bünd­nis, in dem rech­te US-Hard­li­ner und deut­sche Grü­nen-Poli­ti­ker eine füh­ren­de Rol­le spie­len, die Euro­pa­rei­se des chi­ne­si­schen Außen­mi­nis­ters mit PR-Aktio­nen beglei­tet, die offen dar­auf zie­len, die Span­nun­gen noch wei­ter zu ver­schär­fen. Bei dem Bünd­nis han­delt es sich um die Inter-Par­lia­men­ta­ry Alli­an­ce on Chi­na (IPAC), einen Zusam­men­schluss, der auf Initia­ti­ve unter ande­rem des Grü­nen-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Rein­hard Büti­ko­fer gegrün­det wur­de; pro­mi­nen­tes Füh­rungs­mit­glied ist US-Sena­tor Mar­co Rubio, im IPAC-Bei­rat ist nicht zuletzt ein lang­jäh­ri­ger CIA-Spe­zia­list aktiv (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [7]). Die IPAC hat Pro­test­ak­tio­nen mit Hong­kong-Akti­vis­ten am Ran­de des Wang-Besuchs, Pro­test­brie­fe und in den Nie­der­lan­den eine angeb­li­che Ein­la­dung an Wang zum Gespräch über die Lage in Xin­jiang orga­ni­siert [8]; in Deutsch­land haben die drei IPAC-Mit­glie­der Micha­el Brand (CDU), Gyde Jen­sen (FDP) und Mar­ga­re­te Bau­se (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen) die Regie­rung auf­ge­for­dert, in den Gesprä­chen mit dem chi­ne­si­schen Außen­mi­nis­ter auf eine „zurück­hal­ten­de Spra­che“ zu ver­zich­ten und „Klar­text zu reden“ [9]. Vor­wand sind men­schen­recht­li­che Argu­men­te, die die IPAC-Mit­glie­der aller­dings gegen west­li­che Mäch­te nicht vor­brin­gen (völ­ker­rechts­wid­ri­ge Krie­ge gegen Jugo­sla­wi­en, Irak, Liby­en, Men­schen­rechts­ver­bre­chen im „Anti-Ter­ror-Krieg“, bei der EU-Flücht­lings­ab­wehr etc.). Fak­tisch begüns­tigt das Stör­ma­nö­ver den von der Trump-Admi­nis­tra­ti­on gewünsch­ten trans­at­lan­ti­schen Schul­ter­schluss gegen Bei­jing.

[1] S. dazu Teu­res „deco­u­pling“.

[2] S. dazu Die „Koali­ti­on der Ent­schlos­se­nen“.

[3] Star­ting a „new Cold War“ is to rever­se cour­se of histo­ry, kid­nap world: Chi­ne­se FM. xin​hua​net​.com 26.08.2020.

[4] Fré­dé­ric Scha­ef­fer, Vir­gi­nie Robert: Chi­ne-UE : un accord sur les inves­tis­se­ments pos­si­ble avant fin décembre. les​echos​.fr 30.08.2020.

[5] Kath­rin Hil­le, Edward White, Kana Ina­ga­ki: Chip and pho­ne sup­ply chain shaken as Hua­wei faces mor­tal thre­at. ft​.com 18.08.2020.

[6] Kate O’Ke­ef­fe, Chun Han Wong: U.S. Sanc­tions Chi­ne­se Firms and Exe­cu­ti­ves Acti­ve in Con­tes­ted South Chi­na Sea. wsj​.com 26.08.2020.

[7] S. dazu Der grü­ne Kal­te Krieg.

[8] Patrick Win­tour: China’s Euro­pean charm offen­si­ve dis­rup­ted by acti­vists. the​guar​di​an​.com 28.08.2020.

[9] Maas soll bei Besuch von Chi­nas Außen­mi­nis­ter Klar­text reden. spie​gel​.de 29.08.2020.

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