[gG:] Die Verschwörung der Allmächtigen?

Ein Bei­trag für eine anti-auto­ri­tä­re Dis­kus­si­on in Zei­ten der Covid-19 Pan­de­mie

> Aus der neu­en Kanaiile Nr.4 aus aktu­el­lem Anlass.
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> In letz­ter Zeit scheint es so, dass Ver­schwö­rungs­theo­rien auf einen frucht­ba­ren Boden gesto­ßen sind. Ein schwam­mi­ger Boden in Fol­ge der staat­li­chen Maß­nah­men gegen die Ein­däm­mung des Coro­na­vi­rus. Dabei gibt es, his­to­risch betrach­tet, Ver­bin­dun­gen zwi­schen Pan­de­mien und der Popu­la­ri­tät von Ver­schwö­rungs­theo­rien. Auch heu­te wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie hört man wie­der ver­stärkt Ver­schwö­rungs­theo­rien und sieht, wie die­se von einer viel­sei­ti­gen und brei­ten Mas­se auf­ge­nom­men wer­den. Die „Theo­rien“ über „Bill Gates und Co.“ die­nen nun den­je­ni­gen Men­schen als ver­ein­fach­te Lösungs­an­sät­ze, wel­che das ers­te mal die Auto­ri­tät des Staa­tes zu spü­ren bekom­men und mer­ken, dass etwas falsch läuft. Dabei ist dies nicht nur bedroh­lich, weil die­se Men­schen nun neben Faschist*innen und Rechtspopulist*innen auf die Stra­ße gehen, son­dern auch, weil sie eine anti-auto­ri­tä­re Kri­tik an den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen negie­ren.

Eine Kri­tik am staat­li­chen Umgang mit dem Coro­na­vi­rus ist not­wen­dig. Um so bedrü­cken­der ist es zu sehen, dass jeg­li­che Kri­tik in eine ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Ecke gedrängt wird – ohne sich mit der Kri­tik aus­ein­an­der­ge­setzt zu haben. So ist par­al­lel zu beob­ach­ten, dass der Vor­wurf der „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ zu einem poli­ti­schen Kampf­be­griff wur­de. Wel­cher ins­be­son­de­re der Regie­rung und ihren treu­en Freund*innen dazu dient, jeg­li­che Kri­tik ins Abseits zu drän­gen. Dabei han­delt es sich bei Ver­schwö­rungs­theo­rien, wie bei den meis­ten pau­scha­len Abweh­run­gen, um auto­ri­tä­re Cha­rak­te­ris­ti­ken und Reak­tio­nen.

Der fol­gen­de Text ver­sucht das auto­ri­tä­re Gesicht der Ver­schwö­rungs­theo­rien, oder viel eher den Irr­glau­ben an eine gehei­me all­mäch­ti­ge Ver­schwö­rung, auf­zu­zei­gen. Dies erscheint mir eine Not­wen­dig­keit, um eine anti-auto­ri­tä­re Dis­kus­si­on inner­halb des aktu­el­len Dis­kurs um die „Coro­na­kri­se“ zu ermög­li­chen. Andern­falls bewegt man sich zwi­schen der Ver­tei­di­gung irgend­wel­cher wir­ren Erklä­run­gen und der herr­schen­den Klas­sen (sowohl auf poli­ti­scher, als auch auf wis­sen­schaft­li­cher Ebe­ne).

Ver­schwö­rungs­theo­rien haben ein simp­les Bild der bestehen­den Ver­hält­nis­se. In deren Welt­erklä­rung gibt es kei­ne Wider­sprü­che der Herr­schaft, der Macht­kon­flik­te unter­schied­li­cher Struk­tu­ren und Akteur*innen oder kom­ple­xe­re Ver­bin­dun­gen. Aus die­ser Logik her­aus ist es kohä­rent, dass die Macht per­so­ni­fi­ziert wird: Die Herr­schaft wird auf eine klei­ne glo­ba­le Eli­te run­ter gebro­chen, wel­cher eine All­macht sug­ge­riert wird. An die­sem Punkt ist es nicht ver­wun­der­lich, dass Ver­schwö­rungs­theo­rien kei­ne Gren­zen zu Anti­se­mi­tis­mus zie­hen kön­nen. Alle basie­ren auf einem Bild, in dem es die „all­mäch­ti­gen Herr­schen­den“ gibt, wel­che sich zusam­men ver­schwo­ren haben. Dabei wird ein Geschichts­bild pro­pa­giert, in wel­chem es nur die eine Ver­gan­gen­heit gibt und die­se das Werk von Ein­zel­per­so­nen ist. Die­ses Bild löscht zugleich den Geist der Revol­te gegen jeg­li­che Herr­schaft und die Mög­lich­keit einer Umwäl­zung der Ver­hält­nis­se aus. Es gibt jedoch eine Viel­zahl von Geschich­ten und Les­ar­ten der Ver­gan­gen­heit. Die­se sind weni­ger das Werk von Ein­zel­per­so­nen, einer Ver­schwö­rung von Men­schen, oder einer linea­ren Ent­wick­lung, als viel­mehr Fol­gen eines Span­nungs­ver­hält­nis­ses. Die heu­ti­gen Mäch­ti­gen und Herr­schen­den erga­ben und erge­ben sich immer wie­der neu aus den bestehen­den Macht­ver­hält­nis­sen – Macht gehört nie per se einem selbst!

Hier viel­leicht zur Erläu­te­rung und um eine aktu­el­le Dis­kus­si­on auf­zu­grei­fen: Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) wird zu einem Fünf­tel durch Bei­trä­ge der Mit­glieds­staa­ten finan­ziert. Der Rest kommt von pri­va­ten Gel­dern, wie bspw. von der Bill und Melin­da Gates Foun­da­ti­on. Dar­aus fan­ta­sie­ren eini­ge Protagonist*innen von Ver­schwö­rungs­theo­rien eine allei­ni­ge Macht Gates über die WHO und die Gesund­heit von uns allen. Einer der Schwer­punk­te der Gates Foun­da­ti­on ist die Ent­wick­lung und Ver­brei­tung von Impf­stof­fen. Dar­um glau­ben Impfgegner*innen, dass Bill Gates nun die Macht bekommt, einen Impf­zwang durch­zu­set­zen. Neben der Infra­ge­stel­lung der allei­ni­gen Macht Gates über die WHO, geht es dar­um, Macht in Bezug auf die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zu unter­su­chen. Bill Gates hat nicht etwa einen gewis­sen Ein­fluss auf die Gesund­heits­po­li­tik, weil er einer ver­meint­lich gehei­men Eli­te zuge­hört. Gates hat eine gewis­se mäch­ti­ge Stel­lung in den bestehen­den Ver­hält­nis­sen, wel­che sich u.a. durch Geld, Eigen­tum und Mono­po­li­sie­rung ergibt. Die­se Macht, wenn man so will, ergibt sich jedoch aus einem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem, in wel­chem Alles zur Ware wird. So wird eben auch die Gesund­heit, bzw. das insti­tu­tio­na­li­sier­te Gesund­heits­we­sen, dem frei­en Wett­be­werb über­las­sen. Gates kon­kur­riert dabei mit ande­ren mäch­ti­gen Akteur*innen. Es ist somit nicht „sei­ne“ Macht, son­dern sei­ne Stel­lung inner­halb der Macht­ver­hält­nis­se. Oder anders: es bleibt immer die Macht des Gel­des, des Kapi­tals und nicht die des Besit­zen­den des Gel­des. Es ist viel eher das Gegen­teil, Macht ist nicht per­so­nen­be­zo­gen und somit stirbt sie nicht mit dem Tod eines Herr­schen­den.

Nichts­des­to­trotz „ver­schwö­ren“ sich Men­schen mit glei­chen Inter­es­sen, um die­se inner­halb der Gesell­schaft zum Nach­teil von Ande­ren durch­zu­set­zen (auch wenn die­se in den meis­ten Fäl­len weni­ger „geheim“ sind). Kon­kre­te Bei­spie­le sind die rech­ten Ver­net­zun­gen inner­halb der staat­li­chen Auto­ri­tä­ten (wie Bun­des­wehr und Poli­zei), wie auch der Fall des NSU. Oder die Cum-Ex Geschäf­te, wo durch ver­schlei­er­te Ver­bin­dun­gen zwi­schen Aktionär*innen und Kapitalbesitzer*innen bis zur poli­ti­schen Ebe­ne, Steu­ern in Mil­lio­nen­hö­he hin­ter­zo­gen wer­den (wie ein aktu­el­ler Fall in Ham­burg zeigt). Aber auch die Fäl­le von Miss­brauch zei­gen, wie sich gegen­sei­tig gedeckt wird, wie beim Fall Jef­frey Epstein oder Marc Dutroux in den 1990ern. Oder auch aktu­ell der Fall von Phil­ipp Amt­hor, wel­cher die Ver­stri­ckun­gen und Kor­rup­ti­on deut­scher poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Füh­rungs­fi­gu­ren mit einer Tech-Fir­ma aus den USA offen­leg­te. Von all die­sen Fäl­len spre­chen die meis­ten Ver­schwö­rungs­theo­rien nicht und wie­der­ho­len die glei­chen alten Namen von Roth­schild und Co., ohne einen Blick auf die Struk­tu­ren und aktu­el­len Bos­se der Ban­ken, Regie­run­gen, Kon­zer­ne und Unter­neh­men zu wer­fen.

Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­fäl­schen und ver­kür­zen dabei Kon­flik­te, die aus unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Macht­ver­hält­nis­sen ent­ste­hen. Der tech­no­lo­gi­sche Angriff zum Bei­spiel ist weni­ger ein gehei­mer Plan von Weni­gen, als ein Pro­zess der Umstruk­tu­rie­rung von Staat und Kapi­tal. Dabei gibt es meh­re­re Akteur*innen (die auch gegen­sätz­li­che Inter­es­sen haben kön­nen) und nie­mand hat kom­plet­te Befug­nis­se für sich allei­ne. Neh­men wir den Aus­bau des 5G-Net­zes. Ers­tens, ent­ge­gen der Ver­schwö­rungs­theo­rien fin­det dies nicht im Gehei­men statt. Zwei­tens, wird der Aus­bau dabei pro­fi­ta­bel für meh­re­re staat­li­che und pri­va­te Unter­neh­men, weil er den Waren­fluss des Kapi­tals opti­miert. Der Kampf von Unten gegen die­sen Aus­bau (Sie­he Arti­kel Sabo­ta­ge 2.0) ent­steht dabei aus Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen und einer gesell­schaft­li­chen Span­nung. Ver­schwö­rungs­theo­rien dem­ge­gen­über ver­schlei­ern und leug­nen jeg­li­che sozia­le Span­nung, die sich aus gegen­sätz­li­chen Inter­es­sen (auch inner­halb der herr­schen­den Klas­sen), Klas­sen­kon­flik­ten, usw. erge­ben. Die­se wer­den zu Kau­sa­li­tä­ten, da alles auf die Machen­schaf­ten „ver­steck­ter“ Eli­ten zurück­ge­führt wird. Dem­zu­fol­ge gibt es von Verschwörungstheoretiker*innen immer eine Ant­wort auf jeg­li­che Fra­gen, da die Erklä­rung der bestehen­den Ver­hält­nis­se wider­spruchs­frei ist. Nach dem Mot­to „Wer sucht, der fin­det“, tun sich meh­re­re Fak­ten auf, die als Beweis für pro­pa­gier­te Theo­rien die­nen sol­len. An Punk­ten, wo es Lücken in der Nar­ra­ti­ve gibt oder es an Fak­ten fehlt, bedient man sich über­mensch­li­cher Kräf­te: „Es ist alles geplant“ und es geht dar­um, den Plan der „all­mäch­ti­gen Macht“ offen­zu­le­gen. Dabei ent­larvt sich jede Ver­schwö­rungs­theo­rie als auto­ri­tär und ideo­lo­gisch. Hier fra­ge ich mich bis zum jet­zi­gen Zeit­punkt, was die Per­spek­ti­ve von Ver­schwö­rungs­theo­rien und der beinhal­te­ten Kri­tik sein soll.

In dem Ver­such der Welt­erklä­rung einer „all­mäch­ti­gen“ ver­schwö­re­ri­schen Eli­te wer­den die Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen selbst zu einer neu­en eli­tä­ren Grup­pe oder auch einer Avant­gar­de, denn schein­bar haben nur sie die Wahr­heit gefun­den. Wie in jeder Ideo­lo­gie gibt es auch hier die abso­lu­te Idee oder das voll­kom­me­ne Bild, und von die­ser aus wird die Rea­li­tät (in Form des Abso­lu­ten) erklärt. Ich behaup­te hier, dass es kein Wun­der ist, dass sich Auto­ri­tä­re jeg­li­cher Cou­leur von Ver­schwö­rungs­theo­rien ange­zo­gen füh­len oder emp­fäng­lich für die­se sind, da ihr Bild eben­so auto­ri­tär struk­tu­riert ist. Und auch in der aktu­el­len Dis­kus­si­on wäre es in der Tat wich­ti­ger, eine Trenn­li­nie zwi­schen Auto­ri­tä­ren und Anti-Auto­ri­tä­ren zu zie­hen, anstatt zwi­schen poli­tisch Rechts und Links.

Wenn aktu­ell Tau­sen­de auf die Stra­ße gehen – und dabei neh­me ich an, dass ein Groß­teil derer den Ver­schwö­rungs­theo­rien Glau­ben schenkt – dann ergibt sich dies u.a. dar­aus, dass es eine gesell­schaft­li­che Nei­gung zum Auto­ri­ta­ris­mus gibt. Des­halb ist es ein ein­fa­ches Ter­rain für Rech­te und Populist*innen, um zum wie­der­hol­ten Mal Rat­ten­fän­ger zu spie­len. Der Ande­re, weit grö­ße­re Teil, klam­mert sich an den Staat, ein auto­ri­tä­res Gebil­de. Daher wäre es not­wen­dig, die Dis­kus­si­on über die ver­stärk­te Ver­brei­tung von Ver­schwö­rungs­theo­rien zusam­men mit dem Blick auf eine gesell­schaft­li­che auto­ri­tä­re Umstruk­tu­rie­rung zu ana­ly­sie­ren. In gewis­ser Wei­se sind die Bürger*innen, wel­che gera­de auf die Stra­ße gehen, noch immer ein Pro­dukt des Staa­tes, die zwar ihn, aber nicht die Staatlichkeit/​Autoritarismus hin­ter­fra­gen. Das Grund­ge­setz­buch wird dabei zur ulti­ma­ti­ven Prä­mis­se für die Demonstrant*innen.

Wenn momen­tan Men­schen auf die Stra­ße gehen, ist dies eine Fol­ge davon, dass die Gewalt des Staa­tes für Eini­ge das ers­te Mal spür­bar wird: „Irgend­was läuft falsch“. Dabei zieht sich dies quer durch die Bevöl­ke­rung. Und so kommt es, dass eigent­li­che womög­li­che „Gewinner*innen“ der Kri­se die staat­li­chen Maß­nah­men kri­ti­sie­ren. Eben weni­ger aus öko­no­mi­schen Grün­den, son­dern aus ideo­lo­gi­scher Über­zeu­gung. Die Welt ist sicher­lich kom­plex und lässt sich nicht auf eine ein­fa­che Erklä­rung run­ter bre­chen. Eine ein­fa­che­re Erklä­rung bie­tet sich jedoch lei­der (!) schnell all jenen an, wel­che begin­nen Fra­gen zu stel­len und nach ein­fa­chen Ant­wor­ten suchen. In die­ser Hin­sicht ist jede Ideo­lo­gie reli­gi­ös. Dabei geht es mir nicht dar­um, wie eine bes­ser­wis­se­ri­sche Lin­ke, mit dem Zei­ge­fin­ger rum­zu­lau­fen und die ver­meint­li­che Welt­erklä­rung oder Wahr­heit zu pre­di­gen und Alle, die die­se nicht ver­ste­hen, in irgend­ei­ne rech­te Ecke zu stel­len oder als „Ver­wirr­te“ zu dif­fa­mie­ren. Denn die­je­ni­gen haben genau­so wenig ver­stan­den, dass die Welt kom­ple­xer ist und somit auch das aktu­el­le Gesche­hen auf den Stra­ßen. Mir geht es dar­um, in einen Pro­zess hin­ein­zu­wir­ken, in dem Men­schen nicht einer Ideo­lo­gie oder einer auto­ri­tä­ren Idee ver­fal­len, son­dern die „All­macht“ der Herr­schaft in Fra­ge stel­len. Ver­schwö­rungs­theo­rien sug­ge­rie­ren eine all­mäch­ti­ge Eli­te, die alles kon­trol­liert und alles plant. Der psy­cho­lo­gi­sche Aspekt auf das Indi­vi­du­um und sein Han­deln ist hier­bei sicher­lich nicht zu unter­schät­zen, da es gleich­zei­tig sug­ge­riert, dass man einem unbe­zwing­ba­rem Geg­ner gegen­über steht. Die­se Phan­ta­sie, dass die Herr­schaft all­ge­gen­wär­tig und all­mäch­tig ist, gilt es zu zer­stö­ren, um der Sub­ver­si­on Platz zu geben. Denn Macht und Herr­schaft ist nicht ewig, son­dern fra­gil und zer­stör­bar.

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