[gG:] Haus in Großzschocher besetzt – Solidarität mit der Luwi 71

Hausbesetzung in Großzschocher

Freiräume statt Nazikieze, Solidarität mit der Luwi 71, Solidarität mit den Häuserkämpfen in Berlin

Wir haben in der gest­ri­gen Nacht ein Haus in Groß­zscho­ch­er besetzt.
In die­sem Post fin­det ihr einen Text dazu, sowie Bil­der der Beset­zung und Fly­er, die ihr sehr ger­ne unter Men­schen brin­gen könnt.

Soli­da­ri­tät mit der Luwi 71

Am Frei­tag den 21.08.2020 wur­de in der Lud­wig­stra­ße im Leip­zi­ger Osten
ein Haus besetzt. Die Hausbesetzer*innen woll­ten mit der Beset­zung ein Haus­pro­jekt schaf­fen und for­der­ten „eine Dekri­mi­na­li­sie­rung von Leer­stands­nut­zun­gen wie auch einen sofor­ti­gen Stopp aller
Zwangs­räu­mun­gen“.
Doch anstatt auf die Besetzer*innen und ihr Nut­zungs­kon­zept ein­zu­ge­hen, wur­de das Haus am Mor­gen des 02.09.2020 geräumt und steht somit wie­der genau­so leer wie in den zwei Jahr­zehn­ten davor.

Wir sind wütend dar­über! Wir wol­len Wohn­raum statt Leer­stand und soli­da­ri­sie­ren uns mit den Besetzer*innen.
Des­halb sind wir dem Auf­ruf von leip­zig­be­set­zen gefolgt und haben in der
Nacht vom 02.09 auf den 03.09 ein Haus in der Dies­kautra­ße schein­be­setzt.

Mit die­ser Beset­zung wol­len wir aber nicht nur unse­rer
Soli­da­ri­tät mit der Luwi 71 Aus­druck ver­lei­hen, son­dern auch auf
Zustän­de in Groß­zscho­ch­er auf­merk­sam machen, die sowohl Leer­stand,
als auch rech­tes Gedan­ken­gut in die­sem Vier­tel betref­fen.

Seit Jah­ren befin­det sich Leip­zig im Pro­zess der Gen­tri­fi­zie­rung, in dem eine Stadt der Rei­chen auf­ge­baut wird, in der Men­schen mit nicht genug Geld kei­nen Platz haben. Weil die Mie­ten immer wei­ter stei­gen, wer­den Men­schen aus ihren Stadt­vier­teln, aus ihren Wohn­räu­men ver­drängt und teil­wei­se sogar dazu gezwun­gen auf der Stra­ße wei­ter zu leben.
Doch selbst auf der Stra­ße sind Men­schen aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen uner­wünscht. Die hip­pe Stadt Leip­zig soll Leu­te mit Geld anzie­hen, da ist für Obdach­lo­sig­keit und Armut kein Platz.

„Kein Platz“ ist auch ein häu­fig genutz­tes Argu­ment, wegen dem seit Jah­ren meh­re­re zehn­tau­sen­de Men­schen an den EU-Außen­gren­zen ster­ben muss­ten. Selbst wenn es „kei­nen Platz“ gäbe, wäre es noch lan­ge kein Grund, Men­schen des­we­gen aktiv ster­ben zu las­sen. Aber so ist es nicht. Es gibt Platz! Es gibt Häu­ser!
Häu­ser, die im Lau­fe der Zeit immer wei­ter ver­fal­len, weil sich nie­mand um sie küm­mert. Denn um Pro­fit zu machen lohnt es sich für Investor*innen zu war­ten bis die Umge­bung auf­ge­wer­tet ist und der Preis für ihr Objekt oder Bau­land wei­ter gestie­gen ist.

Eine wei­te­re Metho­de, um Geld durch (poten­zi­el­len) Wohn­raum Ande­rer zu ver­die­nen, ist es, die Häu­ser nach jah­re­lan­gem Leer­stand, oder nach Ent­mie­tun­gen und Ver­drän­gung der Bewoh­nen­den, teu­er zu restau­rie­ren.
Damit wird Wohn­raum geschaf­fen, den sich nur ein bestimm­ter Teil der Gesell­schaft leis­ten kann.

Gegen die unglei­che Ver­tei­lung von Häu­sern und Wohn­raum regt sich schon lan­ge Wider­stand. Aktu­ell sind vie­le Men­schen von Ent­mie­tun­gen und Räu­mun­gen bedroht. Oft hal­ten Men­schen den Druck nicht stand und zie­hen aus.
Dabei gibt es vie­le Men­schen, die sich zusam­men tun und öffent­lich machen, was ihnen geschieht und die ver­su­chen die Ver­drän­gun­gen in einen klar poli­ti­schen Kon­text zu set­zen.
Soli­da­ri­sche Grü­ße nach Ber­lin

Auch wenn es sehr vie­le Men­schen gibt, die sich gera­de wegen ihrer pre­kä­ren Wohn­si­tua­tio­nen orga­ni­sie­ren, möch­ten wir auf­grund der Aktua­li­tät einen Blick nach Ber­lin wer­fen, in dem schon seit Jah­ren lin­ke Räu­me, dar­un­ter Haus­pro­jek­te, Jugend­zen­tren, Knei­pen und Wagen­plät­ze finan­zi­el­len Inter­es­sen wei­chen muss­ten.
Das Jugend­zen­trum Pot­se, das Haus­pro­jekt Liebig34, das Knei­pen­kol­lek­tiv Meu­te­rei, das Haus­pro­jekt Rigaer94, das Haus­pro­jekt Köpi137, die Haus­ge­mein­schaft Lause10/​11 oder der Gemein­schafts­gar­ten Pracht­to­ma­te – alle sind aktu­ell bedroht, vie­le sol­len noch die­ses Jahr geräumt wer­den.
Für die nächs­te Woche ruft die Liebig34 zu einer femi­nis­ti­schen Akti­ons­wo­che auf.
Das fin­den wir gut und wol­len im Rah­men unse­rer Akti­on eben­falls zu der Akti­ons­wo­che vom 07. bis zum 13.09.2020 mobi­li­sie­ren. Fin­det euch in Klein­grup­pen zusam­men und unter­stützt die Liebig34!

Häu­ser für Alle

Wir wol­len kei­ne Häu­ser, die uns gegen Geld gelie­hen wer­den. Wir wol­len selbst­ver­wal­te­te Häu­ser schaf­fen, die den Men­schen gehö­ren, die sie nut­zen und die sie nach ihren Vor­stel­lun­gen (um-)gestalten kön­nen.
Wir fin­den es wich­tig, Räu­me zu schaf­fen, in denen Men­schen auch mit wenig oder kei­nem Geld leben kön­nen. Für genau­so wich­tig erach­ten wir es unkom­mer­zi­el­le Räu­me zu haben, an denen sich Men­schen tref­fen kön­nen unab­hän­gig von ihren finan­zi­el­len Mit­teln.

Wir den­ken es braucht eine Viel­zahl sol­cher Räu­me, die Men­schen, die sie nut­zen mit­ge­stal­ten kön­nen und in denen soli­da­ri­sche Pro­jek­te, Umsonst­lä­den, Fahr­rad­werk­stät­ten, Nach­bar­schaft­sca­fés, Sieb­druck­werk­stät­ten, Krab­bel­grup­pen, Kin­der­ki­nos und vie­les mehr Platz fin­den kön­nen.
Die­se Räu­me soll­ten aber immer auch Räu­me sein, in denen sich Alle wohl­füh­len kön­nen, in denen soli­da­risch mit­ein­an­der umge­gan­gen wird.
Das meint für uns zu ler­nen sich zu reflek­tie­ren, sich mit den eige­nen Pri­vi­le­gi­en, Sexis­men, Ras­sis­men und ande­ren dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen aus­ein­an­der zu set­zen und dage­gen zu arbei­ten.
Wir wol­len also Häu­ser in denen wir uns begeg­nen und zusam­men ler­nen kön­nen, in denen wir aus­pro­bie­ren kön­nen, wie ein Leben jen­seits vom kapi­ta­lis­ti­schen Nor­mal­zu­stand aus­se­hen könn­te.
Und wir wol­len sol­che Häu­ser in Groß­zscho­ch­er!

Frei­räu­me statt Naz­i­kieze

Groß­zscho­ch­er ist ein Stadt­teil der schon seit lan­gem immer wie­der durch rech­te Schmie­re­rei­en, Reichs­kriegs­flag­gen, Haken­kreu­ze und men­schen­ver­ach­ten­de Sti­cker auf­fällt.
Bei nähe­rer Betrach­tung von T‑Shirts und Tat­toos von ganz und gar nicht weni­gen Men­schen in Groß­zscho­ch­er fällt auf: Nazis kön­nen sich hier frei bewe­gen.

So kom­men auch Jugend­li­che leicht in Kon­takt mit rech­ten Gedan­ken­gut, wel­ches in Groß­zscho­ch­er schon eine gewis­se Nor­ma­li­tät dar­stellt. Am Natur­bad Süd­west ritz­te eine Grup­pe von Jugend­li­chen in den letz­ten Som­mer­mo­na­ten immer wie­der Haken­kreu­ze und Sät­ze wie „Hit­ler war ein gro­ßer Mann“ in den Holz­tisch am Spiel­platz. Auch lau­te „Sieg Heil“ Rufe waren aus die­ser jun­gen Grup­pe zu ver­neh­men.

Dass es eine gewis­se Tole­ranz gegen­über rech­ten Ideo­lo­gien gibt, haben die Kom­mu­nal­wah­len im ver­gan­gen Jahr ver­deut­licht. In Groß­zscho­ch­er wähl­ten 21% die AfD und 22% die CDU.
Wohin es führt, wenn sol­chen Men­schen Raum gelas­sen wird, konn­ten wir in den letz­ten Jah­ren, in denen Gewalt­ta­ten von Rechts nicht nur an der Zahl, son­dern auch an der Inten­si­tät mas­siv zuge­nom­men haben, an unzäh­li­gen Bei­spie­len von Angrif­fen auf Geflüch­te­te, ver­meint­lich Nicht-Deut­sche und poli­ti­sche Gegner/​* innen beob­ach­ten.

Und das auch in Groß­zscho­ch­er:
Am soge­nann­ten „Män­ner­tag“ griff am Abend des 21.05.2020 eine Grup­pe von vier Män­nern einen Wagen­platz in Groß­zscho­ch­er und des­sen Bewohner/​ innen an. Der Angriff konn­te zum Glück abge­wehrt wer­den. Zurück blie­ben trotz­dem wei­nen­de Kin­der und ver­un­si­cher­te Bewohner/​ innen; die Angrei­fer haben gedroht wie­der zu kom­men.

In der Bahn wer­den (Black-) Peop­le of Color belei­digt und beschimpft, sie hät­ten hier nichts zu suchen. In Groß­zscho­ch­er kön­nen die Betrof­fe­nen sol­cher Situa­tio­nen sel­ten mit Soli­da­ri­tät rech­nen.

Sol­che Angrif­fe sind schon längst kei­ne Ein­zel­fäl­le mehr.
Auf der Inter­net­sei­te chronik​le​.org wer­den sol­che Ereig­nis­se doku­men­tiert.
Wenn du ras­sis­ti­sche Situa­tio­nen mit­be­kommst oder betrof­fen bist, mel­de die Gescheh­nis­se und unter­stüt­ze die betrof­fe­nen Per­so­nen.

Wir wol­len kein Groß­zscho­ch­er, in dem sich Nazis wohl­füh­len.
Wir wol­len ein soli­da­ri­sches Vier­tel von unten auf­bau­en.
Wir wol­len auch hier Frei­räu­me statt Naz­i­kieze!

Bild 1
Bild 2
Bild 3
Flyer_​Hausbesetzung_​Großzschocher

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