[KgK:] C.L.R. James und Leo Trotzki: Selbstbestimmung für die amerikanischen Schwarzen

Trotz­ki1: Genos­se James schlägt vor, die Fra­ge der Schwar­zen in drei Tei­len zu dis­ku­tie­ren, wobei der ers­te Teil der pro­gram­ma­ti­schen Fra­ge der Selbst­be­stim­mung der Schwar­zen gewid­met sein soll­te.

James: (Es wur­de eini­ges sta­tis­ti­sches Mate­ri­al ein­ge­führt, das nicht in den Bericht auf­ge­nom­men wur­de.) Die grund­le­gen­den Vor­schlä­ge für die Schwar­ze Fra­ge sind bereits ver­teilt wor­den und hier ist es nur not­wen­dig, sich mit der Fra­ge der Selbst­be­stim­mung zu befas­sen. Nie­mand spricht den Schwar­zen das Recht auf Selbst­be­stim­mung ab. Die Fra­ge ist, ob wir dafür ein­tre­ten soll­ten. In Afri­ka und auf den West­in­di­schen Inseln2 tre­ten wir für die Selbst­be­stim­mung ein, weil eine gro­ße Mehr­heit der Men­schen sie will. In Afri­ka betrach­ten die gro­ßen Volks­mas­sen die Selbst­be­stim­mung als eine Wie­der­her­stel­lung ihrer Unab­hän­gig­keit. Auf den West­in­di­schen Inseln, wo wir eine Bevöl­ke­rung haben, die in ihrer Her­kunft den Schwar­zen in Ame­ri­ka ähnelt, hat sich ein Natio­nal­ge­fühl ent­wi­ckelt. Die Schwar­zen bil­den die Mehr­heit. Schon jetzt hören wir unter den Fort­ge­schrit­te­ne­ren Ideen von einer west­in­di­schen Nati­on, und es ist sehr wahr­schein­lich, dass, selbst wenn wir anneh­men, dass den Schwar­zen vol­le und freie Rech­te als Bür­ger des Bri­ti­schen Empi­re ange­bo­ten wür­den, sie sich wahr­schein­lich dage­gen stel­len wür­den und abso­lut frei und unab­hän­gig sein wol­len … Es ist fort­schritt­lich. Es ist ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Wir schwä­chen den Feind. Es ver­setzt die Arbei­ter in die Lage, gro­ße Fort­schrit­te auf dem Weg zum Sozia­lis­mus zu machen.

In Ame­ri­ka ist die Situa­ti­on anders. Ein Schwar­zer will ver­zwei­felt ein ame­ri­ka­ni­scher Bür­ger sein. Er sagt: „Ich bin von Anfang an hier gewe­sen; ich habe hier in den ers­ten Tagen die gan­ze Arbeit geleis­tet. Juden, Polen, Ita­lie­ner, Schwe­den und ande­re kom­men hier­her und haben alle Pri­vi­le­gi­en. Sie sagen, dass eini­ge der Deut­schen Spio­ne sind. Ich wer­de nie­mals spio­nie­ren. Ich habe nie­man­den, für den ich spio­nie­ren kann. Und doch schlie­ßen Sie mich aus der Armee und von den Bür­ger­rech­ten aus.“

In Polen und Kata­lo­ni­en gibt es eine Sprach‑, Lite­ra­tur- und Geschichts­tra­di­ti­on, die zur wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Unter­drü­ckung hin­zu­kommt und die Bevöl­ke­rung in ihrer fort­schritt­li­chen For­de­rung nach Selbst­be­stim­mung zusam­men­schwei­ßen hilft. In Ame­ri­ka ist dem nicht so. Betrach­ten wir bestimm­te his­to­ri­sche Ereig­nis­se in der Ent­wick­lung des Schwar­zen Ame­ri­ka.

Gar­vey erhob die Losung „Zurück nach Afri­ka“, aber die Schwar­zen, die ihm folg­ten, glaub­ten größ­ten­teils nicht dar­an, dass sie wirk­lich nach Afri­ka zurück­keh­ren wür­den. Wir wis­sen, dass die­je­ni­gen in West­in­di­en, die ihm folg­ten, nicht die gerings­te Absicht hat­ten, zurück nach Afri­ka zu gehen, aber sie waren froh, einer mili­tan­ten Füh­rung zu fol­gen. Und da gibt es den Fall einer Schwar­zen Frau, die von einer wei­ßen Frau in einer Stra­ßen­bahn gesto­ßen wur­de und zu ihr sag­te: „War­ten Sie, bis Mar­cus an die Macht kommt, und Sie alle wer­den so behan­delt, wie Sie es ver­die­nen.“ Offen­sicht­lich dach­te sie nicht an das arme Afri­ka.

Es gab jedoch die­sen Fokus auf die Pro­ble­me der Schwar­zen, ein­fach weil die wei­ßen Arbei­ter 1919 nicht ent­wi­ckelt waren. Es gab kei­ne poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on mit irgend­ei­ner Macht, die die Schwar­zen und die Wei­ßen zur Ver­ei­ni­gung auf­rief. Die Schwar­zen waren gera­de erst aus dem Krieg zurück­ge­kehrt – sie waren mili­tant und hat­ten kein Unter­stüt­zungs­an­ge­bot; sie kon­zen­trier­ten sich natür­lich auf ihre eige­nen beson­de­ren Ange­le­gen­hei­ten.

Dar­über hin­aus soll­ten wir jedoch beach­ten, dass in Chi­ca­go, wo ein Ras­sen­auf­stand statt­fand, der Auf­stand absicht­lich von den Arbeit­ge­bern pro­vo­ziert wur­de. Eini­ge Zeit bevor er tat­säch­lich aus­brach, hat­ten die Schwar­zen und wei­ßen Arbei­ter in der Fleisch­ver­ar­bei­tung gestreikt und waren durch das Schwar­ze Vier­tel in Chi­ca­go mar­schiert, wobei die Schwar­ze Bevöl­ke­rung die Wei­ßen in der glei­chen Wei­se anfeu­er­te, wie sie die Schwar­zen anfeu­er­te. Für die Kapi­ta­lis­ten war dies eine sehr gefähr­li­che Sache, und sie mach­ten sich dar­an, Ras­sen­kon­flik­te zu erzeu­gen. Irgend­wann ras­ten Autos mit Wei­ßen durch das Schwar­ze Vier­tel und schos­sen auf alle, die sie sahen. Die kapi­ta­lis­ti­sche Pres­se spiel­te die Unter­schie­de hoch und berei­te­te so die Büh­ne und initi­ier­te die Aus­schrei­tun­gen, die statt­fan­den, um die Bevöl­ke­rung zu spal­ten und den Schwar­zen auf sich selbst zurück­zu­wer­fen.

Wäh­rend der Zeit der Kri­se gab es eine Wie­der­ge­burt die­ser natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen. Es gab eine Bewe­gung in Rich­tung des 49. Staa­tes, und die Bewe­gung, die sich auf Libe­ria kon­zen­trier­te, ent­wi­ckel­te sich. Bis min­des­tens 1934 nah­men die­se Bewe­gun­gen ziem­lich gro­ße Aus­ma­ße an.

Dann kam 1936 die Orga­ni­sa­ti­on des CIO. John L. Lewis ernann­te eine spe­zi­el­le Schwar­ze Abtei­lung. Der New Deal sand­te Signa­le an die Schwar­zen. Schwar­ze und Wei­ße kämpf­ten gemein­sam in ver­schie­de­nen Kämp­fen. Die natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen neig­ten dazu, zu ver­schwin­den, da der Schwar­ze die Gele­gen­heit sah, mit den orga­ni­sier­ten Arbei­tern zu kämp­fen und etwas zu gewin­nen.

Die Gefahr, wenn wir eine Poli­tik der Selbst­be­stim­mung befür­wor­ten und ein­imp­fen, besteht dar­in, dass dies der sichers­te Weg ist, die Arbei­ter im Süden zu spal­ten und zu ver­wir­ren. Die wei­ßen Arbei­ter müs­sen jahr­hun­der­te­al­te Vor­ur­tei­le über­win­den, aber zur Zeit arbei­ten vie­le von ihnen mit den Schwar­ze in der Gewerk­schaft der Land­päch­ter des Südens zusam­men, und mit der Zunah­me des Kamp­fes besteht jede Mög­lich­keit, dass sie ihre jahr­hun­der­te­al­ten Vor­ur­tei­le über­win­den kön­nen. Aber dass wir vor­schla­gen, dass der Schwar­ze die­sen schwar­zen Staat für sich allein haben soll, ist zu viel von den wei­ßen Arbei­tern ver­langt, vor allem, wenn der Schwar­ze selbst nicht die glei­che For­de­rung stellt. Die Paro­len der „Strei­chung der Schul­den“, der „Beschlag­nah­mung von Groß­grund­be­sitz“ usw. rei­chen völ­lig aus, um sie dazu zu brin­gen, gemein­sam und auf der Grund­la­ge des wirt­schaft­li­chen Kamp­fes einen ver­ein­ten Kampf für die Abschaf­fung der sozia­len Dis­kri­mi­nie­rung zu füh­ren.

Ich schla­ge daher kon­kret vor: (1) Dass wir für das Recht auf Selbst­be­stim­mung sind. (2) Wenn unter den Schwar­zen eine For­de­rung nach dem Selbst­be­stim­mungs­recht auf­kom­men soll­te, soll­ten wir sie unter­stüt­zen. (3) Wir geben uns kei­ne Mühe, die­sen Slo­gan zu erhe­ben und eine unnö­ti­ge Bar­rie­re zwi­schen uns und dem Sozia­lis­mus zu errich­ten. (4) Es soll­te eine Unter­su­chung über die­se Bewe­gun­gen durch­ge­führt wer­den; die von Gar­vey ange­führ­te Bewe­gung, die Bewe­gung für den 49. Bun­des­staat und die Bewe­gung zu Libe­ria. Fin­den wir her­aus, wel­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen sie unter­stützt haben, und kom­men wir auf die­ser Grund­la­ge zu einer Mei­nung dar­über, inwie­weit es unter den Schwar­zen ein Bedürf­nis nach Selbst­be­stim­mung gibt.

Cur­tiss3: Es scheint mir, dass sich das Pro­blem in ver­schie­de­ne Pha­sen ein­tei­len lässt:

Was die Fra­ge der Selbst­be­stim­mung betrifft, so ist mei­nes Erach­tens klar, dass wir zwar für Selbst­be­stim­mung, sogar bis hin zur Unab­hän­gig­keit, sind, dies aber nicht unbe­dingt bedeu­tet, dass wir die Unab­hän­gig­keit befür­wor­ten. Was wir befür­wor­ten, ist, dass sie in einem bestimm­ten Fall, an einem bestimm­ten Ort, das Recht haben, selbst zu ent­schei­den, ob sie unab­hän­gig sein soll­ten oder nicht oder wel­che beson­de­ren Regie­rungs­ver­ein­ba­run­gen sie mit der Mehr­heit des Lan­des haben sol­len.

Was die Fra­ge betrifft, ob Selbst­be­stim­mung not­wen­di­ger­wei­se reak­tio­när ist – ich glau­be, das ist ein wenig weit her­ge­holt. Selbst­be­stim­mung für ver­schie­de­ne Natio­nen und Grup­pen steht nicht im Gegen­satz zu einer zukünf­ti­gen sozia­lis­ti­schen Welt. Ich glau­be, die Fra­ge wur­de in einer Pole­mik zwi­schen Lenin und Pia­ta­kow aus der Sicht Russ­lands behan­delt – der Selbst­be­stim­mung der ver­schie­de­nen Völ­ker Russ­lands bei gleich­zei­ti­gem Auf­bau eines ver­ein­ten Lan­des. Es gibt nicht unbe­dingt einen Wider­spruch zwi­schen den bei­den. Die sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft wird nicht auf einem unter­joch­ten Volk auf­ge­baut wer­den, son­dern von einem frei­en Volk. Der reak­tio­nä­re oder fort­schritt­li­che Cha­rak­ter der Selbst­be­stim­mung wird davon bestimmt, ob sie die sozia­le Revo­lu­ti­on vor­an­trei­ben wird oder nicht. Das ist das Kri­te­ri­um

Was den ange­spro­che­nen Punkt betrifft, dass wir eine Sache nicht befür­wor­ten soll­ten, wenn die Mas­sen sie nicht wol­len, so ist das nicht rich­tig. Wir tre­ten nicht für etwas ein, nur weil die Mas­sen es wol­len. Die Grund­fra­ge des Sozia­lis­mus wür­de unter die­se Kate­go­rie fal­len. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten will nur ein klei­ner Pro­zent­satz des Vol­kes den Sozia­lis­mus, aber den­noch befür­wor­ten wir ihn. Sie wol­len viel­leicht Krieg, aber wir sind dage­gen. Die Fra­gen, die wir zu lösen haben, lau­ten wie folgt: Wird er bei der Zer­stö­rung des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus hel­fen? Wenn eine sol­che Bewe­gung ent­steht, wird das Volk sie wol­len, wenn sich die Situa­ti­on ent­wi­ckelt?

Ich gehe davon aus, dass die­se natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen, von denen Sie spre­chen, über Jah­re hin­weg fort­ge­führt wur­den und der Kampf jeweils von einer Hand­voll Men­schen fort­ge­führt wur­de, doch im Moment der sozia­len Kri­se haben sich die Mas­sen sol­chen Bewe­gun­gen ange­schlos­sen. Das­sel­be kann mög­li­cher­wei­se im Zusam­men­hang mit der Selbst­be­stim­mung der Schwar­zen gesche­hen.

Es scheint mir, dass der so genann­te Schwar­ze Gür­tel ein über­aus­ge­beu­te­ter Teil der ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schaft ist. Er weist alle Merk­ma­le eines unter­drück­ten Teils eines Impe­ri­ums auf. Er hat all die extre­me Armut und poli­ti­sche Ungleich­heit. Er hat die glei­che Finanz­struk­tur – die Wall Street beu­tet die klein­bür­ger­li­chen Ele­men­te aus, und im Gegen­zug die armen Arbei­ter. Er stellt ledig­lich ein Feld für Inves­ti­tio­nen und eine Quel­le für Pro­fi­te dar. Er hat die Merk­ma­le eines Teils eines Kolo­ni­al­rei­ches. Es ist auch im Wesent­li­chen eine regio­na­le Ange­le­gen­heit, denn auch die Wei­ßen sind gezwun­gen, eine Reak­ti­on gegen das Finanz­ka­pi­tal zu spü­ren.

Es wäre auch inter­es­sant, die mög­li­che zukünf­ti­ge Ent­wick­lung der Schwar­zen Fra­ge zu unter­su­chen. Wir haben gese­hen, dass die Schwar­zen, als sie in den Süden gebracht wur­den, vie­le Jahr­zehn­te lang dort blie­ben. Als der Krieg kam, wan­der­ten vie­le in den Nor­den aus und bil­de­ten dort einen Teil des Pro­le­ta­ri­ats. Die­se Ten­denz kann nicht mehr funk­tio­nie­ren. Der Kapi­ta­lis­mus expan­diert nicht mehr wie frü­her. Tat­säch­lich gin­gen vie­le von ihnen wäh­rend der Depres­si­on auf die Far­men zurück. Es ist mög­lich, dass es jetzt statt einer Ten­denz zur Aus­wan­de­rung eine Ten­denz gibt, dass die Schwar­zen im Süden blei­ben.

Und es gibt noch ande­re Fak­to­ren: Die Fra­ge der Baum­woll­pflück­ma­schi­ne, die dazu füh­ren wird, dass die Arbei­ter zu Tau­sen­den von der Arbeit ver­trie­ben wer­den.

Um auf die Fra­ge der Selbst­be­stim­mung zurück­zu­kom­men. Es besteht die Mög­lich­keit, dass inmit­ten der sozia­len Kri­se die Mani­fes­ta­ti­on des Radi­ka­lis­mus eine dop­pel­te Pha­se durch­läuft: Zusam­men mit dem Kampf für wirt­schaft­li­che und sozia­le Gleich­heit kann sich die For­de­rung nach der Kon­trol­le des eige­nen Staa­tes fin­den. Selbst in Russ­land, als die Bol­sche­wi­ki an die Macht kamen, war das pol­ni­sche Volk nicht damit zufrie­den, dass dies für sie das Ende der Unter­drü­ckung bedeu­ten wür­de. Sie for­der­ten das Recht, ihr eige­nes Schick­sal auf ihre eige­ne Art und Wei­se zu kon­trol­lie­ren. Eine sol­che Ent­wick­lung ist im Süden mög­lich.

Die ande­ren Fra­gen sind wich­tig, aber ich glau­be nicht, dass sie grund­le­gend sind – dass eine Nati­on ihre eige­ne Spra­che, Kul­tur und Tra­di­ti­on haben muss. Bis zu einem gewis­sen Grad haben sie eine eige­ne Kul­tur ent­wi­ckelt. In jeder öffent­li­chen Biblio­thek fin­det man Bücher – Fik­ti­on, Antho­lo­gien usw. –, die ein neu­es Ras­sen­ge­fühl zum Aus­druck brin­gen.

Nun bedeu­tet der Ent­zug des „Schwar­zen Gür­tels“ aus der Sicht der Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Schwä­chung des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus durch den Rück­zug eines gro­ßen Inves­ti­ti­ons­be­reichs. Das ist ein Schlag zu Guns­ten der ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter­klas­se.

Es scheint mir, dass die Selbst­be­stim­mung nicht im Gegen­satz zum Kampf für sozia­le und poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Gleich­heit steht. Im Nor­den ist ein sol­cher Kampf unmit­tel­bar, und die Not­wen­dig­keit ist akut. Im Nor­den ist die Losung für wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Gleich­heit eine agi­ta­to­ri­sche Losung – eine unmit­tel­ba­re Fra­ge. Aus prak­ti­scher Sicht schlägt nie­mand vor, die Losung der Selbst­be­stim­mung als eine agi­ta­to­ri­sche Losung zu erhe­ben, son­dern als eine pro­gram­ma­ti­sche, die in der Zukunft agi­ta­to­risch wer­den kann.

Es gibt noch einen wei­te­ren Fak­tor, den man den psy­cho­lo­gi­schen Fak­tor nen­nen könn­te. Wenn Schwar­ze den­ken, dass dies ein Ver­such ist, sie abzu­tren­nen, dann wäre es am bes­ten, die Paro­le so lan­ge zurück­zu­hal­ten, bis sie davon über­zeugt sind, dass dies nicht der Fall ist.

Trotz­ki: Ich ver­ste­he nicht ganz, ob Genos­se James vor­schlägt, die Paro­le der Selbst­be­stim­mung der Schwar­zen aus unse­rem Pro­gramm zu strei­chen, oder dass wir nicht sagen, dass wir bereit sind, alles für die Selbst­be­stim­mung der Schwar­zen zu tun, wenn sie es selbst wol­len. Es ist eine Fra­ge für die Par­tei als Gan­zes, ob wir sie strei­chen oder nicht. Wir sind bereit, ihnen zu hel­fen, wenn sie es wol­len. Als Par­tei kön­nen wir in die­ser Fra­ge abso­lut neu­tral blei­ben. Wir kön­nen nicht sagen, dass sie reak­tio­när sein wird. Sie ist nicht reak­tio­när. Wir kön­nen ihnen nicht sagen, dass sie einen Staat errich­ten sol­len, weil das den Impe­ria­lis­mus schwä­chen wür­de und gut für uns, die wei­ßen Arbei­ter, wäre. Das wäre gegen den Inter­na­tio­na­lis­mus selbst. Wir kön­nen ihnen nicht sagen: „Bleibt hier, selbst um den Preis des wirt­schaft­li­chen Fort­schritts.“ Wir kön­nen sagen: „Es liegt an euch, zu ent­schei­den. Wenn ihr einen Teil des Lan­des über­neh­men wollt, ist das in Ord­nung, aber wir wol­len die Ent­schei­dung nicht für euch tref­fen.“

Ich glau­be, dass die Unter­schie­de zwi­schen den West­in­di­schen Inseln, Kata­lo­ni­en, Polen und der Situa­ti­on der Schwar­zen in den Staa­ten nicht so ent­schei­dend sind. Rosa Luxem­burg war gegen die Selbst­be­stim­mung Polens. Sie emp­fand es als reak­tio­när und fan­tas­tisch, so fan­tas­tisch wie die For­de­rung nach dem Recht zu flie­gen. Das zeigt, dass sie in die­sem Fall nicht über die not­wen­di­ge his­to­ri­sche Vor­stel­lungs­kraft ver­füg­te. Auch die Grund­her­ren und Ver­tre­ter der pol­ni­schen herr­schen­den Klas­se waren aus ihren eige­nen Grün­den gegen die Selbst­be­stim­mung.

Genos­se James ver­wen­de­te drei Ver­ben: die Idee der Selbst­be­stim­mung „zu unter­stüt­zen“, „zu befür­wor­ten“ und „ein­zu­imp­fen“. Ich schla­ge nicht vor, dass die Par­tei die Idee der Selbst­be­stim­mung befür­wor­tet, ich schla­ge nicht vor, sie ein­zu­imp­fen, son­dern nur unse­re Ver­pflich­tung zu ver­kün­den, den Kampf für Selbst­be­stim­mung zu unter­stüt­zen, wenn die Schwar­zen es selbst wol­len. Das ist kei­ne Fra­ge unse­rer Schwar­zen Genos­sen. Es ist eine Fra­ge von 13 oder 14 Mil­lio­nen Schwar­zen. Die Mehr­heit von ihnen ist sehr rück­stän­dig. Sie sind sich nicht ganz im Kla­ren dar­über, was sie jetzt wol­len, und wir müs­sen ihnen einen Kre­dit auf die Zukunft gewäh­ren. Sie wer­den dann ent­schei­den.

Was Sie über die Gar­vey-Bewe­gung gesagt haben, ist inter­es­sant – aber es beweist, dass wir vor­sich­tig und breit auf­ge­stellt sein müs­sen und uns nicht auf den Sta­tus quo stüt­zen dür­fen. Die Schwar­ze Frau, die zu der wei­ßen Frau sag­te: „War­ten Sie, bis Mar­cus an der Macht ist. Dann wer­den wir wis­sen, wie wir Sie zu behan­deln haben“, drück­te ein­fach ihren Wunsch nach einem eige­nen Staat aus. Die ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen ver­sam­mel­ten sich unter dem Ban­ner der „Zurück nach Afrika“-Bewegung, weil es eine mög­li­che Erfül­lung ihres Wun­sches nach einem eige­nen Heim zu sein schien. Eigent­lich woll­ten sie gar nicht nach Afri­ka gehen. Es war der Aus­druck eines mys­ti­schen Wun­sches nach einer Hei­mat, in der sie frei von der Herr­schaft der Wei­ßen sein wür­den, in der sie ihr Schick­sal selbst in die Hand neh­men könn­ten. Das war auch ein Wunsch nach Selbst­be­stim­mung. Einst wur­de er von eini­gen in einer reli­giö­sen Form aus­ge­drückt, jetzt nimmt er die Form eines Traums von einem unab­hän­gi­gen Staat an. Hier in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind die Wei­ßen so mäch­tig, so grau­sam und reich, dass der arme Schwar­ze Päch­ter nicht ein­mal zu sich selbst zu sagen wagt, dass er einen Teil sei­nes Lan­des für sich bean­spru­chen wird. Gar­vey sprach in glü­hen­den Wor­ten, dass es schön sei und dass hier alles wun­der­bar sein wür­de. Jeder Psy­cho­ana­ly­ti­ker wird sagen, dass der eigent­li­che Inhalt die­ses Traums dar­in bestand, ein eige­nes Heim zu haben. Das ist kein Argu­ment dafür, die Idee ein­zu­imp­fen. Es ist nur ein Argu­ment, mit dem wir die Mög­lich­keit vor­aus­se­hen kön­nen, dass sie ihrem Traum eine rea­lis­ti­sche­re Form geben.

Unter der Bedin­gung, dass Japan in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein­mar­schiert und die Schwar­zen zum Kampf auf­ge­ru­fen wer­den – sie könn­ten sich zuerst von der einen und dann von der ande­ren Sei­te bedroht füh­len und schließ­lich erwacht sagen: „Wir haben mit kei­nem von euch etwas zu tun. Wir wer­den unse­ren eige­nen Staat haben.“

Aber der schwar­ze Staat könn­te in eine Föde­ra­ti­on ein­tre­ten. Wenn es den ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen gelän­ge, einen eige­nen Staat zu schaf­fen, wür­den sie nach eini­gen Jah­ren der Genug­tu­ung und des Stol­zes auf die Unab­hän­gig­keit sicher das Bedürf­nis ver­spü­ren, in eine Föde­ra­ti­on ein­zu­tre­ten. Selbst wenn Kata­lo­ni­en, das eine sehr indus­tria­li­sier­te und hoch­ent­wi­ckel­te Pro­vinz ist, sei­ne Unab­hän­gig­keit rea­li­siert hät­te, wäre es nur ein Schritt zur Föde­ra­ti­on gewe­sen.

Die Juden in Deutsch­land und Öster­reich woll­ten nichts mehr als die bes­ten deut­schen Chau­vi­nis­ten sein. Der erbärm­lichs­te von allen war der Sozi­al­de­mo­krat Aus­ter­litz, der Her­aus­ge­ber der Arbei­ter­zei­tung. Aber jetzt, mit der Wen­de der Ereig­nis­se, lässt Hit­ler nicht zu, dass sie deut­sche Chau­vi­nis­ten sind. Jetzt sind vie­le von ihnen Zio­nis­ten, paläs­ti­nen­si­sche Natio­na­lis­ten und anti-deutsch gewor­den. Vor kur­zem sah ich ein wider­li­ches Bild von einem jüdi­schen Schau­spie­ler, der in Ame­ri­ka ankommt und sich bückt, um den Boden der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu küs­sen. Dann bekom­men sie ein paar Schlä­ge mit den faschis­ti­schen Fäus­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und sie gehen hin, um den Boden Paläs­ti­nas zu küs­sen.

Es gibt noch eine ande­re Alter­na­ti­ve zu der erfolg­rei­chen revo­lu­tio­nä­ren. Es ist mög­lich, dass der Faschis­mus mit sei­nem Ras­sen­wahn und sei­ner Unter­drü­ckung an die Macht kommt und die Reak­ti­on der Schwar­zen in Rich­tung Ras­sen­un­ab­hän­gig­keit geht. Der Faschis­mus in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wird sich gegen die Juden und die Schwar­zen rich­ten, aber beson­ders gegen die Schwar­zen, und zwar auf schreck­li­che Wei­se. Es wird eine pri­vi­le­gier­te Situa­ti­on für die ame­ri­ka­ni­schen wei­ßen Arbei­ter auf dem Rücken der Schwar­zen geschaf­fen wer­den. Die Schwar­zen haben alles getan, um ein inte­gra­ler Bestand­teil der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu wer­den, sowohl in psy­cho­lo­gi­scher als auch in poli­ti­scher Hin­sicht. Wir müs­sen vor­aus­se­hen, dass ihre Reak­ti­on wäh­rend der Revo­lu­ti­on ihre Macht zei­gen wird. Sie wer­den mit einem gro­ßen Miss­trau­en gegen­über den Wei­ßen auf­tre­ten. Wir müs­sen in die­ser Ange­le­gen­heit neu­tral blei­ben und die Tür für bei­de Mög­lich­kei­ten offen­hal­ten und ihnen unse­re vol­le Unter­stüt­zung zusa­gen, wenn sie ihren eige­nen unab­hän­gi­gen Staat schaf­fen wol­len.

Soweit ich infor­miert bin, scheint mir, dass die Hal­tung der KP, dar­aus eine gebie­te­ri­sche Paro­le zu machen, falsch war. Es ging dar­um, dass die Wei­ßen den Schwar­zen sag­ten: „Ihr müsst für euch selbst ein Ghet­to schaf­fen“. Das ist takt­los und falsch und kann nur dazu die­nen, die Schwar­zen abzu­sto­ßen. Ihre ein­zi­ge Inter­pre­ta­ti­on kann sein, dass die Wei­ßen von ihnen getrennt wer­den wol­len. Unse­re Schwar­zen Genos­sen haben natür­lich das Recht, an sol­chen Ent­wick­lun­gen näher teil­zu­ha­ben. Unse­re Schwar­zen Genos­sen kön­nen sagen: „Die Vier­te Inter­na­tio­na­le sagt, wenn es unser Wunsch ist, unab­hän­gig zu sein, wird sie uns in jeder Hin­sicht hel­fen, aber wir haben die Wahl. Als ein Schwar­zes Mit­glied der Vier­ten Inter­na­tio­na­le ver­tre­te ich jedoch die Ansicht, dass wir im glei­chen Staat wie die Wei­ßen blei­ben müs­sen“ und so wei­ter. Er kann sich an der Her­aus­bil­dung der poli­ti­schen Ideo­lo­gie der Schwar­zen betei­li­gen.

James: Ich bin sehr froh, dass wir die­se Dis­kus­si­on geführt haben, denn ich stim­me Ihnen voll und ganz zu. Die Idee in Ame­ri­ka scheint zu sein, dass wir uns dafür ein­set­zen soll­ten, wie es die KP getan hat. Sie schei­nen zu glau­ben, dass es eine grö­ße­re Wahr­schein­lich­keit gibt, dass die Schwar­zen Selbst­be­stim­mung wol­len, als ich es für wahr­schein­lich hal­te. Aber wir sind uns hun­dert­pro­zen­tig einig über die von Ihnen vor­ge­brach­te Idee, dass wir in der Ent­wick­lung neu­tral sein soll­ten.

Trotz­ki: Es ist das Wort „reak­tio­när“, das mich gestört hat.

James: Las­sen Sie mich aus dem Doku­ment zitie­ren: „Wenn er Selbst­be­stim­mung woll­te, dann wäre es, so reak­tio­när es auch in jeder ande­ren Hin­sicht sein mag, die Sache der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei, die­se Losung zu erhe­ben.“ Ich betrach­te die Idee der Tren­nung als Rück­schritt, soweit es eine sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft betrifft. Wenn die wei­ßen Arbei­ter dem Schwar­zen die Hand rei­chen, wird er die Selbst­be­stim­mung nicht wol­len.

Trotz­ki: Es ist zu abs­trakt, denn die Ver­wirk­li­chung die­ser Losung kann nur erreicht wer­den, wenn die 13 oder 14 Mil­lio­nen Schwar­zen das Gefühl haben, dass die Herr­schaft der Wei­ßen been­det ist. Für die Mög­lich­keit der Ver­wirk­li­chung eines unab­hän­gi­gen Staa­tes zu kämp­fen, ist ein Anblick des gro­ßen mora­li­schen und poli­ti­schen Erwa­chens. Es wäre ein gewal­ti­ger revo­lu­tio­nä­rer Schritt. Die­ser Auf­stieg hät­te sofort die bes­ten wirt­schaft­li­chen Fol­gen.

Cur­tiss: Ich den­ke, man könn­te eine Ana­lo­gie in Bezug auf die Kol­lek­ti­ve und die Ver­tei­lung der gro­ßen Län­de­rei­en zie­hen. Man könn­te die Zer­split­te­rung gro­ßer Län­de­rei­en in klei­ne Par­zel­len als reak­tio­när anse­hen, aber das ist nicht unbe­dingt so. Aber die­se Fra­ge liegt bei den Bau­ern, ob sie die Län­de­rei­en kol­lek­tiv oder indi­vi­du­ell betrei­ben wol­len. Wir bera­ten die Bau­ern, aber wir zwin­gen sie nicht – es liegt an ihnen. Eini­ge wür­den sagen, dass die Auf­tei­lung der gro­ßen Län­de­rei­en in klei­ne Par­zel­len wirt­schaft­lich reak­tio­när wäre, aber dem ist nicht so.

Trotz­ki: Das war auch die Posi­ti­on von Rosa Luxem­burg. Sie behaup­te­te, dass die Selbst­be­stim­mung eben­so reak­tio­när wäre wie die Zer­stü­cke­lung der gro­ßen Län­de­rei­en.

Cur­tiss: Die Fra­ge der Selbst­be­stim­mung ist auch mit der Fra­ge des Bodens ver­bun­den und muss nicht nur in ihren poli­ti­schen, son­dern auch in ihren wirt­schaft­li­chen Erschei­nungs­for­men betrach­tet wer­den.

Quel­le des eng­lisch­spra­chi­gen Ori­gi­nals: Bul­le­tin of Mar­xist Stu­dies No. 4 (New York: Pioneer Publis­hers, 1962) /​Tran­skrip­ti­on: Mar­xists Inter­net Archi­ve 

Fuß­no­ten

1. Die­se Nie­der­schrift wur­de im Juni 1939 im inter­nen Bul­le­tin der Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­par­tei abge­druckt. Aus Sicher­heits­grün­den wur­den die Namen als Pseud­ony­me auf­ge­führt: „Crux“ für Trotz­ki, „John­son“ für C.L.R. James und „Car­los“ für Charles Cur­tiss. Die­se Pseud­ony­me wur­den hier durch die rich­ti­gen Namen ersetzt.

2. „West­in­di­schen Inseln“ war eine Bezeich­nung für die Inseln der Kari­bik.

3. Charles Cur­tiss (1908–1993) war Mit­glied des Natio­na­len Komi­tees der Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­par­tei und Reprä­sen­tant der Vier­ten Inter­na­tio­na­le in Mexi­ko von 1938 bis 1939.

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