[EMRAWI:] Jacob Blake und die Polizeigewalt in Kenosha, Wisconsin

Jacob Blake und die Polizeigewalt in Kenosha, Wisconsin

Keno­sha, Wis­con­sin: Auf einem Video vom 23. August 2020 ist Jacob Bla­ke zu sehen. Er läuft zu sei­nem Auto. Ein Poli­zist folgt ihm. Bla­ke öff­net die Tür. Er beugt sich hin­un­ter. In die­sem Moment wird ihm von der Poli­zei sie­ben­mal in den Rücken geschos­sen. Bla­ke kommt auf die Inten­siv­sta­ti­on und wird, so sei­ne Fami­lie, nie mehr lau­fen kön­nen. Im Auto, so der Anwalt auf «CNN», sei­en Blakes drei Kin­der – im Alter von drei, fünf und acht – geses­sen.

Die Poli­zei, so wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Vor­gang, sei wegen eines «häus­li­chen Zwi­schen­falls» geru­fen wor­den. Blakes Anwalt erklärt, Bla­ke haben einen Streit geschlich­tet. In dem Auto, in das Bla­ke ein­stei­gen woll­te, wur­de ein Mes­ser sicher­ge­stellt, wie Wis­consins Gene­ral­staats­an­walt Joshua Kaul mit­teil­te. Bla­ke habe dem Poli­zis­ten zuvor «an einem bestimm­ten Punkt» gesagt, dass er ein Mes­ser habe. Wei­te­re Waf­fen waren nicht im Auto. Wes­halb die Poli­zei ihm sie­ben­mal in den Rücken geschos­sen hat, ist schlicht uner­klär­lich. Der Poli­zist, der geschos­sen hat, ist aktu­ell vom Dienst sus­pen­diert.

Der Tod von Bla­ke lös­te in Keno­sha wei­te­re Pro­tes­te gegen Poli­zei­ge­walt aus. Zwei Demons­tran­ten* wur­den getö­tet, unzäh­li­gen Autos brann­ten, Gebäu­de stan­den in Flam­men. Weder, dass die Poli­zei­ge­walt in Keno­sha zu einem wei­te­ren toten Men­schen führ­te, noch die dar­aus ent­ste­hen­den Pro­tes­te sei­en eine Über­ra­schung, so Chris­ty C., Dozen­tin an der Uni­ver­si­tät Wis­con­sin-Madi­son. Jah­re­lang gab es Span­nun­gen zwi­schen der Poli­zei und der schwar­zen Com­mu­ni­ty. Der mitt­le­re Wes­ten habe eine 200-jäh­ri­ge unauf­ge­ar­bei­te­te Geschich­te des Ras­sis­mus, so C. So füh­ren etwa die Bun­des­staa­ten North und South Dako­ta, Nebras­ka, Kan­sas, Min­ne­so­ta, Iowa, Mis­sou­ri, Illi­nois, Michi­gan, India­na, Ohio und eben auch Wis­con­sin die Sta­tis­tik an, wenn es um die größ­te Dif­fe­renz zwi­schen wei­ßen und Schwar­zen bei der Arbeits­lo­sig­keit geht. Auch die Zahl der kon­zen­trier­ten Armut bei der Schwar­zen Bevöl­ke­rung ist im Mitt­le­ren Wes­ten am höchs­ten. Seit lan­gem kämp­fen Bürgerrechtler*innen zudem für die Über­wa­chung gewalt­tä­ti­ger poli­zei­li­cher Über­grif­fe in Wis­con­sin. Bis­her wur­de nichts umge­setzt. Und nun kam es zu den Schüs­sen auf Jacob Bla­ke.

Geor­ge Floyd war nicht der Anfang. Es gibt bereits unzäh­li­ge Tote auf­grund ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt. Jede*r von der Poli­zei getö­te­te Mensch nach Geor­ge Floyd und im Zuge der wie­der­erstark­ten Black Lives Mat­ter Bewe­gung ist jedoch eine Faust ins Gesicht der Pro­tes­tie­ren­den. Als ob sie nicht gehört wür­den. Als ob die staat­li­chen Gewalt­in­sti­tu­tio­nen sich nicht dafür inter­es­sier­ten und nur ihre Macht sichern woll­ten. Wenn das die Ant­wort der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen auf den herr­schen­den Ras­sis­mus ist, müs­sen die Pro­tes­te noch lan­ge wei­ter­ge­hen.

Notwendige Ergänzung: der rassistische Mob und die weiße Überheblichkeit

Die Black Lives Mat­ter Bewe­gung ent­stand nicht als Reak­ti­on auf den Tod von Geor­ge Floyd. Denn wie mitt­ler­wei­le bekannt sein soll­te, wer­den in den USA jede Wochen Schwar­ze Men­schen von ras­sis­ti­schen wei­ßen Polizist*innen ermor­det. Es wich­tig die Bedeu­tung der Pro­tes­te nach dem Mord an Geor­ge Floyd zu erin­nern, jedoch soll­te nicht ver­ges­sen wer­den, dass die­se eine Fol­ge von jahr­zehn­te­lan­ger Orga­ni­sie­rung gegen ras­sis­ti­sche, wei­ße Poli­zei­ge­walt sind.

Dass die Black Lives Mat­ter Bewe­gung seit eini­ger Zeit nicht nur mit der Poli­zei­re­pres­si­on zu kämp­fen hat, ist eine Ent­wick­lung, die bis­her in Euro­pa kaum wahr­ge­nom­men wur­de. Ras­sis­ti­sche Mili­zen, Nazis und Faschist*innen, die „white super­macists“, wie sich vie­le von ihnen selbst bezeich­nen, tra­ten bei unzäh­li­gen Pro­tes­ten der ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­te in Erschei­nung, um einer­seits die BLM Aktivist*innen zu pro­vo­zie­ren, ande­rer­seits auch, um aktiv gegen sie vor­zu­ge­hen. In Keno­sha eska­lier­te die Situa­ti­on nun, nach­dem ein bewaff­ne­ter wei­ßer Jugend­li­cher zwei Men­schen erschoss. Die Toten wur­den im Bericht der Anti­ra-Wochen­schau zwar erwähnt, auf die wich­ti­ge Infor­ma­ti­on, durch wen zwei Men­schen ermor­det wur­den, aber ver­ges­sen.

Dass die­ser Vor­fall die wei­ßen ras­sis­ti­schen Mili­zen bestärkt, ent­springt der Ideo­lo­gie der wei­ßen Über­heb­lich­keit. Für die­se zäh­len nur die Leben der Über­heb­li­chen, wäh­rend Schwar­ze Men­schen als „min­der­wer­tig“ betrach­tet wer­den. Ganz in der Tra­di­ti­on der Skla­ve­rei, in der die Sklav*innen „vogel­frei“ waren und ein wei­ßer, der einen Schwar­zen ermor­de­te, kaum etwas zu befürch­ten hat­te.

In einem Inter­view mit einem inter­na­tio­na­len TV-Sen­der gaben Ver­tre­ter ras­sis­ti­scher Grup­pen an, dass sie zu den Pro­tes­ten kom­men, um „wei­ßes Eigen­tum“ zu beschüt­zen. Dabei wer­den sie von der Poli­zei will­kom­men, so wie der 17jähreige Todes­schüt­ze von Keno­sha, der sich vor der Tat in einer Grup­pe befand, der ein wei­ßer Poli­zist mit­teil­te, dass ihr Erschei­nen von der Poli­zei begrüßt wird – was auf Video doku­men­tiert ist. Des­halb ist es auch kein Wun­der, dass der Mör­der nach der Tat unbe­hel­ligt von den zahl­rei­chen anwe­sen­den Poli­zei­kräf­ten ein­fach davon spa­zie­ren konn­te – mit sei­ner Waf­fe. Erst am nächs­ten Tag (soweit ich mich erin­ne­re) wur­de er von der Poli­zei in einer ande­ren Stadt ver­haf­tet.

Die Pro­tes­te gegen ras­sis­ti­schen Poli­zei­ter­ror quer durch die USA gehen wei­ter. Und damit auch die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen dem ras­sis­ti­schen Mob, der immer öfter bei Black Lives Mat­ter Pro­tes­ten erscheint und die­se atta­ckiert. Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de führ­te dies zu mas­si­ven Aus­ein­an­der­set­zun­gen, bei denen ein Nazi ums Leben kam. In der Fol­ge nutz­te dies Trump, der kaum einen Toten durch die Hand von Rassist*innen betrau­ert, zu einem Nach­ruf auf den getö­te­ten „Patrio­ten“. Im Zuge des Wahl­kamp­fes für die Präsident*innenwahlen im Novem­ber ver­sucht Trump, die Situa­ti­on in sei­nem Inter­es­se zu instru­men­ta­li­sie­ren, was zu einer wei­te­ren Spal­tung inner­halb der US-Gesell­schaft führt. Und die­se wird wohl noch wei­te­re Todes­op­fer for­dern. Es zeigt ein­mal mehr, dass eine restrik­ti­ve law-and-order Poli­tik vor allem im Sin­ne rechts­ex­tre­mer und faschis­ti­scher Krei­se ist – und des­halb will der von vie­len Men­schen gehass­te und von ande­ren ver­göt­ter­te der­zei­ti­ge US-Prä­si­dent vor allem auf das The­ma „law and order“ set­zen.

Zum Abschluss: Anmerkungen zum Beitrag von anti​ra​.org

Es wur­den ein paar For­mu­lie­run­gen geän­dert und vor allem wur­de der Satz, dass „es zum Mord an Jacob Bla­ke“ kam, rich­tig gestellt. Bla­ke über­leb­te die sie­ben Schüs­se in sei­nem Rücken, er wird aber sein Leben lang gelähmt sein. War es die Absicht des wei­ßen Poli­zis­ten*, Bla­ke zu ermor­den? In einem State­ment von Black Lives Mat­ter Glo­bal Net­work ist zu lesen: „Any per­son who will shoot someo­ne seven times in the back is not shoo­ting to slow someo­ne down. They are shoo­ting to kill.“ – Kurz gesagt: Wer eine Per­son sie­ben mal in den Rücken schießt, macht dies, um die­se Per­son zu töten.

Nicht nur wenn Men­schen ermor­det wer­den, soll­te der ras­sis­ti­scher Ter­ror kri­ti­siert wer­den. Denn es geht hier um viel mehr – es geht um sozia­le Unge­rech­tig­keit, um eine ras­sis­ti­sche Ein­tei­lung in angeb­lich „Über- und Unter­le­ge­ne“. Die­se ist ein­ge­bet­tet in eine Jahr­hun­der­te lan­ge Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung Schwar­zer Men­schen – nicht nur in den USA und in Afri­ka, son­dern welt­weit. Des­halb soll­ten die Black Lives Mat­ter Pro­tes­te nicht auf einen Wider­stand gegen Poli­zei­ter­ror redu­ziert wer­den, son­dern als das wahr­ge­nom­men wer­den was sie sind: Pro­tes­te für sozia­le Gerech­tig­keit und ein Leben in Wür­de. Denn solan­ge Schwar­ze Leben nicht zäh­len, zählt kein Leben.

Es ist not­wen­dig, sich viel inten­si­ver mit der Jahr­hun­der­te lan­gen Geschich­te von Ras­sis­mus und wei­te­ren For­men von Unter­drü­ckung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Denn Ras­sis­mus kann nicht getrennt von Kapi­ta­lis­mus, Sexis­mus, Faschis­mus usw. gese­hen wer­den. Der Kampf für sozia­le Gerech­tig­keit in ein lan­ger – doch er muss statt fin­den, damit ein Leben in Wür­de für alle Men­schen mög­lich wird. In einer Welt ohne Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung.

Links:

Arti­kel zu Black Lives Mat­ter auf emra​wi​.org:

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