[gfp:] Kampf um deutsche High-Tech-Firmen

Ex-Marineminister im Verwaltungsrat

Der US-Geheim­dienst CIA steigt bei dem deut­schen Raum­fahrt-Start­up Mor­pheus Space ein.[1] Mor­pheus Space ist eine Aus­grün­dung aus dem Insti­tut für Luft- und Raum­fahrt­tech­nik an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dres­den; es hat win­zi­ge Satel­li­ten­trieb­wer­ke ent­wi­ckelt, die etwa so groß wie eine Fin­ger­kup­pe sind und sich leicht an Satel­li­ten aller Art anbrin­gen las­sen. Exper­ten stu­fen die Tech­no­lo­gie als eine „Revo­lu­ti­on“ in der Bran­che ein. Das Unter­neh­men hat kürz­lich eine Finan­zie­rungs­run­de durch­ge­führt, die sei­ne Expan­si­on ermög­li­chen soll. Dabei hat es Zuschüs­se meh­re­rer Risi­ko­ka­pi­tal­fonds erhal­ten, so etwa von Air­bus Ven­tures und der in die­sem Früh­jahr gegrün­de­ten Münch­ner Vsqua­red Ven­tures. Ins­be­son­de­re sind aller­dings US-Fonds ver­tre­ten. Zu ihnen zählt Pal­las Ven­tures, ein Able­ger von Pal­las Advi­sors, einer Bera­tungs­fir­ma, die im Jahr 2018 von zwei ehe­ma­li­gen Pen­tagon­mit­ar­bei­tern ins Leben geru­fen wur­de. Pal­las Ven­tures wie­der­um wird von Richard Spen­cer geführt, der von 2017 bis 2019 als US-Mari­ne­mi­nis­ter tätig war. Spen­cer ist mit Beginn der Finan­zie­rung durch sei­nen Fonds in den Ver­wal­tungs­rat von Mor­pheus Space ein­ge­tre­ten. Zu den Finan­ziers gehört zudem der Fonds In-Q-Tel.

In-Q-Tel

In-Q-Tel ist 1999 unter der Ägi­de des dama­li­gen CIA-Direk­tors Geor­ge Tenet gegrün­det wor­den. Ziel des Fonds, der als „Risi­ko­ka­pi­tal­arm“ des US-Aus­lands­ge­heim­diensts bezeich­net wird, ist es, der CIA Zugriff auf neue Tech­no­lo­gien zu ver­schaf­fen. Dies soll, da die High-Tech-Bran­che in hohem Tem­po wächst und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lungs­ar­bei­ten in allen rele­van­ten Berei­chen die Kapa­zi­tä­ten der Spio­na­ge­be­hör­de über­stei­gen, durch die geziel­te Nut­zung pri­va­ter Unter­neh­men und ihrer Pro­duk­te gesche­hen. In-Q-Tel beob­ach­tet die Bran­che sys­te­ma­tisch; schon 2005 hieß es, „nahe­zu jeder US-Unter­neh­mer, ‑Erfin­der oder ‑For­scher“, der sich der Daten­ana­ly­se wid­me, sei „wahr­schein­lich schon von In-Q-Tel ange­ru­fen oder zumin­dest gegoo­gelt worden“.[2] Bei der Beob­ach­tung hilft, dass der Fonds, der nach Berich­ten jähr­lich über drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­sum­men aus dem Staats­etat ver­fügt [3], bes­tens ver­netz­tes Per­so­nal aus der US-Tech­no­lo­gie­sze­ne beschäf­tigt; sein heu­ti­ger Chef, Chris­to­pher Dar­by, arbei­te­te zuvor in füh­ren­der Posi­ti­on beim US-Chip­pro­du­zen­ten Intel. Hat In-Q-Tel für die CIA rele­van­te Tech­no­lo­gien iden­ti­fi­ziert, dann steigt der Fonds bei den ent­spre­chen­den Fir­men ein und sichert sich ver­trag­lich den Zugriff auf die gewünsch­ten Pro­duk­te. Bis 2016 hat­te In-Q-Tel dies bei mehr als 300 Pro­duk­ten getan.

„Know-how aus Deutschland abwerben“

Aktu­ell bemüht sich In-Q-Tel ins­be­son­de­re um den Ein­stieg in deut­sche Unter­neh­men – und hat dazu laut Berich­ten eigens einen Mit­ar­bei­ter in Stutt­gart stationiert.[4] Dabei ist der CIA-Able­ger kei­nes­wegs die ein­zi­ge US-Stel­le, die sich in der Bun­des­re­pu­blik nach viel­ver­spre­chen­den Tech­no­lo­gien umsieht. Wie es heißt, sind etwa auch die NASA und die U.S. Space For­ce damit befasst: Es gehe dar­um, gezielt „Know-how aus Deutsch­land abzu­wer­ben“. Im Mit­tel­punkt der Akti­vi­tä­ten steht dabei offen­kun­dig die Raum­fahrt­bran­che, aus der zur Zeit beson­ders häu­fig von Ange­bo­ten aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten berich­tet wird.[5] Hin­ter­grund ist, dass die Trump-Admi­nis­tra­ti­on die U.S. Space For­ce, die im Dezem­ber 2019 aus der Air For­ce aus­ge­glie­dert und zur eige­nen Teil­streit­kraft auf­ge­wer­tet wur­de, in hohem Tem­po aus­bau­en will; allein für 2021 ste­hen 15,4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die Space For­ce bereit, davon gut 10,3 Mil­li­ar­den nur für For­schung, Ent­wick­lung, Test und Eva­lu­ie­rung neu­er Technologien.[6] Der Erhalt von Auf­trä­gen für das US-Mili­tär ist frei­lich oft mit der Auf­la­ge ver­bun­den, die Pro­duk­ti­on in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten durch­zu­füh­ren. Das läuft immer stär­ker auf den Ver­lust von Unter­neh­men und von Know-How in Deutsch­land hin­aus. Ein Mit­grün­der von Vsqua­red Ven­tures äußert die Ver­mu­tung, der Bun­des­re­pu­blik blie­ben „noch etwa zwei Jah­re …, um den Abzug der [Raumfahrt-]Branche in die USA zu verhindern“.[7]

Ein deutscher Raketenstartplatz

Deut­sche Wirt­schafts­ver­tre­ter drin­gen, um betrof­fe­nen Unter­neh­men Alter­na­ti­ven zu bie­ten, auf einen raschen Aus­bau der Raum­fahrt in der Bun­des­re­pu­blik und der EU. Der Bun­des­ver­band der Deut­schen Indus­trie (BDI) etwa setzt sich für die Schaf­fung eines eige­nen Rake­ten­start­plat­zes in der Bun­des­re­pu­blik ein. „Noch in die­sem Herbst“ müs­se „eine grund­sätz­li­che poli­ti­sche Ent­schei­dung“ dazu fal­len, for­der­te im Juli Mat­thi­as Wach­ter, der Abtei­lungs­lei­ter für Raum­fahrt beim BDI.[8] Von dem Rake­ten­start­platz aus sol­len Mini­ra­ke­ten ins All beför­dert wer­den; die Anla­ge kön­ne, um die Bau­auf­la­gen zu redu­zie­ren, statt an Land mobil auf dem Meer errich­tet wer­den, wird Wach­ter zitiert. Der BDI will noch in die­sem Herbst ein Kon­zept dafür vor­le­gen; er hat ange­kün­digt, bald nach der Som­mer­pau­se in kon­kre­te Ver­hand­lun­gen dar­über mit dem Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um einzutreten.[9] Ers­te deut­sche Start-ups haben jüngst För­der­mit­tel erhal­ten, um Mini­ra­ke­ten („Micro­laun­cher“) wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Die Erst­starts könn­ten schon kom­men­des Jahr erfol­gen, kün­di­gen die Unter­neh­men an.

„Ein immer schwierigerer Konkurrent“

Par­al­lel dazu zieht die Bun­des­re­gie­rung Maß­nah­men zur Abwehr von Über­nah­me­ver­su­chen in Betracht. Der Koor­di­na­tor der Bun­des­re­gie­rung für Luft- und Raum­fahrt, Tho­mas Jar­zom­bek, hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Bun­des­re­gie­rung dank der im April beschlos­se­nen Novel­le des Außen­wirt­schafts­ge­set­zes, die im Juli in Kraft getre­ten ist, über grö­ße­ren Hand­lungs­spiel­raum ver­fügt, den Ein­stieg aus­wär­ti­ger Inves­to­ren bei kri­ti­schen Tech­no­lo­gien zu untersagen.[10] Nach Aus­kunft von BDI-Abtei­lungs­lei­ter Wach­ter hat sie dies im Fal­le eines chi­ne­si­schen Inves­tors bereits getan.[11] Vor kur­zem hat Johann Wade­phul, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on, gewarnt, die USA sei­en „wirt­schaft­lich ein immer schwie­ri­ge­rer Kon­kur­rent“; es zeich­ne­ten sich inzwi­schen Strei­tig­kei­ten „um den Besitz von als stra­te­gisch wich­tig defi­nier­ten High-Tech-Unter­neh­men“ ab. Es dro­he ein trans­at­lan­ti­scher „Kampf um Unter­neh­men und Technologien“.[12] Jar­zom­bek wird mit der Ankün­di­gung zitiert, er schlie­ße inzwi­schen „radi­ka­le Schrit­te nicht aus“.

[1] Tho­mas Stöl­zel: CIA-Invest­ment­arm steigt bei Mor­pheus Space in Dres­den ein. wiwo​.de 26.08.2020.

[2] Terence O’Ha­ra: In-Q-Tel, CIA’s Ven­ture Arm, Invests in Secrets. washing​ton​post​.com 15.08.2005.

[3] Dami­an Palet­ta: The CIA’s Ven­ture-Capi­tal Firm, Like Its Spon­sor, Ope­ra­tes in the Shadows. wsj​.com 30.08.2016.

[4], [5] Tho­mas Stöl­zel: Wie die USA deut­sche Raum­fahrt-Start-ups abwer­ben wol­len. zeit​.de 26.07.2020.

[6] Har­ry Lye: US Space For­ce lifts off with first bud­get request. air​for​ce​-tech​no​lo​gy​.com 12.02.2020.

[7] Tho­mas Stöl­zel: Wie die USA deut­sche Raum­fahrt-Start-ups abwer­ben wol­len. zeit​.de 26.07.2020.

[8] Ger­hard Heg­mann, Phil­ipp Vet­ter: Indus­trie for­dert schnel­le Ent­schei­dung über deut­schen Welt­raum­bahn­hof. welt​.de 12.07.2020.

[9] Dona­ta Rie­del: Neue Chan­ce für einen deut­schen Welt­raum-Bahn­hof. han​dels​blatt​.com 26.07.2020.

[10] Tho­mas Stöl­zel: Wie die USA deut­sche Raum­fahrt-Start-ups abwer­ben wol­len. zeit​.de 26.07.2020.

[11] Eli­sa­beth Braw: US inte­rest in Ger­man space start-ups is not rocket sci­ence. ft​.com 18.08.2020.

[12] S. dazu Die „Koali­ti­on der Ent­schlos­se­nen“.

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