[KgK:] Blasel geht in den Bundestag, aber wohin geht Fridays for Future?

Grüne Schale, Schwarzer Kern

Es gibt ein Gefa­sel dar­über, die Grü­nen sei­en eine pro­gres­si­ve Kraft und wür­den die kon­se­quen­tes­te Kli­ma­po­li­tik vor­schla­gen. Wer treibt die­se Ideen vor­an? Lui­sa Neu­bau­er oder Jakob Blasel, die seit Jah­ren bei den Grü­nen enga­giert sind. Doch die poli­ti­sche Rea­li­tät sieht ganz anders aus. Um die oppor­tu­nis­ti­sche DNA die­ser neo­li­be­ra­len Par­tei zu erken­nen, muss man kei­ne zwan­zig Jah­re zurück­ge­hen – kann man aber! Die ers­te mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on Deutsch­lands seit dem Zwei­ten Welt­krieg in 1999 im Koso­vo wur­de in einer Rot-Grü­nen Regie­rung unter einem grü­nen Außen­mi­nis­ter beschlos­sen und durch­ge­führt. Nach­dem somit zuerst die Frie­dens­tau­ben vom Him­mel – bzw. aus dem Par­tei­pro­gramm – geschos­sen wur­den, ließ eine Atta­cke auf die inlän­di­sche Bevöl­ke­rung nicht lang auf sich war­ten. Denn auch die Durch­set­zung der Agen­da 2010, des här­tes­ten Angriffs auf die Lebens­qua­li­tät von Arbeiter*innen in Deutsch­land seit Jahr­zehn­ten, wel­che von den Grü­nen mit­ge­tra­gen wur­de, spricht eigent­lich schon für sich. Das ist ja aber auch – so könn­te man argu­men­tie­ren – schon lan­ge her, und des­halb mög­li­cher­wei­se nicht aus­sa­ge­kräf­tig genug, wenn es um die Bewer­tung der Poli­tik der Grü­nen in 2020 geht. Wel­che neue­ren Bei­spie­le zei­gen also, wel­che Poli­tik die Grü­nen einer so dyna­mi­schen und jugend­li­chen Bewe­gung, wie Fri­days for Future, anbie­ten kön­nen?

Man könn­te bei­spiel­haft die Posi­ti­on der Grü­nen zu einem der zen­tra­len Bezugs­punk­te für die Öko­lo­gie- und Kli­ma­be­we­gung in Deutsch­land nen­nen: den Ham­ba­cher Forst. Wäh­rend FFF, Ende Gelän­de und ande­re Bewe­gungs­ak­tue­re mit der Paro­le „Ham­bi bleibt!“ seit Jah­ren eine kla­re Posi­ti­on zum Umgang mit dem Forst an den Tag legen, ver­su­chen die Grü­nen zwar immer den Anschein zu erwe­cken, sie stün­den voll­ends hin­ter die­ser For­de­rung, haben jedoch tat­säch­lich 2016, als sie gemein­sam mit der SPD die Lan­des­re­gie­rung von NRW bil­de­ten, in einer Leit­ent­schei­dung ver­kün­det: „Braun­koh­le ist im rhei­ni­schen Revier wei­ter­hin erfor­der­lich, dabei blei­ben die Abbau­gren­zen der Tage­baue Inden und Ham­bach unver­än­dert“. Damit wur­de ganz ein­deu­tig „grü­nes“ Licht für die Rodung des Ham­bis gege­ben, des­sen Schick­sal man in die Hän­de des Ener­gie­kon­zerns RWE leg­te. Vor die­sem Hin­ter­grund über­rascht es nicht, dass sich ein ähn­li­ches Bild momen­tan beim in Hes­sen lie­gen­den Dan­nen­rö­der Forst zeigt. Die schwarz-grü­ne Lan­des­re­gie­rung leg­te in ihrem Koali­ti­ons­ver­trag fest, die Auto­bahn A49 wei­ter aus­zu­bau­en. Lei­der steht der geplan­ten Ver­län­ge­rung der ca. 300 Jah­re alte Wald im weg, der gero­det wer­den soll, um der A49 Platz zu machen. Auch wenn vor Kur­zem ein Pro­test­camp im Wald auf­ge­schla­gen wur­de, ist es frag­lich, ob die Räu­mung ver­hin­dert wer­den kann, wenn die schwarz-grü­nen Räum­pan­zer, Hub­schrau­ber und Hun­dert­schaf­ten in den Wald geschickt wer­den, um gewalt­sam Platz für eine kar­ge Beton­wüs­te zu machen.

Obwohl das nur zwei Bei­spie­le von Dut­zen­den sind, die man hät­te aus­wäh­len kön­nen – zu den­ken wäre z. B. noch an die Posi­ti­on des ein­zig grü­nen Minis­ter­prä­si­den­ten Win­fried Kret­sch­mann, zum gar nicht so grü­nen Rie­sen­pro­jekt Stuttgart21, oder an die Art und Wei­se, wie die Grü­nen in den Jamai­ka-Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen nach der letz­ten Bun­des­tags­wahl ein Kern­ele­ment ihres Wahl­pro­gramms nach dem ande­ren auf­ge­ge­ben haben, um an die Macht zu kom­men, – so zei­gen sie doch den oppor­tu­nis­ti­schen Ein­schlag der Grü­nen beson­ders dort, wo sie regie­ren kön­nen. Zen­tra­le Prin­zi­pi­en ihres Pro­gramms wer­den auch gegen den Wil­len ihrer eige­nen Basis fal­len gelas­sen, um eine Zusam­men­ar­beit mit reak­tio­nä­ren Par­tei­en wie der CDU – oder kapi­ta­lis­ti­schen Groß­un­ter­neh­men wie RWE – zu ermög­li­chen. Beson­ders zei­gen sie jedoch auch, dass die Grü­nen schon lan­ge kei­ne Par­tei mehr sind, die sich den Kampf für eine neue und ande­re Welt auf die Fah­nen schreibt, son­dern die ihren poli­ti­schen Platz im Her­zen des Kapi­ta­lis­mus gefun­den hat, den man viel­leicht etwas grün lackie­ren, aber kei­nes Falls hin­ter sich las­sen kann.

Die­ses Han­deln, die der rech­te (also der bestim­men­de) Flü­gel der Grü­nen seit Jah­ren als „Real­po­li­tik“ ver­kau­fen will, die gemacht wer­den müs­se, da so Poli­tik nun mal funk­tio­nie­re, weist sich als nichts ande­res aus als eine stra­te­gi­sche und kal­ku­lier­te Posi­tio­nie­rung der Par­tei, um in eine bes­se­re Macht­po­si­ti­on zu kom­men. Man will gleich­zei­tig mit­hil­fe eines pseu­do-pro­gres­si­ven Images die Stim­men der Jugend und der umwelt­be­wuss­ten Tei­le der Bevöl­ke­rung sam­meln und sich par­al­lel den Kapitalist*innen und Kon­ser­va­ti­ven anbie­dern, um eine mög­lichst gute Aus­sicht auf eine Regie­rungs­be­tei­li­gung nach der nächs­ten Bun­des­tags­wahl zu erlan­gen. Der Kurs steht schon lan­ge auf Schwarz-Grün. Die Fra­ge bleibt: Ist die­ser Kurs, der auf eine Zusam­men­ar­beit mit genau den­je­ni­gen Unter­neh­men, Par­tei­en und Per­so­nen setzt, die seit Jahr­zehn­ten für das Aus­maß der Situa­ti­on mit­ver­ant­wort­lich sind, ein gutes Ange­bot an eine Bewe­gung, die seit Tag Eins die For­de­rung hoch­hält, dass man zur Bewäl­ti­gung der Kli­ma­kri­se neue und radi­ka­le Wege ein­schla­gen müs­se? Auch wenn die Koop­tie­rung von FFF und ins­be­son­de­re ihrer Bun­des­füh­rung durch die Grü­nen schon fort­ge­schrit­ten ist, gibt es einen nicht uner­heb­li­chen Teil an der Basis, für den eine Ant­wort nur in einer ent­schie­de­nen Ableh­nung eines sol­chen Manö­vers, wie es Blasel vor­schlägt, lie­gen kann, da es die Ein­glie­de­rung und Unter­ord­nung in den Appa­rat einer neo­li­be­ra­len und kei­nes­falls pro­gres­si­ven Par­tei bedeu­ten wür­de.

Bei den­je­ni­gen Tei­len der Bewe­gung, die die Ein­sicht erlangt haben, dass die Grü­nen (und ganz beson­ders Boris Pal­mer) nicht auf die Erde gesandt wur­den, um den Pla­ne­ten zu ret­ten, über­wiegt ver­ständ­li­cher­wei­se der Frust dar­über, trotz einer immensen Mobi­li­sie­rung auf der Stra­ße poli­tisch wenig erreicht zu haben. Wie soll es jetzt wei­ter­ge­hen?

Für ein Programm der Jugend und der Arbeiter*innen

FFF befin­det sich in einer Sack­gas­se. Wäh­rend die Füh­rungs­rie­ge ent­we­der wie Blasel schon offen kapi­tu­liert oder sich immer wei­ter von der Basis ent­frem­det und in einer unab­ge­spro­che­nen Akti­on nach der ande­ren ver­rennt, wie es Lui­sa Neu­bau­er durch Tref­fen mit Ange­la Mer­kel oder dem „Demo­kra­tie­fes­ti­val“ bzw. der Far­ce „#12062020Olympia“ geschafft hat, wis­sen vie­le an der Basis nicht so recht, wie es wei­ter gehen soll. Dabei hat sich die Bewe­gung selbst in die­se Lage manö­vriert. Ihrem Auf­tre­ten nach ist Fri­days For Future immer als Bitt­stel­le­rin an die Poli­tik her­an­ge­tre­ten. Solan­ge pro­tes­tie­ren, bis „die da oben“, deren Auf­ga­be es ja sei, Poli­tik zu machen und auf die Men­schen im Land zu hören, end­lich ein­se­hen, dass man mehr tun müs­se, um gegen den Kli­ma­wan­del vor­zu­ge­hen. Das war die stra­te­gi­sche Leit­li­nie der Bewe­gung für wei­te Tei­le ihres akti­ven Auf­tre­tens. Jetzt ist der Punkt erreicht, in denen Tei­le der Bewe­gung selbst „nach oben“ gehen wol­len und die end­lo­sen Bit­ten im poli­ti­schen All­tag ver­hal­len. FFF ist nicht das ers­te Phä­no­men die­ser Art, das die­ses Schick­sal ereilt, doch es muss nicht bei die­ser Schock­star­re blei­ben.

Was die Bewe­gung lähmt, ist, dass sie sich nicht dar­über im Kla­ren ist, wer ihre Ver­bün­de­ten im Kampf für eine gerech­te Zukunft sind. Die Grü­nen sind es nicht, Ange­la Mer­kel ist es nicht, und auch die „Entre­pre­neurs for Future“ haben weder die Fähig­kei­ten noch das Inter­es­se dar­an, genü­gend poli­ti­sche Macht auf­zu­bau­en, um einen radi­ka­len Wan­del voll­zie­hen zu kön­nen. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen die Arbeiter*innen ver­schie­dens­ter Sek­to­ren, die auf­grund ihrer Stel­lung im Pro­duk­ti­ons­pro­zess die­je­ni­gen sind, die die öko­no­mi­sche und damit auch die poli­ti­sche Macht haben, für einen Wan­del zu sor­gen und die im Bünd­nis mit der Jugend und ande­ren unter­drück­ten Tei­len der Gesell­schaft eine ech­te Ver­än­de­rung erwir­ken kön­nen. Die Arbeiter*innen haben ein objek­ti­ves Inter­es­se dar­an, die Aus­beu­tung ihrer selbst und des Pla­ne­ten, also genau die bei­den grund­le­gen­den Mecha­nis­men, die die Mise­re, auf die wir zusteu­ern, pro­du­zie­ren, mit all ihren Wur­zeln hin­weg­zu­fe­gen. Des­we­gen muss FFF offen­siv auf die Arbeiter*innen und die Gewerk­schaf­ten zuge­hen, um Bünd­nis­se zu for­men, die der geein­ten Front von bür­ger­li­chen Par­tei­en und Kon­zer­nen, die Stirn bie­ten kön­nen, um die kapi­ta­lis­ti­sche Hege­mo­nie zu bre­chen.

Es wird näm­lich nicht gelin­gen, die kom­men­de Kata­stro­phe abzu­wen­den, ohne sich gegen das Sys­tem zu rich­ten, wel­ches sie her­vor­bringt. Denn auch eine CO2-Steu­er oder das Ver­bot von Ver­bren­nungs­mo­to­ren wer­den den Pla­ne­ten nicht ret­ten, solan­ge die öko­no­mi­sche Grund­struk­tur der Gesell­schaft wei­ter auf der Aus­beu­tung von Mensch und Natur basiert, Pro­fit- und Kon­kur­renz­den­ken poli­ti­sches und öko­no­mi­sches Han­deln anlei­ten und impe­ria­lis­ti­sche Krie­ge um Res­sour­cen geführt wer­den. Das Ende die­ser Mecha­nis­men wird jedoch nicht als Geschenk der bür­ger­li­chen Poli­tik kom­men, wes­we­gen FFF den Modus des Bitt­stel­lers been­den muss, um For­de­run­gen zu ver­kün­den, die mit dem Kapi­ta­lis­mus bre­chen wol­len. Der Ruf nach ent­schä­di­gungs­lo­sen Ent­eig­nun­gen und Umstel­lung der Pro­duk­ti­on unter Arbeiter*innenkontrolle in Schlüs­sel­sek­to­ren wie der Ener­gie­wirt­schaft, sowie ein kos­ten­lo­ser ÖPNV für alle muss auf die Tages­ord­nung gesetzt wer­den. Um die­sen For­de­run­gen Druck zu ver­lei­hen, ist es jedoch unab­ding­bar, dass sich die Arbeiter*innen auf der Sei­te der Jugend befin­den, um mit Streiks eine Wel­le des Pro­tests nicht nur durch die Stra­ßen, son­dern auch durch die Betrie­be rol­len zu las­sen.

Für die Rückeroberung von Bewegung und Gewerkschaft

Was die Jugend und die Arbeiter*innen eint, ist nicht nur das objek­ti­ve Inter­es­se nach einer (kli­ma-) gerech­ten Zukunft, son­dern auch die Ent­kop­pe­lung ihrer Füh­run­gen von der Basis. Wäh­rend bei FFF ein­zel­ne Per­so­nen und Orts­grup­pen ver­su­chen über die Köp­fe der Bewe­gung hin­weg poli­ti­sche Leit­li­ni­en aus­zu­ge­ben und eine Radi­ka­li­sie­rung zu ver­hin­dern, wer­den die Gewerk­schaf­ten durch eine Büro­kra­tie kon­trol­liert, die aktiv ver­sucht, die Mas­se der Arbeiter*innen ruhig zu hal­ten und auf ihren sozi­al­part­ner­schaft­li­chen Kurs ein­zu­schwö­ren.

Da die Füh­rung von FFF zu gro­ßen Tei­len selbst direkt mit den bür­ger­li­chen Kräf­ten ver­bun­den ist, die die Erfül­lung der For­de­rung nach einem grund­le­gen­den Wan­del in der Wirt­schaft hemmt, muss sich die Basis von ihr abwen­den, um ein eige­nes Pro­gramm auf­zu­stel­len, wel­ches anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche For­de­run­gen auf­stellt und die Arbeiter*innenklasse mit ein­be­zieht. Eben­so kämpft die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie mehr um ihr eige­nes Über­le­ben als für das Wohl der Arbeiter*innen, die sie zu ver­tre­ten vor­gibt, wofür die jüngs­ten Gescheh­nis­se bei Voith nur ein Bei­spiel sind. Des­we­gen müs­sen die Jugend und Arbeiter*innen ihre Bewe­gun­gen und Orga­ne zurück­er­obern, ihre Kämp­fe ver­bin­den und gegen die Kräf­te vor­ge­hen, die sie davon abhal­ten, die Welt zu ver­än­dern.

Wenn Fri­days For Future also nicht zwi­schen dem Kar­rie­ris­mus lei­ten­der Per­sön­lich­kei­ten und dem viel zu engen Kor­sett, in die der bür­ger­li­che Par­la­men­ta­ris­mus die Bewe­gung zwingt, auf­ge­rie­ben wer­den möch­te, dann muss der Appell für die­je­ni­gen Aktivist*innen, die unzu­frie­den über die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen sind, lau­ten, jetzt nicht dabei zu zuse­hen, wie man­che FFF zu einem Wahl­hel­fer für die Grü­nen machen wol­len, son­dern sich stark­zu­ma­chen für neue Bünd­nis­se und radi­ka­le­re For­de­run­gen, die die libe­ra­le Zwangs­ja­cke ein für alle Mal spren­gen. Die bür­ger­li­chen Figu­ren in und außer­halb von Fri­days For Future wer­den behaup­ten, dass die Revo­lu­ti­on fürs Kli­ma, wel­che Hun­dert­tau­sen­de Jugend­li­che auf der gan­zen Welt los­ge­tre­ten haben, mit eini­gen Pro­zent­punk­ten mehr für die­se oder jene Par­tei mit einer ein paar Euro höhe­ren CO2 Steu­er oder mit einem Ver­bot von SUVs zu ihrem Ende gekom­men sei. Doch sie kann erst abge­schlos­sen sein, wenn der Kapi­ta­lis­mus – die Ursa­che für die Kli­ma­kri­se – mit all sei­nen Aus­wüch­sen und For­men aus den Angeln geho­ben wur­de. Die zen­tra­le Auf­ga­be ist es daher, die Revo­lu­ti­on fürs Kli­ma nicht zu einem Still­stand kom­men zu las­sen, son­dern sie per­ma­nent zu machen, nicht bis die­se Gesell­schaft ver­bes­sert wur­de, son­dern bis eine kom­plett neue ent­stan­den ist, die im Ein­klang von Mensch und Natur und frei von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung exis­tiert.

Klas­se Gegen Klas­se