[KgK:] Tarifrebellion: Die Mobilisierung der prekären Jugend in der Ausbildung

Die Zukunft sieht dun­kel aus. Die­se Ansicht ist in der Jugend weit ver­brei­tet. Mit Jugend sind in die­sem Arti­kel die­je­ni­ge gemeint, des­sen Eltern über kei­nen Besitz ver­fü­gen, also die Mehr­heit unse­rer Genera­ti­on. Schon vor der Coro­na­kri­se hat­ten wir kei­ne kla­re Vor­stel­lung, wie die nächs­ten Jahr­zehn­ten aus­se­hen wer­den. Es war aller­dings offen­sicht­lich, dass wir im Ver­gleich zu frü­he­ren Genera­tio­nen vor uns nie­mals eine ver­gleich­ba­re Sicher­heit haben wer­den. Das Arbeits­le­ben sieht mager aus und an einer guten Ren­ten­ver­sor­gung glaubt nie­mand mehr. Durch Coro­na ver­dun­kelt sich unse­re Zukunft immer wei­ter. Nicht nur hat sich das „pri­va­te“ Leben radi­kal ver­än­dert, die Arbeits­si­tua­ti­on der meis­ten ist per­spek­tiv­los.

Was hat die Kampagne auf sich?

In die­sem Rah­men will die oben genann­te Kam­pa­gne „Tarifrebell*innen“ den Kampf für einen neu­en Tarif­ver­trag ange­hen. Um es mit den Wor­ten der gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten Jugend­li­chen zu sagen: „Unzu­frie­den in der Aus­bil­dung? Wenig Geld, Aner­ken­nung und Per­spek­ti­ven, aber umso mehr Arbeit? Lasst uns dar­an was ändern! 2020 ste­hen in vie­len Bran­chen im Dienst­leis­tungs­be­reich Tarif­ver­hand­lun­gen an – gemein­sam strei­ten wir für die Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen, die wir ver­die­nen!“

Schau­en wir uns ihr Pro­gramm an. Wor­um geht es?

  • Gutes Geld ist mehr als die hal­be Mit­te. Alle Aus­ga­ben wer­den teu­rer: Mie­te, Lebens­mit­tel, Kul­tur, Rei­sen und vie­les mehr. Die For­de­rung ist eine fai­re Bezah­lung. Doch was heißt in die­sem Zusam­men­hang fai­re Bezah­lung. Die wirt­schaft­li­che Rezes­si­on wird dazu füh­ren, dass die Unternehmer*innen damit argu­men­tie­ren wer­den, ihre Kos­ten sei­en auch gestie­gen, also kön­ne man die Löh­ne nicht erhö­hen. Wenn der Kampf also bedeu­tet, fair im Sin­ne der Geschäfts­füh­rung, wird die Zukunft der Azu­bis kei­ner­lei Ton­än­de­rung erfah­ren. Mit­ten in der Debat­te über eine 4 Tage Woche, die in der aktu­el­len Kon­zep­ti­on die Löh­ne angreift und den For­de­run­gen nicht gerecht wird, soll­te man eine offen­si­ve­re For­de­rung stel­len. Die Arbeits­zeit­ver­kür­zung ist nur dann mög­lich, wenn die Löh­ne an die stei­gen­den Lebens­kos­ten ange­passt wer­den. Alles ande­re bie­tet kei­ne Moral, um zu kämp­fen.
  • Gibt’s das auch in gut? Gemeint sind gute Pra­xis­an­lei­tung, kos­ten­freie Lern­mit­tel und Zeit für die Prü­fungs­vor­be­rei­tung, um mit Qua­li­tät den Fach­kräf­te­man­gel zu bekämp­fen. Die Pla­ge des Fach­kräf­te­man­gels hat in den letz­ten Monat sei­nen schärfs­ten Aus­druck gehabt. Die Kolleg*innen in den Kran­ken­häu­sern muss­ten sich unter dra­ma­ti­schen Umstän­den – deren Ursprung in der Zer­stö­rung des Gesund­heits­sys­tems durch neo­li­be­ra­le Refor­men liegt – um Coro­na Patient*innen küm­mern und in unzäh­li­gen Fäl­len unnö­ti­ge Tode mit­an­se­hen.
  • Über­nehmt uns, sonst über­neh­men wir. In Wor­ten radi­kal und rich­tig, nur was ist genau damit gemeint? „Also, lie­be Arbeit­ge­ben­de: Gebt uns Arbeit! Und war­um nicht gleich im erlern­ten Beruf, unbe­fris­tet und in Voll­zeit?“, so fra­gen es die Tarifrebell*innen. Doch die­se Fra­ge muss weg! Die Fra­ge der Zukunfts­per­spek­ti­ve für Aus­zu­bil­den­de löst sich nicht durch die Warm­her­zig­keit der Unternehmer*innen, son­dern im Kampf in den Betrie­ben. Es darf kei­ne Bit­te sein, es muss durch­ge­setzt wer­den. Wie­so soll­ten Azu­bis eine Aus­bil­dung machen, wenn sie damit eine unsi­che­re Zukunft ein­ge­hen? „Über­nehmt uns, sonst über­neh­men wir“, muss unmiss­ver­ständ­lich klar­ge­macht wer­den: Ent­we­der ihr sichert uns eine gute Zukunft oder wir über­neh­men eure Betrie­be. Beson­ders in die­sen Zei­ten, in denen wir ver­mehr­te Schlie­ßun­gen sehen, darf es nur einen sehr schma­len Raum für Ver­hand­lun­gen geben. Nicht im Inter­es­se der Konzernleiter*innen, son­dern in dem der Beschäf­tig­ten.

Die­se gewerk­schaft­lich-orga­ni­sier­ten Jugend­li­chen tra­gen eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung nicht nur für sich selbst, son­dern auch für die­je­ni­gen, die nicht orga­ni­siert sind und denen die glei­che Zukunft droht. Ihre Kämp­fe könn­ten ein Bei­spiel für alle ande­ren wer­den.

Die Kraft, die die Jugend braucht, um die Zukunft zu gestalten

Aus­zu­bil­den­de trifft die Coro­na­kri­se ziem­lich hart. Die Leh­re wur­de, ähn­lich wie bei Stu­die­ren­den in die digi­ta­le Welt ver­scho­ben, wäh­rend die Pra­xis mit­ten in einer Pan­de­mie für die Jugend­li­chen weit­ge­hend wie zuvor erhal­ten blieb. Sie wur­den der Mög­lich­keit von Infek­ti­on aus­ge­setzt. Der Grund: Per­so­nal­man­gel in den unter­schied­li­chen Sek­to­ren ist bereits zu einem „Gesetz“ gewor­den, die Mehr­wert­pro­duk­ti­on der Unter­neh­men darf nicht stop­pen. Die Mil­lio­nen von Kurzarbeiter*innen sind zudem ein wich­ti­ger Fak­tor, wel­cher die Per­spek­ti­ve der Jugend­li­chen ver­dun­kelt. Die Kurz­ar­beit als ein Mit­tel, das ein­ge­setzt wird, um die­se gro­ße Zahl von Arbeiter*innen nicht zu ent­las­sen und sie in eine unsi­che­re Posi­ti­on zu ver­set­zen, führt dazu, dass vie­le Betrie­be deut­lich weni­ger Azu­bis wer­den ein­set­zen kön­nen.

Die Tarifrebell*innen sind jedoch nicht allei­ne. Die pre­kä­re Jugend hat wei­te­re Facet­ten. Kurier*innen, Kassierer*innen und Lieferant*innen wer­den mit den ein­ge­schränk­ten Kon­sum­mög­lich­kei­ten der Bevöl­ke­rung zu inten­si­ven und har­ten Schich­ten gezwun­gen. Ihnen kam in Zei­ten der Aus­gangs­be­schrän­kun­gen gro­ßes Lob zu, es blieb aber weit­ge­hend taten­los. Die gerin­gen Ent­loh­nun­gen der voll­ge­pack­ten Rucksack-Träger*innen wer­den mit schlech­ten Hygie­never­sor­gun­gen ergänzt. Die­se Arbeiter*innen sind einem erhöh­ten Infek­ti­ons­ri­si­ko aus­ge­setzt. Die­se Tei­le der werk­tä­ti­gen Klas­se sind meist schlecht orga­ni­siert und brau­chen – im Kampf für eine bes­se­re Zukunft – eine Füh­rung, die sich im Kampf für die oben genann­ten Tarif­ver­trä­ge ent­wi­ckeln. Die­se pre­kä­ren Arbeiter*innen sind zudem oft Stu­die­ren­de, denen im Gegen­satz zum letz­ten Jahr­hun­dert eine schlech­te Zukunft bevor­steht.

Wie Robert Sams­tag in sei­nem Arti­kel „Pre­kä­re Jugend­li­che: An vor­ders­ter Front von der Kri­se betrof­fen“ rich­tig erklärt, haben Jugend­li­che die pre­kä­ren Arbeits­be­din­gun­gen – in Zei­ten des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs – als ein rein tem­po­rä­res Phä­no­men ange­se­hen, wel­ches man mit einem Abschluss hin­ter sich las­sen wür­de. Die­se Per­spek­ti­ve hat sich schlag­ar­tig geän­dert. Ange­sichts der stei­gen­den Zah­len von Arbeits­lo­sen und Kurzarbeiter*innen wirkt die Suche nach einem sta­bi­len Arbeits­platz immer aus­sichts­lo­ser und die Pre­ka­ri­sie­rung wird zum Mar­ken­zei­chen einer Jugend ohne Zukunft.

Der Kampf der pre­kä­ren Sek­to­ren der Jugend steht jedoch in einer Linie mit den gegen­wär­ti­gen Kämp­fen. Die Schlie­ßung des Gewer­be­be­triebs Voith hat uns eini­ges gelehrt. Wenn wir nicht die Kon­trol­le über unse­re Betrie­be erkämp­fen, ver­lie­ren wir die­se und mit ihnen unse­re Zukunft.

Die Per­spek­ti­ve der Gewerk­schafts­füh­rung hat den Ver­lust von Voith ver­ur­sacht und auch im Kampf für neue Tarif­ver­trä­ge hat sie nichts gebracht. „Ich dro­he nicht mit Streiks. Falls die Arbeit­ge­ber aber mei­nen, dass zu ihrem Vor­teil aus­nut­zen zu kön­nen, wer­den wir ihnen sehr wohl zei­gen, dass wir hand­lungs­fä­hig sind.“ Der sanf­te Ton von Ver­di-Chef Wene­ke zei­gen dies. Die kon­ser­va­ti­ve Hal­tung ist in den Umbruch­zei­ten, in denen wir jetzt leben, eine Bevor­mun­dung der ekel­haf­tes­ten Art. Um die For­de­rung von den Tarif*rebellinen durch­zu­set­zen, muss die Basis der Gewerk­schaft und ins­be­son­de­re die jun­gen Aus­zu­bil­den­den die Zügel in die Hand neh­men. Nur aus einer basis-demo­kra­ti­schen Mit­ge­stal­tung des Kamp­fes kann es Erfol­ge geben.

Wenn wir uns heu­te mit Krü­meln zufrie­den­ge­ben, wird die Zukunft bit­ter und brot­los sein. In einem sol­chen Kampf befin­den sich die Kolleg*innen von Gale­ria Kaufhof/​Karstadt. Obwohl gesagt wird, dass der Kon­zern geret­tet wur­de, ste­hen meh­re­re Tau­sen­de Arbeits­plät­ze auf dem Spiel. Erpres­sun­gen von­sei­ten der Geschäfts­füh­rung kön­nen nicht wei­ter­hin gedul­det wer­den. Die Zukunft der Gewerk­schaf­ten ist somit auch von ihrer Ent­schlos­sen­heit abhän­gig. Wie die Kolleg*innen von dem Cha­ri­té-Sub­un­ter­neh­men CFM, die sich im Kampf gegen die Pre­ka­ri­sie­rung und für die völ­li­ge Ein­glie­de­rung im Mut­ter­un­ter­neh­men rich­tig sagen: „Wei­ter strei­ken, bis die For­de­run­gen akzep­tiert wer­den.“.

Der Kampf um neue Tarif­ver­trä­ge wird ein kla­res Zei­chen dafür sein, in wel­cher Welt wir in der Zukunft leben wer­den. Die Kämp­fe gegen Schlie­ßun­gen sind somit ein Vor­bo­te von dem, was kom­men wird. Hier­bei kommt der pre­kä­ren Jugend eine beson­de­re Auf­ga­be zu: Die Zukunft von mor­gen heu­te zu erkämp­fen!

Klas­se Gegen Klas­se