[perspektive:] „Ruhe vor dem Sturm“: Privatinsolvenzen sinken in Deutschland weiter – starker Anstieg in 2021 erwartet

Irgendwann ist die Schuldenlast so hoch, dass Menschen mit ihrem geringen Einkommen keine Perspektive mehr haben, sie noch zurückzuzahlen. Dann ist die Privatinsolvenz ein bitterer Ausweg. Während sie im ersten Halbjahr dieses Jahres gesunken sind, sagt ein Informationsdienstleister für 2021 einen scharfen Anstieg auf 100.000 Privatinsolvenzen voraus. Vor allem ältere Menschen werden betroffen sein.

In der ers­ten Jah­res­hälf­te ist in der Sum­me bis­her kaum ein Effekt der Coro­na- und Wirt­schafts­kri­se auf die Ent­wick­lung der Pri­vat­in­sol­ven­zen zu sehen. Die Pri­vat­in­sol­ven­zen in Deutsch­land ver­rin­ger­ten sich im 1. Halb­jahr 2020 im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum sogar um 8,4 Pro­zent.

In den ers­ten sechs Mona­ten des Jah­res muss­ten 38.695 Ver­brau­cher eine Insol­venz anmel­den – und damit so wenig wie seit 2004 nicht mehr. Zu die­sem Ergeb­nis kommt der Infor­ma­ti­ons­dienst­leis­ter „CRIF Bür­gel GmbH“ in der neu­en Stu­die „Schul­den­ba­ro­me­ter 1. Halb­jahr 2020“.

Veränderte Rahmenbedingungen durch Wirtschaftskrise

Anfang des Jah­res, in der Zeit vor der Coro­na-Kri­se, waren die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für vie­le Ver­brau­cher noch gut. Der Rück­gang der Pri­vat­in­sol­ven­zen lag wie in den letz­ten Jah­ren vor allem an der ver­hält­nis­mä­ßig nied­ri­gen Arbeits­lo­sen­quo­te in Deutsch­land.

Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt jedoch ver­schlech­tert: Im Ver­gleich zum Vor­jahr hat sich die Zahl der Arbeits­lo­sen im Juni um 637.000 oder 29 Pro­zent erhöht. Zudem wur­de bis Juni für über 11 Mil­lio­nen Men­schen kon­junk­tu­rel­le Kurz­ar­beit ange­zeigt.

„Kurz­ar­beit und auch eige­ne finan­zi­el­le Erspar­nis­se mil­dern aktu­ell zunächst die finan­zi­el­le Schief­la­ge vie­ler Bun­des­bür­ger ab. In eini­gen Fäl­len hel­fen auch wei­te­re Kre­di­te“, erklärt CRIF Bür­gel-Geschäfts­füh­rer, Dr. Frank Schlein.

Deutliche Zunahme in 2021

Durch die aktu­el­le Wirt­schafts­kri­se wer­de die pri­va­te Ver­schul­dung aber deut­lich zuneh­men. Für das zwei­te Halb­jahr und auch im Jahr 2021 wer­den deut­lich mehr Pri­vat­in­sol­ven­zen in Deutsch­land erwar­tet: „Für das lau­fen­de Jahr gehen wir von bis zu 85.000 Pri­vat­in­sol­ven­zen aus – 2021 könn­ten es über 100.000 wer­den“, so Schlein. „Da in den Insol­venz­sta­tis­ti­ken vor allem die Ver­gan­gen­heit abge­bil­det wird, sie gewis­ser­ma­ßen ein Blick in den Rück­spie­gel sind, wer­den die wirt­schaft­li­chen Fol­gen durch die Coro­na-Kri­se erst im 2. Halb­jahr 2020 und auch ver­stärkt 2021 einen Ein­fluss auf die Insol­venz­zah­len haben“, erklärt Schlein.

Wenn die Arbeits­lo­sig­keit ansteigt, wird es wie­der mehr Insol­ven­zen in Deutsch­land geben, da die Per­so­nen bei wei­ter­hin hohen Kos­ten über weni­ger Geld ver­fü­gen. Aber nicht nur Arbeits­lo­sig­keit, son­dern auch der star­ke Anstieg von Kurz­ar­beit wer­den die Zahl der Pri­vat­in­sol­ven­zen erhö­hen.

Die Men­schen wer­den dadurch weni­ger Geld in der Tasche haben, um ihren Ver­pflich­tun­gen wie Kre­dit­zah­lun­gen, Mie­ten oder Finan­zie­run­gen nach­zu­kom­men. Auf Dau­er führt weni­ger Ein­kom­men erst in die Über­schul­dung und dann in die Pri­vat­in­sol­venz.

Fast sieben Millionen Menschen überschuldet

Bereits jetzt gel­ten cir­ca 6,8 Mil­lio­nen Bür­ger als über­schul­det. Für vie­le die­ser Men­schen kann ein Ein­bruch bei den Ein­kom­men für ein erhöh­tes Risi­ko einer Pri­vat­in­sol­venz sor­gen. Hin­zu kommt, dass Solo-Selbst­stän­di­ge und Hono­rar­kräf­te aus den unter­schied­lichs­ten Bran­chen von einem Tag auf den ande­ren ihr kom­plet­tes Ein­kom­men ver­lo­ren haben. Durch die Coro­na-Pan­de­mie sind so vie­le Men­schen schlag­ar­tig in eine finan­zi­el­le Schief­la­ge gera­ten.

Bremen und Niedersachsen als Insolvenz-Hochburgen

Die nörd­li­chen Bun­des­län­der sind auch 2020 stär­ker von Pri­vat­in­sol­ven­zen betrof­fen als der Süden Deutsch­lands. So führt Bre­men die Sta­tis­tik im 1. Halb­jahr 2020 mit 90 Pri­vat­in­sol­ven­zen je 100.000 Ein­woh­nern an. Es folgt Nie­der­sach­sen mit 68 Bank­rott-Fäl­len auf 100.000 Ein­woh­ner.

Im Bun­des­durch­schnitt wur­den in den ers­ten sechs Mona­ten des Jah­res 47 Pri­vat-Plei­ten je 100.000 Ein­woh­ner ange­mel­det. Über die­sem Schnitt ran­gie­ren auch die Län­der Sach­sen-Anhalt (63), Schles­wig-Hol­stein (62), Saar­land und Ham­burg (je 56). Am wenigs­ten Pri­vat­in­sol­ven­zen mel­de­ten im 1. Halb­jahr 2020 Bay­ern (30 Fäl­le je 100.000 Ein­woh­ner), Baden-Würt­tem­berg (35) und Thü­rin­gen (36).

In der Sta­tis­tik der abso­lu­ten Pri­vat­in­sol­venz-Zah­len ste­hen Nord­rhein-West­fa­len (8.825), Nie­der­sach­sen (5.454) und Baden-Würt­tem­berg (3.929) an der Spit­ze.

Prozentuale Veränderungen: In vier Bundesländern steigen die Privatinsolvenzen

Auch wenn es einen bun­des­wei­ten Rück­gang der Pri­vat­in­sol­ven­zen von 8,4 Pro­zent gab, stie­gen die Fall­zah­len in vier Bun­des­län­dern an. Allen vor­an Bre­men mit einem Plus von 8,3 Pro­zent. Deut­lich ver­rin­gert haben sich die Fall­zah­len hin­ge­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern (minus 19,4 Pro­zent), Ham­burg (minus 18,0 Pro­zent), Schles­wig-Hol­stein und Saar­land (jeweils minus 16,7 Pro­zent) sowie in Thü­rin­gen (minus 16,0 Pro­zent).

Privatinsolvenzen nach Altersgruppen: Ältere Bundesbürger stärker von einer Privatinsolvenz betroffen

Mit einer Aus­nah­me sind die Pri­vat­in­sol­ven­zen in allen Alters­grup­pen rück­läu­fig. Auf­fäl­lig ist die Ent­wick­lung in den bei­den ältes­ten Alters­grup­pen (61 Jah­re und älter). So stie­gen die Pri­vat­plei­ten bei den älte­ren Bun­des­bür­gern um 3,0 Pro­zent auf 4.940 Fäl­le.

Die Wirt­schafts­kri­se wird die Situa­ti­on hin­sicht­lich Pri­vat­in­sol­ven­zen und Über­schul­dung im Alter noch ver­schär­fen, da älte­re Bun­des­bür­ger zum einen schwe­rer an Kre­di­te als kurz­fris­ti­ge finan­zi­el­le Unter­stüt­zung kom­men. Zudem sind vie­le älte­re Men­schen gezwun­gen, sich zu ihrer klei­nen Ren­te noch etwas hin­zu zu ver­die­nen. Da aber zahl­rei­che Mini­jobs weg­ge­bro­chen sind, ist für vie­le von ihnen die Wirt­schafts­kri­se eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung.

Der Bei­trag „Ruhe vor dem Sturm“: Pri­vat­in­sol­ven­zen sin­ken in Deutsch­land wei­ter – star­ker Anstieg in 2021 erwar­tet erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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