[Freiheitsliebe:] 50 Jahre des Sieges des chilenischen Wegs zum Sozialismus

Am 4. Sep­tem­ber 1970 gewin­nen Sal­va­dor Allen­de und die Uni­dad Popu­lar die Prä­si­dent­schafts­wah­len in Chi­le und damit geschah etwas, das in der Geschich­te Chi­les, Latein­ame­ri­kas und der Welt bis dahin noch nicht pas­siert ist: Ein Sozia­list wird demo­kra­tisch an die Regie­rung eines kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes gewählt.

Die Sie­ges­fei­er in der Nacht vom 4. auf den 5. Sep­tem­ber ist bis heu­te in das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis von Mil­lio­nen Chi­le­nin­nen und Chi­le­nen ein­ge­brannt und Sal­va­dor Allen­de sag­te spä­ter über die­se Nacht:

„Die Lin­ke, die Arbei­ter, die Bau­ern, die Ange­stell­ten (…) haben in Chi­le gesiegt. In der Nacht des Sie­ges kamen 250.000 Men­schen zusam­men. Es gab nicht ein abge­fa­ckel­tes Auto, kein ein­ge­wor­fe­nes Fens­ter und kei­ner unse­rer Geg­ner hät­te behaup­ten kön­nen, dass wir ihn gekränkt haben, nicht ein­mal ver­bal. Im Gegen­satz dazu haben die Sek­to­ren, die die Wahl ver­lo­ren haben, die extre­me Rech­te, ver­sucht, unse­re Wirt­schaft zu sabo­tie­ren, und sie besit­zen noch immer Söld­ner, die Bom­ben legen, also wo bleibt die Demo­kra­tie?“

Dies gibt die Stra­te­gie und die Rea­li­tät der chi­le­ni­schen Bewe­gung zum Sozia­lis­mus sehr gut wie­der. Die chi­le­ni­sche Lin­ke hat im Gegen­satz zu vie­len sozia­lis­ti­schen Pro­jek­ten nie­mals ver­sucht, durch Gewalt die Macht zu errin­gen, son­dern ver­sucht, sich an die Spiel­re­geln der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu hal­ten und so ihre Zie­le durch­zu­set­zen. Wäh­rend­des­sen hiel­ten sich die Tei­le, die behaup­te­ten, die bür­ger­li­che Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen, nie­mals an die­se Regeln.

Wäh­rend in ande­ren Län­dern Latein­ame­ri­kas bewaff­ne­te Gue­ril­le­ros nach der erfolg­rei­chen Revo­lu­ti­on auf Kuba die bevor­zug­te Stra­te­gie zur Erobe­rung der Macht bei Lin­ken war, blieb die chi­le­ni­sche Bewe­gung größ­ten­teils pazi­fis­tisch. Gue­ril­las konn­ten hier kaum Fuß fas­sen und Orga­ni­sa­tio­nen wie die MIR, die den bewaff­ne­ten Kampf pro­pa­gier­ten, aber den­noch soli­da­risch an der Sei­te von Allen­des Pro­jekt stan­den, blie­ben eine klei­ne Min­der­heit.

Die Uni­dad Popu­lar, über­setzt, die Volks­front, nicht zu ver­wech­seln mit der gleich­na­mi­gen Stra­te­gie kom­mu­nis­ti­scher Par­tei­en in den 30er Jah­ren, war ein Wahl­bünd­nis bestehend aus ver­schie­de­nen Par­tei­en. Das chi­le­ni­sche Wahl­recht schreibt vor, dass ein Wahl­bünd­nis bezie­hungs­wei­se eine Koali­ti­on, die spä­ter auch im Par­la­ment zusam­men­ar­bei­ten wird, schon vor dem Wahl­kampf geschlos­sen wird. Das Wahl­bünd­nis der Uni­dad Popu­lar bestehend aus damals acht Par­tei­en einig­te sich am 9. Okto­ber 1969 auf ein gemein­sa­mes Pro­gramm und spä­ter auf einen Kan­di­da­ten, Sal­va­dor Allen­de. Jede die­ser ein­zel­nen Par­tei­en reprä­sen­tier­te ein Spek­trum der gesell­schaft­li­chen Lin­ken und war in ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen ver­an­kert. Bei­spie­le sind hier die Izquier­da Cris­tia­na, die christ­li­che Lin­ke, die, wie der Name ver­rät, in der sozia­lis­tisch-christ­li­chen Befrei­ungs­be­we­gung ver­an­kert war, oder die Par­tei MAPU, die vor allem in der Bewe­gung für eine Land­re­form ver­tre­ten war und bei Bau­ern und Arbei­tern in den Städ­ten mit bäu­er­li­chen Wur­zeln beliebt war.

Die­ser Umstand war kei­nes­falls ein Zufall. Das Bele­gen stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen von Fidel Cas­tro mit den Vor­sit­zen­den der MAPU auf Kuba. Dort leg­te ihnen Fidel nahe, statt einer mar­xis­ti­schen Argu­men­ta­ti­on lie­ber eine christ­li­che Argu­men­ta­ti­on für den Sozia­lis­mus in ihrem Pro­gramm fest­zu­le­gen, da die Izquier­da Cris­tia­na in der dama­li­gen Zeit noch als zu klein und unbe­deu­tend galt. Das lag an der Geschich­te der MAPU, die aus der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei aus­trat, weil die Land­re­for­men der Regie­rung ihnen nicht weit­ge­nug gin­gen.

Der Wahl­sieg wur­de unter­stützt von einem rie­si­gen Teil der Gesell­schaft. Gro­ße Bewe­gun­gen und Ereig­nis­se hat­ten Chi­le in den Jah­ren zuvor geprägt. Dazu zähl­ten zahl­rei­che Minen­ar­bei­ter­streiks im Nor­den, Haus- und Land­be­set­zun­gen für Wohn­raum, die Bau­ern­be­we­gung für eine Land­re­form, der Beginn der Theo­lo­gie der Befrei­ung und der Grün­dung der Chris­ten für den Sozia­lis­mus, Mas­sa­ker an Arbei­tern, Kor­rup­ti­ons- und Geld­wä­sche­skan­da­le und Kon­flik­te der Regie­rung mit indi­ge­nen Völ­kern. Trotz der Fixie­rung auf das Par­la­ment als zen­tra­les Instru­ment zur Durch­set­zung der Zie­le bedeu­te­te das nicht, dass die Uni­dad Popu­lar orga­ni­sa­to­risch allein auf Insti­tu­tio­nen aus­ge­legt war, son­dern sah sich viel mehr als par­la­men­ta­ri­scher Teil einer Bewe­gung für eine bes­se­re Welt. Mit den zahl­rei­chen genann­ten sozia­len Bewe­gun­gen war das Bünd­nis eng ver­ban­delt und war im Par­la­ment ihre pro­gram­ma­ti­sche Ver­tre­tung. Der gro­ße Gewerk­schafts­bund CUT, der der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei nahe­stand, Radio­sen­der, Zei­tun­gen und vie­le Musi­ker sowie Dich­ter arbei­te­ten Hand in Hand. Eine eige­ne lin­ke Kul­tur wur­de so geschaf­fen.

Beson­ders her­aus­zu­stel­len, ist das 40-Punk­te-Wahl­pro­gramm, das sich so lei­der noch in vie­len Län­dern des Glo­ba­len Südens for­dern lässt. So wie das Ende hoher Gehäl­ter für Beam­te, kei­ne wei­te­ren Bera­ter für die Minis­te­ri­en, einen hal­ben Liter Milch für jedes Kind im Land, höhe­re Löh­ne und Ren­ten, die Elek­tri­fi­zie­rung oder den Auf­bau eines Gesund­heits­sys­tems. Doch das Bünd­nis woll­te nicht nur Refor­men, son­dern eine Trans­for­ma­ti­on des Staa­tes und der Wirt­schaft. Wich­ti­ge Tei­le der Indus­trie wie das Kup­fer oder die Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on soll­ten ver­staat­licht und der Staat selbst und die Wirt­schaft von Grund auf demo­kra­ti­siert wer­den.

Der Wahl­sieg am 4. Sep­tem­ber soll­te für Chi­le ein ein­schnei­den­des Ereig­nis sei­ner Geschich­te wer­den. Doch was wur­de aus Sal­va­dor Allen­de und sei­ner Regie­rung der Uni­dad Popu­lar?

Dem wird im zwei­ten Teil die­ses Arti­kels nächs­te Woche am Jah­res­tag des Put­sches am 11. Sep­tem­ber nach­ge­gan­gen.

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