[gfp:] Der Fall Nawalny

Unklarheiten

Nach wie vor domi­nie­ren Unklar­hei­ten die Vor­wür­fe deut­scher Poli­ti­ker gegen Russ­land in der Aus­ein­an­der­set­zung um die Ver­gif­tung des rus­si­schen Poli­ti­kers Ale­xej Nawal­ny. Das betrifft vor allem den Befund eines Bun­des­wehr­la­bors, Nawal­ny sei mit dem Ner­ven­gift Nowit­schok ver­gif­tet wor­den; er wird expli­zit oder impli­zit mit der Behaup­tung ver­bun­den, dar­aus las­se sich die Täter­schaft rus­si­scher Staats­stel­len, mög­li­cher­wei­se gar ein Auf­trag von Prä­si­dent Wla­di­mir Putin per­sön­lich zwin­gend fol­gern. Tat­säch­lich ist der ers­te bekann­te Mord mit Nowit­schok 1995 im Rah­men eines Macht­kampfs zwi­schen kon­kur­rie­ren­den Pri­vat­un­ter­neh­mern began­gen wor­den, als ein rus­si­scher Geschäfts­mann einen Ban­ker und des­sen Sekre­tä­rin mit dem töd­li­chen Ner­ven­gift umbrin­gen ließ.[1] Die­se Fest­stel­lung ist auch wegen offen­sicht­li­cher Wider­sprü­che in der Annah­me, staat­li­che Stel­len hät­ten Nowit­schok gegen Nawal­ny ein­ge­setzt, von Bedeu­tung; unklar ist zum Bei­spiel, war­um die rus­si­sche Regie­rung dann die Ein­wil­li­gung zu Nawal­nys Aus­rei­se in die Bun­des­re­pu­blik gege­ben haben soll­te – schließ­lich war mit einer Ermitt­lung des Gift­stof­fes zuver­läs­sig zu rech­nen. Auf die­sen und ande­re Wider­sprü­che hat bei­spiels­wei­se der FDP-Poli­ti­ker Wolf­gang Kubicki mit sei­ner Fest­stel­lung hin­ge­wie­sen, es gebe „auch Kräf­te in der rus­si­schen Admi­nis­tra­ti­on, die teil­wei­se ein Eigen­le­ben füh­ren“. Kubicki warn­te des­halb bereits am Don­ners­tag vor vor­ei­li­gen Schlüssen.[2]

Drohungen

Die Bun­des­re­gie­rung ver­stärkt des­sen unge­ach­tet den Druck auf Mos­kau. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel hat­te bereits am Mitt­woch erklärt, es stell­ten sich „sehr schwer­wie­gen­de Fra­gen, die nur die rus­si­sche Regie­rung beant­wor­ten kann und muss“.[3] Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas kün­dig­te ges­tern an, wenn es „in den nächs­ten Tagen auf der rus­si­schen Sei­te kei­ne Bei­trä­ge zur Auf­klä­rung“ gebe, „wer­den wir mit unse­ren Part­nern über eine Ant­wort bera­ten müssen“.[4] Die EU hat­te schon zuvor Sank­tio­nen in Erwä­gung gezo­gen; NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg äußer­te, das west­li­che Kriegs­bünd­nis betrach­te „jeden Ein­satz che­mi­scher Waf­fen als Bedro­hung des inter­na­tio­na­len Frie­dens und der Sicherheit“.[5] Bericht­erstat­ter wei­sen dar­auf hin, dass die­se For­mu­lie­rung, sofern sie „in Reso­lu­tio­nen des UN-Sicher­heits­rats“ ver­wen­det wird, „frie­dens­er­zwin­gen­de Maß­nah­men“ erlaubt.[6] Mit Blick auf die zahl­rei­chen Dro­hun­gen wiegt umso schwe­rer, dass Ber­lin, wie eine Spre­che­rin des rus­si­schen Außen­mi­nis­te­ri­ums berich­tet, Mos­kaus Bemü­hun­gen um die Auf­klä­rung der Vor­wür­fe tor­pe­diert. Dem­nach hat sich die rus­si­sche Gene­ral­staats­an­walt­schaft schon am 27. August mit einem offi­zi­el­len Rechts­hil­fe­er­su­chen an die Bun­des­re­gie­rung gewandt. Die­se frei­lich hat das Ersu­chen offen­bar erst ver­gan­ge­nen Frei­tag (4. Sep­tem­ber) an die zustän­di­ge Ber­li­ner Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung wei­ter­ge­lei­tet. Die Mos­kau­er Außen­amts­spre­che­rin teil­te ent­spre­chend mit, man habe „kei­ne Gewiss­heit, dass Deutsch­land kein dop­pel­tes Spiel spielt“.

„Nord Stream 2 stoppen“

Ins Zen­trum der Aus­ein­an­der­set­zun­gen rückt dabei ein­mal mehr die Erd­gas­lei­tung Nord Stream 2. Ein­sei­tig trans­at­lan­tisch fest­ge­leg­te Poli­ti­ker drin­gen dar­auf, den Bau der Pipe­line, die kurz vor der Fer­tig­stel­lung steht, in letz­ter Sekun­de abzu­bre­chen. „Die euro­päi­sche Ent­schei­dung soll­te sein: Nord Stream 2 stop­pen“, erklärt Nor­bert Rött­gen (CDU), Vor­sit­zen­der im Aus­wär­ti­gen Aus­schuss des Bundestags.[7] Die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de von Bünd­nis 90/​Die Grü­nen im Bun­des­tag, Kat­rin Göring-Eckardt, erklärt, „der offen­kun­di­ge Mord­ver­such durch die mafiö­sen Struk­tu­ren des Kreml“ müs­se „ech­te Kon­se­quen­zen haben“: „Nord Stream 2 ist nichts mehr, was wir gemein­sam mit Russ­land vor­an­trei­ben können.“[8] Wider­stand dage­gen kommt vor allem aus Wirt­schafts­krei­sen. Maß­nah­men gegen Nord Stream 2 „wür­den in die­ser Pha­se vor allem euro­päi­sche Unter­neh­men tref­fen, die Auf­trä­ge aus­füh­ren oder erheb­li­che Finanz­mit­tel für das Pro­jekt und damit ver­bun­de­ne Anschluss­lei­tun­gen in Ost­deutsch­land bereit­ge­stellt haben“, warnt Oli­ver Her­mes, Vor­sit­zen­der des Ost-Aus­schuss – Ost­eu­ro­pa­ver­ein der Deut­schen Wirt­schaft (OAOEV).[9] Tat­säch­lich dro­hen der deut­schen Wirt­schaft Mil­li­ar­den­ver­lus­te; zudem stün­de das Bemü­hen ins­be­son­de­re von Win­ters­hall Dea in Fra­ge, mit Hil­fe eines inten­si­ve­ren Zugriffs auf rus­si­sche Erd­gas­quel­len die Spit­zen­stel­lung unter den west­eu­ro­päi­schen Erd­gas­kon­zer­nen zu erlan­gen: „Wir wol­len euro­päi­scher Cham­pion wer­den“, teil­te Kon­zern­chef Mario Meh­ren im ver­gan­ge­nen Jahr mit.[10] Dazu sei man frei­lich auf Zugang zu rus­si­schen Lager­stät­ten ange­wie­sen.

„Ein dreimonatiges Komplettembargo“

Außen­mi­nis­ter Maas hat ges­tern auch in Sachen Nord Stream 2 den Druck auf Russ­land erhöht. Maas warn­te zwar noch, wer einen Abbruch der Arbei­ten an Nord Stream 2 for­de­re, „muss sich der Kon­se­quen­zen bewusst sein“: „An Nord­stream 2 sind mehr als 100 Unter­neh­men aus zwölf euro­päi­schen Län­dern betei­ligt, etwa die Hälf­te davon aus Deutschland.“[11] Den­noch schloss der Außen­mi­nis­ter einen Bau­stopp nicht mehr aus: Er „hof­fe … nicht, dass die Rus­sen uns zwin­gen, unse­re Hal­tung zu Nord­stream 2 zu ändern“. Fak­tisch käme die Bun­des­re­gie­rung damit den US-Sank­tio­nen gegen die Pipe­line nach, die vor kur­zem empör­te Reak­tio­nen in Deutsch­land aus­ge­löst haben (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [12]). Gleich­zei­tig wer­den aus dem ver­bün­de­ten Aus­land noch deut­lich wei­ter rei­chen­de For­de­run­gen laut. So ver­langt der Bot­schaf­ter der Ukrai­ne in Deutsch­land, Andrij Mel­nyk, ein drei­mo­na­ti­ges voll­stän­di­ges Embar­go gegen­über Erd­öl- und Erd­gas­lie­fe­run­gen aus Russ­land; das sei unum­gäng­lich, behaup­tet Mel­nyk, „um dem Putin-Regime die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le für sei­ne aggres­si­ve Poli­tik zu ent­zie­hen“. Zudem sol­le es einen Stopp sämt­li­cher Inves­ti­tio­nen aus der EU in Russ­land geben.[13] Auf Letz­te­res hat Kiew kei­ner­lei Ein­fluss, auf Ers­te­res schon: Ein erheb­li­cher Teil der rus­si­schen Lie­fe­run­gen wird zur Zeit über Pipe­lines durch die Ukrai­ne abge­wi­ckelt. Die ukrai­ni­sche Regie­rung könn­te sie stop­pen.

„Nationale Sonderpolitiken“

Jen­seits des eska­lie­ren­den Kon­flikts um Nord Stream 2 sucht Ber­lin Nawal­nys Ver­gif­tung zu nut­zen, um Paris zur Auf­ga­be sei­ner jüngs­ten Bemü­hun­gen um eine eigen­stän­di­ge Russ­land­po­li­tik zu nöti­gen. Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron hat­te am 19. August 2019 sei­nen rus­si­schen Amts­kol­le­gen Wla­di­mir Putin in sei­ner Som­mer­re­si­denz Fort de Bré­gan­çon an der Côte d’A­zur emp­fan­gen und anschlie­ßend für eine neue „Sicher­heits­ar­chi­tek­tur“ plä­diert, die „von Lis­sa­bon bis Wla­di­wos­tok“ rei­chen sol­le – ein Ver­such, unter Anknüp­fung an gaul­lis­ti­sche Tra­di­tio­nen in der Außen­po­li­tik wie­der eine stär­ke­re Eigen­stän­dig­keit gegen­über der deut­schen Domi­nanz in der EU zu erlan­gen. Am 26. Juni 2020 erklär­te Macron nach einer Video­kon­fe­renz mit Putin, er sei der Ansicht, „mit Russ­land bei einer gewis­sen Anzahl an The­men Fort­schrit­te machen zu können“.[14] Über­dies hat­te er einen bal­di­gen Besuch in Mos­kau geplant. Am Frei­tag hat Außen­mi­nis­ter Maas nun sei­nen fran­zö­si­schen Amts­kol­le­gen Jean-Yves Le Dri­an zu einer gemein­sa­men Erklä­rung ver­an­lasst, in der mit Blick auf Nawal­nys Ver­gif­tung schar­fe Kri­tik an Russ­land geübt wird.[15] In deut­schen Berich­ten heißt es bereits, mitt­ler­wei­le mehr­ten sich „im Ely­sée-Palast die Zwei­fel, ob ange­sichts der Nawal­nyj-Affä­re und der Lage in Weiß­russ­land ein Besuch ange­bracht ist“.[16] Der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Bun­des­tags­aus­schus­ses, Rött­gen, erklärt, „natio­na­le Son­der­po­li­ti­ken, die auf Euro­pa kei­ne Rück­sicht neh­men, pas­sen nicht mehr in die­se Zeit“; dies gel­te ins­be­son­de­re für „die Ver­hand­lun­gen über eine neue stra­te­gi­sche Part­ner­schaft, die der fran­zö­si­sche Prä­si­dent euro­pä­isch unab­ge­stimmt mit Putin führt“.[17] Damit stellt Deutsch­land ein­mal mehr die außen­po­li­ti­sche Unab­hän­gig­keit Frank­reichs in Fra­ge.

[1] S. dazu Auf dem Weg in den Welt­krieg.

[2] Streit über Sank­tio­nen gegen Russ­land wegen Gift­an­schlags. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 04.09.2020.

[3] Mer­kel: Nawal­nyj wur­de Opfer eines Ver­bre­chens. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 03.09.2020.

[4] Das ist ein schwe­rer Ver­stoß gegen inter­na­tio­na­les Recht. Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas im Inter­view mit der Bild am Sonn­tag. www​.aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 06.09.2020.

[5], [6] Tho­mas Gutsch­ker: Brüs­sel braucht Bewei­se. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 04.09.2020.

[7] „Wir soll­ten Nord Stream 2 stop­pen“. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 04.09.2020.

[8] Grü­ne for­dern Aus für Nord Stream 2. spie​gel​.de 02.09.2020.

[9] „Hin­ter­grün­de umfas­send auf­klä­ren“: oao​ev​.de 03.09.2020.

[10] Chris­ti­an Schaud­wet: Win­ters­hall Dea setzt auf gute Ver­bin­dung nach Russ­land. tages​spie​gel​.de 02.05.2019. S. dazu Erd­gas­dreh­schei­be Deutsch­land.

[11] Das ist ein schwe­rer Ver­stoß gegen inter­na­tio­na­les Recht. Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas im Inter­view mit der Bild am Sonn­tag. www​.aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 06.09.2020.

[12] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen.

[13] Maas for­dert in den nächs­ten Tagen Ant­wor­ten aus Russ­land. sued​deut​sche​.de 06.09.2020.

[14] Pour­par­lers avec Vla­di­mir Pou­ti­ne : Macron «con­fi­ant» des pro­grès dans les rela­ti­ons avec la Rus­sie. atlan​ti​co​.fr 28.06.2020. S. dazu Deutsch-fran­zö­si­sche Kon­flik­te.

[15] Gemein­sa­me Mit­tei­lung der Außen­mi­nis­te­ri­en Deutsch­lands und Frank­reichs. aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 04.09.2020.

[16] Michae­la Wie­gel: Geschei­ter­te Charme-Offen­si­ve. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 04.09.2020.

[17] „Wir soll­ten Nord Stream 2 stop­pen“. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 04.09.2020.

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