[gG:] [Le] Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Wir bli­cken zurück auf ein lan­ges Wochen­en­de vol­ler ent­schlos­se­ner Kämp­fe gegen die zuneh­men­de Ver­drän­gung, gegen die Auf­wer­tung und die uner­träg­li­che Bul­len­be­la­ge­rung in unse­ren Vier­teln. Nach­dem zwei besetz­te Häu­ser inner­halb kür­zes­ter Zeit wie­der geräumt wor­den waren, spitz­te sich die Wut über die gesell­schaft­li­chen Miss­stän­de in Leip­zig ein wei­te­res Mal zu.

Nach­dem am Mitt­woch das beset­ze Haus Luwi71 geräumt wur­de, war zu einer Tag X+1 Demo am dar­auf fol­gen­den Don­ners­tag auf­ge­ru­fen wor­den. Die­ser schlos­sen sich meh­re­re hun­dert Men­schen an und ver­lie­hen ihrer Wut über die Räu­mung des ange­hen­den sozia­len Zen­trums nahe der Eisen­bahn­stra­ße Aus­druck. Es wur­den Bul­len ange­grif­fen, Bar­ri­ka­den errich­tet und ange­zün­det. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen erstreck­ten sich über einen Zeit­raum von meh­re­ren Stun­den, in denen sogar ein Wie­der­be­set­zungs­ver­such der Luwi71 gestar­tet wur­de. Die Bul­len ver­such­ten immer wie­der die Mas­se zu zer­spren­gen, doch statt­des­sen bil­de­ten sich vie­le klei­ne­re Demons­tra­tio­nen, die die Aus­ein­an­der­set­zung vor­an­trie­ben. Vie­le Zuschau­en­de schlos­sen sich den immer wie­der zer­spreng­ten und sich doch wie­der fin­den­den Mas­sen an. Die Wut auf die Bela­ge­rung und Kri­mi­na­li­sie­rung der Eisen­bahn­stra­ße unter ande­rem durch die Waf­fen­ver­bots­zo­ne war deut­lich spür­bar. Im Zuge der Aus­ein­an­der­set­zun­gen und nach eini­gen miss­glück­ten Vor­stö­ßen der Bul­len began­nen die­se will­kür­lich mit Trä­nen­gas in die Men­ge zu schie­ßen. Dass hier­bei wie auch am dar­auf fol­gen­den Abend nach Kriegs­waf­fen­ge­setz ver­bo­te­ne Muni­ti­on zum Ein­satz kam, die auch auf Journalist*innen abge­feu­ert wur­de, über­rascht ange­sichts der Zustän­de in der säch­si­schen Poli­zei wohl nie­man­den mehr (https://​twit​ter​.com/​L​I​Z​_​d​e​/​s​t​a​t​u​s​/​1​3​0​1​6​3​3​8​0​7​8​6​7​6​8​6​914).

Im Zuge die­ser Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­den mehr als 20 Per­so­nen fest­ge­nom­men, wir wün­schen ihnen viel Kraft! (https://​anti​re​pres​si​on​.noblogs​.org/​p​o​s​t​/​2​0​2​0​/​0​9​/​0​4​/​l​e​0​3​0​9​-​r​e​p​r​e​s​s​i​o​n​-​n​a​c​h​-​t​a​g​x​-​d​e​m​o​-​w​e​g​e​n​-​r​a​e​u​m​u​n​g​-​d​e​r​-​l​u​w​i​71/)

Erfreu­li­cher­wei­se wur­de direkt am nächs­ten Tag, Frei­tag den 04.09., ein wei­te­res Haus in Leip­zig-Con­ne­witz besetzt. Doch nach kur­zer Zeit rück­ten Secus und Bul­len an und räum­ten das Haus wie­der, noch bevor eine grö­ße­re Öffent­lich­keit mobi­li­siert wer­den konn­te. Jedoch schei­nen vie­le davon erfah­ren zu haben, denn für die noch am sel­ben Abend statt­fin­den­de Spon­ti fan­den sich über 300 Leu­te kurz­fris­tig im Her­der­park ein. Was folg­te, war eine ange­mes­sen Reak­ti­on auf die men­schen­ver­ach­ten­de Pra­xis der Bul­len. Nach­dem sich die Spon­ti unter gro­ßem Ein­satz von Pyro­tech­nik in Bewe­gung gesetzt hat­te, wur­de zunächst der Besat­zungs­pos­ten der Schwei­ne ange­grif­fen, Über­wa­chungs­ka­me­ras zer­stört und eini­ge Schei­ben mit­tels Farb­beu­teln und Stei­nen beschä­digt. Es war der fünf­te grö­ße­re Angriff auf den Außen­pos­ten seit sei­ner Eröff­nung 2014.

Dar­auf­hin beweg­te sich die Spon­ti über die Ham­mer­stra­ße Rich­tung Bor­nai­sche Stra­ße, wo zuerst eine Wan­ne mit­tels Pyro­tech­nik und Stein­wür­fen ver­jagt und auch ers­te ein­tref­fen­de Greif­trupps in einem Stein­ha­gel wie­der zurück­ge­schickt wer­den konn­ten. Als sich die Demo zur Kreu­zung Bornaische/​Stockartstraße bewegt hat­te, tra­fen von Süden und Nor­den ers­te Groß­auf­ge­bo­te der Bul­len mit meh­re­ren Wan­nen ein. Es kam zu minu­ten­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. In deren Ver­lauf ras­ten Bul­len­wan­nen aus Rich­tung Süden mit hoher Geschwin­dig­keit auf eine Men­schen­men­ge zu. Sie zwan­gen Per­so­nen in letz­ter Sekun­de zur Sei­te zu sprin­gen, um nicht zu ster­ben. Dabei ramm­ten sie fast eine Stra­ßen­bahn und kamen letzt­lich mit einer Voll­brem­sung zum Ste­hen, wobei das zwei­te Fahr­zeug in das ers­te hin­ein krach­te. Ohne zu dra­ma­ti­sie­ren, wol­len wir den­noch benen­nen, wor­um es sich hier­bei han­del­te: Um einen Mord­ver­such an Men­schen, die dem Staat ein Dorn im Auge sind. Dass bei die­sem Auf­fahr­un­fall nie­mand über­fah­ren wur­de, grenzt an ein Wun­der. Und bei aller Freu­de über die Bil­der der zer­stör­ten Wan­ne, bei allen Wit­zen, die jetzt über ille­ga­le Stra­ßen­ren­nen der Bul­len usw. gemacht wer­den, wol­len wir nicht ver­ges­sen, dass hier Men­schen­le­ben bewusst aufs Spiel gesetzt wur­den. Die Sprin­ger­pres­se schreibt, der Auf­fahr­un­fall sei durch Angrif­fe auf Bul­len ver­ur­sacht wor­den. Stimmt so in etwa, denn die Bul­len die in ihren Wan­nen saßen und mit Stei­nen ange­grif­fen wur­den, ver­such­ten dar­auf­hin die Angrei­fen­den zu über­fah­ren. Wie heuch­le­risch Poli­zei­prä­si­dent Tors­ten Schult­ze ist, wenn er sagt wir wür­den Men­schen­le­ben in Kauf neh­men, lässt sich an die­sem Sze­na­rio gut erken­nen. Zumal wir eine voll aus­ge­stat­te­te und gut trai­nier­ten Kampf­ein­heit mit Pan­ze­rung und Hel­men kon­fron­tie­ren und bei all den gewor­fe­nen Pflas­ter­stei­nen Bul­len (lei­der) in der Regel nur leicht ver­letzt wer­den. Die Wut, der Hass gegen die Poli­zei, die Aus­schrei­tun­gen der letz­ten Mona­te sind durch genau sol­che Aktio­nen der Bul­len ver­ur­sacht wor­den. Durch die zahl­rei­chen Ver­let­zun­gen und Miss­hand­lun­gen, die Men­schen zuge­fügt wur­den und wer­den. Durch all die Zwangs­räu­mun­gen, die sinn­lo­sen Schi­ka­nen, den per­ma­nen­ten Bela­ge­rungs­zu­stand. Ihr braucht euch nicht wun­dern, dass immer mehr Leu­te auf­hö­ren, an eine fried­li­che Lösung der sozia­len Pro­ble­me in unse­rer Stadt zu glau­ben.

Die Spon­tan­de­mo zog sich letzt­lich lang­sam zurück und lös­te sich schließ­lich nach ca. 45 Minu­ten inten­si­ver Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf. Dass es dabei kei­ne Fest­nah­men gab, macht uns sehr froh und zeugt davon, dass in den letz­ten Mona­ten auch kol­lek­ti­ve Lern­pro­zes­se statt­ge­fun­den haben, dass wir mehr auf­ein­an­der ach­ten und die Bul­len sich weni­ger trau­en, weil sie wis­sen, dass sie bei Fest­nah­men mit Gegen­wehr und Gefan­ge­nen­be­frei­un­gen zu rech­nen haben. Es ist aber auch der Tat­sa­che geschul­det, dass die Bul­len nach dem Vor­abend im Osten nicht damit gerech­net hat­ten, am Frei­tag schon wie­der mit Aus­schrei­tun­gen im Leip­zi­ger Süden kon­fron­tiert zu sein. Sie waren nicht auf eine wei­te­re Beset­zung vor­be­rei­tet und hat­ten nur ca. 3 Stun­den Zeit für eine Ein­satz­pla­nung, wes­halb wir spon­tan bes­ser hand­lungs­fä­hig waren als sie.

Am Sams­tag Abend fand dann die schon län­ger ange­kün­dig­te Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to „Kämp­fe ver­bin­den“ statt. Vie­le Initia­ti­ven ver­la­sen Rede­bei­trä­ge über die sozia­len Kämp­fe in Leip­zig und inter­na­tio­nal und natür­lich wur­de ange­sichts der aktu­el­len Ereig­nis­se auch auf die Räu­mun­gen der Luwi71 und der B34 Bezug genom­men. Die Demo war von Beginn an sehr kämp­fe­risch und brach­te eine ant­ago­nis­ti­sche Hal­tung gegen­über dem bür­ger­li­chen Staat zum Aus­druck. Dies geschah unter ande­rem durch das mas­sen­wei­se Zün­den von Pyro­tech­nik und diver­se klei­ne­re Angrif­fe auf Bul­len. Nach­dem an der Wolf­gang-Hein­ze-Stra­ße Luxus­woh­nun­gen atta­ckiert wor­den waren, ent­schlos­sen sich die Bul­len die Demons­tra­ti­on auf­zu­lö­sen und von ver­schie­de­nen Sei­ten gleich­zei­tig anzu­grei­fen. Dabei kam es zu kör­per­li­chen Über­grif­fen auf Unbe­tei­lig­te und Journalist*innen. Will­kür­lich wur­den Per­so­nen­grup­pen durch die Sei­ten­stra­ßen gejagt und bru­tal fest­ge­nom­men. Den­noch konn­ten wir der aus­ufern­den Poli­zei­ge­walt durch soli­da­ri­sche Reak­tio­nen und das Zusam­men­hal­ten in Groß­grup­pen eini­ges ent­ge­gen­set­zen, immer wie­der wur­den Bul­len von Klein­grup­pen atta­ckiert. Teil­wei­se wur­den sie ver­jagt und so konn­te die Zahl der Fest­nah­men zumin­dest auf 15 begrenzt wer­den (was trotz­dem 15 Fest­nah­men zu viel sind). Dass nach zwei vor­aus­ge­hen­den Näch­ten vol­ler Angrif­fe auf die Staats­die­ner eine hohe Zahl von Fest­nah­men das Haupt­ziel der Bul­len war, war von Anfang an klar. Eben­so klar war, dass die Bul­len jede Gele­gen­heit nut­zen wür­den, um die Demons­tra­ti­on auf­zu­lö­sen und die Jagd auf Auto­no­me zu begin­nen. Mit Freu­de nah­men wir die Nach­richt auf, dass auch im Leip­zi­ger Wes­ten zeit­gleich zur Demons­tra­ti­on eine Bul­len­wan­ne auf dem Gelän­de des Poli­zei­ver­wal­tungs­am­tes in Flam­men auf­ging.

Da sich in eini­gen Pres­se­be­rich­ten über die Angrif­fe auf die Luxus­bau­ten an der Wolf­gang-Hein­ze-Stra­ße empört wird, wol­len wir hier­zu kurz Stel­lung bezie­hen. Dabei muss klar sein, dass wir kei­ne offi­zi­el­len Sprecher*innen der Demons­tra­ti­on sind und nicht den Anspruch haben, alle Teil­neh­men­den zu reprä­sen­tie­ren. Zunächst hal­ten wir es für eine sinn­vol­le, not­wen­di­ge und legi­ti­me Form sym­bo­li­schen Pro­tests, Neu­bau­ten mit Far­be, Stei­nen, Feu­er oder was auch immer anzu­grei­fen. Hier­durch kann die berech­tig­te Wut über Ver­drän­gungs­pro­zes­se zum Aus­druck gebracht wer­den. Ver­drän­gungs­pro­zes­se, die dazu füh­ren, dass sozia­le Netz­wer­ke zer­stört wer­den, dass Per­so­nen aus ihrem ange­stamm­ten Wohn- und Lebens­um­feld ver­drängt wer­den und Platz machen müs­sen für Bes­ser­ver­die­nen­de. Wenn dadurch die­se Bes­ser­ver­die­nen­den zum Ent­schluss kom­men, Con­ne­witz wie­der zu ver­las­sen und somit die Nach­fra­ge für Luxus­woh­nun­gen sinkt, ist das ein erwünsch­ter Neben­ef­fekt. Was wir selbst­ver­ständ­lich ableh­nen, ist wenn bei sol­chen Angrif­fen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass Kin­der oder Kin­der­zim­mer betrof­fen sein könn­ten. Inwie­weit die Angrei­fen­den dies getan haben, kön­nen wir nicht beur­tei­len. Dass jedoch nun in diver­sen Pres­se­ar­ti­keln dar­über geschrie­ben wird, wie schlimm es doch sei, dass Luxus­woh­nun­gen mit Stei­nen und Farb­glä­sern atta­ckiert wur­den, dass sich wegen eines Ben­ga­los auf einem voll­kom­men aus Stein bestehen­den Bal­kon auf­ge­regt wird, grenzt an Men­schen­ver­ach­tung ange­sichts all der Men­schen ohne Obdach. Ange­sichts all der Men­schen, die wegen Ent­mie­tun­gen und Luxus­sa­nie­run­gen ihre Woh­nun­gen auf­ge­ben muss­ten, all der Men­schen, die ihre Mie­te nicht mehr oder nur noch mit größ­ter Mühe bezah­len kön­nen. Denn all das ist es, was wir mit struk­tu­rel­ler Gewalt mei­nen, Gewalt, die von einem Wirt­schafts­sys­tem aus­geht, in dem alles zur Ware wird, in dem aus allem der größt­mög­li­che Pro­fit geschöpft wer­den soll. Ein Sys­tem, in dem Men­schen­wür­de nur noch ein läs­ti­ges Hin­der­nis für Aus­beu­tung und Akku­mu­la­ti­on ist und wel­ches mit insti­tu­tio­na­li­sier­ter Gewalt in Form von Poli­zei, Mili­tär und Knast auf­recht erhal­ten wird.

Neben den vie­len Demons­tra­tio­nen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen gab es das gan­ze Wochen­en­de zudem in Con­ne­witz ein Dis­kus­si­ons- und Ver­an­stal­tungs­wo­chen­en­de. Die „Sozia­le Kampf­bau­stel­le“ lud zu Dis­kus­sio­nen, Vor­trä­gen und Ver­net­zung mit Rah­men­pro­gramm, wie Info­stän­den, Brunch/​Küche für alle und einer Cock­tail­bar ein. Alle Ver­an­stal­tun­gen fan­den im öffent­li­chen Raum, in den umlie­gen­den Parks und Stra­ßen statt. Vie­le Men­schen setz­ten sich bei Son­ne oder Nie­sel­re­gen hin und dis­ku­tier­ten. Teil­wei­se lausch­ten bis zu 60 Inter­es­sier­te den Vor­trä­gen über Frau­en und Mili­tanz, sozia­len Kämp­fen in Chi­le, Repres­si­on in Ita­li­en oder dem Räu­mungs­be­droh­ten Haus­pro­jekt Liebig34 und lie­ßen sich auch durch eine hohe Bul­len­prä­senz nicht davon abbrin­gen. Auch vor der Luwi71 wur­de am Sonn­tag zum Nach­bar­schafts­brunch ein­ge­la­den, wo sich trotz mas­si­ver Bul­len­prä­senz eini­ge Nachbar*innen und Unterstützer*innen der Luwi71 tra­fen und über Per­spek­ti­ven nach der Räu­mung dis­ku­tier­ten oder Hil­fe für bei der Tag X+1 Demo ent­stan­de­ne Kol­la­te­ral­scha­den orga­ni­sier­ten. Wir mer­ken, dass gera­de in die­sen Zei­ten ein gro­ßer Bedarf nach Aus­tausch und Dis­kus­si­on über die bestehen­den Ver­hält­nis­se besteht und sich in unter­schied­li­chen Kiezen orga­ni­siert wird. Und auch, dass vie­le eine Wut tei­len und die­ser Aus­druck ver­lei­hen wol­len, ange­sichts der Ohn­macht gegen­über den Ver­drän­gungs­pro­zes­sen, dem gras­sie­ren­den Ras­sis­mus und Frau­enhass, dem erstar­ken­den Faschis­mus und staat­li­cher Repres­si­on.

Uns ver­wun­dert es nicht, dass ange­sichts der sozia­len Ver­hält­nis­se und der Ent­wick­lun­gen ins­be­son­de­re am Woh­nungs­markt in Leip­zig die Men­schen wütend sind. Den­noch freu­en wir uns dar­über, wel­ches Aus­maß die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Haus­ei­gen­tü­mern, Immo­bi­li­en­fir­men und den Staats­scher­gen am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de, doch auch in den letz­ten Mona­ten ange­nom­men haben. Natür­lich kom­men alle staat­li­chen Akteu­re und bür­ger­li­chen Zei­tun­gen dem drin­gen­den Bedürf­nis nach, all jene Men­schen, die das Wochen­en­de über auf den Stra­ßen waren, als Chao­ten zu dif­fa­mie­ren. Die Wut und die Gewalt jedoch waren kei­nes­wegs chao­tisch, rich­te­ten sich an den ver­gan­ge­nen drei Tagen aus­schließ­lich gegen Neu­bau­pro­jek­te und Bul­len­schwei­ne. Ziel­ge­rich­tet grif­fen vie­le Men­schen an die­sem Wochen­en­de die­je­ni­gen an, die sich in den Dienst der Rei­chen und Besit­zen­den stel­len, deren Eigen­tum schüt­zen und ein Leben in Wür­de für alle ver­hin­dern. Soll­te es den­noch Leu­te geben, deren Autos, Häu­ser oder Fahr­rä­der im Zuge der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu Scha­den gekom­men sind, wer­den sich hof­fent­lich Wege fin­den, die­sen kol­lek­tiv zu tra­gen.

An die­ser Stel­le möch­ten wir aus dem Auf­ruf für die Demons­tra­ti­on „Kämp­fe Ver­bin­den“ zitie­ren (zu fin­den hier: https://​fight​fo​ry​our​fu​ture​le​.noblogs​.org/​p​o​s​t​/​2​0​2​0​/​0​8​/​3​0​/​1​58/ oder hier: https://​sozia​le​kampf​bau​stel​le​.noblogs​.org/​d​e​m​o​n​s​t​r​a​t​i​on/):

„Beson­ders in Con­ne­witz ste­hen wir seit Jah­ren einer Ver­drän­gungs­stra­te­gie der Stadt gegen­über, die anschei­nend nicht nur auf Pro­fit, son­dern auch auf die Spal­tung und Ver­drän­gung der soge­nann­ten „Sze­ne“ in Con­ne­witz aus ist. War es damals doch jene „Sze­ne“, die in den 90er Jah­ren die Häu­ser vor dem Ver­fall und dem Abriss bewahr­te und eine Kunst‑, Kul­tur- und Knei­pen­land­schaft errich­te­te, die bis heu­te dazu bei­trägt, dass das Vier­tel eines der attrak­tivs­ten der Stadt gewor­den ist. Und das nicht nur für soge­nann­te „Alter­na­ti­ve“, son­dern auch für vie­le jun­ge Fami­li­en. So kön­nen die Men­schen, die in den 90er Jah­ren hier im Vier­tel, auch im Kampf gegen den Staat, einen Schutz­raum gegen den all­täg­li­chen Nazi­ter­ror durch­setz­ten, heu­te ihre Mie­te im hip­pen Con­ne­witz nicht mehr bezah­len. (…) Wenn also Bau­stel­len ange­grif­fen wer­den, neue Häu­ser mit Far­be beschmiert wer­den, dann sehen wir dar­in nicht das Werk von gelang­weil­ten Chaot*innen, son­dern ein letz­tes ver­zwei­fel­tes Auf­bäu­men all der­je­ni­gen, die sich nicht kampf­los aus ihrem Kiez ver­drän­gen las­sen wol­len. “

Das Ziel Wohn­raum für alle zu orga­ni­sie­ren und eine Stadt von unten auf­zu­bau­en wird mit Ver­hand­lun­gen, Miet­preis­brem­sen, Milieu­schutz­sat­zun­gen oder groß­an­ge­leg­ten Ent­eig­nungs­kam­pa­gnen (die eigent­lich kei­ne sind) nicht erreicht wer­den. Die Inter­es­sen des Kapi­tals wer­den vom bür­ger­li­chen Staat immer über Men­schen­le­ben gestellt wer­den. Dar­an liegt es auch, dass in Leip­zig trotz aller lee­ren Wor­te und Ver­ständ­nis­be­kun­dun­gen kei­ne der herr­schen­den Par­tei­en sich ernst­haft dafür ein­setzt, dass Wohn­raum bezahl­bar bleibt bzw. wie­der wird. Schließ­lich han­delt es sich hier­bei um einen ren­ta­blen und kri­sen­re­sis­ten­ten Markt. In den letz­ten Jah­ren gab es vor allem in Groß­städ­ten nicht nur eine mas­si­ve Ent­wick­lung von Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on, die dazu führ­te, dass nur noch weni­ge Men­schen über das Glück ver­fü­gen die eige­nen vier Wän­de selbst zu besit­zen und somit die meis­ten ihr Leben lang in Abhän­gig­keit zu Ver­mie­tern und dem Miet­markt ste­hen müs­sen. Es gab viel­mehr auch eine Zunah­me von Men­schen, die ihre Woh­nun­gen auf­grund von Ent­mie­tung oder Abhän­gig­keit vom Arbeits­amt ver­lo­ren haben oder auf­grund der Aus­län­der­be­hör­de und der ras­sis­ti­schen Gesetz­ge­bung nicht mal mehr über­haupt eine Woh­nung bekom­men kön­nen.

Auch die Geschich­te zeigt, dass sich auf dem Immo­bi­li­en­markt mit dem Wohn­raum der ärme­ren Bevöl­ke­rungs­schich­ten und deren Ver­schul­dun­gen gut spe­ku­lie­ren lässt, sie­he die Finanz­kri­se 2008. Und dass sich mit dem Bau von Luxus­woh­nun­gen und den Auf­wer­tun­gen von Stadt­vier­teln nicht nur viel Geld ver­die­nen lässt, son­dern damit auch poli­ti­sche Macht und Ein­fluss­nah­me ein­her­geht. Die gro­ßen Immo­bi­li­en­fir­men bestim­men letzt­lich, wie unse­re Städ­te aus­se­hen wer­den, wer wo Wohn­raum bekommt und wer hin­ten run­ter fällt. Leh­nen wir uns nicht gegen die­ses Gesamt­sys­tem auf, wird es immer nur eine Lösung für weni­ge geben. Unse­re Wehr­haf­tig­keit ergibt sich daher aus einer Orga­ni­sie­rung in den Nachbar*innenschaften, aus der staats­fer­nen Orga­ni­sa­ti­on von Soli­da­ri­tät und gegen­sei­ti­ger Hil­fe und aus dem Wider­stand, den wir dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem und dem erstar­ken­den faschis­ti­schen Kräf­ten ent­ge­gen­set­zen.

Auch abseits der Wohn­raum­de­bat­te und der sich dadurch zuspit­zen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in Leip­zig, gibt es vie­le Din­ge, die uns bewe­gen und die unse­re Wut för­dern. In Ber­lin sind vie­le lin­ke Pro­jek­te räu­mungs­be­droht. Vor Jah­ren erkämpft, sol­len sie nun der Neu­erfin­dung einer rei­chen Haupt­stadt wei­chen. In Sach­sen gewin­nen faschis­ti­sche Kräf­te an Ein­fluss, faschis­to­ide Par­tei­en an Zulauf und rech­te Inhal­te an Zuspruch. Dass Men­schen auf­grund von unver­än­der­ba­ren Merk­ma­len oder sozia­lem Back­ground von Faschis­ten ange­grif­fen wer­den, ist an der Tages­ord­nung. Dass Nazis zu tau­sen­den mit besorg­ten Bür­gern mar­schie­ren, seit Pegi­da kei­ne Sel­ten­heit mehr. Dass aus staat­li­chen Behör­den Waf­fen an rech­te Grup­pen gelan­gen oder faschis­ti­sche Ter­ror­netz­wer­ke vom Ver­fas­sungs­schutz oder den Bul­len geschützt oder sogar per­so­nell unter­stützt wer­den, ein offe­nes Geheim­nis.

Con­ne­witz oder Leip­zig scheint in Sach­sen eine anti­fa­schis­ti­sche Bas­ti­on zu sein, doch auch die­se wur­de und wird sich per­ma­nent erkämpft. In den letz­ten Jah­ren und vor allem in die­sem Jahr fin­det ein repres­si­ver Sturm auf Antifaschist*innen statt, so zei­gen es z.B. die mar­tia­li­schen Haus­durch­su­chun­gen vom ver­gan­ge­nen Juni. Auch ande­re lin­ke Poli­tik­fel­der sind im Fokus der Repres­si­ons­beho­er­den, ein neu­es 129a-Ver­fah­ren trifft Genoss*innen in Frank­furt am Main und gera­de letz­te Woche fan­den bun­des­weit 27 Haus­durch­su­chun­gen, wegen eines 129-Ver­fah­rens gegen den Roten Auf­bau statt. Der Staat ver­sucht momen­tan mas­siv lin­ke Kräf­te und Kon­tex­te anzu­grei­fen und zu zer­schla­gen. Auch welt­weit beob­ach­ten wir eine Erstar­kung des Faschis­mus und des unbe­schränk­ten Herr­schafts­wil­len des Neo­li­be­ra­lis­mus, der gera­de durch die gras­sie­ren­de Pan­de­mie sein wah­res Wesen noch kla­rer zeigt.

Doch in den letz­ten Jah­ren ent­stan­den welt­weit Rebel­lio­nen gegen die Herr­schaft des Kapi­ta­lis­mus und die herr­schen­den Klas­sen der Welt. Der revo­lu­tio­nä­re Auf­bruch in Chi­le gegen die neo­li­be­ra­le Poli­tik, getra­gen von den unte­ren Schich­ten der Gesell­schaft mit einer star­ken indi­ge­nen und femi­nis­ti­schen Ver­tre­tung geben Hoff­nung dar­auf, dass auf der Stra­ße ein Sys­tem gestürzt wer­den kann. Doch muss­te sich auch die­se Bewe­gung auf­grund der Pan­de­mie erst mal auf den Eigen­schutz und den der Com­mu­nities kon­zen­trie­ren. Denn die meis­ten Opfer des Virus, nicht nur dort, sind die ärms­ten der Gesell­schaft, die auf­grund der Pri­va­ti­sie­rung des Gesund­heits­we­sens kei­ne aus­rei­chen­de Ver­sor­gung erhal­ten.
In Bela­rus gehen seit Wochen Men­schen auf die Stra­ße und grei­fen eine Dik­ta­tur an, die für ihren Macht­er­halt tau­sen­de Men­schen ein­sper­ren lässt und scharf auf Demons­trie­ren­de schießt. In den USA hat sich ein sozia­ler Kon­flikt zuge­spitzt, der seit Jahr­zehn­ten immer wie­der hoch kocht. Schwar­ze Com­mu­nities, indi­ge­ne Com­mu­nities und auch wei­ße Antifaschist*innen weh­ren sich gegen die struk­tu­rel­le Ermor­dung von POC’s durch die Poli­zei. Sie kämp­fen gegen den ras­sis­ti­schen Nor­mal­zu­stand und desta­bi­li­sie­ren ein poli­ti­sches Sys­tem, wel­ches seit jeher von der wei­ßen poli­ti­schen Eli­te getra­gen wird. Die nun schon Mona­te andau­ern­den Unru­hen brei­te­ten sich rasant über das gan­ze Land und auch inter­na­tio­nal aus. Trotz oder gera­de wegen der vie­len Opfer, die die Bewe­gung in den letz­ten Mona­ten zu bekla­gen hat, erschos­sen, über­fah­ren oder erschla­gen durch die Bul­len­schwei­ne oder faschis­ti­sche Mili­zen, geht der Kon­flikt noch inten­si­ver wei­ter. Ein Wind weht durch die Welt und die Zei­chen ste­hen auf Sturm.

Wir müs­sen kämp­fen, müs­sen Wider­stand leis­ten! Nicht zu han­deln, heißt die Zustän­de zu befür­wor­ten oder zu kapi­tu­lie­ren!

Wir rufen dazu auf in die­ser Woche Teil der „Action­week for Liebig34“ zu sein und zur kämp­fe­ri­schen Demons­tra­ti­on am 12.09. um 20 Uhr zum Was­ser­tor­platz (Ber­lin Kreuz­berg) zu kom­men!

Jede Räu­mung hat ihren Preis!

Soli­da­ri­sche Grü­ße gehen außer­dem von Leip­zig nach Athen, wo sich Gefähr­ten wegen der Räu­mung des Gare Squats nun vor Gericht ver­ant­wor­ten müs­sen (https://​de​.indy​m​e​dia​.org/​n​o​d​e​/​1​0​1​793).

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