[KgK:] Briefe von Leo Trotzki zu Südafrika

Leo Trotzki an T.W. Thibedi

4. Sep­tem­ber 1932

Lie­ber Genos­se Thi­be­di,

vie­len Dank für Ihre Mit­tei­lung, die ich dem Genos­sen Wit­te über­mitt­le.

Es wäre ein sehr gro­ßer Fort­schritt, wenn wir ein Organ in der Spra­che der Schwar­zen ein­rich­ten könn­ten. Ich neh­me an, dass die mate­ri­el­len Hin­der­nis­se in die­ser Zeit der tie­fen Kri­se groß wären. Sind vie­le Schwar­ze Genos­sen in Johan­nes­burg und in Süd­afri­ka im All­ge­mei­nen arbeits­los?

Die Sta­li­nis­ten behaup­ten, dass die lin­ke Oppo­si­ti­on so gut wie nicht vor­han­den ist. Die­se Infor­ma­ti­on ist nicht kor­rekt. Es stimmt, dass wir erst am Anfang unse­res gro­ßen erzie­he­ri­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Krie­ges ste­hen, aber unse­re Fort­schrit­te im letz­ten Jahr sind in vie­len euro­päi­schen Län­dern sehr zufrie­den­stel­lend. Wir kön­nen hof­fen, dass die Genos­sen, die in der dop­pel­ten Ver­fol­gung durch den bür­ger­li­chen Staat und die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie arbei­ten, zu guten Revo­lu­tio­nä­ren gestählt wer­den. Dis­zi­plin ist not­wen­dig, aber Dis­zi­plin allein ist aus­rei­chend für eine kapi­ta­lis­ti­sche Armee, nicht für eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei. Wir sind weit davon ent­fernt, unse­re Kräf­te zu über­trei­ben. Die revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung muss in der Ein­schät­zung ihrer eige­nen Macht sehr ehr­lich blei­ben: Nur so kann sie das Ver­trau­en der Arbei­ter gewin­nen.

Haben Sie unter Ihren Genos­sen Arbei­ter und Stu­den­ten, und wie ist das Ver­hält­nis der einen zu den ande­ren?

Haben Sie irgend­wel­che Ver­bin­dun­gen zu Schwar­zen in Ame­ri­ka? Ich hof­fe, dass die Stun­de naht, in der das gro­ße Erwa­chen der aus­ge­beu­te­ten Schwar­zen Mas­sen gute Mar­xis­ten und Theo­re­ti­ker aus ihren Rei­hen her­vor­brin­gen wird.

Mei­ne kom­mu­nis­ti­schen Grü­ße und die bes­ten Wün­sche für den Erfolg Ihrer Arbeit.

Trotz­ki,
Prin­ki­po, Tür­kei

Quel­le: Revo­lu­tio­na­ry Histo­ry, Volu­me 4, No. 4: South Afri­ca (also at South Afri­can Histo­ry Online)

Näher an den nicht-weißen Proletariern

13. Juni 1932

An das Inter­na­tio­na­le Sekre­ta­ri­at:
(Kopie an das Natio­nal­ko­mi­tee der Ame­ri­ka­ni­schen Liga)

Ich habe eine Kopie des Brie­fes vom 26. April 1932 erhal­ten, der von einer Orga­ni­sa­ti­on von Schwar­zen Genos­sen aus Johan­nes­burg geschickt wur­de. Die­ser Brief, so scheint es mir, ist von gro­ßer sym­pto­ma­ti­scher Bedeu­tung. Die Lin­ke Oppo­si­ti­on (Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten) kann und muss zum Ban­ner für die am meis­ten unter­drück­ten Tei­le des Welt­pro­le­ta­ri­ats und folg­lich in ers­ter Linie für die Schwar­zen Arbei­ter wer­den. Wor­auf stüt­ze ich die­se Behaup­tung?

Die Lin­ke Oppo­si­ti­on reprä­sen­tiert gegen­wär­tig die kon­se­quen­tes­te und revo­lu­tio­närs­te Ten­denz auf der Welt. Ihre scharf kri­ti­sche Hal­tung gegen­über allen Arten von büro­kra­ti­schem Hoch­mut in der Arbei­ter­be­we­gung ermög­licht es ihr, der Stim­me der am meis­ten unter­drück­ten Tei­le der Arbei­ter­klas­se und der Schuf­ten­den ins­ge­samt, beson­de­re Auf­merk­sam­keit zu schen­ken.

Die Lin­ke Oppo­si­ti­on ist die Ziel­schei­be der Schlä­ge nicht nur des sta­li­nis­ti­schen Appa­ra­tes, son­dern auch aller bür­ger­li­chen Regie­run­gen der Welt. Die­se Tat­sa­che, die trotz aller Ver­leum­dun­gen all­mäh­lich in das Bewusst­sein der Mas­sen ein­dringt, wird zwangs­läu­fig zuneh­mend die war­men Sym­pa­thien der am meis­ten unter­drück­ten Tei­le der inter­na­tio­na­len Arbei­ter­klas­se auf die Lin­ke Oppo­si­ti­on zie­hen. Unter die­sem Gesichts­punkt erscheint mir die von den süd­afri­ka­ni­schen Genos­sen an uns gerich­te­te Mit­tei­lung kei­nes­wegs zufäl­lig, son­dern zutiefst sym­pto­ma­tisch.

In ihrem Brief, dem 24 Unter­schrif­ten bei­gefügt sind (mit dem Ver­merk „und ande­re“), bekun­de­ten die süd­afri­ka­ni­schen Genos­sen beson­de­res Inter­es­se an den Fra­gen der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on. Die­ses Inter­es­se, so soll­te man aner­ken­nen, ist völ­lig gerecht­fer­tigt. Die werk­tä­ti­gen Mas­sen der unter­drück­ten Völ­ker, die den Kampf für ele­men­ta­re natio­na­le Rech­te und für die Men­schen­wür­de wei­ter­füh­ren müs­sen, sind gera­de die­je­ni­gen, die am meis­ten Gefahr lau­fen, für die ver­wor­re­nen Leh­ren der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie zum The­ma „demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur“ bestraft zu wer­den. Unter die­sem fal­schen Ban­ner kann die Poli­tik à la Kuomintang, d.h. die abscheu­li­che Täu­schung und unge­straf­te Zer­mal­mung der arbei­ten­den Mas­sen durch ihre eige­ne „natio­na­le“ Bour­geoi­sie der befrei­en­den Sache der Arbei­ten­den immer noch den größ­ten Scha­den zufü­gen. Das Pro­gramm der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on, das sich auf die unbe­streit­ba­ren his­to­ri­schen Erfah­run­gen einer Rei­he von Län­dern stützt, kann und muss für die Befrei­ungs­be­we­gung des Schwar­zen Pro­le­ta­ri­ats von vor­ran­gi­ger Bedeu­tung sein.

Die Genos­sen in Johan­nes­burg hat­ten viel­leicht noch nicht die Gele­gen­heit, sich mit den Ansich­ten der lin­ken Oppo­si­ti­on zu allen wich­ti­gen Fra­gen näher ver­traut zu machen. Aber das kann kein Hin­der­nis dafür sein, dass wir uns gera­de jetzt so eng wie mög­lich mit ihnen zusam­men­set­zen und ihnen brü­der­lich hel­fen, in die Umlauf­bahn unse­res Pro­gramms und unse­rer Tak­tik zu kom­men.

Wenn zehn Intel­lek­tu­el­le, ob in Paris, Ber­lin oder New York, die bereits Mit­glied ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen waren, sich mit der Bit­te an uns wen­den, in unse­re Mit­te auf­ge­nom­men zu wer­den, möch­te ich fol­gen­den Rat geben: Macht mit ihnen eine Rei­he von Tests zu allen pro­gram­ma­ti­schen Fra­gen, macht sie sie im Regen nass, trock­net sie in der Son­ne und nehmt dann nach einer neu­en und sorg­fäl­ti­gen Prü­fung viel­leicht einen oder zwei auf.

Der Fall ändert sich radi­kal, wenn zehn Arbei­ter, die mit den Mas­sen ver­bun­den sind, sich an uns wen­den. Der Unter­schied in unse­rer Her­an­ge­hens­wei­se von einer klein­bür­ger­li­chen Grup­pe und zu einer pro­le­ta­ri­schen Grup­pe bedarf kei­ner Erklä­rung. Aber wenn eine pro­le­ta­ri­sche Grup­pe in einem Bereich arbei­tet, in dem es Arbei­ter ver­schie­de­ner races gibt, und trotz­dem nur aus Arbei­tern einer pri­vi­le­gier­ten Natio­na­li­tät besteht, dann bin ich geneigt, sie mit Arg­wohn zu betrach­ten. Haben wir es nicht viel­leicht mit der Arbei­ter­aris­to­kra­tie zu tun? Ist die Grup­pe nicht mit Vor­ur­tei­len der Skla­ven­hal­ter infi­ziert, aktiv oder pas­siv?

Es ist eine ganz ande­re Sache, wenn wir von einer Grup­pe Schwar­zer Arbei­ter ange­spro­chen wer­den. Hier bin ich bereit, von vorn­her­ein davon aus­zu­ge­hen, dass wir mit ihnen zu einer Eini­gung kom­men wer­den, auch wenn eine sol­che Eini­gung noch nicht kon­kret ist. Denn die Schwar­zen Arbei­ter, kraft ihrer gan­zen Posi­ti­on, wol­len und kön­nen nicht danach stre­ben, jeman­den zu ernied­ri­gen, zu unter­drü­cken oder jeman­dem sei­ne Rech­te vor­zu­ent­hal­ten. Sie stre­ben nicht nach Pri­vi­le­gi­en und kön­nen nicht an die Spit­ze auf­stei­gen, außer auf dem Weg der inter­na­tio­na­len Revo­lu­ti­on.

Wir kön­nen und müs­sen einen Weg zum Bewusst­sein der Schwar­zen Arbei­ter, der chi­ne­si­schen Arbei­ter, der indi­schen Arbei­ter und aller Unter­drück­ten im mensch­li­chen Oze­an der Nicht-Wei­ßen fin­den, denen das ent­schei­den­de Wort in der Ent­wick­lung der Mensch­heit gehört.

Leo Trotz­ki,
Prin­ki­po, Tür­kei

The Mili­tant, Vol. V No. 27, July 2, 1932 /​Tran­scrip­ti­on: Mar­xists Inter­net Archi­ve (also at South Afri­can Histo­ry Online)

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