[KgK:] Linkspartei auf Regierungskurs im Bund – und Marx21 bald im Parteivorsitz?

Es gibt kaum eine Per­son in der Links­par­tei, deren Wor­te mehr Gewicht haben als Gre­gor Gysi, auch nach sei­nem Rück­zug vom Frak­ti­ons­vor­sitz im Bun­des­tag vor fünf Jah­ren. Es ist also nicht als Zufall zu wer­ten, dass Gysi am 28. August – als Kat­ja Kip­ping ihren bevor­ste­hen­den Rück­zug von der Par­tei­spit­ze erst­mals öffent­lich erklär­te – dem Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land ein Inter­view gab, des­sen zen­tra­le Aus­sa­ge war:

Für die Lin­ken sind 30 Jah­re in der Oppo­si­ti­on genug. Wir müs­sen mal eine ande­re Rol­le spie­len.

Denn die Links­par­tei berei­tet sich auf eine mög­li­che rot-rot-grü­ne (oder unter den aktu­el­len Zustän­den mög­li­cher­wei­se eher grün-rot-rote) Bun­des­re­gie­rung vor. Zwar stan­den schon die bis­he­ri­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Kat­ja Kip­ping und Bernd Riex­in­ger (der eben­falls ankün­dig­te, sein Amt auf­zu­ge­ben) für eine Regie­rungs­ori­en­tie­rung. Ange­fan­gen mit dem Expe­ri­ment in Thü­rin­gen im Jahr 2014, wird das Regie­rungs­mo­dell Rot-Rot-Grün (RRG) inzwi­schen auch in Ber­lin und Bre­men prak­ti­ziert. Doch nie zuvor wur­de so sehr über RRG auf Bun­des­ebe­ne spe­ku­liert wie heu­te. Und auch wenn die aktu­el­len Wahl­um­fra­gen eher wenig kon­kre­te Aus­sicht auf die­se Kon­stel­la­ti­on geben, ist die Rich­tung klar: eine Koali­ti­on zwi­schen Grü­nen, SPD und Links­par­tei im Bund. Da die aktu­el­le Gro­Ko fra­gil ist, die unge­klär­te Nach­fol­ge von Mer­kel inner­halb der Uni­on für Unru­he sorgt und daher kei­nen geord­ne­ten Über­gang ver­spricht und die Eta­blie­rung der Grü­nen als zweit­stärks­te Par­tei in vol­lem Gan­ge ist, scheint die­se Wet­te zwar nicht die wahr­schein­lichs­te, aber auch nicht völ­lig unrea­lis­tisch zu sein.

Über die Illusionen in die sogenannte linken Regierung

In was für einer Situa­ti­on wird RRG als Alter­na­ti­ve dar­ge­stellt und was haben die Par­tei­en anzu­bie­ten?

Der Kapi­ta­lis­mus erlebt eine his­to­ri­sche Kri­se und zwar welt­weit. Beson­ders die Fort­set­zung des coro­nabe­ding­ten Welt­markt­ein­bru­ches hat für die deut­sche Export­wirt­schaft – das Rück­grat des deut­schen Impe­ria­lis­mus – ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen. Ent­spre­chend kön­nen wir heu­te in Deutsch­land den Beginn einer Ära von Ent­las­sun­gen, Betriebs­schlie­ßun­gen, Stel­len­ab­bau, Kür­zun­gen und Pri­va­ti­sie­run­gen sehen, die bis­her noch durch Kurz­ar­beits­re­ge­lun­gen und die Locke­rung von Insol­venz­ge­set­zen abge­fe­dert wird. Zugleich wer­den die Arbeiter*innen hier­zu­lan­de ein­ge­schüch­tert mit dem Bei­spiel der Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit in den USA, wes­halb sie der Kurz­ar­beit zustim­men müss­ten und nicht wagen dür­fen, die Wirt­schafts­hil­fen in Höhe von meh­re­ren hun­der­ten Mil­li­ar­den Euro an Groß­kon­zer­ne infra­ge zu stel­len. Momen­tan agiert der deut­sche Staat mit einer Mischung aus nie dage­we­se­nen Geld­mit­teln zum Schutz der Unter­neh­men, kauf­kraft­stüt­zen­den Maß­nah­men wie der Absen­kung der Mehr­wert­steu­er und eini­gen sozi­al­po­li­ti­schen Maß­nah­men, die Kri­sen­fol­gen abmil­dern (Kurz­ar­bei­ter­geld, Coro­na-Sofort­hil­fen usw.) und eben­falls kauf­kraft­stüt­zend wir­ken sol­len.

Zugleich dis­ku­tiert die Bour­geoi­sie in den ver­gan­ge­nen Wochen ver­stärkt, dass eine Markt­be­rei­ni­gung unaus­weich­lich ist und die Coro­na-Maß­nah­men nicht zu vie­le „Zom­bie-Unter­neh­men“ stüt­zen sol­len. Das heißt, die deut­sche Bour­geoi­sie berei­tet sich dar­auf vor, die Maß­nah­men – beson­ders die­je­ni­gen, die einen gewis­sen sozi­al­po­li­ti­schen Cha­rak­ter beinhal­ten – schnellst­mög­lich zu been­den.

Die SPD hat als Teil der Gro­ßen Koali­ti­on in den ver­gan­ge­nen Mona­ten ver­sucht, mit Hil­fe eini­ger Maß­nah­men wie dem Kurz­ar­bei­ter­geld und der Dis­kus­si­on über die 4‑Ta­ge-Woche eine klas­sisch sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­tik wie­der­zu­be­le­ben, wäh­rend gleich­zei­tig Olaf Scholz als Kanz­ler­kan­di­dat für einen „Neo­li­be­ra­lis­mus light“ und eine gewis­se Kon­ti­nui­tät zur Mer­kel-Ära steht. Der Fakt, dass die neue SPD-Par­tei­spit­ze um Saskia Esken und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und die SPD-Lin­ke unter Füh­rung von Kevin Küh­nert die Kan­di­da­tur von Scholz stüt­zen, ist ein kla­res Signal dafür, dass das Rezept der SPD gera­de nicht – trotz aller sozi­al­po­li­ti­scher Ele­men­te – eine Wen­de nach links ist, son­dern eine Wie­der­auf­la­ge der Post-Schrö­der-Rezep­te.

Die Links­par­tei ori­en­tiert sich in die­ser Situa­ti­on auf eine rot-rot-grü­ne Regie­rungs­op­ti­on, wo sie sich ent­we­der Scholz oder den Grü­nen unter­ord­nen wird, und geht mit ihren poli­ti­schen For­de­run­gen kaum wei­ter als die SPD selbst. Im Gegen­teil geht die Links­par­tei schon jetzt, ein Jahr vor der Bun­des­tags­wahl, in einen „Lagerwahlkampf“-Modus. Eine Distan­zie­rung von der Gro­ßen Koali­ti­on fand wäh­rend des Höhe­punk­tes der ers­ten Coro­na-Wel­le kaum statt, geschwei­ge denn eine offe­ne Kon­fron­ta­ti­on der Inter­es­sen der Bour­geoi­sie, was eine Grund­vor­aus­set­zung für eine Link­s­ent­wick­lung wäre. Im Gegen­teil: Wäh­rend Frak­ti­ons­chef Diet­mar Bartsch zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie expli­zit sag­te, dass dies nicht die Zeit für Oppo­si­ti­ons­po­li­tik sei, ging Gre­gor Gysi in dem ein­gangs zitier­ten Inter­view noch einen Schritt wei­ter und mahn­te an, der deut­sche Impe­ria­lis­mus müs­se eine füh­ren­de Rol­le in der NATO ein­neh­men. Kein Wort eines Hin­ter­bänk­lers, son­dern des im Mai die­ses Jah­res gera­de neu ernann­ten außen­po­li­ti­schen Spre­chers der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag.
Wei­te­re Bän­de könn­ten geschrie­ben wer­den über die ver­hee­ren­de Bilanz der rot-rot-grü­nen Lan­des­re­gie­run­gen, die Out­sour­cing und Pri­va­ti­sie­run­gen stützt, Abschie­bun­gen durch­führt, für ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt ver­ant­wort­lich ist und die Poli­zei gegen lin­ke Haus­pro­jek­te ein­setzt.

Die Grü­nen hin­ge­gen befin­den sich auf dem Hoch­kurs ihrer kapi­ta­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­on. Sie als lin­ke Kraft zu prä­sen­tie­ren, bedeu­tet die Rea­li­tät zu leug­nen. Die Markt­be­rei­ni­gung, der Tei­le der Bour­geoi­sie anhän­gen, steht nicht im Wider­spruch zum Struk­tur­wan­del, der von Grü­nen vor­ge­stellt wird. Die Grü­nen kön­nen sich im Gegen­teil gut mit einer Per­spek­ti­ve der kapi­ta­lis­ti­schen Erneue­rung des Wett­be­werbs, die vie­le Schlie­ßun­gen bedeu­ten wird, anfreun­den, weil die Par­tei den Struk­tur­wan­del vor­an­trei­ben möch­te und gegen­über den USA und Chi­na eine erneu­te Wett­be­werbs­fä­hig­keit Deutsch­lands zu kon­zi­pie­ren ver­sucht.

Und die “Linke in der Linken”? marx21 inmitten des Establishments

Begin­nen wir mit der größ­ten Neu­ig­keit: Jani­ne Wiss­ler, Mit­glied von marx21 und Links­par­tei-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im hes­si­schen Land­tag, wird mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit eine der zwei neu­en Vor­sit­zen­den der Links­par­tei auf Bun­des­ebe­ne. Sie wird heu­te ger­ne damit zitiert, dass sie gegen Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen sei. Doch vor zwei Jah­ren streb­te sie selbst nach einer Regie­rungs­be­tei­li­gung in Hes­sen, um jen­seits der Uni­on eine soge­nann­te “lin­ke Mehr­heit” im hes­si­schen Land­tag zu erzie­len. Auch wenn sich die hes­si­schen Grü­nen ent­ge­gen der Hoff­nung von Wiss­ler am Ende des Tages für eine Koali­ti­on mit der CDU ent­schie­den, prä­sen­tier­te Wiss­ler ihr Modell als Alter­na­ti­ve gegen den Rechts­ruck. Und auch in einem Inter­view vom Juni die­sen Jah­res in der ZEIT stell­te sie zwar gewis­se Hür­den für eine rot-rot-grü­ne Bun­des­re­gie­rung auf, eine unmiss­ver­ständ­li­che Absa­ge an eine Regie­rungs­be­tei­li­gung im Bund brach­te sie jedoch nicht über die Lip­pen.

Schließ­lich ist sie damit von der Posi­ti­on der Par­tei­rech­ten nicht weit ent­fernt, die ja selbst auch immer wie­der von “roten Hal­te­li­ni­en” für Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen spre­chen, doch bei der ers­ten Gele­gen­heit jede ein­zel­ne die­ser Lini­en zu über­schrei­ten bereit sind. Eine kon­se­quen­te Hal­tung dazu, dass eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Poli­tik als Teil einer bür­ger­li­chen Regie­rung – noch dazu der Regie­rung des zweit­wich­tigs­ten impe­ria­lis­ti­schen Lan­des der Welt, was in den Dis­kus­sio­nen der “Lin­ken in der Lin­ken” kei­ne Rol­le zu spie­len scheint – unmög­lich ist, sieht anders aus.

Wiss­ler wird es jeden­falls mit die­ser Ori­en­tie­rung nicht schwer fal­len, die aktu­el­len Bestre­bun­gen der Links­par­tei-Füh­rung loy­al vor­an­zu­trei­ben. Neben Wiss­ler zählt die aktu­el­le Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de aus Thü­rin­gen, Susan­ne Hen­nig-Well­sow, als wahr­schein­lichs­te Kan­di­da­tin um den Co-Vor­sitz. Über Jani­ne Wiss­ler sag­te Hen­nig-Well­sow in einem SPIEGELInter­view:

Wir ergän­zen uns. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass eine Lin­ke in Bewe­gung und eine Lin­ke in Regie­rung zusam­men­ge­hö­ren. Ich tre­te an, damit wir auf eine Regie­rung vor­be­rei­tet sind, wenn sich die Gele­gen­heit dafür ergibt.

Da sie in Thü­rin­gen mit Bodo Rame­low eine lang­jäh­ri­ge Erfah­rung an der Spit­ze einer rot-rot-grü­nen Regie­rung gesam­melt hat, kön­nen wir schluss­fol­gern, dass der Kurs der Links­par­tei, nach der Ver­wal­tung des deut­schen impe­ria­lis­ti­schen Staa­tes zu stre­ben, voll­kom­men eta­bliert.

Wie erwähnt, ist Wiss­ler Teil von marx21, einem Netz­werk inner­halb der Links­par­tei, das aus den Trüm­mern des Zen­tris­mus mit einem trotz­kis­ti­schen Ursprung (der Grup­pe Links­ruck) her­aus­ge­wach­sen ist und sich 2007 in die Links­par­tei auf­ge­löst hat. Auf ihrer Web­site schreibt marx21 noch vor Kur­zem:

Lin­ke Par­tei­en soll­ten sich auch selbst der Gren­zen der Mög­lich­kei­ten des Par­la­men­ta­ris­mus bewusst sein und die gegen­wär­ti­gen Besitz- und Eigen­tums­ver­hält­nis­se infra­ge stel­len. Weil die wah­re Macht außer­halb der Par­la­men­te und Regie­rungs­ge­bäu­de liegt, muss auch der Kampf um Ver­bes­se­run­gen dort geführt wer­den: auf der Stra­ße und in den Betrie­ben. Eine lin­ke Par­la­ments­frak­ti­on kann dafür hilf­reich sein – eine Regie­rungs­be­tei­li­gung nicht, weder im Bund und noch in den Län­dern.

Doch wie so oft ist an den zen­tris­ti­schen, das heißt zwi­schen Reform und Revo­lu­ti­on als Pro­gramm schwan­ken­den, Strö­mun­gen nicht nur das inter­es­sant, was sie schrei­ben, son­dern auch das, was sie nicht schrei­ben: Ein Kom­men­tar zur Kan­di­da­tur ihrer bekann­tes­ten Figur für den Vor­sitz der Links­par­tei? Fehl­an­zei­ge. Eine Bilanz der Poli­tik von Jani­ne Wiss­ler im hes­si­schen Land­tag, oder eine Bilanz ihrer Poli­tik für eine rot-rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung 2018? Eben­falls Fehl­an­zei­ge. Selbst die aktu­el­le Debat­te um RRG im Bund hat marx21 bis­her nicht mit einem ein­deu­ti­gen State­ment bedacht, son­dern eine “Lese­rin­nen- und Leser­de­bat­te” ein­be­ru­fen, bei der bis­her die Noch-Par­tei­vor­sit­zen­de Kip­ping für eine Regie­rungs­be­tei­li­gung wer­ben durf­te, wäh­rend ein Basis­mit­glied der Links­par­tei aus Neu­kölln eine Gegen­dar­stel­lung geschrie­ben hat. Man sieht: marx21 ist weit ent­fernt davon, die Teil­nah­me an impe­ria­lis­ti­schen Regie­run­gen abzu­leh­nen.

Ausreden über Ausreden

Die Tak­tik, sich abs­trakt gegen Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen zu wen­den, aber in kon­kre­ten Fäl­len kei­ner­lei Kon­se­quenz dar­aus zu zie­hen, wenn die Links­par­tei den­noch an die Regie­rung kommt, ist jedoch nicht nur eine Spe­zia­li­tät von Marx21, son­dern hat beson­ders in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine rei­che Geschich­te – nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in ande­ren Län­dern Euro­pas und der Welt.

Die Vor­stel­lung, dass eine “lin­ke Mehr­heit” im Par­la­ment und an der Regie­rung eine stra­te­gi­sche Alter­na­ti­ve gegen den Rechts­ruck sei, war schon im Fall Grie­chen­lands ein Haupt­ar­gu­ment:

Es ist kein Zufall, dass die sel­ben Akteur*innen in Zei­ten der mas­sen­haf­ten und radi­ka­len Gene­ral­streiks in Grie­chen­land ein poli­ti­sches Pro­gramm prä­sen­tiert haben, das Syri­za unter­stütz­te. Wie das Mär­chen ende­te, ist inzwi­schen allen bekannt: Syri­za hat gegen ihre Arbeiter*innenbasis der Aus­teri­täts­po­li­tik zuge­stimmt, neo­li­be­ra­le Angrif­fe im eige­nen Lan­de durch­ge­setzt und erfolg­reich den Über­gang zu den Rechts­kon­ser­va­ti­ven ein­ge­lei­tet, die Expert*innen dar­in sind, den Neo­li­be­ra­lis­mus zu ver­wal­ten.

Die SOL (Sozia­lis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on Soli­da­ri­tät), eine der zwei aus der Spal­tung des CWI im ver­gan­ge­nen Jahr her­vor­ge­gan­ge­ne Orga­ni­sa­ti­on, die eben­falls Teil der Links­par­tei ist, ver­öf­fent­lich­te vor Kur­zem als Ant­wort auf die Debat­te um RRG im Bund einen Text ihres Bun­des­spre­chers Sascha Sta­ničić, der zwar an der Ober­flä­che eine “kon­se­quen­te sozia­lis­ti­sche Oppo­si­ti­ons­po­li­tik” for­der­te, aber dann fol­gen­de Per­spek­ti­ve beschrieb:

Das wür­de bedeu­ten deut­lich zu machen, dass eine Been­di­gung der CDU/C­SU-Domi­nanz in der Bun­des­re­gie­rung nicht an der LINKEN schei­tern wird, die­se also eine*n sozi­al­de­mo­kra­ti­schen oder grü­nen Kanzler*in ins Amt hel­fen wür­den und eine SPD-Grü­ne-Min­der­heits­re­gie­rung nicht ver­hin­dert wür­de. Jede Maß­nah­me im Inter­es­se der Arbeiter*innenklasse und der sozi­al Benach­tei­lig­ten, wie Erhö­hung des Min­dest­lohns oder Ein­füh­rung einer Ver­mö­gen­steu­er, wür­de durch DIE LINKE im Bun­des­tag zur Mehr­heit ver­hol­fen, aber auch jede Maß­nah­me gegen die Lohn­ab­hän­gi­gen abge­lehnt wer­den. DIE LINKE wür­de sich nicht durch einen Koali­ti­ons- oder Tole­rie­rungs­ver­trag an eine sol­che Koali­ti­on bin­den und kei­ne Ver­ant­wor­tung für deren Gesamt­po­li­tik über­neh­men, son­dern unab­hän­gig für die Inter­es­sen der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung mobi­li­sie­ren und auf der Basis eine star­ke sozia­lis­ti­sche Kraft auf­bau­en. Das wür­de auch nicht bedeu­ten, einer Regie­rungs­be­tei­li­gung bzw. ‑über­nah­me eine prin­zi­pi­el­le Absa­ge zu ertei­len, son­dern zu erklä­ren, dass eine sol­che für die Par­tei nur auf Basis wirk­lich lin­ker und sozia­lis­ti­scher Poli­tik in Fra­ge kommt. Der Auf­stieg SYRI­ZAs zur stärks­ten Kraft in Grie­chen­land in den Jah­ren der Kri­se bis 2015 zeigt, dass eine lin­ke Par­tei in Zei­ten kapi­ta­lis­ti­scher Kri­se und ver­schärf­ter Klas­sen­kämp­fe schnell in eine sol­che Posi­ti­on gelan­gen kann. Das muss die stra­te­gi­sche Aus­rich­tung einer sozia­lis­ti­schen Par­tei sein.

Die Links­par­tei sol­le also einer Regie­rungs­be­tei­li­gung kei­ne “prin­zi­pi­el­le Absa­ge” ertei­len, son­dern fall­wei­se ent­schei­den, wel­che Poli­ti­ken der impe­ria­lis­ti­schen Regie­rung man unter­stützt. Und noch dazu bezieht Sta­ničić sich posi­tiv auf Syri­za “bis 2015”, ohne zu erwäh­nen, was danach pas­sier­te – um das Bei­spiel Syri­za sodann als “stra­te­gi­sche Aus­rich­tung” zu bezeich­nen.

Und tat­säch­lich han­delt es sich um eine stra­te­gi­sche Aus­rich­tung: Die Anpas­sung der Lin­ken an refor­mis­ti­sche oder klein­bür­ger­li­che Vari­an­ten, die auf ihre Fah­ne die Demo­kra­ti­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus schrei­ben, hat dazu geführt, anstatt von Arbeiter*innenregierungen von all­ge­mei­nen “lin­ken Regie­run­gen” zu spre­chen. Sie ver­fol­gen die Stra­te­gie, im Rah­men der kapi­ta­lis­ti­schen Staat­lich­keit, sei­ner Insti­tu­tio­nen Ver­bes­se­run­gen zu errei­chen, um die Grund­la­ge für eine lin­ke Poli­tik zu ver­stär­ken oder die lin­ke Poli­tik zu Mas­sen zu brin­gen. Doch in der Tat degra­die­ren die­se Par­tei­en die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit der Arbeiter*innen, set­zen Out­sour­cing und Pri­va­ti­sie­run­gen durch wie in Ber­lin, oder machen Zuge­ständ­nis­se an Kon­ser­va­ti­ve oder Rech­te wie in Thü­rin­gen, um nur regie­ren zu dür­fen.

Für den Aufbau einer sozialistischen Kraft außerhalb der Linkspartei

In Deutsch­land haben wir es noch nicht mit Gene­ral­streiks oder Radi­ka­li­sie­rung der Mas­sen zu tun. Der Grund dafür ist weni­ger die objek­ti­ve Situa­ti­on, son­dern die demo­bi­li­sie­ren­de und brem­sen­de Rol­le der refor­mis­ti­schen Par­tei­en wie der SPD und der Links­par­tei und der büro­kra­ti­schen Kas­ten inner­halb der Gewerk­schaf­ten, die die Füh­rungs­po­si­tio­nen beset­zen. In einer poli­ti­schen Dis­kus­si­on mit Sta­ničić hat­ten wir die­ses sub­jek­ti­ve Schran­ke defi­niert:

“Der Appa­rat der Büro­kra­tie bil­det das orga­ni­sier­te Wesen der Arbeiter*innenaristokratie, ihren Kör­per. Sie ist das zen­tra­le stra­te­gi­sche Pro­blem für die Arbeiter*innenklasse. (…) Die „Sozi­al­part­ner­schaft“ zwi­schen der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie und der Regie­rung – unter der Ver­tre­tung durch SPD und Links­par­tei – ist mit ihrer Ver­mitt­lungs­funk­ti­on und demo­bi­li­sie­ren­den Poli­tik als das größ­te Hin­der­nis dafür, dass wir eine star­ke Arbeiter*innenbewegung auf­bau­en kön­nen, die in der Lage ist, unse­re For­de­run­gen durch Streiks zu erkämp­fen und Angrif­fe auf uns abzu­weh­ren.”

Es ist von zen­tra­ler Bedeu­tung für Revolutionär*innen heu­te, eine poli­ti­sche Kraft auf­zu­bau­en, die sich vor­nimmt, die­se Büro­kra­tien zu bekämp­fen und zu über­win­den. Ein Kampf gegen “lin­ke” Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen ist dafür eine zen­tra­le Vor­aus­set­zung. Lucy Red­ler, Anfüh­re­rin der SAV (Sozia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve) – die ande­re aus der Spal­tung des CWI her­vor­ge­gan­ge­ne Orga­ni­sa­ti­on – schrieb vor etwa einem Monat in Bezug auf die Stra­te­gie­de­bat­te in der Links­par­tei:

Gegen eine (erneu­te) Debat­te über das Für und Wider von Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen im Kapi­ta­lis­mus mit bür­ger­li­chen Par­tei­en oder das Ein­tre­ten für ech­te lin­ke, sozia­lis­ti­sche Regie­run­gen ist nichts ein­zu­wen­den. Aber die zen­tra­len stra­te­gi­sche Debat­ten, die DIE LINKE jetzt füh­ren muss, sind ande­re.

Wir müs­sen wider­spre­chen: Auch wenn wir Red­lers Absicht aner­ken­nen, sich dem Zir­kus der Regie­rungs­be­tei­li­gung zu ent­zie­hen – ohne dass bei­spiels­wei­se die Regie­rungs­be­tei­li­gung ihres eige­nen Lan­des­ver­ban­des (Ber­lin) frei­lich bis heu­te irgend­ei­ne Aus­wir­kung auf ihre Links­par­tei-Mit­glied­schaft hat –, lässt sich die­se Fra­ge nicht so ein­fach weg­schie­ben. Wie schon gesagt, han­delt es sich nicht nur um eine Regie­rungs­be­tei­li­gung in irgend­ei­nem bür­ger­li­chen Staat, son­dern im zweit­wich­tigs­ten impe­ria­lis­ti­schen Staat der Welt. Wie kann das kei­ne zen­tra­le stra­te­gi­sche Debat­te sein? Sicher: Wenn die Debat­te nur dar­in besteht, sich erneut abs­trakt zu ver­ge­wis­sern, dass die “Lin­ke in der Lin­ken” gegen Regie­rungs­be­tei­li­gung ist, ohne dar­aus irgend­wel­che Kon­se­quen­zen zu zie­hen, mag das neben­säch­lich schei­nen. Aber tat­säch­lich kommt es einer Kapi­tu­la­ti­on vor dem büro­kra­ti­schen Appa­rat gleich, ent­we­der durch einen Ver­zicht auf den kon­se­quen­ten Kampf gegen Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen, oder durch das Schü­ren der Illu­si­on, dass die Regie­rungs­be­tei­li­gung eine zweit­ran­gi­ge Fra­ge sei, die kei­ner­lei tie­fe­re Bedeu­tung besitzt.

Die his­to­ri­schen Bei­spie­le der Anpas­sung an bür­ger­li­che Regime sind zu zahl­reich, um sie hier alle auf­zu­zäh­len. Ent­schei­dend in ihnen allen ist die Leh­re, dass der Auf­bau einer alter­na­ti­ven poli­ti­schen Füh­rung nicht erst im Moment der Zuspit­zung des Klas­sen­kamp­fes begin­nen kann. Die­ser Auf­ga­be müs­sen wir uns schon heu­te anneh­men, was nichts ande­res bedeu­ten kann, als einen klas­sen­kämp­fe­ri­schen, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Pol außer­halb der Links­par­tei auf­zu­bau­en.

Die Links­par­tei berei­tet sich heu­te auf die Ver­wal­tung des zweit­wich­tigs­ten impe­ria­lis­ti­schen Regimes der Welt vor. Wer­den die “Lin­ken in der Lin­ken” mit die­sem Strom schwim­men – oder wer­den sie das Ange­bot anneh­men, gemein­sam mit uns für den Auf­bau einer unab­hän­gi­gen Kraft der Arbeiter*innen zu kämp­fen?

Klas­se Gegen Klas­se