[KgK:] Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (Teil II)

Die­ser Arti­kel erschien zuerst im Janu­ar 2016 im Theo­rie­ma­ga­zin Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal Nr. 29 auf Spa­nisch. Wir ver­öf­fent­li­chen ihn hier zum ers­ten Mal auf Deutsch in drei Tei­len. Teil I erschien am 30.08.2020, Teil III erscheint am 13.9.2020.

Teil II: Bürgerliche und proletarische Hegemonie

Die Aus­wir­kun­gen des Faschis­mus und des Sta­li­nis­mus gaben der Theo­rie des „kom­bi­nier­ten“ Staa­tes, die wir zuvor erwähn­ten, neu­en Auf­wind. Unter dem Slo­gan „Demo­kra­tie bis zum Schluss“ gehen Theoretiker*innen wie Antoi­ne Artous das Pro­blem über die Bezie­hung zwi­schen reprä­sen­ta­ti­ver und direk­ter Demo­kra­tie an und kom­men zu dem Schluss, dass die­se unter einem Sys­tem der „dop­pel­ten Reprä­sen­ta­ti­on“ mit­ein­an­der ver­ein­bar sei­en. Die poli­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­on erfol­ge durch eine über das all­ge­mei­ne Wahl­recht der ato­mi­sier­ten Bevöl­ke­rung gewähl­ten Ver­samm­lung, wäh­rend die „Sowjets“ – in den Wor­ten von Artous – sich auf eine „zwei­te Sozi­al­kam­mer“ redu­zie­ren, „wel­che die Gewerk­schaf­ten und Ver­bän­de reprä­sen­tie­ren, die die öko­no­mi­schen und sozia­len Inter­es­sen der Lohn­ab­hän­gi­gen und ver­arm­ten Mas­sen ver­tei­digt“1. Da sich das Auf­kom­men von räte­ähn­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­for­men im Zuge jeder Revo­lu­ti­on nicht ver­mei­den lässt, wer­den durch die­ses Sys­tem die Arbeiter*innen so weit wie mög­lich von der poli­ti­schen Macht fern­ge­hal­ten, damit sie sich auf kor­po­ra­tis­ti­sche Insti­tu­tio­nen beschrän­ken, die sich um „ihre“ Ange­le­gen­hei­ten küm­mern – also bes­ser gesagt, dass sie auf die Hege­mo­nie ver­zich­ten2. All dies ist kei­ne Neu­heit, seit den Zei­ten Hil­fer­dings – und der Wei­ma­rer Ver­fas­sung – war es das impli­zi­te und expli­zi­te Ziel die­ser Art von Stra­te­gien.

Ähn­lich for­mu­lier­te es auch Ernest Man­del: „alle For­men direk­ter Demo­kra­tie […] erset­zen die Insti­tu­tio­nen des uni­ver­sel­len Wahl­rechts nicht, son­dern ergän­zen die­se“, mit dem Argu­ment dass „die Arbeiter*innenmassen aus aller Welt fest von der Not­wen­dig­keit über­zeugt sind, an demo­kra­ti­schen Wah­len von par­la­men­ta­ri­schen Orga­nen teil­zu­neh­men.“3 Um sei­ne Per­spek­ti­ve des „demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus“ zu stüt­zen, fass­te der spä­te Pou­lant­z­as sei­ne Kri­tik an der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on und des Bol­sche­wis­mus in fol­gen­der Aus­sa­ge zusam­men: „war nicht genau die­se Situa­ti­on, genau die­se Linie (die radi­ka­le Erset­zung der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie durch eine basis­de­mo­kra­ti­sche) der kon­sti­tu­tie­ren­de Fak­tor für das, was spä­ter in der Sowjet­uni­on pas­sier­te, schon zu Leb­zei­ten Lenins, und den zen­tra­li­sie­ren­den und staats­män­ni­schen Lenin her­vor­brach­te, des­sen Fol­ge­er­schei­nun­gen wir ken­nen?“4.

Jedoch han­delt es sich nicht nur um eine Dis­kus­si­on über die Unter­schie­de zwi­schen der sowje­ti­schen Demo­kra­tie in Russ­land und der im „Wes­ten“, wie sie ger­ne prä­sen­tiert wird5. Trotz­ki hat selbst kein Pro­blem damit, für den „Wes­ten“, wie im Fal­le der USA6, die Mög­lich­keit zu benen­nen, dass unter der Herr­schaft der Räte mög­li­cher­wei­se kei­ne schwe­ren poli­ti­schen Ein­schrän­kun­gen gegen­über dem ent­eig­ne­ten Bür­ger­tum not­wen­dig sei­en; „In Wirk­lich­keit wer­den sich ame­ri­ka­ni­sche Sowjets von den rus­si­schen Sowjets genau­so unter­schei­den, wie sich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten Prä­si­dent Roo­se­velts vom Rus­si­schen Reich des Zaren Niko­laus II. unter­schei­den“7. Etwas Ähn­li­ches sagt er im Bezug auf Deutsch­land8.

Die Unmög­lich­keit, die bür­ger­li­che Demo­kra­tie mit sowje­ti­scher Demo­kra­tie zu ver­bin­den, liegt dar­in begrün­det, dass sie poli­ti­scher Aus­druck zwei­ter ant­ago­nis­ti­scher sozia­ler Regime sind. Bei­de Reprä­sen­ta­ti­ons­sys­te­me sind dar­in kohä­rent. Das grund­le­gen­de Prin­zip der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie ist die Tren­nung der Mas­sen von der Regie­rung des Staa­tes, wofür die­ser, wie wir gese­hen haben, über vie­le Mecha­nis­men ver­fügt. Durch das “uni­ver­sel­le Wahl­recht”, das alle 2, 4 oder 6 Jah­re aus­ge­übt wird, stützt sich der Par­la­men­ta­ris­mus, und noch mehr das prä­si­den­ti­el­le Regie­rungs­sys­tem, auf die Ato­mi­sie­rung der Bevöl­ke­rung und ins­be­son­de­re der Arbeiter*innenklasse. Somit kann die Regie­rung einer Min­der­heit, der Bour­geoi­sie, die eige­ne Hege­mo­nie fes­ti­gen, indem sie sich als Aus­druck eines all­ge­mei­nen “Volks­wil­lens” der Mas­sen prä­sen­tiert9.

Die Sowjet­de­mo­kra­tie geht vom gegen­tei­li­gen Prin­zip aus: die Ein­bin­dung der Mas­sen in die Regie­rung des Staa­tes so weit wie mög­lich zu erhö­hen. Dem­entspre­chend sind die gewähl­ten Räte (Sowjets) die Basis, die sich nicht nach Wahl­krei­sen der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie auf­tei­len, son­dern sich im Grun­de genom­men über die Pro­duk­ti­ons­ein­hei­ten zusam­men­set­zen (Unter­neh­men, Fabri­ken, Schu­len, etc.). Die­se Räte sind, in den Wor­ten von Marx, als “arbei­ten­de Kör­per­schaf­ten” auf­ge­baut, erfül­len gleich­zei­tig legis­la­ti­ve und exe­ku­ti­ve Funk­tio­nen, und regie­ren im wei­tes­ten Sin­ne des Wor­tes: Sie ent­schei­den über die poli­ti­sche Rich­tung und ver­wal­ten die Res­sour­cen der Gesell­schaft auf Grund­la­ge des staat­li­chen Eigen­tums an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln. Wegen die­ser Eigen­schaf­ten beinhal­tet ihre fort­schrei­ten­de Wei­ter­ent­wick­lung, zusam­men mit der Ent­wick­lung hin zum Sozia­lis­mus, die Ten­denz, dass der Staat als sol­cher ver­schwin­det, d.h. als eine von der Gesell­schaft getrenn­te Macht, die sich schein­bar über die­se stellt.

Dabei han­delt es sich nicht um eine “idea­le” insti­tu­tio­nel­le Stuk­tur, die aus dem Nichts auf­taucht. Im Gegen­teil basiert die sowje­ti­sche Demo­kra­tie auf dem ent­schlos­sens­ten Impuls zur Selbst­or­ga­ni­sie­rung, der sich aus­ge­hend von der Ein­heits­front der Mas­sen in den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­sen enwi­ckelt; zunächst für die Ver­teil­di­gung, dann für die Offen­si­ve, und wenn die Macht ergrif­fen ist, ver­wan­deln sie sich in das insti­tu­tio­nel­le Gerüst der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Die Räte sind fun­da­men­ta­le Säu­len für die Hege­mo­nie des Pro­le­ta­ri­ats.

Die Stra­te­gien, die einen „kom­bi­nier­ten Staat“ anstre­ben, hegen die Bestre­bun­gen zur Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in die engen Gren­zen der “öko­mi­schen und sozia­len Ange­le­gen­hei­ten” ein und negie­ren damit die pro­le­ta­ri­sche Hege­mo­nie. Somit neh­men sie eine reak­tio­nä­re – oder sogar kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re – Rol­le in den zus­ge­spit­zen Momen­ten des Klas­sen­kamp­fes ein, da es dort nicht nur um eine Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen poli­ti­schen Regi­men geht, son­dern um den Klas­sen­cha­rak­ter des Staa­tes und folg­lich um die Bewaff­nung des Pro­le­ta­ri­ats und die Ent­waff­nung des Bür­ger­tums, ohne die es kei­ne Sowjet­de­mo­kra­tie geben kann.

Stra­te­gisch gese­hen ver­steckt der “kom­bi­nier­te Staat” (voll­endet oder nicht) unter einem fal­schen Lösungs­an­satz die gra­vie­rends­ten Pro­ble­me der Stra­te­gie. (Bezie­hung zwi­schen Angriff und Ver­tei­di­gung, Stel­lun­gen und Manö­vern, etc.). Dies geschieht vor allem in den Momen­ten des Über­gangs zum Angriff (Auf­stand und Bür­ger­krieg).

Davon aus­ge­hend, dass es kei­nen Raum dafür gibt, die bür­ger­li­che und die sowje­ti­sche Demo­kra­tie mit­ein­an­der zu ver­söh­nen, keh­ren wir zum Pro­blem des stra­te­gi­schen Aus­drucks die­ser Ele­men­te in der Ver­tei­di­gung in der Vor­be­rei­tungs­pha­se zurück.

Der relative Wert der „Schützengräben“ in der Defensive

In unse­rem Arti­kel “Trotz­ki und Gram­sci: Stra­te­gie­de­bat­ten über die Revo­lu­ti­on im Wes­ten”, erläu­ter­ten wir im Zuge der Tak­tik der „Arbeiter*innenregierung“ den rela­ti­ven Wert der „Fes­tun­gen“ oder „Schüt­zen­grä­ben“ in der Offen­si­ve. Je nach­dem wie sie ver­wen­det wer­den, kön­nen sie wie ein Tram­po­lin wir­ken, das die Chan­cen zum Angriff erhöht (Vor­be­rei­tung des Auf­stan­des) oder wie ein Schwer­ge­wicht, das die Offen­si­ve schei­tern lässt10. Hier behan­deln wir den­sel­ben Aspekt, aber aus der Per­spek­ti­ve der Defen­si­ve.

Peter Tho­mas ver­öf­fent­lich­te 2009 sein Buch The Gram­sci­an Moment, das zu einer Refe­renz in den Stu­di­en über Gram­sci wur­de11. Für die­sen Arti­kel inter­es­sie­ren uns ins­be­son­de­re die Aus­ar­bei­tun­gen und die Inter­pre­ta­ti­on, die er aus dem Kon­zept der „hege­mo­nia­len Appa­ra­te“12 ent­wi­ckelt. Sich auf die Gefäng­nis­hef­te von Gram­sci13 bezie­hend, weist er auf fol­gen­des hin: “Ein hege­mo­nia­ler Klas­sen­ap­pa­rat ist eine Band­brei­te von Insti­tu­tio­nen (im wei­tes­ten Sin­ne) und Prak­ti­ken – von den Zei­tun­gen bis hin zu Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen – über die die Klas­se und ihre Ver­bün­de­ten mit den Geg­nern um die poli­ti­sche Macht kämp­fen“14.

Trotz­ki beschrieb die­se Art von Insti­tu­tio­nen als Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie: “Im Rah­men der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie und gleich­zei­tig in stän­di­gem Kampf mit ihr haben sich im Lau­fe von Jahr­zehn­ten die Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie gebil­det: poli­ti­sche Par­tei­en, Arbei­ter­pres­se, Gewerk­schafts­ver­bän­de, Fabrik­ko­mi­tees, Klubs, Genos­sen­schaf­ten, Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen u. a.”15.

Wel­chen stra­te­gi­schen Wert schreibt Tho­mas nun die­sen Ele­men­ten zu? Laut dem Autor kön­ne “der staat­li­chen Appa­rat des Bür­ger­tums nur (neu­tra­li­siert) wer­den, wenn ihm das Pro­le­ta­ri­at die ’sozia­le Basis‘ ent­zo­gen hat: durch ein alter­na­ti­ves hege­mo­nia­les Pro­jekt und einen hege­mo­nia­len Appa­rat, der die­sem Pro­jekt ent­spricht. Lenin beschrieb, nach den Wor­ten von Marx und Engels, die Pari­ser Kom­mu­ne und die Sowjets als einen ‚beson­de­ren Staats­ty­pus‘16. Trotz­ki mein­te dazu:

Unse­re Auf­ga­be hin­ge­gen ist es, die schon ent­stan­de­nen Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie zur Grund­la­ge des Sowjet­sys­tems des Arbei­ter­staa­tes zu machen. Zu die­sem Zweck muss man die Scha­le der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie spren­gen und den Kern der Arbei­ter­de­mo­kra­tie aus ihr her­aus­ho­len – dar­in besteht eben das Wesen der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on.17

Wäh­rend für Tho­mas – in Bezug auf den stra­te­gi­schen Wert – die­se Inst­utio­nen den staat­li­chen Appa­rat “neu­tra­li­sie­ren” sol­len, ist ihre Ent­wick­lung für Trotz­ki unaus­weich­lich an die Not­wen­dig­keit geknüpft, die “Scha­le der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu spren­gen”. Es geht also nicht dar­um, die bür­ger­li­che Hege­mo­nie zu „neu­tra­li­sie­ren“, son­dern zu „spren­gen“.

Die “hege­mo­nia­len Appa­ra­te” sind in sich nicht fähig, die bür­ger­li­che Hege­mo­nie zu “neu­tra­li­sie­ren”. Des­halb ver­knüpft Trotz­ki, wie wir in dem Fal­le Frank­reichs sahen, die Losung der defen­si­ven Ein­heits­front mit der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Illu­sio­nen der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie. Auf die hypo­the­ti­sche Fra­ge eines Arbei­ters, “Seid Ihr Kom­mu­nis­ten bereit, die Wei­ma­rer Ver­fas­sung zu ver­tei­di­gen?”, ant­wor­tet er, indem er zwi­schen den Insti­tu­tio­nen inner­halb des bür­ger­li­chen Sys­tems unter­schei­det: “Die Repu­blik wird vom Prä­si­den­ten gekrönt. Sind wir Kom­mu­nis­ten bereit, Hin­den­burg vor dem Faschis­mus zu ver­tei­di­gen? Dazu besteht, hof­fe ich, kei­ne Not­wen­dig­keit: Hin­den­burg hat die Faschis­ten sel­ber zur Macht beru­fen. Wei­ter folgt die Regie­rung, mit Hit­ler an der Spit­ze. Auch sie bedarf kei­nes Schut­zes vor dem Faschis­mus. Wei­ter folgt das Par­la­ment. […] Man kann aber eines schon heu­te mit Gewiss­heit behaup­ten: Wenn der Reichs­tag der Regie­rung feind­lich sein wird, wenn Hit­ler ver­su­chen wird, den Reichs­tag zu liqui­die­ren, und wenn die Sozi­al­de­mo­kra­tie sich ent­schlos­sen zeigt, um den Reichs­tag zu kämp­fen – dann wer­den die Kom­mu­nis­ten die Sozi­al­de­mo­kra­tie aus allen Kräf­ten dar­in unter­stüt­zen”18. Und spä­ter deu­tet er dar­auf hin, dass es “höhe­re Wer­te” gäbe, im Bezug auf die “Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie”, die wir zuvor auf­ge­zeigt haben, und fügt hin­zu: “Die Auf­ga­be des Faschis­mus besteht nicht so sehr dar­in, die Res­te der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu erle­di­gen, als dar­in, die Kei­me der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie zu ver­nich­ten”19.

Im Kampf um die Ver­tei­di­gung die­ser “Fes­tun­gen”, Orte der Unter­stüt­zung die­ser ers­ten “Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie” gegen den bür­ger­li­chen Staat und, falls es sich um einen ernst­haf­ten Kampf han­delt, gegen das Par­la­ment, meint Trotz­ki, dass die “Scha­le der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie“ gesprengt wer­den kann und die Räte als Basis eines „beson­de­ren Staats­ty­pus“ her­vor­ge­hen kön­nen. Es han­delt sich um eine dyna­mi­sche Visi­on, inner­halb derer sich das Bewusst­sein mit der Erfah­rung ent­wi­ckelt.

Die­se Dyna­mi­ken ste­hen nicht nur in Ver­bin­dun­gen mit direk­ten Angrif­fen, wie die von Sei­ten des Faschis­mus, son­dern auch damit, wie die Büro­kra­ti­sie­rung und Ver­staat­li­chung die­se “Fes­tun­gen” des Pro­le­ta­ri­ats in ihr Gegen­teil ver­wan­deln kann.

Tho­mas gibt fol­gen­de evo­lu­ti­ve Inter­pre­ta­ti­on: „Der hege­mo­nia­le Appa­rat ist das Mit­tel, durch den sich die Klas­sen­kräf­te der Zivil­ge­sell­schaft in Macht inner­halb der poli­ti­schen Gesell­schaft über­tra­gen. Oder, im Begriff des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes im spä­ten Pou­lant­z­as20, ist der hege­mo­nia­le Appa­rat die ‚mate­ri­el­le Ver­dich­tung der Kräf­te­ver­hält­nis­se‘ inner­halb der Klas­se oder Klas­sen­bünd­nis, die es erlaubt, den Geg­ner auf der poli­ti­schen Ebe­ne zu kon­fron­tie­ren”21.

Obwohl die­se “hege­mo­nia­len Appa­ra­te” weit davon ent­fernt sind, in sich einer “mate­ri­el­len Ver­dich­tung der Kräf­te­ver­hält­nis­se” aus­zu­drü­cken, haben sie einen rela­ti­ven Wert, sogar in der Ver­tei­di­gung, je nach­dem ob sie unter der Kon­trol­le der pro­le­ta­ri­schen Bewe­gung oder der gewerk­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Büro­kra­tie sind. Sie kön­nen Mit­tel sein, die dem Pro­le­ta­ri­at nüt­zen, um sich der Bour­geoi­sie ent­ge­gen­zu­stel­len, oder im Gegen­teil Mit­tel, die der Bour­geoi­sie und dem Staat nüt­zen, um die Arbeiter*innenbewegung zu kon­trol­lie­ren. Des­we­gen ist der Kampf gegen die Büro­kra­tie nicht nur ein Pro­blem für “nach der Macht­über­nah­me” oder nur für die Offen­si­ve. Im Gegen­teil han­delt es sich not­wen­di­ger­wei­se um einen per­ma­nen­ten und täg­li­chen Kampf, der untrenn­bar ist von der Ver­fasst­heit der Arbeiter*innenklasse als poli­ti­sches Sub­jekt und ihrem Kampf um Hege­mo­nie. Wie wir sehen wer­den, ist die Tak­tik der Ein­heits­front direkt mit die­sem tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Pro­blem ver­bun­den.

Wir wer­den spä­ter zu Tho­mas‘ Inter­pre­ta­ti­on von Gram­sci zurück­kom­men, die sich fast aus­schließ­lich auf die Gefäng­nis­hef­te bezieht; zunächst inter­es­siert uns die Fra­ge: Gab es in der Poli­tik des rei­fen Gram­sci vor sei­ner Ver­haf­tung zwei­deu­ti­ge Ele­men­te, die Raum für sol­che Inter­pre­ta­tio­nen las­sen?

Einheitsfront: Verteidigung und Akkumulation von Kräften für die Offensive

Unse­re bis­he­ri­gen The­sen zusam­men­fas­send, kön­nen wir sagen, dass die Ver­tei­di­gung als nega­ti­ves Ziel das „Abweh­ren von Schlä­gen“, das „Bewah­ren“ hat. Das posi­ti­ve Ziel wird durch die Samm­lung der Kräf­te gege­ben, um in die Offen­si­ve zu gehen. Nun, ein defen­si­ves Sche­ma der Ver­tei­di­gung, das sich auf die o.g. „gra­du­el­len“ bzw. „evo­lu­ti­ven“ Ele­men­te beschränkt, unter­schei­det sich in der Pra­xis nicht im Gerings­ten von dem, was Clau­se­witz als eine Absur­di­tät aus stra­te­gi­scher Per­spek­ti­ve bezeich­ne­te: die „pas­si­ve Ver­tei­di­gung“. Daher sind die bes­ten Ver­tei­di­gungs­for­men die­je­ni­gen, die von zahl­rei­chen offen­si­ven Mit­teln Gebrauch machen. Des­halb ist es erneut not­wen­dig, das posi­ti­ve Ziel der Ver­tei­di­gung in den Vor­der­grund zu brin­gen: das Sam­meln von Kräf­ten, um in die Offen­si­ve zu gehen. Aus stra­te­gi­scher Per­spek­ti­ve schei­tert ohne die­ses Ele­ment jede Ver­tei­di­gung, unab­hän­gig von der Anzahl offen­si­ver Mit­tel, die sie arti­ku­lie­ren will, da es den Kern der Sache ver­fehlt: die Vor­be­rei­tung des Gegen­an­griffs.

Zuvor haben wir die Arti­ku­la­ti­on zwi­schen dem radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramm und der Ein­heits­front ange­spro­chen, und wie das Ers­te­re die Zwei­te zu dyna­mi­sie­ren ver­sucht. Wir sahen auch, wie die Ent­wick­lung der Ein­heits­front die Grund­la­ge für die Bil­dung von räte­ähn­li­che Orga­nen dar­stellt, wel­che Orga­ne für den Über­gang zur Offen­si­ve sind, um dar­auf­hin Gerüst der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats zu wer­den. Jedoch haben wir auch auf das stra­te­gi­sche Ziel der Ein­heits­front­tak­tik hin­ge­wie­sen: die Mehr­heit für die Revo­lu­ti­on zu gewin­nen, oder in ande­ren Wor­ten, dass die revo­lu­tio­nä­re Par­tei die Mehr­heit der Arbeiter*innenklasse für sich gewinnt, damit genau die Dyna­mik „auf dem Papier“ der „Ein­heits­front-Räte-Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ in der Tat mög­lich wird. Somit stellt sich die Fra­ge, wie sich in der Defen­si­ve die­se pro­gres­si­ve Dyna­mik zwi­schen der Bil­dung einer Ein­heits­front der Klas­se gegen die Bour­geoi­sie und der Stär­kung des revo­lu­tio­nä­ren Ein­flus­ses für die Offen­si­ve aus­drückt.

Sowohl für Trotz­ki als auch für Gram­sci ging die Not­wen­dig­keit, die radi­kal-demo­kra­ti­schen Losun­gen auf­zu­wer­fen, Hand in Hand –sie war untrenn­bar ver­bun­den– mit dem Kampf gegen die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie und dem Par­la­men­ta­ris­mus, wesent­li­che Mit­tel gegen die Per­spek­ti­ve der Arbeiter*innenmacht. „Die herr­schen­den Klas­sen – sag­te Gram­sci bezüg­lich Ita­li­ens- imple­men­tie­ren einen gro­ßen Plan der Kor­rup­ti­on und des inter­nen Zer­set­zung der Arbei­ter­be­we­gung. Dabei nut­zen sie gegen­über den oppor­tu­nis­ti­schen Füh­rern die Mög­lich­keit als Köder, dass die Arbei­ter­aris­to­kra­tie mit der Regie­rung zusam­men­ar­bei­tet, um eine „refor­mis­ti­sche“ Lösung des Pro­blem des Staa­tes zu fin­den (lin­ke Regie­rung)“ 22.

Um die­sen Punkt im Ver­gleich zwi­schen Trotz­ki und Gram­sci anzu­ge­hen, sind beson­ders ihre jewei­li­gen Ein­schät­zun­gen des­sen rele­vant, was einer der wich­tigs­ten Schau­plät­ze des Klas­sen­kamp­fes im „Wes­ten“ in den 20er Jah­ren nach der Deut­schen Revo­lu­ti­on von 192323 war: der Gene­ral­streik und der Bergarbeiter*innenstreik in Groß­bri­tan­ni­en im Jahr 1926. Sei­ne Rele­vanz erklärt sich sowohl anhand der Bedeu­tung des Pro­zes­ses selbst, als auch weil er jenen „refor­mis­ti­schen Lösungs­ver­such“ zum Aus­druck brach­te, im Rah­men einer der gro­ßen impe­ria­lis­ti­schen Demo­kra­tien, nicht in der „west­li­chen Peri­phe­rie“ (Ita­li­en).

Ab 1924 ent­wi­ckel­te sich inner­halb der bri­ti­schen Gewerk­schaf­ten eine Bewe­gung („Bewe­gung der Min­der­heit“), die grö­ße­re Här­te gegen die Bos­se for­der­te, und zu der auch Kommunist*innen in einer Ein­heits­front mit dem „lin­ken“ Flü­gel der Labour­par­tei24 gehör­ten. Letz­te­rer wur­de von A. A. Pur­cell ange­führt, der 1924 den Vor­sitz der TUC (Tra­de Uni­on Con­gress)25 erlang­te. Vor die­sem Hin­ter­grund26 ent­stand das „Anglo-rus­si­sche Gewerk­schafts­ko­mi­tee“, als Koor­di­nie­rungs­stel­le zwi­schen den sowje­ti­schen und den bri­ti­schen Gewerk­schaf­ten mit dem Vor­schlag der gegen­sei­ti­gen Soli­da­ri­tät und dem erklär­ten Ziel, die inter­na­tio­na­le gewerk­schaf­lti­che Ein­heit zu schmie­den.

Im Jahr 1926 orga­ni­sier­te die bri­ti­sche Arbeiter*innenbewegung die größ­te Mas­sen­ak­ti­on ihrer Geschich­te seit dem Char­tis­mus. In die­sem Jahr brach der Streik der Bergarbeiter*innenstreik, dem Herz der bri­ti­schen Arbeiter*innenklasse, gegen die Absicht der För­der­fir­ma los, die Arbeits­zei­ten zu ver­län­gern und die Löh­ne zu sen­ken. Im Mai beschloss die Kon­fe­renz der Gewerk­schafts­ver­bän­de, einen Gene­ral­streik zur Unter­stüt­zung der Bergarbeiter*innen aus­zu­ru­fen. Nach neun Tagen Gene­ral­streik beschloss die Füh­rung der Tra­de Uni­ons unter Druck der kon­ser­va­ti­ven Regie­rung, den Soli­da­ri­täts­streik zu been­den. Die Berg­leu­te streik­ten das gan­ze Jahr über wei­ter. Im Novem­ber jedoch, vom Rest der Arbeiter*innenbewegung iso­liert, wur­de der Streik im nie­der­ge­schla­gen, mit einer nach­fol­gen­den Wel­le von Ent­las­sun­gen, Lohn­sen­kun­gen, Ver­län­ge­rung der Arbeits­zei­ten, und einem gesetz­li­chen Ver­bot von Soli­da­ri­täts­streiks und Streik­pos­ten.

Das anglo-rus­si­sche Komi­tee, das bis zum Gene­ral­streik eine pro­gres­si­ve Rol­le gespielt hat­te, was den Vor­marsch der bri­ti­schen Kommunist*innen erlaubt hat­te, wur­de auf­recht­erhal­ten, auch nach­dem die Büro­kra­tie ihren Ver­rat bewerk­stel­ligt und den Gene­ral­streik abge­bla­sen hat­te. Gram­sci und Trotz­ki zogen bei­na­he umge­kehr­te Schluss­fol­ge­run­gen dar­aus.

Von dem Moment an, als die Füh­rung der Tra­de Uni­ons den Bergarbeiter*innenstreik ver­ra­ten hat­te, indem sie den Gene­ral­streik been­de­te, hät­te laut Trotz­ki das anglo-rus­si­sche Komi­tee sofort auf­ge­löst wer­den müs­sen. Indem die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le dies nicht tat, fing sie an, eine reak­tio­nä­re Rol­le zu spie­len. Sie deck­te den Ver­rat der „lin­ken“ Büro­kra­tie mit der Legi­ti­mi­tät der Kommunist*innen und liqui­dier­te somit den mög­li­chen Auf­stieg der bri­ti­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.

Gram­sci sei­ner­seits ziel­te in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Im spä­ten August des Jah­res 1926, nach­dem der Bergarbeiter*innenstreik bereits Mona­te andau­er­te und der Ver­rat des TUC bereits voll­zo­gen war, plä­dier­te für die Not­wen­dig­keit, das anglo-rus­si­sche Komi­tee wei­ter­hin zu unter­stüt­zen: „Ich den­ke, dass trotz der Unent­schlos­sen­heit, Schwä­che und wenn man es so will, des Ver­rats der eng­li­schen Lin­ken wäh­rend des Gene­ral­streiks, das eng­lisch-rus­si­sche Komi­tee bei­be­hal­ten wer­den soll­te, denn es ist der geeig­negs­te Boden, nicht nur die eng­li­sche Gewerk­schafts­welt, son­dern auch die Gewerk­schaf­ten in Ams­ter­dam27 zu revo­lu­tio­nie­ren. In einem ein­zi­gen Fall soll­te es zu einem Bruch zwi­schen den Kommunist*innen und der eng­li­schen Lin­ken kom­men: Wenn Eng­land an der Schwel­le der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on sich befän­de, mit unse­rer Par­tei stark genug, um allein den Auf­stand anzu­füh­ren“28.

Auf die­se Wei­se scheint Gram­sci die Ein­heits­front-Tak­tik, nicht als Tak­tik, son­dern als Stra­te­gie oder als per­ma­nen­te Tak­tik bis zur „Schwel­le der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on“ anzu­se­hen.

Wäh­rend jedoch Gram­sci an der Kon­ti­nui­tät des anglo-rus­si­schen Komi­tees nach dem Ver­rat des Streiks fest­hält, prä­sen­tiert er als Schlüs­sel­punkt die Not­wen­dig­keit, dass der bri­ti­sche Kom­mu­nis­mus „ein Pro­gramm der demo­kra­ti­schen Neu­ord­nung der Tra­de Uni­ons“ erhebt. Eine Reor­ga­ni­sa­ti­on der Gewerk­schaf­ten, die „unter der Füh­rung unse­rer Par­tei, den Sinn und die Bedeu­tung einer ech­ten Keim­zel­le sowje­ti­schen Typs, hät­te“29.

Trotz­ki zog die­se Mög­lich­keit eben­falls in Betracht. Im hypo­the­ti­schen Fall einer im Par­la­ment gebil­de­ten „Arbeiter*innenregierung“, wies er dar­auf hin, dass die­se „Die auf par­la­men­ta­ri­schem Wege gebil­de­te Arbei­ter­re­gie­rung wäre gezwun­gen, neue revo­lu­tio­nä­re Orga­ne auf­zu­bau­en, sich auf die Gewerk­schaf­ten und Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen über­haupt zu stüt­zen. Ein sol­ches Vor­ge­hen hät­te zu einer unge­wöhn­li­chen Stei­ge­rung der Akti­vi­tät und des Unab­hän­gig­keits­be­wusst­seins der Arbei­ter­mas­sen geführt. Auf dem Boden des unmit­tel­ba­ren Kamp­fes mit den aus­beu­ten­den Klas­sen hät­ten sich die Tra­de Uni­ons nicht nur in ihren Spit­zen, son­dern auch in ihren unters­ten Schich­ten eng zusam­men­ge­schlos­sen, und sie wären not­wen­dig in die Lage ver­setzt, ört­li­che Dele­gier­ten­ver­samm­lun­gen, d. h. Arbei­ter­rä­te, zu bil­den30. Wie wir sehen, lag der Unter­schied zwi­schen bei­den Revo­lu­tio­nä­ren nicht in der Per­spek­ti­ve über die Mög­lich­keit, dass in Zukunft „Räte“ ent­ste­hen könn­ten, indem die Gewerk­schaf­ten in Groß­bri­tan­ni­en revo­lu­tio­niert wer­den31.

Im Gegen­zug gab es wich­ti­ge Berüh­rungs­punk­te in Bezug auf die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Rol­le der Büro­kra­tie. Auf die­se Fra­ge geht Gram­sci nicht nur in sei­nen poli­ti­schen Schrif­ten, son­dern auch in den Gefäng­nis­hef­ten ein, wo er bezüg­lich des „Cäsa­ris­mus“ sagt, dass er nicht danach stre­ben kann, alle Klas­sen zu ver­tre­ten. Jedoch kön­ne er mit­tels ver­schie­de­ner Ver­mitt­lungs­in­stan­zen (Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten) Herr­schafts­for­men fin­den, nicht nur durch das Heer. „Die moder­ne poli­ti­sche Tech­nik hat sich nach (18)48 voll­stän­dig geän­dert, nach der Aus­brei­tung des Par­la­men­ta­ris­mus, des Regimes der Gewerk­schafts- und Par­tei­ver­ei­ni­gun­gen. Der Her­aus­bil­dung umfas­sen­der staat­li­cher und «pri­va­ter» (pri­vat-poli­ti­scher, Par­tei- und Gewerk­schafts-) Büro­kra­tien und den Ver­än­de­run­gen in der Orga­ni­sa­ti­on der Poli­zei im wei­ten Sinn, das heisst nicht nur des für die Unter­drü­ckung der Kri­mi­na­li­tät bestimm­ten staat­li­chen Diens­tes, son­dern der Gesamt­heit der vom Staat und den Pri­vat­leu­ten orga­ni­sier­ten Kräf­te für den Schutz der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Herr­schaft der füh­ren­den Klass­sen. In die­sem Sinn müs­sen gan­ze «poli­ti­sche» Par­tei­en und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen wirt­schaft­li­cher oder ande­rer Art als Orga­nis­men poli­ti­scher Poli­zei mit Unter­su­chungs- und Vor­beu­gungs­cha­rak­ter ange­se­hen wer­den.“32

Doch wäh­rend Gram­sci die Rol­le der Arbeiter*innenbürokratien in ihrer Cha­rak­te­ri­sie­rung ent­wi­ckel­te, fin­den wir in den Aus­ar­bei­tun­gen von Trotz­ki auch eine kla­re Stra­te­gie (und Tak­tik), um sie zu bekämp­fen.

Bürgerliche Demokratie und Arbeiter*innenbewegung: „materielle Kraft“ und „moralische Kraft“

Für Gram­sci bestan­den die Bedin­gun­gen, um die Gewerk­schaf­ten mit einer Räte­per­spek­ti­ve zu revo­lu­tio­nie­ren, aus: „1) die eng­li­schen Arbei­ter vom Ein­fluss der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie zu lösen; 2) den in der Labour Par­ty von der Par­tei MacDonald’s33 (ILP) aus­ge­üb­ten Ein­fluss zu ver­rin­gern, die heu­te eben als loka­le Zen­tra­li­sie­rungs­kraft bei der gewerk­schaft­li­chen Zer­mah­lung fun­giert; 3) ein Umfeld zu schaf­fen, das es den orga­ni­sier­ten Ele­men­ten unse­rer Par­tei ermög­licht, Ein­fluss auf die eng­li­schen Arbei­ter­mas­sen zu neh­men“34.

Das heißt, für Gram­sci ging es auf der einen Sei­te dar­um, für die Demo­kra­ti­sie­rung der Gewerk­schaf­ten sowie für den Aus­bau des Ein­flus­ses der Kommunist*innen in Groß­bri­tan­ni­en zu kämp­fen. Aber auf der ande­ren Sei­te war die Bedin­gung dafür, wie wir bereits fest­stell­ten, die Auf­recht­erhal­tung einer Art per­ma­nen­ten Ein­heits­front bis zum Über­gang in die Offen­si­ve. Dies bestand dar­in, das anglo-rus­si­sche Komi­tee auf­recht­zu­er­hal­ten, um die Ein­heits­front zwi­schen Kommunist*innen mit den „lin­ken“ Sek­to­ren des Labou­ris­mus trotz des Ver­rats des Streiks von 1926 auf­recht­zu­er­hal­ten.

Für Trotz­ki waren die­se bei­den Aspek­te, die Gram­sci unter der glei­chen Poli­tik sub­su­mie­ren woll­te, wider­sprüch­lich. Es war nicht mög­lich, eine dau­er­haf­te Ein­heits­front auf­recht­zu­er­hal­ten, noch weni­ger außer­halb der wich­tigs­ten Ereig­nis­se des Klas­sen­kamp­fes. Der Bruch des anglo-rus­si­schen Komi­tees und der Kampf gegen die ver­rä­te­ri­sche Büro­kra­tie war die uner­läss­li­che Bedin­gung für die Aus­deh­nung des Ein­flus­ses der Kommunist*innen, um sich mit den Sek­to­ren der Arbeiter*innenbewegung zu ver­ei­ni­gen, die den Streik in Soli­da­ri­tät mit den Berg­leu­ten wei­ter füh­ren woll­ten. Dar­in bestand der wah­re Kern der Ein­heits­front­tak­tik. Nur auf die­ser Grund­la­ge könn­te die Demo­kra­ti­sie­rung der Gewerk­schaf­ten ent­wi­ckelt und „sowje­ti­sche“ Ten­den­zen belebt wer­den. In die­sem Zusam­men­hang konn­te der Bruch der „Bewe­gung der Min­der­heit“ mit der lin­ken Büro­kra­tie der Labour­par­tei nur die Ver­ant­wor­tung von Pur­cell und Co. sein35.

Es han­delt sich um zwei Ansät­ze, die Gemein­sam­kei­ten haben und doch stra­te­gisch ent­ge­gen­ge­setzt sind. Gram­sci scheint auf zwei par­al­lel lau­fen­den Schie­ne zu fah­ren: auf der einen geht es um das Ergeb­nis des Gene­ral­streiks; auf der ande­ren, um den Fort­schritt in der Ent­wick­lung der Arbeiter*innenorganisation und sogar um die Mög­lich­keit von Räte­ten­den­zen (Dop­pel­macht). Dies geschieht in dem Kon­text, als die Haupt­auf­ga­be, die die Labour-Füh­rung sich wäh­rend des Streiks gege­ben hat­te, dar­in bestand, den poli­ti­schen Cha­rak­ter des Streiks zu leug­nen und ihn als eine rei­ne gewerk­schaft­li­che Ange­le­gen­heit dar­zu­stel­len. Die Reor­ga­ni­sie­rung der Arbeiter*innenbewegung und der Kampf gegen den bür­ger­li­chen Staat schei­nen in sei­nem stra­te­gi­schen Den­ken auf par­al­le­len Schie­nen zu ver­lau­fen, ähn­lich wie im Fal­le der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung und den Räten, wie wir im Fal­le Ita­li­ens bereits gese­hen haben.

Dem­ge­gen­über argu­men­tier­te Trotz­ki: „Am Bei­spiel Eng­lands sieht man sehr klar, wie absurd es ist, Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on und Staat als zwei ver­schie­de­ne Prin­zi­pi­en abzu­leh­nen“36. Wei­ter: „Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie ist das Haupt­in­stru­ment für eure Unter­drü­ckung durch den bür­ger­li­chen Staat“37, und er füg­te hin­zu:

Gäbe es kei­ne Büro­kra­tie in den Gewerk­schaf­ten, dann wür­den die Poli­zei, die Armee, die Gerich­te, die Lords, die Mon­ar­chie den pro­le­ta­ri­schen Mas­sen als bemit­lei­dens­wer­te und lächer­li­che Spiel­zeu­ge erschei­nen. Die Büro­kra­tie der Gewerk­schaf­ten ist das Rück­grat des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus38.

In der Tat wur­de der Ver­rat des Labou­ris­mus, der die Nie­der­la­ge der Arbeiter*innenbewegung mit sich brach­te, mit der Über­nah­me der Regie­rung zwei Jah­re spä­ter „belohnt“, als er mit der Ret­tung der Bour­geoi­sie ange­sichts der Kri­se von ’29 beauf­tragt wur­de. Die Schluss­fol­ge­rung ist, dass die Unter­stüt­zung des anglo-rus­si­schen Komi­tees nach dem Ver­rat von Labour den Ver­such der „refor­mis­ti­schen Lösung des Pro­blems des Staa­tes (lin­ke Regie­rung)“39 ver­wirk­lich­te, vor dem Gram­sci selbst gewarnt hat­te.

Die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie spie­len eine ähn­li­che Rol­le für die Bour­geoi­sie wie die Clau­se­witz­sche „mora­li­sche Kraft“. Der preu­ßi­sche Gene­ral misst die­ser Kraft höchs­te Bedeu­tung zu. Im Ver­gleich zur „phy­si­schen Kraft“ sagt er: „das Phy­si­sche erscheint fast nur wie das höl­zer­ne Heft, wäh­rend die mora­li­schen das edle Metall, die eigent­li­che, blank geschlif­fe­ne Waf­fe sind“40. Doch im Kampf, wenn es zum Kräf­te­mes­sen kommt, gibt es kei­ne zwei „Ele­men­te“, die in der Rea­li­tät getrennt wer­den kön­nen, denn es han­delt sich um „ein Abmes­sen der geis­ti­gen und kör­per­li­chen Kräf­te ver­mit­telst der letz­te­ren,“41, das heißt, durch die mate­ri­el­len Kräf­te. Daher die Wich­tig­keit der Büro­kra­tie im Inne­ren der Arbeiter*innenbewegung als „mate­ri­el­le Kraft“, die die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie im „Wes­ten“ ver­kör­pert.

Für Trotz­ki hat­te die Arbeiter*innenbewegung kei­ne Mög­lich­keit, irgend­ei­nen ernst­haf­ten Kampf, auch demo­kra­ti­scher Natur, wie etwa den Kampf gegen die Mon­ar­chie, zu füh­ren, ohne sich der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie ent­ge­gen­zu­stel­len. Noch weni­ger sei es mög­lich, den Ein­fluss der Kommunist*innen los­ge­löst von die­sem Kampf zu erwei­tern, wie es Gram­sci pos­tu­lier­te. Das Bei­spiel Groß­bri­tan­ni­en bestä­tigt dies: Nach­dem die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ihren Ein­fluss erheb­lich aus­ge­dehnt hat­te, büß­te sie ihn ein und führ­te ihr Rand­da­sein fort.

Kom­men wir zurück zu unse­rer Aus­gangs­fra­ge: Wie drückt sich also in der Defen­si­ve eine pro­gres­si­ve Dyna­mik zwi­schen der Grün­dung einer Ein­heits­front der Klas­se gegen die Bour­geoi­sie und der Stär­kung des Ein­flus­ses der Revolutionär*innen aus, um in die Offen­si­ve zu gehen?

Trotz­ki beant­wor­tet dies im Fal­le Groß­bri­tan­ni­ens damit, dass der lin­ke Flü­gel von Labour („zen­tris­tisch“), „den Ver­such der Wie­der­ge­burt des Zen­tris­mus inner­halb der sozi­al­im­pe­ria­lis­ti­schen Par­tei Mac­Do­nalds“ bedeu­te­te. „Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei kann umge­kehrt nur dann an die Spit­ze der Arbei­ter­klas­se gelan­gen, wenn die Arbei­ter­klas­se in unüber­brück­ba­ren Gegen­satz zur kon­ser­va­ti­ven Büro­kra­tie in den Tra­de Uni­ons und der Arbei­ter­par­tei gelangt. Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei kann sich auf die Füh­rung der Arbei­ter­klas­se nur durch die erbar­mungs­lo­se Kri­tik der gesam­ten Lei­ter der eng­li­schen Arbei­ter­be­we­gung, nur durch täg­li­che Ent­hül­lung ihrer kon­ser­va­ti­ven, anti­pro­le­ta­ri­schen, impe­ria­lis­ti­schen, mon­ar­chis­ti­schen Lakai­en­rol­le auf allen Gebie­ten des öffent­li­chen Lebens und der Klas­sen­be­we­gung vor­be­rei­ten“42.

Verbündete: bürgerliche Hegemonie und proletarische Hegemonie

Bis­her haben wir die ver­schie­de­nen Aspek­te gese­hen, die der Ver­tei­di­gung zu Eigen sind, und die weit über ein ein­fa­ches nega­ti­ves Ziel, etwa den „Schlag abzu­weh­ren“, hin­aus­ge­hen. Um die wesent­li­chen Ele­men­te des Kon­zepts zu ver­voll­stän­di­gen, bleibt uns noch, einen der Schlüs­sel­aspek­te zu beto­nen: der Gegen­an­griff. Clau­se­witz schrieb: „Die­ser Über­gang zum Rück­stoß [muß] als eine Ten­denz der Ver­tei­di­gung, also als ein wesent­li­cher Bestand­teil der­sel­ben gedacht wer­den“43. Und er füg­te hin­zu: „Ein schnel­ler, kräf­ti­ger Über­gang zum Angriff – das blit­zen­de Ver­gel­tungs­schwert – ist der glän­zends­te Punkt der Ver­tei­di­gung“44.

Aus der Sicht der Bedin­gun­gen für den Gegen­an­griff, haben wir bereits den Punkt über die Ent­wick­lung der not­wen­di­gen Mit­tel behan­delt. Auf der einen, wich­tigs­ten Sei­te die Auf­stel­lung der revo­lu­tio­nä­ren Kraft der Arbeiter*innenklasse, von der defen­si­ven Ein­heits­front bis zur offen­si­ven Ein­heits­front der Räte, ange­führt von einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei. Auf der ande­ren Sei­te erwähn­ten wir die „Fes­tun­gen“, die „Boll­wer­ke der Arbeiter*innendemokratie im bür­ger­li­chen Staat“, wie Trotz­ki sagen wür­de, oder „Schüt­zen­grä­ben“ oder „Kase­mat­ten“, um es mit Gram­sci zu sagen, die wir bereits ein­ge­hen­der bezüg­lich der Offen­si­ve in einem wei­te­ren Arti­kel behan­del­ten45.

Es bleibt ein drit­tes Schlüs­sel­ele­ment zu behan­deln: die Ver­bün­de­ten. Für Clau­se­witz besteht die­ses drit­te „Angriffs­mit­tel“ im „Bei­stand des Vol­kes“. So schreibt er: „Der Bei­stand des Vol­kes läßt sich mit dem Angriff in sol­chen Fäl­len ver­bun­den den­ken, wo die Ein­woh­ner dem Angrei­fen­den mehr zuge­tan sind als ihrem eige­nen Hee­re”46. Die­sem Ele­ment Rech­nung tra­gend, wur­de ursprüng­lich im rus­si­schen Mar­xis­mus Ende des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts das Kon­zept der gege­monya ent­wi­ckelt, das (ent­spre­chend der Inter­pre­ta­tio­nen mit vie­len Nuan­cen) die Not­wen­dig­keit für die revo­lu­tio­nä­re Arbeiter*innenklasse aus­drück­te, die Füh­rung über ein Bünd­nis mit der armen Bau­ern­schaft zu erobern47.

Per­ry Ander­son weist dar­auf hin, dass es ein sehr pro­duk­ti­ver und ent­schei­den­der Schritt von Gram­sci war, den Begriff der Hege­mo­nie von die­ser ursprüng­li­chen Ver­wen­dung „auf die Mecha­nis­men der bür­ger­li­chen Herr­schaft über die Arbei­ter­klas­se in der sta­bi­li­sier­ten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft“ (bür­ger­li­che Hege­mo­nie) aus­zu­wei­ten. Jedoch ergänzt er: „Der Über­gang von der einen zur ande­ren Ver­wen­dung des Begriffs wur­de durch ein Ensem­ble kate­go­ria­ler Maxi­men ver­mit­telt, die im Prin­zip auf bei­de anwend­bar waren. Das Ergeb­nis bestand in einer schein­bar form­la­en Abfol­ge von Aus­sa­gen über das Wesen der Macht in der Geschich­te“48.

Die phi­lo­lo­gi­schen Grund­la­gen in Gram­scis Werk über die­se Aus­sa­ge wur­den von den spä­te­ren Stu­di­en über die Gefäng­nis­hef­te breit kri­ti­siert49. Für die Zwe­cke die­ses Arti­kels wer­den wir uns auf die Kri­tik kon­zen­trie­ren, die Peter Tho­mas an Ander­son macht, allen vor­an beim vor­ge­schla­ge­nen Lösungs­an­satz. Tho­mas kri­ti­siert scharf die Argu­men­ta­ti­on von Ander­son: „wir kön­nen beob­ach­ten, dass der „Aus­gangs­punkt“ von Gram­sci –behaup­tet Tho­mas- aus­drück­lich nicht die vor­re­vo­lu­tio­nä­re For­mu­lie­rung des Begriffs der Hege­mo­nie war […]. Eines der gro­ßen Ver­diens­te des Buches „Anto­nio Gram­sci: Eine kri­ti­sche Wür­di­gung“ bestand dar­in, dass es die Sor­ge um Gram­scis Theo­rie der Hege­mo­nie auf die Wur­zel der bol­sche­wis­ti­schen Erfah­rung […] lenk­te. Ander­son ver­stand jedoch die „dif­fe­ren­tia­le Zeit­lich­keit“ des wah­ren his­to­ri­schen Bezug von Gram­sci falsch“50.

Für Tho­mas ist die wah­re Refe­renz die NEP (Neue Öko­no­mi­sche Poli­tik)51, die die Bol­sche­wi­ki an der Macht imple­men­tier­ten, um die tie­fe sozia­le und wirt­schaft­li­che Kri­se zu bewäl­ti­gen, die Russ­land nach dem Bür­ger­krieg heim­ge­sucht hat­te. Sie bestand aus der par­ti­el­len Wie­der­her­stel­lung der Han­dels­frei­heit und der Geld­wirt­schaft, womit ein Markt geschaf­fen wer­den soll­te, um die Pro­duk­ti­on in der Land­wirt­schaft und der Indus­trie anzu­kur­beln. Laut Tho­mas erstreckt Gram­sci den Begriff der „Hege­mo­nie“ auch auf den bür­ger­li­chen Staat, als er die Rol­le der Hege­mo­nie (oder deren Feh­len) inner­halb des Arbeiter*innenstaates beob­ach­tet.

Am Ende des Arti­kels wer­den wir auf die­se Inter­pre­ta­ti­on von Tho­mas über das Kon­zept der „Hege­mo­nie“, die sich in der NEP aus­drückt, und ihre Kon­se­quen­zen und Pro­ble­me zurück­kom­men. Hier wol­len wir her­vor­he­ben, dass, obwohl die Refe­renz für Gram­sci tat­säch­lich die NEP ist, Tho­mas es nicht schafft, das Pro­blem zu lösen, auf das Ander­son gegen­über den ver­schie­dens­ten Interpret*innen der Gefäng­nis­hef­te auf­merk­sam mach­te, näm­lich, dass das Kon­zept der Hege­mo­nie bei sei­ner Ver­all­ge­mei­ne­rung eine grund­le­gen­de Eigen­schaft ver­lie­ren kann, die es in sei­ner vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Bedeu­tung hat­te: dass die Revo­lu­ti­on ihr zu erfül­len­des Ziel war, und nicht ihre Bedin­gung, wie im Fal­le der NEP, nach der Macht­über­nah­me.

Wahr ist, dass für Gram­sci, wie die Gefäng­nis­hef­te (zum Bei­spiel, sei­ne Ana­ly­sen des „drit­ten Momen­tes“ des mili­tä­ri­schen Kräf­te­ver­hält­nis­ses52) und der Bericht von Athos Lisa über sei­ne Beden­ken über die mili­tä­ri­schen Aspek­te des Auf­stan­des wäh­rend sei­ner Haft53 zei­gen, die Mög­lich­keit der „Neu­tra­li­sie­rung“ des bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­ra­tes ohne Revo­lu­ti­on, wel­che Tho­mas sug­ge­riert, ein­deu­tig kein Teil sei­ner Per­spek­ti­ve war54.

Sehen wir nun, wie Trotz­ki die Pro­ble­ma­tik der Arti­ku­la­ti­on zwi­schen Hege­mo­nie (jedoch bei­nah ohne den Begriff zu ver­wen­den) und Revo­lu­ti­on in ihrem stra­te­gi­schen Aspekt (Über­gang zum Gegen­an­griff, revo­lu­tio­nä­re Offen­si­ve) ent­wi­ckelt.

Bürgerliche Demokratie und Verbündete des Proletariats: „materielle Kraft“ und „moralische Kraft“

Wie wir bereits im Lau­fe die­sem Arti­kel gese­hen haben, misst Trotz­ki dem radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramm und den demo­kra­ti­schen Losun­gen gro­ße Bedeu­tung zu. Im All­ge­mei­nen ver­stand er sie als Instru­ment zur Unter­gra­bung der bür­ger­li­chen Hege­mo­nie und der Erobe­rung der Hege­mo­nie des Pro­le­ta­ri­ats. Gleich­zei­tig bekämpf­te er die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie.

Obwohl, wie bereits erwähnt, Ander­son nicht behaup­tet, dass Trotz­ki im all­ge­mei­nen die Hege­mo­nie der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats ent­ge­gen­setzt (wie von Tho­mas behaup­tet wird), äußert er in sei­nem Buch Über den west­li­chen Mar­xis­mus Kri­tik gegen­über Trotz­kis Posi­tio­nen wäh­rend der zwei­ten Hälf­te der 30er Jah­re. „Um die Beson­der­heit des faschis­ti­schen Staa­tes als des schlimms­ten Tod­fein­des der Arbei­ter­klas­se theo­re­tisch zu erfas­sen, muß­te Trotz­ki natür­lich Ele­men­te einer Gegen­theo­rie des bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Staa­tes lie­fern, um den Gegen­satz zwi­schen bei­den For­men klä­ren zu kön­nen. Daher ent­hal­ten sei­ne Schrif­ten auch mehr inhalt­li­che Aus­sa­gen über die bür­ger­li­che Demo­kra­tie als die sei­ner Vor­gän­ger. Den­noch hat Trotz­ki nie eine sys­te­ma­ti­sche Dar­stel­lung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie ent­wi­ckelt. Das Feh­len einer sol­chen Theo­rie scheint sich auf sei­ne poli­ti­schen Ein­schät­zun­gen nach dem Sieg des Nazis­mus bestim­mend aus­ge­wirkt zu haben.“55
Und ins­be­son­de­re bezeich­net Ander­son als Irr­tü­mer Trotz­kis theo­re­ti­scher Ent­wick­lung, dass „wäh­rend sei­ne Auf­sät­ze über Deutsch­land die zwin­gen­de Not­wen­dig­keit her­vor­he­ben, das Klein­bür­ger­tum für ein Bünd­nis mit der Arbei­ter­klas­se zu gewin­nen (er führt das Bei­spiel des Blocks gegen Kor­ni­low in Ruß­land an), taten die­se die tra­di­tio­nel­le Orga­ni­sa­ti­on des fran­zö­si­schen Klein­bür­ger­tums, die radi­ka­le Par­tei, als Par­tei des »demo­kra­ti­schen Impe­ria­lis­mus« ab, die prin­zi­pi­ell von jedem anti­fa­schis­ti­schen Bünd­nis aus­zu­schlie­ßen“ sei.

Eigent­lich kri­ti­siert Ander­son Trotz­kis Wei­ge­rung, die „Mit­tel­schich­ten“ mit ihren tra­di­tio­nel­len Reprä­sen­ta­tio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren. Ander­son will dies mit dem „Bei­spiel des Blocks gegen Kor­ni­low“ kon­tras­tie­ren. Jedoch ist gera­de die Poli­tik der Bol­sche­wi­ki in Russ­land ein posi­ti­ves Beweis des­sen, was die Volks­fron­ten in Frank­reich und dem Spa­ni­schen Staat als nega­ti­ven Beweis dar­stell­ten.

Im Fal­le der rus­si­schen Revo­lu­ti­on ging es dar­um, Kor­ni­low zu besie­gen, und dar­um, dass die Mas­sen ihre Erfah­run­gen mit Keren­ski voll­enden konn­ten. Wäh­rend der Bol­sche­wis­mus auf der mili­tä­ri­schen Sei­te der pro­vi­so­ri­schen Regie­rung stand, lag der Schlüs­sel dar­in, die­ser kei­ner­lei poli­ti­sche Unter­stüt­zung zu geben, und jene mili­tä­ri­sche „Zusam­men­kunft“ für die Bewaff­nung des Pro­le­ta­ri­ats aus­zu­nut­zen. Und so kam es, dass im Sep­tem­ber, als der Putsch besiegt wor­den war, die Bau­ern­par­tei (Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re) in der Per­son von Keren­ski, Repres­si­on gegen gewalt­sa­me Land­be­set­zun­gen ein­setz­te. Die Tat­sa­che, dass die Bau­ern­schaft offen ihre tra­di­tio­nel­le Füh­rung kon­fron­tier­te, war ein grund­le­gen­der Fak­tor, um die Rei­fe der sub­jek­ti­ven Bedin­gun­gen zu beur­tei­len, um in die Offen­si­ve für die Macht­er­grei­fung zu gehen.

Im Fal­le der Mit­tel­schich­ten, obgleich es Unter­schie­de zur Arbeiter*innenbewegung gibt, funk­tio­nie­ren die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie auch nicht im luft­lee­ren Raum. Sie äußert sich in Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en, in „mora­li­schen Kräf­ten“ in Wor­ten von Clau­se­witz, die zu „mate­ri­el­len Kräf­ten“ inner­halb der Klas­sen wer­den. Daher argu­men­tier­te Trotz­ki, im Gegen­satz zu Ander­son, dass die Alli­anz mit dem Klein­bür­ger­tum nicht ohne einen uner­bitt­li­chen Kampf gegen ihre tra­di­tio­nel­len Füh­run­gen gesche­hen konn­te.

Wie Trotz­ki über die fran­zö­si­schen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Anführer*innen schrieb, die zusam­men mit den Stalinist*innen die fran­zö­si­schen Volks­front gemein­sam mit der Radi­ka­len Par­tei (eine kolo­nia­lis­ti­sche Par­tei, tra­di­tio­nel­le Ver­mitt­lungs­in­stanz der Mit­tel­schich­ten) bil­de­ten: sie „[…] bil­den sich ernst­haft ein, ein Bünd­nis mit den Radi­ka­len sei ein Bünd­nis mit den „Mit­tel­klas­sen“ und somit eine Seh­r­an­ke gegen den Faschis­mus. Die­se Leu­te sehen nichts als die par­la­men­ta­ri­schen Schat­ten. Sie haben kei­ne Ahnung von der wirk­li­chen Ent­wick­lung der Mas­sen und jagen der über­leb­ten radi­ka­len Par­tei nach, die ihnen unter­des­sen die Rück­sei­te zuge­kehrt hat. Sie glau­ben, in der Epo­che einer gro­ßen sozia­len Kri­se kön­ne man das Bünd­nis mit den in Fluss gekom­me­nen Mas­sen durch einen Block mit der kom­pro­mit­tier­ten und dem Unter­gang geweih­ten par­la­men­ta­ri­schen Cli­que erset­zen. Das wirk­li­che Bünd­nis des Pro­le­ta­ri­ats mit den Mit­tel­klas­sen ist nicht eine Fra­ge der par­la­men­ta­ri­schen Sta­tik, son­dern der revo­lu­tio­nä­ren Dyna­mik. Dies Bünd­nis gilt es zu schaf­fen, im Kampf zu schmie­den56.

Wie kommt es zu die­ser revo­lu­tio­nä­ren Dyna­mik? Auch in Wohin geht Frank­reich? beschreibt Trotz­ki dies ein­ge­hend: „Die Faschis­ten zei­gen sich kühn, gehen auf die Stra­ße, grei­fen die Poli­zei an, ver­su­chen mit Gewalt das Par­la­ment aus­ein­an­der­zu­ja­gen. Das impo­niert dem in Ver­zweif­lung ver­fal­le­nen Klein­bür­ger. […].Par­la­men­ta­ri­sche Rou­ti­niers, die sich für Ken­ner des Vol­kes hal­ten, pfle­gen immer wie­der zu sagen „Man darf die Mit­tel­klas­sen nicht mit der Revo­lu­ti­on schre­cken, sie lie­ben das Extre­me nicht“. In solch all­ge­mei­ner Form ist die­se Behaup­tung voll­kom­men falsch. Natür­lich ist der Klein­ei­gen­tü­mer für die Ord­nung, solan­ge sei­ne Geschäf­te leid­lich gehen und solan­ge er hofft, dass sie mor­gen bes­ser gehen wer­den. Ist aber die­se Hoff­nung dahin, so gerät er leicht in Wut und ist bereit, auf die extrems­ten Maß­nah­men ein­zu­ge­hen. […].Damit das Klein­bür­ger­tum sich ihm anschlie­ße, muss das Pro­le­ta­ri­at sich sein Ver­trau­en erkämp­fen. Dazu aber muss es der eige­nen Kraft ver­trau­en. Erfor­der­lich ist ein kla­res Akti­ons­pro­gramm und die Bereit­schaft, mit allen ver­füg­ba­ren Mit­teln um die Macht zu kämp­fen. Fest ver­bun­den von der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei zum ent­schei­den­den und uner­bitt­li­chen Kamp­fe, spricht das Pro­le­ta­ri­at zum Bau­ern und zum klei­nen Mann der Stadt: „ich kämp­fe um die Macht; hier ist mein Pro­gramm; ich bin bereit, mich mit euch über Ände­run­gen an die­sem Pro­gramm zu ver­stän­di­gen; Gewalt wer­de nur gegen das Groß­ka­pi­tal und sei­ne Lakai­en anwen­den, mit euch aber, die ihr von der eige­nen Arbeit lebt, will ich ein Bünd­nis schlie­ßen auf Grund eines bestimm­ten Pro­gramms“57.

Für Trotz­ki ist die Fähig­keit des Pro­le­ta­ri­ats, eine Alli­anz mit Sek­to­ren der „Mit­tel­klas­sen“ anzu­füh­ren, kei­ne Fra­ge von Dekla­ra­tio­nen des „guten Wil­lens“ und des „Enthu­si­as­mus“, son­dern eine Fra­ge des Kräf­te­ver­hält­nis­ses, das nie außer­halb des Klas­sen­kamp­fes bestimmt wer­den kann. Wie Clau­se­witz fest­stell­te: „Fer­ner ist die Mit­wir­kung der Bun­des­ge­nos­sen­schaft nicht von dem Wil­len der Krieg­füh­ren­den abhän­gig, und es liegt in der Natur der Staa­ten­ver­hält­nis­se, daß sie häu­fig erst spä­ter ein­tritt oder sich ver­stärkt zur Her­stel­lung des ver­lo­re­nen Gleich­ge­wichts.“58.

Dies ist, was pas­siert, wenn eine tie­fe Kri­se aus­bricht. Daher hängt für Trotz­ki die Wahr­schein­lich­keit, ein Bünd­nis mit den ver­arm­ten Mit­tel­schich­ten ein­zu­ge­hen, sowohl von einem Pro­gramm ab, das alle ihre fort­schritt­li­chen his­to­ri­schen Bedürf­nis­se aus­drückt, als auch von der Unab­hän­gig­keit des Pro­le­ta­ri­ats gegen­über allen Klas­sen, um so Initia­ti­ve und Ent­schlos­sen­heit zu ent­fal­ten. Des­halb legt Trotz­ki beson­de­ren Nach­druck auf die Ent­wick­lung von Orga­nen der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und misst den Arbeiter*innenmilizen eine Schlüs­sel­rol­le zu. Ansons­ten wen­den sich die Mit­tel­schich­ten, wie es 1933 in Deutsch­land geschah, dem Faschis­mus zu. Zu einem gewis­sen Zeit­punkt ist es näm­lich das Ziel der Zwi­schen­klas­sen, „das ver­lo­re­ne Gleich­ge­wicht wie­der her­zu­stel­len.“ Soll­te das Pro­le­ta­ri­at Unent­schlos­sen­heit im Moment des Gegen­an­griffs zei­gen und kei­nen „schnel­len, kräf­ti­gen Über­gang zum Angriff“ voll­zie­hen, hat dies fata­le Aus­wir­kun­gen.

Stärke/​Kraft und Konsens

Wie wir sehen, hat die Erobe­rung der Hege­mo­nie des Pro­le­ta­ri­ats neben poli­tisch-ideo­lo­gi­schen und pro­gram­ma­ti­schen Ele­men­ten (sowohl die Losun­gen der radi­ka­len Demo­kra­tie, wie die­je­ni­gen demo­kra­ti­schen Losun­gen, die sich auf struk­tu­rel­le Pro­ble­me der Nati­on bezie­hen, wel­che Trotz­ki in der Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on und Gram­sci in sei­nen The­sen von Lyon her­vor­he­ben), für Trotz­ki auch einen stra­te­gi­schen Aspekt, und zwar einen ent­schei­den­den, der die Fra­ge der mate­ri­el­len Stär­ke und der revo­lu­tio­nä­ren Ent­schlos­sen­heit betrifft, die die Arbeiter*innenklasse gegen die Bour­geoi­sie zu zei­gen ver­mag.

In Zei­ten des Bru­ches des Gleich­ge­wich­tes (revo­lu­tio­nä­re Situa­tio­nen), in dem Maße, wie die Kapitalist*innen die Kor­re­la­ti­on zwi­schen Zwang und Kon­sens ihrer Herr­schaft ver­än­dern, muss die Arbeiter*innenklasse dies eben­falls tun. Es geht dar­um, „daß er [die Arbeiter*innen] den Geg­ner immer im Auge behal­ten, damit er nicht, wenn die­ser zum schar­fen Schwer­te greift, ihm mit einem Galan­te­rie­de­gen ent­ge­gen­tre­te“59, um es mit Clau­se­witz zu sagen.

An die­ser Stel­le gilt zunächst zu klä­ren, wie die genaue und dyna­mi­sche Bezie­hung zwi­schen Kon­sens und Zwang in den bür­ger­li­chen Macht­struk­tu­ren in den zu ana­ly­sie­ren­den „west­li­chen“ Sze­na­ri­en ver­fas­sen ist. Der refor­mis­ti­sche Ansatz und die gän­gi­ge Vor­stel­lung, die die Bour­geoi­sie zu ver­mit­teln ver­sucht, ist, dass Herr­schaft in die­ser Art von Staat haupt­säch­lich ein­ver­nehm­li­che For­men annimmt, im Wesent­li­chen durch ver­schie­de­ne Arten von kul­tu­rel­len Mecha­nis­men. Heu­ti­ge gibt es meh­re­re belieb­te Ansät­ze die­ser Art, man­che rela­tiv hoch ent­wi­ckelt wie die von Ernes­to Laclau und Chan­tal Mouf­fe, wel­che auf der Grund­la­ge der „Dekon­struk­ti­on“ bzw. bes­ser der „Zer­stö­rung“ von Gram­scis Werk ope­rie­ren60, bis hin zu vul­gä­ren Posi­tio­nen, die sogar den Sinn für Humor auf die Pro­be stel­len, im Stil von Pablo Igle­si­as, wel­cher emp­fehlt, nicht mit dem Staat zu „boxen“, son­dern mit ihm „Schach zu spie­len“61.

Per­ry Ander­son stellt sich die Fra­ge nach die­ser Bezie­hung zwi­schen Zwang und Kon­sens in Gram­scis Werk. In sei­ner Ant­wort bezieht er sich auf die Meta­pher des Zen­taurs (halb Mensch – halb Tier), die Gram­sci Machia­vel­li ent­lehnt, um die­se Bezie­hung zu erklä­ren. Daher wird in den Gefäng­nis­hef­ten eine Rei­he von Gegen­sät­zen auf­ge­macht: Gewalt-Kon­sens, Herr­schaft-Hege­mo­nie, Gewalt-Zivi­li­sa­ti­on. Indem kei­ne ein­deu­ti­ge Bezie­hung zwi­schen die­sen Begriffs­paa­ren in Bezug auf die kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten „west­li­chen“ Typs fest­ge­legt wird, bewer­te­te, so Ander­son, Gram­sci wie Mac­chia­vel­li eines bei­der Ele­men­te über. Im Fal­le des Flo­ren­ti­ners hät­te er die „tie­ri­sche Hälf­te“ über­wer­tet, sprich den Zwang. Dies wäre auch die Erklä­rung dafür, wie­so seit Genera­tio­nen im „com­mon sen­se“ der Begriff „machia­vel­lisch“ als Syn­onym für List und Tücke benutzt wer­de.

Im Fal­le Gram­scis wäre es das Gegen­teil. „Gram­sci über­nahm Machia­vel­lis Mythos vom Zen­tau­ren als emble­ma­ti­sches Mot­to sei­ner For­schun­gen: aber wo Machia­vel­li den Kon­sens letz­lich dem Zwang geop­fert hat­te, wur­de bei Gram­sci der Zwang zuneh­mend vom Kon­sens an die Wand gespielt. Il princi­pe und Il princi­pe moder­no sind in die­sem Sin­ne Zerr­bil­der von­ein­an­der. Zwi­schen den Irr­tür­mern der bei­den Wer­ke besteht eine unter­grün­di­ge Wech­sel­be­zie­hung.“62

Ander­son weist auf sei­ne eige­ne Ant­wort auf die Bezie­hung zwi­schen Zwang und Kon­sens im „west­li­chen“ Kapi­ta­lis­mus hin. Dabei betont er, gegen alle refor­mis­ti­schen Deu­tun­gen, die Bedeu­tung der gewalt­sa­men Kon­fron­ta­ti­on auch in den „west­li­chen“ Län­dern. Dazu greift er auf eine Bemer­kung von Gram­sci aus sei­nem ers­ten Heft über „gemisch­te Kampf­for­men“ auf, die „von grund­le­gend mili­tä­ri­schem und über­wie­gend poli­ti­schem Cha­rak­ter“ sind63. Indem er die­se Unter­schei­dung auf die bür­ger­li­chen „west­li­chen“ Staa­ten über­trägt, weist Ander­son auf fol­gen­des hin: „In den ruhigs­ten Demo­kra­tien kann die Armee heu­te unsicht­bar hin­ter den Kaser­nen­mau­ern blei­ben, die Poli­zei fried­lich Strei­fe gehen.“ Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen „bleibt unter der im par­la­men­ta­ri­schen Sys­tem „über­wie­gen­den“ kul­tu­rel­len Spit­ze die Gewalt die „fun­da­men­ta­le“ Stüt­ze der bür­ger­li­chen Klas­sen­macht64.

Er fügt hin­zu: „Denn his­to­risch […] ver­scheibt die Ent­wick­lung jeder revo­lu­tio­nä­ren Kri­se not­wen­di­ger­wei­se die Domi­nanz inner­halb der bür­ger­li­chen Macht­struk­tur von der Ideo­lo­gie zur Gewalt. Der Zwang wird deter­mi­nie­rend und domi­nant, wenn sich die Kri­se dem Höhe­punkt nähert, und die Armee tritt in jedem Klas­sen­kampf […] muß jede revo­lu­tio­nä­re Kri­se in einem fort­ge­schrit­te­nen kapi­ta­lis­ti­schen Land unwei­ger­lich einen Umschwung hin zur letzt­li­chen Deter­mi­nan­ten des Macht­sys­tems her­vor­brin­gen: zur Gewalt“65.

Jen­seits die­ser illus­tra­ti­ven Art und Wei­se der Arti­ku­la­ti­on von Ander­son, kri­ti­siert Peter Tho­mas ‑und nicht als Ein­zi­ger- die Grund­la­ge der Inter­pre­ta­ti­on von Gram­sci über die Meta­pher des Zen­tau­ren. Tho­mas wirft ihn vor, Gram­scis Gedan­ken zu vul­ga­ri­sie­ren, indem er sei­ne Refle­xi­on in mehr oder weni­ger mecha­ni­sche Gegen­über­stel­lun­gen ver­wan­delt66. Dazu geht Tho­mas zum Text zurück und zitiert Gram­sci: „Man­che haben die Theo­rie der »Dop­pel­per­spek­ti­ve«67 [bezo­gen auf den Zen­tau­ren, halb Tier, halb Mensch] auf etwas Beschränk­tes, Bana­les redu­ziert, auf nichts wei­te­res näm­lich als auf zwei For­men von »Unmit­tel­bar­keit«, die mecha­nisch grö­ße­rer oder gerin­ge­rer »Nähe« in der Zeit auf­ein­an­der fol­gen“68.

Wir sind nun dar­an inter­es­siert, vor allem für die Zwe­cke die­ses Arti­kels und der stra­te­gi­schen Refle­xi­on, was Tho­mas von Gram­sci bezüg­lich der Tat­sa­che auf­nimmt, dass „Zwang“ und „Kon­sens“ nicht zwei For­men sind, die „mecha­nisch auf­ein­an­der fol­gen“. Tat­säch­lich liegt hier die Beschrän­kung der Sicht von Ander­son dar­über, dass in Zei­ten revo­lu­tio­nä­rer Kri­se eine „plötz­li­che Umkehr“ statt­fin­det, in der die bür­ger­lich-demo­kra­ti­sche Ideo­lo­gie einen „Nicht-Ort“ besetzt, und „sofort“ durch Gewalt ersetzt wird.

Daher bezeich­net Ander­son in sei­nem Buch über Gram­sci die Kon­tro­ver­se um die Ein­heits­front als die „letz­te gro­ße stra­te­gi­sche Debat­te“, unter Umge­hung ohne wei­te­rer Erwäh­nung der „Debat­te“ über die Volks­front, die in den wich­tigs­ten Nie­der­la­gen des Pro­le­ta­ri­ats des „Wes­tens“ im Mit­tel­punkt der Poli­tik stand. Von die­sem Stand­punkt aus betrach­tet ist es nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass er, wie wir sahen, ein völ­li­ges Unver­ständ­nis zeigt, wenn er Trotz­ki sei­ne Kri­tik an der Volks­front in Frank­reich unter Betei­li­gung der Radi­ka­len Par­tei vor­wirft.

Die grund­le­gen­de Fra­ge, die Ander­son über­sieht, ist, dass die Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie und den Par­la­men­ta­ris­mus nicht „plötz­lich“ in Situa­tio­nen der revo­lu­tio­nä­ren Kri­se im „Wes­ten“ ver­schwin­den. Son­dern, wie wir in die­sem zwei­ten Teil des Arti­kels gese­hen haben, es han­delt sich um eine stra­te­gi­sche Arbeit gegen ihre wich­tigs­ten Agen­ten, die Arbeiter*innenbürokratien (poli­ti­scher und gewerk­schaft­li­cher Natur) sowie gegen die klein­bür­ger­li­chen „demo­kra­ti­schen“ Par­tei­en. Die­ser Aspekt ist zwei­fels­oh­ne, zusam­men mit den dar­aus abhän­gi­gen Ent­wick­lun­gen, einer der wich­tigs­ten Bei­trä­ge Trotz­kis zur revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie im „Wes­ten“.

Das­sel­be kann man zum Aspekt der Gewalt sagen. Auch hier gibt es kei­ne „plötz­li­che Umkehr“, die genau zum Zeit­punkt der revo­lu­tio­nä­ren Kri­se auf­tritt. Das Auf­tau­chen der wich­tigs­ten Ele­men­te von „Zwang“, ob staat­li­cher oder para­staat­li­cher (faschis­ti­sche Ban­den) Natur geschieht im Vor­feld. Daher betont Trotz­ki, wie bereits erwähnt, die Not­wen­dig­keit der Ent­wick­lung von Mit­teln zur Selbst­ver­tei­di­gung (Mili­zen); im Fal­le Frank­reichs, lan­ge vor der revo­lu­tio­nä­ren Kri­se vom Juni ’36.

Bürgerliche Hegemonie und revolutionäre Krise

Ernest Man­del kri­ti­sier­te Trotz­ki für etwas Ähn­li­ches wie das, was wir gera­de ver­tei­digt haben. Wir sag­ten, dass dem Grün­der der Roten Armee der Ver­dienst zukommt, stra­te­gi­sche Leh­ren aus der Tat­sa­che zu zie­hen, dass Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie und den Par­la­men­ta­ris­mus nicht unmit­tel­bar und sofort in revo­lu­tio­nä­ren Kri­sen­si­tua­tio­nen rück­gän­gig gemacht wer­den. Man­del stellt bei­na­he unse­re Aus­sa­ge auf den Kopf, indem er dies als einen Nach­teil bezeich­net. Laut Man­del sieht Trotz­ki „Revo­lu­tio­nen“ da, wo es kei­ne gibt, wenn er sagt, dass in den „west­li­chen“ Gesell­schaf­ten eine revo­lu­tio­nä­re Kri­se statt­fin­den kann, ohne dass es zu einer ter­mi­na­len Kri­se der Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie unter den Mas­sen kommt69. Ins­be­son­de­re führ­te er als Bei­spiel Frank­reich ’36 an, das wir auch erwähnt haben.

Grund­sätz­lich schie­ne es so, als ob wir von der glei­chen Fest­stel­lung aus­ge­hen wür­den, und zwar: Wäh­rend der gro­ßen Streik­wel­le und Fabrik­be­set­zun­gen, die in Frank­reich im Juni ’36 statt­fan­den, gal­ten nach wie vor die bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Illu­sio­nen, und sie waren in jeder Hin­sicht von immenser Bedeu­tung. Jedoch haben wir Dif­fe­ren­zen dar­über, ob wir von einer Revo­lu­ti­on – wie es Trotz­ki tat – oder nicht spre­chen soll­ten. Die Erklä­rung von Man­del ist: „Als Trotz­ki behaup­te­te, »die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat begon­nen«, woll­te er nicht ein­fach sagen, »hof­fent­lich hat die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on begon­nen«, son­dern auch »Revo­lu­tio­nä­re kön­nen und müs­sen in sol­chen Gene­ral­streiks inter­ve­nie­ren, so dass er zu einer Revo­lu­ti­on wird«70. Er fügt hin­zu: „Trotz­ki selbst revi­dier­te sei­ne Mei­nung, als er spä­ter über die Ereig­nis­se vom Juni ’36 sprach und mein­te, es sei eine blo­ße Kari­ka­tur der Febru­ar­re­vo­lu­ti­on in Russ­land gewe­sen“71.

Bei­de Argu­men­te wären schlag­kräf­tig, wenn sie Trotz­kis Sicht wie­der­spie­geln wür­den, jedoch ist dies nicht der Fall. Als Trotz­ki von „Kari­ka­tur“ sprach, bezog er sich nicht auf den Pro­zess vom Juni 1936, son­dern auf die fran­zö­si­sche Volks­front. „Die Volks­fron­ten in Euro­pa sind –sag­te er- nur eine schwa­che Nach­ah­mung, und oft eine Kari­ka­tur der rus­si­schen Volks­front von 1917, die immer­hin mehr gute Grün­de hat­te ihre Exis­tenz zu recht­fer­ti­gen, da der Kampf gegen den Zaris­mus und die feu­da­len Über­bleib­sel fort­be­stan­den“72. Er mein­te, dass im Gegen­satz zu Russ­land, wo man dem „anci­en regime“ als Hüter der Über­bleib­sel des Feu­da­lis­mus ent­ge­gen­stand, die Volks­fron­ten im „Wes­ten“, ledig­lich eine mög­li­che Recht­fer­ti­gung hat­ten, näm­lich die direk­te Ver­tei­di­gung der Bour­geoi­sie gegen das Pro­le­ta­ri­at.

Das obi­ge Zitat spie­gelt die Ansich­ten von Trotz­ki im Jah­re 1936 wie­der. Doch zwei Jah­re spä­ter revi­diert er in einem Brief an James Can­non sei­ne Posi­ti­on bezüg­lich des ande­ren Aspekts sei­ner Cha­rak­te­ri­sie­rung der fran­zö­si­schen Volks­front. Er bilan­ziert, dass es sich zwar eine „Kari­ka­tur“ han­del­te, jedoch nicht um eine „schwa­che Nach­ah­mung“ der rus­si­schen Volks­front, son­dern im Gegen­teil eine noch mäch­ti­ge­re „Nach­ah­mung“. „Die Volks­front-Koali­ti­on, die abso­lut macht­los gegen Faschis­mus, Krieg, Reak­ti­on usw. ist, erwies sich als eine gewal­ti­ge kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Brem­se für die Mas­sen­be­we­gung, unver­gleich­lich mäch­ti­ger als die Febru­ar­ko­ali­ti­on in Russ­land, weil (a) wir kei­ne all­mäch­ti­ge Arbei­ter­bü­ro­kra­tie hat­ten, ein­schließ­lich der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie; (b) wir eine bol­sche­wis­ti­sche Par­tei hat­ten“73.

Offen­sicht­lich füh­ren die Über­le­gun­gen von Man­del und Trotz­ki zu sehr unter­schied­li­chen poli­ti­schen Leh­ren für die Revo­lu­ti­on im „Wes­ten“. Bei Man­del geht es dar­um, dar­auf zu „war­ten“, dass die Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie sich ver­tieft, um die Alarm­glo­cke zu läu­ten und sich auf­zu­stel­len. Bei Trotz­ki lau­tet die Schluss­fol­ge­rung, dass die stra­te­gi­schen Pro­ble­me aku­ter und kom­ple­xer wer­den, und somit die Not­wen­dig­keit einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei drin­gen­der74.

Bezüg­lich des ande­ren Argu­ments von Man­del, sag­te Trotz­ki im Jahr 1938 aus­drück­lich, im Ein­klang mit dem, was er in sei­nem Brief an Can­non behaup­te­te: „Am 9. Juni 1936 schrie­ben wir: „Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat begon­nen.“ Es könn­te schei­nen, dass die Ereig­nis­se die­se Dia­gno­se wider­legt haben. In Wirk­lich­keit ist die Fra­ge kom­pli­zier­ter. […] Die Geschich­te der letz­ten Zeit brach­te eine Rei­he tra­gi­scher Bestä­ti­gun­gen für die Tat­sa­che, dass nicht aus jeder revo­lu­tio­nä­ren Situa­ti­on die Revo­lu­ti­on her­vor­geht, son­dern dass eine revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on kon­ter­re­vo­lu­tio­när wird, wenn der sub­jek­ti­ve Fak­tor, d.h. die revo­lu­tio­nä­re Offen­si­ve der revo­lu­tio­nä­ren Klas­se, aus­bleibt75.In der Tat, nach­dem die Volks­front die Nie­der­la­ge der Arbeiter*innenbewegung gewähr­leis­te­te – mit Abwer­tung der Wäh­rung, Ent­las­sun­gen und Repres­si­on derer, die dage­gen Wider­stand leis­te­ten –, über­lässt sie die Büh­ne Dala­di­er, damit er das Münch­ner Abkom­men mit Hit­ler unter­zeich­net. Nach Hit­lers Offen­si­ve 1940 kapi­tu­liert die fran­zö­si­sche Bour­geoi­sie schnell und errich­tet in den nicht-besetz­ten Gebie­ten das mit den Nazi­deutsch­land kol­la­bo­ra­tio­nis­ti­sche Vichy-Regime, ange­führt vom Mar­schall Petain.

Trotz­ki, wie wir es zu zei­gen ver­su­chen, unter­schätz­te kei­nes­wegs die Bedeu­tung der bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Legi­ti­mi­tät76. Jedoch brach­te dies ihn nicht dazu, die Pro­zes­se der Radi­ka­li­sie­rung der Mas­sen zu unter­schät­zen. Jah­re spä­ter beton­te er die Rich­tig­keit sei­ner Cha­rak­te­ri­sie­rung, die 1936 vom Beginn der „fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on“ aus­ging, denn die Tat­sa­che, dass sie nicht erfolg­reich gewe­sen war, bewies nicht, dass sie nicht exis­tiert hat­te, son­dern dass sich eine Gabe­lung auf­warf: die offen­si­ve Rege­ne­ra­ti­on des Pro­zes­ses oder ihre Ver­wand­lung in Kon­ter­re­vo­lu­ti­on.

Die­ser Unter­schied ist kei­nes­falls unwich­tig. Die Volks­front nutzt die demo­kra­ti­schen Illu­sio­nen nicht nur um zu brem­sen, sie „ver­mei­det“ nicht ein­fach die Revo­lu­ti­on, auch wenn sie manch­mal so erfolg­reich dabei ist, dass es so zu sein schei­ne. Sie nutzt die­se Illu­sio­nen, um der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on das Tor zu öff­nen, oder um sie als Prot­ago­nist zu beglei­ten.

Wie wir sehen, han­delt es sich bei den „west­li­chen“ Demo­kra­tien nicht um eine „plötz­li­che Umkehr“ zwi­schen Kon­sens und Zwang (Ander­son). Die Volks­front ist der „demo­kra­ti­sche Weg“ in die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Nicht der Man­gel an einem Bruch mit den Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie selbst kann im Nach­hin­ein das Feh­len einer Revo­lu­ti­on bewei­sen, son­dern das Aus­blei­ben der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch wenn die­se sich nicht direkt mani­fes­tiert und Zeit braucht, um eine gewalt­sa­me Lösung durch­zu­set­zen.

Daher zeig­te Trotz­ki in Bezug auf die spa­ni­sche Revo­lu­ti­on nach dem Auf­stieg der Volks­front: „Die «demo­kra­ti­sche» Revo­lu­ti­on und die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on befin­den sich dies­seits und jen­seits der Bar­ri­ka­de. […]. Die «demo­kra­ti­sche» Revo­lu­ti­on in Spa­ni­en ist bereits gemacht. Durch die Volks­front erlebt sie ihre Wie­der­auf­er­ste­hung. […]. Die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on muss in uner­bitt­li­chem Kamp­fe gegen die «demo­kra­ti­sche» Revo­lu­ti­on mit ihrer Volks­front durch­ge­führt wer­den. Was bedeu­tet denn die­se «Syn­the­se» der «demo­kra­tisch-sozia­lis­ti­schen» Revo­lu­ti­on. Abso­lut nichts; nur einen eklek­ti­schen Gal­li­ma­thi­as [Unsinn, A.d.Ü.]“77.

Zwischen Zwang und Konsens

In die­sem zwei­ten Teil haben wir gese­hen, wie „die mora­li­schen Kräf­te“ in der Wirk­lich­keit untrenn­bar mit den „mate­ri­el­len Kräf­ten“ ver­bun­den sind, und sich mit­tels der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen letz­te­ren mes­sen. Nun, offen­sicht­lich schmä­lert die Tat­sa­che, dass man, um zwei „mora­li­sche Kräf­te“ zu ver­glei­chen, die­se als Teil von „mate­ri­el­len Kräf­ten“ anse­hen soll, nicht das Gewicht und die Bedeu­tung der ers­te­ren. Im Gegen­teil zeigt dies, wie sie sind, näm­lich inte­gra­ler Bestand­teil des Kräf­te­ver­hält­nis­ses im enge­ren Sin­ne des Wor­tes.

Wie wir bereits gese­hen haben, ist einer der Kri­tik­punk­te, den Peter Tho­mas Ander­son zu sei­ner Inter­pre­ta­ti­on von Gram­sci macht, eine mecha­ni­sche Gegen­über­stel­lung und eine ein­fa­che zeit­li­che Abfol­ge zwi­schen Kon­sens und Zwang her­zu­stel­len. Wir haben eben­falls gese­hen, wie etwas von die­ser Kri­tik auch auf Ander­son selbst, unab­hän­gig von Gram­sci, anwend­bar ist, die ihn dazu bringt, die Volks­front und ihrer kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Rol­le zu unter­schät­zen.

In sei­ner Argu­men­ta­ti­on betont Tho­mas die Dar­le­gung von Gram­sci: „Die »nor­ma­le« Aus­übung der Hege­mo­nie auf dem klas­sisch gewor­de­nen Feld des par­la­men­ta­ri­schen Regimes zeich­net sich durch eine Kom­bi­na­ti­on von Zwang und Kon­sens aus, die sich die Waa­ge hal­ten, daß der Zwang den Kon­sens zu sehr über­wiegt, son­dern im Gegen­teil vom Kon­sens der Mehr­heit, wie er in den soge­nann­ten Orga­nen der öffent­li­chen Mei­nung zum Aus­druck kommt, getra­gen erscheint […]“78. Trotz­ki sei­ner­seits hat­te eine sehr ähn­li­che Ansicht über die öffent­li­che Mei­nung: „Die bour­geoi­se öffent­li­che Mei­nung ist ein dich­tes psy­cho­lo­gi­sches Gewe­be, das von allen Sei­ten her die Waf­fen und Werk­zeu­ge der bour­geoi­sen Gewalt umhüllt und sie dadurch […] schützt“79.

Aus­ge­hend von Gram­scis Defi­ni­ti­on macht Tho­mas eine inter­es­san­te Beschrei­bung der öffent­li­chen Mei­nung als Kris­tal­li­sa­ti­on einer „Art »Zwang durch Kon­sens« […] der Zwang der geg­ne­ri­schen Klas­sen, durch die Zustim­mung der vebün­de­ten sozia­len Grup­pen“80. Aller­dings zieht er fol­gen­de Schluss­fol­ge­rung über Gram­sci: „Er defi­nier­te »poli­ti­sche Hege­mo­nie« in Form von »öffent­li­cher Mei­nung«, als »Berüh­rungs­punkt« zwi­schen »Zivil­ge­sell­schaft« und »poli­ti­scher Gesell­schaft«, zwi­schen Kon­sens und Zwang. Mit ande­ren Wor­ten, war sein ent­schei­den­der Schritt nicht ein unbe­wuss­tes »kon­zep­tu­el­les Abglei­ten« [der rela­ti­ven Gewich­tung zuguns­ten des Kon­sens über den Zwang [Anmer­kung der Redak­ti­on], son­dern viel­mehr die bewuss­te Arti­ku­la­ti­on die­ser »ein­fa­chen Bestim­mung« mit dem kom­ple­xen »inte­gra­len« Staats­be­griff81, oder die ähn­li­che dia­lek­ti­sche Inte­gra­ti­on der zivi­len und poli­ti­schen Gesell­schaft“82.

Die­se Über­le­gung rich­tet sich gegen Ander­son, der von „kon­zep­tu­el­ler Ver­schie­bung“ Gram­scis in Rich­tung des Pols des Kon­sens sprach, um auf die Mehr­deu­tig­kei­ten der Gefäng­nis­hef­te hin­zu­wei­sen, aber gleich­zei­tig, um die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Inter­pre­ta­tio­nen anzu­grei­fen, die beab­sich­tig­ten, Gram­sci als einen Den­ker dar­zu­stel­len, für den die Hege­mo­nie im Wesent­li­chen auf der Kul­tur und der Mani­pu­la­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung basier­te. Tho­mas neigt in der Tat, auch wenn auf sub­ti­le­re und anspruchs­vol­le­re Art und Wei­se, klar zu refor­mis­ti­schen Anschau­un­gen mit der Behaup­tung, es hand­le sich um eine „gewoll­te Arti­ku­la­ti­on“. Er legt hier­bei den Fokus auf die öffent­li­che Mei­nung als zen­tra­lem Arti­ku­la­tor, was Ander­son sei­ner­seits kri­ti­siert hat­te.

Die Ursa­che für die­se Ver­schie­bung bei Tho­mas ist, dass er das Regime, wobei Gram­sci sich auf die bür­ger­li­che Demo­kra­tie bezog, mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Staat selbst ver­wech­selt. Ander­son meint dies, wenn er vom „ent­schei­den­den“ Ort der repres­si­ven Kräf­te des „west­li­chen“ Kapi­ta­lis­mus spricht. Daher stimmt die­se Ver­schie­bung mit den Vor­schlä­gen von Tho­mas über­ein, dass es mög­lich sei, den Staat zu „neu­tra­li­sie­ren“, indem man ihm sei­ne sozia­le Basis weg­nimmt.

Die Arbeiter*innenklasse kann kei­ne „poli­ti­sche Hege­mo­nie in Form von öffent­li­cher Mei­nung“ erlan­gen, ohne dabei die Staats­macht zu erobern und das sozia­le Mehr­pro­dukt zu kon­trol­lie­ren. Dar­aus ergibt sich die Bedeu­tung des stra­te­gi­schen Han­delns im Klas­sen­kampf, um die Ver­bün­de­ten wäh­rend der revo­lu­tio­nä­ren Kri­sen für sich zu gewin­nen, wie wir im vori­gen Abschnitt ent­wi­ckel­ten. Dies ändert nichts an der Bedeu­tung des Kamp­fes um die öffent­li­che Mei­nung, jedoch han­delt es sich für die Arbeiter*innenklasse not­wen­di­ger­wei­se stets um eine öffent­li­che Mei­nung für den Kampf.

Dar­aus ergibt sich die Bedeu­tung, die Trotz­ki der Unab­hän­gig­keit der Par­tei auf die­sem Feld zuschrieb: „Eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten unse­rer Par­tei, die sie zum wich­tigs­ten Hebel der Ent­wick­lung in unse­rer Epo­che macht, besteht in ihrer vol­len und abso­lu­ten Frei­heit von der öffent­li­chen Mei­nung der Bour­geoi­sie“83. Und zwei­tens, auf die Not­wen­dig­keit revo­lu­tio­nä­re Strö­mun­gen in der öffent­li­chen Mei­nung zu ent­wi­ckeln: „es han­delt sich um die tie­fe inne­re Frei­heit der pro­le­ta­ri­schen Avant­gar­de von den geis­ti­gen Fal­len und Schlin­gen der Bour­geoi­sie, um die neue revo­lu­tio­nä­re öffent­li­che Mei­nung, die dem Pro­le­ta­ri­at gestat­ten wür­de, nicht durch Wor­te, son­dern durch Taten, nicht durch Tira­den, son­dern, wenn es nötig ist, mit den Stie­feln die Gebo­te der Bour­geoi­sie zu zer­tre­ten, indem es das sich frei gesetz­te revo­lu­tio­nä­re Ziel ver­wirk­licht, das zu glei­cher Zeit eine objek­ti­ve For­de­rung der Geschich­te ist.“84.

Die erst­mal fest­ge­stellt, gibt es einen wei­te­ren Punkt von ent­schei­den­der Bedeu­tung, den Tho­mas auf­fäl­li­ger­wei­se nicht auf­greift (Ander­son gibt ihm auch kei­ne grö­ße­re Bedeu­tung), obwohl Gram­sci ihn in den Gefäng­nis­hef­ten her­vor­hebt, unmit­tel­bar nach­dem er über die öffent­li­che Mei­nung spricht. „Zwi­schen dem Kon­sens und dem Zwang ‑sagt Gram­sci- steht Kor­rup­ti­on-Betrug (was für bestimm­te Situa­tio­nen kenn­zeich­nend ist, in denen die Aus­übung der hege­mo­nia­len Funk­ti­on schwie­rig ist, weil die Gewalt­an­wen­dung zu vie­le Gefah­ren dar­stellt), d.h. die dem Geg­ner oder den Geg­nern dadurch gebrach­te Zer­mür­bung und Läh­mung, das ihrer Füh­rer, heim­lich im Nor­mal­fall, offen im Fal­le der Gefahr, gekauft wer­den, was dazu die­nen soll, Ver­wir­rung und Unord­nung in den geg­ne­ri­schen Rei­hen zu stif­ten“85.

Der Man­gel an Rele­vanz für die­se Ele­men­te der Kor­rup­ti­on und des Betrugs in Tho­mas‘ Ana­ly­se ver­bin­det sich mit einem ande­ren Schlüs­sel­ele­ment für die Arbeiter*innenbewegung im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert und, wie bereits erwähnt, scheint dies fast außer­halb des Hori­zon­tes des Autors zu lie­gen: die Büro­kra­tie.

Fuß­no­ten

1. Artous, Antoi­ne, “Demo­cra­cia y eman­ci­pa­ción social (II)”, April 2005. Vgl auch: Artous, Antoi­ne, Marx, l’État, et la poli­tique, París, Syl­lep­se, 1999.

2. Für eine Kri­tik an die­sen Posi­tio­nen, sie­he: Clau­dia y Alb­a­mon­te, Emi­lio, “Más allá de la demo­cra­cia libe­ral y el tota­li­ta­ris­mo”, Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal Nr. 21, Sep­tem­ber 2004. Bis­her nicht auf Deutsch über­setzt.

3. Man­del, Ernest, El poder y el dine­ro, Méxi­co, Sig­lo XXI, 1994, S. 287. Eige­ne Über­set­zung.

4. Pou­lant­z­as, Nicos, Estado, poder y socia­lis­mo, Madrid, Sig­lo XXI, 1980, S. 309. Eige­ne Über­set­zung.

5. Trotz­ki zieht einen inter­es­san­ten Ver­gleich zwi­schen der Kom­mu­ne von Paris und der Petro­gra­der Duma um mit jenen wie Kaut­sky damals, oder Artous jetzt, zu dis­ku­tie­ren, die mit der Kom­mu­ne gegen die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats argu­men­tier­ten. Er schrieb in Ter­ro­ris­mus und Kom­mu­nis­mus: “Es ist inter­es­sant, fest­zu­stel­len, dass sich an den Kom­mu­nal­wah­len im Jah­re 1871 in Paris 230.000 Wäh­ler betei­ligt haben. An den Wah­len in die Stadt­ver­wal­tung im Dezem­ber 1917 in Peters­burg nah­men, trotz des Boy­kotts der Wah­len sei­tens aller Par­tei­en, außer unse­rer und der Par­tei der lin­ken Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, die in der Haupt­stadt fast gar kei­nen Ein­fluss hat­ten, 400.000 Wäh­ler teil. Paris zähl­te im Jah­re 1871 – 2.000.000 Bevöl­ke­rung. Peters­burg hat­te im Jah­re 1917 – 2.000.000 Bevöl­ke­rung.”

6. Vgl. Trotz­ki, Leo, “Wenn Ame­ri­ka kom­mu­nis­tisch wür­de”.

7. ebd.

8. Vgl. Trotz­ki, Leo, “Gespräch mit einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter”.

9. Artous’ Argu­ment über die Vor­zü­ge des all­ge­mei­nen Wahl­rechts und Mecha­nis­men wie Refe­ren­da als Brem­se für “tota­li­tä­re Ten­den­zen”, wel­ches üblich für die Vertreter*innen des “Kom­bi­nier­ten Staats” ist, hält einer his­to­ri­schen Ana­ly­se nicht stand. Die 1936 sank­tio­nier­te sta­li­nis­ti­sche Ver­fas­sung der Sowjet­uni­on führ­te das all­ge­mei­ne Wahl­recht wie­der ein. Wie Trotz­ki in Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on schreibt: “Auf poli­ti­schem Gebiet unter­schei­det sich die neue Ver­fas­sung von der alten durch die Rück­kehr vom Sowjet­wahl­sys­tem nach Klas­sen- und Pro­duk­ti­ons­grup­pen zum Sys­tem der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie. das auf dem soge­nann­ten „all­ge­mei­nen, glei­chen und direk­ten“ Stimm­recht der ato­mi­sier­ten Bevöl­ke­rung fußt. Es han­delt sich kurz gesagt um die recht­li­che Liqui­die­rung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.“ Bezüg­lich des Natio­nal­so­zia­lis­mus schrieb er über die Wah­len im März 1933, als Hit­ler über 17 Mil­lio­nen stim­men erhielt: „Hit­lers poli­ti­scher Anhang besteht aus Offi­zie­ren, Beam­ten, Ange­stell­ten, Klein­krä­mern, Kauf­leu­ten, Bau­ern, all den Zwi­schen­schich­ten und zwei­fel­haf­ten Klas­sen. Unter dem Gesichts­punkt des gesell­schaft­li­chen Bewusst­seins sind sie mensch­li­cher Staub. Es ist ein Para­do­xon, dass Hit­ler trotz sei­nes Anti-Par­la­men­ta­ris­mus im Par­la­ment stär­ker ist als in der gesell­schaft­li­chen Pla­nung. Die Faschis­ten müs­sen jedes Mal von neu­em ihre Häup­ter zäh­len.“

10. Vgl. Alb­a­mon­te, Emi­lio y Mai­el­lo, Matí­as, “Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en occi­den­te”. Bis­her nicht auf Deutsch über­setzt.

11. Die Zeit­schrift His­to­ri­cal Mate­ria­lism wid­me­te im Jah­re 2014 der Pole­mik über Tho­mas’ Buch ein eige­nes Dos­sier. Vgl. His­to­ri­cal Mate­ria­lism N° 22.2 (2014), S. 33ff.

12. Tho­mas hat sei­nen Vor­gän­ger bezüg­lich der Zen­tra­li­tät, die er dem Kon­zept der “hege­mo­nia­len Appa­ra­te” gibt, in Gian­ni Fran­cio­nis Stu­die über die Gefän­gis­hef­te. Vgl. Fran­cio­ni, Gian­ni, L’officina gram­scia­na, Napo­li, Biblio­po­lis, 1984, S. 177ff.

13. Gram­sci schreibt in den Gefäng­nis­hef­ten: „ in einer bestimm­ten Gesell­schaft ist nichts unor­ga­ni­siert und ohne Par­tei, wenn man Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en im brei­ten und nicht for­mel­len Sin­ne ver­steht. In die­ser Viel­zahl von par­ti­ku­la­ren Gesell­schaf­ten, die einen dop­pel­ten, natür­li­chen und frei­wil­li­gen Cha­rak­ter haben, herr­schen eine oder meh­re­re von ihnen rela­tiv oder abso­lut und bil­den den Hege­mo­nie­ap­pa­rat einer sozia­len Grup­pe gegen­über dem Rest der Bevöl­ke­rung (oder der Zivil­ge­sell­schaft), die Grund­la­ge des Staa­tes, im enge­ren Sin­ne ver­stan­den als regie­ren­der Zwangs­ap­pa­rat.” Gram­sci, Anto­nio, Cua­der­nos de la Cár­cel (H6, §136), Band 3, Méxi­co, Edi­cio­nes Era, 1984, S. 104, eige­ne Über­set­zung.

14. Tho­mas, Peter, The gram­sci­an moment. Phi­lo­so­phy, hege­mo­ny and mar­xism, Lei­den, Brill, 2009, S. 226. Eige­ne Über­set­zung.

15. Trotz­ki, Leo, “Gespräch mit einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter”. A.a.O.

16. Tho­mas, Peter, a.a.O. , S. 227. Eige­ne Über­set­zung.

17. Trotz­ki, Leo, Gespräch mit einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter”. A.a.O.

18. ebd.

19. ebd.

20. Tho­mas kri­ti­siert Pou­lant­z­as dar­in, dass poli­ti­sche Macht nicht aus einer Ver­dich­tung der Kräf­te „zwi­schen den Klas­sen“ im Staat bestün­de, son­dern „den hege­mo­nia­len Pro­jek­ten imma­nent ist, durch die Klas­sen sich selbst als sol­che kon­sti­tu­ie­ren“. Der Staat kann jedoch kei­ne „Ver­dich­tung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses zwi­schen den Klas­sen“ sein, ab dem Moment, an dem es sich um „beson­de­re, von der Gesell­schaft abge­ho­be­ne bewaff­ne­te For­ma­tio­nen“ han­delt, von denen Engels und Lenin reden. Nun kann sich auch die poli­ti­sche Macht der Arbeiter*innenklasse nicht außer­halb des Klas­sen­kamp­fes in den „hege­mo­nia­len Appa­ra­ten“ als „mate­ri­el­le Ver­dich­tung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses“ aus­drü­cken.

21. Tho­mas, Peter, a.a.O. S. 226. Eige­ne Über­set­zung.

22. Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung.

23. Vgl. Alb­a­mon­te, Emi­lio y Mai­el­lo, Matí­as, “Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en occi­den­te”, op. cit. Bis­her nicht auf Deutsch über­setzt.

24. Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf der Grund­la­ge der Gewerk­schaf­ten gegrün­det, ver­wan­del­te sich die Labour Par­ty in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten, ange­führt von der refor­mis­ti­schen Büro­kra­tie, in die wich­tigs­te Par­tei der bri­ti­schen Arbeiter*innenklasse. Als die 3. Inter­na­tio­na­le sich grün­de­te, war dies bereits gefes­tigt, und der Kom­mu­nis­mus hat­te es nicht geschafft, sich in der Arbeiter*innenklasse zu ver­an­kern.

25. Bri­ti­sche Gewerk­schafts­zen­tra­le

26. Der stei­gen­de Ein­fluss der USA in Euro­pa stell­te eine Gefahr für die Bezie­hun­gen zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Groß­bri­tan­ni­en dar. Nach der Ruhr­kri­se und der Nie­der­la­ge der deut­schen Revo­lu­ti­on von 1923 wur­de der Dawes-Plan imple­men­tiert, mit dem Vor­ha­ben, Euro­pa zu Guns­ten des US-Impe­ria­lis­mus zu sta­bi­li­sie­ren. Dies wur­de durch Kre­di­te an Deutsch­land durch­ge­setzt, damit die­ses die Kriegs­re­pa­ra­tio­nen an Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en zah­len konn­te. Die Zah­lun­gen wie­der­um gin­gen von dort aus wei­ter in die USA, um die Schul­den aus­zu­glei­chen, die wäh­rend des 1. Welt­kriegs auf­ge­nom­men wur­den.

27. Inter­na­tio­na­ler Zusam­men­schluss der refor­mis­ti­schen Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie.

28. Gram­sci, Anto­nio, “Un examen de la situ­ación ita­lia­na”, en
Escri­tos polí­ti­cos (1917–1933), a.a.O., p. 288. Eige­ne Über­set­zung.

29. ebd.

30. Trotz­ki, Leo: Wohin treibt Eng­land? V. Die Fra­ge der revo­lu­tio­nä­ren Gewalt.

31. Sino­wjeww, der damals der wich­tigs­te Anfüh­rer der Inter­na­tio­na­len war, stell­te die The­se auf, dass die Ent­wick­lung der lin­ken Sek­to­ren in Labour die Mög­lich­keit eröff­ne­te, einen Alter­na­ti­ven weg hin zum Auf­bau unab­hän­gi­ger kom­mu­nis­ti­scher Par­tei­en dar­zu­stel­len: “Die ver­schie­de­nen Sek­tio­nen und Anfüh­rer der [Kom­in­tern] den­ken, dass wir nur einen Weg gehen kön­nen – der des Auf­baus kom­mu­nis­ti­scher Par­tei­en – und sehen das Neue nicht: was in den refor­mis­ti­schen Par­tei­en ent­stan­den ist, wie die die Aus­wüch­se (estratificación)der Arbei­ter­aris­to­kra­tie aus­sieht, wel­che Link­s­ent­wick­lun­gen in der eng­li­schen Arbei­ter­klas­se ent­ste­hen, wel­che wich­ti­ge Rol­le unse­re [Sowjet]Union in der Radi­ka­li­sie­rung der Arbei­ter­mas­sen im Wes­ten zu spie­len beginnt, etc.” (zitiert aus Hajek, Milos, His­to­ria de la Terce­ra Inter­na­cio­nal. La polí­ti­ca de fren­te úni­co (1921–1935), Bar­ce­lo­na, Gri­ja­l­bo, 1984, S. 160, eige­ne Über­set­zung).

32. Gram­sci, Anto­nio, “Der Cäsa­ris­mus” (H13, §27), in Cua­der­nos de la Cár­cel, Tomo 5, Méxi­co, Edi­cio­nes Era, 1999, S. 66, eige­ne Über­set­zung.

33. Ram­say Mac­Do­nald (1866–1937): Pre­mier­mi­nis­ter der ers­ten zwei bri­ti­schen Labour­re­gie­run­gen (1924 und 1929–1931); dar­auf­hin ver­ließ er die Labour Par­tei, um eine Regie­rung der “natio­na­len Ein­heit” mit den Kon­ser­va­ti­ven zu bil­den.

34. Gram­sci, Anto­nio, “Un examen de la situ­ación ita­lia­na”, ebd., S. 288, eige­ne Über­set­zung

35. ““If Pur­cell and Hicks break with us, not becau­se we demand of them that they trans­form them­sel­ves immedia­te­ly into Com­mu­nists – nobo­dy deman­ds that! – but becau­se we our­sel­ves want to remain Com­mu­nists” (Trot­s­ky, León, The Mista­kes of Right­ist Ele­ments of the Com­mu­nist League on the Tra­de Uni­on Ques­ti­on, 1931)

36. Trotz­ki, Leo, Die grund­le­gen­den Irr­tü­mer des Syn­di­ka­lis­mus (1929).

37. ebd.

38. ebd.

39. Gram­sci, Anto­nio, Die ita­lie­ni­sche Situa­ti­on und die Auf­ga­ben der KPI (The­sen von Lyon), 1926. Eige­ne Über­set­zung.

40. Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. I.

41. ebd.

42. Trotz­ki, Leo: Wohin treibt Eng­land? A.a.O.

43. Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. III. A.a.O.

44. ebd.

45. Vgl. Alb­a­mon­te, Emi­lio y Mai­el­lo, Matí­as, “Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en occi­den­te”

46. vgl. Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge. A.a.O.

47. vgl. Ander­son, Per­ry: Anto­nio Gram­sci. Eine kri­ti­sche Wür­di­gung.

48. ebd.

49. Gian­ni Fran­cio­nis Buch L’officina gram­scia­na gilt als beson­ders wich­ti­ges Werk in den phi­lo­lo­gi­schen Stu­di­en, die eine Kri­tik an Ander­sons Inter­pre­ta­ti­on der Gefäng­nis­hef­te for­mu­lie­ren. Wie wir bereits erwähn­ten, wur­de die­se von dar­auf­fol­gen­den Arbei­ten auf­ge­nom­men, unter ande­rem Tho­mas’ The Gram­sci­an Moment.

50. Tho­mas, Peter, a.a.O., S. 231. Eige­ne Über­set­zung.

51. Über die NEP, sie­he den Anhang im 3. Teil des Arti­kels, erscheint am 13.09.2020.

52. Gram­sci, Anto­nio, “Aná­li­sis de situ­acio­nes: rela­cio­nes de fuer­za” (Q13, §17), in Cua­der­nos de la Cár­cel, Tomo 5, Méxi­co, Edi­cio­nes Era, 1999. Eige­ne Über­set­zung.

53. Bericht von Athos Lisa an die KPI: „Dis­kus­si­on mit Gram­sci im Gefäng­nis“. Eige­ne Über­set­zung.

54. Sei­ne Schrif­ten vor dem Gefäng­nis­auf­ent­halt las­sen die­se Inter­pre­ta­ti­on auch nicht zu. Gram­sci schreibt 1926: “Die Kom­mu­nis­ten in Turin stell­ten kon­kret die Fra­ge nach der “Hege­mo­nie der Pro­le­ta­ri­ats”, also nach der sozia­len Basis der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und des Arbei­ter­staats. Das Pro­le­ta­ri­at kann sich in die füh­ren­de und herr­schen­de Klas­se ver­wan­deln, wenn es ihm gelingt, ein Sys­tem von Klas­se­n­al­li­an­zen zu schaf­fen, die es ihm ermög­li­chen, die Mehr­heit der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung gegen den Kapi­ta­lis­mus und den bür­ger­li­chen Staat zu mobi­li­sie­ren. Das bedeu­tet in Ita­li­en, auf­grund der hier gege­be­nen Klas­sen­be­zie­hun­gen, dass es den Kon­sens der brei­ten bäu­er­li­chen Mas­sen erlan­gen muss.” (Gram­sci, Anto­nio, “Algu­nos temas sob­re la cues­tión meri­dio­nal”, in Escri­tos polí­ti­cos (1917–1933), Méxi­co, Pasa­do y Pre­sen­te, 1981, S. 307, eige­ne Über­set­zung)

55. Ander­son, Per­ry, Über den West­li­chen Mar­xis­mus, Wien: Syn­di­kat, S. 169.

56. Trotz­ki, Leo, Wohin geht Frank­reich? A.a.O.

57. ebd.

58. Clau­se­witz, Carl von, Vom Krie­ge, Bd. I.

59. ebd.

60. vgl. Cin­at­ti, Clau­dia, “La impos­tu­ra pos­mar­xis­ta“.

61. vgl. Igle­si­as Tur­rión, Pablo, Dis­pu­tar la demo­cra­cia. Polí­ti­ca para tiem­pos de cri­sis, Bs. As., Akal, 2015.

62. Ander­son, Per­ry: Anto­nio Gram­sci. Eine kri­ti­sche Wür­di­gung.

63. Gram­sci, Anto­nio, “Lucha polí­ti­ca y guer­ra mili­tar” (Q1, §134), Cua­der­nos de la Cár­cel, Bd. 1, Mexi­ko, Edi­cio­nes Era, 1981, S. 179ff.

64. Ander­son, Per­ry: Anto­nio Gram­sci. Eine kri­ti­sche Wür­di­gung.

65. Ebd.

66. Ver­glei­che hier­zu: Dal Maso, Juan, “Hege­monía y revo­lu­ción per­ma­nen­te”, in Ide­as de Izquier­da N° 26, Dezem­ber 2015. Eine deut­sche Über­set­zung liegt nicht vor.

67. Ein Teil von Tho­mas‘ Rekon­struk­ti­on die­ses Absat­zes (h13, §14) greift die Tat­sa­che auf, dass der Ver­weis auf die „Dop­pel­per­spek­ti­ve“ sich auf Sino­wjews Erklä­rung auf dem 5. Kon­gress der Kom­in­tern stützt, wo er auf Fol­gen­des hin­wies: In der Situa­ti­on eröff­nen sich zwei Per­spek­ti­ven: (a) eine mög­li­che lang­sa­me und lang­wie­ri­ge Ent­wick­lung der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on, und (b) ande­rer­seits, dass […] die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus als Gan­zes sich so schnell ent­wi­ckeln, dass die Lösung in dem einen oder ande­ren Land in nicht all­zu fer­ner Zukunft kom­men kann“ (The­sen über die Tak­tik). Auf die­se Wei­se wür­de sich Gram­sci von dem völ­lig zwei­deu­ti­gen und mecha­ni­schen Sche­ma distan­zie­ren, das für Sino­wjew funk­tio­nal war, um sowohl das Ultra­links­tum als auch den Oppor­tu­nis­mus zu recht­fer­ti­gen, den er abwech­selnd in der Lei­tung der KI betrieb.

68. Gram­sci, Anto­nio, Cua­der­nos de la Cár­cel (Q13, §14), Bd. 3, Mexi­ko, Edi­cio­nes Era, 1999, S. 30.

69. Bei der Ana­ly­se, ob es eine revo­lu­tio­nä­re Kri­se gibt oder nicht, hebt Man­del „die poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Dimen­si­on“ die­ser Art von Kri­se in „west­li­chen“ Län­dern mit sta­bi­li­sier­ten bür­ger­li­chen Demo­kra­tien her­vor. Näm­lich: „Es muss in den Augen der gro­ßen Mehr­heit der Klas­se eine Legi­ti­mi­täts­kri­se der Insti­tu­tio­nen des Staa­tes geben. Es muss eine Iden­ti­fi­ka­ti­on die­ser Mehr­heit mit einer ande­ren Legi­ti­ma­ti­on geben, einer neu­en Legi­ti­ma­ti­on, die im Ent­ste­hen begrif­fen ist“ („Con­si­der­a­cio­nes sob­re est­ra­te­gia revo­lu­cio­na­ria“, in Cri­ti­ca de la eco­nomía polí­ti­ca N° 26, Mexi­ko, El Cabal­li­to, 1984, S. 111–112, eige­ne Über­se­zung). Er unter­schei­det die­se Art von Kri­se deut­lich von den klei­ne­ren Kri­sen, die eine bestimm­te Regie­rung betref­fen, auch wenn sie aus all­ge­mei­nen Wah­len her­vor­ge­gan­gen ist. Die von ihm her­vor­ge­ho­be­nen Ele­men­te und die Unter­schei­dung zwi­schen Legi­ti­mi­täts­kri­sen und Regie­rungs­kri­sen sind in ihrer Bedeu­tung ein­deu­tig bemer­kens­wert, trotz der von uns auf­ge­zeig­ten Pro­ble­me, sie als „Bedin­gung“ für die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Eröff­nung einer revo­lu­tio­nä­ren Kri­se zu stel­len.

70. Man­del, Ernest, “Con­si­der­a­cio­nes sob­re est­ra­te­gia revo­lu­cio­na­ria” (ent­re­vis­ta rea­liza­da por Hen­ry Weber), en Cri­ti­ca de la eco­nomía polí­ti­ca N° 26, Méxi­co, El Cabal­li­to, 1984, S. 114. Eige­ne Über­set­zung.

71. ebd, S. 113.

72. Trotz­ki, Leo, “La sección holan­de­sa y la Inter­na­cio­nal”. Eige­ne Über­set­zung.

73.Trotz­ki, Leo, “Brief an James P. Can­non. 5. Dezem­ber 1938”.

74. Obwohl wir hier nicht die Mög­lich­keit haben, dies wei­ter aus­zu­füh­ren, geht es in die­sem Punkt auch um Man­del und Trotz­kis unter­schied­li­che Ein­schät­zun­gen der Län­ge der Peri­oden der „Dop­pel­macht“ wäh­rend der Revo­lu­tio­nen im „Wes­ten“. Man­del meint, dass dies „lan­ge Zei­ten“ sei­en, weil die Mas­sen in der Akti­on der Sowjets die Über­le­gen­heit der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie gegen­über der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie erken­nen müs­sen, bevor sie sich zur Macht­über­nah­me ent­schlie­ßen (Vgl. „Con­si­der­a­cio­nes sob­re est­ra­te­gia revo­lu­cio­na­ria“, S. 119). In Trotz­kis Fall argu­men­tiert er, in Bezug auf Groß­bri­tan­ni­en, das Gegen­teil: „Ob die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on ihr „Lan­ges Par­la­ment“ haben wird, wis­sen wir nicht. Sehr wahr­schein­lich wird sie sich mit einem kur­zen Par­la­ment begnü­gen. Aber sie wird dazu des­to siche­rer imstan­de sein, je bes­ser sie die Leh­ren des Zeit­al­ters Crom­wells beher­zi­gen wird.“ (Wohin geht Eng­land?).

75. Trotz­ki, Leo. Die Ent­schei­dungs­stun­de naht. Zur Lage in Frank­reich, 14. Dezem­ber 1938

76.Tat­säch­lich ana­ly­siert er die Ele­men­te in die­sem Sin­ne (Radi­ka­li­sie­rung), ins­be­son­de­re den enor­men Sprung in der Wahl der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei 1936 mit 1.468.949 Stim­men, von dem Trotz­ki sagt, die Bot­schaft der Wähler*innen sei klar gewe­sen, für die KPF zu stim­men bedeu­te­te: “ Wir wol­len, dass ihr in Frank­reich das tut, was die rus­si­schen Bol­sche­wi­ki im Okto­ber 1917 taten“ (Wohin geht Frank­reich?)..

77. Trotz­ki, Leo: Was sol­len die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten in Spa­ni­en tun? (1936).

78. Gram­sci, Anto­nio, “El jaco­bi­nis­mo al revés de Charles Mau­rras” (Q1, §48), Cua­der­nos de la Cár­cel, Bd. 1, A.a.O., S. 124. Eige­ne Über­set­zung.

79. Trotz­ki, Leo, Die bour­geoi­se öffent­li­che Meinung,Sozialdemokratie, Kom­mu­nis­mus, in: Zwi­schen Impe­ria­lis­mus und Revo­lu­ti­on. Die Grund­fra­gen der Revo­lu­ti­on an dem Ein­zel­bei­spiel Geor­gi­ens (1922).

80. Tho­mas, Peter, a.a.O., S. 165.

81. Über die Dis­kus­si­on über das Kon­zept des „inte­gra­len Staats“ emp­feh­len wir den Leser*innen den Arti­kel “Trot­s­ky, Gram­sci y el Estado en ‘Occi­den­te’”, von Fer­nan­do Ros­so und Juan Dal Maso, in Ide­as de Izquier­da N° 11, Juli 2014. Eine deut­sche Über­set­zung liegt nicht vor.

82. Tho­mas, Peter, a.a.O, p 167.

83. rotz­ki, Leo, Die bour­geoi­se öffent­li­che Meinung,Sozialdemokratie, Kom­mu­nis­mus, a.a.O.

84. Ebd.

85. Gram­sci, Anto­nio, “El jaco­bi­nis­mo al revés de Charles Mau­rras” (Q1, §48), a.a.O.

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