[Plattform:] Es lebe der Kampf des bolivianischen Volkes – Massenmobilisierungen in Bolivien

Vorwort:

Die fol­gen­de Erklä­rung der Soli­da­ri­tät mit den der­zei­ti­gen Mas­sen­pro­tes­ten gegen die rech­te, neo­li­be­ra­le Regie­rung in Boli­vi­en wur­de am 18. August 2020 von der «Latein­ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ti­schen Koor­di­na­ti­on» (CALA) ver­öf­fent­licht. Die CALA wur­de Ende 2019 neu gegrün­det und ver­sam­melt meh­re­re Orga­ni­sa­tio­nen des espe­ci­fis­ti­schen Anar­chis­mus, ein mit dem Platt­for­mis­mus ver­wand­tes anar­chis­ti­sches Orga­ni­sa­ti­ons­kon­zept latein­ame­ri­ka­ni­schen Ursprungs, in ihren Rei­hen.
Wir haben den Text nun ins Deut­sche über­setzt, um die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen über die Kämp­fe in Boli­vi­en auch Men­schen in unse­rem Sprach­raum zugäng­lich zu machen.
Bei der Über­set­zung haben wir uns eng am ursprüng­li­chen Wort­laut ori­en­tiert. Dabei ist anzu­mer­ken, dass der Begriff «Volk» – als Über­set­zung von «pue­blo» (im Spa­ni­schen) oder «povo» (im Por­tu­gie­si­schen) – im latein­ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­mus eine ande­re Bedeu­tung hat, als wir es im deutsch­spra­chi­gen Raum gewohnt sind.
Der orga­ni­sier­te latein­ame­ri­ka­ni­sche Anar­chis­mus begreift und ver­wen­det «Volk» als Sam­mel­be­griff für alle Unter­drück­ten der Gesell­schaft, für alle, die ein objek­ti­ves Inter­es­se an der Über­win­dung der herr­schen­den Ver­hält­nis­se haben und nicht als natio­na­lis­ti­scher und ras­sis­ti­scher Aus­gren­zungs­me­cha­nis­mus.
Mit die­ser Anmer­kung im Bewusst­sein soll­te der Text gele­sen wer­den.
Den ori­gi­nal Text der CALA fin­det ihr hier. Wir wün­schen viel Spaß bei der Lek­tü­re!


Erklärung:

Es lebe der Kampf des boli­via­ni­schen Vol­kes –
Erklä­rung der Latein­ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ti­schen Koor­di­na­ti­on (CALA)

Wie­der ein­mal zeigt das boli­via­ni­sche Volk Wür­de und ent­schlos­se­ne Kampf­be­reit­schaft. Nach dem Staats­streich vom Okto­ber 2019 und der Errich­tung einer bru­ta­len Dik­ta­tur unter Jean­ni­ne Añez geht der Wider­stand des Vol­kes wei­ter. Stra­ßen­sper­ren (ein gutes Maß für das Niveau der Aus­ein­an­der­set­zun­gen und die Kampf­be­reit­schaft), Stern­mär­sche nach La Paz (1), täg­li­che Demons­tra­tio­nen in ver­schie­de­nen Städ­ten, eine beein­dru­cken­de Mobi­li­sie­rung in El Alto (2) und die Erschaf­fung von Struk­tu­ren, wel­che alle kämp­fen­den sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen ver­ei­nen, sind Aus­druck des Wil­lens die­ses Volks, die Dik­ta­tur zu stür­zen.

Die­se Kämp­fe haben nicht erst heu­te begon­nen. Sie gehen auf die Gas- und Was­ser­krie­ge (3) zurück, die neo­li­be­ra­le Regie­run­gen stürz­ten, dazu kommt der Wider­stand gegen den jüngs­ten Staats­streich, als der dama­li­ge Prä­si­dent Evo Mora­les und die Füh­rung der MAS (4) beschlos­sen, zurück­zu­tre­ten, um “Blut­ver­gies­sen zu ver­mei­den”. Blut wur­de aber ver­gos­sen, das Blut des Vol­kes, wäh­rend die refor­mis­ti­schen Politiker*innen der ras­sis­ti­schen und faschis­ti­schen Rech­ten nach­ga­ben, die allen die Bibel auf­zwan­gen (5) und die Rech­te der Indi­ge­nen und die Wipha­la (6) mit Füs­sen tra­ten. Es ist ein Staats­streich von oben: Es sind die Bour­geoi­sie und die wei­ße Olig­ar­chie, die, beglei­tet von Hass­re­den gegen die Indi­ge­nen, die Kon­trol­le über den Staat zurück­er­obern. Man könn­te durch­aus sagen, dass die Kon­quis­ta­do­ren oder deren Nach­kom­men zurück­ge­kehrt sind – jetzt aber mit der vol­len Unter­stüt­zung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die unter ande­rem ein kla­res Inter­es­se an der Bewirt­schaf­tung der Koka­plan­ta­gen für den Dro­gen­han­del haben.

Ange­sichts die­ser Belei­di­gun­gen ver­steck­te sich das boli­via­ni­sche Volk aber nicht, es ergab sich auch nicht und ver­riet sich nicht selbst: es blieb auf der Stra­ße, selbst wäh­rend der Pan­de­mie. Und wenn sie heu­te wie­der ein­mal ver­su­chen, die Dik­ta­tur auf­recht­zu­er­hal­ten, ver­dop­pelt das kämp­fen­de Volk sei­ne Anstren­gun­gen und es gehen die unter­drück­ten Klas­sen als Gan­zes auf die Gas­sen und Stra­ßen des Lan­des. Und wie aus allen Berich­ten her­vor­geht, die aus Boli­vi­en ein­tref­fen, hat die­ses unter­drück­te Volk die Gewiss­heit und Klar­heit, dass die­se Dik­ta­tur gestürzt und ein eige­ner Weg ein­ge­schla­gen wer­den muss.

Eine For­de­rung ist sicher, dass Wah­len durch­ge­führt wer­den und dass dafür sofort ein Ter­min fest­ge­legt wird. Der Wahl­ter­min wird von der de-fac­to-Regie­rung nach eige­nem Gut­dün­ken gesetzt und ver­scho­ben, da sie mit der MAS-Füh­rung ver­han­delt. Von der MAS-Füh­rung kann nur erwar­tet wer­den, dass sie mit der Dik­ta­tur ver­han­delt. Das kämp­fen­de Volk äußert sei­nen Unmut dar­über, dass der Wahl­ter­min noch wei­ter nach hin­ten ver­scho­ben wird, indem es For­de­run­gen zu The­men stellt, die weit über die Wah­len hin­aus­ge­hen.

Wir als espe­ci­fis­ti­sche Anarchist*innen sind für die poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on des Anar­chis­mus und die Ent­wick­lung eines ech­ten Pro­zes­ses des Auf­baus der Volks­macht. Für uns die­nen Wah­len nur der Bour­geoi­sie und ihren Insti­tu­tio­nen, ins­be­son­de­re dem Staat. Sie stär­ken die Macht einer Klas­se gegen­über einer ande­ren. Und der boli­via­ni­sche Fall zeigt deut­lich die Gren­zen fort­schritt­li­cher Kräf­te in einer Regie­rung auf: MAS hat kei­ne ein­zi­ge Ein­kom­mens­quel­le der herr­schen­den boli­via­ni­schen Klas­sen ange­gan­gen – und kann es auch nicht. Es fan­den kei­ne struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen statt, so dass inner­halb weni­ger Tage ein Staats­streich mit vol­ler Unter­stüt­zung der Poli­zei und der Streit­kräf­te durch­ge­führt wur­de – zwei Insti­tu­tio­nen, die die Hüter der bür­ger­li­chen Ord­nung sind.

Aber im Ange­sicht einer dro­hen­den Dik­ta­tur mobi­li­siert die Betei­li­gung die­ser Insti­tu­tio­nen am Putsch die Men­schen noch mehr. Und was zählt, ist, dass das Volk auf der Stra­ße sein Schick­sal selbst in die Hand nimmt, um sei­ne Klas­sen­in­ter­es­sen und sei­ne Iden­ti­tä­ten als indi­ge­ne und unter­drück­te Völ­ker zu ver­tei­di­gen. Es ist an der Zeit, den Kampf des boli­via­ni­schen Vol­kes zu unter­stüt­zen und auf eine Radi­ka­li­sie­rung sei­ner For­de­run­gen zu drän­gen, die über den gele­gent­li­chen Auf­ruf zu Wah­len hin­aus­geht und dar­auf aus­ge­rich­tet ist, die Selbst­er­mäch­ti­gung und Hand­lungs­fä­hig­keit des Volks selbst zu stär­ken mit dem Ziel, die Volks­macht auf­zu­bau­en.

Das boli­via­ni­sche Volk hat in bewaff­ne­ten Mili­zen die Revo­lu­ti­on von 1952 durch­ge­führt, unzäh­li­ge Regie­run­gen gestürzt, alle Arten von Volks­auf­stän­den durch­ge­führt, seit Jahr­hun­der­ten Wider­stand geleis­tet. Die­ses Volk wird die­se faschis­ti­sche und ras­sis­ti­sche Dik­ta­tur zu Fall brin­gen und sei­nen eige­nen Weg des Kamp­fes und der Frei­heit abste­cken.

LANG LEBE DAS BOLIVIANISCHE VOLK!

NUR DAS VOLK WIRD DAS VOLK RETTEN!

HOCH MIT DENEN, DIE KÄMPFEN!

Feder­a­ción Anar­quis­ta Uru­ga­ya, fAu (Uru­gu­ay)

Coor­dena­çao Anar­quis­ta Bra­si­lei­ra, CAB (Bra­si­li­en)

Feder­a­ción Anar­quis­ta Rosa­rio, FAR (Argen­ti­ni­en)

Latein­ame­ri­ka­ni­sche Anar­chis­ti­sche Koor­di­na­ti­on (CALA)


Fußnoten:

(1) Sitz der boli­via­ni­schen Regie­rung

(2) Zweit­größ­te Stadt des Lan­des

(3) 2000 erzwang der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds die Pri­va­ti­sie­rung der boli­via­ni­schen Was­ser­ver­sor­gung, die Prei­se stie­gen danach in kür­zes­ter Zeit um das Drei­fa­che. Dies führ­te wäh­rend Mona­ten zu mas­si­ven Pro­tes­ten und einem Gene­ral­streik vor allem in der Regi­on Cocha­bam­ba. Über die­se Stadt wur­de nach mas­si­ven Zusam­men­stö­ßen das Kriegs­recht ver­hängt, bevor die Regie­rung die Pri­va­ti­sie­rung zurück­neh­men muss­te. 2003 führ­te eine Pro­test­be­we­gung, die eine Betei­li­gung der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung an den Gas­ein­kom­men for­der­te, zu eben­falls schwe­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Die­se Gas-Krieg genann­ten Ereig­nis­sen hat­ten den Sturz von meh­re­ren Regie­run­gen 2003 und 2005 zur Fol­ge.

(4) «Movi­mi­en­to al Socia­lis­mo» (MAS) ist eine lin­ke Par­tei in Boli­vi­en. Sie stell­te bis zum Putsch im Jahr 2019 mit Evo Mora­les 14 Jah­re lang den ers­ten Prä­si­den­ten indi­ge­ner Her­kunft in ganz Latein­ame­ri­ka. MAS und mit ihm auch Mora­les posi­tio­nier­ten sich gegen die neo­li­be­ra­le Pri­va­ti­sie­rung staat­li­cher und kom­mu­na­ler Betrie­be, den Ein­fluss der USA im Land und fuh­ren einen Kurs der Stei­ge­rung der Staats­aus­ga­ben in den Sek­to­ren Bil­dung und Gesund­heits­ver­sor­gung.

(5) Teil des Put­sches gegen Mora­les waren auch reli­gi­ös-ras­sis­ti­sche Mit­glie­der evan­ge­li­ka­ler Kir­chen. Sie wol­len das Land wie­der «in Got­tes Hän­de legen» und brach­ten die Bibel sym­bo­lisch in den Prä­si­den­ten­pa­last zurück. So signa­li­sier­ten sie die «Rück­kehr» der weiß-christ­li­chen kolo­nia­len Vor­herr­schaft nach dem Ende der vier­zehn­jäh­ri­gen Amts­zeit des indi­ge­nen Prä­si­den­ten Mora­les.

(6) Wipha­la sind Fah­nen, die aus der Kul­tur der Aymara stam­men, eine Vari­an­te die Qul­la­suyu Wipha­la wur­de wäh­rend der Prä­si­dent­schaft Evo Mora­les zur zwei­ten Natio­nal­flag­ge Boli­vi­ens ernannt. Nach dem Putsch 2019 kur­sier­ten Vide­os von Poli­zis­ten wel­che die Wipha­la von ihren Uni­for­men abschnit­ten. Die Wipha­la wur­de auch bei ver­schie­de­nen Regie­rungs­ge­bäu­den ein­ge­holt. Die­se Taten haben einen enor­men sym­bo­li­schen Wert: Auch über 500 Jah­re nach dem Beginn der Kolo­ni­sie­rung fin­den die Indi­ge­nen in ihren eige­nen Ter­ri­to­ri­en kei­ne Aner­ken­nung durch die Nach­fah­ren der Con­quis­ta­do­res, die ihr kul­tu­rel­les Erbe wort­wört­lich mit Füßen tre­ten.

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