[EMRAWI:] Feminist Action Chronik – Eine Dokumentation militanter feministischer Aktionen in der BRD 2019–2020

VORWORT

Wir sind eine Grup­pe, die es wich­tig fin­det, dass femi­nis­ti­sche Kämp­fe – und damit mei­nen wir nicht vor­der­grün­dig Kämp­fe zu expli­zit frauen*spezifischen The­men – radi­kal in unse­rem All­tag mit­ge­dacht wer­den und sich anein­an­der und mit den Erfah­run­gen ver­gan­ge­ner Angrif­fe wei­ter ent­wi­ckeln. Wir begrei­fen uns als Teil die­ser Kämp­fe, ste­cken aber als Aktivist*innen lei­der oft dar­in fest, The­men neben­ein­an­der zu bear­bei­ten und hof­fen auf ein lang­fris­ti­ges Aus­bre­chen aus die­ser gedank­li­chen Logik der Teil­be­reichs­kämp­fe.

Wenn wir begrei­fen, dass Gewalt­ver­hält­nis­se gegen­über Flint* (Frau­en-Les­ben-Inter-Non-binä­ry-Trans) Per­so­nen in die­sem Sys­tem nicht von ande­ren Gewalt­ver­hält­nis­sen getrennt wer­den kön­nen, soll­ten unse­re poli­ti­schen Kämp­fe die­se Ver­hält­nis­se nicht getrennt ana­ly­sie­ren. Wir wol­len von­ein­an­der ler­nen, wie wir sie zusam­men den­ken und zusam­men angrei­fen kön­nen.

Auf der einen Sei­te haben wir es satt, dass orga­ni­sier­te Grup­pen oft kei­ne Not­wen­dig­keit in Angrif­fen zu femi­nis­ti­schen The­men oder ent­spre­chen­de Zusam­men­hän­ge mit ihren The­men sehen, noch legen die wenigs­ten dar­auf außer­halb des 8. März/​Marsch für das Leben einen Fokus. Wir fra­gen uns auch immer wie­der, war­um ein Groß­teil femi­nis­ti­scher Kämp­fe nicht mili­tant geführt oder sel­ber mili­tant ver­or­tet wird. In den eige­nen Struk­tu­ren grei­fen dage­gen patri­ar­cha­le Mecha­nis­men und Effi­zi­enz­ge­dan­ken, die femi­nis­ti­sche Posi­tio­nen und Kämp­fe mar­gi­na­li­sie­ren oder auf Flint*Personen abwäl­zen, die in die­ser Atmo­sphä­re stets unter dem Druck ste­hen, sich mit mack­ri­gem Ver­hal­ten gemein zu machen.

Auf der ande­ren Sei­te gibt es etli­che Kon­gres­se, Graf­fi­ti, Demos und Aktio­nen von Grup­pen, die femi­nis­ti­sche Orga­ni­sie­rung pro­pa­gie­ren, die begrün­den, dass der Aus­schluss von Cis-Typen (Män­ner, denen bei ihrer Geburt das männ­li­che Geschlecht zuge­ord­net wur­de und die sich auch mit die­sem Geschlecht iden­ti­fi­zie­ren) in bestimm­ten Kon­tex­ten Sinn ergibt und die hart­nä­ckig ver­su­chen, die The­ma­tik Sexis­mus und patri­ar­cha­le Gewalt auf die Tages­ord­nung zu set­zen.

Wir stel­len in die­ser Bro­schü­re eine Chro­nik von Aktio­nen und den jewei­li­gen Bekenner*innenschreiben femi­nis­ti­scher mili­tan­ter Kämp­fe aus dem ver­gan­ge­nen Jahr (Febru­ar 2019 – Mai 2020) vor. Wir haben weni­ge Tex­te nicht auf­ge­nom­men, wenn die­se kei­nen expli­zit femi­nis­ti­schen Bezug, außer Grü­ße z.B. an die L34, ver­merkt hat­ten. Wei­ter wur­de sich, auf­grund der Viel­zahl, auf das Zusam­men­tra­gen von Aktio­nen beschränkt, die in der BRD statt­ge­fun­den haben.

Mit die­ser Zusam­men­stel­lung soll die Sicht­bar­keit femi­nis­ti­scher Inter­ven­tio­nen, Akti­ons­for­men und The­men erhöht wer­den, da sie häu­fig kaum wahr­ge­nom­men wer­den und regel­mä­ßig der Inhalt oder Aus­lö­ser hin­ter das Level der Akti­on zurück tritt. Erfreu­li­cher­wei­se haben die wie­der­hol­ten Aktio­nen der Femi­nis­ti­schen Auto­no­men Zel­len „FAZ“ es geschafft, dass Aktio­nen und Bekenner*innenschreiben auf­ge­grif­fen, statt über­flo­gen, wur­den. Ob das allein der Namens­ge­bung geschul­det ist, bleibt zu dis­ku­tie­ren.

Es geht uns mit die­ser Bro­schü­re auch schlicht um ein Archiv auf einen Blick. Durch eine beein­dru­cken­de Fül­le, die sich in die­ser Chro­nik ergibt, kann moti­viert wer­den und sie gibt die Mög­lich­keit, Ideen zu ergän­zen und nach­zu­ma­chen.

Femi­nis­tisch orga­ni­siert zu sein heißt für uns alle etwas ande­res, aber viel­leicht errei­chen wir es, in der nächs­ten Zeit Bezü­ge durch unse­re Akti­ons­for­men, Orga­ni­sie­rung und The­men zuein­an­der her­zu­stel­len und zu schär­fen, statt herr­schen­de Dis­kur­se und Daten von Reak­tio­nä­ren in den Vor­der­grund zu stel­len. Wir soll­ten uns genau­so wenig dar­an abar­bei­ten, spek­ta­ku­lä­re Aktio­nen machen zu müs­sen, damit auch ande­re mal hin­schau­en, noch soll­ten wir ver­säu­men, inhalt­lich zu inter­ve­nie­ren, wo in unse­ren Grup­pen stump­fer Aktio­nis­mus gepre­digt wird, wäh­rend inhalt­lich und sozi­al kei­ne par­al­le­le Ent­wick­lung statt­fin­det.

Neben den 4 The­men­punk­ten – 8. März, Fun­dis, Liebig34 und FAZ – haben wir noch Berich­te im Kapi­tel „Diver­ses“ gesam­melt. Dort fin­den sich Tex­te zu den Berei­chen Fan­ti­fa, Knast, Gen­tri­fi­zie­rung, Umwelt etc. Zum Abschluss haben wir einen kur­zen his­to­ri­schen Bezug mit einem Inter­view der Roten Zora plat­ziert. In ihren Ana­ly­sen kom­men ähn­li­che Gedan­ken zu Pro­ble­men auf, vor denen wir, vor allem als Flint*, heu­te wie damals ste­hen: Wie kön­nen wir leicht nach­ahm­ba­re mili­tan­te Pra­xis ver­mit­teln?

War­um liegt es bei Frau­en*, frau­en-spe­zi­fi­sche The­men zu bear­bei­ten, wäh­rend ver­meint­lich „all­ge­mei­ne“ The­men bei den Typen lie­gen? War­um haben Frau­en* das Pro­blem, in einer gemisch­ten Grup­pe die Iden­ti­tät als Frau zurück stel­len zu müs­sen, wenn es dar­um geht, eine Akti­on durch­zu­zie­hen? Wie funk­tio­niert die Anknüp­fung an eine brei­te­re Frauen*bewegung, die sel­ber nicht the­ma­ti­siert, dass Gewalt ein not­wen­di­ges Mit­tel sein kann? Wie kön­nen wir frauen*-spezifische The­men, ver­knüpft mit ande­ren Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men, angrei­fen?

Wir hof­fen auf Nachamer*innen, die eine Chro­nik z.B. für Öster­reich oder die Schweiz zusam­men stel­len wür­den. Es wäre auch ein span­nen­des Pro­jekt, inhalt­li­che Dabat­ten zu sam­meln zu den The­men: Umgang mit sexu­el­len Über­grif­fen in der eige­nen Sze­ne (1), inter­na­tio­na­le Bezü­ge (2) oder grund­le­gen­de femi­nis­ti­sche Ana­ly­sen.

Wir stel­len in die­ser Bro­schü­re eine Chro­nik von Aktio­nen und den jewei­li­gen Bekenner*innenschreiben femi­nis­ti­scher mili­tan­ter Kämp­fe aus dem ver­gan­ge­nen Jahr (Febru­ar 2019 – Mai 2020) vor. Wir haben weni­ge Tex­te nicht auf­ge­nom­men, wenn die­se kei­nen expli­zit femi­nis­ti­schen Bezug, außer Grü­ße z.B. an die L34, ver­merkt hat­ten. Wei­ter wur­de sich, auf­grund der Viel­zahl, auf das Zusam­men­tra­gen von Aktio­nen beschränkt, die in der BRD statt­ge­fun­den haben.

Cau­se the night belongs to us!

(1) Aktu­ell aus Frank­furt mit dem Auf­ruf Stel­lung zu bezie­hen: „Paper zur Auf­ar­bei­tung und Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me sexua­li­sier­ter Gewalt“: https://​de​.indy​m​e​dia​.org/​n​o​d​e​/​8​2​717

(2) Refle­xio­nen zum Besuch bei einer auto­no­men Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on in Roja­va: „For who(m) the Revo­lu­ti­on?“: http://​ak36​.blog​sport​.de/​2​0​1​9​/​0​1​/​0​1​/​f​o​r​-​w​h​o​m​-​t​h​e​-​r​e​v​o​l​u​t​i​on/

INHALT

8. MÄRZ

Jähr­lich fin­den zum 8. März vari­an­ten­rei­che Aktio­nen statt, die hier für 2019 und 2020 abge­bil­det sind. Der Tag gibt immer wie­der Anlass, sich auf femi­nis­ti­sche Kämp­fe zu kon­zen­trie­ren, zu ver­schie­de­nen Demos und Aktio­nen zu mobi­li­sie­ren, auf mise­ra­ble Zustän­de hin­zu­wei­sen und der Wut über die­se frei­en Lauf zu las­sen.

FUNDIS

Rund um den regel­mä­ßig in Ber­lin statt­fin­den­den „Marsch für das Leben“ fin­den in der BRD vie­le Aktio­nen statt, die sich gegen die Abtreibungsgegner*innen und ihr rech­tes Kli­en­tel rich­ten. Aber auch jen­seits die­ses Datums orga­ni­sie­ren sich Gefährt*innen, um den Akteur*innen, Kir­chen, rech­ten Par­tei­en und bera­ten­den Stel­len, die ihre fun­da­men­ta­lis­ti­sche und patri­ar­cha­le Welt­sicht ver­brei­ten, die­ses Han­deln zu erschwe­ren.

LIEBIG34

Seit dem 01.01.2019 ist das anar­cha-queer­fe­mi­nis­ti­sche Haus­pro­jekt in Fried­richs­hain besetzt. Der Eigen­tü­mer Pado­vicz, auch Besit­zer diver­ser ande­rer Häu­ser und Haus­pro­jek­te in Ber­lin, steht sym­bo­lisch und per­sön­lich für die Logik des Immo­bi­li­en-Markts. Der Ber­li­ner Senat und die Bul­len ver­su­chen, die Räu­mungs­an­dro­hung mit einer Kom­bi­na­ti­on aus Tot­schwei­gen und der regel­mä­ßi­gen Beset­zung des Dorf­plat­zes vor der L34 zu beglei­ten. Die Bewohner*innen sind rebel­lisch und der Pro­zess wird durch eine offen­si­ve Kam­pa­gne beglei­tet.

FAZ

Die Femi­nis­ti­schen Auto­no­men Zel­len (FAZ) sind hier geson­dert auf­ge­führt, da es eine der ers­ten Grup­pen seit Jah­ren ist, die sich einen (fes­ten) Namen gibt. Die­ser Schritt hat umge­hend zu einer Debat­te geführt. Da die Tex­te sich deut­lich von ande­ren anony­me­ren Schrei­ben unter­schei­den, bei­spiels­wei­se Refle­xi­ons­pro­zes­se ver­schrift­licht wur­den, sind Tex­te, die mit FAZ unter­schrie­ben wur­den, hier voll­stän­dig zu lesen.

ROTE ZORA – HISTORISCHER BEZUG

Die Beweg­grün­de, aus denen her­aus sich 1983 die Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on Rote Zora von den Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len (RZ) abtrenn­te, sind so aktu­ell wie kon­se­quent. Die Zoras woll­ten eine auto­no­me Orga­ni­sie­rung ohne Typen, um sich nicht wei­ter an männ­li­chen Nor­men zu ori­en­tie­ren. Sie waren klan­des­tin und mili­tant orga­ni­siert, um im „Her­zen der Bes­tie“ die Angreif­bar­keit der Herr­schen­den leben­dig zu hal­ten. Eines ihrer Mot­tos lau­te­te: „Die Schwei­ne haben Namen, Frau­en sucht euch die Adres­sen!“ Ihre Brand- und Bom­ben­an­schlä­ge tra­fen z.B. die Bun­des­ärz­te­kam­mer, Sex­shops und bun­des­wei­te Filia­len des Klei­der­her­stel­lers Adler. Ihre Schrei­ben und Aktio­nen, Zie­le und spä­te­ren Refle­xio­nen sehen wir als aktu­el­le und lehr­rei­che Bezugs­punk­te für jede radi­ka­le Grup­pe.

DIVERSES

Hier fin­det ihr Tex­te, die die Ver­bin­dung auf­ge­macht haben zwi­schen Anti­fa­schis­mus und Femi­nis­mus, Gen­tri­fi­zie­rung, Roja­va und eini­gen wei­te­ren The­men, die teil­wei­se zusätz­lich Bezug auf obi­ge Kate­go­rien neh­men, z.B. Fan­ti­fa und Knast.

VERWEISE/​TIPPS

von: femi​nist​ac​tion​chro​nik​.noblogs​.org

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