[gfp:] Die Sorgen der Transatlantiker

Dramatischer Ansehensverlust

Ursa­che für die neu­en Bestre­bun­gen deut­scher Trans­at­lan­ti­ker, die Sym­pa­thie­wer­bung für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu ver­stär­ken, sind nicht nur mas­si­ve, offen­bar sta­bi­le Ver­schie­bun­gen in der Hal­tung der deut­schen Bevöl­ke­rung gegen­über den USA. Eine im Janu­ar ver­öf­fent­lich­te US-Umfra­ge etwa ergab, dass seit 2017 ledig­lich 30 bis 39 Pro­zent der deut­schen Bevöl­ke­rung ein posi­ti­ves Bild von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben; in den Jah­ren zuvor waren es regel­mä­ßig mehr als 50 Pro­zent gewesen.[1] Zudem gaben nur 13 Pro­zent an, „Ver­trau­en“ in die Poli­tik von US-Prä­si­dent Donald Trump zu haben; 85 Pro­zent erklär­ten aus­drück­lich das Gegen­teil. Eine im Mai von der Ham­bur­ger Kör­ber Stif­tung publi­zier­te Umfra­ge wie­der­um kam zu dem Resul­tat, der Umgang der Trump-Admi­nis­tra­ti­on mit der Covid-19-Pan­de­mie habe die Mei­nung von ins­ge­samt 73 Pro­zent der Bevöl­ke­rung bezüg­lich der USA klar „verschlechtert“.[2] Befragt, ob sie enge Bezie­hun­gen der Bun­des­re­pu­blik zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder zu Chi­na für wich­ti­ger hiel­ten, spra­chen sich 37 Pro­zent für Washing­ton, 36 Pro­zent hin­ge­gen für Bei­jing aus. Ein Jahr zuvor hat­ten noch 50 Pro­zent enge Bezie­hun­gen zu den USA favo­ri­siert und nur 24 Pro­zent enge Bezie­hun­gen zu Chi­na. Die Ergeb­nis­se der Unter­su­chung rie­fen im Früh­jahr grö­ße­re Auf­merk­sam­keit her­vor.

Transatlantische Differenzen

Dabei reicht die Sor­ge über die Ent­wick­lung der Bezie­hun­gen zu den USA noch tie­fer – weit in tra­di­tio­nell trans­at­lan­ti­sche Krei­se der deut­schen Eli­ten hin­ein. All­ge­mei­nen Pro­test haben gänz­lich unab­hän­gig von der jewei­li­gen Hal­tung zu Nord Stream 2 die jüngs­ten US-Sank­tio­nen gegen die Erd­gas­lei­tung her­vor­ge­ru­fen, die nicht nur Dut­zen­de deut­sche Fir­men, son­dern auch deut­sche Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen treffen.[3] In Wirt­schafts­krei­sen wächst die Befürch­tung, Washing­ton wer­de, soll­te es mit den Sank­tio­nen Erfolg haben, neue fol­gen las­sen, um dann auch das wich­ti­ge Chi­na­ge­schäft der deut­schen Indus­trie fron­tal zu atta­ckie­ren. Aktu­ell sorgt für Debat­ten auch in der Ber­li­ner Poli­tik, dass dem Pen­ta­gon und der CIA ver­bun­de­ne Risi­ko­ka­pi­tal­fonds deut­sche High-Tech-Star­tups kau­fen, um dadurch US-Geheim­diens­te sowie die U.S. Space For­ce mit moderns­ter Tech­no­lo­gie aus­zu­rüs­ten; Insi­der war­nen mitt­ler­wei­le, in kaum zwei Jah­ren kön­ne ein wesent­li­cher Teil der deut­schen Welt­raum­bran­che in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten abge­wan­dert sein.[4] Schrit­te wie die­se gehen über übli­che poli­ti­sche Dif­fe­ren­zen – etwa im Streit um das Atom­ab­kom­men mit Iran – und über all­täg­li­che öko­no­mi­sche Kon­kur­renz hin­aus, weil sie unmit­tel­bar dar­auf abzie­len, den deut­schen Riva­len zu schwä­chen und jeg­li­ches Bemü­hen um Eigen­stän­dig­keit zu unter­bin­den. Erst kürz­lich warn­te der CDU-Außen­po­li­ti­ker Johann Wade­phul, „latent schwe­len­de oder auch offen aus­ge­tra­ge­ne trans­at­lan­ti­sche Dif­fe­ren­zen“ könn­ten in abseh­ba­rer Zeit „eskalieren“.[5]

Brücke über den Atlantik

Ver­gan­ge­ne Woche hat der Vor­stand der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on in einer Klau­sur auf die anschwel­len­den Sor­gen reagiert. Man müs­se „die trans­at­lan­ti­sche Part­ner­schaft … bewah­ren und aus­bau­en“, heißt es in einer Erklä­rung, die nach dem Tref­fen ver­öf­fent­licht wurde.[6] Einer­seits pro­tes­tiert der Frak­ti­ons­vor­stand dage­gen, dass sich „NATO-Part­ner unter­ein­an­der mit Han­dels­sank­tio­nen bedro­hen“. Zudem „ver­bie­te“ sich „der Ein­satz uni­la­te­ra­ler Sank­tio­nen mit Wir­kung auf Dritt­par­tei­en gegen ver­bün­de­te Staa­ten oder pri­va­te und öffent­li­che Unter­neh­men“. Ande­rer­seits erklä­ren die Uni­ons­po­li­ti­ker unter Ver­weis auf die NATO und Wirt­schafts­in­ter­es­sen, Deutsch­land und die USA sei­en „über den Atlan­tik hin­weg so eng, so tief­ge­hend und viel­fäl­tig ver­wo­ben“ wie „sonst nie­mand in der Welt“. Man müs­se des­we­gen „die Brü­cke über den Atlan­tik wie­der stär­ken“. „Wir wol­len den Aus­tausch der Par­la­men­te, der Streit­kräf­te, der Wis­sen­schaft und der Zivil­ge­sell­schaft inten­si­vie­ren und mas­siv aus­bau­en“, heißt es wei­ter: „Dafür wol­len wir ein deutsch-ame­ri­ka­ni­sches Jugend­werk ein­rich­ten“. Dar­über hin­aus sol­le der 6. Okto­ber, der Tag, „an dem 1683 die ers­ten deut­schen Aus­wan­de­rer in den USA lan­de­ten und Ger­man­town grün­de­ten“, in Zukunft spe­zi­ell gewür­digt wer­den – als „Tag der deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Freund­schaft“.

„Das USA-Bild erweitern“

Neue Anstren­gun­gen in Sachen Sym­pa­thie­wer­bung für die USA unter­nimmt auch die Hein­rich-Böll-Stif­tung (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen); sie hat dem Anlie­gen die aktu­el­le Aus­ga­be ihres Maga­zins „Böll.Thema“ gewid­met. „In den ver­gan­ge­nen sieb­zig Jah­ren waren die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka und Euro­pa engs­te Ver­bün­de­te“, heißt es in dem Blatt; „heu­te“ jedoch ste­he „die Zukunft die­ser Bezie­hung … auf dem Spiel“.[7] Ursa­che ist dem­nach ins­be­son­de­re die Poli­tik der Trump-Admi­nis­tra­ti­on, die vor allem auch in Grü­nen-Milieus als untrag­ba­re Zumu­tung emp­fun­den wird. Die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen sei­en „stark genug, um vier Jah­re Belas­tung zu über­ste­hen“, heißt es in „Böll.Thema“; „doch wenn es auf unbe­stimm­te Zeit so wei­ter­geht“, dann „wer­den sie irgend­wann nicht mehr zu ret­ten sein“: „Das darf nicht gesche­hen.“ Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken, plä­diert die Stif­tung dafür, „ein ein­ge­eng­tes USA-Bild“ zu „erwei­tern und [zu] ver­än­dern“. Mit Blick auf ihr Ziel­pu­bli­kum por­trä­tiert sie gezielt Bewe­gun­gen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, „die sich für Viel­falt, Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, Kli­ma­schutz und stren­ge­re Waf­fen­ge­set­ze ein­set­zen“; viel Raum wird in „Böll.Thema“ öko­lo­gi­schen, femi­nis­ti­schen und anti­ras­sis­ti­schen US-Initia­ti­ven gewid­met. Es gebe „eine neue Genera­ti­on von Transatlantiker*innen – eine, die jün­ger und weib­li­cher ist und die Plu­ra­li­tät unse­rer Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaf­ten wider­spie­gelt“, schreibt die Grü­nen-Stif­tung: „Die USA sind anders, als wir oft­mals den­ken!“

„Die stabilisierende Wirkung der NATO“

Dass die Bemü­hun­gen, öko­lo­gisch-pro­gres­si­ve Milieus trans­at­lan­tisch fest ein­zu­bin­den, vor allem außen­po­li­tisch moti­viert sind, zei­gen die Bei­trä­ge in „Böll.Thema“, die sich den Bezie­hun­gen zu Chi­na wid­men oder die Bedeu­tung der NATO strei­fen. Letz­te­re galt in frü­he­ren frie­dens­be­weg­ten Grü­nen-Milieus lan­ge Zeit als rotes Tuch. Zur NATO erklärt Omid Nou­ripour, außen­po­li­ti­scher Spre­cher der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on, man dür­fe „nicht unter­schät­zen, was für eine sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung“ das Mili­tär­bünd­nis „auch für den Zusam­men­halt Euro­pas“ habe; es gel­te die „Ängs­te“ der bal­ti­schen Staa­ten vor Russ­land zu „ver­ste­hen“ – und ihre Ansicht, „dass nur die NATO sie schüt­zen kann“.[8] Zum Ver­hält­nis zu Chi­na äußert sich im Maga­zin der Böll-Stif­tung der Grü­nen-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te Rein­hard Büti­ko­fer, der gemein­sam mit Hard­li­nern der US-Repu­bli­ka­ner und einem ehe­ma­li­gen CIA-Spe­zia­lis­ten zu den maß­geb­li­chen Grün­dern der Inter-Par­lia­men­ta­ry Alli­an­ce on Chi­na (IPAC) gehört, einem Par­la­men­ta­rier­bünd­nis aus der­zeit 16 Staa­ten, das inter­na­tio­na­le Polit­kam­pa­gnen gegen die Volks­re­pu­blik orches­triert (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). „Trotz der nega­ti­ven Erfah­run­gen“ mit US-Prä­si­dent Trump ste­he „die US-Demo­kra­tie … uns immer noch unend­lich viel näher als Chi­nas tota­li­tä­res Sys­tem“, erklärt Büti­ko­fer, der her­vor­hebt, die EU betrach­te die Volks­re­pu­blik mitt­ler­wei­le „auch als sys­te­mi­schen Riva­len“. Nou­ripour und Büti­ko­fer gehö­ren bei­de sowohl dem Vor­stand der Atlan­tik-Brü­cke als auch dem Vor­stand der Deut­schen Atlan­ti­schen Gesell­schaft an.

[1] Pew Rese­arch Cen­ter: Trump Ratings Remain Low Around Glo­be, While Views of U.S. Stay Most­ly Favor­able. Washing­ton, Janu­a­ry 2020.

[2] Kör­ber Stif­tung: The Ber­lin Pul­se 2020. Ger­man For­eign Poli­cy in Times of Covid-19. Ham­burg 2020.

[3] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen.

[4] S. dazu Kampf um deut­sche High-Tech-Fir­men.

[5] S. dazu Die „Koali­ti­on der Ent­schlos­se­nen“.

[6] Die trans­at­lan­ti­sche Part­ner­schaft als Garant unse­rer Sicher­heit und Frei­heit bewah­ren und aus­bau­en. Klau­sur des Vor­stands der CDU/C­SU-Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag. 2. Sep­tem­ber 2020.

[7], [8] Böll.Thema 20–3: Trans­for­mer. Trans­at­lan­ti­sche Bezie­hun­gen im Wan­del. boell​.de.

[9] S. dazu Der grü­ne Kal­te Krieg und Im tran­spa­zi­fi­schen Kal­ten Krieg.

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