[gfp:] Deutschlands pazifische Vergangenheit (I)

Mobilisierung gegen Beijing

Als die deut­schen Trup­pen, die nur wenig spä­ter das Mas­sa­ker von Liangxiang begin­gen, am 15. August 1900 in Chi­na ein­tra­fen, war die Nie­der­schla­gung des Boxer­auf­stands längst voll im Gang. Die Rebel­li­on gegen die Kolo­ni­al­mäch­te aus Euro­pa, Japan und den USA hat­te im Juni 1900 auf Bei­jing über­zu­grei­fen begon­nen. Mit­te Juni nah­men die Auf­stän­di­schen nach Pro­vo­ka­tio­nen aus­län­di­scher Diplo­ma­ten – auch des deut­schen Gesand­ten Cle­mens von Ket­te­ler, der per­sön­lich meh­re­re Auf­stän­di­sche erschoss – das Gesandt­schafts­vier­tel in der Haupt­stadt ins Visier. Der Auf­stand eska­lier­te zum Krieg, als am 20. Juni regu­lä­re chi­ne­si­sche Sol­da­ten began­nen, das Gesandt­schafts­vier­tel zu bela­gern. In Euro­pa hat­te die Mobi­li­sie­rung frei­lich eini­ge Tage frü­her begon­nen. Den Anlass lie­fer­te ein am 16. Juni in der Lon­do­ner Dai­ly Mail erschie­ne­ner Bericht, in dem gänz­lich unzu­tref­fend behaup­tet wur­de, Auf­stän­di­sche hät­ten das Gesandt­schafts­vier­tel gestürmt und dort sämt­li­che Aus­län­der ermor­det – eine Kriegs­lü­ge, wie man sie heu­te noch kennt. Ver­such­ten die Kolo­ni­al­mäch­te zunächst mit in der Regi­on befind­li­chen Trup­pen zu inter­ve­nie­ren, Deutsch­land etwa mit Ein­hei­ten aus sei­nem „Pacht­ge­biet Kiautschou“ (Qing­dao), so setz­te in der zwei­ten Juni­hälf­te auch im Reich eine umfas­sen­de Mobi­li­sie­rung ein. Am 27. Juli ver­ab­schie­de­te Kai­ser Wil­helm II. in Bre­mer­ha­ven das Ost­asia­ti­sche Expe­di­ti­ons­korps – als Kon­tin­gent einer inter­na­tio­na­len Inter­ven­ti­ons­macht unter Füh­rung des deut­schen Gene­ral­feld­mar­schalls Alfred von Wal­der­see. Sei­ne dama­li­ge Rede ist als „Hun­nen­re­de“ bekannt.[1]

Ermordet, geplündert, niedergebrannt

Bereits zuvor, am 2. Juli 1900, hat­te die Reichs­re­gie­rung, um mög­lichst rasch inter­ve­nie­ren zu kön­nen, das Ers­te und das Zwei­te See­ba­tail­lon nach Chi­na aus­ge­schifft; die bei­den Ein­hei­ten, die jeweils um die tau­send Mann umfass­ten, waren eini­ge Jah­re zuvor eigens als Spe­zi­al­trup­pen für Inter­ven­tio­nen in den deut­schen Kolo­nien geschaf­fen worden.[2] Als die zwei See­ba­tail­lo­ne die chi­ne­si­sche Hafen­stadt Tian­jin erreich­ten, hat­ten Streit­kräf­te der Kolo­ni­al­mäch­te soeben die Bela­ge­rung des Gesandt­schafts­vier­tels in Bei­jing nie­der­ge­schla­gen und sofort mit der Plün­de­rung der chi­ne­si­schen Haupt­stadt begon­nen, über die Pau­la von Rost­horn, Ehe­frau des Geschäfts­trä­gers der öster­rei­chi­schen Gesandt­schaft, spä­ter berich­te­te: „Erbar­mungs­los wur­de alles nie­der­ge­macht, Män­ner, Frau­en und Kin­der, alles Wert­vol­le geraubt und dann die Häu­ser in Brand gesteckt.“[3] Tau­sen­de Chi­ne­sen wur­den ermor­det; geplün­der­te Waren wur­den oft ver­stei­gert, der Ertrag wur­de zur Finan­zie­rung der Besat­zungs­kos­ten genutzt oder an die Sol­da­ten der Kolo­ni­al­mäch­te ver­teilt. Das Ers­te See­ba­tail­lon traf am 23. August in Bei­jing ein, das Zwei­te See­ba­tail­lon folg­te am 1. Sep­tem­ber. Zur Ein­rich­tung ihrer Quar­tie­re raub­ten die deut­schen Mili­tärs, wie es in einer Stu­die über ihren Ein­satz heißt, „vor­nehm­lich chi­ne­si­sche Tem­pel aus“.[4] Das Ers­te See­ba­tail­lon gab sei­nen Ein­stand am 27. August mit einem Mas­sa­ker an 76 Chi­ne­sen, die vor der Erschie­ßung – an ihren Zöp­fen zusam­men­ge­bun­den – gezwun­gen wor­den waren, ihre eige­nen Grä­ber aus­zu­he­ben.

Wahllos erschossen

Das furcht­bars­te Mas­sa­ker der deut­schen Kolo­ni­al­trup­pen in Chi­na begin­gen Sol­da­ten der bei­den See­ba­tail­lo­ne bereits am 11. Sep­tem­ber 1900, einen Tag, bevor das Ost­asia­ti­sche Expe­di­ti­ons­korps unter Gene­ral­feld­mar­schall von Wal­der­see in Tian­jin ein­traf. Anlass waren angeb­li­che Schüs­se auf eine deut­sche Patrouil­le von den Wäl­len der Klein­stadt Liangxiang im Süd­wes­ten Bei­jings. Am fol­gen­den Tag – eben­je­nem 11. Sep­tem­ber – rück­ten die deut­schen Mili­tärs auf Liangxiang vor; sie erhiel­ten dabei Unter­stüt­zung von rund 50 Rei­tern der bri­tisch-indi­schen Kolonialtruppen.[5] Mit hoch über­le­ge­nen Waf­fen aus­ge­stat­tet, erober­ten sie zunächst einen Pago­den­hü­gel vor Liangxiang, von dem aus sie die chi­ne­si­sche Ver­tei­di­gung an den Wäl­len unter Beschuss neh­men konn­ten; sie feu­er­ten dabei Berich­ten zufol­ge auch wahl­los in Wohn­ge­bie­te und auf flie­hen­de Chi­ne­sen. Anschlie­ßend folg­te der Sturm auf die Stadt, die ohne wei­te­res ein­ge­nom­men wer­den konn­te. Die Häu­ser wur­den sys­te­ma­tisch durch­kämmt; „Krie­ger, die noch grup­pen­wei­se mit Waf­fen und wider­stands­leis­tend ange­trof­fen wur­den, band man mit den Zöp­fen anein­an­der, führ­te sie vor die Stadt und erschoss sie dort kriegs­recht­lich“, heißt es in einem Korrespondentenbericht.[6]

Systematisch umgebracht

Tat­säch­lich wur­den im Rah­men der soge­nann­ten Straf­ex­pe­di­ti­on nicht nur gefan­gen­ge­nom­me­ne Auf­stän­di­sche ermor­det, son­dern alle männ­li­chen Bewoh­ner. So berich­tet ein Augen­zeu­ge, es sei­en „sämt­li­che Män­ner, die in der Stadt waren und dort nicht bereits ihr Schick­sal gefun­den hat­ten, an die Mau­er gestellt und erschos­sen wor­den“. Die Gesamt­zahl der Ein­woh­ner Liangxiangs wird auf etwa 3.000 bis 4.000 geschätzt. „Die gesam­te Straf­ex­pe­di­ti­on“, urteilt der His­to­ri­ker Bernd Mar­tin, „kam eher einem Manö­ver mit schar­fer Muni­ti­on an leben­den Ziel­schei­ben gleich als einer Kampf­hand­lung“; „die deut­schen Ver­lus­te, ein getö­te­ter See­sol­dat und vier Leicht­ver­letz­te“, hät­ten „zah­len­mä­ßig den bei Manö­vern übli­chen Unfäl­len“ entsprochen.[7] Nach der Been­di­gung des Mas­sen­mords zogen die zwei deut­schen See­ba­tail­lo­ne wie­der ab, aller­dings nicht, ohne zuvor noch die Rui­nen von Liangxiang in Brand gesetzt zu haben. In einer Dar­stel­lung eines an dem Mas­sa­ker betei­lig­ten deut­schen Ober­leut­nants heißt es zur Begrün­dung: „Die deut­sche Min­der­heit muss­te rück­sichts­los vor­ge­hen, um dem schänd­li­chen Trei­ben der Boxer ein für alle­mal ein Ende zu machen.“[8]

„Zivilisierte“ Nationen

Dem Mas­sa­ker von Liangxiang folg­ten noch zahl­rei­che wei­te­re. Für die dama­li­ge Pro­vinz Zhi­li rings um die Haupt­stadt zäh­len His­to­ri­ker 76 soge­nann­te Straf­ex­pe­di­tio­nen, von denen 51 allei­ne von deut­schen Trup­pen durch­ge­führt wur­den; an den ande­ren waren deut­sche Sol­da­ten häu­fig über­pro­por­tio­nal betei­ligt. Man begrün­de­te sie – außer mit dem Vor­ge­hen gegen tat­säch­li­che oder angeb­li­che Auf­stän­di­sche – zuwei­len auch mit Ver­gel­tung für Angrif­fe von Rebel­len auf deut­sche Mili­tärs. Übli­cher­wei­se wur­de bei den „Straf­ex­pe­di­tio­nen“ nach – angeb­li­chen – Auf­stän­di­schen gefahn­det, die anschlie­ßend an die loka­len Behör­den über­ge­ben oder gleich ermor­det wur­den; „Mas­sen­exe­ku­tio­nen waren die Regel“, heißt es in einer Unter­su­chung über die Mord­bren­ne­rei­en der deut­schen Soldaten.[9] An die kriegs­recht­li­chen Nor­men der Haa­ger Frie­dens­kon­fe­renz von 1899 fühl­ten sich die deut­schen Streit­kräf­te nicht gebun­den – die­se gal­ten nur für „zivi­li­sier­te“ Natio­nen, zu denen Chi­na und sei­ne Bevöl­ke­rung laut Auf­fas­sung der Kolo­ni­al­mäch­te nicht zähl­ten. Nicht weni­ge deut­sche Sol­da­ten, die an den Mas­sa­kern in Chi­na betei­ligt waren, nah­men spä­ter an Kolo­ni­al­krie­gen im heu­ti­gen Nami­bia und im heu­ti­gen Tan­sa­nia teil. Zudem wei­sen die Mas­sa­ker Par­al­le­len zu „Straf­ex­pe­di­tio­nen“ deut­scher Kolo­ni­al­trup­pen in den 1890er Jah­ren in Afri­ka auf.[10] Unter den Nach­fah­ren der Täter sind die deut­schen Kolo­ni­al­ver­bre­chen weit­hin in Ver­ges­sen­heit gera­ten, unter den Nach­fah­ren der Opfer – in Afri­ka wie in Chi­na – frei­lich nicht.

[1] S. dazu Die „Hun­nen­re­de“.

[2] Bernd Mar­tin: Sol­da­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung und Mas­sa­ker. Das deut­sche Ers­te und Zwei­te See­ba­tail­lon im Ein­satz im „Boxer­krieg“ in Chi­na 1900. In: Mili­tär­ge­schicht­li­che Zeit­schrift 69 (2010). S. 221–241.

[3] Mecht­hild Leut­ner: Die Bela­ge­rung der Gesandt­schaf­ten oder: Wie der Krieg begann. In: Mecht­hild Leut­ner, Klaus Mühl­hahn (Hg.): Kolo­ni­al­krieg in Chi­na. Die Nie­der­schla­gung der Boxer­be­we­gung 1900–1901. S. 102–110.

[4] Bernd Mar­tin: Sol­da­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung und Mas­sa­ker. Das deut­sche Ers­te und Zwei­te See­ba­tail­lon im Ein­satz im „Boxer­krieg“ in Chi­na 1900. In: Mili­tär­ge­schicht­li­che Zeit­schrift 69 (2010). S. 221–241.

[5] Vgl. die Schil­de­run­gen des Mas­sa­kers bei: Bernd Mar­tin: Sol­da­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung und Mas­sa­ker. Das deut­sche Ers­te und Zwei­te See­ba­tail­lon im Ein­satz im „Boxer­krieg“ in Chi­na 1900. In: Mili­tär­ge­schicht­li­che Zeit­schrift 69 (2010). S. 221–241. Susan­ne Kuß: Deut­sche Straf­ex­pe­di­tio­nen im Boxer­krieg. In: Mecht­hild Leut­ner, Klaus Mühl­hahn (Hg.): Kolo­ni­al­krieg in Chi­na. Die Nie­der­schla­gung der Boxer­be­we­gung 1900–1901. Ber­lin 2007. S. 135–146.

[6], [7], [8] Zitiert nach: Bernd Mar­tin: Sol­da­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung und Mas­sa­ker. Das deut­sche Ers­te und Zwei­te See­ba­tail­lon im Ein­satz im „Boxer­krieg“ in Chi­na 1900. In: Mili­tär­ge­schicht­li­che Zeit­schrift 69 (2010). S. 221–241.

[9] Susan­ne Kuß: Deut­sche Straf­ex­pe­di­tio­nen im Boxer­krieg. In: Mecht­hild Leut­ner, Klaus Mühl­hahn (Hg.): Kolo­ni­al­krieg in Chi­na. Die Nie­der­schla­gung der Boxer­be­we­gung 1900–1901. Ber­lin 2007. S. 135–146.

[10] S. dazu Auf dem Weg zum Ver­nich­tungs­krieg (I), Auf dem Weg zum Ver­nich­tungs­krieg (II) und Rezen­si­on: Völ­ker­mord in Deutsch-Süd­west­afri­ka.

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