[gfp:] Europas Schild

Desaströse Lebensbedingungen

Die kata­stro­pha­len Ver­hält­nis­se in den Flücht­lings­la­gern auf den grie­chi­schen Ägäis­in­seln vor der Küs­te der Tür­kei wer­den seit Jah­ren inter­na­tio­nal scharf kri­ti­siert. Zeit­wei­se vege­tier­ten in den Ein­rich­tun­gen, die offi­zi­ell rund 6.000 Men­schen beher­ber­gen kön­nen, annä­hernd 40.000 Flücht­lin­ge dahin; heu­te sit­zen dort immer noch mehr als 24.000 Flücht­lin­ge fest. Allein in dem wohl berüch­tigts­ten Lager Moria auf Les­bos, das für knapp 3.000 Ein­woh­ner aus­ge­legt ist, leb­ten Anfang Sep­tem­ber über 12.700 Per­so­nen, vie­le davon in behelfs­mä­ßig auf­ge­schla­ge­nen klei­nen Zel­ten, eini­ge gänz­lich ohne Dach über dem Kopf – unter völ­lig unzu­läng­li­chen hygie­ni­schen Bedin­gun­gen und ohne aus­rei­chen­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, zum Teil sogar ohne ange­mes­se­ne Ver­sor­gung mit Lebensmitteln.[1] Schon seit Jah­ren wei­sen Mit­ar­bei­ter von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen dar­auf hin, dass selbst Kin­der mit Kriegs­ver­let­zun­gen nicht im erfor­der­li­chen Maß behan­delt wer­den kön­nen; im Janu­ar etwa wur­de nach Anga­ben von Méde­cins Sans Fron­tiè­res (MSF) allein in Moria min­des­tens 140 Kin­dern die not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ver­wei­gert. Vie­le Kin­der lei­den unter schwe­ren psy­chi­schen Erkran­kun­gen; Hel­fer berich­ten, dass sie zu spre­chen auf­hö­ren, die Nah­rungs­auf­nah­me ver­wei­gern, sich selbst ver­let­zen, etwa durch Schnit­te am Kopf, oder Sui­zid zu bege­hen versuchen.[2] All dies ist seit Jah­ren euro­pa­weit umfas­send bekannt.

Der Pandemie ausgeliefert

Seit dem Aus­bruch der Covid-19-Pan­de­mie hat sich die Lage für die Flücht­lin­ge noch wei­ter ver­schlech­tert. Athen hat bereits im März über die Lager einen Lock­down ver­hängt; in Moria etwa durf­ten Flücht­lin­ge nur zu bestimm­ten Zei­ten das Gelän­de ver­las­sen – höchs­tens 150 pro Stun­de, und dies aus­schließ­lich zum Ein­kauf oder zum Arztbesuch.[3] Damit wur­den die Men­schen in Ver­hält­nis­sen ein­ge­sperrt, die jeg­li­che Ein­hal­tung der offi­zi­el­len Hygie­ne­vor­schrif­ten voll­kom­men unmög­lich mach­ten: Im Durch­schnitt wur­den in Moria 15 bis 20 Per­so­nen in ein ein­zi­ges Zelt gepfercht; bis zu 160 Per­so­nen muss­ten sich eine ver­dreck­te Toi­let­te tei­len; für 500 Per­so­nen stand eine ein­zi­ge Dusche zur Ver­fü­gung. Mehr als 300, laut Anga­ben von MSF teil­wei­se sogar 1.300 Flücht­lin­ge hat­ten nur Zugang zu einem ein­zi­gen gemein­sa­men Was­ser­hahn; Sei­fe gab es nicht.[4] Wie­der­hol­te For­de­run­gen von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Moria und ande­re Lager auf­grund der aku­ten Pan­de­mie­ge­fahr zu eva­ku­ie­ren, wur­den von den grie­chi­schen Behör­den wie auch von der EU kon­se­quent igno­riert. Als nun am 2. Sep­tem­ber, erstaun­lich spät, ein ers­ter Covid-19-Fall in Moria bekannt wur­de, reagier­ten die Behör­den nicht etwa mit einer Ver­bes­se­rung der hygie­ni­schen und medi­zi­ni­schen Bedin­gun­gen, son­dern mit der Ver­hän­gung einer har­ten, poli­zei­lich durch­ge­setz­ten Qua­ran­tä­ne – trotz ver­zwei­fel­ter Pro­tes­te von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie MSF.[5]

Aus dem Lager in die Obdachlosigkeit

Zunächst der strik­te Lock­down, dann die har­te Qua­ran­tä­ne, die die Flücht­lin­ge in uner­träg­li­chen Ver­hält­nis­sen ein­sperr­ten, haben bewirkt, wovor Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen lan­ge unüber­hör­bar warn­ten: Die sozia­len Span­nun­gen in den Lagern haben sich dra­ma­tisch ver­schärft. Zuneh­mend wur­de von Gewalt in den Camps bis hin zu Mes­ser­ste­che­rei­en mit Todes­fol­ge berich­tet; zugleich kam es immer wie­der zu hef­ti­gen Pro­tes­ten. „Man kann Men­schen nicht jah­re­lang im Dreck leben las­sen, ihnen Rech­te vor­ent­hal­ten, sie schließ­lich unge­schützt einer Pan­de­mie aus­set­zen und dann über­rascht sein, wenn sie gegen ihre Lebens­be­din­gun­gen auf­be­geh­ren“, kon­sta­tiert eine Mit­ar­bei­te­rin der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on med­i­co international.[6] In den ver­gan­ge­nen Tagen ver­such­ten Flücht­lin­ge laut Berich­ten immer wie­der, aus Moria zu ent­kom­men, um sich vor dem Covid-19-Virus zu schüt­zen, was im Lager unmög­lich war; meist schei­ter­ten sie aller­dings an Poli­zei­ket­ten. Ob das Feu­er, das in der Nacht zum gest­ri­gen Mitt­woch aus­brach, von Flücht­lin­gen gelegt wur­de, um ihre Frei­las­sung aus den unmensch­li­chen Lager­ver­hält­nis­sen zu erzwin­gen, oder ob Brand­stif­tung durch ras­sis­ti­sche Insel­be­woh­ner vor­liegt, ist noch unklar. Aller­dings sind nun rund 13.000 Flücht­lin­ge obdach­los. Poli­zis­ten ver­wehr­ten ihnen ges­tern den Zugang zu umlie­gen­den Ort­schaf­ten; ihnen droh­ten kör­per­li­che Angrif­fe durch Insel­be­woh­ner, die die Flücht­lin­ge und ihre Unter­stüt­zer in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in zuneh­men­dem Maß phy­sisch atta­ckiert haben.[7]

„Entscheidend für die Zukunft der EU“

Vol­le Ver­ant­wor­tung für das gegen­wär­ti­ge Dra­ma auf Les­bos tra­gen nicht nur die grie­chi­schen Behör­den, son­dern auch die EU und ins­be­son­de­re die Bun­des­re­pu­blik. Dass Flücht­lin­ge vor­ran­gig in den Län­dern ent­lang der EU-Außen­gren­zen fest­ge­setzt wer­den, ist eine Fol­ge der soge­nann­ten Dub­lin-Ver­ord­nun­gen, die vor allem auf deut­sches Betrei­ben erlas­sen wur­den. „Dub­lin II“ etwa wur­de von der EU nicht zuletzt auf Druck Ber­lins im Jahr 2003 in Kraft gesetzt; damals waren in Deutsch­land Bünd­nis 90/​Die Grü­nen an der Regie­rung betei­ligt, die sich heu­te als Geg­ner der EU-Flücht­lings­ab­wehr inszenieren.[8] Dass Flücht­lin­ge der­zeit in gro­ßer Zahl auf den grie­chi­schen Inseln in Lager gepfercht wer­den, ist eine unmit­tel­ba­re Fol­ge des Flücht­lings­ab­wehr­pakts mit der Tür­kei, der maß­geb­lich auf deut­sches Betrei­ben im Jahr 2016 aus­ge­han­delt wur­de; damals war in Ber­lin die Gro­ße Koali­ti­on an der Macht und damit auch die SPD, aus deren Rei­hen heu­te gleich­falls distan­zier­te Töne zu hören sind.[9] Als Anfang März Tau­sen­de Flücht­lin­ge die Gren­ze zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land zu über­win­den such­ten und ein syri­scher Flücht­ling von grie­chi­schen Beam­ten erschos­sen wur­de, stell­te sich EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en pau­schal hin­ter die Athe­ner Flücht­lings­ab­wehr: Die­se sei „ent­schei­dend für die Zukunft der Euro­päi­schen Uni­on“, erklär­te sie; Grie­chen­land fun­gie­re als Euro­pas „Schild“.[10]

Aufs Meer abgeschoben

Zu den Maß­nah­men der grie­chi­schen Flücht­lings­ab­wehr, die sämt­lich mit deut­scher Bil­li­gung statt­fin­den, gehört nicht nur die Inter­nie­rung der Flücht­lin­ge in Lagern wie dem­je­ni­gen in Moria. Die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che ist seit Beginn der Covid-19-Pan­de­mie ver­stärkt dazu über­ge­gan­gen, Flücht­lin­ge ille­gal auf dem See­weg abzu­schie­ben. Dabei wer­den Flücht­lin­ge auf dem Meer auf auf­blas­ba­ren Ret­tungs­in­seln aus­ge­setzt und in tür­ki­sche Hoheits­ge­wäs­ser geschleppt, wo sie ihrem Schick­sal über­las­sen wer­den. In der Regel neh­men Küs­ten­wach­schif­fe der Tür­kei sie frü­her oder spä­ter an Bord. Zuwei­len zer­stö­ren grie­chi­sche Küs­ten­wäch­ter auch den Motor von Flücht­lings­boo­ten, bevor die­se grie­chi­sche Hoheits­ge­wäs­ser errei­chen; die Boo­te trei­ben dann gleich­falls manö­vrier­un­fä­hig auf dem Meer.[11] Die New York Times konn­te von Anfang März bis Mit­te August 31 die­ser völ­ker­rechts­wid­ri­gen und hoch­ge­fähr­li­chen Manö­ver doku­men­tie­ren, von denen min­des­tens 1.072 Flücht­lin­ge betrof­fen waren, dar­un­ter sol­che, die längst auf grie­chi­schen Inseln ange­kom­men, dort aber nur in Behelfs­ver­schlä­gen bis zu ihrer Aus­set­zung auf dem Meer inter­niert wor­den waren.[12] Über das Vor­ge­hen sind nicht nur deut­sche Fron­tex-Beam­te aus ers­ter Hand infor­miert, son­dern auch deut­sche Mili­tärs wie die Besat­zung des Ein­satz­grup­pen­ver­sor­gers „Ber­lin“, die – min­des­tens – am 19. Juni und am 15. August jeweils völ­ker­rechts­wid­ri­ge grie­chi­sche „push­backs“ dokumentierte.[13] Ber­lin hat gegen sie eben­so­we­nig unter­nom­men wie gegen die desas­trö­sen Ver­hält­nis­se in Lagern wie Moria: Hat­te die Bun­des­re­gie­rung zuge­sagt, wenigs­tens 243 Kin­der aus den grie­chi­schen Lagern in Deutsch­land auf­zu­neh­men, so hat sie nach vie­len Mona­ten nicht ein­mal dies getan; ledig­lich 99 sind bis­lang in die Bun­des­re­pu­blik gebracht wor­den – ein wei­te­rer Hin­weis auf den instru­men­tel­len Cha­rak­ter der Ber­li­ner Menschenrechts-PR.[14]

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[1] S. dazu Euro­päi­sche Wer­te.

[2] Greece denies health­ca­re to serious­ly ill refu­gee child­ren on Les­bos. msf​.org 23.01.2020.

[3] Greece: First COVID-19 case at Moria migrant camp. info​mi​grants​.net 02.09.2020.

[4] Coro­na­vi­rus: Les­vos migrant camp risks cata­stro­phe, Oxfam. info​mi​grants​.net 07.09.2020.

[5] Greek poli­ce enfor­ce unwar­ran­ted and cru­el qua­ran­ti­ne of Moria camp on Les­bos. msf​.org 03.09.2020.

[6] Feu­er ver­wüs­tet Flücht­lings­la­ger Moria. tages​schau​.de 09.09.2020.

[7] S. dazu Völ­ker­recht: „Läs­ti­ges Bei­werk“.

[8] Zu den „Dub­lin-Ver­ord­nun­gen“ s. auch Die euro­päi­sche Rechts­ge­mein­schaft und Die Wer­te der EU (II).

[9] S. dazu Der Tür­ste­her der EU.

[10] EU-Spit­ze dankt Grie­chen­land: „Euro­päi­scher Schild“. sued​deut​sche​.de 03.03.2020.

[11] S. dazu Die grie­chi­sche Blau­pau­se.

[12] Patrick King­s­ley, Karam Sho­u­ma­li: Taking Hard Line, Greece Turns Back Migrants by Aban­do­ning Them at Sea. nyti​mes​.com 14.08.2020.

[13] Schrift­li­che Fra­ge zu Push­backs in der Ägä­is. andrej​-hun​ko​.de 06.08.2020. Schrift­li­che Fra­ge zu wei­te­ren Push­backs in der Ägä­is. andrej​-hun​ko​.de 26.08.2020.

[14] Ber­lin chair pro­tes­ters call for evacua­ti­on of Moria refu­gee camp in Greece. dw​.com 07.09.2020.

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