[GWR:] Moria ist keine Tragödie!

Als füh­len­de Men­schen sind wir tief trau­rig ange­sichts einer sol­chen Flam­men­höl­le, die tau­sen­den ent­rech­te­ten Men­schen die aller­letz­ten Res­sour­cen nimmt, ihnen höchs­tens noch das nack­te Leben lässt. Wir sind auch ent­setzt, dass sich solch ein Unheil im Jahr 2020 im ver­meint­lich auf­ge­klär­ten Euro­pa ereig­nen kann. Schon hören wir die ers­ten Stim­men aus der gro­ßen Poli­tik: So etwas dür­fe sich nie wie­der­ho­len. Dies sei die letz­te War­nung gewe­sen, um zu einer – ver­zeiht, wenn ich kot­ze – „huma­ni­tä­ren Flücht­lings­po­li­tik“ über­zu­ge­hen. Die­se betäu­ben­den Paro­len hören wir seit end­lo­sen Jah­ren.

Und wenn sich dann kurz das Gefühl ein­stellt, dass die Kämp­fe, mit denen wir die­se him­mel­schrei­en­de, tod­brin­gen­de Unge­rech­tig­keit immer wie­der beant­wor­tet haben, dass die­se Kämp­fe zu nichts füh­ren – gera­de dann ist es not­wen­dig, dass wir uns neu aus­tau­schen, dass wir uns gegen­sei­tig ver­si­chern, vor allem auch von Müns­ter aus kein Recht auf Resi­gna­ti­on zu haben. Das wäre der ein­fa­che Aus­weg – uns aber führt das Gefühl von Hilf­lo­sig­keit gera­de­wegs zu jener tief­sit­zen­den Wut, die die Ver­hält­nis­se nicht wei­ter hin­nimmt.

Und genau weil wir die Ver­hält­nis­se in der Tie­fe hin­ter­fra­gen, ist dies kei­ne blin­de Wut. Im Gegen­teil, wir ver­su­chen immer wie­der neu zu ver­ste­hen, wie die Zahn­rä­der der Ent­rech­tung inein­an­der grei­fen. Dabei gehen wir vor allem auch über teils kri­ti­sche aber am Ende dem Mythos Euro­pa ver­fal­le­ne Ana­ly­sen hin­aus. „Das Feu­er ist eine Tra­gö­die und trifft die Schwächs­ten“, titeln bereits die gro­ßen Zei­tun­gen und for­dern neue Finanz- und Kon­tin­gent­an­ge­bo­te durch die Bun­des­re­gie­rung. Dies ist zwar gut gemeint, hält aber am Ende den pater­na­lis­ti­schen und neo­li­be­ra­len Stand­ort­na­tio­na­lis­mus unse­rer Zeit auf­recht. Denn ers­tens ist Moria kei­ne „Tra­gö­die“, kein tra­gi­scher Schick­sals­schlag, son­dern poli­tisch pro­vo­ziert und men­schen­ge­macht. Und zwei­tens ist die Bun­des­re­pu­blik der wirt­schaft­li­che und pro­gram­ma­ti­sche Motor der EU. Sym­bo­li­sche Hilfs­an­ge­bo­te ver­bie­ten sich; uni­ver­sa­le Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me für das unge­zähl­te Leid müss­te das Gebot der Stun­de sein.

Damit gehen wir davon aus, dass es sich bei Moria um das Resul­tat einer in ers­ter Linie öko­no­misch moti­vier­ten Poli­tik han­delt, die sich alles ein­ver­lei­ben soll und in dem Zuge eine umfas­sen­de ras­sis­ti­sche Wirk­wei­se ent­facht – von der inter­na­tio­na­len über die bun­des­deut­sche bis hin zur loka­len Ebe­ne. Und dass die­se Art der Poli­tik über Lei­chen geht, kommt nicht von unge­fähr, son­dern ist his­to­risch ange­legt.

So ist die EU als Hort von Reich­tum und Macht nicht vom Him­mel gefal­len, son­dern basiert auf Jahr­hun­der­ten kolo­nia­ler Res­sour­cen-Plün­de­rung und mensch­li­cher Aus­beu­tung auf ande­ren Kon­ti­nen­ten. Allein schon die Geschich­te müss­te ech­te, gren­zen­lo­se Offen­heit zum euro­päi­schen Prin­zip machen, gegen­über all den Men­schen, denen mil­lio­nen­fach Unge­rech­tig­keit und Schmerz zuge­fügt wur­de. Doch das Gegen­teil ist der Fall. Die Uni­on ver­han­delt heu­te mit afri­ka­ni­schen Län­dern über Frei­han­dels­ab­kom­men, die den EU-Mit­glied­staa­ten mas­sen­haf­ten Zugang zu neu­en Märk­ten eröff­nen und ein­hei­mi­schen Anbieter*innen ihre Exis­tenz­grund­la­ge neh­men. Wei­gern sich die­se Län­der, die unglei­chen Bedin­gun­gen zu akzep­tie­ren, wird mit Kür­zung von Ent­wick­lungs­hil­fe gedroht. Das Pri­mat des euro­päi­schen Wachs­tums lebt noch immer auf und von den Rui­nen unter­wor­fe­ner Erd­tei­le, wodurch Flucht­ur­sa­chen nie­mals bekämpft son­dern immer nur wei­ter geschaf­fen wer­den kön­nen. Doch in einem bei­spiel­lo­sen Akt des Ver­ant­wor­tungs­ent­zugs beauf­tragt die EU mit Fron­tex eine unab­hän­gi­ge Grenz­schutz-Agen­tur, um sich selbst wei­ter zum Sau­ber­mann zu sti­li­sie­ren. Neben einer hoch­ge­rüs­te­ten Flot­te und moderns­ter Radar- und Waf­fen­tech­nik unter­hält Fron­tex auch eine eige­ne Geheim­dienst­ab­tei­lung, die mit den Geheim­diens­ten von 30 afri­ka­ni­schen Staa­ten koope­riert, dar­un­ter sämt­li­che Regime, auf die land­auf, land­ab mit dem Fin­ger gezeigt wird – Liby­en, Eri­trea, Sudan, die Lis­te geht wei­ter. Heuch­le­ri­sches Out­sour­cing der Drecks­ar­beit – und fei­er­li­che Ent­ge­gen­nah­me des Frie­dens­no­bel­prei­ses.

Auf bun­des­deut­scher Ebe­ne ver­lie­ren wir kei­ne wei­te­ren Wor­te über den Innen­mi­nis­ter die­ses Lan­des, das so unglaub­lich reich an kul­tu­rel­ler Viel­falt ist – einen Innen­mi­nis­ter aber, der Migra­ti­on als „Mut­ter aller Pro­ble­me“ bezeich­net und so den Ras­sis­mus schürt. (…)

Eine Nobel­preis­trä­ge­rin also, die mit den bru­tals­ten Auto­kra­ten koope­riert; ein natio­na­lis­ti­scher Innen­mi­nis­ter; eine Frie­dens­stadt, die auf ihrem Boden ein Lager errich­tet hat. Wir müs­sen die­se Ele­men­te der brei­te­ren auto­ri­tä­ren For­mie­rung in ihren Kon­ti­nui­tä­ten ver­ste­hen und kri­ti­sie­ren – und dann erken­nen wir auch: Moria ist kei­ne grie­chi­sche Tra­gö­die! Moria ist ein Lehr­stück des durch­drin­gen­den, gewalt­vol­len und gesamt­eu­ro­päi­schen Zynis­mus, deren ein­zel­ne Glie­der sich wech­sel­sei­tig ergän­zen und sta­bi­li­sie­ren!

Blei­ben wir also wütend!

Kämp­fen wir gegen die­se Fes­tung Euro­pa!

Fan­gen wir vor Ort damit an!

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