[KgK:] Lenin-Klub: Thesenentwurf zur Gewerkschaftsfrage

Die Posi­ti­on der Gewerk­schaf­ten in Süd­afri­ka spie­gelt die Rück­stän­dig­keit der süd­afri­ka­ni­schen Arbei­ter wider. Alle Gewerk­schaf­ten ste­hen unter der Kon­trol­le refor­mis­ti­scher Füh­rer. Dar­über hin­aus wer­den die Gewerk­schaf­ten durch eine pau­scha­le Indus­trie­ge­setz­ge­bung, die dar­auf abzielt, Strei­tig­kei­ten im gegen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men, statt durch direk­te Maß­nah­men bei­zu­le­gen, ver­dummt und pazi­fi­ziert. Die meis­ten Gewerk­schaf­ten, und das ist der wich­tigs­te Punkt, den man im Auge behal­ten soll­te, sind die engen Bewa­cher der Arbei­ter-Aris­to­kra­tie. Ein­hei­mi­sche wer­den davon aus­ge­schlos­sen oder davon abge­hal­ten, die­sen Gewerk­schaf­ten bei­zu­tre­ten, und sind in den meis­ten Fäl­len völ­lig unor­ga­ni­siert und hilf­los gegen­über den stän­di­gen Angrif­fen auf ihren mage­ren Lebens­stan­dard.

Die Mehr­heit der Gewerk­schaf­ten in der Kap­re­gi­on ist dem Kap­ge­werk­schafts­bund ange­schlos­sen, wäh­rend die Gewerk­schaf­ten in den nörd­li­chen Pro­vin­zen sowie eini­ge weni­ge Gewerk­schaf­ten in der Kap­re­gi­on dem Han­dels- und Arbeits­rat ange­hö­ren. Die Kap-Gewerk­schaf­ten ver­fol­gen gegen­über Nicht-Euro­pä­ern eine libe­ra­le­re Poli­tik, und in der Mehr­heit der Gewerk­schaf­ten am Kap ist der Bei­tritt von Ein­hei­mi­schen zuläs­sig. Lei­der kann dies nicht von Trans­vaal, Free Sta­te oder Natal gesagt wer­den.

Auf der ande­ren Sei­te ist der Kap­ge­werk­schafts­bund im All­ge­mei­nen eine der reak­tio­närs­ten Kör­per­schaf­ten, die je in den Rei­hen der Arbei­ter­klas­se exis­tier­ten. Sie geht in kei­ner Wei­se über den ame­ri­ka­ni­schen Gewerk­schafts­bund hin­aus, denn selbst die refor­mis­ti­sche, gel­be Gewerk­schafts­in­ter­na­tio­na­le (die Ams­ter­da­mer Inter­na­tio­na­le) ist für das Kap, wie auch für den ame­ri­ka­ni­schen Ver­band, zu revo­lu­tio­när.

Wenn wir die Gewerk­schafts­po­li­tik der bei­den bestehen­den Arbei­ter­par­tei­en, der Süd­afri­ka­ni­schen Arbei­ter­par­tei (S.A.L.P.) und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, unter­su­chen, sehen wir die glei­che fal­sche und schäd­li­che Hal­tung gegen­über dem Pro­blem der Ein­hei­mi­schen im all­ge­mei­nen, die der S.A.L.P. als chau­vi­nis­tisch und die der C.P. als sepa­ra­tis­tisch und sek­tie­re­risch. Die Poli­tik der S.A.L.P., eine Poli­tik des wei­ßen Gewerk­schafts­we­sens, die den Weg für die Ein­hei­mi­schen in den bestehen­den Gewerk­schaf­ten ver­sperrt, ist nicht nur den Inter­es­sen der gesam­ten Arbei­ter­klas­se Süd­afri­kas, zu der sowohl wei­ße als auch schwar­ze Arbei­ter gehö­ren, äußerst abträg­lich, son­dern sogar gegen die Inter­es­sen der in den wei­ßen Gewerk­schaf­ten orga­ni­sier­ten wei­ßen Arbei­ter. […]

Wäh­rend wir die Tat­sa­che beto­nen müs­sen, dass die KP vor 1928 in den Gewerk­schaf­ten eini­ge Jah­re lang gute Arbeit geleis­tet hat, an die man sich erin­nern und die gewür­digt wer­den soll­te, müs­sen wir auch offen sagen, dass ihr Ein­tritt in eine neue „ultra­lin­ke“ Stra­ße, die Stra­ße des Aben­teu­rer­tums, ihre Poli­tik der „Drit­ten Peri­ode“, der „Repu­bli­ken der Ein­hei­mi­schen“, der „Roten Gewerk­schaf­ten“ und vor allem ihre Gewerk­schafts­po­li­tik seit 1928 am schäd­lichs­ten und kata­stro­phals­ten war. Sei­ne Ansich­ten zum Gewerk­schafts­we­sen fan­den ihren Aus­druck in den Slo­gans „Aus den Gewerk­schaf­ten“, „Für neue revo­lu­tio­nä­re Gewerk­schaf­ten“, eine Poli­tik, die den Inter­es­sen der Arbei­ter­klas­se zuwi­der­läuft. Es ist eine Poli­tik der Ver­zweif­lung, des Pes­si­mis­mus, und ent­spricht dem all­ge­mei­nen Ver­trau­ens­ver­lust der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en, der Kom­in­tern und der Profin­tern 1 in die Mas­sen. […] Die­se Poli­tik der Abtren­nung der bes­ten Ele­men­te von den Mas­sen bedeu­tet auf der einen Sei­te die Iso­lie­rung die­ser revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter und auf der ande­ren Sei­te, die gro­ße Mas­se der Arbei­ter dem vol­len Ein­fluss der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie zu über­las­sen. Es ist nicht schwer zu erken­nen, wie schäd­lich eine sol­che Poli­tik für die Inter­es­sen der Arbei­ter­klas­se ist.

Wie soll die Haltung der neuen Partei zu den Gewerkschaften sein?

Die neue Revo­lu­tio­nä­re Par­tei wird erst dann in der Lage sein, die bestehen­de Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie zu besie­gen und ihr die Füh­rung zu ent­rei­ßen, wenn sie gelernt hat, wie sie das Ver­trau­en der Mas­sen gewin­nen kann. Dies kann nicht erreicht wer­den, indem man das klas­sen­be­wuss­tes­te Ele­ment von den Mas­sen abtrennt, son­dern indem man sich am täg­li­chen Kampf der Mas­sen betei­ligt, in ihren täg­li­chen Bedürf­nis­sen und Hoff­nun­gen. […]

1. Der Wirt­schafts­kampf soll­te den Slo­gans der Lohn­er­hö­hung, der Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und der Ver­tei­di­gung der Grund­rech­te und ‑inter­es­sen der Arbeit­neh­mer fol­gen.

2. In die­sem Punkt müs­sen wir uns dar­über im Kla­ren sein, dass dies nicht durch Klas­sen­zu­sam­men­ar­beit erreicht wer­den kann, die eine Poli­tik des Oppor­tu­nis­mus und der Büro­kra­tie ist. Auch wenn wir Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen nicht gänz­lich ableh­nen, müs­sen wir die Arbei­ter auf den rela­tiv gerin­gen Wert die­ser Ver­hand­lun­gen hin­wei­sen und uns der Tat­sa­che bewusst sein, dass die Kapi­ta­lis­ten immer dann gegen die Tarif­ver­trä­ge ver­sto­ßen, wenn es zu ihrem Vor­teil ist. Des­halb muss die grund­le­gen­de Poli­tik der Gewerk­schaf­ten die direk­te Akti­on sein.

3. Das Pro­blem der Arbeits­lo­sig­keit muß unse­re Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen. Die Kapi­ta­lis­ten ver­su­chen fort­wäh­rend, die Arbei­ter zu spal­ten; sie stel­len die­je­ni­gen, die noch beschäf­tigt sind, ihren arbeits­lo­sen Genos­sen gegen­über. Aber die Arbeits­lo­sig­keit bedroht jeden Arbei­ter, und des­halb muss der Kampf gegen ihre Ursa­chen geführt wer­den. Denn hier geht es um Leben und Tod, und wir müs­sen sowohl die Erwerbs­tä­ti­gen als auch die Arbeits­lo­sen, die Qua­li­fi­zier­ten und die Unge­lern­ten in den Gewerk­schaf­ten zu einem ver­ein­ten, soli­den, kämp­fe­ri­schen Kör­per zusam­men­schlie­ßen.

4. Aus dem­sel­ben guten Grund, der Ein­heit der Arbei­ter, müs­sen wir vor allem für die Abschaf­fung der „Ras­sen­schran­ke“ kämp­fen. Wir müs­sen die Arbei­ter auf die töd­li­che Gefahr der Spal­tung hin­wei­sen, die nur im Inter­es­se der Kapi­ta­lis­ten liegt, und auf die drin­gen­de Not­wen­dig­keit der Ein­heit von Schwarz und Weiß in den Gewerk­schaf­ten. Wir müs­sen für die Gleich­heit der Arbeit und der Arbeits­be­din­gun­gen und den glei­chen Lohn für glei­che Arbeit unab­hän­gig von Ras­se oder Geschlecht kämp­fen.

5. Wir tre­ten für eine ein­heit­li­che Gewerk­schafts­be­we­gung aller Arbei­ter ein, unab­hän­gig von Ras­se, Haut­far­be, Glau­ben oder Geschlecht. Es ist die Pflicht eines jeden unse­rer Mit­glie­der in den Gewerk­schaf­ten, sich für die Abschaf­fung der Rasen­schran­ke ein­zu­set­zen, wo es einen sol­chen gibt. Aber bis dies erreicht wer­den kann, müs­sen wir all die­je­ni­gen, die eigent­lich vom Bei­tritt zu den bestehen­den Gewerk­schaf­ten aus­ge­schlos­sen sind, in getrenn­ten Gre­mi­en orga­ni­sie­ren. Unter kei­nen Umstän­den jedoch betrach­ten wir sol­che rein ein­hei­mi­schen Gewerk­schaf­ten als Oppo­si­ti­ons­ge­werk­schaf­ten oder als ein Ziel an sich. Sie sind nur ein Schritt hin zum Zusam­men­schluß aller Gewerk­schaf­ten, schwarz und weiß, zu einer zen­tra­len Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on aller Arbei­ter Süd­afri­kas.

6. Aber wäh­rend wir den Kampf für die Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen, für die Hebung des Lebens­stan­dards der Arbei­ter füh­ren oder uns dar­an betei­li­gen, und zwar bald, soll­ten wir uns immer vor Augen hal­ten, daß es unmög­lich ist, all die­se Pro­ble­me im Rah­men des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems zu lösen. Wäh­rend wir den herr­schen­den Klas­sen all­mäh­lich Zuge­ständ­nis­se abver­lan­gen und sie zwin­gen, Sozi­al­ge­set­ze zu erlas­sen, wer­den wir die Arbei­ter immer wie­der dar­auf hin­wei­sen, dass nur der Sturz des Kapi­ta­lis­mus und die Errich­tung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats die sozia­le Fra­ge lösen kann.

Quel­le: South Afri­can Histo­ry Online

Fuß­no­te
1 Die Rote Gewerk­schafts-Inter­na­tio­na­le (RGI)(RILU/Red Inter­na­tio­nal of Labour Uni­ons /​oder in der rus­si­schen Abkür­zung „Profin­tern“

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