[KgK:] Zwei tote und 150 positiv getestete Arbeiter*innen bei Volkswagen in Argentinien

Momen­tan macht Volks­wa­gen in Argen­ti­ni­en erneut Schlag­zei­len im Zusam­men­hang mit Coro­na­vi­rus-Fäl­len am Arbeits­platz und fügt der Lis­te der Toten lei­der zwei Arbei­ter hin­zu. Im Werk von Gene­ral Pacheco wur­den schon 150 Arbeiter*innen posi­tiv auf Covid-19 getes­tet – zwei von ihnen ver­star­ben. Es han­delt sich um einen Mit­ar­bei­ter des out­ge­sourc­ten Rei­ni­gungs­un­ter­neh­mens ISN und einen Kran­ken­pfle­ger, der im medi­zi­ni­schen Dienst des Unter­neh­mens tätig war.

Ende Mai wur­de das Werk, das sich im Nor­den von Bue­nos Aires befin­det, trotz der seit März ver­häng­ten, stren­gen Qua­ran­tä­ne wie­der in Betrieb genom­men. Das mul­ti­na­tio­na­le Unter­neh­men ver­pflich­te­te sich dazu, im Zuge der vor­ge­se­he­nen Hygie­ne­maß­nah­men ein­hun­dert Tests pro Tag durch­zu­füh­ren. Den Arbeiter*innen zufol­ge wur­de und wird die­ses Ver­spre­chen jedoch nicht ein­ge­hal­ten.

Wie ver­schie­de­ne Medi­en basie­rend auf wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en berich­te­ten, zei­gen 45 Pro­zent der Men­schen unter Umstän­den kei­ne Sym­pto­me. Nichts­des­to­trotz garan­tie­ren die Unter­neh­men nicht, was im Hin­blick auf die Pan­de­mie not­wen­dig wäre: bezahl­te Kon­troll­un­ter­su­chun­gen, um her­aus­zu­fin­den, wer an Vor­er­kran­kun­gen lei­det, damit Fol­ge­un­ter­su­chun­gen und Vor­sor­ge­maß­nah­men sicher­ge­stellt wer­den kön­nen.

Profite vor Menschen

Eini­ge argen­ti­ni­sche Medi­en spre­chen fälsch­li­cher­wei­se von „Tau­sen­den von Tests in der Auto­mo­bil­in­dus­trie“ und füh­ren die­se als Bei­spiel für ande­re Bran­chen an, in denen die Infek­tio­nen, seit­dem der Virus Anfang März auch das süd­ame­ri­ka­ni­sche Land erreich­te, expo­nen­ti­ell zuneh­men. Doch ist Volks­wa­gen alles ande­re als ein Mus­ter­bei­spiel. Das deut­sche Unter­neh­men trägt Ver­ant­wor­tung für einen Teil der Mil­lio­nen von infi­zier­ten Arbeiter*innen. Wie auch ande­re mul­ti­na­tio­na­le Auto­mo­bil­kon­zer­ne hat VW das Inter­es­se, sei­ne Pro­duk­ti­on über die Gesund­heit und sogar das Leben sei­ner Mitarbeiter*innen hin­aus zu gewähr­leis­ten, und das zu einer Zeit, in der in Argen­ti­ni­en etwa 12.000 Men­schen pro Tag posi­tiv auf Covid-19 getes­tet wer­den – und mehr als 250 täg­lich am Virus ster­ben.

Als ob das nicht schon genug wäre, kommt für die Arbeiter*innen von VW in Argen­ti­ni­en zu der trau­ri­gen Nach­richt über ihre ver­stor­be­nen Kol­le­gen und der Angst, sich selbst bei der Arbeit anzu­ste­cken, noch eine wei­te­re alar­mie­ren­de Situa­ti­on hin­zu: Wie vie­le ande­re Unter­neh­men hat auch der deut­sche Kon­zern ver­kün­det, bald wie­der zu regu­lä­ren Zei­ten zu pro­du­zie­ren. Abge­se­hen davon, dass das Infek­ti­ons­ge­sche­hen dies nicht zulässt – Argen­ti­ni­en ist letz­te Woche im welt­wei­ten Ran­king der Län­der mit den meis­ten posi­tiv Getes­te­ten auf Platz 11 auf­ge­stie­gen – liegt es auf der Hand, dass die Arbeiter*innen dem Virus auf­grund der grö­ße­ren Fluk­tua­ti­on in der Fabrik deut­lich stär­ker aus­ge­setzt wären und dem­entspre­chend die Anste­ckungs­ge­fahr stei­gen wür­de.

In Argen­ti­ni­en wer­den für Volks­wa­gen in jeder fast neun­stün­di­gen Schicht ca. 160 Fahr­zeu­ge her­ge­stellt. Für das Unter­neh­men ergibt sich dar­aus ein Umsatz von mehr als 3,6 Mil­lio­nen Euro pro Tag, was mehr als 73,7 Mil­lio­nen Euro pro Monat ent­spricht: Die Her­stel­lung von SUVs ist zwar nicht essen­ti­ell, aber ein sehr lukra­ti­ves Geschäft.

Die Pro­duk­ti­on wur­de zur Bekämp­fung der Pan­de­mie nicht umge­stellt – dabei könn­te Volks­wa­gen den Zusam­men­bruch des Gesund­heits­sys­tems durch die Her­stel­lung von Atem­schutz­ge­rä­ten, Kran­ken­wa­gen und/​oder Inten­siv­bet­ten noch immer ver­hin­dern. Denn die tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten, die Volks­wa­gen hat, wür­den dies pro­blem­los ermög­li­chen. Aber die Fir­ma hat kein Inter­es­se dar­an, im Kampf gegen den Virus einen Bei­trag zu leis­ten. Statt­des­sen ver­kün­det der Kon­zern, wei­ter­hin Ver­mö­gen anzu­häu­fen.

Obwohl Volks­wa­gen zu Beginn der Wirt­schafts­kri­se die Ein­bu­ßen mit sei­nen Gewin­nen der vor­he­ri­gen Jah­re ohne wei­te­res hät­te abfe­dern kön­nen, hat die loka­le Geschäfts­füh­rung ohne schlech­tes Gewis­sen die von der popu­lis­ti­schen, ver­meint­lich pro­gres­si­ven Regie­rung unter Pra­si­dent Alber­to Fernán­dez ins Leben geru­fe­ne Hil­fe für Unter­neh­men bezo­gen. Trotz der staat­li­chen Zuschüs­se erhiel­ten die Arbeiter*innen jedoch zwei Mona­te lang nur die Hälf­te ihres Gehalts. Gleich­zei­tig ver­such­ten sie es als „Wohl­tat“ zu ver­kau­fen, dass die Beschäf­tig­ten, die einer Risi­ko­grup­pe ange­hö­ren, nicht ent­las­sen, son­dern „nur“ sus­pen­diert wur­den.

Der Wolfs­bur­ger Auto­bau­er nimmt für die Auf­recht­erhal­tung sei­nes mil­li­onschwe­ren Umsat­zes den Tod von zwei – und poten­ti­ell mehr – Men­schen in Kauf.

Und in Deutschland?

Nicht nur in Argen­ti­ni­en opfert VW das Leben sei­ner Arbeiter*innen für sei­ne Pro­fi­te. Im Nach­bar­land Bra­si­li­en, wo bereits über vier Mil­lio­nen Infi­zier­te zu ver­bu­chen sind (die Dun­kel­zif­fer wird auf das Dop­pel­te geschätzt), kün­dig­te der Kon­zern im Juli an, 4000 Stel­len zu strei­chen. Ent­las­sen zu wer­den bedeu­tet hier, der Armut aus­ge­lie­fert zu sein.

Auch in der BRD hat VW kei­ne wei­ße Wes­te. Wäh­rend der Kon­zern durch Staats­gel­der die Kurz­ar­beit finan­ziert, schüt­tet er den Aktionär*innen wei­ter­hin Divi­den­den aus. Gleich­zei­tig wer­den Leiharbeiter*innen ent­las­sen, die Spar­te VW-Nutz­fahr­zeu­ge kün­digt den Abbau von 5000 Stel­len bis 2029 an.

Inter­na­tio­nal sind die Beschäf­tig­ten der Auto­mo­bil­bran­che von der Wirt­schafts­kri­se getrof­fen, die sich durch die Pan­de­mie nur ver­schlim­mer­te. Die mil­lio­nen- oder mil­li­ar­den­schwe­ren Aktionär*innen ver­su­chen, die Kri­se auf ihre Schul­tern abzu­la­den. Es ist im Inter­es­se der Beschäf­tig­ten von VW in Deutsch­land, sich gemein­sam mit ihren Kolleg*innen in Argen­ti­ni­en und ande­ren Län­dern dafür ein­zu­set­zen, dass Hygie­ne­maß­nah­men sicher­ge­stellt, Arbeits­plät­ze und ‑bedin­gun­gen geschützt wer­den und die Pro­duk­ti­on auf lebens­not­wen­di­ge Güter umge­stellt wird.

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