[KgK:] Der Putsch in Chile 1973

In Chi­le fand Anfang der 1970er Jah­re ein Auf­stieg der Mas­sen statt. Er war Aus­druck der enor­men sozia­len Unzu­frie­den­heit, die dadurch aus­ge­löst wur­de, dass zen­tra­le von der Bevöl­ke­rung gefor­der­te Maß­nah­men wie die Ver­staat­li­chung der Kup­fer­in­dus­trie – einem zen­tra­len Indus­trie­zweig in Chi­le –, von der Regie­rung in die unbe­stimm­te Zukunft ver­scho­ben wur­den, genau­so die Agrar­re­form und das Woh­nungs­pro­blem. In den 1960er Jah­ren hat­te die christ­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung (DC) kei­ne struk­tu­rel­len Ände­run­gen vor­ge­nom­men.

Ab 1971 began­nen sich For­de­run­gen zu ver­all­ge­mei­nern, was zu Streiks, Arbeits­nie­der­le­gun­gen und Land­be­set­zun­gen führ­te. Mit der Orga­ni­sa­ti­on und der Erfah­rung der Mas­sen wuchs auch die Idee, dass man den Bos­sen die poli­ti­sche Macht ent­zie­hen müs­se, um sie zu besie­gen.

Die politische Strategie der Unidad Popular

Die Arbeiter*innen waren haupt­säch­lich mit den bei­den gro­ßen tra­di­tio­nel­len Par­tei­en der Lin­ken in Chi­le ver­bun­den, der Sozia­lis­ti­schen Par­tei (PS) und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KP). Sie waren refor­mis­ti­sche poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen, die die Arbeiter*innen orga­ni­sier­ten, aber nicht um für ihre poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit auf dem Weg zur Macht­über­nah­me zu kämp­fen, son­dern um sie den Ver­ein­ba­run­gen mit der natio­na­len Bour­geoi­sie unter­zu­ord­nen, mit einem auf den Kapi­ta­lis­mus beschränk­ten Reform­pro­gramm.

So ent­stand die Uni­dad Popu­lar („Volks­ein­heit“, UP), eine Koali­ti­on zwi­schen Sal­va­dor Allen­des PS und der KP, sowie der klei­nen Radi­ka­len Par­tei, einer klas­si­schen Ver­tre­te­rin der libe­ra­len Bour­geoi­sie, und wei­te­ren klei­ne­ren Orga­ni­sa­tio­nen. Mit ande­ren Wor­ten, eine Front der Klas­sen­kol­la­bo­ra­ti­on. Die Movi­mi­en­to de Izquier­da Revo­lu­cio­na­ria („Bewe­gung der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken“, MIR) betei­lig­te sich nicht dar­an und schwank­te zwi­schen der Agi­ta­ti­on der Mas­sen und der Unter­stüt­zung Allen­des, auf den sie „Druck von außen“ aus­üben woll­ten.

Das Ziel der UP war nicht die Revo­lu­ti­on, son­dern die Stär­kung des Staa­tes durch die Ver­wal­tung stra­te­gi­scher wirt­schaft­li­cher Res­sour­cen und die För­de­rung der Ent­wick­lung eines „natio­na­len Kapi­ta­lis­mus“. Die­se Stra­te­gie, die als „fried­li­cher Weg zum Sozia­lis­mus“ bezeich­net wur­de, ging von der Hoff­nung aus, dass die Rei­chen und die Bos­se auf ihren Besitz und ihre Pri­vi­le­gi­en ver­zich­ten und dass die Streit­kräf­te die „Demo­kra­tie“ respek­tie­ren wür­den.

Die Regierung von Salvador Allende

Die UP gewann die Prä­si­dent­schafts­wah­len 1970 mit einem Akti­ons­plan, der die Ver­staat­li­chung der Kupfer‑, Eisen- und Sal­pe­ter­berg­wer­ke – die sich in den Hän­den impe­ria­lis­ti­scher Kon­zer­ne befand – sowie eini­ger Indus­trie­sek­to­ren und gro­ßer Län­de­rei­en beinhal­te­te.

Die UP ver­staat­lich­te meh­re­re Berg­wer­ke und Fabri­ken, aber indem sie Akti­en­an­tei­le kauf­te oder den Bos­sen Ent­schä­di­gun­gen zahl­te. Sie kam bei der staat­li­chen Kon­trol­le des Außen­han­dels nur teil­wei­se vor­an, die Ver­staat­li­chung der Ban­ken beschränk­te sich auf den Kauf von Akti­en von Pri­vat­ban­ken, die Agrar­re­form über­gab einen Teil des Lan­des an Kleinbäuer*innen, respek­tier­te aber den­noch die Agrar­bour­geoi­sie, und so wei­ter.

Allen­des Refor­men haben kei­nen wirk­li­chen Bruch mit dem Impe­ria­lis­mus erreicht oder zuge­las­sen: die Ver­tei­lung des Lan­des in einer radi­ka­len Agrar­re­form und die Liqui­die­rung der Macht der Bour­geoi­sie.

1972: ein Schlüsseljahr

In die­sem Jahr begann das Pro­jekt der UP, Schwä­chen zu zei­gen. Die Bour­geoi­sie trieb die Wirt­schafts­kri­se mit Sabo­ta­ge und Ver­knap­pung von Gütern vor­an und blo­ckier­te im Kon­gress jede Initia­ti­ve der Regie­rung. Es ent­stan­den faschis­ti­sche Grup­pen wie Patria y Libertad („Vater­land und Frei­heit“), wäh­rend die Bour­geoi­sie und das Mili­tär unter ande­rem durch Zei­tun­gen wie El Mer­cu­rio ver­schwör­ten. Die Kri­se ver­schärf­te sich durch Aus­sper­run­gen von Sei­ten der Kapitalist*innen, wie bei den Lkw-Fahrer*innen, inmit­ten einer gewal­ti­gen sozia­len Pola­ri­sie­rung.

Von unten rück­ten die Arbeiter*innen vor und über­nah­men Hun­der­te von Fabri­ken, und vie­le began­nen unter Arbeiter*innenkontrolle zu pro­du­zie­ren, was in der Pra­xis bewies, dass sie ohne Bos­se funk­tio­nie­ren kön­nen. Ver­sor­gungs­ko­mi­tees wur­den orga­ni­siert, wäh­rend Bäuer*innen und Obdach­lo­se Land besetz­ten und sich orga­ni­sier­ten.

Mit­te des Jah­res began­nen die Arbeiter*innen ihre Kämp­fe auf loka­ler Basis zu koor­di­nie­ren und über­wan­den dabei die Füh­rung der CUT (Chi­le­ni­scher Gewerk­schafts­dach­ver­band), die stark von der KP beein­flusst war. So ent­stan­den die Cor­do­nes Indus­tria­les („Indus­trie­gür­tel“), eine sehr fort­schritt­li­che, Orga­ni­sa­ti­ons­form ähn­lich der Arbeiter*innenräte, die als Embry­os der Macht der Arbeiter*innen und der Mas­sen fun­gier­ten und es der Arbeiter*innenklasse ermög­lich­ten, sich in Aktio­nen zu ver­ei­nen und demo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen an der Basis zu tref­fen. Einer von ihnen, der Cor­dón Cer­ril­los-Mai­pú (im Süd­we­sen von Sant­ia­go), der größ­te Zusam­men­schluss in Chi­le, umfass­te 250 Betrie­be.

Die loka­le Koor­di­na­ti­on ermög­lich­te die Lösung von Fra­gen im Zusam­men­hang mit der Pro­duk­ti­on und der Ver­tei­lung von Roh­stof­fen und Pro­duk­ten, die unter der Kon­trol­le der Arbeiter*innen ent­stan­den waren; und es wur­den Kom­man­dos orga­ni­siert, um die erober­ten Posi­tio­nen zu ver­tei­di­gen.

Die Arbeiter*innen began­nen zu for­dern, dass die Regie­rung die Fabri­ken und Werk­stät­ten an den Staat über­tra­gen soll­te, wodurch sie das Pri­vat­ei­gen­tum in Fra­ge stell­ten und sich als Alter­na­ti­ve zur Macht des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes erwie­sen. Bei die­sen Dis­kus­sio­nen gerie­ten die Arbeiter*innen mit den Anführer*innen der KP und der Allen­de-Regie­rung anein­an­der. Denn die­se recht­fer­tig­ten die Rück­ga­be von Unter­neh­men an ihre alten Besitzer*innen, unter­stütz­ten das Gesetz, das es dem Mili­tär erlaub­te, Fabri­ken auf der Suche nach Waf­fen zu über­fal­len, und befür­wor­te­ten Pino­chets Ernen­nung zum Armee­chef, als der Putsch bereits in Sicht war.

Ver­hand­lun­gen mit den Par­tei­en der Bos­se im Par­la­ment und Ver­ein­ba­run­gen mit dem „insti­tu­tio­na­lis­ti­schen“ Ober­kom­man­do der Streit­kräf­te, die die Ver­fas­sung und die Insti­tu­tio­nen des Staa­tes respek­tie­ren, würg­ten den Pro­zess des sozia­len Wan­dels im Kor­sett der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie ab.

Der Putsch

Ein ers­ter Ver­such, der „Tan­que­ta­zo“ vom Juni ’73, schei­ter­te. Trotz die­ser War­nung rie­fen Allen­de, PS und KP die Mas­sen dazu auf, auf die Fes­tig­keit der chi­le­ni­schen Demo­kra­tie, auf die Pro­fes­sio­na­li­tät des Mili­tärs zu ver­trau­en. Die in der Pro­vinz­ko­or­di­nie­rung der Cor­do­nes Indus­tria­les orga­ni­sier­ten Arbeiter*innen schick­ten Anfang Sep­tem­ber einen Brief an den Prä­si­den­ten und for­der­ten drin­gen­de Maß­nah­men, um den sich anbah­nen­den Putsch zu ver­hin­dern. Allen­de wei­ger­te sich nicht nur, die Arbeiter*innen zu bewaff­nen, son­dern sei­ne Regie­rung för­der­te auc h Beschlag­nah­mun­gen in den Fabri­ken, um sie zu ent­waff­nen.

Des­ori­en­tiert und von ihren eige­nen Par­tei­en und der CUT demo­bi­li­siert, waren die Arbeiter*innen nicht in der Lage, sich vor­zu­be­rei­ten. Der Putsch vom 11. Sep­tem­ber traf die Arbeiter*innenklasse und die Mas­sen macht­los und unbe­waff­net. Die chi­le­ni­sche Erfah­rung war ent­schei­dend für die Umset­zung der „Ope­ra­ti­on Con­dor“ in Süd­ame­ri­ka, die inter­na­tio­nal die Repres­si­on gegen die Mas­sen in Latein­ame­ri­ka koor­di­nier­te. Chi­le wur­de zur Ope­ra­ti­ons­ba­sis für die CIA und die Geheim­diens­te von Argen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Uru­gu­ay, Para­gu­ay und Boli­vi­en sowie für die DINA (Chi­le­ni­sche Natio­na­le Geheim­dienst­di­rek­ti­on).

Die Dik­ta­tur von Augus­to Pino­chet dau­er­te 17 blu­ti­ge Jah­re lang an, in denen die Bour­geoi­sie ihre Herr­schaft über die Pfei­ler des auf­kom­men­den Neo­li­be­ra­lis­mus wie­der­her­stell­te.

Fragment des Briefes der „Coordinadora de Cordones“ an Salvador Allende (5.9.1973)

Am 11. Sep­tem­ber 1973 grei­fen die Streit­kräf­te den Pala­cio de la Mone­da, das chi­le­ni­sche Regie­rungs­ge­bäu­de, an.

„Drei Jah­re sind ver­gan­gen, Genos­se Allen­de, und Sie haben sich nicht auf die Mas­sen gestützt, und jetzt sind wir Arbei­ter miss­trau­isch.

Wir, die Arbei­ter, füh­len eine tie­fe Frus­tra­ti­on und Ent­mu­ti­gung, wenn Ihr Prä­si­dent, Ihre Regie­rung, Ihre Par­tei­en, Ihre Orga­ni­sa­tio­nen Ihnen immer wie­der den Befehl zum Rück­zug geben, anstatt die Stim­me zum Vor­an­schrei­ten zu erhe­ben. Wir ver­lan­gen, dass wir nicht nur infor­miert, son­dern auch zu Ent­schei­dun­gen kon­sul­tiert wer­den, die schließ­lich für unser Schick­sal bestim­mend sind.“

Dies ist eine leicht über­ar­bei­te­te Über­set­zung eines Arti­kels vom 11. Sep­tem­ber 2020 bei La Izquier­da Dia­rio Chi­le.

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