[KgK:] #Trotsky2020: Emilio Albamonte über die historische Bedeutung von Trotzki und die Aktualität des Trotzkismus

Wir wol­len über die his­to­ri­sche Bedeu­tung von Trotz­ki und sei­ner Strö­mung nach­den­ken, sowie über die Aktua­li­tät des Trotz­kis­mus in die­ser wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und sozia­len Kri­se, die durch die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie ver­schärft wird.

Um zu begin­nen:

Was ist die historische und politische Bedeutung des revolutionären Theoretikers und Politikers Leo Trotzki?

Für die jün­ge­ren Genera­tio­nen: Zum Zeit­punkt sei­ner Ermor­dung war Trotz­ki eine gefürch­te­te Figur. Nicht nur vom Sta­li­nis­mus, son­dern von allen kapi­ta­lis­ti­schen Regie­run­gen. Win­s­ton Chur­chill hat­te ihn, sogar als er schon im Exil war, in Iso­la­ti­on, als „das Unge­heu­er der inter­na­tio­na­len Sub­ver­si­on“ bezeich­net.

In den 30er Jah­ren konn­te man in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern des eis­kal­ten Sibi­ri­ens Hun­der­te von zu Erschie­ßen­den hören, die rie­fen: „Lang lebe Trotz­ki!“ Was bedeu­te­te die­ser Ruf aus den Mün­dern jener Bol­sche­wi­ki, Veteran*innen, die in vie­len Fäl­len die Protagonist*innen von 1917 waren und in der Roten Armee gekämpft hat­ten? Es war ein Pro­test mit letz­tem Atem­zug gegen die Liqui­die­rung der sowje­ti­schen Demo­kra­tie, der Arbeiter*innen- und Bäuer*innenräte, durch die Büro­kra­tie, die die Errun­gen­schaf­ten der Arbeiter*innendemokratie bru­tal zurück­dräng­te. Es war ein Pro­test gegen die Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung und das Mas­sa­ker an Mil­lio­nen von Bäuer*innen. Gegen die Errich­tung des Gulag. Und letzt­end­lich gegen die poli­ti­sche Ent­eig­nung der Macht der Arbeiter*innenklasse und die Kon­sti­tu­ie­rung eines tota­li­tä­ren Regimes.

Die­ser Mut und die­se Klar­heit waren auch der Mut und die Klar­heit vie­ler Anhänger*innen Trotz­kis im Wes­ten. An die­ser Stel­le sei an Rudolf Kle­ment erin­nert, der die Grün­dungs­do­ku­men­te der Vier­ten Inter­na­tio­na­le mit sich führ­te und weni­ge Tage vor der Grün­dungs­kon­fe­renz im Sep­tem­ber 1938 vom KGB ermor­det und anschlie­ßend in der Sei­ne gefun­den wur­de. Wir erin­nern uns an Mar­tin Monath, einen jun­gen Kämp­fer, der im natio­nal­so­zia­lis­tisch besetz­ten Frank­reich in der deut­schen Armee Zel­len orga­ni­sier­te, die lei­der ent­deckt wur­den, was zur Ermor­dung aller Mitstreiter*innen durch die Gesta­po führ­te. Die­se Arbeit war her­vor­ra­gen­des Bei­spiel für die inter­na­tio­na­le Geschwis­ter­lich­keit der Arbeiter*innen. Obwohl bei­de an ihren Zie­len schei­ter­ten, konn­ten sie ein Bei­spiel dafür set­zen, wie Mil­lio­nen von Men­schen­le­ben hät­ten geret­tet wer­den kön­nen, wenn die gro­ßen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und sta­li­nis­ti­schen Par­tei­en, anstatt den chau­vi­nis­ti­schen Hass zwi­schen den Natio­nen zu schü­ren, in gro­ßem Maß­stab die Ver­ei­ni­gung zwi­schen den nun uni­for­mier­ten Arbeiter*innen vor­an­ge­bracht hät­ten.

Vor dem Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges hat­ten die Arbeiter*innen gro­ße Revo­lu­tio­nen ange­führt, die von Sozialdemokrat*innen und Stalinist*innen grau­sam ver­ra­ten wur­den, wie die chi­ne­si­schen Revo­lu­tio­nen von 1927 und 1928, die gro­ße spa­ni­sche Revo­lu­ti­on und der Bürger*innenkrieg in den 30ern und der Auf­stieg der Arbeiter*innen in Frank­reich, der von der Volks­front ver­ra­ten wur­de. Nur Trotz­ki und sei­ne Anhänger*innen im Wes­ten, die von Nazis, Stalinist*innen und sogar „demo­kra­ti­schen“ Kapitalist*innen inhaf­tiert, ins Exil geschickt und getö­tet wur­den, wider­setz­ten sich der selbst­mör­de­ri­schen Poli­tik, von der der Genos­se aus Deutsch­land berich­tet hat, die im Zwei­ten Welt­krieg gip­fel­te.

Der Schrei „Lang lebe Trotz­ki!“ der Hun­der­ten, die vor dem Erschie­ßungs­kom­man­do stan­den, syn­the­ti­sier­te also die­se gro­ßen Kämp­fe und Nie­der­la­gen der inter­na­tio­na­len Arbeiter*innenklasse.

Wie würdest du die aktuelle Situation definieren?

Es haben sich echt vie­le Din­ge ver­än­dert, ande­re nicht. Der Faschis­mus wur­de im Zwei­ten Welt­krieg von den Alli­ier­ten besiegt, wie wir alle wis­sen. Die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie hat nach dem Tri­umph der Sowjet­uni­on über die Nazis noch eini­ge Jahr­zehn­te lang wei­ter­ge­lebt, eine Zeit lang schien sie ihren Traum von Indus­tria­li­sie­rung und dem Sozia­lis­mus in einem Land zu ver­wirk­li­chen, aber dann kam es, wie es kom­men muss­te: Die Wirt­schaft sta­gnier­te unter dem Druck des welt­wei­ten Impe­ria­lis­mus, und die Ver­su­che poli­ti­scher Revo­lu­tio­nen in Polen, Ungarn und der Tsche­cho­slo­wa­kei wur­den blu­tig nie­der­ge­schla­gen, wodurch sich schließ­lich eine der Vor­her­sa­gen, die Trotz­ki in sei­nem bekann­ten Werk „Die ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on“ getrof­fen hat­te, bewahr­hei­te­te: dass die herr­schen­de Büro­kra­tie den Kapi­ta­lis­mus restau­rie­ren wür­de.

Es gab viele Veränderungen, aber wie ist es zu der gegenwärtigen Situation gekommen?

Zunächst ein­mal muss ich sagen, dass die trotz­kis­ti­sche Bewe­gung geköpft wor­den ist. [Isaac] Deut­scher hat sie als „ein klei­nes Boot mit einem rie­si­gen Segel“ defi­niert. Die­ses Segel ver­schwand unter dem sta­li­nis­ti­schen Eis­pi­ckel. Was die objek­ti­ve Situa­ti­on betrifft: Alles wur­de so ver­än­dert, dass sich nichts ändern wür­de, wie der ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Lam­pe­du­sa in „Der Leo­pard“ schrieb.

Der Sta­li­nis­mus ging auf den Kon­fe­ren­zen von Jal­ta und Pots­dam mit den kapi­ta­lis­ti­schen Sieger*innen des Krie­ges, USA und Eng­land, einen Pakt ein, in dem sie unter­ein­an­der Ein­fluss­zo­nen auf­teil­ten, um die inter­na­tio­na­le Revo­lu­ti­on abzu­wen­den oder zu besie­gen, wäh­rend sie wei­ter­hin mit­ein­an­der kon­kur­rier­ten. Gro­ße Revo­lu­tio­nen wie die chi­ne­si­sche konn­ten sie jedoch nicht ver­hin­dern, obwohl es ihnen gelang, zu ver­hin­dern, dass wich­ti­ge Unab­hän­gig­keits­pro­zes­se in der halb­ko­lo­nia­len Welt Schrit­te in Rich­tung Sozia­lis­mus gin­gen.

Der Kapi­ta­lis­mus gewann eini­ge Jahr­zehn­te Zeit durch die Wie­der­auf­nah­me der Pro­duk­ti­on zur Wie­der­in­stand­set­zung des­sen, was im Krieg zer­stört wur­de – der berühm­te Mar­shall­plan. Er unter­warf uns nicht nur wie­der­keh­ren­den Kri­sen wie der Ölkri­se der 1970er Jah­re, son­dern begann – ver­ängs­tigt durch die mas­si­ven Arbeiter*innenkämpfe von Ende der 1960er bis Mit­te der 1970er Jah­re – die gro­ße neo­li­be­ra­le Gegen­of­fen­si­ve. Er schaff­te es, den Arbeiter*innen eine schwe­re Nie­der­la­ge zu berei­ten – nicht nur im Wes­ten, son­dern auch, indem er Län­der, die wir als Arbeiterinnen*staaten bezeich­ne­ten, für das Kapi­tal erober­te: vor allem Russ­land und Chi­na. Trotz­dem konn­te der Kapi­ta­lis­mus sich der gro­ßen Kri­se von 2008 nicht ent­zie­hen, die den his­to­ri­schen Kri­s­en­zy­klus ein­lei­te­te, der sich heu­te durch die Pan­de­mie ver­schärft. Anschei­nend sind wir nicht nur Zeug*innen einer kon­junk­tu­rel­len Kri­se des Kapi­ta­lis­mus, son­dern einer his­to­ri­sche Kri­sen, die der der 30er Jah­re ähn­li­cher ist als allen Kri­sen, die wir seit den 70ern gese­hen haben.

Warum sagst du, dass es nach einer historischen Krise wie der in den 1930er Jahren aussieht?

Naja, weil sie Teil des 2008 ein­set­zen­den Zyklus ist. Trotz der teil­wei­sen Erho­lung ist es dem Kapi­ta­lis­mus nie gelun­gen, wie­der auf das vor jenem Jahr ver­zeich­ne­te Wirt­schafts­wachs­tum zu kom­men. In die­sen ers­ten Mona­ten der Pan­de­mie dro­hen mas­si­ve Unter­neh­mens­bank­rot­te, die Mil­lio­nen neue Arbeits­lo­se, nied­ri­ge­re Löh­ne und weit ver­brei­te­te Armut zur Fol­ge haben. In der Zwi­schen­zeit beschlie­ßen die Natio­nal­staa­ten mil­li­ar­den­schwe­re Ret­tungs­pa­ke­te, die ihre Schul­den noch wei­ter in die Höhe trei­ben, ohne struk­tu­rel­le Lösun­gen für die Wirt­schaft ihrer Län­der zu fin­den.

Die soge­nann­te „Glo­ba­li­sie­rung“, die die Geschich­te der letz­ten Jahr­zehn­te geprägt hat und sich jetzt in der Kri­se befin­det, hat den Weg für Trumps „Ame­ri­ca First“ geeb­net, für Kämp­fe um Tech­no­lo­gien wie 5G, für die Wie­der­auf­nah­me des Wett­rüs­tens, für Han­dels­krie­ge mit Chi­na und für natio­na­lis­ti­sche Ten­den­zen in ver­schie­de­nen Län­dern, aber auch – wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass das damit ein­her­geht – für das Wie­der­auf­flam­men des Klas­sen­kamp­fes.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise werden viel analysiert. Vom Klassenkampf als einem entscheidenden Faktor ist aber viel weniger die Rede.

Ja, wie wir 2018 bei den Gelb­wes­ten in Frank­reich oder den gro­ßen Arbeiter*innenstreiks der Eisenbahner*innen und Busfahrer*innen gegen die Ren­ten­re­form gese­hen haben, wur­de die Welt auch von einer Wel­le von Auf­stän­den erschü­tert, in denen wirt­schaft­li­che, demo­kra­ti­sche und poli­ti­sche For­de­run­gen erho­ben wur­den, von Hong­kong im äußers­ten Osten über den Nahen Osten mit dem Liba­non, dem Iran und dem Irak bis hin zum nord­afri­ka­ni­schen Alge­ri­en und dem Sudan. Und sie erreich­te unse­ren Sub­kon­ti­nent, Latein­ame­ri­ka, mit der gro­ßen Revol­te der chi­le­ni­schen Jugend und Arbeiter*innen. Auch die revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se in Ecua­dor, die glor­rei­chen Kämp­fe der kolum­bia­ni­schen Arbeiter*innen und der Wider­stand gegen den Putsch in Boli­vi­en sind nicht zu ver­ges­sen. Das ist ein Ver­such, die Ereig­nis­se der letz­ten Jah­re zusam­men­zu­fas­sen. Aber wir müs­sen uns auch dar­an erin­nern, dass es nach der Kri­se von 2008 in Ägyp­ten eine Revo­lu­ti­on gab, die dann nie­der­ge­schla­gen wur­de, einen gan­zen Pro­zess, der Ara­bi­scher Früh­ling genannt wur­de, und gro­ße Mas­sen­ak­tio­nen in ent­schei­den­den Län­dern wie der Tür­kei, Spa­ni­en und Bra­si­li­en. Vom Klas­sen­kampf ist wenig die Rede, aber er ist seit Beginn der Kri­se von 2008 sehr prä­sent.

Heu­te, qua­si zu Beginn die­ser neu­en Kri­sen­etap­pe, die durch das Coro­na­vi­rus zuge­spitzt wur­de, sehen wir die größ­te Mobi­li­sie­rung in der Geschich­te der Schwar­zen und der Aus­ge­beu­te­ten im ras­sis­ti­schen Her­zen des US-Impe­ria­lis­mus.

Wie würdest du also die aktuelle Situation insgesamt einschätzen?

Schau mal, wenn ich es in weni­gen Wor­ten defi­nie­ren muss, wür­de ich sagen, dass wir in eine neue Pha­se ein­tre­ten, in der die Cha­rak­te­ris­ti­ka der impe­ria­lis­ti­schen Epo­che, die Lenin, Trotz­ki und die Drit­te Inter­na­tio­na­le als Epo­che der Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen defi­niert haben, an Aktua­li­tät gewin­nen.

Du hast klar gemacht, was die objektiven Bedingungen für das Voranschreiten der revolutionären Marxist*innen sind. Aber was sind die subjektiven Bedingungen dafür, dass diese Epoche mit erfolgreichen sozialistischen Revolutionen endet?

Ich wer­de ver­su­chen, syn­the­tisch zu ant­wor­ten, aber das ist eine Fra­ge, die eine sehr lan­ge Ant­wort erfor­dert. Das 20. Jahr­hun­dert bilan­zie­rend muss ich vor­ab sagen, dass es trotz des Sta­li­nis­mus und der Sozi­al­de­mo­kra­tie, die als „Feu­er­wehr“ für den Kapi­ta­lis­mus agiert haben, gro­ße revo­lu­tio­nä­re Pro­zes­se gege­ben hat. Vie­le von ihnen wur­den von allen mög­li­chen Füh­run­gen ver­ra­ten oder von ihren sozia­lis­ti­schen Zie­len abge­bracht. Bereits 1906 sah Trotz­ki mit Blick auf die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie, die damals Mil­lio­nen von Wähler*innen und Mit­glie­dern hat­te und einen gro­ßen Teil der Gewerk­schaf­ten führ­te, vor­aus, dass sie auf­grund des zen­tris­ti­schen Cha­rak­ters ihrer Füh­rung in aku­ten Situa­tio­nen zu einem höchst kon­ser­va­ti­ven Fak­tor wer­den könn­te. Das pro­phe­zei­te er ein Jahr­zehnt, bevor die Sozi­al­de­mo­kra­tie im Par­la­ment für die Ver­ga­be von Kre­di­ten gestimmt hat, die das Blut­bad des Ers­ten Welt­kriegs erst ermög­lich­te. Alle mäch­ti­gen euro­päi­schen Par­tei­en der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le taten es ihr gleich. Sie ver­tei­dig­ten ihre bür­ger­li­chen Hei­mat­län­der und ver­rie­ten den Eid, dem Krieg mit koor­di­nier­ten Gene­ral­streiks zu begeg­nen. Die­se Art des Ver­rats wur­de von Stalinist*innen aller Cou­leur wie­der­holt und dann erwei­tert. Dies wur­de zu einem typi­schen Vor­ge­hen, das sogar Krie­ge zwi­schen Län­dern ein­schloss, die den Kapi­ta­lis­mus besiegt hat­ten.

Der revo­lu­tio­nä­re Cha­rak­ter des Trotz­kis­mus zu Trotz­kis Leb­zei­ten steht nicht in Zwei­fel; er und sei­ne Strö­mung stell­ten sich jeg­li­chem Ver­rat ent­ge­gen und schlu­gen ange­sichts des Zyklus gro­ßer Revo­lu­tio­nen revo­lu­tio­nä­re Alter­na­ti­ven vor.

Nach Trotz­kis Tod und dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de die trotz­kis­ti­sche Bewe­gung selbst, um ihr Ober­haupt beraubt, zu einer Bera­te­rin die­ser gro­ßen refor­mis­ti­schen Par­tei­en oder such­te, umge­kehrt, Zuflucht in sek­tie­re­risch-pro­pa­gan­dis­ti­schen Posi­tio­nen. Bei­des konn­te kei­ne Alter­na­ti­ve zu dem Kurs sein, der im Ver­lust vie­ler der gro­ßen Errun­gen­schaf­ten der Arbeiter*innenklasse durch Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus ende­te.

Du würdest also sagen, dass die subjektive Situation angesichts der großen Krise, vor der wir stehen, sehr schlecht ist?

Ja und nein. Man muss das dia­lek­tisch betrach­ten. Die Exis­tenz der UdSSR und die sieg­rei­chen Revo­lu­tio­nen haben Füh­run­gen wie der mao­is­ti­schen oder hier auf unse­rem Kon­ti­nent der kuba­ni­schen Auto­ri­tät ver­lie­hen, um eine Poli­tik der Klas­sen­ver­söh­nung zu betrei­ben, die dazu führ­te, dass jede neue Revo­lu­ti­on umge­lenkt oder ver­ra­ten wur­de.

Oft in Kom­bi­na­ti­on mit ultra­lin­ken Poli­ti­ken wie der Stra­te­gie des Gue­ril­la­kriegs, die die Kubaner*innen in den 1970er Jah­ren unse­rem Kon­ti­nent auf­zwan­gen.

Die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts hat eini­ge sieg­rei­che Revo­lu­tio­nen unter sta­li­nis­ti­schen oder klein­bür­ger­li­chen Füh­run­gen gese­hen, die, anstatt für die Aus­wei­tung ihrer Errun­gen­schaf­ten zu kämp­fen, die Errich­tung des Sozia­lis­mus in einem ein­zi­gen Land zum Ziel hat­ten. Nach eini­gen Erfol­gen in den ers­ten Jahr­zehn­ten mach­ten sie Rück­schrit­te, sta­gnier­ten und ver­wan­del­ten schließ­lich die lei­ten­den Büro­kra­tien in Restaurator*innen des Kapi­tals, was zu einem gro­ßen Rück­schritt der Arbeiter*innenklasse führ­te – nicht nur in die­sen Län­dern, son­dern auch inter­na­tio­nal.

Die posi­ti­ve Sei­te die­ser his­to­ri­schen Tra­gö­die besteht dar­in, dass es heu­te, inmit­ten der Kri­se, mit der wir gera­de kon­fron­tiert sind, kei­ne rie­si­gen Appa­ra­te mit Mil­lio­nen von ange­se­hen Aktivist*innen gibt, die die kommwnswn revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se stop­pen, umlen­ken und schließ­lich zum Schei­tern ver­ur­tei­len könn­ten.

Um hier mal ein klei­nes Bei­spiel zu geben: Unse­ren jun­gen Genoss*innen aus Chi­le, die die PTR bil­den, gelang es, in Anto­fagas­ta, im Nor­den des Lan­des, im Berg­bau­ge­biet, eine Koor­di­na­ti­ons­in­stanz zu grün­den und für den Gene­ral­streik eine Ein­heits­front mit dem Gewerk­schafts­ver­band CUT zu erzie­len, der von der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ange­führt wird, die mit­ten im Streik- und Auf­stands­pro­zess zu einer gemein­sa­men Akti­on der gan­zen Regi­on auf­rief und mehr als 20.000 Arbeiter*innen zusam­men­brach­te.

Dies war natür­lich in den 70er Jah­ren unmög­lich, als die KP Zehn­tau­sen­de von Mit­glie­dern hat­te, der Regie­rung ange­hör­te und am Ende die Abscheu­lich­keit unter­stütz­te, Pino­chet in Allen­des Kabi­nett zu set­zen, was es den Putschist*innen schon einen Monat vor dem Putsch ermög­lich­te, alle Posi­tio­nen zu kon­trol­lie­ren.

Auch wenn die­ser Zyklus von Nie­der­la­gen und Wider­stand die Moral und sogar die Struk­tur des Pro­le­ta­ri­ats geschwächt hat, sind wir im Hin­blick auf die zu über­win­den­den Hin­der­nis­se viel bes­ser dran. Die­se Appa­ra­te haben uns Errun­gen­schaf­ten und Revo­lu­tio­nen beschert, sich dabei aber selbst abge­wer­tet und den Groß­teil der Hege­mo­nie ver­lo­ren, die sie vor­her über die arbei­ten­den Klas­sen aus­üb­ten.

Um mei­ne Ant­wort auf die Fra­ge abzu­run­den: Die Tie­fe der Kri­se, die in der nächs­ten Peri­ode deut­lich wer­den wird und die Schwä­che jeder Art von refor­mis­ti­scher oder büro­kra­ti­scher Füh­rung ist für uns Trotzkist*innen ein Vor­teil dafür, dass wir – wenn wir die in vie­len Län­dern erwor­be­ne Ansamm­lung von Kadern und Anführer*innen wei­ter ent­wi­ckeln und för­dern – eine ent­schei­den­de Rol­le bei dem kom­men­den Auf­stieg der Arbeiter*innen spie­len kön­nen.

Viel­leicht viel mehr als die Rol­le, die Trotzkist*innen in frü­he­ren Kri­sen und Auf­stie­gen gespielt haben.

Und wo zeigt sich die Massenbewegung heute?

Die refor­mis­ti­schen Sozialdemokrat*innen haben sich in offe­ne Neo­li­be­ra­le ver­wan­delt. Sogar gro­ße sta­li­nis­ti­sche Mas­sen­par­tei­en, wie die ita­lie­ni­sche, wur­den direkt neo­li­be­ral. Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei­en wie die fran­zö­si­sche, die uru­gu­ay­ische oder die chi­le­ni­sche, sind heu­te deut­lich schwä­cher als damals. Die neu­en refor­mis­ti­schen oder – wie wir sie nen­nen – neo-refor­mis­ti­schen For­ma­tio­nen, wie Syri­za und Pode­mos, sind im Wesent­li­chen Wahl­phä­no­me­ne, ohne akti­ve Mit­glied­schaft, und daher auch Aus­druck die­ser Schwä­che.

Um dei­ne Fra­ge wirk­lich zu beant­wor­ten: Wich­ti­ge Sek­to­ren der Mas­sen kom­men – bei allen Unter­schie­den zwi­schen ver­schie­de­nen Län­dern – wei­ter­hin in den Gewerk­schaf­ten zusam­men, die, obwohl sie ohmächtlg sind und kein Anse­hen genie­ßen, der zen­tra­le Ort sind, an dem die Kämp­fe der Arbeiter*innen oft ihren Aus­druck fin­den. Des­halb muss in ihnen gear­bei­tet wer­den.

Ihre büro­kra­ti­sier­ten Füh­run­gen schwan­ken zwi­schen For­de­run­gen nach Refor­men, die im All­ge­mei­nen ohn­mäch­tig sind, wenn sie nicht sogar direkt zu Agent*innen der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on wer­den, wie sie es in Argen­ti­ni­en in den 1970er Jah­ren im Rah­men der Trip­le A taten, die vor dem 24. März 1976 1.500 der bes­ten Arbeiteraktivist*innen ermor­de­ten.

Im Über­gangs­pro­gramm bekräf­tigt Trotz­ki, dass die Gewerk­schaf­ten im bes­ten Fall zwar nicht mehr als 25% der Arbeiter*innenklasse orga­ni­sie­ren, dass in ihnen und in ihren Basis­or­ga­ni­sa­tio­nen, Dele­gier­ten­gre­mi­en, Betriebs­rä­ten usw. aber oft die bewuss­tes­ten und orga­ni­sier­tes­ten Sek­to­ren zu fin­den sind. Des­halb kann behaup­tet wer­den, dass alle, die den Gewerk­schaf­ten den Rücken keh­ren, eigent­lich den Mas­sen den Rücken keh­ren.

Es ist not­wen­dig, inner­halb der Gewerk­schaf­ten an Gewicht zu gewin­nen, um die büro­kra­ti­sier­ten Füh­run­gen aus ihren Posi­tio­nen zu ent­fer­nen, um Kampf­auf­ru­fe zu errei­chen, damit die Arbeiter*innenklasse in der Akti­on selbst, wie mini­mal sie auch sein mag, die Erfah­rung mit die­ser ver­rot­te­ten Kas­te zu einem Ende bringt und es uns so ermög­licht, die Gewerk­schaf­ten für einen kon­se­quen­ten Klas­sen­kampf zu erobern.

Natür­lich reicht der Kampf inner­halb die­ser Min­der­heit der Arbeiter*innenklasse nicht aus, um die gro­ßen Mas­sen, die in den Kampf zie­hen, in einen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess zu füh­ren. Wir müs­sen ein Pro­gramm auf­stel­len, das die Hege­mo­nie der Arbeiter*innen über die immense Mas­se der Pre­kä­ren und Infor­mel­len errich­tet, die durch die Kri­se von Tag zu Tag anwächst. Der Kampf für die Rück­erobe­rung unse­rer Orga­ni­sa­tio­nen ist untrenn­bar damit ver­bun­den, die Rei­hen der Arbeiter*innen, die heu­te in Fest­an­ge­stell­te, Pre­kä­re und Arbeits­lo­se gespal­ten sind, zu ver­ei­nen und eine Poli­tik gegen­über der impo­san­ten, kämp­fe­ri­schen Frau­en­be­we­gung, der Schwar­zen Bewe­gung, der Migrant*innen-Bewegung und der abstür­zen­den Mit­tel­klas­sen zu ent­wi­ckeln, damit die­se nicht von der Rech­ten gewon­nen wer­den.

All das soll­te uns ermu­ti­gen. Wenn sich die Kri­se wei­ter­ent­wi­ckelt und wir gut han­deln, wer­den wir die Chan­ce haben, Par­tei­en mit Mas­sen­ein­fluss zu schaf­fen und die Vier­te Inter­na­tio­na­le neu zu grün­den. Und dabei hof­fen wir, uns den Strö­mun­gen in unse­rer Bewe­gung anzu­nä­hern, die, so wie wir es tun, ver­su­chen, ein kon­se­quen­tes Pro­gramm und eine kon­se­quen­te Stra­te­gie auf den Weg zu brin­gen.

Um jetzt nicht noch wei­ter aus­zu­ho­len, sei zuletzt gesagt, dass der Erfolg des Zei­tungs­netz­werks La Izquier­da Dia­rio mit Mil­lio­nen von Klicks in den Hoch­zei­ten des Klas­sen­kamp­fes, das täg­lich auf meh­re­ren Spra­chen ver­öf­fent­licht, die­se Per­spek­ti­ve vor­weg­zu­neh­men scheint.

Deiner Meinung nach besteht für Trotzkist*innen eine Gelegenheit, revolutionäre Parteien in verschiedenen Ländern aufzubauen und die Vierte Internationale wieder aufzubauen. Aber was bedeutet es, heute, wo das 21. Jahrhundert schon angebrochen ist, Trotzkist*in zu sein?

Es ist schwie­rig, das in weni­gen Wor­ten zu for­mu­lie­ren. Eini­ge Genoss*innen sagen uns, dass sich die Defi­ni­ti­on von „trotz­kis­tisch“ nur auf ein „ideo­lo­gi­sches Pro­blem“ bezieht, was impli­zie­ren wür­de, dass sie für die Ent­wick­lung einer revo­lu­tio­nä­ren Pra­xis heu­te nicht ent­schei­dend ist. Es ist aber nicht nur ein Pro­blem von „Bezeich­nun­gen“. Wenn wir von „Trotz­kis­mus“ spre­chen, bezie­hen wir uns nicht ein­fach auf eine wei­te­re Ideo­lo­gie neben vie­len, wie wenn man sich zu die­ser oder jener Reli­gi­on bekennt, katho­lisch, evan­ge­lisch oder bud­dhis­tisch ist, son­dern auf eine Theo­rie mit wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen, aus der sich ein Pro­gramm und eine Stra­te­gie ent­wi­ckeln las­sen, damit die Aus­ge­beu­te­ten ihren Kampf gegen die Ausbeuter*innen gewin­nen kön­nen. All das ist im Theo­rie-Pro­gramm der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on und dem Über­gangs­pro­gramm zusam­men­ge­fasst, die uns ein gewis­ses GPS geben, um den Weg zu gehen, der sowohl auf natio­na­ler als auch auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne zum Sieg der Arbeiter*innenklasse und der Unter­drück­ten führt.

Für die neuen Generationen: Was ist die Theorie des Trotzkismus?

Genoss*innen vor mir haben ver­schie­de­ne Aspek­te der Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on erör­tert. Im 21. Jahr­hun­dert ist es ein­deu­tig eine Illu­si­on, zu glau­ben, dass sich die rück­stän­di­gen oder so genann­ten unter­ent­wi­ckel­ten Län­der ent­wi­ckeln und Hun­der­te von Mil­lio­nen im Elend leben­der Men­schen welt­weit befrei­en, indem die loka­len Bour­geoi­si­en sie anfüh­ren, die durch unzäh­li­ge Ver­flech­tun­gen mit dem inter­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­tal ver­bun­den sind.

In Latein­ame­ri­ka haben wir bis vor weni­gen Jah­ren einen Zyklus des Auf­stiegs der­je­ni­gen erlebt, die auf die Ent­wick­lung der berühm­ten natio­na­len Bour­geoi­si­en gesetzt haben, wie Lula, die Kirch­ners oder Chá­vez. Allein der Anblick der Kata­stro­phe, in die Vene­zue­la durch zwei Jahr­zehn­te Cha­vis­mus gera­ten ist, hält uns davon ab, wei­ter dar­über reden zu müs­sen. Allein impe­ria­lis­ti­sche Blo­cka­den und Putsch­ver­su­che dafür ver­ant­wort­lich zu machen, ist nur eine Aus­re­de für die Anhänger*innen die­ser Regie­run­gen.

Nur Län­der wie Russ­land oder Chi­na, die enor­me Revo­lu­tio­nen durch­ge­führt haben, in denen die Bour­geoi­sie ent­eig­net wur­de, auch wenn sie dege­ne­riert oder defor­miert ent­stan­den sind, haben es geschafft, aus der Rück­stän­dig­keit und der Abhän­gig­keit her­aus­zu­kom­men, auch wenn die Herr­schaft der sta­li­nis­ti­schen bzw. mao­is­ti­schen Büro­kra­tie die­se Revo­lu­tio­nen letzt­end­lich inner­halb der natio­na­len Gren­zen gefan­gen hielt und zur Restau­ra­ti­on des Kapi­ta­lis­mus führ­te.

Wie­der ein­mal hat die Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on ihre Über­le­gen­heit gegen­über den Pseu­do-Theo­rien des Sozia­lis­mus in einem ein­zi­gen Land bewie­sen.

Gilt diese Theorie nur für „rückständige“ Länder?

Nein. In den „fort­ge­schrit­te­nen“ Län­dern sind die Auf­ga­ben direkt sozia­lis­tisch, d.h. man muss sich nicht erst von den land­be­sit­zen­den Kas­ten oder vom Impe­ria­lis­mus befrei­en, der Unter­drü­ckungs- und Aus­plün­de­rungs­me­cha­nis­men anwen­det. Es kann aber sein, dass die Arbeiter*innen da erst spä­ter die Macht ergrei­fen, weil sie einer viel stär­ke­ren Bour­geoi­sie gegen­über­ste­hen. Doch da es sich um „fort­ge­schrit­te­ne“ Län­der han­delt, in denen die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät hoch ist, wer­den sie, wenn sie die Macht über­neh­men, nicht nur in der Lage sein, die „rück­stän­di­gen“ Län­der nach und nach zu befrei­en, son­dern auch im Kampf für die Arbeits­zeit­ver­kür­zung viel schnel­ler vor­an­kom­men, , d.h. für die kom­mu­nis­ti­schen Zie­le unse­res Pro­gramms. Die Tat­sa­che, dass die deut­schen Arbeiter*innen, ange­führt von der Sozi­al­de­mo­kra­tie und dem Sta­li­nis­mus, weder 1921, noch 1923 oder 1929 sieg­reich waren, hat nicht nur den Auf­stieg Hit­lers ermög­licht, son­dern auch Russ­land mit sei­ner „Rück­stän­dig­keit“ allein gelas­sen, was den Auf­stiegs der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie größ­ten­teils erklärt, wie der Genos­se aus Deutsch­land erklär­te. Stellt euch vor, das hohe wis­sen­schaft­li­che und tech­ni­sche Niveau der deut­schen Arbeiter*innen wäre mit der Kampf­be­reit­schaft der rus­si­schen Arbeiter*innen und Bäuer*innen ver­bun­den gewe­sen – Sta­li­nis­mus, Faschis­mus und sogar der Zwei­te Welt­krieg hät­ten ver­mie­den wer­den kön­nen. Das war Leo Trotz­kis Pro­gramm und Stra­te­gie.

Was für ein Programm brauchen wir, damit sich die Mobilisierungen entfalten?

Um das Pro­le­ta­ri­at vom Sys­tem moder­ner Skla­ve­rei, von Lohn­skla­ve­rei, sowohl in den „rück­stän­di­gen“ als auch in den „fort­ge­schrit­te­nen“ Län­dern zu befrei­en, wer­de ich kurz nicht nur auf die kal­ten Buch­sta­ben des Pro­gramms ein­ge­hen, son­dern auch auf die Metho­de, mit der es unter den gro­ßen Mas­sen Gestalt anneh­men kann.

Die Mil­lio­nen, die sich beim Aus­bruch revo­lu­tio­nä­rer Pro­zes­se mobi­li­sie­ren, kom­men in ihrem Bewusst­sein nicht durch blo­ße Pro­pa­gan­da vor­an. Nur eine Min­der­heit der fort­schritt­li­chen Arbeiter*innen, die die Avant­gar­de und ins­be­son­de­re die Mit­glied­schaft der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei­en bil­den, kann auf die­se Wei­se ein revo­lu­tio­nä­res Bewusst­sein errei­chen. Aus­ge­hend von die­ser Annah­me schreibt Trotz­ki 1938 das Über­gangs­pro­gramm. Er setzt damit die Tra­di­ti­on der ers­ten Jah­re der Drit­ten Inter­na­tio­na­le fort und ver­sucht, eine Brü­cke zwi­schen den aktu­el­len For­de­run­gen und Bedürf­nis­sen von Arbeiter*innen und jenen, die zur Macht­er­grei­fung füh­ren, zu schla­gen.

Ein ein­fa­ches Bei­spiel:

Die Kri­se wird, wenn sie sich wei­ter ver­tieft, die Schlie­ßung von Fabri­ken und Unter­neh­men nach sich zie­hen. Was kön­nen also die Arbeiter*innen die­ser Unter­neh­men ange­sichts eines Sze­na­ri­os tun, in dem es immer mehr Arbeits­lo­se gibt? Sie beset­zen sie, stel­len die Pro­duk­ti­on unter ihre Kon­trol­le der Arbeiter*innen und for­dern die ent­schä­di­gungs­lo­se Ver­staat­li­chung, heißt es im Über­gangs­pro­gramm. In mei­nem Land [Argen­ti­ni­en], wo wir Trotzkist*innen bei sol­chen Initia­ti­ven an vor­ders­ter Front stan­den, gibt es dies­be­züg­lich sehr viel Erfah­rung. Wenn die Situa­ti­on, die wir gera­de beschrei­ben, meh­re­re Jah­re andau­ert und das Poten­zi­al hat, revo­lu­tio­när zu wer­den, wie wir heu­te pro­gnos­ti­zie­ren, wird das nicht in ein oder zwei Fabri­ken, son­dern in gan­zen Pro­duk­ti­ons- und Dienst­leis­tungs­zwei­gen der Fall sein, was einen Grad der all­ge­mei­nen Pla­nung vor­aus­set­zen wür­de, mit dem Ziel, eine Schu­le der sozia­lis­ti­schen Pla­nung zu schaf­fen. Doch dann stellt sich die Fra­ge: Mit wel­chen finan­zi­el­len Mit­teln wer­den die­se Unter­neh­men inmit­ten der Kri­se funk­tio­nie­ren, oder wer­den sie ohne Mit­tel auf der Grund­la­ge von Löh­nen funk­tio­nie­ren, die nicht zum Leben rei­chen, ähn­lich den Arbeits­lo­sen? Nur wenn die Pri­vat­ban­ken ent­eig­net und alle natio­na­len Erspar­nis­se in einer ein­zi­gen Bank ver­ei­nigt wer­den, kön­nen die Arbeiter*innen ver­hin­dern, dass die­se finan­zi­el­len Res­sour­cen in Spe­ku­la­ti­on und Kapi­tal­flucht flie­ßen und so das Geld für das Funk­tio­nie­ren die­ser Unter­neh­men und Indus­trien erhal­ten, wobei natür­lich die klei­nen Leu­te, die von den Ban­kiers immer betro­gen wer­den, ihre Erspar­nis­se behal­ten dür­fen. Sowas Ähn­li­ches geschieht mit den Inves­ti­tio­nen: Wie wer­den sie die not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen für die­se Indus­trien bekom­men, die Devi­sen, d.h. die Dol­lars, die es braucht, um das zu kau­fen, was aus dem Aus­land impor­tiert wer­den muss? Wie wer­den sie die Erpres­sung und die Geschäf­te der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­zer­ne umge­hen, die den inter­na­tio­na­len Han­del der Län­der kon­trol­lie­ren? In Argen­ti­ni­en zum Bei­spiel wird die­ser Han­del von einer Hand­voll trans­na­tio­na­ler Getrei­de­kon­zer­ne und Landbesitzer*innen kon­trol­liert. Die Arbeiter*innen müs­sen das staat­li­che Außen­han­dels­mo­no­pol durch­set­zen, um es in das Inter­es­se der Mehr­heit zu stel­len.

Was ich gesagt habe, ist nur ein Bei­spiel, das dar­auf hin­weist, dass die Arbeiter*innen in ein revo­lu­tio­nä­res Sta­di­um ein­tre­ten, wenn die Kri­se tief ist, dass sich ihr Bewusst­sein in dem Maße ver­än­dert und Fort­schrit­te macht, wie sie Erfah­run­gen mit den Pro­ble­men machen, mit denen sie kon­fron­tiert sind. Es geht nicht nur dar­um, Pro­pa­gan­da zu machen, auch wenn viel theo­re­ti­scher und ideo­lo­gi­scher Kampf geführt wer­den muss, son­dern in jedem Augen­blick die rich­ti­gen For­de­run­gen zu erhe­ben, damit die Arbeiter*innen nach und nach die enor­men Schwie­rig­kei­ten lösen kön­nen, vor denen sie ste­hen wer­den. All das ist solan­ge wahr, wie man berück­sich­tigt, dass wir nicht nur exter­ne Feind*innen haben, wie die Kapitalist*innen und ihre Staa­ten, son­dern auch inne­re, wie die büro­kra­ti­sier­ten Füh­run­gen der Gewerk­schaf­ten oder der sozia­len Bewe­gun­gen, die durch Betrug und/​oder Repres­si­on ver­su­chen wer­den, die refor­mis­ti­schen Vor­ur­tei­le der Arbeiter*innen zu bekräf­ti­gen, indem sie ihnen sagen, dass nichts ande­res mög­lich ist, als den Staat oder die Bos­se um Hil­fe zu bit­ten.

Wo setzt das Programm in Bezug auf die Organisierung der Arbeiter*innen an?

Das Über­gangs­pro­gramm schlägt vor, dass die Arbeiter*innenklasse ihre Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on im Kampf für ihre For­de­run­gen ent­wi­ckeln kann und soll­te, um die Gewerk­schaf­ten den Hän­den der Büro­kra­tie zu ent­rei­ßen, wel­che sie dem Staat unter­ord­net und sie zu Agent*innen der Aus­hun­ge­rungs­plä­ne der Kapitalist*innen macht, und dass sie auf die­se Wei­se vor­an­kom­men muss, um wirk­lich demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen zu bil­den, die in der Lage sind, alle Sek­to­ren im Kampf zusam­men­zu­brin­gen und die Selbst­ver­tei­di­gung gegen Repres­si­on und para­mi­li­tä­ri­sche Ban­den zu garan­tie­ren.

Die rus­si­schen Arbeiter*innen, und nach ihnen die Arbeiter*innen in zahl­rei­chen ande­ren Revo­lu­tio­nen, haben Orga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen, die den Gewerk­schaf­ten bei wei­tem über­le­gen waren. Ihr ursprüng­li­cher Name war „Sowjet“, was nichts ande­res als „Rat“ bedeu­tet. Räte haben die städ­ti­schen Arbeiter*innen über die Bran­chen hin­weg ver­eint, mit abwähl­ba­ren Dele­gier­ten, die von ihren Arbeitskolleg*innen damit beauf­tragt wor­den waren, die Ant­wor­ten für alle Pro­ble­me zu debat­tie­ren und zu zen­tra­li­sie­ren, die in die­ser Situa­ti­on des Klas­sen­kamp­fes ent­stan­den sind.

Ich gebe dir ein klei­nes Bei­spiel: Es ist unmög­lich, heu­te über die Hege­mo­nie der Arbeiter*innen, wel­che die Hebel der Wirt­schaft kon­trol­lie­ren, über ande­re unter­drück­te Sek­to­ren zu spre­chen, ohne dass es Orga­ne der direk­ten Demo­kra­tie gibt, die den Kampf der Arbeiter*innen mit den mäch­ti­gen Bewe­gun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te zusam­men­füh­ren wür­den, wie bpsw. die der Frau­en und LGBTQIA+, die anti­ras­sis­ti­sche Bewe­gung und die des Kamp­fes gegen Umwelt­ka­ta­stro­phen.

Nur die­se Art der Orga­ni­sa­ti­on, die der der Gewerk­schaf­ten weit über­le­gen ist, kann alle For­de­run­gen ver­ei­nen und zen­tra­li­sie­ren.

Was ist das höchste Ziel des Programms?

Ich begin­ne mit dem zweit­höchs­ten. Das Ziel ist, dass die Arbeiter*innenklasse und die unter­drück­ten Sek­to­ren aus die­ser Erfah­rung her­aus zu dem Schluss kom­men, dass sie die Macht erobern müs­sen. Eine Arbeiter*innenrepublik, die Marx die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ genannt hat.

So wie die Bour­geoi­sie unter demo­kra­ti­schen oder auto­ri­tä­ren Regi­men immer die Dik­ta­tur des Kapi­tals auf­recht­erhält, indem sie stän­dig ihre eige­nen Inter­es­sen durch­setzt, muss das Pro­le­ta­ri­at die Inter­es­sen der gro­ßen Mehr­hei­ten der Arbeiter*innen und der Mas­sen umset­zen. Eine Arbeiter*innenrepublik, die auf der Grund­la­ge der Demo­kra­tie der­je­ni­gen funk­tio­niert, die arbei­ten, durch Räte von gewähl­ten Dele­gier­ten pro Pro­duk­ti­ons­ein­heit, Unter­neh­men, Fabrik, Schu­le usw., sodass die Arbeiter*innen im wei­tes­ten Sin­ne des Wor­tes regie­ren und sich nicht dar­auf beschrän­ken, alle zwei oder vier Jah­re zu wäh­len, son­dern täg­lich den poli­ti­schen Kurs der Gesell­schaft und die ratio­na­le Pla­nung der wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen bestim­men.

Mit ande­ren Wor­ten: Die Arbeiter*innenräte wer­den von Orga­nen der Zen­tra­li­sie­rung des Kamp­fes zur Grund­la­ge eines neu­en Staa­tes – dem der Arbeiter*innen.

Wie kann den Kapitalist*innen und ihren Streit- und Sicherheitskräften die Macht entzogen werden?

Ich kann dar­auf all­ge­mein ant­wor­ten. Ich erin­ne­re mich an einen kürz­lich erschie­ne­nen Arti­kel in der New Left Review, in dem der lin­ke, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Sozio­lo­ge Wolf­gang Stre­eck Engels‘ mili­tä­ri­sches Den­ken ana­ly­siert und die Debat­te bis in die heu­ti­ge Zeit führt, um zu erklä­ren, dass die Fort­schrit­te in der Tech­no­lo­gie, zum Bei­spiel die Ent­wick­lung von Droh­nen für geziel­te Atten­ta­te oder die Ent­wick­lung aus­ge­klü­gel­ter Com­pu­ter­spio­na­ge­sys­te­me, bedeu­ten, dass jede revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve heu­te aus­ge­schlos­sen wer­den muss.

Das ist eine sehr wich­ti­ge Dis­kus­si­on, weil sie sich auf die (Un-)Möglichkeit einer Revo­lu­ti­on bezieht. Der grund­le­gen­de Feh­ler in Stre­ecks The­se besteht dar­in, die Kraft auf ihren tech­nisch-mate­ri­el­len Aspekt zu redu­zie­ren. Trotz­ki knüpf­te an die The­se des preu­ßi­schen Gene­rals [Carl von] Clau­se­witz an, dass es nicht nur um „phy­si­sche Kraft“ geht, son­dern auch um ihre Bezie­hung zu dem, was er „mora­li­sche Kraft“ nann­te. Im Fall einer Arbeiter*innenrevolution geht es dar­um, dass die Zahl der Arbeiter*innen und ihrer Ver­bün­de­ten viel grö­ßer ist als die jeder Berufs­ar­mee oder von Wehr­pflich­ti­gen; genau­so ihre Bereit­schaft, den Kampf bis zum Ende zu füh­ren. Dazu kommt natür­lich noch die Qua­li­tät der Füh­rung, die nicht im Kampf impro­vi­siert wer­den kann.

Sehen wir uns eini­ge Bei­spie­le an.

Vor einem Jahr­hun­dert hat Trotz­ki den Fall der Eisen­bahn ana­ly­siert, die damals ein rie­si­ger Fort­schritt war, weil sie es den Arme­en ermög­lich­te, Trup­pen inner­halb weni­ger Stun­den in ande­re Städ­te zu trans­por­tie­ren. Er beton­te, dass nicht ver­ges­sen wer­den dür­fe, dass ein wahr­haf­ti­ger Mas­sen­auf­stand mit dem Streik begin­nen müs­se, der die Eisen­bah­nen lahm legt. Heu­te könn­ten wir so etwas über die aus­ge­klü­gel­ten poli­zei­li­chen Infor­ma­ti­ons­sys­te­me sagen, von denen Stre­eck spricht: Was pas­siert, wenn die Mitarbeiter*innen von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­fir­men den Hebel umle­gen oder wenn die Beschäf­tig­ten von Elek­tri­zi­täts­wer­ken die Ver­sor­gung mit Strom an bestimm­ten Orten unter­bre­chen, wie sie es in Frank­reich tun? Die Bour­geoi­sie mag zwar über bes­se­re Waf­fen und mehr Repres­si­ons­mög­lich­kei­ten ver­fü­gen, aber es sind die Arbeiter*innen, die die Gesell­schaft bewe­gen, und ein wirk­li­cher Mas­sen­auf­stand erfor­dert einen Gene­ral­streik, der die Grund­la­ge jedes Auf­stands ist.

Bereits Han­nah Arendt, die nicht mit dem Trotz­kis­mus in Ver­bin­dung gebracht wer­den kann, hat die Ansicht ver­tre­ten, dass der spa­ni­sche Bürger*innenkrieg gezeigt habe, dass die von Anarchist*innen ange­führ­ten, mit Geweh­ren und Mes­sern bewaff­ne­ten Arbeiter*innen durch ihre hohe Zahl und die Gespal­ten­heit der herr­schen­den Klas­sen es geschafft hät­ten, in den Städ­ten, die von ihnen beherrscht wur­den, zu tri­um­phie­ren und Fran­cos äußerst pro­fes­sio­nel­le Armee zu besie­gen, die sich gegen die Repu­blik erho­ben hat­te. Sie kam zu dem Schluss, dass in revo­lu­tio­nä­ren Situa­tio­nen nicht nur die Anzahl und die tech­ni­sche Kapa­zi­tät der „Streit­kräf­te“ zäh­len, son­dern dass auch die Kampf­be­reit­schaft der Unter­drück­ten und die Schieß­be­reit­schaft der Unterdrücker*innen in Betracht gezo­gen wer­den muss.

Das Haupt­ziel von Arbeiter*innenmilizen besteht dar­in, die­sen Repres­si­ons­wil­len anzu­zwei­feln und zu läh­men.

Warum hast du gesagt, es sei das zweithöchste Ziel des Programms?

Ganz ein­fach, weil das höchs­te Ziel der Kom­mu­nis­mus ist – ein Kon­zept, das wäh­rend einem gro­ßen Teil des letz­ten Jahr­hun­derts durch den Sta­li­nis­mus und die so genann­ten „Real­so­zia­lis­men“ ver­fälscht wur­de. Es geht dar­um, den Kampf für eine Gesell­schaft ohne sozia­le Klas­sen, ohne Staat, ohne Aus­beu­tung und ohne Unter­drü­ckung wie­der auf­zu­neh­men. Das ist es, was der Kom­mu­nis­mus ist. Er kann kei­ne natio­na­le Fra­ge sein, son­dern muss das Ergeb­nis der Ver­ei­ni­gung und Koor­di­nie­rung aller Pro­duk­tiv­kräf­te der Mensch­heit auf inter­na­tio­na­ler und letzt­lich glo­ba­ler Ebe­ne sein. Das wird die pro­duk­ti­ve Fähig­keit unse­rer Spe­zi­es, Men­schen von bru­ta­ler Zwangs­ar­beit zu befrei­en, unend­lich stei­gern. Erin­nern wir uns, dass das Wort „Arbeit“ (spa­nisch: „tra­ba­jo“) von einem Fol­ter­in­stru­ment kommt, das die Römer Sklav*innen gegen­über ein­setz­ten und das sie „Tre­pa­li­um“ nann­ten.

Ein guter Teil der Philosoph*innen des 20. Jahr­hun­derts hat sich der ein­sei­ti­gen Beto­nung der Übel der Tech­nik ver­schrie­ben. Die­se nega­ti­ven Visio­nen rei­chen von rechts­ex­tre­men Ansich­ten wie des Nazi-Sym­pa­thi­san­ten Mar­tin Hei­deg­ger über den Post­mo­der­nis­mus bis hin zu lin­ken sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ansich­ten wie die von Ador­no und Hork­hei­mer. Um jetzt nicht noch wei­ter aus­zu­ho­len, sei gesagt, dass wir heu­te vie­le Seri­en sehen kön­nen, die von Dys­to­pien han­deln, in denen die Tech­no­lo­gie den Men­schen beherrscht, wie z.B. in „Black Mir­ror“. Maschi­nen, die gestalt­lo­se, wehr­lo­se Mas­sen von Men­schen ver­skla­ven, die sich ihrer Herr­schaft nicht wider­set­zen kön­nen. Da wer­den kei­ne Vor­her­sa­gen getrof­fen, son­dern nur eini­ge Merk­ma­le der Dik­ta­tur der gro­ßen trans­na­tio­na­len Kon­zer­ne und ihrer Staa­ten im heu­ti­gen Kapi­ta­lis­mus zuge­spitzt dar­ge­stellt.

Nur revo­lu­tio­nä­re Marxist*innen malen sich das Poten­ti­al der Fort­schrit­te in Wis­sen­schaft und Tech­nik aus, die Zeit, die jede*r Ein­zel­ne in einer nicht-kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft mit Arbeit ver­bringt, auf ein unbe­deu­ten­des Mini­mum zu redu­zie­ren. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen über das Design, den Ein­satz und die Ent­wick­lung von Tech­no­lo­gien nicht von Maschi­nen, son­dern von Men­schen getrof­fen wer­den. Wir sind kei­ne Sklav*innen von Robo­tern, son­dern wir leben unter der Herr­schaft von mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen und ihren Staa­ten. Die moder­ne Skla­ve­rei ist die der Lohn­ar­beit. Alles, auch Wis­sen­schaft und Tech­nik, ist die­sem Kom­man­do unter­stellt.

Die Wei­ter­ent­wick­lung von Wis­sen­schaft und Tech­nik macht es mög­lich, die Arbeits­zeit zu ver­kür­zen, die für die Pro­duk­ti­on der Güter, die wir zum Leben brau­chen, gesell­schaft­lich not­wen­dig ist. Aber wie Marx schon ana­ly­sier­te, wird das im Kapi­ta­lis­mus nicht in mehr Frei­zeit für die gro­ßen Mehr­hei­ten umge­wan­delt, son­dern in Mas­sen von Arbeits­lo­sen, Unter­be­schäf­tig­ten und Pre­kä­ren, die an einem Pol der Gesell­schaft im Elend leben, und jedem ande­ren Teil der Arbeiter*innenklasse, der gezwun­gen ist, in sei­nem Leben für einen 13- oder 14-stün­di­gen Arbeits­all­tag Platz zu machen, am ande­ren Pol. All das zum Wohl der Kapitalist*innen und ihrer gro­ßen mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne – damit 25 Milliardär*innen genau­so viel besit­zen wie die Hälf­te der Mensch­heit, wäh­rend sie gleich­zei­tig den Pla­net und die Natur zer­stö­ren.

Die Mach­te­robe­rung durch die Arbeiter*innenklasse wür­de es erlau­ben, die­ser extre­men Irra­tio­na­li­tät ein Ende zu set­zen und die Arbeits­stun­den gleich­mä­ßig unter allen auf­zu­tei­len und so einen den gesell­schaft­li­chen Bedürf­nis­sen ent­spre­chen­den Lohn zu garan­tie­ren. Es ist die Per­spek­ti­ve der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on, die im 21. Jahr­hun­dert den Weg dafür frei machen kann, dass die enor­men Fort­schrit­te in Wis­sen­schaft und Tech­nik in den Dienst der Befrei­ung von der Lohn­skla­ve­rei, ein­schließ­lich der Haus­ar­beit, zu stel­len und so alle mensch­li­chen Fähig­kei­ten in eine aus­ge­wo­ge­ne und nicht räu­be­ri­sche Bezie­hung mit der Natur zu brin­gen. Wenn wir also vom Kampf für einen Arbeiter*innenstaat spre­chen, spre­chen wir von einem Über­gangs­staat auf dem Weg zu einer klas­sen­lo­sen Gesell­schaft, in der sich die repres­si­ve Funk­ti­on des Staa­tes und damit die Exis­tenz des­sen an sich erüb­rigt.

Trotz­ki hat betont, dass der Zweck des Kom­mu­nis­mus dar­in besteht, die Tech­nik so zu ent­wi­ckeln, dass die Mate­rie dem Men­schen alles gibt, was er braucht, und noch viel mehr. Aber die­ses Ziel ent­spricht einem ande­ren höhe­ren Zweck, der dar­in besteht, die schöp­fe­ri­schen Fähig­kei­ten des Men­schen für immer von allen Hin­der­nis­sen, Ein­schrän­kun­gen oder ernied­ri­gen­den Abhän­gig­kei­ten zu befrei­en, und dass die per­sön­li­chen Bezie­hun­gen, die Wis­sen­schaft, die Kunst, nicht län­ger unter dem Schat­ten einer dik­ta­to­ri­schen Ver­pflich­tung lei­den müs­sen.

Willst du noch etwas Abschließendes sagen?

Ja, wir sind jetzt schnell ver­schie­de­ne Pro­ble­me durch­ge­gan­gen, mit denen wir kon­fron­tiert sind. An die­sem Tag des Geden­kens an Trotz­kis tra­gi­sche Ermor­dung glau­be ich, dass die größ­te Ehre, die wir ihm erwei­sen kön­nen, dar­in besteht, die Chan­cen zu ent­hül­len, die die kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se uns Revolutionär*innen eröff­net. Des­halb kön­nen die­ses Video und die­ses Inter­view nur mit den fol­gen­den Wor­ten enden:

Hoch lebe das Leben und das Ver­mächt­nis Trotz­kis, der sich für die Befrei­ung der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten der gan­zen Erde ein­ge­setzt hat!

Lang lebe der Kampf für den Wie­der­auf­bau der Vier­ten Inter­na­tio­na­le!

Klas­se Gegen Klas­se