[labournet:] Anderthalb Jahre nach seiner Auslieferung an Italien, anderthalb Jahre „Sonderbehandlung“ im Hochsicherheitstrakt: Cesare Battisti im Hungerstreik

Im Hungerstreik ab8.9.2020 Cesare Battisti„… Der Kampf dar­um, gleich behan­delt zu wer­den wie jeder ande­re Gefan­ge­ne, ist ein stän­di­ger, anstren­gen­der Kampf, der die all­täg­lichs­ten Hand­lun­gen mei­nes täg­li­chen Lebens beinhal­tet: Hof­gang, erzwun­ge­ne und unge­recht­fer­tig­te Iso­la­ti­on; unzu­rei­chen­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung; will­kür­li­ches Zurück­hal­ten lite­ra­ri­scher Tex­te; sys­te­ma­tisch igno­rier­te Antrags­for­mu­la­re; unter­schied­li­che Gebrauchs­ge­gen­stän­de und diver­se Arbeits­mit­tel, die, auch wenn sie in der Gefäng­nis­ord­nung vor­ge­se­hen sind, mir wie vie­le ande­re Din­ge vor­ent­hal­ten wer­den. Nach­dem ich alle ande­ren Mit­tel zur Gel­tend­ma­chung mei­ner Rech­te aus­ge­schöpft habe, sehe ich mich gezwun­gen, zu dem Mit­tel eines tota­len Hun­ger­streik und der Ver­wei­ge­rung mei­ner medi­zi­ni­schen The­ra­pie (ich lei­de an chro­ni­scher Hepa­ti­tis B und Lun­gen­in­suf­fi­zi­enz) zu grei­fen, um eine Ent­schei­dung über mei­ne Ver­le­gung in eine Straf­voll­zugs­an­stalt zu errei­chen, in der mir die Bezie­hun­gen zu mei­ner Fami­lie und zu den in den Vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen exter­nen Stel­len sowie die Kon­tak­te in Bezug auf eine spä­te­re Erwerbs­tä­tig­keit erleich­tert wer­den sol­len, die not­wen­dig sind, um mir die Mög­lich­keit der Finan­zie­rung und Wie­der­ein­glie­de­rung zu ver­schaf­fen. Ich bean­tra­ge auch eine Über­prü­fung mei­ner Ein­stu­fung unter dem Hoch­si­cher­heits­re­gime (AS2), das “Ter­ro­ris­ten” vor­be­hal­ten ist, da die Bedin­gun­gen der Gefähr­lich­keit, die dies recht­fer­ti­gen wür­den, nicht gege­ben sind…“ – aus der Hun­ger­streik-Erklä­rung „CESARE BATTISTI IM HUNGERSTREIK – SCHLUSS MIT DER ISOLATION“ am 08. Sep­tem­ber 2020 bei sun­zib­ing­fa externer Link in deut­scher Über­set­zung doku­men­tiert – wor­in am Ende auch noch ultra­kurz die Geschich­te Bat­tis­tis bis zu sei­ner Aus­lie­fe­rung Anfang 2019 skiz­ziert wird. Sie­he dazu auch einen aktu­el­len Arti­kel Bat­tis­tis zur Gefäng­nis-Situa­ti­on:

  • „Auf der Haut von Pri­mo Levi“ von Cesa­re Bat­tis­ti am 07. Sep­tem­ber 2020 bei sun­zib­ing­fa externer Link ist ein (aus dem ita­lie­ni­schen über­setz­ter) Bei­trag des Hun­ger­strei­ken­den Bat­tis­ti über Gefäng­nis­er­fah­run­gen, wor­in er unter ande­rem her­vor hebt: „… Was mich in die­sem Gefäng­nis sofort fas­zi­nier­te, war der unter den Wär­tern, aber auch unter der Füh­rungs­rie­ge ver­brei­te­te Spruch, dass es in jedem Unglück immer die Hand­schrift der Kom­mu­nis­ten gäbe. Zuerst dach­te ich, es sei ein Witz, mich mit der Nach­ah­mung von Bol­so­na­ro zu ver­spot­ten. Ich muss­te jedoch rea­li­sie­ren, dass der Aus­spruch sich aus­brei­te­te und oft nicht an mich gerich­tet war. Jeder Gefan­ge­ne, der ein Recht bean­spruch­te, wur­de so zum Kom­mu­nis­ten, oder sogar der Jour­na­list oder Poli­ti­ker, der es wag­te, im Fern­se­hen über Fol­ter zu spre­chen, oder der ein kul­tu­rel­les Pro­jekt vor­schlug. Das Komi­sche an die­sen anthro­po­lo­gi­schen Wen­dun­gen ist, dass der betref­fen­de bedau­erns­wer­te Gefan­ge­ne oft das kom­mu­nis­ti­sche Ide­al mit der Stim­mung in der Gesell­schaft ver­wech­selt. Wäh­rend für sei­ne Ver­leum­der jeder ein Kom­mu­nist ist, außer ihnen selbst und eini­gen weni­gen Füh­rern mit aus­ge­streck­ten Armen. Die Illu­si­on, dass wäh­rend mei­ner lan­gen Abwe­sen­heit von Ita­li­en die kom­mu­nis­ti­sche „Bedro­hung“ so groß gewor­den war, dass sie die bra­ven Ange­hö­ri­ge des Staats­diens­tes in Angst und Schre­cken ver­setz­te, war von kur­zer Dau­er. Sobald sie einen Fern­se­her in mei­ne Zel­le stell­ten, wur­de mir klar, dass dies die übli­che Aus­drucks­wei­se von Melo­ni, Sal­vi­ni und sei­nen Gefähr­ten war. Eine wei­te­re kurio­se Epi­so­de betrifft einen Mann, der sich zwei Wochen lang in mei­nem Trakt auf­hielt. Nor­ma­ler­wei­se gehört die Iso­lier­sta­ti­on ganz mir. Aber es kommt von Zeit zu Zeit vor, eine Fra­ge der Bele­gungs­ka­pa­zi­tä­ten – ein Besuch, mit dem man sich aus der Fer­ne unter­hal­ten kann. Sei­ne Stim­me klang eher jung. Ich habe den aus­län­di­schen Akzent nicht bemerkt, als ich kürz­lich in das „schö­ne Land“ zurück­kehr­te. Als er sag­te, er sei Togo­le­se, war ich von der Domi­nanz unse­rer Spra­che beein­druckt. Spä­ter bemerk­te ich auch einen aus­ge­zeich­ne­ten Bil­dungs­grad. Im Gefäng­nis lernt man, sofort dis­kret zu sein. Wenn sie Ihre Geschich­te erzäh­len wol­len, gut, aber fra­ge sie nicht​.Es ist jedoch nicht ein­fach, dies schrei­end über Ent­fer­nung zu bewerk­stel­li­gen. Aber Char­ly, nen­nen wir ihn so, war über­zeugt, dass ich die Erklä­rung für eine mys­te­riö­se Ange­le­gen­heit hat­te, die ihm pas­siert war. Er sag­te, er sei in Ein­zel­haft gesteckt wor­den, weil er Miss­stän­de mel­den woll­te. Ich dach­te über die übli­che Arro­ganz des Direk­to­ri­ums nach, aber ich habe mich geirrt. Sie hat­ten ihn iso­liert, um ihn vor den ande­ren Häft­lin­gen zu schüt­zen, deren Ehren­ko­dex besagt, dass eine Mel­dung bei der Lei­tung nur in Nie­der­tracht mög­lich ist. Er hät­te sich ver­tei­digt, indem er gesagt hät­te, dass ein sol­cher Code auch in sei­nem Land exis­tie­re. „Aber dass es die Gefan­ge­nen selbst sind, die alle ver­eint Gerech­tig­keit durch­set­zen…“

Der Bei­trag Andert­halb Jah­re nach sei­ner Aus­lie­fe­rung an Ita­li­en, andert­halb Jah­re „Son­der­be­hand­lung“ im Hoch­si­cher­heits­trakt: Cesa­re Bat­tis­ti im Hun­ger­streik erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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