[labournet:] Erneutes „Unglück“ im Hafen von Beirut: Die Ursache ist das System des Kapitalismus im Libanon

Libanon: My Gevernment did itMehr als einen Monat nach der ver­hee­ren­den Explo­si­on in Bei­rut hat es einen neu­en Groß­brand im Hafen der liba­ne­si­schen Haupt­stadt gege­ben. Am Don­ners­tag stie­gen Flam­men und Rauch­wol­ken auf, die kilo­me­ter­weit zu sehen waren. Die Armee teil­te mit, in der Frei­han­dels­zo­ne des Hafens sei ein Lager für Öl und Rei­fen in Brand gera­ten. Feu­er­wehr­leu­te kämpf­ten meh­re­re Stun­den gegen die Flam­men, wäh­rend die Armee die Men­schen auf­rief, die umlie­gen­den Vier­tel zu ver­las­sen. Berich­ten zufol­ge flo­hen Men­schen panisch aus den Stadt­tei­len um den Hafen her­um“ – so die (dpa) Mel­dung „Panik in Bei­rut“ vom 11. Sep­tem­ber 2020 externer Link (hier bei der jun­gen welt) über den zwei­ten Brand im Hafen Bei­ruts inner­halb eines Monats – und die ers­ten Reak­tio­nen der Bevöl­ke­rung dar­auf… Sie­he in der klei­nen Mate­ri­al­samm­lung dazu drei wei­te­re aktu­el­le und drei Hin­ter­grund­bei­trä­ge sowie den Hin­weis auf den bis­her letz­ten unse­rer zahl­rei­chen Berich­te zur Ent­wick­lung im Liba­non:

„Erneut Groß­brand im Hafen“ am 10. Sep­tem­ber 2020 in der taz online externer Link mel­de­te dazu: „… Ein Groß­brand am Hafen der liba­ne­si­schen Haupt­stadt hat fünf Wochen nach der ver­hee­ren­den Explo­si­ons­ka­ta­stro­phe von Bei­rut Panik aus­ge­löst. Dich­te Rauch­wol­ken stan­den am Don­ners­tag, 10. Sep­tem­ber, über dem Gebiet. Nach Armee­an­ga­ben war ein Lager­haus für Öl und Auto­rei­fen in Brand gera­ten. Die Armee sei mit Lösch­hub­schrau­bern im Ein­satz. Anwoh­ner wur­den auf­ge­for­dert, die umlie­gen­den Vier­tel zu ver­las­sen. Augen­zeu­gen ver­öf­fent­lich­ten Vide­os von dem Flam­men im Inter­net. „Wahn­sinns-Feu­er am Hafen ver­setzt ganz Bei­rut in Panik. Wir bekom­men ein­fach kei­ne Atem­pau­se“, schrieb die For­sche­rin Aya Majz­oub von Human Rights Watch auf Twit­ter. „Wir kön­nen so viel Trau­ma­ta ein­fach nicht ver­tra­gen“, schrieb ein wei­te­rer Nut­zer. Vie­le Bewoh­ner der Stadt ste­hen noch unter dem Ein­druck der Explo­si­ons­ka­ta­stro­phe Anfang August, die Tei­le Bei­ruts ver­wüs­te­te. Der Kri­mi­no­lo­ge Omar Nas­ha­be twit­ter­te: „Wo leben wir eigent­lich? Dies war vor einem Monat Schau­platz eines Ver­bre­chens! Wo ist die Jus­tiz? Wo ist der Staat? Wo ist die Ver­ant­wor­tung?“...“

„Le port de Bey­routh en feu. Nou­veau crime ou… nég­li­gence?“ am 10. Sep­tem­ber 2020 bei Assawra externer Link ver­weist auf „Glück im Unglück“ – denn direkt neben­an lägen meh­re­re Tan­ker der Ölge­sell­schaft Total. Und berich­tet – ein­mal mehr – von ers­ten Kri­ti­ken an der aber­ma­li­gen „Nicht­re­ak­ti­on“ der Regie­rung, die stun­den­lang nicht zu ver­neh­men war…

„In respon­se to Bei­rut port fire, Leba­ne­se poli­ti­ci­ans do what they do best: form a com­mit­tee“ am 10. Sep­tem­ber 2020 im Twit­ter-Kanal von Timour Azha­ri externer Link berich­tet spä­ter am Tag davon, dass die Regie­rung nun reagiert habe – mit der Bil­dung eines Komi­tees. Unter dem Vor­sitz des Minis­ters für öffent­li­che Arbei­ten – der bereits seit der Kata­stro­phe von vor 5 Wochen sich „ganz beson­de­rer Beliebt­heit“ bei der Bevöl­ke­rung erfreut…

„Bei­rut hilft sich selbst“ von Karin Leu­ke­feld am 09. Sep­tem­ber 2020 in der jun­gen welt externer Link fasst die Ent­wick­lun­gen seit dem ers­ten Brand trotz bekann­ter poli­ti­scher Gewich­tun­gen unter ande­rem so zusam­men: „… Es waren die Anwoh­ner der am schwers­ten betrof­fe­nen Vier­tel Mar Mikhail, Karan­ti­na und Dsche­mai­sa (Gemmay­zeh) sowie jun­ge Leu­te aus allen Tei­len des Lan­des, die hal­fen. Den­je­ni­gen, deren Woh­nun­gen zer­stört waren, wur­de Obdach ange­bo­ten, Schutt und Glas bei­sei­te geräumt. »Euch gehört unser gan­zer Respekt«, heißt es auf einem Pla­kat, auf dem jun­ge Men­schen mit Besen abge­bil­det sind, vie­le von ihnen mit Mas­ke. Bereits zum Zeit­punkt der Explo­si­on waren die Covid-19-Infek­ti­ons­zah­len im Liba­non so sehr gestie­gen, dass vom Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um eine lan­des­wei­te Aus­gangs­sper­re ver­hängt wor­den war. Danach ver­schlim­mer­te sich die Situa­ti­on wei­ter, denn Kran­ken­häu­ser waren zer­stört, und das ärzt­li­che Per­so­nal konn­te sich in der Not­si­tua­ti­on nicht an die stren­gen Hygie­ne­vor­schrif­ten hal­ten. Die für die Kata­stro­phe ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­ker Liba­nons, die seit 2013 über die Lage­rung der töd­li­chen Fracht im Hafen infor­miert waren, haben bis heu­te nicht mit den Men­schen vor Ort gespro­chen. Der vor zehn Tagen vom Par­la­ment bestimm­te neue Minis­ter­prä­si­dent Musta­pha Adib hat dies getan, doch ihm schlug Skep­sis und Ableh­nung ent­ge­gen. Im Liba­non weit­ge­hend unbe­kannt soll Adib nun inner­halb von zwei Wochen eine neue Regie­rung bil­den. Wie sein Vor­gän­ger Hassan Diab hat auch er die Bil­dung einer »Exper­ten­re­gie­rung« ange­kün­digt. Pro­test­grup­pen haben sei­ne Ernen­nung bereits grund­sätz­lich abge­lehnt…“

Frank­reichs Prä­si­dent Macron gibt im Liba­non den Ton an“ von Jean Shaoul am 07. Sep­tem­ber 2020 bei wsws externer Link zur Bedeu­tung des neu­er­li­chen Macron-Besu­ches in Bei­rut: „… Nur weni­ge Stun­den vor Macrons Ankunft am Mon­tag einig­ten sich die Par­tei­en des Liba­non dar­auf, den Diplo­ma­ten Musta­pha Adib zum neu­en Minis­ter­prä­si­den­ten zu ernen­nen. Er wur­de nach dem Rück­tritt von Hassan Diabs kurz­le­bi­ger Regie­rung von den mil­li­ar­den­schwe­ren Ex-Minis­ter­prä­si­den­ten des Lan­des für den Pos­ten aus­ge­wählt. Diab war sechs Tage nach der ver­hee­ren­den Explo­si­on im Hafen von Bei­rut zurück­ge­tre­ten, weil ihm klar wur­de, dass er zum Sün­den­bock für die jah­re­lan­ge kri­mi­nel­le Nach­läs­sig­keit und kalt­schnäu­zi­ge Gleich­gül­tig­keit sei­ner Amts­vor­gän­ger gemacht wur­de. Die­se hat­ten wie­der­hol­te War­nun­gen dar­über igno­riert, wie gefähr­lich es ist, Ammo­ni­um­ni­trat ohne aus­rei­chen­de Sicher­heits­maß­nah­men so nahe bei Wohn­ge­bie­ten zu lagern. Adib, Rechts­an­walt und seit 2013 liba­ne­si­scher Bot­schaf­ter in Deutsch­land, ist weit­ge­hend unbe­kannt. Er ist ein enger Ver­bün­de­ter von Najib Mika­ti, dem reichs­ten Mann des Lan­des, der von 2011 bis 2013 Pre­mier­mi­nis­ter war. Als Kabi­netts­chef von Mika­ti for­der­te Adib eine schnel­le Regie­rungs­bil­dung und ver­sprach, zügig Refor­men durch­zu­füh­ren, um einen Deal mit dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) aus­zu­han­deln. Im Kern wird er auf­ge­for­dert, den Weg für eine Regie­rung unter Hari­ri frei zu machen. Die­ser ist selbst zu stark dis­kre­di­tiert, um sofort die Macht zu über­neh­men, weil er das Land in den vier von sechs Jah­ren regiert hat, in denen das Ammo­ni­um­ni­trat im Hafen gela­gert wur­de. Macron begann sei­ne Rei­se mit einer PR-Akti­on – einem Besuch bei der 85-jäh­ri­gen Fai­ruz, einer inter­na­tio­nal gefei­er­ten Sän­ge­rin und natio­na­len Iko­ne, der er den Ver­dienst­or­den Légi­on d’Honneur (Ehren­le­gi­on) ver­lieh. Danach mach­te er sei­ne poli­ti­schen Prä­fe­ren­zen deut­lich, indem er Hari­ri zu einem Tref­fen in die Pini­en­re­si­denz ein­lud, den offi­zi­el­len Sitz des fran­zö­si­schen Bot­schaf­ters in Bei­rut. Vor einem Jahr­hun­dert, am 1. Sep­tem­ber 1920, rief der fran­zö­si­sche Gene­ral Hen­ri Gou­r­aud vom Bal­kon der Resi­denz die Grün­dung des Staa­tes Groß­li­ba­non unter dem Man­dat des Völ­ker­bunds aus, das dem fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus die Macht über Syri­en und den Liba­non gab. Das statt­li­che Anwe­sen dien­te Frank­reich bis zur Unab­hän­gig­keit 1943 als fran­zö­si­scher Regie­rungs­sitz des Lan­des. Einen Tag spä­ter nahm Macron an einer Rei­he von Gedenk­ver­an­stal­tun­gen für den Jah­res­tag teil. In einem Wald­re­ser­vat in den Ber­gen nord­öst­lich von Bei­rut pflanz­te er den Setz­ling einer Zeder ein – das Natio­nal­sym­bol des Liba­non – wäh­rend Jets der fran­zö­si­schen Luft­waf­fe am Him­mel Spu­ren in den Far­ben der liba­ne­si­schen Flag­ge (rot, weiß, grün) hin­ter­lie­ßen…“

„Liba­nons kor­rup­ter Kapi­ta­lis­mus“ von Omar Hassan am 08. Sep­tem­ber 2020 bei der ISO externer Link zum grund­sätz­li­chen Wir­ken des kon­kre­ten kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems im Liba­non unter ande­rem: „… Die Arbeits­lo­sig­keit, die auf­grund der jüngs­ten Wirt­schaft­stur­bu­len­zen bereits in die Höhe geschnellt ist, wird wie­der stei­gen, weil vie­le klei­ne Unter­neh­men nicht über die Mit­tel oder den Kun­den­stamm ver­fü­gen, um wie­der zu eröff­nen. Im April schätz­te die Welt­bank, dass 45 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in Armut leben. Die­se Kri­se wird noch vie­le Hun­dert­tau­sen­de ver­ar­men las­sen. Weni­ger drin­gend, aber für die Lin­ke von Bedeu­tung ist, dass eini­ge der ver­wüs­te­ten Gebie­te eine leben­di­ge Jugend­sub­kul­tur beher­berg­ten, die links­ge­rich­tet und inte­gra­tiv war. Wer weiß, ob Vor­städ­te wie Gemmay­ze und Mar Mikha­el als Dreh­schei­ben für die blü­hen­de Akti­vis­ten­sze­ne wie­der auf­le­ben kön­nen. „Wir haben alles ver­lo­ren, wir haben unse­re Erin­ne­run­gen ver­lo­ren, unse­re Stra­ßen, unser Leben, unse­re Hoff­nung“, klag­te Rima Majed, eine Sozia­lis­tin und Gewerk­schafts­ak­ti­vis­tin an der Ame­ri­can Uni­ver­si­ty of Bei­rut, auf Face­book. „Die­se Mafia, jeder Ein­zel­ne von ihnen ist dafür ver­ant­wort­lich …, dass die­ses Land zu einer offe­nen Höl­le wird“. Der Liba­non war in den letz­ten Jah­ren Schau­platz einer Rei­he bedeu­ten­der Pro­test­be­we­gun­gen, von denen jede ein­zel­ne grö­ßer und popu­lä­rer gewor­den ist. Von der Kam­pa­gne 2015–16 „Ihr stinkt!“ gegen die Miss­wirt­schaft der Kon­zer­ne bei der Müll­ver­ar­bei­tung in Bei­rut bis hin zur „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“ im ver­gan­ge­nen Jahr – aus­ge­löst durch die Ankün­di­gung einer Steu­er von 6 Dol­lar pro Monat auf Inter­net-Sprach­an­ru­fe wie Whats­App durch die Regie­rung – haben Aktivist*innen eine wach­sen­de Bereit­schaft gezeigt, die gesam­te wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Eli­te her­aus­zu­for­dern. (…) Den­noch haben sich seit dem Krieg eini­ge Din­ge geän­dert. Die Eli­ten im Liba­non sind viel­fäl­ti­ger, sun­ni­ti­sche und schii­ti­sche Namen ste­hen häu­fi­ger auf der Lis­te der 100 reichs­ten Men­schen. Infol­ge­des­sen ist die Stadt nicht mehr pri­mär in wohl­ha­ben­de christ­li­che und arme mus­li­mi­sche Gebie­te auf­ge­teilt, son­dern nach Klas­sen. Die isla­mis­ti­sche poli­ti­sche Par­tei His­bol­lah, einst ein wider­sprüch­li­cher Aus­druck der Bestre­bun­gen der unter­drück­ten schii­ti­schen Gemein­schaft, ist heu­te ein fes­ter Bestand­teil der liba­ne­si­schen Eli­te. Dies zeigt sich am deut­lichs­ten in ihrem stra­te­gi­schen Bünd­nis mit Micha­el Aoun, einer der blut­rüns­tigs­ten rech­ten Figu­ren aus dem Bür­ger­krieg. Regel­mä­ßi­ge Zusam­men­stö­ße mit Isra­el sind nur Thea­ter, um die Rol­le der His­bol­lah bei der Aus­plün­de­rung des Liba­non durch die Kapi­ta­lis­ten­klas­se an der Sei­te ihrer so genann­ten Fein­de in der Alli­anz vom 14. März zu ver­schlei­ern. All­zu oft wer­den die Pro­ble­me im Liba­non auf „Kor­rup­ti­on“ und „Inkom­pe­tenz“ zurück­ge­führt. Auch wenn die Anschul­di­gun­gen ein gewis­ses Maß an Wahr­heit ent­hal­ten, erge­ben sich die­se Pro­ble­me aus dem Funk­tio­nie­ren einer Gesell­schaft, die auf Pro­fit für eini­ge weni­ge auf Kos­ten des größ­ten Teils der Bevöl­ke­rung basiert. Rech­te Publi­ka­tio­nen wie die Finan­cial Times wei­nen Kro­ko­dils­trä­nen für die Men­schen in Bei­rut und emp­feh­len dann einen tech­no­kra­ti­sche­ren Kapi­ta­lis­mus als Lösung. Die Wahr­heit ist, dass der Kapi­ta­lis­mus nicht ohne Kor­rup­ti­on, Inkom­pe­tenz und Mord exis­tie­ren kann. Das gesam­te Sys­tem ist schuld, von den liba­ne­si­schen Kapi­ta­lis­ten, die es steu­ern, bis hin zu den glo­ba­len Kapi­ta­lis­ten, die sie bera­ten…“

Der Bei­trag Erneu­tes „Unglück“ im Hafen von Bei­rut: Die Ursa­che ist das Sys­tem des Kapi­ta­lis­mus im Liba­non erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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