[EMRAWI:] Die entfremdete Heim-Arbeit

I

In den letz­ten Jahr­zehn­ten hat sich die Heim-Arbeit im Zuge der Ent­wick­lung von Auto­ma­ti­sie­rung und Mikro­elek­tro­nik zuneh­mend als die Arbeits­form schlecht­hin einer Zukunft ange­kün­digt, die fern schien, heu­te aber in Form einer zuneh­mend kata­stro­pha­len Gegen­wart erscheint. Tat­säch­lich hat die glo­ba­le Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie – eine beson­de­re Aus­drucks­form des glo­ba­len öko­lo­gi­schen Deba­kels, das der­zeit statt­fin­det – Mil­lio­nen von Men­schen in die Heim-Arbeit ver­setzt. Die­ser Pro­zess der Ver­künst­li­chung, der in der Geschich­te der ent­frem­de­ten Arbeit bei­spiel­los ist, soll­te nicht als außer­ge­wöhn­li­che Maß­nah­me betrach­tet wer­den, die bald auf­ge­ge­ben wird, sobald die „Nor­ma­li­tät“ wie­der her­ge­stellt ist. Ers­tens, weil die­se Nor­ma­li­tät nie wie­der­keh­ren wird – der Neologismus2 „neue Nor­ma­li­tät“ bil­det sich bereits in allen Staa­ten der west­li­chen Welt als Refe­renz par excel­lence für die Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft und die Fer­n­ar­beit her­aus – und zwei­tens, weil die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Heim-Arbeit ein Pro­zess war, der sich vor min­des­tens einem Jahr­zehnt pro­gres­siv ent­wi­ckelt hat und der heu­te durch den Kon­text der glo­ba­len Kri­se einen Auf­schwung erfah­ren hat. An der Heim-Arbeit ist nichts Unge­wöhn­li­ches, aber sie ist Teil eines his­to­ri­schen Trends, der der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on imma­nent ist: die Erset­zung leben­di­ger Arbeit durch Maschi­nen, ein his­to­ri­scher Trend des Kapi­tals, der die mensch­li­che Arbeit zu einem immer weni­ger bestim­men­den Ele­ment der mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on macht, neben der Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie, die die Natur­kräf­te zähmt.

In der Heim-Arbeit sehen wir eine Schär­fung aller Merk­ma­le der Her­stel­lung von Waren3: 1) die Degra­die­rung der gesam­ten objek­ti­ven und his­to­ri­schen mensch­li­chen Welt zur Abs­trak­ti­on, die Reduk­ti­on aller Pro­duk­te mensch­li­cher Tätig­keit und der mensch­li­chen Tätig­keit selbst auf den Wert. 2) Das Phy­si­sche, das Mate­ri­el­le und das Emp­find­li­che, als Umhül­lung des Über­emp­find­li­chen und folg­lich als Umkeh­rung des Rea­len: die mensch­li­che Spe­zi­es als Skla­ve ihrer eige­nen Schöp­fun­gen. 3) Die pri­va­te, von der Gemein­schaft los­ge­lös­te Arbeit, die also nicht die Befrie­di­gung mensch­li­cher Bedürf­nis­se, son­dern die Pro­duk­ti­on von Wert zum Ziel hat, erscheint und prä­sen­tiert sich als direk­te sozia­le Arbeit. Kurz gesagt: die Ware als uni­ver­sel­ler Orga­ni­sa­tor der Gesell­schaft unter der voll­ende­ten Form von Geld und Kapi­tal, d.h. des Wer­tes, der sich selbst ver­wer­tet. In unse­rer Zeit ist die mate­ri­el­le Gemein­schaft des Kapi­tals auf pla­ne­ta­ri­scher Ebe­ne empi­risch ver­wirk­licht wor­den und berei­tet sich bereits dar­auf vor, in den kom­men­den Jahr­zehn­ten die Gren­ze zu über­schrei­ten, die den Pla­ne­ten Erde von den nächst­ge­le­ge­nen Pla­ne­ten, Satel­li­ten und Aste­ro­iden trennt. Das Prin­zip des Waren­fe­ti­schis­mus, der den Men­schen in ein­fa­che Din­ge ver­wan­delt und schließ­lich die Ware ver­mensch­licht, fin­det sei­ne vol­le Ver­wirk­li­chung in einer Gesell­schaft, in der immer mehr Tätig­kei­ten „aus der Fer­ne“ aus­ge­übt wer­den kön­nen.

Wenn alle tech­ni­schen Kräf­te der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft so zu ver­ste­hen sind, dass sie in Tren­nun­gen ope­rie­ren, so ist es im Fal­le der Heim-Arbeit gera­de die Ver­wal­tung des Getrenn­ten als getrennt. Die Inte­gra­ti­on von Heim-Arbeiter*innen in das Sys­tem muss Ein­zel­per­so­nen als iso­lier­te Indi­vi­du­en als Gan­zes zurück­brin­gen. In der Heim-Arbeit erreicht das unmensch­li­che Prin­zip, das die­se Gesell­schaft regiert – die Unter­wer­fung des rea­len sozia­len Lebens unter die des­po­ti­sche Wert­lo­gik – mit der Ver­stär­kung der Ato­mi­sie­rung und Tren­nung der Indi­vi­du­en, die der kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­tei­lung inne­wohnt, einen neu­en Grad der Degra­die­rung des mensch­li­chen Lebens. Man­che sehen in der Arbeit nur die Pre­ka­ri­sie­rung des Lebens, in Wahr­heit han­delt es sich um den zuneh­mend voll­ende­ten Tri­umph der Pro­le­ta­ri­sie­rung der Welt, die die Waren­pro­duk­ti­on poten­ti­ell in ihren Ein­ge­wei­den trug und die sich seit Mit­te des letz­ten Jahr­hun­derts empi­risch zu einer pla­ne­ta­ri­schen mate­ri­el­len Gemein­schaft kon­sti­tu­iert hat. Tat­säch­lich ist die Heim-Arbeit – wie die „von Ange­sicht zu Angesicht“-Lohnarbeit – die moder­ne Ver­wirk­li­chung der unun­ter­bro­che­nen Auf­ga­be, die die Klas­sen­macht sichert: die Auf­recht­erhal­tung der Ato­mi­sie­rung der Arbeiter*in, die die kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen um die Ver­wer­tungs­ker­ne der Groß­städ­te her­um neu grup­pie­ren. Die Okto­ber­re­vol­te in der chi­le­ni­schen Regi­on, die sich in einen glo­ba­len Kon­text pro­le­ta­ri­scher Auf­stän­de in ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten ein­füg­te, zeig­te, dass die sozia­le Iso­la­ti­on inmit­ten der gro­ßen Men­schen­men­gen, die für das Leben in den Megalopolen4 des Kapi­tals typisch sind, den Keim der Rebel­li­on gefähr­lich in sich trägt, zumal die stän­di­gen wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Revo­lu­tio­nen des Kapi­tals die Mas­sen über­schüs­si­ger Mensch­lich­keit – von über­flüs­si­gen und arbeits­un­fä­hi­gen Pro­le­ta­ri­ern -, die sich in den Peri­phe­rien aller gro­ßen Städ­te des Pla­ne­ten grup­pie­ren, erheb­lich ver­grö­ßern.

Die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Heim-Arbeit ist jedoch kei­nes­wegs eine heim­lich von den Kapi­ta­lis­ten ange­führ­te Ver­schwö­rung zur wei­te­ren Iso­lie­rung der Men­schen, son­dern eine kon­kre­te Not­wen­dig­keit für die Ver­wirk­li­chung der Ver­wer­tung des Kapi­tals in unse­rer Epo­che: Sie ist, wie wir oben gesagt haben, eine not­wen­di­ge Fol­ge der unauf­hör­li­chen wis­sen­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on der spe­zi­fisch kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se und damit des immer wis­sen­schaft­li­che­ren Cha­rak­ters, den die Pro­duk­ti­on im All­ge­mei­nen annimmt. Nur aus die­ser Per­spek­ti­ve wird die Heim-Arbeit, inso­fern sie den Wett­be­werb wei­ter ver­stärkt und die pro­le­ta­ri­sier­te Mensch­heit noch här­te­ren Über­le­bens­be­din­gun­gen unter­wirft, zu einem Instru­ment der Klas­sen­herr­schaft. Mit ande­ren Wor­ten: Heim-Arbeit ist nichts ande­res als die not­wen­di­ge Fol­ge der Logik der Lohn­ar­beit in der Epo­che der kyber­ne­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on. Es ist, so mit hege­lia­ni­schen Begrif­fen gesagt, die his­to­ri­sche Koin­zi­denz des Wesens der Lohn­ar­beit mit dem Phä­no­men der Emp­fin­dung, die Mate­ria­li­sie­rung des Begriffs der ent­frem­de­ten Arbeit selbst, die von Natur aus die Distan­zie­rung der Men­schen vom Pro­dukt ihrer Arbeit und die Iso­la­ti­on und Ent­frem­dung der Men­schen selbst von­ein­an­der beinhal­te­te.

II

Das Kapi­tal als Modus der sozia­len Pro­duk­ti­on erreicht his­to­risch gese­hen sei­ne wirk­li­che Herr­schaft, wenn es ihm gelingt, alle frü­he­ren sozia­len und natür­li­chen Vor­aus­set­zun­gen durch sei­ne eige­nen beson­de­ren Orga­ni­sa­ti­ons­for­men zu erset­zen, die nun die Unter­wer­fung des gesam­ten phy­si­schen und sozia­len Lebens unter die rea­len Bedürf­nis­se der Ver­wer­tung ver­mit­teln. Dar­aus ergibt sich die schein­ba­re Träg­heit des kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses, die eine Fol­ge der Ver­all­ge­mei­ne­rung der Waren­pro­duk­ti­on als uni­ver­sel­ler Orga­ni­sa­tor des gesell­schaft­li­chen Lebens ist, die alles mensch­li­che und natür­li­che Leben dem Impe­ra­tiv der unauf­hör­li­chen Ver­wer­tung des Kapi­tals unter­wirft. Die Unfä­hig­keit der Okto­ber­re­vol­te in der chi­le­ni­schen Regi­on, die von ihr kri­ti­sier­te Gesell­schaft wirk­sam zu unter­gra­ben, war die deut­lichs­te Äuße­rung die­ser „ver­bor­ge­nen Macht des Kapi­tals“, die sich aus dem sozia­len Auto­ma­tis­mus ergibt, der der Wert­form der Ware inne­wohnt, und aus der Unter­wer­fung der Mensch­heit als Gan­zes unter die Ver­mitt­lung der Ware für die effek­ti­ve Pro­duk­ti­on ihres Lebens.

Kurz gesagt, um dem sozia­len Meta­bo­lis­mus der Spe­zi­es einen wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ter zu ver­lei­hen, ist dies die his­to­ri­sche Ten­denz der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on. Doch in einer Epo­che, in der die Mensch­heit das pro­duk­ti­ve Poten­zi­al, Hun­ger und Tod durch heil­ba­re Krank­hei­ten in Über­res­te einer über­hol­ten Ver­gan­gen­heit umzu­wan­deln, längst über­schrit­ten hat, wird das alte Elend der mensch­li­chen Spe­zi­es auf einer neu­en Grund­la­ge, der Basis des erwei­ter­ten Über­le­bens, wie­der­be­lebt. In der Tat ist das ver­skla­ven­de und ent­frem­den­de Poten­zi­al der Heim-Arbeit – und der not­wen­di­gen nicht-vir­tu­el­len Arbeit – so viel grö­ßer als die for­dis­ti­sche Fließ­band- oder Fabrik­ar­beit des 19. Jahr­hun­derts, und der Grund dafür liegt dar­in, dass in unse­rer Zeit, ins­be­son­de­re mit der Erset­zung der mensch­li­chen Arbeit durch das auto­ma­ti­sche Sys­tem der Maschi­nen, die Ware auch die Bar­rie­ren der Woh­nung nie­der­ge­ris­sen und den/​der Arbeiter*in in der Gesamt­heit sei­ner Pri­vat­sphä­re ver­sklavt hat. Es gibt kein Außen der Pro­duk­ti­vi­tät mehr: Die Ware ist auch fast 200 Jah­re nach dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest immer noch jene Artil­le­rie, die alle chi­ne­si­schen Mau­ern nie­der­reißt und die heu­te die immer dif­fu­se­re Bar­rie­re zwi­schen Pri­vat­le­ben und Arbeits­zeit, die mit der Pro­le­ta­ri­sie­rung der Mehr­heit der mensch­li­chen Spe­zi­es in den letz­ten 100 Jah­ren empi­risch rea­li­siert wur­de, nie­der­reißt. Auf die­se Wei­se führt die Heim-Arbeit zu einer Ver­voll­stän­di­gung die­ser Ten­denz, Frei­zeit in pro­duk­ti­ve Zeit umzu­wan­deln, die bereits mit dem Urlaub und der Ver­all­ge­mei­ne­rung des Waren­kon­sums als wesent­li­ches Ele­ment im Leben der moder­nen kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft Rea­li­tät war.

In ers­ter Linie wird die Heim-Arbeit als Vor­teil für die Arbeiter*innen ver­kauft, da es ihnen ermög­licht, „von zu Hau­se aus“ in unmit­tel­ba­rer Nähe von Fami­lie und/​oder Ange­hö­ri­gen zu arbei­ten, aber die Rea­li­tät ist bei wei­tem nicht so erfreu­lich für die Arbeiter*innen. Tat­säch­lich bringt die Heim-Arbeit Wun­der und enor­me orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­tei­le für die Rei­chen, aber Elend für den Heim-Arbeiter*innen. Sie erstellt Berich­te, Berech­nun­gen, Schu­lun­gen und Lie­fe­run­gen mit­tels Droh­nen für die­je­ni­gen, die es sich leis­ten können5, aber sie erzeugt auch Angst, Müdig­keit und Stress für Heim-Arbeiter*innen. Wie Marx vor über 150 Jah­ren bemerk­te: „[Die Lohn­ar­beit] ersetzt die Arbeit durch Maschi­nen, aber sie wirft einen Teil der Arbei­ter in bar­ba­ri­sche Arbeit und ver­wan­delt den ande­ren Teil in Maschi­nen. Sie erzeugt Geist, schafft aber Dumm­heit und Kre­ti­nis­mus bei den Arbei­tern“. Genau dies ist die Rea­li­tät der­je­ni­gen, die Heim-Arbeit leis­ten, da sie Teil eines zer­streu­ten orga­ni­schen Stoff­wech­sels sind, der hin­ter ihrem Rücken, anonym, zu ihrem Leben statt­fin­det: sie arbei­ten auf Distanz und haben den phy­si­schen Kon­takt mit dem Gegen­stand ihrer Arbeit ver­lo­ren. Nicht nur das Pro­dukt der Arbeit wird ver­frem­det, son­dern die Tätig­keit selbst erhält einen vir­tu­el­len Cha­rak­ter. Der Höhe­punkt die­ser Knecht­schaft besteht dar­in, dass man sich nur als Heim-Arbeiter*in als phy­si­sches Sub­jekt erhal­ten kann und dass man als phy­si­sches Sub­jekt nur inso­fern exis­tiert, als man als Heim-Arbeiter*in exis­tiert. Es ver­steht sich von selbst, dass dies genau die Rea­li­tät der pro­le­ta­ri­sier­ten Mensch­heit seit Anbe­ginn der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on ist, aber hier ana­ly­sie­ren wir genau, was neu ist an dem Phä­no­men der Arbeit, das sich in die­ser Ver­schär­fung der in der Logik der Lohn­ar­beit ent­hal­te­nen Ent­frem­dung fin­det und das durch Heim-Arbeit voll­zo­gen wird.

Die Pro­duk­ti­on selbst wird hier zur akti­ven Ent­frem­dung, zur Ent­frem­dung der Akti­vi­tät und zur Akti­vi­tät der Ent­frem­dung. Heim-Arbeit lässt kein Ent­kom­men, kei­ne Ablen­kung zu – oder bes­ser gesagt, sie exis­tiert nur als ein Moment inner­halb der Heim-Arbeit, da sie in die Lebens­zeit des Heim-Arbei­ters ein­ge­bet­tet ist. Die­je­ni­gen, die ein­ge­sperrt sind und zu Hau­se arbei­ten, haben die Fähig­keit ver­lo­ren, ihr Leben selbst in die Hand zu neh­men, weil sie die Last tra­gen müs­sen, sich als Heim-Arbeiter*in zu repro­du­zie­ren, wäh­rend die Heim-Arbeit zu einem zuneh­mend dif­fu­sen Arbeits­tag wird, der die Gren­zen der Arbeit von Ange­sicht zu Ange­sicht bei wei­tem über­schrei­tet. Sie kennt kei­ne Gren­zen, oder bes­ser gesagt, ihre Gren­zen sind der klei­ne Rest, den sie zulässt, und die Ver­füg­bar­keit der Ver­bin­dung. Wie schon bei der bezahl­ten Arbeit in ihrem „von Ange­sicht zu Angesicht“-Format ist die Tätig­keit des­sen, der Heim-Arbeit ande­ren gehört, der Ver­lust sei­ner selbst.

Hin­zu kommt eine zeit­li­che Ver­zer­rung durch die effek­ti­ve Ver­län­ge­rung des Arbeits­ta­ges, da weder Tag und Nacht noch Müdig­keit mehr der Rea­li­sie­rung der Lohn­ar­beit im Wege ste­hen. Es gibt hier eine Kon­ti­nui­tät und einen Bruch mit der kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on, wie sie für frü­he­re Pro­duk­ti­ons­pe­ri­oden typisch war. Einer­seits gibt es eine Kon­ti­nui­tät in dem Maße, dass die Ten­denz, die Nacht zum Tag zu machen, oder viel­mehr die Ten­denz des Kapi­tals, die 24 Stun­den des Erden­ta­ges pro­duk­tiv zu machen, seit der Kon­sti­tu­ie­rung der Fabrik­ar­beit eine Rea­li­tät ist. Der Kapi­tel VII des „Das Kapi­tal“ ist reich an Bei­spie­len über das Elend der Lohn­ar­beit in der Epo­che, in der die Maschi­ne­rie mas­siv in der Indus­trie ein­ge­führt wird, und über die inten­si­ve und anhal­ten­de Kin­der­aus­beu­tung, die für die­sen his­to­ri­schen Moment der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on cha­rak­te­ris­tisch war. Da jedoch die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se immer mehr Berei­che des gesell­schaft­li­chen Lebens unter­jocht und Wis­sen­schaft und Tech­nik als mäch­ti­ge gesell­schaft­li­che Mäch­te im Diens­te der Ver­wer­tung des Kapi­tals unter­jocht, sehen wir einen Fort­schritt in der Ent­mensch­li­chung der Lohn­ar­beit, indem die Gren­zen des Arbeits­ta­ges und der pro­duk­ti­ven Zeit mit der beschleu­nig­ten Ent­wick­lung der Indus­trie und der Erschlie­ßung neu­er Ener­gie­quel­len wirk­sam erwei­tert wer­den. Wie Robert Kurz in „Lich­ter des Fort­schritts“ warn­te: „Der Kapi­ta­lis­mus neigt dazu, die akti­ve und die sola­re Sei­te in ein Gan­zes zu ver­wan­deln, was den gesam­ten astro­no­mi­schen Tag in Anspruch nimmt. Die Nacht­sei­te ist ein Hin­der­nis für die­sen Trend. Die Pro­duk­ti­on, die Zir­ku­la­ti­on und der Ver­trieb von Gütern müs­sen jeder­zeit ohne Unter­bre­chung funk­tio­nie­ren“. Daher liegt der Bruch in dem, was die Heim-Arbeit als bei­spiel­los besitzt, und ist die effek­ti­ve Vir­tua­li­sie­rung der mensch­li­chen Arbeit, die wir als die his­to­ri­sche Pro­duk­ti­on der Orga­ni­sa­ti­on und Form der Lohn­ar­beit ver­ste­hen kön­nen, die für die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft in einer ihrer höchs­ten Ent­wick­lungs­pha­sen typisch ist.

Infol­ge­des­sen kon­ver­giert die Stadt als tech­ni­sche Orga­ni­sa­ti­on der Iso­la­ti­on und des sozia­len Lebens mit Blick auf die Ver­wer­tung des Kapi­tals effek­tiv mit der Ent­wick­lung einer Maschi­ne­rie, die von den Impe­ra­ti­ven der Ver­wer­tung geprägt ist. Es stimmt, dass sich die vom Kapi­tal sub­su­mier­te Maschi­ne­rie zumin­dest seit dem 19. Jahr­hun­dert in West­eu­ro­pa als Mit­tel zum Sog der leben­di­gen Arbeit, als Instru­ment zur Absorp­ti­on der Arbeit ande­rer Men­schen und damit als Schlüs­sel­ele­ment in der Ent­wick­lung der spe­zi­fisch kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se ver­hält, indem sie sie mit den tech­ni­schen und mate­ri­el­len Bud­gets für die effek­tivs­te Pro­duk­ti­on von Mehr­wert mit der Aus­beu­tung der leben­di­gen Arbeit der pro­le­ta­ri­sier­ten Mensch­heit aus­stat­tet. In die­sem 21. Jahr­hun­dert, in dem die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Heim-Arbeit beginnt, erfüllt der pro­le­ta­ri­sche Wohn­raum jedoch effek­tiv den urba­nis­ti­schen Alp­traum, eine „Maschi­ne zum Bewoh­nen“ zu sein, da nun ein wach­sen­des Heer von Heim-Arbeiter*innen in ihren eige­nen vier Wän­den eine Maschi­ne hat, die ihre Arbeit auf­saugt, die den Arbeits­tag bis an die bio­lo­gi­schen Gren­zen aus­dehnt und die­se oft über­schrei­tet und die sich in der Sum­me als Instru­ment zum Absau­gen von über­schüs­si­ger Arbeit6 kon­sti­tu­iert hat.

Ande­rer­seits soll­ten wir nicht ver­ges­sen, dass das gesam­te Kapi­tal, das eine Gesell­schaft Tag für Tag in Bewe­gung setzt, als ein ein­zi­ger Arbeits­tag betrach­tet wer­den kann. Bei einer bestimm­ten Län­ge die­ses Arbeits­ta­ges kann die Mas­se des Mehr­werts nur erhöht wer­den, wenn die Zahl der Pro­le­ta­ri­er erhöht wird, wobei die Bevöl­ke­rungs­gren­ze hier die mathe­ma­ti­sche Gren­ze für die Pro­duk­ti­on von Mehr­wert durch das gesam­te Gesell­schafts­ka­pi­tal ist. Und umge­kehrt. Ange­sichts der Grö­ße der Bevöl­ke­rung setzt sich die­se Gren­ze aus der mög­li­chen Ver­län­ge­rung des Arbeits­ta­ges zusam­men. In einer Epo­che wie der unse­ren, die das Elend kennt, das cha­rak­te­ris­tisch ist für eine ver­all­ge­mei­ner­te Wert­kri­se, für eine wach­sen­de Schwie­rig­keit des Kapi­tals, die leben­di­ge Arbeit zu bewer­ten, sehen wir, dass gera­de die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on unse­rer Zeit unter ande­rem die Form der Ver­län­ge­rung des Arbeits­ta­ges durch der Vir­tua­li­sie­rung der Arbeit annimmt und des­halb den astro­no­mi­schen Tag als Refe­renz der Zeit­lich­keit empi­risch abschafft und durch die abs­trak­te Zeit­lich­keit der Aus­beu­tung der mensch­li­chen Arbeit ersetzt, die Stun­den, Minu­ten und Sekun­den kennt, der es aber gleich­zei­tig an zeit­li­chen Gren­zen fehlt.

Die Ent­frem­dung der Lebens­tä­tig­keit voll­zieht sich in der Heim-Arbeit, in der der Mensch jede Rea­li­tät ver­lo­ren hat, und sei­ne pro­duk­ti­ve Tätig­keit wird auf eine wirk­lich abs­trak­te, von jedem kon­kre­ten Cha­rak­ter los­ge­lös­te Tätig­keit redu­ziert. Bei der Heim-Arbeit sind die Arbeiter*innen dar­auf beschränkt, für ihren Lebens­un­ter­halt zu pro­du­zie­ren, was im Wesent­li­chen bereits Lohn­ar­beit war, aber mit dem zusätz­li­chen Merk­mal, dass sie ihren Arbeits­platz nie ver­las­sen. So wird das Sys­tem der war­men Betten7 im 21. Jahr­hun­dert auf völ­lig neue Wei­se durch Heim-Arbeit, die vom eige­nen Bett aus oder wäh­rend des Früh­stücks durch­ge­führt wer­den kann, wie­der­be­lebt – oder bes­ser gesagt erwei­tert. Die­je­ni­gen, die mehr als ein Jahr­hun­dert lang die poli­ti­sche Öko­no­mie als den voll­ende­ten Tri­umph der Nega­ti­on des Men­schen kri­ti­siert haben, lagen nicht falsch: das Glück als Kas­tra­ti­on, das ist die ulti­ma­ti­ve Errun­gen­schaft der moder­nen kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie, der es in den ers­ten Jahr­zehn­ten des 21. Jahr­hun­derts gelun­gen ist, den Men­schen in jedem Augen­blick sei­nes Lebens­zy­klus effek­tiv in Ato­me der Ver­wer­tung zu ver­wan­deln.

III

Die Kehr­sei­te der Heim-Arbeit ist die bar­ba­ri­sche Arbeit von Ange­sicht zu Ange­sicht, ins­be­son­de­re die Arbeit, die mit den Hän­den erle­digt wird. Obwohl wir erwähnt haben, dass die Heim-Arbeit und ihre Aus­wei­tung das Ergeb­nis der wis­sen­schaft­li­chen Ent­wick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on sind, neigt die­sel­be wis­sen­schaft­li­che Ent­wick­lung wie­der­um dazu, die mensch­li­che Arbeit zuneh­mend abzu­wer­ten. Dies führt zu einer zuneh­men­den Pre­ka­ri­sie­rung der immer wei­ter­ge­hen­den Mas­sen­ar­beits­ver­hält­nis­se unge­lern­ter Arbeits­kräf­te. In der­sel­ben Bewe­gung und auf­grund des­sel­ben Auf­wer­tungs­be­darfs kann das Kapi­tal Mil­lio­nen von Pro­le­ta­ri­ern in ihren Häu­sern ein­sper­ren und sie gleich­zei­tig arbei­ten las­sen und gleich­zei­tig wei­te­re Mil­li­ar­den von Pro­le­ta­ri­ern auf die Stra­ße wer­fen, um die schäd­lichs­ten und über­flüs­sigs­ten Arbei­ten zu ver­rich­ten; genau jene Arbei­ten, bei denen das Kapi­tal es für bil­li­ger hält, über­schüs­si­ges Pro­le­ta­ri­at zu ver­mie­ten, als Maschi­nen ein­zu­füh­ren. So sind die soge­nann­ten „essen­ti­el­len Arbeiter*innen“ zugleich der ver­wirk­lich­te Aus­druck der Unwe­sent­lich­keit des Men­schen in die­ser Gesell­schaft, denn sie sind ent­behr­lich und schnell ersetz­bar. Es ist absurd: Noch nie war die Gesell­schaft so sehr eine Arbeits­ge­sell­schaft wie in einer Zeit, in der Arbeit mate­ri­ell immer unnö­ti­ger wird. Auf die­se Wei­se muss sich die dem Kapi­tal über­las­se­ne Mensch­heit dem rohes­ten, bar­ba­rischs­ten Wett­be­werb erge­ben, um zu über­le­ben. Unter­des­sen nimmt die Kri­mi­na­li­tät zu, ange­führt von den Mafi­as und der Poli­zei, die auf die eine oder ande­re Wei­se stän­dig das Leben des Pro­le­ta­ri­ats bedro­hen, ent­we­der wegen der Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft oder weil es immer gefähr­li­cher wird, nachts auf die Stra­ßen der Metro­po­len zu gehen, da Poli­zei oder Kri­mi­nel­le eine wach­sen­de Lebens­ge­fahr dar­stel­len. Die Fak­ten bewei­sen es: In fast allen Län­dern der Welt, die meis­ten davon demo­kra­tisch, befin­den sich mehr Men­schen im Gefäng­nis als in jeder Militärdiktatur8 [4]. Und mit­ten in einer glo­ba­len Pan­de­mie töten die Todes­schwa­dro­nen der Markt­wirt­schaft in den schlimms­ten Momen­ten der poli­ti­schen Repres­si­on täg­lich mehr Kin­der und Arme als die Geg­ner. In der chi­le­ni­schen Regi­on star­ben fast 40 Men­schen bei der poli­zei­li­chen und mili­tä­ri­schen Unter­drü­ckung der pro­le­ta­ri­schen Revol­te, aber mit der unter­neh­me­ri­schen Ver­wal­tung des Todes haben sie bereits mehr als 7.000 Opfer gefor­dert.

Auf die­se Wei­se ist der effek­tiv revo­lu­tio­nä­re Cha­rak­ter des Kapi­tals in unse­rem Jahr­hun­dert offen­kun­dig gewor­den – die radi­ka­le Kri­tik die­ser Gesell­schaft hat längst begrif­fen, dass es nicht nur die Pro­le­ta­ri­er sind, die Revo­lu­tio­nen machen -, wäh­rend sie die natür­li­chen Gren­zen des Arbeits­ta­ges effek­tiv nie­der­ge­ris­sen und den gesam­ten Pla­ne­ten in ein Feld der Aus­beu­tung von Arbeit und Natur ver­wan­delt hat. „Arbeit macht frei“, der berühm­te Slo­gan des Ausch­witz-Tors, könn­te heu­te auf den künst­li­chen Satel­li­ten­gür­tel geschrie­ben wer­den, der den Pla­ne­ten Erde umgibt. Gleich­zei­tig bringt die­ser Pro­zess jedoch eine wach­sen­de Schwie­rig­keit für das Kapi­tal mit sich, die leben­di­ge Arbeit der pro­le­ta­ri­sier­ten Mensch­heit zu ver­wer­ten, ein Pro­dukt der­sel­ben tech­no­lo­gi­schen und wis­sen­schaft­li­chen Ent­wick­lung, die die Aus­wei­tung der Heim-Arbeit selbst her­vor­ge­bracht hat, wird zuneh­mend obso­let und berei­tet den Kapi­ta­lis­ten auf der gan­zen Welt ech­te Kopf­schmer­zen, wenn die Ein­füh­rung neu­er Tech­no­lo­gien droht, Dut­zen­de Mil­lio­nen Pro­le­ta­ri­er arbeits­los zu machen. Das Schreck­ge­spenst der kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­ti­on und der glo­ba­len Erwär­mung schwebt wie ein Damo­kles­schwert über der Welt­bour­geoi­sie – und über der mensch­li­chen Spe­zi­es als Gan­zes – zumal die­se Obso­le­s­zenz der Arbeit selbst nur immer deut­li­cher macht, dass der Kom­mu­nis­mus spon­tan durch die kata­stro­pha­le Ent­wick­lung der Wert­form der Ware bis zu ihren letz­ten Kon­se­quen­zen pro­du­ziert wird. Die kom­ple­xe und schreck­li­che Ent­wick­lung der Klas­sen­kämp­fe bis in unse­re Tage hat dazu geführt, dass das revo­lu­tio­nä­re Pro­jekt sicht­lich zu dem gewor­den ist, was es im Wesent­li­chen bereits war: der Kom­mu­nis­mus ist ein Lebens­plan für die mensch­li­che Spe­zi­es.

Von all dem geht die „Iden­ti­tät“ der Lin­ken und ihrer pro­gres­si­ven Sym­pa­thi­san­ten von heu­te ver­lo­ren, die in ihrer natür­li­chen Igno­ranz und in der Wie­der­ho­lung lee­rer Lösungen/​Parolen aus der ran­zigs­ten aka­de­mi­schen Pro­duk­ti­on in der Heim-Arbeit ein „Pri­vi­leg“ sehen, so dass sie die­se Hor­de armer Teu­fel von Heim-Arbeiter*in dazu drän­gen, sich schul­dig zu füh­len, bes­ser noch, glück­lich, da sie das unge­sun­de Pri­vi­leg haben, ihre Häu­ser nicht mehr ver­las­sen zu müs­sen, um in den Raum der Arbeits­aus­beu­tung ein­zu­tre­ten, wäh­rend der Rest des Pro­le­ta­ri­ats – es ver­steht sich von selbst, dass die iden­ti­täts­ba­sier­te Lin­ke die­ses und ande­re Kon­zep­te ablehnt – unter Lebens­ge­fahr inmit­ten einer Gesund­heits­kri­se zur Arbeit gehen muss. Gleich­zei­tig plä­die­ren sie, wäh­rend die Kata­stro­phe für die gesam­te mensch­li­che Spe­zi­es bereits ein­ge­tre­ten ist, für eine Beschleu­ni­gung des Über­gangs vom gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus zu öko­lo­gi­sche­ren For­men, und natür­lich geben sie die­sen Pro­le­ta­ri­ern, die der bestehen­den Ord­nung gegen­über so pas­siv sind, dass sie statt gesün­der und öko­lo­gi­scher Nah­rung wei­ter­hin mas­sen­haft Fast­food und Fleisch essen und zu lan­ge duschen, die Schuld für das gegen­wär­ti­ge Unglück. In Erman­ge­lung einer wirk­li­chen prak­ti­schen Kri­tik, d.h. einer kol­lek­ti­ven Akti­on, die dazu neigt, die Gesell­schaft des Kapi­tals wirk­lich zu unter­gra­ben, begnügt sich die Lin­ke also damit, ihre Neo-Pre­dig­ten über das Inter­net zu lan­cie­ren und dabei zu fei­ern, dass die Mega­kon­zer­ne Cal­vin Klein und Coca-Cola dank ihres „Kamp­fes“ Model­le und Logos der LGBTQI+-Gemeinschaft in ihre Wer­be­bat­te­rie auf­neh­men. Auf die­se Wei­se ver­pas­sen sie die gan­ze Neu­heit der Auf­stän­de des letz­ten Jahr­zehnts, und noch mehr sehen sie einen Tri­umph, bei dem das Kapi­tal in Wirk­lich­keit die Schwach­stel­le der Vor­läu­fer­zei­chen der radi­ka­len Nega­ti­ons­be­we­gung gefun­den hat, die die­se Ära der Kata­stro­phen in ihren Ein­ge­wei­den rei­fen lässt.

IV

Wer sind die Kapi­ta­lis­ten, wenn nicht die­se Leu­te, die unser Leben unmög­lich machen? Jeden Tag ste­hen Mil­lio­nen von Men­schen aus ihren Bet­ten auf, um sich vor Com­pu­tern die Augen zu bra­ten oder in über­füll­ten Trans­port­wa­gen ihre Gesund­heit und ihr Leben zu ris­kie­ren. Wir ken­nen uns noch nicht, aber wir alle tei­len die glei­che Müdig­keit, die glei­che Angst, das glei­che Unglück, in einem Kör­per und in einer Welt zu leben, die nicht zu uns gehö­ren, die wir aber täg­lich ohne Ruhe als eine frem­de Macht erschaf­fen, die immer bedroh­li­cher für unser Über­le­ben wird. Mit ande­ren Wor­ten, in unse­ren Häu­sern oder auf der Stra­ße, bei der Arbeit von zu Hau­se aus oder bei der Aus­lie­fe­rung von Lebens­mit­teln auf Motor­rä­dern haben wir gemein­sam, dass unser Leben von den unsicht­ba­ren Fäden des Gel­des, der unmensch­li­chen Macht des Kapi­tals, gezo­gen wird. Und des­halb sehen die Kapi­ta­lis­ten in uns nichts ande­res als Zah­len, Gra­fi­ken, unper­sön­li­che Sta­tis­ti­ken, mit denen man machen kann, was man will, unwich­ti­ge Wesen, die dar­auf war­ten, an die­ser oder der nächs­ten Pan­de­mie zu ster­ben, um die öffent­li­che Hil­fe abzu­schöp­fen und Kapi­tal für die gro­ßen Unter­neh­mer frei­zu­set­zen. Sie ken­nen uns nicht, sie ken­nen unse­re Namen nicht, aber sie ver­wal­ten unser Leben als Unter­neh­mer und sind daher die kon­kre­ten Urhe­ber unse­res Elends. In die­sem Sin­ne kön­nen wir bestä­ti­gen, dass ihre Kon­trol­le über unse­re Exis­tenz immer schon „Heim-Arbeit“ war, inso­fern als unser gesam­tes täg­li­ches Leben und unse­re Bewe­gun­gen fern­ge­steu­ert sind, bedingt durch die mate­ri­el­le Not­wen­dig­keit, sie zu bear­bei­ten, um zu über­le­ben. Lohn­ar­beit war schon immer im Wesent­li­chen nicht nur die Schaf­fung ihres Reich­tums, son­dern auch die akti­ve Gestal­tung unse­res eige­nen Elends.

Nun, wie aus der obi­gen Ana­ly­se her­vor­geht, unter­schei­den sich die Kapi­ta­lis­ten zwar gewöhn­lich nicht durch ihre Lie­be zum Men­schen und zum Wohl­erge­hen der Natur, aber das liegt nicht an einem „natür­li­chen Übel“ in ihnen, son­dern dar­an, dass sie Per­so­ni­fi­zie­run­gen einer abs­trak­ten Logik sind, die den Kapi­ta­lis­ten in Bezug auf das Ver­hält­nis des Kapi­tals, der Logik der Auf­wer­tung, wenn auch auf ande­re Wei­se, als das Pro­le­ta­ri­at, in genau der­sel­ben Knecht­schaft erschei­nen lässt. Auf jeden Fall lässt die radi­ka­le Kri­tik erken­nen, dass die für den Erfolg des Markt­wett­be­werbs not­wen­di­gen nar­ziss­ti­schen Züge, die heu­te unter den Ange­hö­ri­gen aller Klas­sen weit ver­brei­tet sind, in den Kapi­ta­lis­ten und ihren bewaff­ne­ten Die­nern bis zu dem akzen­tu­iert wer­den, was die heu­ti­ge „Psychologie“9 Psy­cho­pa­thie nennt. Doch genau wie Marx zu sei­ner Zeit müs­sen wir ver­mei­den, zur Erklä­rung der sozia­len und his­to­ri­schen Rea­li­tät auf den Psy­cho­lo­gis­mus und damit auf die Moral zurück­zu­grei­fen. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne Ver­schwö­rung einer Grup­pe von Mäch­ti­gen, son­dern ein sozia­les und his­to­ri­sches Sys­tem, das den sozia­len Stoff­wech­sel der Spe­zi­es ent­frem­det und das den Wert und sei­ne stän­di­ge Stei­ge­rung zum trei­ben­den Prin­zip der gesam­ten Gesell­schaft macht, aus dem sich die schreck­li­chen Fol­gen ablei­ten, die sei­ne Ent­wick­lung für die Mensch­heit und die Erde mit sich bringt.

Doch jedes Mal, wenn Piñe­ra, Trump, López-Obra­dor, Sán­chez oder Bol­so­na­ro die Zah­len der Toten über­mit­teln, die von der kapi­ta­lis­ti­schen Kri­sen­be­wäl­ti­gung ange­sam­melt wur­den, ist es sicher, dass in Mil­lio­nen von Pro­le­ta­ri­ern eine rach­süch­ti­ge Wut, eine namen­lo­se Wut, durch ihre Adern fließt, beson­ders wenn der Tod ihr eige­nes Zuhau­se berührt. Eines ist jedoch klar: Wäh­rend die Kapi­ta­lis­ten und ihre Auf­trags­kil­ler es ver­die­nen, auf einem öffent­li­chen Platz auf­ge­hängt zu wer­den, um Objek­te des Spot­tes der Öffent­lich­keit zu sein, geht es bei unse­rer Eman­zi­pa­ti­on nicht ein­fach um die phy­si­sche Aus­rot­tung unse­rer Klas­sen­fein­de – die Selbsteman­zi­pa­ti­on der mensch­li­chen Spe­zi­es ist kei­ne Fra­ge der Rache -, son­dern um die Eman­zi­pa­ti­on von den sozia­len Bezie­hun­gen, die die Ent­ste­hung und Beherr­schung der Kapi­ta­lis­ten ermög­li­chen. Mit ande­ren Wor­ten, uns selbst als Pro­le­ta­ri­er abzu­schaf­fen, die schöp­fe­ri­sche Tätig­keit als Schöp­fer von Kapi­tal und Pri­vat­ei­gen­tum abzu­schaf­fen. Solan­ge wir [heim-]arbeiten, um unser Leben zu kau­fen, solan­ge wir [heim-]arbeiten müs­sen, um zu leben, und solan­ge wir leben müs­sen, um für das Leben zu bezah­len, wird es nie wirk­lich unser Leben sein.

V

„Das Kapi­tal treibt sei­ner Natur nach über jede räum­li­che Schran­ke hin­aus. Die Schöp­fung der phy­si­schen Bedin­gun­gen des Aus­tauschs – von Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Trans­port­mit­teln wird also für es in ganz and­rem Maße zur Not­wen­dig­keit – die Ver­nich­tung des Raums durch die Zeit.“ Karl Marx, Grund­ris­se, Heft III (1857–1858).

„Eine Gesell­schafts­for­ma­ti­on geht nie unter, bevor alle Pro­duk­tiv­kräf­te ent­wi­ckelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhe­re Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se tre­ten nie an die Stel­le, bevor die mate­ri­el­len Exis­tenz­be­din­gun­gen der­sel­ben im Schoß der alten Gesell­schaft selbst aus­ge­brü­tet wor­den sind.“ Karl Marx, Vor­wort zur Zur Kri­tik der Poli­ti­schen Öko­no­mie, 1859.

All dies hat prak­ti­sche Kon­se­quen­zen für die radi­ka­le Bewe­gung der Nega­ti­on inner­halb die­ser Gesell­schaft, da wir in eine Epo­che der glo­ba­len kapi­ta­lis­ti­schen Umstruk­tu­rie­rung ein­tre­ten, in der die vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on – deren tech­no­lo­gi­sche Fort­schrit­te die Aus­wei­tung der Heim-Arbeit beschleu­ni­gen wer­den – Ato­mi­sie­rung, Iso­lie­rung und Hyper-Über­wa­chung Hand in Hand mit der Zer­stö­rung von Pro­le­ta­ri­ern und Maschi­nen gehen wird. Seit 2008 ist es für das Welt­ka­pi­tal immer schwie­ri­ger gewor­den, sich von Kri­sen zu erho­len, und es konn­te sich nur noch durch die Ent­wick­lung von fik­ti­vem Kapi­tal erho­len. Da es unmög­lich ist, Markt­me­cha­nis­men zu eta­blie­ren, die die sin­ken­de Wert­pro­duk­ti­on kom­pen­sie­ren, führt uns die Kri­se des fik­ti­ven Kapi­ta­lis­mus in eine his­to­ri­sche Peri­ode, die durch zwei gro­ße Mög­lich­kei­ten gekenn­zeich­net ist: den Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus infol­ge der Selbsteman­zi­pa­ti­on der pro­le­ta­ri­schen Mensch­heit oder den wirk­sa­men Ein­satz der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on und die Über­win­dung des Kapi­tals der „räum­li­chen Gren­ze“. Wir erle­ben tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen im sozi­al ent­frem­de­ten Stoff­wech­sel der Spe­zi­es, und in die­sem neu­en his­to­ri­schen Sze­na­rio wird die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Heim-Arbeit und die Degra­die­rung zur ano­ma­len Lohn­ar­beit von Ange­sicht zu Ange­sicht eine his­to­ri­sche Ent­wick­lung im Kon­text der aktu­el­len Bedürf­nis­se des Kapi­tals sein, die offen­sicht­lich auf Kos­ten der Opfer von Mil­lio­nen von Men­schen erfol­gen wird. Es ist eine not­wen­di­ge Auf­ga­be des Pro­le­ta­ri­ats, den wah­ren Cha­rak­ter der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on unse­rer Zeit klar auf­zu­klä­ren und die Ten­den­zen der unmit­tel­ba­ren Zukunft vor­aus­zu­se­hen. Der Aus­gangs­punkt die­ser radi­ka­len Kri­tik wird die Klä­rung des his­to­ri­schen Moments sein, der uns gegen­wär­tig ent­hält – eine Auf­ga­be, zu der die­ses Papier bei­tra­gen will -, und die scho­nungs­lo­se Kri­tik an den Schwä­chen und Gren­zen der pro­le­ta­ri­schen Revol­te, die im Okto­ber 2019 in der chi­le­ni­schen Regi­on begann, und folg­lich auch an dem Zyklus der Welt­re­vol­ten, in den sie ein­ge­fügt wur­de.

Marx war ein radi­ka­ler Revo­lu­tio­när, der über die Gren­zen sei­ner Epo­che hin­aus­ging, indem er die Dia­lek­tik des Kapi­tals – die Phä­no­me­no­lo­gie der tota­len Bewe­gung des Kapi­tals als sozia­les Ver­hält­nis – auf ihre letz­ten Kon­se­quen­zen hin­wies: Die Zivi­li­sa­ti­on, die sich auf den Wert, d.h. auf die Aus­beu­tung der pro­le­ta­ri­sier­ten Mensch­heit grün­det, kann erst dann zu Fall gebracht wer­den, wenn sie alle Mög­lich­kei­ten der mate­ri­el­len und sozia­len Ent­wick­lung ent­wi­ckelt hat, die poten­ti­ell in die­sem sozia­len und his­to­ri­schen Ver­hält­nis ent­hal­ten sind. Kol­laps-Theo­re­ti­ker10 ver­ges­sen, dass Marx eine Rei­he von mög­li­chen Alter­na­ti­ven auf­ge­zeigt hat, mit denen das Kapi­tal die auf­ein­an­der­fol­gen­den Kri­sen über­sprin­gen könn­te, zu denen die wert­ori­en­tier­te gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­wei­se ver­ur­teilt ist, und dass die Irre­du­zi­bi­li­tät der Natur der Erde (die Theo­rie der Erd­ren­te) durch die Kolo­ni­sie­rung des Welt­raums umgan­gen wer­den kann. Die Mög­lich­keit des Endes der Vor­ge­schich­te, der Bar­ba­rei, die in der Beherr­schung der mensch­li­chen Spe­zi­es durch die mensch­li­che Spe­zi­es selbst besteht, wird sich inmit­ten eines his­to­ri­schen Sze­na­ri­os ent­wi­ckeln, das gekenn­zeich­net ist durch die gleich­zei­ti­ge Kon­ver­genz der tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on, die dem pla­ne­ta­ri­schen Kapi­tal die Fähig­keit ver­lei­hen wird, die irdi­schen Gren­zen zu über­schrei­ten (d.h. die Indus­tria­li­sie­rung des nahen Welt­raums), die Ver­schär­fung des öko­lo­gi­schen und natür­li­chen Deba­kels, das der­zeit im Gan­ge ist, den Krieg zwi­schen den Welt­wirt­schafts­mäch­ten und die Aus­rei­fung der pro­le­ta­ri­schen Bewe­gung und die radi­ka­le Kri­tik, die einem von der Kata­stro­phe gezeich­ne­ten his­to­ri­schen Thea­ter imma­nent ist.

Die Revol­ten der letz­ten Zeit haben trotz jener Gren­zen, die scho­nungs­los kri­ti­siert wer­den müs­sen, gezeigt, dass die Welt bereits den Traum von einer Zeit besitzt, deren Bewusst­sein sie jetzt besit­zen muss, um ihn wirk­lich leben zu kön­nen. Bereits in unse­rer Zeit gibt es die radi­ka­le Kri­tik an die­ser Gesell­schaft und ihre zusam­men­fas­sen­de Ver­ur­tei­lung zusam­men mit ihrer Kri­tik in Taten. Bei­de haben sich in Raum und Zeit ange­nä­hert, blei­ben aber im kol­lek­ti­ven Bewusst­sein immer noch getrennt. Die bewuss­te Annä­he­rung bei­der Momen­te der Über­win­dung der Ver­nei­nung die­ser Gesell­schaft wird das Vor­wort der Kon­sti­tu­ie­rung der pro­le­ta­ri­schen Klas­se in orga­ni­scher Ein­heit und dann der effek­ti­ven Inbe­sitz­nah­me der sozia­len Wirk­lich­keit mar­kie­ren.

Vamos Hacia la Vida

1A.d.Ü., im Ori­gi­nal­text wird der Begriff Tele-Arbeit (tele-tra­ba­jo) ver­wen­det, was sich auch als Home-Office über­set­zen las­sen wür­de, wir haben uns für Heim-Arbeit ent­schie­den.

2A.d.Ü., Neo­lo­gis­mus ist der Begriff der die Neu­schaf­fung und Neu­be­deu­tung von Wör­ter beschreibt.

3Die unten auf­ge­führ­ten Merk­ma­le sind typisch für Lohn­ar­beit und haben die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft in den letz­ten 200 Jah­ren kon­sti­tu­iert. Die Neu­heit der Heim-Arbeit liegt in der Schär­fung die­ser Eigen­schaf­ten und in der Tat­sa­che, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft zuneh­mend dazu neigt, eine Welt zu sein, in der die Din­ge wirk­lich auto­nom wer­den, bis zu dem Punkt, an dem sie ihre eige­ne Fort­be­we­gung erlan­gen oder auf Distanz ver­wal­tet wer­den.

4A.d.Ü., gemeint sind hier rie­si­ge Städ­te

5Seit eini­ger Zeit hat die Fir­ma Ama­zon, die sich im Besitz des ers­ten Bil­lio­närs der Welt (Jeff Bez­zos) befin­det, die Lie­fe­rung durch Droh­nen und die Arbeits­au­to­ma­ti­sie­rung zum Mar­ken­zei­chen ihres Geschäfts gemacht. Dies, was nur in eini­gen Tei­len der Welt Rea­li­tät ist, wird bald eine all­ge­mei­ne Regel in Unter­neh­men des­sel­ben Bereichs sein und erst recht in naher Zukunft im Waren­ver­kehr.

6A.d.Ü., der Mehr­wert-Arbeit

7Eine in Asi­en und Latein­ame­ri­ka weit ver­brei­te­te Form der Arbeits­aus­beu­tung, bei der Arbeiter*innen dort leben, arbei­ten und schla­fen, wo sie lan­ge aus­ge­beu­tet wer­den, ist als „Heiß­bett-Sys­tem“ bekannt. Die „hei­ßen Bet­ten“ wer­den so genannt, weil ein Arbeiter*in, wenn sei­ne Schicht been­det ist, sofort durch einen ande­ren Arbeiter*in ersetzt wird, der sein Bett für die Ruhe der/​des Arbeiter*in auf­gibt, bis der Zyklus neu gestar­tet wird.

8Laut Daten aus dem Jahr 2013 gibt es in den USA zwei Mil­lio­nen Gefan­ge­ne, was etwa 25% der gesam­ten Gefan­ge­nen welt­weit ent­spricht.

9In Anfüh­rungs­zei­chen, weil eine tie­fe Kennt­nis der Psy­che der mensch­li­chen Spe­zi­es, ver­stan­den in ihrem his­to­ri­schen Cha­rak­ter, etwas ist, das bis heu­te nicht Rea­li­tät ist. Heu­te ist die Psy­cho­lo­gie eine „Sozi­al­wis­sen­schaft“, die eng mit der Patho­lo­gi­sie­rung der nor­ma­len ner­vö­sen Reak­tio­nen auf die­se unmensch­li­che Gesell­schaft zusam­men­ar­bei­tet.

10A.d.Ü., die Theo­rie des Kol­laps ist eine Debat­te die im spa­nisch­spra­chi­gen Raum statt­fin­det. Die­se Theo­rie besagt dass durch die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus die­ser von sel­ber zugrun­de gehen muss, weil z.B., vie­le sei­ner Bedin­gun­gen (wie natür­li­che Res­sour­cen) end­lich sind und die­se im stei­gen­den Rhyth­mus bald nicht mehr erfüllt, bzw. abge­baut wer­den. Es gibt zu die­ser Debat­te auch Mei­nun­gen die dies wider­spre­chen und dar­in nur eine refor­mis­ti­sche Hal­tung sehen, wie z.B., 1899 bei Bern­stein.

Gefun­den auf Vamos hacia la vida, die Über­set­zung ist von http://​pan​op​ti​con​.blog​sport​.eu/​a​u​t​h​o​r​/​s​n​o​o​py/

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