[GAM:] Britannien: Konservative könnten zweite Coronawelle durch Wiedereröffnung der Schulen auslösen

Red Flag, Info­mail 1117, 12. Sep­tem­ber 2020

Im Zuge der Wie­der­eröff­nung von Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten im gan­zen Land hat die Natio­na­le Bil­dungs­ge­werk­schaft (NEU) den regie­ren­den Tory-Minis­te­rIn­nen „extre­me Fahr­läs­sig­keit“ vor­ge­wor­fen. Die NEU argu­men­tiert, dass Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten im Unkla­ren gelas­sen wur­den, wie sie mit einer zwei­ten Wel­le von SARS-CoV‑2 umge­hen sol­len, und Fami­li­en auf­grund eines Man­gels an einem trag­fä­hi­gen Rück­ver­fol­gungs­sys­tem im Stich gelas­sen wer­den.

Gefahren

Es waren tur­bu­len­te Wochen für den glück­lo­sen Bil­dungs­mi­nis­ter Gavin Wil­liam­son nach Fias­ko beim Abschluss von Abitur und Mitt­le­rer Rei­fe. Der Labour-Vor­sit­zen­de Keir Star­mer warn­te davor, dass die Prü­fungs­kri­se die geplan­te Wie­der­eröff­nung der Schu­len „gefähr­det“, hat­te aber zuvor erklärt, er erwar­te, dass alle Kin­der unge­ach­tet der Risi­ken noch in die­sem Monat wie­der zur Schu­le gehen: „Ohne Wenn und Aber, ohne Zwei­deu­tig­keit“.

Die Hal­tung des Labour-Vor­sit­zen­den beun­ru­hig­te vie­le Bil­dungs­mit­ar­bei­te­rIn­nen, die nicht dar­auf ver­trau­en, dass ihre Klas­sen­zim­mer gegen das Virus gesi­chert sind. Ange­sichts der der­zei­ti­gen Ver­brei­tung von Covid-19 in Groß­bri­tan­ni­en besteht ein erheb­li­ches Risi­ko, dass sich jede/​r Schü­le­rIn oder jedes Mit­glied des Lehr­kör­pers, der/​die/​das wäh­rend des Herbst­se­mes­ters wöchent­li­che Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen besucht, mit dem Virus infi­zie­ren könn­te. Pro­fes­sor Neil Fer­gu­son (Epi­de­mio­lo­ge am Impe­ri­al Col­le­ge in Lon­don) hat einen Anstieg der Infek­ti­ons­ra­te um bis zu 50 % vor­her­ge­sagt, wenn die Sekun­dar­schu­len in die­sem Herbst wie­der voll­stän­dig geöff­net wer­den.

Eine Rei­he von Aus­brü­chen in Deutsch­land und der jüngs­te Vor­fall an einer Schu­le in Dun­dee machen deut­lich, wel­che Rol­le Schu­len bei der Ver­brei­tung des Virus spie­len kön­nen. Es gibt immer noch vie­les, was wir über die Über­tra­gung von Infek­tio­nen in Schu­len nicht wis­sen, doch jüngs­te For­schungs­er­geb­nis­se legen nahe, dass Aero­so­le (klei­ne Tröpf­chen in der Luft) ein gefähr­li­ches Mit­tel zur Über­tra­gung sind. Die­ses Risi­ko nimmt stark zu, je län­ger Men­schen in geschlos­se­nen Räu­men zusam­men­blei­ben.

Als die Regie­rung im Juni ver­such­te, die Grund­schu­len unter Druck zu set­zen, damit sie in gro­ßem Stil wie­der geöff­net wer­den, spra­chen die Bil­dungs­ge­werk­schaf­ten über das Feh­len einer ange­mes­se­nen Vor­be­rei­tung, von Res­sour­cen und Richt­li­ni­en. Drei Mona­te spä­ter gab es kei­ne Fort­schrit­te, und das „Weltklasse“-Verfolgungssystem wur­de von den Pri­vat­un­ter­neh­men, die mit dem Ver­trag Mil­lio­nen ver­dien­ten, nie ver­wirk­licht. Anträ­ge auf ver­trau­ens­bil­den­de Tests für Schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen auf Ver­lan­gen wur­den vom Minis­ter für Schul­stan­dards Nick Gibb abge­lehnt. Dies unter­mau­ert die rea­len Befürch­tun­gen, die das Bil­dungs­per­so­nal, ihre Gewerk­schaf­ten und Eltern für eine unsi­che­re Herbst­se­mes­ter­zeit hegen.

Soziale Folgen und Klassenspaltung

Die Wahr­schein­lich­keit wei­te­rer Sper­run­gen hat auch die Leh­re­rIn­nen wegen der unrea­lis­ti­schen Erwar­tun­gen für die Prü­fun­gen im nächs­ten Jahr beun­ru­higt. Die Regie­rung und staat­li­chen Prü­fungs­äm­ter haben eini­ge klei­ne­re Ände­run­gen an den Real­schul- und Abitur­prü­fun­gen vor­ge­nom­men, die 2021 abge­legt wer­den sol­len, aber SARS-CoV‑2 wird nicht auf einen Schlag besiegt wer­den. Der kras­se Ver­such, die Prü­fungs­er­geb­nis­se in die­sem Jahr zu mani­pu­lie­ren, war nicht das ers­te Mal, dass sich gezeigt hat, wie das Prü­fungs­sys­tem die Klas­sen­spal­tung insti­tu­tio­na­li­siert. 2012 erhiel­ten über­wie­gend Schü­le­rIn­nen eth­ni­scher Min­der­hei­ten und aus der Arbei­te­rIn­nen­klas­se schlech­te­re Noten, um eine „Infla­ti­on bes­se­rer Noten“ zu ver­mei­den. Der Beur­tei­lungs­pro­zess für Real­schul­ab­schlüs­se und Abitur­zeug­nis­se erfor­dert eine radi­ka­le Über­ar­bei­tung und die Prü­fun­gen soll­ten abge­schafft wer­den. Das Sys­tem der nicht bestan­de­nen Prü­fun­gen hat sich in den letz­ten zehn Jah­ren dahin­ge­hend geän­dert, dass es sich auf Abschluss­prü­fun­gen kon­zen­triert und alle ande­ren For­men der Bewer­tung aus­schließt. Die kon­ti­nu­ier­li­che Beur­tei­lung hat sich als eine weit­aus wirk­sa­me­re Metho­de erwie­sen, um die krea­ti­ven Mög­lich­kei­ten jedes jun­gen Men­schen zu ent­wi­ckeln. Leh­re­rIn­nen­be­ur­tei­lun­gen soll­ten wei­ter­hin eine wich­ti­ge Rol­le bei der Beno­tung spie­len.

Es ist wahr­schein­lich, dass es eine wei­te­re Hin­wen­dung zum Ler­nen aus der Fer­ne geben wird. Der Über­gang zur Tech­no­lo­gie wäh­rend der Abrie­ge­lung hat die kras­se digi­ta­le Kluft offen­bart, die in unse­ren Schu­len und Hoch­schu­len besteht. Es wur­de wei­ter gelernt, aber nicht alle Schü­le­rIn­nen konn­ten von zu Hau­se dar­auf zugrei­fen. Daten des Lan­des­sta­tis­tik­amts (ONS), die 2019 ver­öf­fent­licht wur­den, zei­gen uns, dass etwa 700.000 Kin­der im Alter von 11 bis 18 Jah­ren in Groß­bri­tan­ni­en anga­ben, zu Hau­se kei­nen Inter­net­zu­gang von einem Com­pu­ter oder Tablet-PC zu haben. Im August wur­de berich­tet, dass nur ein Drit­tel der benach­tei­lig­ten Kin­der, denen von Wil­liam­son im April kos­ten­lo­se Lap­tops ver­spro­chen wor­den waren, die­se auch erhal­ten hat­ten.

Drohung mit Geldstrafen

Pre­mier­mi­nis­ter Boris John­son hat die voll­stän­di­ge Wie­der­eröff­nung der Schu­len als einen „abso­lut lebens­wich­ti­gen“ Schritt für die Über­win­dung der Abrie­ge­lung des Lan­des bezeich­net. Die Regie­rung hat mit der Ver­hän­gung von Geld­stra­fen gedroht, falls die Kin­der nicht in die Klas­sen­zim­mer zurück­keh­ren. In einem von 250 Kin­der- und Jugend­psych­ia­te­rIn­nen unter­zeich­ne­ten Schrei­ben appel­lie­ren sie an die Regie­rung, die Geld­stra­fen fal­len zu las­sen, und argu­men­tie­ren: „Dies könn­te schwer­wie­gen­de Fol­gen für ihre psy­chi­sche Gesund­heit haben, vor allem, wenn sie um die Behü­tung durch die Fami­lie besorgt sind. Buß­gel­der könn­ten die Fami­li­en finan­zi­ell stär­ker belas­ten, da wir uns in einer Rezes­si­on befin­den, was die psy­chi­sche Gesund­heit von Kin­dern und Eltern ernst­haft beein­träch­ti­gen könn­te.“

Die von John­son geäu­ßer­te Besorg­nis über die Prio­ri­tät, dass Kin­der „zur Über­brü­ckung der Ungleich­heit“ wie­der in die Schu­le gehen soll­ten, klingt noch hoh­ler, nach­dem die Regie­rung in den Som­mer­fe­ri­en die kos­ten­lo­se Schul­spei­sung gestri­chen und die Abitur­er­geb­nis­se der staat­li­chen Schü­le­rIn­nen her­ab­ge­stuft hat. Die gesam­te Stoß­rich­tung die­ser Poli­tik ist dar­auf aus­ge­rich­tet, die Eltern wie­der an den Arbeits­platz zu brin­gen, nicht auf Gesund­heit und Sicher­heit.

Star­mer erwies sich auch als ein laut­star­ker Ein­peit­scher für das Groß­ka­pi­tal wäh­rend der Sper­ren und setz­te sich vehe­ment dafür ein, dass die Schu­len gegen den Rat der Leh­re­rIn­nen im Juni wie­der geöff­net wer­den. Die dama­li­ge Schat­ten­bil­dungs­mi­nis­te­rin Rebec­ca Long-Bai­ley schloss sich dem Sicher­heit-geht-vor-Ansatz der Leh­re­rIn­nen­ge­werk­schaf­ten an und wur­de dar­auf­hin von Star­mer unter einem faden­schei­ni­gen Vor­wand ent­las­sen. Die Labour-Füh­rung wei­ger­te sich, die For­de­run­gen der Gewerk­schaf­ten nach dem Tra­gen von Mas­ken in den Schu­len zu unter­stüt­zen, aber als die Regie­rung die Pres­se dar­über infor­mier­te, dass eine Kehrt­wen­de bevor­steht, änder­te die neue Schat­ten­bil­dungs­mi­nis­te­rin Kate Green rasch ihre Hal­tung. Die Labour-Par­tei hat Leh­re­rIn­nen und Schü­le­rIn­nen bei der siche­ren Rück­kehr in die Schu­len im Stich gelas­sen.

Widerstand organisieren

Eltern, Schü­le­rIn­nen und die Bil­dungs­ge­werk­schaf­ten soll­ten sich gemein­sam orga­ni­sie­ren, um Gesund­heits- und Sicher­heits­in­spek­tio­nen und Maß­nah­men zur Gewähr­leis­tung der Sicher­heit in Schu­len zu kon­trol­lie­ren. Risi­ko­be­ur­tei­lun­gen soll­ten indi­vi­du­ell gestal­tet und in Abspra­che mit den Gewerk­schaf­ten regel­mä­ßig aktua­li­siert wer­den. Wir brau­chen eine dras­ti­sche Redu­zie­rung der Klas­sen­grö­ßen, um phy­si­sche Distanz und einen ver­bes­ser­ten Unter­richt zu erleich­tern. Regel­mä­ßi­ge Tests sind uner­läss­lich, um Aus­brü­che zu erken­nen und die Aus­brei­tung des Virus zu ver­hin­dern, und wir müs­sen wei­ter­hin Tests auf Wunsch for­dern. Grund­sätz­lich soll­ten sich Eltern, Schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen orga­ni­sie­ren, um Schu­len zu schlie­ßen, in denen ihre Sicher­heits­be­den­ken nicht berück­sich­tigt wer­den. Bil­dungs­ge­werk­schaf­ten müs­sen bereit sein, Mit­glie­der zu unter­stüt­zen, die sich wei­gern, unter unsi­che­ren Bedin­gun­gen zu arbei­ten.

Die Sozia­lis­tIn­nen in den Gewerk­schaf­ten und der Labour-Par­tei soll­ten sich für einen öffent­li­chen Ansatz bei einer all­ge­mei­nen Gesund­heits­kri­se ein­set­zen. Sie soll­ten die For­de­rung nach einer Ver­län­ge­rung des Beur­lau­bungs- und Räu­mungs­ver­bo­tes, den Erlass der Miet­schul­den, die Kon­trol­le der Arbei­te­rIn­nen über die Arbeits­be­din­gun­gen und kei­ne Geld­stra­fen für besorg­te Betreue­rIn­nen und Eltern unter­stüt­zen. Unse­re Gemein­den brau­chen kei­ne gefähr­lich ver­früh­te Rück­kehr zum Unter­richt von Ange­sicht zu Ange­sicht ohne ange­mes­se­ne Sicher­heits­maß­nah­men. Sie brau­chen eine natio­nal koor­di­nier­te Reak­ti­on auf das SARS-CoV-2-Virus, die die Men­schen vor den Pro­fit stellt.

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